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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 101
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Zur Erhaltung der neuerrungenen Freiheit ist es nötig, die Söhne des Brutus zu töten.

Ebenso nötig wie nützlich war die Strenge des Brutus bei der Erhaltung der Freiheit, die er Rom wiedergegeben hatte. Diese Strenge bietet das in der Geschichte seltene Beispiel, daß ein Vater über seine Söhne zu Gericht sitzt und sie nicht allein verurteilt, sondern auch ihrer Hinrichtung beiwohnt. Wer die alte Geschichte liest, wird stets finden, daß nach einer Staatsumwälzung, sei es, daß eine Republik in eine absolute Monarchie verwandelt wird oder umgekehrt, ein denkwürdiges Exempel an den Feinden der neuen Ordnung stattfinden muß. Wer sich zum Alleinherrscher aufwirft und den Brutus nicht tötet, oder wer einen Freistaat gründet und die Söhne des Brutus nicht hinrichtet, wird sich nicht lange halten. Da ich jedoch diesen Gegenstand oben S. Buch I, Kap. 16. weitläufig erörtert habe, so beziehe ich mich auf das dort Gesagte. Nur ein denkwürdiges Beispiel unserer Tage und aus unserer Geschichte will ich hier anführen.

Piero Soderini S. Lebenslauf, 1502, und Buch III, Kap. 9 und 30. Unter den Söhnen des Brutus sind hier die Anhänger der vertriebenen Medici gemeint. glaubte das Verlangen der Söhne des Brutus nach der Rückkehr der alten Regierung durch Geduld und Güte überwinden zu können, aber er täuschte sich. Obwohl er als kluger Mann jene Notwendigkeit einsah und das Schicksal und der Ehrgeiz seiner Gegner ihm Gelegenheit gab, sie zu vernichten, konnte er sich doch niemals dazu aufraffen. Denn er wähnte nicht nur, die böse Gesinnung durch Geduld und Güte zu ersticken und durch Wohltaten gegen diesen und jenen ihre Feindschaft zu brechen, sondern er war auch der Ansicht und vertraute sie seinen Freunden oft an, daß er zu kraftvollem Durchgreifen und zur Unterdrückung seiner Gegner ungesetzliche Gewalt brauchen und die Gesetze bürgerlicher Gleichheit umstoßen müsse. Das aber hätte, auch wenn er nachher nicht tyrannisch schaltete, die Menge so in Furcht gesetzt, daß sie nach seinem Tode nie mehr einen Gonfalonier auf Lebenszeit gewählt hätte, ein Amt, dessen Erhaltung und Stärkung er für nützlich hielt. Diese Rücksicht war gut und weise, allein man darf niemals einem Übel aus Rücksicht auf etwas Gutes freien Lauf lassen, wenn dies Gute von dem Übel leicht unterdrückt werden kann. Da man seine Handlungen und Absichten nach dem Erfolge zu beurteilen hatte, so mußte er doch glauben, daß er nach kraftvollem Durchgreifen, sofern er am Leben blieb, jeden hätte überzeugen können, daß er alles zum Wohle des Vaterlandes und nichts aus Ehrsucht getan hätte. Auch konnte er Vorkehrungen treffen, daß keiner seiner Nachfolger einen schlimmen Gebrauch von dem machte, was er zum allgemeinen Besten getan hatte. Allein seine erste Meinung betrog ihn, und er sah nicht ein, daß Böswilligkeit durch keine Zeit gedämpft und durch keine Wohltat versöhnt wird. So verlor er dadurch, daß er dem Brutus nicht zu gleichen verstand, Vaterland, Herrschaft und Ehre. So schwer es aber ist, einen Freistaat zu erhalten, so schwer ist es auch, eine Krone zu behaupten, wie im folgenden Kapitel gezeigt werden soll.

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