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Gutenberg > Marie de France >

Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Lied von Lanval.Dieses prächtige Feenmärchen scheint unter den Lais der Marie de France den meisten Anklang gefunden zu haben; es ist uns in drei Handschriften erhalten und wurde zweimal in's Altenglische übersetzt. Im Gang der Handlung lehnt es sich an ein älteres Lied, das Lai von Graëlant, welches von Roquefort gleichfalls aber mit Unrecht Marie de France zugeschrieben wurde. Die in roherer Form erzählte Geschichte ist folgende. Graelant ist ein Ritter am Hofe des Königs von der Bretagne, dessen schöne Gemahlin in Liebe für ihn entbrennt, als er ihre Werbung zurückweist, verleumdet sie ihn beim König, so daß ihm dieser alle Unterstützung entzieht und ihn verarmen läßt. Da lockt den Ritter eines Tags eine Hindin zu einem Bach im Wald, wo eine schöne Dame badet; er raubt ihr die Gewande und unterwirft die Spröde mit Gewalt seiner Minne. Nun giebt sie sich als Fee zu erkennen und stellt an ihn dieselben Anforderungen, wie Lanvals Geliebte (im englischen Gedicht Tryamour geheißen). Er wird reich und zieht auf ein Turnier an den Hof; dort läßt der König vor den versammelten Gästen seine Gemahlin erscheinen und fragt, ob ein schöneres Weib auf Erden sei. Alle bewundern einstimmig ihre Schönheit, Graelant allein blickt vor sich hin und schweigt. Die Königin bemerkt es und macht den König aufmerksam, daß Graelant sie nicht loben wolle. Nun wird der Ritter zu einer Erklärung gedrängt: er hält dem König die Thorheit vor, seine Frau zur Schau auszustellen, und fügt bei, daß er übrigens eine Dame kenne, welche dreißig solcher aufwiege. Darauf wird er in Anklagestand versetzt und die Geschichte verläuft wie im Lai de Lanval. Nur ist Graelants Fee nicht so schnell wegen seines Wortbruchs zu versöhnen, sie flieht vor ihm in die Waldquelle, er stürzt ihr nach, aber sie setzt ihn wieder an's Ufer, erst als er zum zweiten Mal in das Wasser springt und schon von den stürmischen Wellen fortgerissen wird, fühlt sie Erbarmen mit ihm und entführt ihn in ihr Land. Die Bretonen glauben, daß Graelant immer noch lebe. Sein Roß aber kam lange noch alljährlich an die Stelle, wo es ihn verloren hatte und suchte mit Wiehern und Scharren den verschwundenen Herrn. – Graelant ist, wie das Lied selbst sagt, der alte halbmythische Bretonenheld Graalant-Mor aus dem fünften Jahrhundert, von dem sich noch bis in die neuere Zeit Sagen und Lieder erhalten haben.

             

Nun will ein andres Lied ich wählen,
Sein Abenteuer euch erzählen,
Bretonen heißen es Lanval,
Das war ein adlicher Vasall.

Zu Carduel im Königsschloß
Hielt Artus Hof mit reichem Troß,
Er lag im Kampfe mit den Rotten
Der wilden Pikten und der Schotten,
Die Logrien gar hart beschwerten,Logrien, Lloegrwys, ein alter wälischer Name für England.
Mit Raub und Brand das Land verheerten.
Auf einen Pfingstentag geschah's,
Daß Artus dort zu Hofe saß,
Mit reichen Gaben zu belohnen
All seine Grafen und Baronen,
Die Herren von der Tafelrunde,
Von keinen Bessern ward mir Kunde.
Er theilt an alle Land und Macht,
Ein einz'ger nur blieb unbedacht, 98
Es war Lanval, den er vergessen,
Und auch kein Andrer mahnt ihn dessen;
Denn Lanval's Schönheit, Lanval's Stärke
Und seine ritterlichen Werke
Hat längst das Höflingsvolk beneidet,
Und so war er den Herrn entleidet,
Daß keiner sich beklagen wollte,
Wenn ihn ein Unfall treffen sollte.
Er war von königlichem Blut,
Doch ferne lag sein Vätergut.
Lang hat im Hofstaat er verweilt
Und seine Habe ganz vertheilt,
Denn Artus hat ihm nichts bescheert,
Noch Lanval selbst etwas begehrt.
Da kam der Held zu trübem Sinn,
Er dacht' in Nöthen her und hin.
Ihr Herren, stoßt euch nicht daran,
Er war ein rathlos fremder Mann;
Weh, wenn ihr fern der Heimaterde
Nicht wißt, woher euch Hülfe werde!

