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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 103
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Wodurch ein König sein ererbtes Reich verliert.

Nachdem Tarquinius Superbus den Servius Tullius getötet hatte, der keine Erben zurückließ, war er im sichern Besitz der Herrschaft und hatte nichts von dem zu befürchten, was seine Vorgänger gestürzt hatte. Die Art, wie er auf den Thron gelangte, war zwar ungesetzlich und verhaßt, trotzdem hätte man ihn ertragen, und Senat und Volk hätten sich nicht gegen ihn empört, noch ihm die Herrschaft entrissen, hätte er die alten Einrichtungen der früheren Könige belassen. Er wurde also nicht deshalb vertrieben, weil sein Sohn Sextus die Lucretia schändete, sondern weil er die Reichsgesetze übertrat und tyrannisch regierte, weil er dem Senat alles Ansehen nahm und es an sich riß, weil er die Geschäfte, die zur Zufriedenheit des Senats an öffentlichen Orten erledigt wurden, in seinem Palast erledigte und dadurch Haß und Neid gegen sich erweckte. Auf diese Weise brachte er Rom binnen kurzem um alle Freiheit, die es unter den früheren Königen behauptet hatte. Aber er ließ es nicht dabei bewenden, sich den Senat zum Feinde zu machen, er brachte auch das Volk gegen sich auf, indem er es mit harter Fronarbeit quälte, die ihm seine Vorgänger nie zugemutet hatten. Indem er so Rom mit Proben von Härte und Hochmut erfüllte, machte er die Herzen aller Römer zum Aufruhr geneigt, und man wartete nur auf eine Gelegenheit. Wäre also auch der Vorfall mit Lucretia nicht eingetreten, so wäre doch bei irgendeinem andern Anlaß das gleiche geschehen. Hätte aber Tarquinius wie die andern Könige regiert und sein Sohn Sextus hätte jenes Verbrechen begangen, so hätten Brutus und Collatinus ihn und nicht das Volk um Rache an Sextus angerufen.

Mögen daraus die Fürsten lernen, daß sie mit der Stunde ihre Herrschaft zu verlieren beginnen, wo sie die Gesetze, die alten Gebräuche und Gewohnheiten zu übertreten anfangen, unter denen das Volk lange gelebt hat. Und wenn sie nach dem Verlust ihrer Herrschaft jemals so klug würden, einzusehen, wie leicht die Erhaltung eines Reiches ist, wenn man sich vernünftig benimmt, so müßte sie der Verlust noch weit mehr schmerzen, und sie selbst müßten sich weit härter bestrafen als andre sie. Denn es ist viel leichter, sich die Liebe der Guten als der Bösen zu erwerben, leichter den Gesetzen zu gehorchen, als über sie herrschen zu wollen. Wollen sie aber wissen, wie sie es anzufangen haben, so brauchen sie sich nur das Leben der guten Fürsten als Spiegel vorzuhalten, z. B. das des Timoleon von Korinth, des Aratos von Sikyon Timoleon, s. Buch I, Kap. 10, Anm. 29. Aratos (um 271-213 v. Chr.) befreite seine Vaterstadt von der Tyrannei, wurde 245 Stratege des Achäischen Bundes, dem er Kraft und Ansehen gab, später auf Anstiften Philipps III. von Mazedonien vergiftet. und andrer mehr. In deren Leben werden sie so viel Sicherheit und Zufriedenheit auf Seiten des Regierenden finden, daß sie Lust bekommen werden, sie nachzuahmen, zumal sie es aus den angeführten Gründen so leicht können. Denn wenn die Menschen gut regiert werden, suchen und verlangen sie keine andere Freiheit, wie das Beispiel der Völker beweist, die von den beiden Genannten regiert wurden. Denn sie zwangen sie, bis an ihr Lebensende ihre Fürsten zu bleiben, obwohl sie mehrmals ins Privatleben zurücktreten wollten.

Da nun in diesem und den zwei vorigen Kapiteln von dem Haß gegen die Fürsten, von der Verschwörung der Söhne des Brutus gegen das Vaterland und von den Anschlägen des Tarquinius Priscus und Servius Tullius die Rede war, so scheint es mir angebracht, im folgenden ausführlich darauf einzugehen, zumal der Gegenstand für Fürsten wie für Privatleute gleich beachtenswert ist.

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