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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Lied von Yonec.Das Lai sollte eigentlich nach seinem Haupthelden Muldumarec heißen. – Ein in einen blauen Vogel verwandelter König, der die schöne gefangene Florine nächtlich besucht, jedoch ohne sein Vogelkleid ablegen zu können, und der durch Messer verwundet wird, welche in den Zweigen des Baums, in dessen Höhlung er nistet, angebracht sind, kehrt wieder in dem modernen französischen Märchen L'oiseau bleu von der Gräfin d'Aulnoy, Cabinet des fées, Amsterdam 1785, T. II, p. 62 ff.

           

Da ich begann zu singen nun,
So will im Lied ich nimmer ruhn.
Die Abenteuer, die ich weiß,
Erzähl' ich euch mit allem Fleiß.
Ich trag im Denken und im Sinnen,
Von Yonec will ich beginnen,
Wer ihn erzeugt, wer ihn gebar,
Und was der Eltern Schicksal war;
Der Vater von Herrn Yonec,
Der war genannt Muldumarec.

Es lebt' einst auf breton'scher Au
Ein reicher Mann gar alt und grau,
Er war der Vogt von Caërwant,
Im Lande ward er Herr genannt.
Der Duelas fließt der Stadt zur Seit',
Da war dereinst viel Tod und Leid.
Der Alte zählte manches Jahr,
Und da er reich an Gütern war, 138
So hat ein Weib er sich genommen,
Von der ihm sollten Erben kommen.
Die Jungfrau war von hohem Stand,
Gar schön, verständig und gewandt.
Manch Herz für ihren Reiz entbrann; –
Nun gab man sie dem alten Mann.
Nicht will ich von der Wahrheit weichen:
Bis Lincoln gab's nicht ihresgleichen
Noch bis nach Irland über'm Meer;
Wer sie ihm gab, der fehlte schwer.
Dieweil sie stand in Jugendblüthe,
Hat er bedacht, wie man sie hüte;
In einen Thurm schloß er sie ein,
In ein Gemach belegt mit Stein,
Und seine Schwester grau von Haaren,
Die Wittwe war seit langen Jahren,
Die bringt er zu ihr, daß die Alte
Sein Weib in strenger Zucht erhalte.
Wohl waren dort noch andre Frau'n,
Sie aber durfte keine schau'n.
Wenn es die Alte nicht befahl;
Sie saßen fern von ihr im Saal.

So gieng es über sieben Jahr,
Die Frau kein einz'ges Kind gebar;
Nicht aus dem Thurm ließ man sie gehn, 139
Um ihre Lieben je zu sehn,
Und wenn die Frau zu Bette gieng,
Nicht Pförtner war, nicht Kämmerling,
Der in's Gemach sich durfte wagen,
Das Wachslicht ihr voranzutragen.
In vielem Weinen saß die Dame,
In Seufzen und in schwerem Grame;
Ihr Reiz entschwand in solchem Maß,
Weil ihrer selber sie vergaß;
Nur eines wünschte noch die Arme,
Daß ihrer sich der Tod erbarme.

Einsmals in erster Frühlingszeit,
Die Vöglein sangen weit und breit,
Da hob sich ihr Gemahl gar bald
Und schickte sich zur Jagd im Wald.
Er rief das alte Weib hervor,
Zu schließen hinter ihm das Thor.
Die Alte dreht die Schlüssel um,
Drauf nahm sie das Psalterium
Und gieng in ein Gemach sodann,
Dort hub sie bald zu singen an.
Die schöne Dame weint im Wachen,
Sie sieht das Licht der Sonne lachen;
Sie nahm zuvor es wohl in Acht,
Daß sich das Weib bei Seit' gemacht; 140
Da hub sie schluchzend an zu klagen
Und jammernd sich die Brust zu schlagen:
»Weh mir, zum Leid bin ich geboren!
Mir ist ein hart Geschick erkoren.
In diesen Thurm schließt man mich ein,
Draus wird mich nur der Tod befrei'n.
Was hält man mich? Was kam denn an
Den alten, eifersücht'gen Mann?
Er ist ein Thor von Sinn und Thaten,
Er glaubt sich jeden Tag verrathen.
Nicht darf ich in das Münster kommen,
Nie hab ich Gottesdienst vernommen.
Dürft' ich nur sprechen mit den Leuten,
Mit ihm hingehn, wo sie sich freuten,
Gern zeigt' ich mich ihm hold und lieb,
So fühl' ich dessen keinen Trieb.
Meine Verwandten sei'n verdammt
Und all die Andern insgesammt,
Die mich dem Alten aufgequält
Und seinem Leibe mich vermählt!
An zähem Stricke muß ich ziehn;
Giebt es denn keinen Tod für ihn?
Beim Taufen ward er eingetaucht
Im Pfuhl, der aus der Hölle raucht.
Ihm sind die Adern hart und gut
Und alle voll von Lebensblut. 141
Ich hörte doch schon oftmals sagen
In Mähren aus vergangnen Tagen,
Wie manches Herz in diesem Land
Viel heitern Trost im Kummer fand.
Es trafen Ritter zarte Frau'n
Gar hold und lieblich anzuschau'n,
Es trafen Frauen ihre Helden
Gar schön und kühn, so hört ich melden;
Doch ihrer Liebe Treiben war
Für alle Andern unsichtbar.
Ob Trug, ob Wahrheit der Bericht,
Mir widerfuhr dergleichen nicht.
Gott der Allmächt'ge möge nun
Mir einmal nur nach Willen thun!« –