Der Ritter, den ich euch genannt,
Der lang in Königs Diensten stand,
Schwang eines Tages sich zu Roß
Und ritt zur Kurzweil aus dem Schloß.
Fern aus der Stadt lenkt er den Lauf 99
Und ritt an einem Fluß hinauf,
Der reißend über Wiesen floß;
Da scheut' und schwindelte sein Roß,
Er löst den Gurt ihm, läßt es grasen
Und wälzen sich auf grünem Rasen.
Er selber legt sich in die Kühle
Und nimmt den Mantel sich zum Pfühle,
Der Sorgen voll und wenig munter
Liegt er und blickt den Strom hinunter.
Da sieht er fern zwei Fräulein nah'n,
Schön, wie sie nie die Augen sah'n;
Ein dunkles purpurnes Gewand
Hielt ihre Lenden knapp umspannt,
Ihr Kleiderschmuck war reich und licht,
Und lieblich war ihr Angesicht.
Die Aeltre trug ein Becken fein
Von zierem Golde klar und rein;
Nicht will ich mich vom Wahren wenden,
Die Andre trug ein Tuch in Händen.
Sie giengen grad dem Orte zu,
Wo Lanval pflag der Mittagsruh.
Lanval, der wohlerzogne Degen,
Sprang auf und gieng den Frau'n entgegen.
Sie grüßten ihn mit holdem Mund
Und thaten ihre Botschaft kund:
»Sir Lanval, unser Fräulein zart, 100
Die gar von schöner, hoher Art,
Schickt uns zu Eurem Frommen:
Wollt Ihr nicht mit uns kommen?
Wir führen sicher Euch zu ihr,
Das Lustzelt steht nicht fern von hier.« –
Schnell ward der Held ihr Weggenoß,
Nicht länger dacht' er an sein Roß,
Das vor ihm gras't im grünen Feld;
Sie kamen bald zum Lustgezelt,
Das war so herrlich, daß gewiß
Die Königin Semiramis, –
Wär' sie auch von noch klüg'rem Wesen,
Noch reicher, mächtiger gewesen, –
Selbst Kaiser Octavian der Hehre
Zu arm, um es zu kaufen, wäre.
Ein Adlerbildniß sah man ragen,
Nicht weiß ich seinen Werth zu sagen,
Noch den der Pflöcke und der Seile,
Die hielten des Gezeltes Theile.
Und eine Jungfrau liegt darin,
Vor deren Schönheit schwindet hin
Der Lilie Glanz, der Rose Glühen,
Die jung in Sommertagen blühen.
Der Stoff des Bettes ist so reich,
An Werth wohl einem Schlosse gleich,
Darauf die holde Jungfrau liegt 101
Allein vom leichten Hemd umschmiegt,
So ruht ihr Leib nur halb bedeckt
In ihres Mantels Pracht versteckt.
Hervor aus Purpur und Hermin
Enthüllt die volle Hüfte schien,
Und bloß war Antlitz, Hals und Brust,
Die war so zart wie Weißdornblust.

Da trat in's Zelt der edle Mann,
Die schöne Jungfrau rief ihn an;
Zu ihr an's Bette setzt er sich,
Sie sprach: »Mein süßer Freund, um dich
Komm ich aus weiten Landen her,
Nur dich zu schau'n ist mein Begehr.
Und bist du ritterlich und brav,
So soll kein Kaiser und kein Graf
Mehr Freuden schau'n in diesem Leben,
Denn ich bin ganz dir hingegeben.« –

Er sieht sie liegen freudetrunken,
Ihm fällt in's Herz der Minne Funken,
Und jählings lodert die Begier;
Mit holden Blicken sagt er ihr:
»Und seid Ihr, Schöne, so gesonnen,
Schenkt mir mein Schicksal solche Wonnen,
Daß Ihr mich wollt zum Liebsten wählen, 102
So sollt Ihr nichts mir anbefehlen,
Was ich nicht bringe rasch zur That,
Ob thöricht oder klug der Rath.
Ich dien' Euch ganz mit Herz und Hand,
Um Euch verlaß ich Leut' und Land.
Fürwahr das schwerste meiner Leiden,
Das wäre, mich von Euch zu scheiden!«

