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Detlev Freiherr von Liliencron: Poggfred - Kapitel 9
Quellenangabe
typeepos
booktitlePoggfred
authorDetlev von Liliencron
year1923
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Berlin und Leipzig
titlePoggfred
pages3-329
created20040524
sendergerd.bouillon
firstpub1896
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Achter Kantus: Von Stern zu Stern.

Motto:

Noch hat Keiner Gott erflogen,
der vor Gottes Teufeln flüchtet.

Richard Dehmel.

                  Noch immer hat des Winters weißer Tod
Sein Hemd zum Bleichen übers Feld gelegt;
Noch hat sich nicht der Frost, der Behemot,
Der eingekrallt im Flußbett schläft, geregt,
Und eine rettungsleere Stille droht
Mit halber Wimper, lauernd, unbewegt.
    Doch unterm Schnee in Wald und Gartenkrume
    Rühren sich Krokus schon und Osterblume.

O Einsamkeit, violenblauer Friede,
Versiegle meines Hauses Eingangstor,
Daß keiner komme, selbst wenn ich verschiede.
Ich will allein sein, heute wie zuvor;
Ich bin ein armer Lebensinvalide,
Der froh ist, legt er sich aufs letzte Ohr.
    Genug, genug! ich sah nur Haß und Hast,
    Sah untersinken auch den kühnsten Mast.

Da öffnet sich die Türe, und herein
Tritt auf mich zu ein Weib an meinen Tisch.
Sie hält im Arm mein einzig Töchterlein
Und steht errötend, edel, träumerisch.
Das Kind kreischt lustig in den Lampenschein,
Die Mutter lächelt sanft und rosenfrisch.
    Schnell leb ich wieder, denn es kam das Glück,
    Und Mut und Kampflust kehren mir zurück.

Mama, Papa in Sesseln am Kamin,
Wo ein gewaltiger Buchenklotz verbrennt;
Mein Kindchen lass ich tanzen auf den Knien.
Dann meine Taschenuhr: Hör, wie sie rennt,
Paß auf, Tiktak, jetzt läuft sie nach Berlin,
Tiktak, Hurra, potz tausend Element!
    Mein Töchterchen horcht ganz verwundert, und –
    Jetzt soll die Uhr in ihren kleinen Mund.

»Kommst du? Wir wollten dich zum Essen holen;
Errate, was es gibt! Du ißt es gern.«
Wie? Mäuse mit gebratnen Stiefelsohlen?
Ein Kätzchen, hm? garniert mit Nudelstern?
Vielleicht ein Gulasch von Giraffenfohlen?
Rumpsteak vom Fuchs? Gefüllter Gurkenkern?
    »Curry und Reis mit vielem Parmigiano.«
    Il mondo subito va cosi piano.

Die kleine Abel liegt im Bettchen jetzt,
Lacht uns noch einmal an und schlummert ein.
Still haben wir uns an den Tisch gesetzt
Und schlürfen einen leichten Moselwein
Und essen Entenbraten. Und zuletzt
Bringt Bertouch uns die »Krone« noch herein:
    Curry und Reis mit Parmesanerkäse.
    Gebt mirs am Sterbetag und ich genese!

Nun gab die Nacht dem Tag den Schwesterkuß,
Die junge Mutter träumt von unserm Kinde.
Die kleine Abel träumt vom Sirius,
Sie träumt, daß sie es gar zu seltsam finde,
Jetzt hier zu sein; es macht ihr viel Verdruß,
Ihr Stirnchen runzelt sich wie Eichenrinde.
    Sie schläft, ganz matt noch von der langen Reise.
    Ja: man gewöhnt sich schwer in neue Kreise.

Auch Bertouch schläft. Und meine Teckel träumen.
Ich bin als einziger im Hause wach.
Was spinnt sich her zu mir aus Himmelsräumen?
Welch feines Tönen her vom Weltendach?
Ich geh ans Fenster: Hoch auf Nebelsäumen
Rollt sanft der Mond, die Sterne rollen nach.
    Dort jene schneegetürmte Wolkenspitze
    Erinnert mich an höchste Alpensitze.

