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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Lied von Frêne.

Lai del Freisne.Dieses reizende an Griseldis und an bekannte deutsche Märchen erinnernde Gedicht existiert auch in einer schönen, leider unvollständigen altenglischen Uebersetzung aus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, abgedruckt bei Weber, Ancient metric Romances, Edinburgh 1810, I, p. 357 ff.

               

Von Frêne hört' ich die Geschichte,
Nun horcht mir zu, was ich berichte.

Es wohnten im Bretonenland
Zwei Ritter einst von hohem Stand,
Begütert waren sie und reich,
An edler Rittertugend gleich
Und gute Nachbarn allezeit.
Ein jeder hat ein Weib gefreit.
Von Segen schwoll der Einen Schooß,
Und als sie ward der Bürde los,
Da hatte sie ein Knabenpaar,
Darob ihr Herr gar fröhlich war.
Er schickt in seinem freud'gen Sinn
Dem Nachbarn einen Boten hin,
Zu künden ihm, was sich begeben, 58
Wie reich sein Haus an neuem Leben;
Des Einen Pathe sollt' er sein
Und seinen Namen ihm verleih'n.

Bei Tische saß der edle Mann,
Da kam in Hast der Bote an;
Er kniet beim Hochsitz in den Saal
Und meldet, was sein Herr befahl.
Den Himmel segnet' der Baron
Und gab ein Roß zum Botenlohn.
Nur seine stolze Frau allein,
Die lächelte gar spöttisch drein.
Denn sie war falsch, voll Uebermuth,
Böszüngig und ein neidisch Blut;
Thörichte Reden sie begann,
Und vor den Leuten hub sie an:
»Bei Gott! Mich wundert in der That,
Wer gab dem guten Mann den Rath,
Daß er zu meinem Herren sendet
Mit Botschaft, wie sein Haus geschändet?
Von der Geburt der beiden Knaben
Soll er und sie nur Schande haben:
Wohl weiß ich das, ich muß gesteh'n,
Niemals geschah's, noch wird's gescheh'n,
Daß eine Frau aus eig'ner Kraft
Durch eine einz'ge Schwangerschaft 59
Zwei Kinder mag zumal empfahn,
Wenn nicht zwei Männer das gethan.«Zwillinge und Drillinge traf im Mittelalter nach dem Volkswahn Verdacht ehebrecherischer Zeugung. (Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, 2. Auflage p. 456.) Auch bei den Negern ist noch dieser Wahn heimisch: Une negresse d'Ardra (Guinéa), qui accouche de deux jumeaux, est réputée adultère; on n'imagine pas que le même homme engendre deux enfants. (L'Esprit des Usages et des coutumes des différents peuples. London 1785, T. I, p. 269.) Eine ähnliche Verleumdung findet sich in der Geschichte des Kaisers Octavian.

Der Ritter blickt sie strafend an,
Und strengen Tones sagt er dann:
»Dame,« so sprach er, »haltet ein,
Und lasset solche Reden sein!
Denn unbescholten lebt die Dame
Und guten Klanges ist ihr Name.«

Die Leute, die bei Tische saßen,
Der schlimmen Rede nicht vergaßen;
Sie ward verbreitet und bekannt
Ringsum durch's ganze Britenland,
Und wer es immer dort vernahm,
Der ward der bösen Dame gram,
Und alle Frauen in der Runde,
Die haßten sie von Herzensgrunde.

Der Botschaft trug, der hub sich fort
Und sagt dem Herrn das arge Wort.
Den Ritter faßte Zorn und Schmerz,
Und Zweifelsinn beschlich sein Herz;
Das Wort befängt ihn stets auf's Neue,
Irr ward er an der Gattin Treue, 60
Und schuldlos hielt er sie gar lang
Argwöhnisch in gestrengem Zwang.