Als so die Maid ihn reden hört,
Die ganz in Minne ihm gehört,
Da giebt sie Alles ihm in Pflege,
Nun ist er auf dem rechten Wege.
Und sie bescheert ihm eine Gabe,
Nicht braucht er ferner and're Habe:
Daß Alles ihm soll werden,
Was er nur wünscht auf Erden,
Daß Gold ihm wächst in seinen Händen,
Je mehr er dessen mag verschwenden.
»Ich rath Euch, Freund,« so sprach sie dann,
»Ich bitt Euch und befehl Euch an,
Thut Niemand diese Mähre kund!
Denn, Liebster, merket wohl den Grund:
Auf immer wär' ich Euch verloren,
Käm' uns're Lieb' in Menschenohren;
Nie sollt Ihr Blick und Kuß erneu'n,
Noch meines Leibes Euch erfreu'n.« – 103

Da gab er eifrig das Versprechen,
Nie das Geheimniß ihr zu brechen.
Er blieb dem Bett nicht länger fern,
Gar süße Herberg ward dem Herrn,
Und es begann zu nachten,
Eh' sie an's Aufsteh'n dachten,
Doch länger wär' er noch geblieben,
Hätt' ihn sein Lieb' nicht fortgetrieben.
»Auf, süßer Freund, wir müssen eilen,
Ihr dürfet hier nicht länger weilen.
Geht Ihr hinweg, ich bleibe hier,
Doch hört zuvor noch dieß von mir,
Wenn Euer Herz verlanget mein,
So wird kein Ort auf Erden sein,
Auf dem man mag mit Ehren
Nach seinem Lieb' begehren,
Wo ich nicht alsbald Euch erscheine
Und Euch in Minne mich vereine.
Kein Mensch hört meiner Stimme Laut
Und nur von Euch werd ich erschaut.« –
Er küßt die Schöne freudenreich,
Dann ward bekleidet er sogleich,
Die Botinnen, die Fräulein beide,
Umhüllten ihn mit Gold und Seide.
Da mochte auf der weiten Erden
Kein schön'rer Held gefunden werden, 104
Der auch so klug und höfisch war.
Sie reichten ihm drauf Wasser dar,
Das Tuch zum Trocknen, und sodann
Führt man zu Tisch den feinen Mann.
Mit der Geliebten nahm Lanval
Ein köstlich reiches Abendmahl,
Sie legt ihm vor mit heitern Mienen,
Er läßt sich freudig so bedienen.
Doch süß und lieblich deucht ihm gar,
Was ihre Zwischenspeise war:
Mit Mund an Mund zu liegen
Und Leib an Leib zu schmiegen.

Doch als die Mahlzeit war vorbei,
Da führten sie sein Roß herbei,
Gar schön gesattelt, auf der Welt
Fand nie solch reichen Dienst ein Held.
Er nahm drauf Urlaub, sprang zu Roß
Und ritt zurück zum Königsschloß.
Gar oftmals blickt er hinter sich,
Und Schmerz und Sehnsucht ihn beschlich.
Er sann, was ihm begegnet wäre,
Und wie ein Traum däucht ihm die Mähre,
Er schwankt, soll er auf Worte bau'n?
Wird er sie jemals wiederschau'n? 105

    Zur Herberg ritt er ein und fand
Die Mannen all im Festgewand:
Er hielt ein prächtig großes Haus,
Theilt' ungezählte Gaben aus,
Ob's ihn gleich selber Wunder nahm,
Woher ihm all der Reichthum kam.
Es weilt kein Ritter in der Stadt,
Der Hülf und Obdach nöthig hat,
Den Lanval nicht zu sich entbeut,
Mit edler Gastlichkeit erfreut.
Lanval schenkt Gaben reich und groß,
Lanval kauft die Gefangnen los,
Lanval reicht Kleider den Jongleren,
Lanval kommt zu gewalt'gen Ehren.
Hei, wie sein Herz in Freuden lacht!
Sei es bei Tag, sei es bei Nacht,
Stets kann er schau'n sein Lieb im Stillen,
Und Alles geht nach seinem Willen.