Erinnert mich an einen Alpengrat,
Wo eine Platte bot dem Schlößchen Stütze,
Das da sein sturmvoll-einsam Dasein hat,
Bedeckt mit ewiger Regenhaubenmütze.
Hinauf zwängt sich ein einziger schmaler Pfad,
Im Zickzack, wie in Stein gehaune Blitze.
    In grauenhafte Tiefe stürzt die Flucht,
    Der Blick erlischt in schwarzer Felsenschlucht.

Doch einmal sah ich dieses Schlößchen liegen
Im allerhellsten Sommersonnenschein;
Zwei Adler sah ich kreisend drüber fliegen
In ruhevoller Hoheit, weltallein.
Italiens Lüfte sah ich mild umschmiegen
Des Gletschereises eingeklemmte Pein.
    Im Lorbeergarten kerzende Zypressen;
    Die Pinie läßt den Föhrenwald vergessen.

An diesem heitern Tage saßen oben,
Auf der Terrasse, klar vom Licht umblaut,
Drei Gentlemen, die Gläser hoch erhoben,
Und lärmten, übermütig, überlaut,
Und stießen an: Laßt uns den Geldsack loben.
Mammonia, lachten sie, heißt unsre Braut.
    Wir können jeden unsrer Wünsche stillen,
    Der Teufel selber tanzt nach unserm Willen.

Da: bebt der Berg? Sie merkens nicht, sie zechen.
Ein dünner Dampf zieht auf aus jenem Tal.
He! Mehr noch! Laßt die Flaschenhälse brechen!
Ein rotes Flämmchen zuckt; ists ein Signal?
Sie spein auf Armut, Qual und Not, die frechen.
Wer steigt empor aus unterirdischem Saal?
    Und klimmt von Zacke zu Zacken, Stufe zu Stufen,
    Und steht vor ihnen: Wer hat mich gerufen?

»Ihr Herren, seht, ein schwacher Straßengreis,
Dems nie gelang, der nie Besitz gehabt,
Dem nie das dürre Reis ward frisches Reis,
Den nie ein einziger freier Tag gelabt,
Der fleht euch an um kleinen Wegepreis,
Ihr seid mit Glück und Gnaden ja begabt.
    Seht die verdorrte Hand, seid gut und hold,
    Sie bittet schüchtern um ein wenig Gold.«

Da sprangen sie von ihren Stühlen auf
Und schmissen die Champagnergläser klirrend
Ihm an den Kopf: Sauf zu, Canaille, sauf!
Der schwere Silberkübel flog ihm schwirrend
Am Ohr vorbei: Pack dich, du Hundsfott, lauf!
Der Bettler, aus dem Bart die Scherben wirrend,
    Stand ruhig, blieb. Der wüste Schloßherr schrie:
    Die Hunde los! Elendes Lumpenvieh!

Da: Wunder: Aus den Lappen schlüpft gewandt
Ein Stutzer, hm, na ja, mit weißer Binde,
Frack, Lack und Claque, neumodisch-elegant.
Es schält sich aus dem schäbigen Flickgewinde
Ein allerfeinster Stoff, höchst imposant.
So steht er als ein Herrscher vorm Gesinde
    Und hebt die Hand, die Finger stieben Funken,
    Und schneidend höhnt er: »Nun paßt auf, Halunken!

Du da, mit deinem Hirn aus Kleisterbrei,
Zwar gab der Himmel deine Flachheit dir,
Ich will dir helfen aus der Döserei:
Da, nimm Verstand! so viel, du dummes Tier,
Daß du jetzt nie mehr wirst von Zweifeln frei
An Gottes Langmut, Christi Heilspanier.
    Dein ganzes Leben soll dich damit plagen,
    Die Stirne dir mit Folterqualen schlagen.

Und du mit deiner faden Albernheit,
Dich soll, so lang du atmest, immer quälen:
Sind meine Freunde von Beständigkeit?
Kann ich auf meine Auserkornen zählen?
Betrügt mich nicht das sicherste Geleit?
Wo find ich Wahrheit, Treue? Wen mir wählen?
    Vor denen, die du liebst, sollst du erzittern,
    Verrat und Hinterlist und Tücke wittern.

Und dich, den Schloßherrn, will ich also strafen:
Dein ungeheurer Reichtum ist nur Kot.
Nicht eine Nacht mehr sollst du ruhig schlafen
Vor Hunger, Schande, Schimpf und Beutelnot.
Vergeblich siehst du aus nach einem Hafen,
Umsonst ersehnst du jeden Tag den Tod.
    Und deine Schulden sollen dich zerfressen,
    Mit Greuelarmen dein Gehirn umpressen.

