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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 119
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Woher es kam, daß Hannibal bei ganz verschiedener Handlungsweise die gleichen Erfolge in Italien hatte wie Scipio in Spanien.

Man könnte sich wohl darüber wundern, daß mancher Feldherr auf ganz entgegengesetzten Wegen das gleiche erreicht hat wie jene, die auf die oben beschriebene Weise verfuhren. Die Ursache der Siege scheint also nicht in diesem Verfahren zu liegen, und dieses scheint weder mehr Macht noch mehr Glück zu verleihen, da man ja auch auf die entgegengesetzte Weise zu Ruhm und Ansehen gelangen kann. Um bei den obengenannten Männern stehenzubleiben, wiederhole ich, um meine Ansicht recht deutlich zu machen: Als Scipio nach Spanien kam, erwarb er sich durch seine Menschlichkeit und Milde sofort die Freundschaft des Landes und wurde von den Völkern angebetet und bewundert. Als dagegen Hannibal in Italien eindrang, erreichte er durch völlig entgegengesetzte Mittel, durch Gewalttätigkeit, Grausamkeit, Räubereien und Treulosigkeiten aller Art dasselbe wie Scipio in Spanien, denn bei seinem Erscheinen erhoben sich alle Städte Italiens und alle Völker hingen ihm an.

Überlegt man, woher dies wohl kommen konnte, so finden sich mehrere Gründe. Erstens sind die Menschen neuerungssüchtig, und gerade die, denen es gut geht, wünschen ebensosehr eine Veränderung wie die, denen es schlecht geht. Denn wie ich schon früher sagte und wie es durchaus zutrifft, werden die Menschen im Glück übermütig und im Unglück verzagt. Dies Verlangen nach Neuerungen öffnet also jedem die Tore, der sich in einem Lande an die Spitze einer Neuerung stellt. Ist es ein Fremder, so strömt ihm alles zu. Ist es ein Einheimischer, so hängt man sich ihm an, stärkt und begünstigt ihn. Er mag also auftreten wie er will, er wird an solchen Orten stets große Fortschritte machen. Zudem werden die Menschen von zwei Haupttrieben beherrscht, von Liebe und Furcht. Man erlangt also die gleiche Gewalt über sie, ob man nun ihre Liebe gewinnt oder ihnen Furcht einflößt. Ja meistenteils findet der, welcher Furcht erregt, mehr Folgsamkeit und Gehorsam als der, welcher Liebe erweckt. Deshalb kommt es bei einem Feldherrn wenig darauf an, welchen von beiden Wegen er einschlägt, wenn er nur tapfer ist und seine Tapferkeit ihm Ansehen in der Welt verschafft. Ist seine Tapferkeit groß, wie bei Scipio und Hannibal, so löscht sie alle Fehler aus, die er begeht, um sich beliebt zu machen oder zu viel Furcht einzuflößen. Beides kann nämlich große Nachteile haben und einen Fürsten wohl zugrunde richten. Denn wer sich zu beliebt zu machen sucht, wird bei der geringsten Übertreibung verächtlich, und wer zu sehr danach strebt, gefürchtet zu werden, macht sich, wenn er irgend zu weit geht, verhaßt. Die rechte Mittelstraße einzuhalten aber ist gegen unsre Natur. Man muß also das Übermaß durch ausnehmende Tüchtigkeit wieder ausgleichen, wie es Hannibal und Scipio taten. Dennoch war beiden ihr Verfahren ebenso schädlich, wie sie es groß gemacht hatte. Wie sie es emporhob, ist schon gesagt worden. Der Nachteil, der den Scipio traf, war, daß sich seine Soldaten in Spanien mit einem Teil seiner Verbündeten empörten, was nur daher kam, daß sie keine Furcht vor ihm hatten. Denn die Menschen sind so unruhig, daß sie bei der geringsten Aussicht, die sich ihrem Ehrgeiz eröffnet, sofort alle Liebe vergessen, die sie einem Fürsten wegen seiner Güte zugewandt hatten, wie es bei Scipios Soldaten und Verbündeten geschah. Und so mußte Scipio, um diesem Übel zu steuern, einen Teil der Härte brauchen, die er immer gemieden hatte.

Bei Hannibal findet man kein besonderes Beispiel dafür, daß ihm seine Grausamkeit und Treulosigkeit geschadet hätte. Doch kann man wohl annehmen, daß Neapel und viele andre Städte aus Furcht davor den Römern treu blieben. Wenigstens sieht man so viel, daß seine ruchlose Handlungsweise ihn den Römern verhaßter machte als irgendeinen andern Feind. Denn während sie dem Pyrrhus, der mit seinem Heer in Italien stand, den anzeigten, der ihn vergiften wollte, S. Buch III, Kap. 20. verziehen sie selbst dem wehrlosen, flüchtigen Hannibal nicht und verfolgten ihn bis zum Tode. Diesen Nachteil zog sich Hannibal also dadurch zu, daß er für ruchlos, treulos und grausam gehalten wurde; aber es entsprang ihm daraus auch ein sehr großer, von allen Schriftstellern bewunderter Vorteil, daß in seinem, aus mannigfachen Völkerschaften zusammengesetzten Heere nie ein Zwiespalt noch eine Auflehnung gegen den Feldherrn entstand. Dies konnte nur von dem Schrecken kommen, der von seiner Person ausging und der im Verein mit der Achtung, die ihm seine Tapferkeit eintrug, Eintracht und Gehorsam bei seinen Soldaten aufrechterhielt. Nach Polybios, XI, 19, 4.

Ich ziehe also den Schluß, daß es nicht so sehr darauf ankommt, wie ein Feldherr auftritt, wenn er nur sehr tapfer ist und Strenge wie Milde recht zu gebrauchen weiß. Denn wie gesagt, sind Mängel und Gefahren bei beidem, wenn sie nicht durch ausnehmende Tüchtigkeit wettgemacht werden. Wie aber Hannibal und Scipio, der eine durch löbliche, der andre durch abscheuliche Taten das gleiche erreichten, so erwarben zwei römische Bürger auf verschiedene, doch löbliche Weise den gleichen Ruhm, was ich gleichfalls erörtern möchte.

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