Im selben Jahr begab sich's dann,
Bald nach dem Fest von St. Johann,
Daß dreißig Ritter hochgeboren
Zur Kurzweil zogen aus den Thoren
Nach einem schatt'gen Garten hin,
Nah bei dem Thurm der Königin;
Und unter ihnen war Gawain 106
Mit seinem schönen Freund Iwein.
So sprach Gawain, der kampfgewandte,
Den jeder liebte, der ihn kannte:
»Bei Gott! Ihr Herren, hört mich recht!
Wir handelten an Lanval schlecht,
Der ein so höfischer Baron
Und eines mächt'gen Königs Sohn,
Daß, als wir aus dem Schlosse kamen,
Wir ihn nicht mit zum Spiele nahmen.«
Da zogen sie vor Lanvals Haus
Und führten ihn mit sich hinaus.

In dem durchbrochnen Fenster lag
Die Herrin diesen Nachmittag,
Drei Damen saßen neben ihr.
Die Königin sah mit Begier
Auf Lanvals blühende Gestalt,
Der Damen eine rief sie bald,
Nach allen Fräulein auszuschicken,
Den schönsten, die am Hof zu blicken,
Daß sie mit der Gebieterin
Lustwandelten zum Garten hin.
Wohl mehr als dreißig ließ sie rufen
Und stieg hinab des Thurmes Stufen.
Gar fröhlich wandten sich die Degen
Den königlichen Frau'n entgegen, 107
Und führten zierlich und gewandt
Die Damen plaudernd an der Hand.

Lanval gieng abseits durch den Garten
Allein in sehnendem Erwarten;
Ihn drängt's, die Liebste zu empfangen,
An ihrer schönen Brust zu hangen,
Und dem, der solches Glück begehrt,
Dünkt Andres nicht begehrenswerth.
Als ihn ersah die Königin,
Gieng ungesäumt sie zu ihm hin,
Saß nieder zu dem theuren Mann
Und sagt ihm all ihr Sehnen an:
»Lanval, ich hab' Euch stets geehrt,
Ihr seid mir lieb und innig werth.
Mein ganzes Herz ist Euer,
Sagt mir, bin ich Euch theuer?
Ich will, deß sollt Ihr fröhlich sein,
Euch all mein heimlich Minnen weihn!« –
Er sprach: »Laßt mich in Recht und Pflicht,
Nach Eurer Minne dürst ich nicht!
Lang dien' ich Eurem hohen Herrn
Und dien' ihm ehrlich, bleibt mir fern!
Nicht wegen Euch, noch Eurer Minne
Komm jemals mir Verrath zu Sinne!« –
Da zürnt die Frau im Herzensgrund, 108
Und üble Worte sprach ihr Mund:
»Lanval, mir ist es wohl bewußt,
Ihr liebtet niemals solche Lust.
Nicht dürstet Ihr nach Frauenliebe,
Ich hör's, Ihr heget andre Triebe.
Von Knaben seid Ihr hold umgeben,
Mit diesen wißt Ihr wohl zu leben.
Ha, Feigling, niedrig und mißrathen!
Mit Euch ist Artus schlecht berathen:
Daß er Euch nicht vom Hof verbannt,
Das büßt er in der Hölle Brand!«Die Knabenliebe, welche besonders durch die Kreuzzüge im Abendland bekannt wurde, wird auch anderwärts spröden Rittern von minnebegehrenden Damen vorgeworfen (so in einem Gedicht der Berner Liederhandschrift). Die Derbheit der Stelle war nicht zu umgehen, wenn man nicht der ganzen Erzählung den Nerv abschneiden wollte. Mr. Way, der das Gedicht in's Englische übersetzte, ist hiefür ein klägliches Beispiel, seine Verehrbarung unserer Stelle lautet folgendermaßen:

In fine, the sequel of my tale to tell,
From the shent queen such bitter slander fell,
That with an honest indignation strong
The fatal secret 'scap'd Sir Lanval's tongue.
    Fabliaux or Tales, London 1815, III, p. 227.