Euch allen Dreien soll dies Dasein dauern,
Gebt Acht, Messieurs, geschlagne hundert Jahre.
Ihr seid gefangen, Schufte! Aus den Mauern,
Die ich euch zog, erlöst euch nur die Bahre.
Und seid ihr endlich tot, wird keiner trauern;
Ins Grab sinkt stinkend ihr als faule Ware.
    Addio, meine Herren, bleibts gesund,
    Ich tauche wieder in den Höllenschlund.

Ein rotes Zünglein leckt vor seinen Füßen,
Er schwindet langsam weg in die Versenkung.
Noch einmal lüftet er den Hut zum Grüßen
Mit sehr fataler, maliziöser Schwenkung:
So müssen alle, die mich narren, büßen,
Ich mache jedem meine Gegenschenkung.
    Ein leises Donnern, fünf Sekunden lang;
    Die Uhr schlägt eins, die Welt geht ihren Gang.

Die Welt geht ihren Gang. Ich sitze nieder
In meinen Sessel am Kamin beim Feuer:
Familienvater, würdevoll und bieder.
Die See ist ruhig, gradaus steht mein Steuer.
Was tummeln sich mit einem Male wieder
In meiner Seele alte Abenteuer?
    Zuvörderst eine Upmann, Espeziales;
    Den Frieden birgt sie mir des heiligen Grales.

Ich will das einzige Glück mir nicht mehr rauben:
Das traute, höchste Glück: mit Weib und Kind.
Drum aus den Ecken her, wo sie verstauben,
Der Liebesbriefe rotgeschnürt Gebind.
Und in die Glut hinein die Turteltauben,
Dort tötet sie der heiße Flammenwind.
    Wies brennt! Wies schwelt! Der Funken Angstgehasche!
    All Lebens Ende ist ein bißchen Asche.

Thereschen, wie, was zögest du so lange,
Willst du nicht mit den Schwestern in den Tod?
Verbrenne! Rasch! Sonst komm ich mit der Zange
Und schüre, bis das Feuer hellauf loht.
O du, mit deiner weichen Mädchenwange,
»Prinzessin Lilienweiß und Rosenrot.«
    Nun ist dein zärtlich Herz in Staub zerfallen.
    Vergangenheit heißt unser Erdenwallen.

Geheimnisvoll im Straßennetzgewirre
Ein Stübchen, wo wir uns alleine trafen.
Gedämpft lärmt her der Handelsstadt Geschwirre,
Ein dumpfes Meer um unsern heitern Hafen.
Und sank die Nacht, ein Eden nach der Irre,
Sie ließ uns gern in ihrem Schoße schlafen.
    Was helfen alle philosophischen Sprüche,
    Es bleibt dabei: die Liebe und die Küche.

Herr, dieses Aufeinander, diese Reihe.
Die schwarzen, braunen Augen, blauen, grauen,
Der Lippen Küssedrang. Prosa, verzeihe!
Der Reigenschritt auf frischbeblümten Auen.
Die Kraft, die Jugend gaben uns die Weihe;
Ich kann den langen Zug kaum überschauen.
    Wann jauchzte ich den letzten Balzerschnalzer?
    Wann tanzte ich den allerletzten Walzer?

Ich weiß es wohl: Ein Tag im Juni war es,
Noch zeigten Wald und Feld die letzten Blüten.
Ein Kranz lag um den Scheitel deines Haares,
Der wollte dir den Mädchensinn behüten;
Doch an den Stufen seines Brautaltares
Wird dir der Lenz dein Opfer reich vergüten.
    Die Schellentrommel klingt, die Sonne sticht.
    Am andern Morgen schrieb ich ein Gedicht:

            Das schönste Mädchen von der Welt,
Echt Mecklenburger Rasse,
Sitzt endlich mit mir unterm Zelt
Auf Oestmanns Elbterrasse.

Dies flimmergrüne Augenpaar,
In Rotdorn und Syringen,
Es ist ja Frühling ganz und gar,
Und alle Menschen singen.

Der dicke Zopf, dies schwarze Haar,
Ich muß es wütend packen;
Der Minnegöttchen muntre Schar
Spielt ihr um Brust und Nacken.