Als dieses Wort die Dame sprach,
Da fiel ein Schatten in's Gemach;
Drauf kam zum engen Fensterbogen
Ein großer Vogel eingeflogen.
Wurfbänder trug er an den Krallen,
Dem Falken glich er wohl vor allen.
Er ließ sich vor der Dame nieder,
Und bald entwand sich dem Gefieder
Ein schöner ritterlicher Mann;
Die Dame starrt ihn wundernd an,
Ihr Blut erbebt, sie hält im Bangen 142
Die beiden Hände vor die Wangen.
Der Ritter aber grüßte sie
Und sprach zu ihr voll Courtoisie:
»Laßt Euch nicht schrecken, Dame zart!
Ein Falke ist von edler Art.
Bleibt Euch das Wunder auch verborgen,
So scheucht doch von Euch alle Sorgen
Und schenket Eure Liebe mir,
Denn wisset, darum bin ich hier.
Ich habe lang an Euch gehangen
Und trug im Herzen groß Verlangen,
Und traun! kein andres Weib auf Erden
Sollt jemals meine Liebste werden.
Doch war ich in mein Heimatland
Fern Eurem Anblick festgebannt,
Bis daß Ihr selbst begehrtet mein:
Nun darf ich ganz der Eure sein!«
Da zagt die Dame länger nicht,
Und sie enthüllt ihr Angesicht.
Drauf sagte sie dem edlen Herrn,
Sie nähm' ihn wohl zum Liebsten gern,
Wenn er nur gläubig Gott verehre,
Und menschengleich sein Minnen wäre.
Sie spricht mit Huld, denn ganz und gar
In Schönheit prangt sein Leib fürwahr,
Daß ihres Lebens keinen Tag 143
Sie einen schönern finden mag.
»Ihr sagtet wohl,« so sprach der Held,
»Ich wollt um keinen Preis der Welt,
Daß meinetwillen ein Verdacht
Und Argwohn würd' in Euch entfacht.
Ich glaub' an Gott, der uns befreit
Aus unsrer großen Traurigkeit,
Darein uns Adam unbedacht
Mit seinem Apfelbiß gebracht.
Er ist und war und wird hinfort
Der Sünder Leben, Licht und Hort.
Doch daß Ihr ganz von Zweifel frei,
Ruft Euren Kapellan herbei!
Sagt ihm, Ihr liegt in schwerer Qual
Und heischt das heil'ge Abendmahl,
Das Gott gestiftet hat auf Erden,
Damit die Sünder selig werden.
Mit Euch vertausch' ich die Gestalt
Und nehm den Leib des Herrn alsbald.
Ich will Euch all mein Glauben sagen,
Nicht sollt Ihr darum Zweifel tragen.« –
Sie sprach, sie habe nichts dawider,
Er legt in's Bett sich zu ihr nieder,
Doch ohne ihrem Leib zu nahn,
Nicht heischt er Küssen und Umfahn.
Derweilen kam die Alte sacht 144
Und fand die Herrin aufgewacht,
Sagt, es sei Zeit sich zu erheben,
Und wollt ihr die Gewande geben.
Da sprach die Frau: »Ich lieg' in Schmerzen,
Mir ist so todesweh im Herzen,
Macht, daß man nach dem Priester sende,
Ich fürcht', es geht mit mir zu Ende.«
Die Alte sprach: »Das müßt Ihr tragen,
Denn unser Herr ist aus zu jagen,
Und Niemand darf in diese Kammer.« –
Da kam die Frau in großen Jammer,
Hinfiel sie wie besinnungslos,
Die Alte sieht's, ihr Schreck ist groß.
Dann öffnet sie das Thor behende
Und ruft, daß man zum Priester sende.
Der Kapellan ist eilends hie
Und bringt das Corpus domini.
Das nahm für sie der Ritter ein
Und trank des Kelches heil'gen Wein.
Drauf gieng der Kapellan hinaus,
Die Alte aber schloß das Haus.