Wie Lanval's Herz dies Wort durchsticht,
Da säumt er mit der Antwort nicht
Und redet zornig unbedacht,
Was ihn in großes Leid gebracht:
»Frau Königin, mit solchem Streben
Hab' ich mich niemals abgegeben.
Doch hab' ich mir ein Lieb erkürt,
Dem aller Schönheit Preis gebührt
Vor jedem Weib der Erden,
Die Wahrheit soll Euch werden,
Bewahrt sie sorglich: Jede Zofe,
Die meiner Freundin folgt am Hofe,
Die allerärmste Dienerin
Gilt mehr als Ihr, Frau Königin, 109
An Antlitz, Leib und Jugendblüthe,
An feiner Zucht und Herzensgüte.«
Aufstand die stolze Königin
Und gieng hinweg mit grimmem Sinn,
Gar schmerzlich ward ihr diese Schmach,
Sie sucht mit Weinen ihr Gemach
Und legt sich krank daselbst zu Bette:
»Nie mehr verlaß ich diese Stätte,
Giebt mir der König für mein Leid
Nicht völlige Gerechtigkeit.«

Heim kehrt der König von der Jagd,
Die heut vor Allem ihm behagt,
Und geht zum Zimmer seiner Dame.
Die ruft ihn an in bittrem Grame,
Fällt nieder, fleht um seine Gnaden:
»Lanval hat mich mit Schimpf beladen!
Er dachte meiner zu genießen,
Und als ich ihn zurückgewiesen,
Da schalt er und verhöhnt' er mich,
Und einer Freundin rühmt er sich,
Die sei so schön von Geist und Mienen,
Und unter allen, die ihr dienen,
Sei mehr als ich die ärmste Magd.
Dieß sei, mein König, Euch geklagt!« – 110

Herrn Artus war das grimm und leid,
Er schwur mit einem hohen Eid:
»Kann er nicht Rechenschaft mir geben,
So geht es wahrlich ihm an's Leben!«

Er eilt hinweg, der Ritter drei
Ruft er sofort zu sich herbei
Und sendet sie nach Lanval aus. –
Der war gekommen in sein Haus
Und hatte jammernd schon erkannt,
Daß sich sein Lieb von ihm gewandt.
Sein Glück war hin; in jenem Streit
Verrieth er ihre Heimlichkeit.
Im Zimmer saß er ganz allein,
Gedankenvoll in Angst und Pein.
Er ruft des holden Namens Klang,
Er ruft ihr laut und ruft ihr lang,
Er klagt und seufzt mit bangem Munde
Und stürzt besinnungslos zu Grunde.
»Vergieb mir!« rief er fort und fort,
»O sag' mir nur ein einz'ges Wort!«
Er schilt mit Flüchen Mund und Herz,
Fast legt er Hand an sich im Schmerz;
Nicht enden will er mehr, zu klagen
Und jammernd seine Brust zu schlagen.
»Nur soviel Gnade hab für mich: 111
Ein einzig's Mal noch zeige dich!« –
Weh, wie doch wird's dem Armen geh'n,
Wenn er soll Artus Rede steh'n?
Da kamen, die der Herr gesandt:
»Lanval, nun folgt uns unverwandt,
Artus, der König, schickt uns her,
Die Königin verklagt Euch schwer.«
Der Ritter folgte dem Gebot,
Am liebsten litt er gleich den Tod.
Und als er vor den König kam,
Da stand er stumm vor Sorg' und Gram,
Von großem Schmerz ein rührend Bild.
Doch Artus rief ergrimmt und wild:
»Vasall, Ihr sprecht gar unbesonnen
Und habt ein schlechtes Spiel begonnen,
Daß Ihr mit Schimpf mein Haupt beschwert,
Den Ruf der Königin entehrt.
Ihr prahlt in rechter Thorheit gar,
Sehr stolz ist Euer Lieb fürwahr,
Wenn ihre ärmste Dienerin
Mehr werth ist als die Königin!« –