Und dieses Nackens herber Guß,
Stolz wie bei Königinnen.
Gleich taumel ich von Kuß zu Kuß
Und bin nicht mehr bei Sinnen.

Die Schellentrommel scholl so dumpf,
Die Fidel schrie dazwischen;
Wir machten fix uns auf den Strumpf,
Uns in den Kreis zu mischen.

Und schleiften ohne Ballhandschuh,
Halli, hallo, la Leben!
Ein Viertelstündchen immerzu
Ein einzig Drehn und Schweben.

Nun essen Spargel wir und Kalb,
Hammel à la Soubise.
Da schlägts vom Turme neun ein halb,
Wir wandern durch die Wiese.

Wir steigen in die Eisenbahn,
Die Zeit liegt an der Kette,
Und bald kreist Amor Guardian
Um unser Flammenbette.

Und schlummert sie ermattet ein,
Vom Liebespfeil getötet,
Dann leid ich endlos süße Pein,
Bis sich der Morgen rötet.

Nächtliche Stille überall,
Nur Flüstern und Geraune.
Komm, Tag, mit deinem Hall und Schall,
Blas in die Lärmposaune!

Der Sohn, den du mir, Nacht, bescherst:
Aus seinen Enkeln wieder,
Vielleicht am jüngsten Tage erst,
Wird einer Seifensieder,

Vielleicht ein großer Schlachtenheld,
Der alles wird entzünden,
Vielleicht wird er der Erdenwelt
Den ewigen Frieden künden.

              Weg mit dem Plunder auf den Kohlenrost!
Die Locken kräuseln sich im Brand wie Schlänglein,
Parfüm entflieht aus mancher Amorspost,
Ein Rosabrief dreht sich zum Fahnenstänglein;
Viel hundert Schwüre sind der Lohe Kost,
Zu Ende ists mit all den lieben Englein.
    Im Telegrammstil bringt die nächste Strophe
    Nur ein Novellchen noch. O ziere Zofe!

Bankier-Palazzo. Herrschaft ist verreist.
Gut. Dienerschaft geht aus. Ein Kätzchen nur:
»Heut Abend. Komm. Um acht. Bin so verwaist.«
Ich kam. Das Herrenzimmer. Cour d'Amour.
Das Bismarcksofa. Stürmisch, zärtlich, dreist.
Kuß pflückt den Kuß. »Ach, laß!« »Laß!« Moll und Dur.
    Der Morgen. Abschied. Exit Nachtvisite.
    Ein langer Weg nach Haus. O ziere Lite!

Zerstört ist Alles. Kehricht. Katzenjammer
Durchfröstelt mich: Bin ich nun altes Eisen?
Gehör ich nunmehr in die Rumpelkammer?
Nunmehro in den Ratsstuhl zu den Greisen?
Hol mich der Styx, ich schwinge noch den Hammer,
Ich mag und will noch nicht nach Pfahlburg reisen.
    Ich zahle lachend meinen Erdenzoll;
    Sind mir nicht Herz und Hirn noch übervoll?

Nicht übervoll von Glück in meinen Lieben?
Genieß ich nicht den Rausch der Vaterfreude?
Ist nicht mein Testament schon unterschrieben?
Steht sicher nicht und festlich mein Gebäude?
Was will ich denn? Den Erdboden durchsieben,
Worin ich wurzle? Prahlen: »ich vergeude«?
    Zufriedenheit ist wie ein zarter Schleier;
    Was zupft und zerrt und zaust daran der Geier?

Der Geier heißt bei mir die Langeweile,
Bei Tage Geier, in der Nacht Hyäne.
Denn scheußlich ist der Schlund der Langenweile,
O scheußlich: nie sich gleich, stets gleich, ich gähne.
Ich sterbe noch einmal vor Langerweile.
In meinem Innersten, hör auf, Sirene,
    Was singst du mir vom freien Tod das Lied –
    Wer klopft mir auf die Schulter wie Granit?

Ich springe auf und stehe wie ein Baum,
Mit grenzenlosem Staunen stier ich, gaffe:
Das bronzefarbne Wams mit gelbem Saum
Umschließt ein blauer Gürtel mit Agraffe.
Wie märchenhafter Diamantentraum
Zittert am Gurt ein Dolch als Schmuck und Waffe.
    Ein Wahngeschöpf? Woher? Er spricht wie wir.
    Spricht vornehm, kalt, in höfischer Manier:

                    »Du kennst mich nicht. Ich bin vom Sirius.
Ich komme, um dein Töchterlein zu holen,
Das ihr beschmutzt mit euerm Erdenkuß.

