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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 116
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Achtzehntes Kapitel

Nichts bringt einem Feldherrn mehr Ehre, als die Pläne des Feindes zu durchschauen.

Epaminondas sagte, Vielmehr Chabrias. Vgl. Plutarch, Moralia, 187 a, Stobäus, Florilegium, ed. Meinecke, II, 329, Nr. 353. Ebenso Thukydides, II, 9, und Polybios, III, 84, 10 nichts sei für einen Feldherrn nötiger und nützlicher als die Pläne und Entschlüsse des Feindes zu kennen. Und da dies schwer ist, verdient der um so mehr Lob, der sie zu erraten versteht. Oft aber sind die Pläne des Feindes leichter zu durchschauen als das, was er tut, und zwar nicht das, was er in der Ferne tut, sondern im Augenblick und in der Nähe. Denn es ist oft vorgekommen, daß eine Schlacht bis zur Nacht währte und der Sieger sie verloren, der Besiegte aber gewonnen zu haben glaubte. Ja, dieser Irrtum hat manchen Feldherrn schon zu unheilvollen Entschlüssen verleitet. So erging es dem Brutus und Cassius, die dadurch den Krieg verloren. Als nämlich Brutus mit seinem Flügel gesiegt hatte, aber Cassius glaubte, er sei unterlegen und das ganze Heer geschlagen, verzweifelte er in diesem Irrtum am Schicksal und nahm sich selber das Leben. Bei Philippi, 42 v. Chr.

Als in unsrer Zeit in der Schlacht bei Santa Cecilia Schlacht bei Marignano (1515). zwischen Franz I. und den Schweizern die Nacht hereinbrach, glaubte der Teil der Schweizer, der noch nicht im Gefecht gewesen war, sie hätten gesiegt, weil sie von den Geschlagenen und Gefallenen nichts wußten. Infolge dieses Irrtums dachten sie nicht an ihre Rettung, sondern warteten den Morgen ab, um zu ihrem großen Schaden den Kampf zu erneuern. Ja, sie verleiteten dadurch das päpstliche und spanische Heer zum gleichen Irrtum und bereiteten beiden fast den Untergang, denn beide gingen auf die falsche Siegesnachricht hin über den Po und wären, wenn sie zu weit vorgerückt wären, den siegreichen Franzosen in die Hände gefallen.

Ein ähnlicher Irrtum fiel im Lager der Römer und Aequer vor. Livius IV, 38 ff. (423 v. Chr.) Der Konsul Sempronius, der dem Feind gegenüberstand, hatte die Schlacht begonnen, und sie zog sich mit wechselndem Glück bis zum Abend hin. Mit Einbruch der Nacht kehrte keins der halbgeschlagenen Heere in sein Lager zurück, sondern jedes besetzte die nächsten Anhöhen, wo es sicher zu sein glaubte. Das römische Heer teilte sich, und der eine Teil folgte dem Konsul, der andre dem Centurio Tempanius, dessen Tapferkeit die Römer an diesem Tage vor dem Untergange gerettet hatte. Als der Morgen anbrach, rückte der Konsul, ohne weiter etwas vom Feinde zu hören, nach Rom ab, und das Heer der Aequer marschierte gleichfalls nach Hause. Da beide Teile glaubten, der Feind habe gesiegt, zogen sich beide zurück, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr Lager dem Feinde zur Beute fiel. Auf dem Rückmarsch erfuhr Tempanius, der mit dem Rest des römischen Heeres abrückte, von einigen verwundeten Aequern, ihre Anführer seien abgezogen und hätten das Lager im Stich gelassen. Auf diese Nachricht kehrte er um und rettete das römische Lager, plünderte das aequische und kehrte als Sieger nach Rom zurück. Wie man sieht, hing dieser Sieg allein davon ab, wer zuerst die Verwirrung des Feindes erfuhr. Auf diese Weise kann es häufig vorkommen, daß zwei einander gegenüberstehende Heere sich in der gleichen Verwirrung befinden und die gleiche Not leiden, und daß der zuletzt Sieger bleibt, der zuerst die Not des andern erfährt. Ich will hierfür ein einheimisches Beispiel aus der neueren Geschichte anführen.

Im Jahre 1498 lagen die Florentiner mit einem starken Heer vor Pisa und bedrängten die Stadt hart. Die Venezianer, die Pisa in ihren Schutz genommen hatten und kein andres Mittel zu seiner Rettung sahen, beschlossen, eine Diversion zu machen und das Florentiner Gebiet von einer andern Seite anzugreifen. Sie drangen also mit einem starken Heere durch das Lamonatal ein, besetzten den Flecken Marradi und belagerten die Burg Castiglione, die weiter oberhalb auf einem Hügel liegt. Auf diese Nachricht beschlossen die Florentiner, Marradi zu Hilfe zu eilen, ohne jedoch ihre Truppen vor Pisa zu schwächen. Sie hoben also frisches Fußvolk und Reiterei aus und schickten sie unter Jacopo IV. von Appiano, dem Herrn von Piombino, und dem Grafen Rinuccio von Marciano dorthin. Als sie auf dem Flügel oberhalb Marradi anlangten, hoben die Venezianer die Belagerung von Castiglione auf und zogen sich sämtlich in den Flecken zurück. Beide Heere blieben sich einige Tage gegenüber stehen und litten an Lebensmitteln und allem sonst Notwendigen Mangel. Da nun keins das andre anzugreifen wagte und keins die Verlegenheit des andern kannte, faßten beide am selben Abend den Entschluß, am nächsten Morgen ihr Lager abzubrechen und sich zurückzuziehen, das venezianische auf Berzighella und Faënza, das florentinische auf Casaglia und den Mugello. Am nächsten Morgen, als beide Lager ihren Troß fortzuschaffen begannen, kam zufällig ein Weib aus Marradi, durch Alter und Armut geschützt, nach dem florentinischen Lager, um einige Verwandte zu besuchen. Von diesem Weibe erfuhren die Führer der Florentiner, daß das venezianische Lager im Aufbruch sei. Diese Nachricht gab ihnen neuen Mut; sie änderten ihren Entschluß, rückten dem Feind nach, als ob sie ihn aus seinem Lager vertrieben hätten, und schrieben nach Florenz, sie hätten ihn in die Flucht geschlagen und den Krieg gewonnen. Dieser Sieg aber kam nur daher, daß sie den Aufbruch des Feindes zuerst erfuhren. Hätten ihn die Venezianer zuerst erfahren, so wäre es den unsrigen ebenso ergangen.

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