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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 128
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Dreißigstes Kapitel

Ein Bürger, der in einer Republik durch sein Ansehen etwas Gutes ausrichten will, muß erst den Neid überwinden. – Wie man beim Anrücken des Feindes die Verteidigung einer Stadt einzurichten hat.

Als der römische Senat erfuhr, daß in ganz Etrurien ein neues Heer gegen Rom ausgehoben wurde und daß die Latiner und Herniker, bisher Freunde des römischen Volkes, auf die Seite der Volsker, der Erbfeinde Roms, getreten waren, sah er einen gefährlichen Krieg voraus. Da nun Camillus Tribun mit konsularischer Gewalt war, glaubte er ohne Ernennung eines Diktators auszukommen, wenn nur die andern Tribunen, seine Amtsgenossen, ihm die Leitung des Krieges anvertrauen wollten. Nec quicquam, sagt Livius, de maiestate sua detractum credebant, quod maiestate eius concessissent. VI, 6 (386 v. Chr.) (Sie glaubten ihrer Würde nichts zu vergeben, was sie seiner Würde einräumten.) Camillus nahm also diese Unterordnung an und befahl, drei Heere aufzustellen. Mit dem ersten wollte er selbst gegen die Etrusker ziehen; das zweite unter Quintus Servilius sollte in der Nähe Roms bleiben, um den Latinern und Hernikern entgegenzutreten, wenn sie sich rührten, das dritte unter Lucius Quinctius sollte für alle Fälle die Stadt decken und die Tore und die Kurie verteidigen. Schließlich befahl er, daß Lucius Horatius, einer seiner Amtsgenossen, für Waffen und Getreide und andre Kriegserfordernisse sorgen sollte, und dem Servius Cornelius, ebenfalls einem Amtsgenossen, gab er den Vorsitz im Senat und im öffentlichen Rat, um den Gang der täglichen Geschäfte zu leiten. In dieser Weise waren damals die Tribunen bereit, zum Heil des Vaterlandes zu befehlen und zu gehorchen.

Man ersieht daraus, wie ein guter und weiser Mann handelt, wieviel Gutes er stiften und wieviel Nutzen er seinem Vaterlande bringen kann, wenn er durch seine Tugend und Tüchtigkeit den Neid besiegt hat. Denn dieser ist oft der Ausführung des Guten hinderlich, da er den Besten die Gewalt vorenthält, die in wichtigen Dingen vonnöten ist. Dieser Neid wird auf zweierlei Art besiegt. Erstens durch ein schweres, schlimmes Ereignis, wo jeder, seinen Untergang vor Augen, allen Ehrgeiz beiseite setzt und willig dem gehorcht, von dem er glaubt, daß er ihn durch seine Tüchtigkeit retten wird. Das war bei Camillus der Fall. Er hatte so viele Proben seiner Tüchtigkeit abgelegt, war dreimal Diktator gewesen und hatte dies Amt stets zum allgemeinen Besten, nicht zum eignen Vorteil versehen, so daß man seine Größe nicht fürchtete und es nicht für schimpflich hielt, sich einem so großen und berühmten Mann unterzuordnen. Livius gebraucht daher auch weislich die Worte: Nec quicquam usw.

Zweitens wird der Neid besiegt, wenn die Männer, die deine Nebenbuhler um Ansehen und Größe waren, eines natürlichen oder gewaltsamen Todes sterben. Denn solange sie dich in höherem Ansehen als sich selbst sehen, können sie sich unmöglich ruhig verhalten und Geduld üben. Sind es Bürger einer verderbten Republik, die keine gute Erziehung gehabt haben, so kann kein Ereignis sie dahin bringen, daß sie jemals zurücktreten. Um ihren Willen zu haben und ihren ungesunden Ehrgeiz zu befriedigen, würden sie ruhig den Untergang ihres Vaterlandes mit ansehen. Um diesen Neid zu besiegen, gibt es kein andres Mittel als den Tod der Neider. Will das Glück dem verdienstvollen Manne so wohl, daß sie eines natürlichen Todes sterben, so wird er ohne Ärgernis berühmt, denn er kann dann ungehindert seine Tüchtigkeit zeigen, ohne jemand ein Leid zu tun. Hat er aber dies Glück nicht, so muß er sie auf alle Weise aus dem Wege zu räumen suchen, und ehe er irgend etwas unternimmt, Maßregeln zur Beseitigung dieses Hindernisses treffen.