Gib sie mir her! Ihr habt sie uns gestohlen!
In Gutem soll ich oder mit Gewalt
Sie wiederbringen, wurde mir befohlen.«

Was willst du, was? Bist du von Sinnen? Halt!
Mit einem Satze bin ich an der Türe
Und spanne meine Arme vor den Spalt.

»Und zögst du Riegel vor und zögest Schnüre,
Laß doch dein lächerlich Gebaren sein,
Nimm dich in acht, daß ich dich nicht berühre!«

Da sah ich seiner Augen fremden Schein,
Und grauenhaft! sie gingen wie zwei Röhren
Ihm ins Gehirn nach hinten tief hinein.

Sein Blick wird, lichterspielend, mich zerstören,
Seh ich noch länger hin; ich fall aufs Knie
Und muß, gebückt, starr, seine Worte hören.

Ich fühls, er beugt sich zu mir. Lautlos schrie
Mein Herz, mir trocknete mein Adernquell.
Doch sprach er sanft, es klang wie Melodie:

»Liebst du dein Kind, so segne den Appell,
Daß ich in unser herrlich Reich sie rufe.
Du schauderst? Nun, so höre mich, Gesell:

Die Erde ist nur eine Schinderhufe,
Voll Schmutz und Dünger, Schweiß und Schwierigkeit,
Sie steht im All auf sehr geringer Stufe.

Du kennst das Leben: lauter Angst und Streit.
Ihr kennt es alle. Euer Wunsch ist immer,
Erlöst zu sein aus dieser Peinigungszeit.

Wir lauschen euerm Schreien und Gewimmer,
Wir sehen eure nackten Arme flehn
Zum hohen Himmel, auf zum Ätherschimmer.«

Er schwieg. Ich schwieg. Ich hört ein seltsam Wehn
Durch meine Wälder raunen, um mein Haus,
Und wagte nicht, ihm ins Gesicht zu sehn.

Dann sprach er weiter, und sein Wort ward Graus,
Und einzeln ließ er sie wie Tropfen fallen,
Wie finstres Drohn klang seine Stimme aus:

»Die Menschen, jeder, haben Raubtierkrallen.
Erbärmliches Gesindel! Ekle Wichte!
Lieblosigkeit, Neid, Habsucht bei euch allen!

Herrschsucht, Gewalt sind eure Hochgerichte;
Der arme Dumme wälzt sich wie das Schwein,
Der reiche Kluge prunkt allein im Lichte.

In diesem Pfuhle soll dein Kind gedeihn?
Nein, es ist unser! Uns gehört ihr Leben.
Mach Platz! geh! laß mich in ihr Zimmer ein!«

Er schob mich weg, ich mußte mich ergeben,
Gebrochen waren Wille mir und Kraft;
Ein Häufchen Schatten, folgte ich mit Beben.

Die Mutter schlief in seliger Tempelhaft,
Im keuschen Tempel ihrer Opferliebe,
Und ruhig floß ihr Herzenspurpursaft.

Sanft, im verknüllten Bettchen, im Geschiebe
Der Spitzen schläft mein Mädel, angehaucht
Vom rosigen Engel ihrer Daseinstriebe.

Sie atmet. Sie erwacht. Ihr Köpfchen taucht
Empor. Sie breitet ihre Ärmchen weit,
Und ist die kleinste reizendste Durchlaucht.

Zeigt sie dem Vater ihre Munterkeit?
Sie sieht nicht mich: Herrgott, sie lächelt ja
Dem Andern zu in seinem Strahlenkleid.

Der neigt sich tief vor ihr con grazia;
Sie hascht nach ihm, sie streckt die Händchen vor.
Er nimmt sie auf, an seine Brust, und – ah:

Mein Kind! Mein Kind! Er richtet sich empor.
Sie fügt um seinen Hals die schwachen Finger;
Ich will – ich – will – und bin ein welkes Rohr.

Ein Schwert! Ich ringe, röchle. Mein Bezwinger
Steht steinfest. Nein! Ich schling mich um ihn. Eitel.
Ich spring ihn an – ach, ein gebrochner Ringer.

