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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 125
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie man in einer Stadt die Eintracht wiederherstellen soll, und daß die Ansicht falsch ist, um sich im Besitz einer Stadt zu behaupten, müsse man sie in Uneinigkeit halten.

Aus dem Beispiel der römischen Konsuln, die die Ardeaten miteinander aussöhnten, ersieht man, wie man die Eintracht einer Stadt wiederherstellen muß. Da kann nichts andres helfen, als die Häupter des Aufruhrs hinzurichten. Es gibt überhaupt nur drei Mittel: sie zu töten, wie es die Römer taten, sie aus der Stadt zu entfernen, oder sie Frieden schließen zu lassen, mit der Bedingung, sich nicht weiter zu beleidigen. Von diesen drei Mitteln ist das letzte das schädlichste, unsicherste und nutzloseste. Denn wo bereits viel Blut geflossen oder andre Gewalttätigkeiten begangen sind, kann ein erzwungener Friede unmöglich von Dauer sein, wenn die Parteien sich täglich wieder zu Gesicht bekommen. Schwerlich werden sie sich gegenseitiger Beleidigungen enthalten, da im täglichen Umgang neue Streitigkeiten entstehen können. Pistoja liefert das beste Beispiel dafür.

Diese Stadt war vor fünfzehn Jahren, wie noch jetzt, in die Parteien der Panciatichi und Cancellieri gespalten, S. Lebenslauf, 1501 und 1502. nur daß sie damals noch die Waffen in der Hand hatte und sie jetzt niedergelegt hat. Nach vielem Gezänk kam es zu Blutvergießen, zur Zerstörung der Häuser, zu Plünderungen und zu aller Art Feindseligkeiten. Die Florentiner, die den Streit beizulegen hatten, wandten immer das dritte Mittel an, und immer entstanden daraus noch größere Unruhen und noch ärgere Auftritte, bis sie es endlich satt hatten und zu dem zweiten Mittel griffen, die Häupter der Parteien zu entfernen. Sie warfen einige ins Gefängnis und verbannten andre nach verschiedenen Orten, so daß der geschlossene Vergleich Bestand haben konnte und noch heute besteht. Noch sicherer aber wäre zweifellos das erste Mittel gewesen.

Da jedoch in solchen Maßregeln etwas Großes und Gewaltiges liegt, so rafft sich eine schwache Republik nicht dazu auf, ja sie ist so weit davon entfernt, daß sie sich mit genauer Not zum zweiten Mittel entschließt. Solche Fehler begehen, wie ich zu Anfang sagte, die Fürsten unsrer Zeit, wenn sie über große Dinge zu entscheiden haben! Sie sollten lieber zusehen, wie man sich in ähnlichen Fällen in alter Zeit benommen hat. Aber bei der Schwäche der jetzigen Menschen, die nur die Folge ihrer schwächlichen Erziehung ist, und bei ihrer Unkenntnis halten sie die Maßregeln der Alten für unmenschlich und unausführbar. Einige dieser modernen Ansichten widersprechen völlig der Wahrheit, wie die, welche die klugen Köpfe unsrer Stadt vor einiger Zeit im Munde führten, man müsse Pistoja durch die Parteien und Pisa durch die Festungen behaupten. Sie sehen nicht ein, wie unnütz beides ist.

Ich will die Festungen beiseite lassen, da ich oben ausführlich davon sprach, Vgl. Buch II, Kap. 24. und nur die Nutzlosigkeit der Maßregel erörtern, die Städte, die man unter seiner Herrschaft hat, in Uneinigkeit zu erhalten. Erstens ist es unmöglich, mag man nun ein Fürst oder eine Republik sein, sich beide Parteien wohlgesinnt zu erhalten. Denn die Menschen ergreifen von Natur Partei, sobald ein Zwiespalt entsteht, und halten es mehr mit der einen als mit der andern. Ist also ein Teil der Stadt unzufrieden, so verliert man sie beim ersten Kriege, denn es ist unmöglich, eine Stadt zu behaupten, die innere und äußere Feinde hat. Ist der herrschende Staat eine Republik, so gibt es kein besseres Mittel, ihre eignen Bürger zu verderben und Zwiespalt in den Staat zu tragen, als eine uneinige Stadt unter sich zu haben. Denn jede Partei in der letzteren sucht sich in der Hauptstadt Gönner und macht sich durch verschiedene Bestechungsmittel Freunde. Daraus entstehen zwei sehr große Übelstände. Erstens wird man sich jene Stadt nie zum Freunde machen, denn bei dem häufigen Wechsel der Regierung hat bald diese, bald jene Gesinnung die Oberhand, man vermag sie also nie gut zu regieren, und zweitens greift die Parteileidenschaft auf die eigne Stadt über.

Biondo Flavio Biondo (1388-1463), berühmter Archäologe und Historiker, schrieb u. a. »Historiarum ab inclinatione Romanorum decades« nach dem Vorbild des Livius (bis etwa 1452). bestätigt dies, wenn er von Florenz und Pistoja sagt: »Während Florenz in Pistoja die Einigkeit herstellen wollte, spaltete es sich selbst.« Daraus ergibt sich leicht, welches Übel aus solchen Spaltungen entstehen kann! Als im Jahre 1502 Arezzo, das ganze Tiber- und Chianatal verloren ging, weil es von den Vitelli und dem Herzog von Valentinois Cäsar Borgia. S. Lebenslauf, 1502, und Buch I, Kap. 38. Der dort erwähnte Imbault, dem sich Arezzo ergab, wurde bald durch de Lanques abgelöst, von dem Machiavelli die Auslieferung der abgefallenen Städte an Florenz erwirkte. besetzt wurde, sandte der König von Frankreich einen Herrn de Lanques, um Florenz alle diese verlorenen Städte wieder zu verschaffen. Als nun de Lanques in jedem Kastell Leute fand, die sich zur Partei des Marzocco Der Marzocco (Löwe) war das Wappen von Florenz. bekannten, tadelte er diesen Zwiespalt sehr und sagte, wenn in Frankreich ein Untertan sagte, daß er zur Partei des Königs gehöre, würde er bestraft, denn dieser Ausdruck könne nichts andres bedeuten, als daß es in dieser Stadt auch Feinde des Königs gäbe; der König aber wolle, daß alle seine Städte wohlgesinnt, einig und ohne Parteien seien.

Alle diese Mittel aber und alle diese wahrheitswidrigen Ansichten entstehen aus der Schwäche der Regierenden, die sich aus Unvermögen, ihre Staaten durch Kraft und Gewalt zu behaupten, mit solchen Kunstgriffen behelfen. Sie mögen in ruhigen Zeiten manchmal etwas nützen, sobald aber Mißgeschick und schwere Zeiten kommen, stellt sich ihre Hinfälligkeit heraus.

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