Lanval erwehrt sich jeder Schmach,
Daß er vom König Schlimmes sprach;
Entschlossen war er, nicht zu sagen,
Was ihm die Herrin angetragen, 112
Doch Alles, was er selber sprach,
Das gab er an der Wahrheit nach. –
Die Liebe, der er sich vermessen,
Die hat ihn, ach, nun selbst vergessen. –
Die Sache mag der Hof erwägen,
Er sieht dem Spruche stumm entgegen.
Der König stand in Zornesflammen,
Er rief das ganze Haus zusammen,
Sie sollten ihren Rath ihm spenden,
Die Sache rechtlich zu vollenden.
Sie thaten, wie der Herr befahl,
Zusammen giengen sie zumal,
Und, wie es Artus auch gefalle,
Als gut und klug befanden Alle,
Daß einen Rechtstag man besende,
Der Held mit Bürgen sich verpfände,
Den Richtern sich zu stellen,
Daß sie das Urtheil fällen;
Das wär' vor seines Gleichen Allen,
Vor dem Gesammthof der Vasallen.Zuerst wird Lanvals Rechtsfall der maisnie, den Rittern des Hofs. vorgelegt; diese aber erklären sich für incompetent und verweisen die Sache an das Vasallengericht.
Hingiengen da die Herrn zur Stund
Und thaten dieß dem König kund.
Der fragte nach den Bürgen da,
Lanval in Sorgen um sich sah.
Er war verlassen und allein,
Da stellt zum Bürgen sich Gawain 113
Und nach ihm seiner Freunde Schaar.
Der König sprach: »Gebt Pfänder dar!
Ein Jeder setzt für sich, was ihr
An Lehn und Land empfiengt von mir!«
Als rechtlich dieß vollbracht die Mannen,
Gieng Lanval heimwärts nun von dannen,
Die Ritter gaben ihm Geleite
Und schritten tröstend ihm zur Seite,
Der Kraft gemahnten sie sein Herz,
Verwünschten seinen Liebesschmerz.
Und jeden Tag sah man sie geh'n,
Um nach des Ritters Thun zu seh'n,
Ob er auch esse, ob er trinke
Und nicht im Leide ganz versinke.

Am festgesetzten Tag darauf
Versammeln sich die Herrn zu Hauf,
Der König und die Königin;
Die Bürgen führten Lanval hin.
Gar Manchen Mitleid da beschlich,
Dreihundert waren's sicherlich,
Die Alles gerne setzten ein,
Um ihn zu retten, zu befrei'n.
Doch Artus zeiht ihn großer Schuld,
Der drängt die Herrn voll Ungeduld,
Sie haben über das Verbrechen 114
Nach Klag und Antwort Recht zu sprechen.
Und unter Zweifeln gieng zumal
Die Schaar der Richter aus dem Saal,
Der freie Mann aus fremdem Land
Schuf ihnen Sorgen mancherhand.
Die Einen wollten ihn verderben,
Des Königs Gunst sich zu erwerben.
Da sprach der Herzog von Cornwall:
»Hier ist nicht König, nicht Vasall,
Mag's dem auch lieb, dem leidig sein,
Das Recht geht seinen Weg allein.
Ihr edlen Herrn, hier schuldigt an
Der König seinen Lehensmann,
Daß er geschworner Treu vergaß,
Weil er zu rühmen sich vermaß
Sein eig'nes Lieb in solcher Art,
Daß uns're Herrin zornig ward.
Der König zeugt für sich allein,
Die Klage würde rechtlos sein,
Doch er ist Herr, und sein Begehren
Das müssen seine Mannen ehren.
Drum sollt' es Lanval wohl gelingen,
Sein Lieb als Rechtsschutz beizubringen.
Ist sie so schön, wie er gesagt,
So ist er fälschlich angeklagt,
Das kann die Herrin nicht verdrießen, 115
Dann soll er alle Huld genießen.
Doch schafft er den Beweis uns nicht,
So scheid' er aus der Lehenspflicht
Und bleibe fortan unserm Herrn
Und dessen Haus- und Hofdienst fern.«

Zum Ritter schickten sie sofort
Und baten ihn mit mildem Wort,
Nach seiner Dame hinzusenden,
Damit sie käm', ihm Schutz zu spenden.
Er aber sprach: »Wie kann ich das,
Da mein auf immer sie vergaß?«
Die Nachricht brachte man den Herrn,
Daß Lanval jede Hoffnung fern.
Doch Artus drängt, des Rechtes Gang
Deucht seiner Königin zu lang.