Mir steigt der Wahnsinn glühend bis zum Scheitel.
Am Boden lieg ich, angeschraubt in Ketten,
Versuche mich zu heben – Alles eitel.

Die Schläfer brüll ich auf aus ihren Betten.
Anita, unser Kind! Wach auf! Mord! Mord!
Quält mich zu Tode, kann ich sie nur retten!

Der Räuber aber schreitet ruhig fort,
Belächelt leidig meine Seelenwunden;
Die Mutter schläft und träumt am Himmelsbord.

Der Räuber, seine Beute sind verschwunden.

So lag ich Stunden wohl in dieser Nacht;
Allmählich endlich komm ich zum Besinnen,
Und habe weit die Augen aufgemacht.

Am Fenster steh ich, starr ich: Was beginnen?
Die lieben Sterne leuchten immer noch;
Vom Sirius seh ich ein Geflimmer rinnen.

Von meinem Nacken fällts wie schweres Joch.
Dem Diebe nach! Doch ach, ich kann nicht fliegen.
Vielleicht ist er im Holz, ich find ihn doch.

Schon bin ich unterwegs, auf Waldesstiegen,
Und komme atemlos an ein Rondel,
Wo blaß, versteckt, zwei Marmorsphinxe liegen.

Zwei Lebensbäume, jeder ein Juwel,
Einst hergepflanzt ans fernstem Orientlande,
Stehn kerzengrade hier wie auf Befehl.

Sie überragen eine Tann-Girlande,
Die krüpplig, stark verfitzt, sie fest umzäumt;
Der Wind erstickt in ihrem Schutzgewande.

Hier hab ich oft bei Tag, bei Nacht geträumt;
Der Platz ist für Mysterien wie erkoren,
Hier hab ich manche Wirklichkeit versäumt.

Zypressen, Sphinxe schlafen wie verloren
Im grellen weißen Wintermondenschein,
Den Unterbusch und schwarz Gesträuch umfloren.

Ein wunderlicher Kerl sitzt auf dem Stein,
Die Beine hat er überkreuz geschlagen.
Wer bist du? sprich! was will dein Stelldichein?

Er grinst: »Dear Sir, was soll ich Ihnen sagen,
Ich bin, hört hört, Depeschenüberbringer,
Ich muß von Stern zu Stern als Bote jagen.«

Was, Sternbriefträger bist du? Wolkenspringer?
Gleich nimm mich mit auf deinem Himmelsfluge:
Zum Sirius! Siehst du meinen Zeigefinger?

»Still, Monseigneur! und laß nur dein Geluge.
Am Sirius land ich morgen Abend an,
Erst hab ich mehr zu tun auf meinem Zuge.

Der Stern der Vorsicht kommt zuvörderst dran,
Der Stern der dummen Schwätzer kommt zu zweit,
Und viele andre Sterne folgen dann.

Willst du dich mäßigen in der Ewigkeit,
So nehm ich dich auf meine Reise mit,
Und auch zum Sirius bringt uns gute Zeit.

Drum, wie gesagt, verehrter Abderit,
Wenn du mir fest versprichst, Geduld zu haben.
So sollst du mit auf meinem Lüfteritt.«

Und ich versprach dem sonderbaren Knaben,
Ihn nicht mit Ungestüm noch Trieb zu quälen
Und artig mit ihm durch die Welt zu traben.

Wir fliegen schon. Den wir zuerst uns wählen,
Den Stern der Vorsicht haben wir erreicht.
Ich will von ihm ein Freskostück erzählen.

In Säcken schwingen hier an Ästen leicht
Die Menschen, zugenäht bis an den Hals,
Den loser, lauer Zephyrwind umstreicht.

Den Finger halten sie am Munde als
Gebotne Pflicht: schier endlos ist ihr Schweigen,
Mir schiens wie lässiger Spaß des Karnevals.

Auch Moltke hing in diesem drolligen Reigen.
Im Leben heißt es Vorsicht, schweigen können;
Man kann den höchsten Glücksberg dann ersteigen.

Auf daß wir andre Welten bald gewönnen,
Denn langweilig war dieses stumme Hängen,
Bat ich, mir einen Wechsel rasch zu gönnen.

Mein Führer ließ sich auch nicht lange drängen,
Wir hielten auf dem Stern der Schwätzer Rast,
Wo sie die Zungen durch die Zähne zwängen.

