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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Lied von den zwei Liebenden.

Lai des deus Amanz.Dieses Gedicht oder das Volkslied, nach dem es geschrieben ist, wird auch im Roman de Giron le Courtois erwähnt: Tenoit une harpe, et harpoit, et chantoit tant doulcement un lay qui avoit esté fait nouvellement, et qui etoit appellé le lay des deux amans.

         

Bei den Normannen ward mir theuer
Ein vielgehörtes Abenteuer
Von zweier junger Herzen Noth,
Die eins im Leben und im Tod.
Ein Lied geht durch's Bretonenland,
»Die beiden Liebenden« genannt.

In Neustrien, das wohl wir kennen,
Und das wir Normandie benennen,
Da steht ein hoher Berg fürwahr,
Und droben ruht das junge Paar.
Ein König ließ auf grünen Au'n
Beim Berg sich eine Stadt erbau'n;
Er war der Herrscher der Pistreisen
Und Pistre ward die Stadt geheißen.
Der Name währte fort und fort,
Noch sieht man Stadt und Häuser dort,
Und wohlvertraut ist uns das Land,
Das Thal von Pistre wird's genannt.Pistre, heute Pître, ist ein altes königliches Schloß an der Seine gegenüber der Stadt Pont de l'Arche oberhalb Rouen. In der Nähe der letztern Stadt liegt noch heute auf einem 350 Fuß hohen Berge eine Priorei des deux Amants. 126

Der König hatt' ein Töchterlein
Von Antlitz hold, von Sitten fein;
Zum Trost war ihm das Kind geboren,
Früh hatt' er sein Gemahl verloren,
Und er beschloß für's ganze Leben
Sie nicht aus seinem Hans zu geben.
Das wollt' ihm Jeder übel deuten,
Er ward gerügt von allen Leuten.
Als solche Reden er vernahm,
Sein Herz in Leid und Sorgen kam,
Und er hub an zu sinnen,
Wie er es sollt' beginnen,
Daß Niemand mehr sein Kind begehre;
Da ließ verbreiten er die Mähre,
Wollt' einer seine Tochter frei'n,
Kund sollt ihm und zu wissen sein:
Wer zu dem Berge vor dem Thor
Sie mit den Armen trüg' empor,
Doch ohne einmal nur zu ruh'n,
Dem wollt' er ganz nach Willen thun.

Als diese Mähre ward bekannt
Und weitverbreitet durch das Land,
Da fuhren hin der Freier viel,
Doch ihrer keiner kam zum Ziel.
Wer auch mit angestrengtem Schritte 127
Sie trug bis zu des Berges Mitte
Der mußte müde stille steh'n
Und konnte nimmer weiter geh'n.
So kam's, daß alle Freier schieden,
Das Königsfräulein hatte Frieden.