Die Dame, die so Schlimmes sprach,
Fühlt selbst sich Mutter bald darnach,
Und als die Zeit vollendet war,
Zwei holde Mägdlein sie gebar.
Wie fuhr der Schreck ihr durch den Sinn,
Gerochen war die Nachbarin.
Da ward sie voller Angst und Leid
Und klagte mit sich selbst entzweit:
»Weh, Weh, wie sich mein Loos gewendet,
Ich bin auf immerdar geschändet!
Fürwahr, ich kam zu tiefem Fall;
Mein Herr und die Verwandten all
Verzweifeln ganz an meiner Ehre,
Wenn sie vernehmen diese Mähre.
Verdammt werd' ich nach eig'nem Recht,
Ich sprach von allen Frauen schlecht:
Nie, sagt ich einst, ist es gescheh'n,
Noch haben wir die Frau geseh'n,
Die jemals Zwillinge gebar, –
Und nicht zwei Männern willig war.
Nun hab' ich selbst Zwillinge hier,
Das Schmachwort kehrt zurück zu mir.
Der kennt sein eig'nes Schicksal nicht, 61
Wer über Andre Schlimmes spricht,
Und Mancher wird von uns geschmäht,
Der über uns im Lobe steht.
Soll ich nicht ew'gen Schimpf erwerben,
So muß der Kinder eines sterben,
Ich büß es eh'r am jüngsten Tage,
Als daß ich Hohn und Schande trage.«
Da tröstet sie der Frauen Schaar,
Die Hülfe reichend um sie war,
Und alle sagten ihr sofort,
Sie dulden nicht des Kindes Mord.
Ein Fräulein war am Hofe,
Der Dame liebste Zofe,
Von gutem Stand und feinen Sitten,
Im Haus von Kind auf wohlgelitten,
Sie hörte, wie die hohe Dame
Sich härmt und weint in herbem Grame,
Und wie sie ganz in Aengsten war;
Da trat sie tröstend zu ihr dar
Und sprach: »Laßt ab! es thut nicht noth!
Laßt ab und grämt Euch nicht zu todt!
Reicht mir das eine Mägdelein!
Ich werd' Euch ganz davon befrei'n,
Daß Euch kein Mensch beschimpft und schmäht,
Und Ihr es niemals wiederseht.
Ich will das Kind, bevor's mag tagen, 62
Gesund und heil zum Münster tragen;
Dort findet's, wenn es Gott gefällt,
Ein wackrer Mann, der es erhält.«

Die Dame, wie sie dieß vernahm,
Zumal von allen Sorgen kam.
»Ach, solltest du den Rath vollenden.
Ich lohne dir's mit reichen Spenden.«

Darauf mit Linnen fein und lind
Umhüllten sie das holde Kind;
In einen Teppich ward's geschoben,
So schön wird keiner mehr gewoben;
Den hat einst wegen seiner Pracht
Der Ritter aus Byzanz gebracht.
Mit einem Gürtel ward's umwunden
Und ihm ein Goldreif angebunden,
Der war wohl eine Unze schwer;
Reich von Jachanten funkelt' er,
Und in das Gold mit feinem Stift
War eingeritzt geheime Schrift;
Davon wird Jedem leicht bekannt,
Das Mägdlein sei von hohem Stand.

Das Fräulein nahm sodann das Kind
Und gieng aus dem Gemach geschwind. 63
In tiefer Nacht lag rings die Welt,
Sie eilt heraus in's freie Feld,
Bis einen Heerweg sie gewann;
Der führte ferne durch den Tann.
Dort durch das Dunkel schritt sie da,
Bis sie den Forst sich lichten sah.
Sie folgt dem Heerweg mit Bedacht;
Von fernher hört sie durch die Nacht
Hofhunde bellen, Hähne schrei'n,
Dort muß ein Menschenwohnort sein.
Und als den Weg sie rechtshin nahm,
Woher der Ruf der Stimmen kam,
Da trat das Fräulein allsogleich
In eine Stadt gar schön und reich,
Und in den Straßen nahebei
Lag eine prächtige Abtei,
Nonnen, so hört ich, waren drin,
Beherrscht von einer Priorin.
Das Münster ragt im Mondenschein
Mit seinen Thürmen groß und klein,
Sie sputet sich, dahin zu geh'n,
Und vor der Pforte blieb sie steh'n.
Sie legt das Kindlein vor sich nieder
Und beugt in Andacht ihre Glieder.
»Bei deines Namens Majestät,
O Gott, erhöre mein Gebet; 64
Dies Kind, das hier verlassen ruht,
Nimm du in deine starke Hut!«
Dann stand sie auf demüthiglich
Und blickte forschend hinter sich.
Da sah sie einen Eschenbaum
Hoch ragend mit der Wipfel Saum,
Vier starke Aeste dehnt er aus
Beschattend weit das Gotteshaus;
Darauf legt sie das Mägdelein:
»Nun möge Gott dir gnädig sein!«
Dann kehrt sie heim zur Dämmerstunde
Und sagt der Herrin ihre Kunde.