Ein Nagel, der genau vors Gatter paßt,
Hält diese Zungen so verflixt durchstochen,
Daß es zu Ende ist mit ihrer Hast.

Jetzt können sie nur Gift im Herzen kochen;
Sie sind gezwungen, stets das Maul zu halten,
Von keinem wird ein Wörtchen mehr gesprochen.

Indiskretion in tausend Mißgestalten,
Hier büßt sie. Schleunigst weg von diesem Spiel,
Und schon erhob er seine Flügelfalten.

Gedankenrasch ereilten wir ein Ziel:
Ich sah ein einziges Gefild sich dehnen,
Besät mit Häusern, all in einem Stil.

An diese Häuser fand ich Menschen lehnen,
Fast lauter alte Leute, Männer, Frauen,
Die keiner Hoffnung Blume mehr ersehnen.

Ich sah sie alle in den Abend schauen;
Der lag im letzten Sonnenuntergang,
Zufriedenheit beschirmte ihre Brauen.

Vernichtet hatten sie den Herzensdrang,
Den Schmerz, die Liebe, Haß und Lustgefühl,
Und wunschlos schlief in ihnen jeder Klang.

Wir schossen weiter dann durchs Sterngewühl
Und landeten in einem Eibengarten,
Der schatteneinsam stand und frühlingskühl.

In alten gotischen Bronzestühlen, harten,
Mit steilem, überhäupterhohem Rücken,
Sah ich unzählige junge Mädchen warten.

Sie waren tot. Es spielte ein Entzücken
Um ihren Mund, die sechzehnjährig starben;
Ein Seufzen schienen sie zu unterdrücken.

Mit Mohn von matten, rosahellen Farben
Umschlang ein Kranz ihr leichenruhig Haupt,
Das erste Liebesträume einst umwarben.

Da sah ich sie, die mir mein Herz geraubt,
Als ich ein Schüler war, die dann gestorben,
Die, ach, wie lange schon, im Sarg verstaubt.

Sie schlief hinüber frisch und unverdorben;
Nun saß sie hier in ihrem Unschuldshemd,
Um die ich, selbst ein Kind, so heiß geworben

Sanft küßt ich ihre Stirne, zage, fremd;
Da öffnete die Augen sie zu mir,
Und ihre Ärmchen hielten mich umklemmt.

Dann wieder schloß sich ihre Wimpernzier,
Die Arme fielen schlaff auf ihren Schoß,
Und wie vorhin saß leblos sie vor mir.

Mein Wegbegleiter drängte mitleidlos,
Er riß mich höhnisch weg aus meinen Tränen,
Und wieder ging die stürmische Reise los.

Wir sanken tief und flogen zwischen Schwänen
Und wilden Gänsen: ah, die Erde winkt,
Wir nähern uns dem Sterne der Hyänen.

Das erste, das an meine Ohren dringt,
Ist Schnattern zahmer Gänse, die nach oben
Den Brüdern Antwort geben aus Instinkt:

So fein ist ihr Gehör. Ein wirres Toben,
Ein wüstes summendes Geräusch erklang,
Aus dem schon drohend einzelne Flüche schnoben.

Jetzt teilte sich um uns der Dünstehang,
Und wir erschauten im gedämpften Licht
Der Straßenflammen einen Gassenstrang.

Und eine große Stadt kam zu Gesicht.
Ein scheußlicher Geruch von Äsern, Leichen
Quoll zu uns auf, ummantelte uns dicht.

Nun konnte alles unser Blick erreichen,
Mord, Unzucht, Roheit, jede Menschenqual;
Ich fühlte meines Lebens Rot erbleichen.

Hinweg aus diesem einzigen Schlachtersaal!
Nein, ich ertrug nicht länger diese Pein.
Hinweg, hinweg aus diesem Greueltal!

Und plötzlich tiefe Stille nach dem Schrein:
Wir flogen über nächtige Wälder fort,
Und Poggfred zeigte unten schwachen Schein.

Da lag mein lieber alter Zufluchtsort,
Am Fenster konnte ich Anita sehn,
Sah ihre wildgerungnen Hände dort.

Ich sah ihr loses Haar im Winde wehn,
Sie schrie nach unserm Kinde auf zu Gott,
Ich hörte ihre Bitten und ihr Flehn.

Mich rettet meines Führers scharfer Spott,
Und pfeilschnell schossen wir in höchste Fernen,
Befreit vom ewigen irdischen Schafott.