Die Beiden lagen heimlich traut,
Nie ward ein schönres Paar geschaut.
Als sie des Spielens wurden matt,
Des Lachens und des Plauderns satt, 145
Da macht der Ritter sich von dannen
Nach seinem Land zu seinen Mannen.
Sie bat ihn hold bei seiner Ehre,
Daß er noch oftmals wiederkehre.
»Wißt,« sprach er, »daß sobald Ihr wollt,
Ihr jederzeit mich haben sollt!
Doch haltet Alles wohl versteckt,
Daß Niemand unser Thun entdeckt;
Nehmt vor der Alten Euch in Acht,
Denn sie wird lauern Tag und Nacht,
Sie wird erlauschen unsre Thaten
Und Eurem Herren uns verrathen.
Doch wenn ihr dieses sollt' gelingen,
Wird es den sichern Tod mir bringen.«

Der Ritter ließ in großem Glück
Die eingeschloss'ne Frau zurück,
Sie sprang zur nächsten Morgenstund
Vom Bette heiter und gesund,
Sie pflegte sorglich ihre Glieder;
Die alte Schönheit kehrt ihr wieder.
Nun dünkt's ihr sanfter, hier zu leben,
Als draußen Freuden nachzustreben.
Sie kann gar oft den Liebsten finden
Und selig sich mit ihm verbinden,
So bald ihr Gatte scheiden mag, 146
Zu jeder Stunde Nacht und Tag.
Sie führt mit ihm ein wonnig Leben:
Gott mög' ihr lange Freuden geben!
Von ihrer Herzensfröhlichkeit
In dieser heitern Liebeszeit
Ward ganz verändert ihr Gebahren;
Ihr Herr war schlau und vielerfahren,
Er nahm in seinem Sinne wahr,
Daß sie nicht mehr wie früher war,
Und alsobald ist ein Verdacht
Auf seine Schwester ihm erwacht.
Er sprach zu ihr: »Mich wundert sehr,
Was geht mein Weib geputzt einher?
Was das bedeute, möcht ich fragen.«
Die Alte wußt's ihm nicht zu sagen;
Sie sprach: »Es kann ihr Niemand nahn,
Sie sieht nicht Liebsten noch Galan.
Sie bleibt jetzt öfter nur allein,
Als sie es früher mochte sein,
Nur dieses Eine fällt mir auf.« –
Der Herr, ihr Bruder, sprach darauf:
»Bei Gott, was soll sie da beginnen?
Nun müssen wir ein Ding ersinnen:
Sobald ich mich erhob am Morgen,
Sollt Ihr die Thüren wohl versorgen,
Dann thut vor ihr, sobald sie wach, 147
Als ob Ihr giengt aus dem Gemach,
Und lasset sie allein im Bette,
Doch lauschet an geheimer Stätte,
Wie und woher es kommen mag,
Daß sie so fröhlich Nacht und Tag.« –
Bei diesem Plan sind sie geblieben. –
Ach, schlechtberathen sind die Lieben,
Daß man sie will mit List bewachen,
Um gänzlich elend sie zu machen!