Wer die Bibel mit Verstand liest, wird sehen, daß Moses, um seinen Gesetzen und Einrichtungen Geltung zu verschaffen, viele Menschen töten mußte, die sich bloß aus Neid seinen Plänen widersetzten. Diese Notwendigkeit erkannten Bruder Girolamo Savonarola S. Lebenslauf, 1494. und Piero Soderini, S. Lebenslauf, 1502, sowie Buch III, Kap. 3 und 9. der Gonfalonier von Florenz, sehr wohl. Der Mönch war ihr nicht gewachsen, weil er keine Gewalt zur Ausführung besaß und seine Anhänger, die sie besaßen, ihn nicht recht verstanden. Gleichwohl ließ er es an sich nicht fehlen, denn seine Predigten sind voller Anklagen und Ausfälle gegen die Weisen der Welt, wie er die Neider und Gegner seiner Einrichtungen nannte. Soderini glaubte, mit der Zeit durch Güte, durch sein Glück, durch Wohltaten gegen einzelne den Neid zu besiegen. Er war noch jung und sah sich mit so viel neuer Gunst überhäuft, die ihm sein Benehmen erwarb, daß er alle, die sich ihm aus Neid widersetzten, ohne Ärgernis, Gewalttaten und Unruhen zu überwinden glaubte. Er wußte nicht, daß sich die Zeit nicht abwarten läßt, daß Güte nicht hinreicht, daß das Glück wechselt und daß die Bosheit durch keine Wohltat versöhnt wird. So gingen beide unter, und zwar aus dem Grunde, weil sie es nicht verstanden oder nicht die Macht hatten, den Neid zu besiegen.

Das zweite Bemerkenswerte sind die Anordnungen, die Camillus zur Rettung Roms nach innen und außen traf. Fürwahr, nicht grundlos haben gute Geschichtsschreiber wie Livius Auch Polybios I, 35, 6. gewisse Vorfälle ausführlich und deutlich beschrieben, damit die Nachwelt daraus lerne, wie man sich in ähnlichen Fällen zu verhalten habe. Und zwar ist hier zu bemerken, daß keine Verteidigung gefährlicher und nutzloser ist als eine, die regellos und ohne Ordnung stattfindet. Das zeigt das dritte Heer, das Camillus zur Besatzung Roms aufstellte. Viele würden diese Maßregel für überflüssig gehalten haben und noch halten. Da das Volk gewöhnlich unter den Waffen und kriegerisch war, hätte man vielleicht kein besonderes Heer aufzustellen brauchen, sondern es hätte genügt, das Volk im Bedarfsfall zu bewaffnen. Camillus aber und jeder ebenso Einsichtige urteilte anders und erlaubte nicht, daß die Menge ohne bestimmte Ordnung und Einrichtung zu den Waffen griff. Nach diesem Beispiel muß also jeder, der den Schutz einer Stadt übernommen hat, sich vor der Klippe hüten, die Einwohner in ungeordneter Weise unter die Waffen zu rufen. Vielmehr muß er die, welche die Waffen führen sollen, ausgewählt und eingeschrieben haben; er muß bestimmen, wem sie zu gehorchen, wo sie sich zu versammeln und wohin sie zu gehen haben. Allen andern muß er befehlen, in ihren Häusern zu bleiben und diese zu bewachen. Wer in einer belagerten Stadt diese Anordnungen trifft, wird sie leicht verteidigen können. Wer anders handelt, ahmt den Camillus nicht nach und wird sie nicht verteidigen.

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