Wir taumeln zwischen wunderbarsten Sternen,
Die Rädern gleich, wie Feuerwerk getrieben,
Viel Spritzer schleuderten aus ihren Kernen.

In diesem Wirrwarr sind wir dann geblieben
Auf einem Doppelstern: Der eine trug
All jene keuschen Seelen, frommen, lieben,

Die kindlich schreiten hinterm Sklavenpflug
Der Erde, gottvertrauend auf »Ihn« bauen
Und herzensrein sich halten, sanft und klug.

Wenn diese sich hier in die Augen schauen,
Verneigen sie sich, und der Palmzweig sinkt,
Zum Gruße sinkt er, wie vor schönen Frauen.

Ein »Have, pia anima« verklingt.
Wir sind am zweiten Sterne angelangt,
Wo eine graue Regenstimmung ringt.

So ernst sind hier die Menschen, daß mir bangt.
Entsagung les ich ab von ihren Zügen,
Auch ihre letzte Freude ist verprangt.

Sie tragen an der Stirne ein Genügen:
Befreit sind von Enttäuschung wir und Wahn,
Erlöst aus Tand und Band, aus Trug und Lügen.

Und weiter schwebten wir auf unsrer Bahn,
Und hielten auf dem Sterne der Philister.
O laß uns weg von diesem öden Plan!

Skat, Politik, Gegröhl und Bier: Geschwister.
Geschwister: Subalterngedankler, Drohnen,
Angst, Ungeschmack, wie end ich das Register!

Schon sind wir dort, wo andre Geister wohnen:
Bei denen, die auf Erden untergingen,
Die ständig kämpfen mußten mit Dämonen.

Die endlich stürzten mit gebrochnen Schwingen
Und mit zerschossener Stirne unterlagen,
Weil sie nicht durch den Pöbel konnten dringen.

Euch lieb ich! und ich kenne eure Klagen!
Das Viehzeug konnte niemals euch verstehn;
Von feigen Heuchlern wurdet ihr erschlagen.

Lebt wohl! Vergeßt! Ihr wart ja Gotteslehn!
Hier seid ihr los von euern Folterbütteln,
Könnt unentweiht die große Flamme sehn.

Was konntet ihr sie denn nicht von euch schütteln,
Die Froschgesellschaft, diese Kunstvandalen!
Sie totschlagen mit guten Heckenknütteln!

Lebt wohl! Ich sehe eine Sonne strahlen,
Das ist der Sirius. Da will ich hin,
Zurückerobern, was die Räuber stahlen.

Wir landen. Es umschleiert sich mein Sinn
Vor all der Pracht, die hier den Morgen schmückt.
Ich sehe, daß ich nicht auf Erden bin.

Von Hügeln, regenbogenüberbrückt,
Steigt ab ein Zug: Auf einem Einhorn vorn,
Mit einem Lächeln, das die Welt beglückt,

Zieht mein Tochter her. Aus Hand und Horn
Streut rechts und links sie Blumen auf den Pfad.
Wie schnell sie wuchs an diesem Gnadenborn!

Unübersehbar, bunt, ein Pfauenrad
Von Farben, bläulichgrün folgt hinterdrein
Ein sonderbares Volk in Prunk und Staat.

Da sah ich ihrer Augen fremden Schein,
Und grauenhaft! sie gingen wie zwei Röhren
Weit ins Gehirn, bei allen, tief hinein.

Das wollte mir Verstand und Sinn zerstören.
Doch dacht ich nur, mein Kind mir zu erstreiten,
Und ließ mich nicht durch solchen Spuk betören.

Ich springe vor! ans Einhorn! Ewigkeiten!
Sekunden! Kampf! Gelächter! Harlekin!
Das Meer! O Fürstin! Ungeheure Weiten –

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Da wach ich auf und sitze am Kamin
Im tiefverschneiten alten Poggfredhaus,
Und lass entsetzt die bösen Träume ziehn.

Es ist todstill. Ich höre eine Maus.
Der Wind klopft einmal leise an mein Tor
Und wirft die dumme Phantasie hinaus.

Dann schnell' aus meinem Sessel ich empor
Und eile in den Nebenraum geschwind,
Da schläft die Mutter ruhig wie zuvor:

In ihren Armen schlummert unser Kind.

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