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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 112
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
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Vierzehntes Kapitel

Die Wirkung neuer Erfindungen, die mitten im Kampfe in Erscheinung treten, oder überraschender Ausrufe, die gehört werden.

Welchen Einfluß in Gefechten und Schlachten ein unerwarteter Vorfall hat, der plötzlich gesehen oder gehört wird, zeigt sich in verschiednen Fällen, besonders an folgendem Beispiel. In einer Schlacht zwischen den Römern und Volskern rief Quinctius Livius II, 64 (469 v. Chr.) dem einen wankenden Flügel des Heeres mit lauter Stimme zu, er solle standhalten, denn der andre Flügel habe gesiegt. Durch diese Worte ermutigte er die Seinen, erschreckte den Feind und gewann die Schlacht. Machen solche Ausrufe aber schon auf ein geordnetes Heer großen Eindruck, so erst recht auf ein ungeordnetes, regelloses Heer, denn es wird dadurch wie vom Winde bewegt. Ich will dafür nur ein merkwürdiges Beispiel aus unsrer Zeit anführen.

Die Stadt Perugia war vor einigen Jahren in zwei Parteien, die der Oddi und der Baglioni, gespalten. Die letzteren herrschten, die ersteren waren verbannt. Die Oddi hatten mit Hilfe ihrer Freunde ein Heer zusammengebracht und sich an einem Ort bei Perugia versammelt. Von dort drangen sie mit Hilfe ihrer Anhänger eines Nachts in die Stadt ein und kamen unentdeckt bis zum Marktplatz. Da nun die Stadt an allen Straßenecken durch Ketten gesperrt ist, so ging den Oddischen Leuten ein Mann voraus, der mit einer eisernen Keule die Schlösser sprengte, damit die Pferde hindurch konnten. Er hatte nur noch die letzte Kette, die den Markt sperrte, zu zerschlagen, als Lärm entstand und man zu den Waffen rief. Der Mann mit der Keule konnte wegen der nachdrängenden Menge den Arm nicht zum Schlagen erheben und rief, um sich Raum zu schaffen: »Zurück!« Dieser Ruf ging von Mund zu Mund, worauf die letzten zu fliehen begannen und nach und nach alle andern mit solcher Hast folgten, daß sie sich selbst in die Flucht schlugen. Durch einen so unbedeutenden Vorfall mißlang der ganze Anschlag der Oddi.

Hieraus ersieht man, daß gute Ordnung im Heere nicht sowohl deshalb nötig ist, um geordnet zu fechten, als dafür, daß es nicht durch den geringsten Zufall in Unordnung gerät. Ein zusammengeraffter Volkshaufe ist nur deshalb zum Kriege unbrauchbar, weil jedes Gerücht, jeder Ruf, jeder Lärm ihn erschreckt und in die Flucht treibt. Ein guter Feldherr muß daher unter anderm auch genau bestimmen, wer seine Befehle zu empfangen und weiterzugeben hat. Er muß seinen Soldaten angewöhnen, nur ihren Führern zu glauben, und diese dürfen nur sagen, was er ihnen befohlen hat. Aus der Nichtbefolgung dieser Regel hat man häufig die größten Unordnungen entstehen sehen.

Was die unerwarteten Erscheinungen betrifft, so soll sich jeder Feldherr bemühen, während des Kampfes solche zu veranlassen, die den Seinigen Mut machen und die Feinde entmutigen; denn dies ist einer der wirksamsten Nebenumstände des Sieges. Als Beispiel kann man den römischen Diktator Gajus Sulpicius S. Buch III, Kap. 10. anführen, der in einer Schlacht mit den Galliern alle Troß- und Packknechte im Lager bewaffnete, sie auf Maul- und Lasttiere setzte und ihnen Waffen und Feldzeichen gab, so daß sie wie Reiterei aussahen. So stellte er sie hinter einer Anhöhe auf und befahl ihnen, auf ein gegebenes Zeichen, wenn die Schlacht am heftigsten tobte, hervorzukommen und sich den Feinden zu zeigen. Dies geschah und jagte den Galliern solchen Schrecken ein, daß sie die Schlacht verloren.

Ein guter Feldherr muß also zweierlei tun, erstens den Feind durch solche neuen Erfindungen zu erschrecken suchen, und zweitens darauf gefaßt sein, die Erfindungen des Feindes zu entdecken und zu vereiteln, wie es der König von Indien mit der Semiramis tat. Als diese nämlich sah, daß der König eine große Zahl Elefanten hatte, suchte sie ihn zu erschrecken, indem sie sich den Schein gab, als hätte sie auch eine große Anzahl davon. Zu diesem Zweck ließ sie vielen Kamelen durch Büffel- und Kuhhäute Elefantengestalt geben und stellte sie vor ihr Heer. Da aber der König den Betrug durchschaute, so half er ihr nicht nur nichts, sondern war ihr auch nachteilig. – Als der Diktator Mamercus gegen die Fidenaten im Felde stand, 426 v. Chr. brauchten diese, um das römische Heer zu erschrecken, den Kunstgriff, daß sie mitten in der Hitze des Gefechts eine Anzahl Soldaten mit Feuer auf den Lanzen aus Fidenae hervorbrechen ließen, damit die Römer, durch die Neuheit des Anblicks überrascht, in Verwirrung gerieten.

Hierbei ist zu bemerken, daß solche Erfindungen nur dann in der Nähe gezeigt werden dürfen, wenn sie mehr Wahrheit als Blendwerk sind, denn dann machen sie so viel Eindruck, daß ihre Schwäche sich nicht so leicht herausstellt. Sind sie aber mehr Blendwerk als Wahrheit, so unterläßt man sie lieber ganz oder bleibt doch so weit damit ab, daß sie nicht so leicht entdeckt werden können, wie es Gajus Sulpicius mit seinen Troßknechten tat. Bloßes Blendwerk verrät sich bei der Annäherung sofort und bringt mehr Schaden als Vorteil, wie die Elefanten der Semiramis und die feurigen Lanzen der Fidenaten. Diese machten zwar das Heer anfangs etwas stutzig, als aber der Diktator dazu kam, rief er den Soldaten zu, sie sollten sich schämen, wie die Bienen vor dem Rauche zu fliehen, und wieder Front machen. Suis flammis delete Fidenas, quas vestris beneficiis placare non potuistis! Livius IV, 33. (Mit seinem eigenen Feuer zerstört Fidenae, das ihr durch eure Wohltaten nicht versöhnen konntet!) Da zeigte sich die Nutzlosigkeit dieser Erfindung und die Fidenaten verloren die Schlacht.

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