Drei Tag, nach dem's beschlossen ward,
Da rüstet sich der Herr zur Fahrt,
Er sagt der Dame, daß in Gnaden
Der König ihn zu sich geladen,
Doch nicht zu lange bleib' er aus;
Er geht hinweg und schließt das Haus.
Aus ihrem Bett die Alte schlich
Und hinter'n Vorhang stellt sie sich,
Dort schaut und hört sie Alles klar,
Was ihr zu wissen nöthig war.
Die Dame liegt und schläft nicht mehr,
Nach ihrem Lieb verlangt sie sehr,
Und kurze Zeit ist hingezogen,
Da kam der Falk hereingeflogen.
Gar große Lust ist zwischen ihnen
An Worten und an holden Mienen, 148
Bis seine Stunden ihm verrannen;
Dann brach er auf und schied von dannen.
Sein Kommen, Weilen und sein Gehn,
Das hat die Alte wohl gesehn,
Doch fürchterlich bedeucht's ihr gar,
Daß er bald Mensch, bald Falke war.
Nach der Zurückkunft ihres Herrn, –
Der war geblieben nicht zu fern, –
Da sagt sie nach der Wahrheit aus,
Wie jener Ritter kam in's Haus.
Groß Leid hat drob der Herr gewonnen,
Des Ritters Mord ward ausgesonnen:
Daß er des Gastes habe Frieden,
Ließ er vier starke Spieße schmieden
Von Stahl mit spitzgeschliffnem Rand,
Kein schärfres Messer giebts im Land;
Die rammt er unbemerkt und fein
In jenes enge Fenster ein,
Durch das den Weg der Ritter nahm,
Wenn er zur Frau geflogen kam.
Ach, daß ihm fremd blieb dies Beginnen,
Nicht wird er dem Verrath entrinnen!

