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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 123
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Von der Armut des Cincinnatus und vieler Römer.

Wir haben andernorts gesagt, wie nützlich es in einem Freistaat ist, die Bürger arm zu erhalten. Es ist zwar recht klar, durch welche Einrichtung dies in Rom geschah, zumal das Ackergesetz so großen Widerstand fand, aber die Erfahrung zeigte doch, daß noch 400 Jahre nach der Gründung Roms die größte Armut herrschte. Vermutlich trug keine besondere Anordnung dazu bei, sondern die Erkenntnis, daß Armut keinem den Weg zu Amt und Würden versperrte und daß man das Verdienst aufsuchte, unter welchem Dach es auch wohnte. Das macht den Reichtum weniger begehrenswert, wie man deutlich aus folgendem Beispiel ersieht.

Als der Konsul Minucius mit dem Heer von den Aequern eingeschlossen war und Rom fürchtete, das Heer möchte verlorengehen, schritt es in seiner Bedrängnis zu dem letzten Mittel, der Ernennung eines Diktators. Die Wahl fiel auf Lucius Quinctius Cincinnatus, der sich damals auf seinem kleinen Landgut aufhielt, das er mit eigner Hand bebaute. Livius preist dies mit den goldnen Worten: Operae pretium est audire, qul omnia prae divittis humana spernunt, neque honori magno locum neque virtuti putant esse, nisi effuse affluant opes. III, 26 (458 v. Chr.) (Es ist der Mühe wert, daß die aufmerken, welche alles, was der Mensch besitzen kann, gegen den Reichtum verachten und meinen, für große Ehre und Tugend sei nur da der Ort, wo Schätze reichlich zusammenströmen.) Cincinnatus pflügte gerade seinen Acker, der nicht über vier Morgen groß war, als die Abgesandten des Senats zu ihm kamen, um ihm zu sagen, daß er zum Diktator ernannt sei und daß Rom in großer Gefahr schwebe. Er nahm seine Toga, ging nach Rom, sammelte ein Heer und zog dem Minucius zu Hilfe. Als er die Feinde geschlagen, ihr Lager geplündert und den Minucius befreit hatte, wollte er nicht, daß das eingeschlossene Heer an der Beute teilnehme, und sagte zu ihm: »Ihr solltet nicht an der Beute derer teilhaben, deren Beute ihr selbst fast geworden wäret.« Den Konsul Minucius setzte er ab und machte ihn zum Legaten mit den Worten: »Du wirst so lange Legat bleiben, bis du gelernt hast, Konsul zu sein.« Zu seinem Reiterobersten hatte er den Lucius Tarquitius ernannt, der aus Armut zu Fuß diente. Ebd. 29, 26. Man sieht hieraus, welche Ehre man in Rom der Armut erwies, und daß vier Morgen Acker zum Unterhalt eines so tapferen und tüchtigen Mannes wie Cincinnatus genügten! Diese Armut herrschte noch zur Zeit des Marcus Regulus. Denn als er mit dem Heere in Afrika stand, 255 v. Chr. Vgl. Livius XVIII. bat er den Senat um Erlaubnis zur Heimkehr, um sein Landgut zu bestellen, das ihm von seinen Arbeitern verdorben worden war.

Hier zeigen sich zwei sehr merkwürdige Dinge. Erstens die Armut und die Zufriedenheit dabei, und wie sich die Bürger mit der Ehre begnügten und den Gewinn ganz dem Staat überließen. Denn hätte Regulus daran gedacht, sich im Kriege zu bereichern, so hätte ihn die Vernachlässigung seines Landgutes wenig gekümmert. Das zweite ist die Seelengröße dieser Bürger; denn an der Spitze der Heere dünkten sie sich über jeden Fürsten erhaben, sie achteten keinen König, keine Republik, ließen sich durch nichts einschüchtern noch erschrecken, und hernach kehrten sie ins Privatleben zurück, wurden sparsam und bescheiden, verwalteten ihr kleines Vermögen, waren gehorsam gegen die Obrigkeit und ehrerbietig gegen ihre Vorgesetzten. Fast unbegreiflich erscheint es, wie eines Menschen Seele solchen Wechsel ertragen konnte.

Diese Armut währte bis zur Zeit des Aemilius Paullus, Vgl. Cicero, De officiis, II, 22. die sozusagen die letzte glückliche Zeit der Republik war, wo ein Bürger, der Rom durch seine Triumphe bereicherte, selbst arm blieb. Ja, so hoch schätzte man damals noch die Armut, daß Paullus, als er Auszeichnungen für Kriegsverdienste verteilte, seinem Schwiegersohn eine silberne Schale gab, das erste Silber in seinem Hause. Vieles könnte ich zum Beweis dafür anführen, wieviel bessere Früchte Armut als Reichtum trägt und wie die Armut die Städte, Länder und Religionen zu Ehren gebracht, aber Reichtum sie zugrunde gerichtet hat. Doch darüber haben sich schon viele andre ausgelassen. Vermutlich Plutarch, »Aristides und Cato«, IV, vielleicht auch Valerius Maximus, IV, 4.

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