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Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte

Niccolò Machiavelli: Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte - Kapitel 100
Quellenangabe
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authorNiccolò Machiavelli
titlePolitische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte
publisherWestdeutscher Verlag
editorErwin Faul
year1965
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Wie weise es ist, sich zu rechter Zeit töricht zu stellen.

Nie war ein Mann so klug, noch wurde er wegen einer hervorragenden Handlung für so weise gehalten, wie Junius Brutus wegen seiner gespielten Torheit. Livius gibt zwar nur einen Grund seiner Verstellung an, nämlich den, in Sicherheit zu leben und sich sein Erbe zu erhalten. Betrachtet man jedoch sein ganzes Verhalten, so läßt sich glauben, daß er sich auch verstellte, um weniger beobachtet zu werden, die Könige leichter zu stürzen und sein Vaterland bei der ersten Gelegenheit befreien zu können. Daß dies sein Plan war, ergibt sich erstens aus seiner Auslegung des Delphischen Orakels, als er tat, als ob er fiele, um die Erde zu küssen, in der Meinung, die Götter dadurch seinem Vorhaben günstig zu stimmen. Vgl. Livius I, 56: Zwei Söhne des Königs, bei denen sich Brutus befand, befragten das Delphische Orakel, an welchen von ihnen die Herrschaft fallen würde. Das Orakel antwortete: An den, der zuerst die Mutter küssen wird und zweitens, als er nach dem Tode der Lucretia von Vater, Gatten und andern Verwandten der erste war, der den Dolch aus der Wunde zog und die Umstehenden schwören ließ, künftig nie mehr einen König in Rom zu dulden.

Aus seinem Beispiel müssen alle lernen, die mit ihrem Fürsten unzufrieden sind. Sie müssen zunächst ihre Kräfte wägen und messen, und wenn sie stark genug sind, sich als seine Feinde zu erklären und ihn öffentlich zu bekriegen, diesen Weg als den minder gefährlichen und ehrenvolleren einschlagen. Reichen aber ihre Kräfte zum offenen Kriege nicht aus, so müssen sie sich befleißigen, seine Freundschaft zu erlangen, und zu diesem Zweck alle Wege einschlagen, die ihnen nötig scheinen, sich seinen Neigungen anbequemen und sich an allem ergötzen, was ihm Vergnügen macht. Diese Vertrautheit verschafft dir zunächst Sicherheit, sodann läßt sie dich das Glück des Fürsten ohne alle Gefahr mitgenießen und gibt dir zugleich bequeme Gelegenheit, dein Gelüst zu befriedigen. Allerdings sagen einige, man dürfe den Fürsten nie so nahe stehen, daß ihr Sturz dich mit begraben kann, noch so fern, daß du dich bei ihrem Sturze nicht zeitig genug auf ihren Trümmern erheben kannst, und dieser Mittelweg wäre auch der richtigste, wenn man ihn immer einhalten könnte. Da er mir aber unmöglich scheint, muß man sich zu einem von beiden entschließen, nämlich sich ganz von ihnen fernzuhalten oder sich ihnen eng anzuschließen. Wer anders handelt und ein Mann von Ansehen und Würde ist, schwebt in steter Gefahr. Es hilft ihm nicht zu sagen: ich kümmere mich um nichts, ich verlange weder Ehrenstellen noch Ämter, ich will ruhig und unbehelligt leben. Diese Ausflüchte hört man wohl, aber man läßt sie nicht gelten. Männer von Rang können nicht die Ruhe wählen, selbst wenn sie es ernstlich wollten und keinerlei Ehrgeiz hegten, denn man glaubt es ihnen nicht. Wollten sie also auch in Ruhe leben, so ließen es die andern nicht zu. Man muß sich daher töricht stellen wie Brutus, und man stellt sich töricht genug, wenn man gegen seine eigne Anschauung lobt, spricht, sieht und handelt, um dem Fürsten zu gefallen.

Da wir aber von der Klugheit des Brutus bei der Wiederherstellung der Freiheit Roms gesprochen haben, so wollen wir auch von seiner Strenge bei ihrer Erhaltung reden.

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