Vor Sonnenaufgang in der Nacht
Hat sich der Herr schon aufgemacht,
Er wollte jagen, gab er vor, 149
Die Alte öffnet ihm das Thor
Und legt sich nieder noch einmal,
Zu schlafen bis zum Tagesstrahl.
Die Dame harrt, sich sein zu freuen,
An dem sie hängt mit rechten Treuen.
Sie sprach, nun dürft' er zu ihr eilen
Und ganz nach Muße bei ihr weilen.
Kaum hatte sie den Wunsch gethan,
So hörte sie den Liebsten nahn,
Durch's Fenster kam er eingefahren,
In dem die scharfen Spieße waren;
Von einem ward er ganz durchstochen,
Das rothe Blut ist vorgebrochen,
Und weh ward ihm im Herzensgrund,
Er fühlt, er sei zum Tode wund.
Er sank auf's Bett in seiner Noth,
Die weißen Linnen wurden roth;
Sie mußte da mit Schreck und Grauen
Des Freundes Blut und Wunden schauen.
Der Ritter sprach: »Nun ist's erfüllt,
Was ich weissagend dir enthüllt:
Dein froh Gesicht ward zum Verderben,
Ich muß um deinetwillen sterben!«
Da fiel in Ohnmacht sie vor Leid
Und lag wie todt gar lange Zeit.
Ihn drängt's, ihr sanften Trost zu spenden: 150
»Kein Klagen kann mein Schicksal wenden.
Laßt ab, Ihr tragt ein Kind im Schooß,
Das wird ein Degen kühn und groß.
Der wird Euch allem Leid entreißen,
Und Yonec sollt Ihr ihn heißen.
Er rächet unser Beider Noth,
Und unserm Feind bringt er den Tod.« –
Nicht länger kann er sich verweilen,
Das Blut fließt rasch, er muß enteilen,
Er fliegt in großem Schmerz davon;
Die Dame schreit im Jammerton
Und stürzt ihm durch das Fenster nach,
Ein Wunder, daß kein Glied sie brach!
Denn zwanzig Fuß wohl mocht es haben
Von jenem Fenster bis zum Graben.
Sie war fast nackt, im Hemde nur,
So folgte sie des Blutes Spur,
Das tropfend aus des Ritters Wunde
Bei seinem Fluge fiel zu Grunde.
Sie folgt dem Weg, den er genommen;
An einen Berg ist sie gekommen,
Drin eine Höhle sie erschaut,
Die war vom Blute ganz bethaut;
Doch tief im Innern war es Nacht,
Nicht lange hat sie sich bedacht:
»Hier muß er durchgegangen sein.« 151
Mit großer Mühe drang sie ein.
Kein Licht erhellt den finstern Ort,
Sie gieng so lang gerade fort,
Bis sie der Höhle Ausgang fand.
Da war ein schönes Wiesenland
Ganz feucht vom Blute war das Gras,
Mit großem Schmerz erschaut sie das;
Hin durch den Anger lief der Pfad,
Bis einer Burgstadt sie genaht.
Die war von Mauern ganz umgeben,
Da sah man keinen Bau sich heben,
Der nicht erglänzt dem Silber gleich,
Die Hallen waren hoch und reich;
Die Mauern lief ein Sumpf entlang,
Das Burgholz und der enge Gang;
Am anderm Theil ein Wasser floß,
Das ganz den Herrenthurm umschloß,
Drauf schwammen viele Schiffe her,
Dreihundert waren es und mehr.
Geöffnet stand das untre Thor,
Die Frau gieng durch die Burgstadt vor,
Die war ganz öde und verlassen,
Kein Mensch erschien ihr auf den Gassen.
Der Blutspur folgt sie unverwandt,
Bis daß sie vor dem Schlosse stand.
Sie trat hinein mit bangem Muth, 152
Die breite Treppe trof von Blut;
Durch eine Kammer schritt sie hin,
Ein einz'ger Ritter schlief darin,
Sie kannt' ihn nicht und eilte vor
Durch eines zweiten Zimmers Thor,
Wo sie nichts als ein Lager traf,
Drauf lag ein andrer Mann im Schlaf.
Doch ließ sie nicht ihr Suchen sein,
In's dritte Zimmer trat sie ein,
Da lag er, dem ihr Herz so hold;
Die Bettstatt war von reinem Gold,
Die Pracht der Decken nenn ich nicht;
Die Leuchter mit der Kerzen Licht,
Das Tag und Nacht den Saal verklärt,
Die glichen einer Stadt an Werth.
Der Ritter hat sie wohl erkannt,
Sobald sie auf der Schwelle stand;
Sie naht, es beben ihre Glieder,
In Ohnmacht sinkt sie zu ihm nieder.
Er fängt sie auf mit trübem Blick
Und jammert um sein Mißgeschick.
Doch als zum Leben sie erwacht,
Hat er ihr sanften Trost gebracht.
Dann sprach er: »Hier hilft kein Besinnen,
Um Gottes Liebe, geht von hinnen!
Ich sterbe heute noch am Tage; 153
Dann hebt sich hier so große Klage,
Trifft man Euch hier, so müßt mit Qualen
Dem Land Ihr meinen Tod bezahlen.
Denn bald wird es dem Volk bekannt,
Daß ich den Tod durch Liebe fand.
Geht, häuft nicht Angst zu meinem Grame!
»O süßer Freund!« so rief die Dame,
»Viel besser ist's, daß hier ich sterbe,
Als daß mein Gatte mich verderbe!
Er ist zum Tod auf mich erbost.«
Auch hiefür wußt' ihr Liebster Trost:
Ein Ringlein hat er ihr bescheert
Und dessen Tugend ihr erklärt.
Wenn sie ihn trägt, bleibt ihrem Herrn
Erinnerung auf immer fern,
Er wird vergessen ganz des Alten
Und sie nicht mehr im Kerker halten.
Drauf gab er ihr sein Schwert in Hut
Und sprach: »Mein Lieb, bewahrt es gut,
Kein Andrer soll's ans Erden führen,
Nur unsrem Sohne soll's gebühren.
Wenn er zur Mannheit wird erblühn,
Zum tapfern Ritter stolz und kühn,
Dann zieht ihr eines Tags als Gäste
Zu einem heil'gen Kirchenfeste,
Auch Euer Alter ist dabei; 154
In einer stattlichen Abtei
Seht ihr ein Grabmal aufgerichtet,
Das euch von meinem Tod berichtet.
Dann gebt das Schwert in seine Hand
Und macht die Wahrheit ihm bekannt,
Daß er nicht Eures Gatten Kind –
Dann soll man schaun, was er beginnt.« –
Er gab, als dieser Rath zu Ende,
Ein Prachtgewand in ihre Hände
Und hieß sie rasch sich damit kleiden,
Und dann befahl er ihr zu scheiden.
Sie gieng und trug das Ringlein werth
Und ihren Trost, das gute Schwert.
Sie war der Stadt des theuren Herrn
Noch keine halbe Meile fern,
Da hörte sie die Glocken schlagen
Und in der Burg ein lautes Klagen.
Im Herzen ward's ihr offenbar,
Daß nun ihr Freund verschieden war.
Sie fiel mit jammernder Geberde
Viermal besinnungslos zur Erde,
Doch als sie wieder zu sich kam,
Den Weg sie durch den Hügel nahm,
Sie folgt der Höhle unverwandt
Und kam so heimwärts in ihr Land.
Nach ihrem Thurme gieng sie hin 155
Und blieb gar manchen Tag darin;
Nicht wußte mehr ihr alter Gatte,
Was sich mit ihr begeben hatte;
Sie blieb nicht in Gefangenschaft,
Er ließ sie frei von Hut und Haft.