Nun lebt' ein schöner Knab im Land,
Ein Grafensohn von hohem Stand;
Der hatte nur nach Preis zu streben
Sich vorgesetzt für's ganze Leben.
Der Jungherr gieng im Königshaus
Seit frühen Jahren ein und aus;
Der König war ihm sehr gewogen,
Denn er war klug und wohlgezogen.
Er aber liebt' sein Töchterlein
Und sprach gar viel mit ihr allein
Und bat sie lang mit treuem Sinne
In Heimlichkeit um ihre Minne.
So traf sich oft das junge Blut,
Sie wurden sich von Herzen gut;
Doch sorgten sie, daß ihre Liebe
Den Leuten stets verborgen bliebe;
Ob ihnen das auch Schmerzen trug,
Der treue Jungherr dachte klug,
Viel besser ist der Schmerzen Last
Als Untergang durch eig'ne Hast. 128
Doch immer schwerer ward sein Sinn.
Da gieng er einst zum Fräulein hin,
Und unter Klagen sagt er ihr:
»Du holdes Liebchen, flieh mit mir,
Ich fleh' dich an viel tausendmal,
Nicht länger trag ich diese Qual.
Sag' ich dem Vater mein Begehr,
Ich weiß, er liebt dich allzusehr,
Nicht wird die Werbung mir gelingen,
Kann ich nicht sein Gebot vollbringen
Und dich zum hohen Berge tragen.«
Das Fräulein spricht auf diese Klagen:
»Ich weiß, zu mühsam ist der Lauf,
Ihr tragt mich nimmermehr hinauf.
Nicht ist Euch solche Kraft verlieh'n,
Doch sollt ich heimlich mit Euch flieh'n,
So wär' mein Vater freudenarm
Und lebte fort in Zorn und Harm,
Ich halt' ihn lieb und hoch in Ehren
Und will ihn nicht mit Leid beschweren.
Laßt uns auf andre Mittel sinnen,
Denn dieses weis' ich ganz von hinnen.
Es lebt mir eine Muhme fern
Mit reichen Schätzen in Salern;Salerno. Die berühmteste medicinische Hochschule des Mittelalters.
Dort war sie mehr als dreißig Jahr,
Physik versteht sie ganz und gar, 129
Sie kennt der Medicinen Kraft
Und aller Kräuter Eigenschaft.
Wollt Ihr zur Fahrt Euch nun bequemen
Und meine Briefe mit Euch nehmen
Und ihr das Abenteuer künden,
So wird sie guten Rath ergründen.
Sie wird in ihren Büchern schau'n
Und einen solchen Trank Euch brau'n,
Daß Ihr von seinen feinen Säften
Sollt kommen zu gewalt'gen Kräften.
Mit diesem ziehet heim sodann
Und haltet offen um mich an:
Mein Vater glaubt, Ihr seid ein Fant
Und macht Euch das Gesetz bekannt,
Daß mich kein Einz'ger wird erringen,
Dem nicht die Arbeit sollt' gelingen,
Daß er in ruhlos stetem Lauf
Mich trage diesen Berg hinauf.«
Der Knabe hört die Kunde
Aus seines Mädchens Munde.
Da dankt er ihr an Freuden reich
Und Urlaub heischt er alsogleich.
In Eile wandert er nach Haus,
Zur Reise rüstet er sich aus
Mit Teppichen von bunten Säumen,
Lastthier und Zelter läßt er zäumen, 130
Und die getreusten seiner Mannen,
Die nimmt der Jungherr mit von dannen.

So ritt er durch die Lande fern,
Die Muhme fand er in Salern;
Er gab den Brief in ihre Hände,
Sie las vom Anfang bis zum Ende.
Dann forscht in einsamem Gemach
Sie sorgsam seinem Wesen nach;
Auspreßt sie manche Medicin,
Und einen Trank braut sie für ihn,
Der, sollt er noch so kraftlos sein
Und abgequält in Müh' und Pein,
Den Leib ihm schaffe frisch und stark
Bis in die Adern, bis in's Mark, –
Und so, daß ihn die Kraft durchdringe,
Sobald er ihn zum Munde bringe.
Der frohe Jüngling sagt ihr Dank
In ein Gefäß gießt er den Trank;
Dann kehrt er um in raschem Lauf,
Doch hält er sich daheim nicht auf.
Einsprengt er durch des Schlosses Thor
Und bringt dem Herrn die Werbung vor
Und sagt ihm gleich, er wollt' es wagen
Die Maid den Berg hinaufzutragen.
Der König sprach kein Wort dagegen, 131
Die Thorheit schien ihm zu verwegen;
Der Werber däucht ihm doch zu jung,
Wo Männer klug und stark genung
Versucht das Mühsal zu vollbringen,
Doch ohne bis an's Ziel zu dringen.
Und er bestimmt ihm einen Tag
Und lädt dazu, wer kommen mag;
Er sendet rings umher zu allen
Zu seinen Freunden und Vasallen,
Den Jungherrn mit der Maid zu sehn,
Der jenes Wagniß wollt' bestehn,
Mit ihr den Berg hinan zu schreiten;
Sie kamen her von allen Seiten.