Als sie zum Schlusse wollten schreiten,
Da sahen sie zwei Fräulein reiten
Auf einem weißen Zelterpaar,
Von Anblick hold und wunderbar:
Um ihre schönen nackten Glieder
Fiel nur ein Purpurcindal nieder.
Drauf schauten die Barone gern;
Gawain mit dreien edlen Herrn
Gieng hin, wo Lanval stand beklommen, 116
Zeigt ihm die Fräulein, die gekommen.
»Nun freu' dich, Lanval, sag' uns frei,
Ist deine Dame nicht dabei?« –
Er schüttelt trüb das Haupt und spricht:
»Ich kenne diese Fräulein nicht!« –
Sie kamen näher alsobald,
Sie waren reizend von Gestalt,
Voll Anmuth und voll Courtoisie;
Vor Artus Hochsitz ritten sie,
Zur Erde stiegen sie sodann
Und huben so zu sprechen an:
»Herr König, laßt uns Zimmer geben,
Schmückt sie mit köstlichen Geweben,
Denn uns're Dame folgt uns nach,
Sie hofft von Euch wohl gut Gemach!« –

Artus gewährt es ihnen gern,
Er rief herbei zwei edle Herrn,
Sie kamen schnell und führten fein
Die Damen in die Zimmer ein.

Der König ließ den Hof befehlen,
Nicht länger hin und her zu wählen,
Ihm schaff' es Aerger und Verdruß,
Er dringe streng nun auf Beschluß. – 117

»Vergebt, Herr, daß wir Rücksicht nahmen,
Als diese beiden Fräulein kamen.«
So sprach der Hof: »Wir hielten ein,
Bald soll der Rath beendet sein!« –
Auf's Neue setzten sie sich nieder,
Die Stimmen lärmten hin und wieder.

Da kam, so lange sie noch stritten,
Ein and'res Damenpaar geritten.
Hispanische Mäuler trugen sacht
Die holden Frau'n in Schmuck und Pracht,
Man sah die Mäntel glänzend wallen;
In Freuden saßen die Vasallen,
Sie sagten sich mit frohen Mienen:
»Nun ist Herrn Lanvals Heil erschienen.«
Gawain gieng hin mit schnellem Schritt,
Und seine Freunde giengen mit.
»Nun freut Euch, Lanval, trüber Mann,
Um Gottes Liebe sagt uns an:
Es kommen and're Frau'n geritten
Gar wohl geziert und hold von Sitten,
Da muß wohl Eure Liebste sein.«
Doch Lanval sprach ein kurzes Nein:
»Die beiden Fräulein sah ich nie,
Noch kenn' ich sie, noch lieb' ich sie.« – 118

Als sie dem König nahe kamen,
Da stiegen ab die beiden Damen,
Und viele Stimmen priesen laut,
Der Züge Reiz, den Schmelz der Haut.
Fürwahr, sie überstrahlten weit
Die Königin an Lieblichkeit.
Die Aelt're that mit feinem Mund
Dem Herren ihre Botschaft kund:
»Herr König, weis't uns Zimmer an
Drin uns're Dame wohnen kann.
Sie kommt heran um Euch zu schauen.«
Da führte man die beiden Frauen
Zu denen, die vorher gekommen,
Und weitres wurde nicht vernommen.
Doch als sich Artus sah befreit,
Da rief er: »Nun ist's hohe Zeit,
Daß die Barone sich entscheiden,
Nicht längern Unmuth will ich leiden!«
Dem Aufschub zürnt in ihrem Sinn
Die ungeduld'ge Königin.

