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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 114
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
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Sechzehntes Kapitel

Wahres Verdienst sucht man nur in schwierigen Zeiten hervor; in ruhigen Zeiten dagegen werden nicht die Verdienstvollen vorgezogen, sondern die, welche sich auf Reichtum oder Verwandtschaft stützen.

Es war stets so und wird stets so sein, daß die großen und seltenen Männer in den Republiken in Friedenszeiten vernachlässigt werden. Denn infolge des Neides, den sie sich durch den Ruhm ihrer Verdienste zuziehen, wollen viele Bürger ihnen nicht gleichstehen, sondern mehr sein als sie. Bei dem griechischen Geschichtsschreiber Thukydides VI, 9. findet sich hierüber eine bezeichnende Stelle.

Als die Republik Athen im Peloponnesischen Kriege die Oberhand behalten, den Stolz Spartas gebrochen und fast ganz Griechenland unterworfen hatte, war sie so mächtig geworden, daß sie Sizilien erobern wollte. In Athen wurde viel für und gegen diese Unternehmung geredet. Vgl. Buch I, Kap. 53. Alkibiades und einige andre rieten dazu, da sie wenig an das allgemeine Wohl, sondern an ihre eigne Ehre dachten und den Oberbefehl bei dieser Unternehmung zu erhalten hofften. Nikias aber, der angesehenste Mann in Athen, riet ab; und der Hauptgrund, den er in seiner Rede ans Volk dafür anführte, daß es ihm Glauben schenken könne, war der, daß sein Abraten für ihn selbst nicht vorteilhaft sei. Denn er wüßte wohl, daß es im Frieden in Athen viele Bürger gäbe, die ihm den Rang streitig machten, im Kriege aber würde kein Bürger ihm überlegen oder auch nur gleich sein.

Man sieht also in den Republiken die üble Gewohnheit, daß sie hervorragende Männer in ruhigen Zeiten wenig schätzen. Das muß diese in doppelter Hinsicht erbittern, erstens, weil sie sich zurückgesetzt sehen, und zweitens, weil sie unwürdige Leute, die weit unter ihnen stehen, ihnen gleich- oder über sie gestellt sehen. Diese Unart hat in den Republiken viel Unheil angerichtet; denn die Männer, die sich unverdienterweise mißachtet sehen, wissen, daß die ruhigen und gefahrlosen Zeiten die Schuld daran tragen, und geben sich daher alle Mühe, diese Ruhe zu stören, indem sie den Staat zu seinem Schaden in Kriege verwickeln.

Wenn ich nun bedenke, was dagegen zu tun sei, so finde ich zwei Mittel. Das eine ist, die Bürger in Armut zu erhalten, damit sie durch Reichtum ohne Verdienst weder sich noch andre verderben können. Das zweite ist, sich so auf den Krieg einzurichten, daß man stets Krieg führen kann und daher auch stets ausgezeichneter Bürger bedarf. So verfuhr Rom in seinen ersten Zeiten. Da es immer Heere im Felde hielt, so hatten die Tüchtigen stets freie Bahn. Keinem konnte sein verdienter Rang genommen und einem, der ihn nicht verdiente, gegeben werden; denn jeder Mißgriff oder Versuch dieser Art hätte so große Unordnung und Gefahr mit sich gebracht, daß man sofort wieder auf den rechten Weg zurückgekehrt wäre. Die andern Republiken aber, die nicht wie Rom eingerichtet sind und nur dann Krieg führen, wenn die Not sie dazu zwingt, können sich dieses Übelstandes nicht erwehren. Sie verfallen ihm vielmehr immer wieder, und immer wird Unordnung daraus entstehen, wenn ein zurückgesetzter, verdienstvoller Bürger rachsüchtig ist und einiges Ansehen oder Anhang in der Stadt hat. Sogar Rom konnte dies Übel nur eine Zeitlang verhüten. Nachdem es Karthago und den Antiochos besiegt und keinen Krieg mehr zu fürchten hatte, glaubte es seine Heere jedem beliebigen anvertrauen zu können und sah nicht mehr auf die Tüchtigkeit des Feldherrn, sondern auf andre Eigenschaften, die ihn beim Volke beliebt machten. So bewarb sich Aemilius Paulus mehrmals vergebens um das Konsulat und wurde nicht eher Konsul, als bis der Krieg mit Mazedonien ausbrach. Da man diesen für gefährlich hielt, wurde es ihm von der ganzen Stadt einstimmig übertragen.

Als unsre Stadt Florenz nach dem Jahre 1494 Nach der Vertreibung der Medici. S. Lebenslauf, 1494. viele Kriege zu führen hatte und die Florentiner sämtlich ihre Untauglichkeit bewiesen hatten, verfiel die Stadt glücklicherweise auf einen Mann, der zeigte, wie man Heere zu führen hat. Das war Antonio Giacomini. Solange nun die Kriege gefährlich waren, ruhte aller Ehrgeiz der übrigen Bürger, und es fand sich bei der Wahl der Kommissare und Feldherrn kein Mitbewerber. Als aber ein Krieg kam, bei dem nichts zu befürchten, aber viel Ehre und Ansehen zu erwerben war, fanden sich so viele Mitbewerber, daß von den drei Kommissarstellen, die zur Belagerung von Pisa zu besetzen waren, Giacomini nicht eine erhielt. Der Schaden, der daraus dem Staate erwuchs, war zwar nicht deutlich zu sehen, aber doch leicht zu vermuten. Denn das von allen Verteidigungs- und Lebensmitteln entblößte Pisa wäre durch Giacomini derart in die Enge getrieben worden, daß es sich Florenz auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Da es aber von Feldherren belagert wurde, die die Stadt weder zu belagern noch mit Gewalt zu nehmen verstanden, zog sich die Belagerung derart in die Länge, daß Florenz die Übergabe erkaufen mußte, die es hätte erzwingen können. S. Lebenslauf, 1509. Diese Zurücksetzung mußte für Giacomini sehr kränkend sein, und es bedurfte seiner großen Geduld und Güte, um nicht im Untergang der Stadt, wenn er dies vermochte, oder in der Kränkung einzelner Bürger Rache zu suchen. Davor aber muß sich eine Republik hüten, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird.

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