Das Fräulein machte sich bereit
Und fastete die ganze Zeit,
Damit an dem Entscheidungstage,
Der liebe Freund sie leichter trage.
Und bei des Tages erster Helle
War schon der junge Held zur Stelle.
Auf grünem Wiesenlande
Hinab am Seinestrande
Da sitzt das Volk in langen Reihn,
Der König bringt sein Töchterlein.
Ein Hemd war einzig ihr Gewand, 132

Drauf hat der Jüngling sie umspannt.
Sein Zauberfläschlein seltner Art, –
Er weiß, daß sie's ihm wohl bewahrt, –
Giebt ihrer Hand er nun in Hut;
Ich fürcht', es wird ein unnütz Gut
Durch seine maßlos trotz'gen Sitten, –
Fort trägt er sie mit großen Schritten.
So stieg der junge kühne Mann
Mit ihr den halben Berg hinan,
Ihm schafft's ein wonniges Erbangen,
Die zarten Glieder zu umfangen,
Und drum vergißt er ganz zu trinken,
Sie aber fühlt ihn mälig sinken.
»Freund,« sprach sie, »trink von deinem Saft!
Er wird dir bringen neue Kraft;
Ich fühl es, matter wird dein Lauf.«
Der Jüngling aber sprach darauf:
»Mein Herz ist stark, ich trag dich fort,
Hier ist zu ruhen nicht der Ort.
Zu trinken bleib ich nimmer stehn,
So lang ich kann drei Schritte gehn,
Die Leute schrieen sicherlich,
Und ihr Gelärm verwirrte mich,
Ich würde schwindlig ganz und gar.
Nein, nein, hier halt ich nimmerdar.« 133

Als er zwei Drittel aufwärts drang,
Da schwankt und taumelt er im Gang.
Gar oftmals bat das Mädchen ihn:
»Du Süßer, trink die Medicin!«
Er wollt' nichts hören und nichts glauben,
In Mühsal schritt er und im Schnauben;
Gleich ist er oben auf dem Berg, –
Er ist's, vollendet ist das Werk –
Da stürzt er lautlos nieder
Und hebt sich nimmer wieder.
Die Seele seinem Leib entrann;
Das Mägdlein blickt den Liebsten an,
Und Ohnmacht dünkt ihr sein Erbleichen,
Sie kniet, um ihm den Trank zu reichen.
Doch seine Lippe rührt sich nimmer,
Gebrochen ist der Augen Schimmer,
Sein Herz ist todt – es ist vorbei!
Aufschrickt das Kind mit hellem Schrei.
Sie warf das Zauberfläschlein fort, –
Rings ward bethaut der wüste Ort,
Und tausend süße Blumen sprossen,
Wohin der feine Trank geflossen.

Nun soll ich sagen, was geschah,
Als ihn das Fräulein sterben sah?
Hinstreckt sie sich in stummem Harm 134
Und drückt ihn fest in ihren Arm,
Sie küßt ihm Aug' und Mund im Schmerz, –
Da dringt der Jammer ihr an's Herz.
So starb das Kind von hoher Art,
Das Königsfräulein klug und zart.

Lang harrten unten in dem Thal
Der König und das Volk zumal;
Doch als sie keines kommen sahn,
Da stiegen sie den Berg hinan.
Zu Boden fiel der Fürst sofort,
Doch als er kam zu Sinn und Wort,
Da ließ er mit den Gästen allen
Gar lauten Klageruf erschallen.
Und als der vierte Tag erwacht,
Da ward ein Marmorsarg gebracht,
Die beiden Kinder legt man drein
Und senkt sie auf dem Berge ein.
So riethen Volk und Königmannen;
Dann huben Alle sich von dannen.

Noch heute wird der Berg im Land
Li munz des deus Amanz genannt.
Darüber haben, wie berichtet,
Bretonen sich ein Lied gedichtet. 135

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