Doch eh' man die Berathung schloß,
Kam eine Jungfrau hoch zu Roß
Hereingeritten zu den Thoren,
So hold wird keine mehr geboren. 119
Der weiße Zelter naht im Flug,
Der sanft die schöne Bürde trug,
Sein Hals und Kopf war glatt und zier,
Auf Erden lebt kein stolz'res Thier.
Gar reiches Rüstzeug trug das Pferd,
Kein König zahlte seinen Werth,
Wollt' er nicht all sein Gut verschwenden,
Wollt' er nicht Leut' und Land verpfänden.
Ein Hemde trug das schöne Weib,
Durch seine Falten schien ihr Leib;
Gewoben war's von feinen Stoffen,
An beiden Seiten war es offen.
Die Glieder glänzten zart und blank,
Die Brust war voll, die Hüfte schlank,
Ihr weißer Nacken überschimmert
Den Schnee, der frisch auf Zweigen flimmert;
Ihr Aug' war hell, ihr Antlitz rein,
Die Nase grad, die Lippe fein,
Die Braue braun, die Stirne klar
Und wellenreich ihr blondes Haar;
Goldfäden glüh'n und leuchten nicht
Wie dies Gelock' im Sonnenlicht.
Um ihre Brust geschlagen wallten
Des Mantels dunkle Purpurfalten;
Den Sperber hielt sie hoch im Reiten,
Ein Windspiel lief dem Roß zur Seiten. 120
Sie spornt den flinken Zelter an,
Und in der Burgstadt war kein Mann,
Der, als sie durch die Straßen sprengte,
Sich nicht nach ihrem Anblick drängte, –
Und wer sie schaute, dem erglühte
Ein Wunsch der Sehnsucht im Gemüthe.
Ihr folgten Diener und Vasallen,
Ein holdes Wunder däucht sie allen.
Und wieder gieng der Freunde Hauf
Zu Lanval hin in schnellem Lauf
Und thaten ihm mit frohem Mund
Das Nah'n der hohen Dame kund.
»Herr Bruder, auf! Hier sollt Ihr schau'n
Ein Fräulein, das nicht fahl noch braun,
Es ist die lichteste Gestalt,
Die schönste, die auf Erden wallt!«

Da beugt sich Lanval seufzend vor –
Und richtet hoch das Haupt empor,
Ihm steigt das Blut in's Angesicht,
Und mit der Antwort säumt er nicht:
»Bei Gott, das ist die Liebste mein!
Nun ist der Tod mir ohne Pein,
Hab ich auch ihre Huld verloren,
Ihr Anblick macht mich neugeboren!« 121

Die Dame ritt in den Palast,
Der schaute nie solch holden Gast,
Mit Staunen blickten die Barone
Sie stieg vom Roß vor Artus Throne,
Den Mantel ließ sie niederweh'n,
Und Allen sichtbar blieb sie steh'n.
Artus, der Herr voll Curtoisie,
Gieng nach ihr hin und grüßte sie;
Die Andern all mit lichten Mienen
Erhoben sich, um ihr zu dienen.
Sie standen wundernd in der Runde,
Ihr Lob erscholl aus jedem Munde.
Drauf hat zu reden sie begonnen,
Zu weilen war sie nicht gesonnen:
»Ich liebte, König!« hub sie an,
»Sir Lanval, deinen Lehensmann;
Ich seh' verklagt ihn vor euch steh'n,
Doch soll kein Leides ihm gescheh'n.
Denn falsch ist, was die Herrin sagt,
Er ist mit Unrecht angeklagt.
Nach ihr stand niemals sein Begehren,
Und wollt ihr mich in Wahrheit ehren,
So sei nicht peinlich ihm bezahlt,
Daß er mit meiner Huld geprahlt!«
Der Fürst sprach, daß er dem sich eine,
Was den Baronen Recht erscheine. 122

Da war kein Einziger hernach,
Der nicht für Lanval's Unschuld sprach,
So daß sie völlig ihn befreiten;
Die Dame gieng hinwegzureiten.
Vergebens lud sie Artus ein,
Ihr folgten dienend Groß und Klein.
Es ragte bei der Halle Thor
Ein brauner Marmorstein hervor,
Da stiegen in dem Königsschlosse
Die schwerern Herren all zu Rosse.
Dort stand der Ritter voll Verlangen,
Und als die Dame kam gegangen,
Da schwang sich Lanval hinter ihr
In vollem Sprung auf's treue Thier.

Mit seinem Lieb ritt er davon –
Man sagte mir – nach Avalon.Avalon, wälisch Ynys Afallon, die Apfelinsel, oder Ynys Gsydrin, die Glasinsel genannt, heißt ursprünglich ein von Wasser und Sümpfen eingeschlossener Landstrich in Somerset, auf dem das Kloster Glastonbury stand. Im Laufe der Zeit jedoch verstand man darunter eine vom Ocean umflossene Insel der Seligen, wo die entrückten Lieblingshelden des keltischen Volks bis zu ihrer dereinstigen Wiederkehr verweilen.
Nach einer Insel reichbeglückt
Ward unser junger Held entrückt.
Mehr konnt' ich nicht von ihm erfragen
Und weiß euch weiter nichts zu sagen. 123

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