Ein Sohn war ihrer Liebe Frucht,
Der wuchs empor in guter Zucht,
Sie nannt' ihn Yonec, im Reich
Kam ihm kein andrer Jungherr gleich:
Schön war er, kühn im Kampfgefilde
Und von verschwenderischer Milde.
Er reift heran von Tag zu Tag,
Bald gab man ihm den Ritterschlag.
Nun hört mich an, ich will euch sagen,
Was jenes Jahr sich zugetragen.

Am heil'gen Aaronsfest geschah's, –
Zu Carlion begieng man das
Und in den Städten rings im Land, –
Da ward ihr Gatte hinbesandt,
Nach altem Brauch zum Fest zu wallen
Mit seinen Freunden und Vasallen.
In reichem Schmuck zog er davon
Nebst seinem Weib und ihrem Sohn.
So ritten fürder sie durch's Land; 156
Der Weg war ihnen unbekannt,
Drum gieng ein Bursch an ihrer Seite,
Daß er den rechten Pfad sie leite.
Sie kamen auf ein Schloß zur Nacht
Auf Erden glich ihm keins an Pracht.
Ein schönes Kloster war darin
Mit Leuten von gar frommem Sinn.
Dort brachte sie der Bursch zu Gast,
Sie fanden Herberg dort und Rast;
Es lud der Abt sie zu sich ein,
Bewirthet sie mit Speis und Wein.
Am andern Tag zu früher Zeit
Macht sich der Herr zur Fahrt bereit;
Da bat der Abt, nicht so zu eilen,
Sie sollten länger noch verweilen,
Zu schauen sein Capitulum,
Dorment und Refectorium,
Und da so lieblich hier zu leben,
So hat der Alte nachgegeben.

Der Abt gieng nach dem Mahl mit ihnen
Hinunter zu den Officinen;
Sie kamen zum Kapitelsaal,
Da ragt ein hohes Todtenmahl
Von einem reichen Tuch umwallt,
Mit goldnen Fransen manichfalt, 157
Und zwanzig Kerzen brennen hell,
Von reinem Gold ist ihr Gestell;
Wer ist, der ihren Werth ermißt?
Rauchfässer ganz aus Amethyst
Durchräuchern fort und fort die Luft,
Gar hochgeehrt ist diese Gruft.
Die Gäste wollten Kunde haben
Von dem, der hier so stolz begraben,
Und fragten dieses Landes Leute,
Was solcher Trauerpomp bedeute.
Die weinten laut und sagten dann
Den Fremden diese Kunde an:

»Hier liegt ein hoher Held, fürwahr,
Der Beste, den ein Weib gebar;
So schön und so geliebt wie er,
Lebt wohl auf Erden keiner mehr.
Er war der König hier im Land,
Von edlem Sinn und milder Hand;
Zu Caërvent kam er in Noth,
Um eine Frau fand er den Tod.
Kein König thront seitdem im Saal:
Wir harren, wie er uns befahl,
Auf seinen Sohn manch langes Jahr,
Den jene Dame ihm gebar.« – 158
Da rief die Frau mit lautem Ton
Und sprach zu ihrem jungen Sohn:
»Mein schönes Kind, hast du vernommen?
Wir sind durch Gott hieher gekommen.
Es ist dein Vater, der hier ruht,
Er starb durch dieses Alten Wuth.«
Sie spricht's und reicht das Schwert ihm dar,
Das lang von ihr verborgen war,
Und als sie alles wohl verkündet,
Wie sie dem Ritter sich verbündet,
Und wie er kam und wie er schied,
Und wie der Alte ihn verrieth,
Da sank sie auf das Grabmal nieder
Und regte nie die Lippen wieder.
Der Sohn sah sie des Geists beraubt
Da hieb er ab des Alten Haupt
Und rächte so mit einem Schlage
Des Vaters Schmerz, der Mutter Klage.
Darauf als diese neue Kunde
Die Stadt durchflog von Mund zu Munde,
Hat man die Frau mit Ehr und Pracht
In einen reichen Sarg gebracht:
Bei ihrem Freund senkt man sie ein, –
Gott mag den Beiden gnädig sein!
Ihr Sohn regierte drauf im Frieden,
Bis er aus dieser Welt geschieden. 159

Treu dem Bericht, den wir erfahren,
Singt noch das Volk in spätern Jahren
Vom Liebesbunde jener Beiden,
Von ihrer Qual und ihren Leiden. 161

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