Ein Pförtner war in der Abtei,
Der wohnt' dem Thore nahe bei;
Aufschloß er, wenn das Volk zur Metten
Begehrte nach den heil'gen Stätten.
Früh auf war heut der wack're Mann;
Er zündet Lamp' und Leuchter an,
Er zieht den Glockenstrang im Chor
Und öffnet drauf des Münsters Thor;
Da schimmert's bunt im Eschenlaub,
Er denkt, es sei verborg'ner Raub,
Eilt hin, betastet es geschwind –
Und findet das verlass'ne Kind.
Deß freut er sich im Herzensgrund 65
Und dankte Gott für diesen Fund.
Er kehrt in's Haus, vor allen Dingen
Es seiner Tochter hinzubringen.
Ihr war verstorben jüngst der Gatte,
Von dem sie einen Säugling hatte.
»Tochter, steh' auf,« so rief der Mann,
»Und zünde Licht und Feuer an!
Ich bring' ein Kind, schön wie der Tag,
Das draußen auf der Esche lag.
Nun säug' es mir, leg's in den Arm,
Und bad' es gut und halt' es warm!«
Auf stand sie nach des Vaters Willen,
Mit ihrer Milch das Kind zu stillen;
Sie hebt und badet es sogleich
Und bettet ihm dann warm und weich;
Da schauten sie des Ringes Glanz,
Den theuren Teppich von Byzanz
Und sagten: »Dieses Mägdelein
Muß wahrlich hochgeboren sein.«

Als die Aebtissin und die Damen
Am Morgen aus der Kirche kamen,
Da trat zur Herrin ihr Getreuer
Und meldete sein Abenteuer;
Sie hieß ihn von der Sache schweigen
Und ließ sich seinen Findling zeigen. 66
»Ich will,« so sagte sie dem Alten,
»Das Kind wie meine Nichte halten.«
Sie trug es selber zum Altar,
Und weil nichts zu erkunden war,
Als daß man's auf der Esche fand,
So ward das Kindlein Frêne genannt.Frêne, altfranzösisch freisne, lateinisch fraxinus, die Esche.
Die Dame pflegt' den Schützling gut
Und hielt sie lang in sichrer Hut;
Verschlossen hinter Thür und Thor,
In der Clausur wuchs sie empor.
Doch als zur Zeit sie sich entfaltet,
Wo die Natur das Weib gestaltet,
Da mocht' im Lande der Bretonen
Wohl keine schön're Jungfrau wohnen.
Nichts Hold'res kann gefunden werden
Als ihre Worte und Geberden,
Und Jeder, der sie mochte schau'n,
Hieß sie das Wunder aller Frau'n.

Ein edler Ritter saß zu Dol,
Den kannten alle Tapfern wohl;
Auch seinen Namen nenn' ich nun:
Im Lande hieß man ihn Gurun.
Vom Lobe Frêne's vernahm er viel,
Bis heiße Sehnsucht ihn befiel.
Als einst er vom Turniere kam, 67
Den Weg er durch das Kloster nahm;
Nicht konnt' er seinen Wunsch verschweigen
Und ließ sich die Gepries'ne zeigen.
Da fand er sie so schön und klug,
So fein und hold in jedem Zug:
Kann er nicht ihre Lieb' erwerben,
So wird im Elend er verderben.
Ganz rathlos wird er und verwirrt,
Wenn oft er wiederkehren wird,
Kann's der Aebtissin nicht entgehn,
Und nie wird er sie wiedersehn.
Da fällt ein sich'rer Weg ihm ein:
Er schenkt dem Kloster Länderei'n
Gar fruchtbar und von hohem Werth,
Der sich von Tag zu Tage mehrt.
Dagegen bittet er im Haus
Sich einen freien Zugang aus,
Und die Fraternität zu haben,
Erwünscht er sich für seine Gaben.
Doch hegt er einen andern Plan,
Als reichen Ablaß zu empfahn,
Gar oftmals kam und kehrt er wieder
Und setzt sich zu dem Fräulein nieder;
So lange drängt er früh und spat,
Bis ihm das Kind den Willen that.
Als sie so ganz sich ihm geweiht, 68
Da sagt er ihr nach kurzer Zeit:
»Mein schönes Lieb', nun ist's gekommen,
Daß Ihr zum Trauten mich genommen.
So geht denn ganz und gar von hier
Und bleibt auf immerdar bei mir.
Denn zweifelt nicht, Euch droh'n Gefahren,
Wird Eure Muhme dieß erfahren!
Und Angst und schweres Leid ersteht,
Wenn Ihr mit einem Kinde geht.
Drum glaubt und folget meinem Wort:
Kommt mit, wir fliehen Beide fort!
Mein Lieb', nicht will ich Euch berücken,
Nein reich und überreich beglücken!«

Und sie, nur ihm allein ergeben, –
Sie folgt ihm ohne Widerstreben.
Zusammen flohen sie geheim,
Nach seinem Schloß führt er sie heim,
Nur Tuch und Ring ward mitgenommen, –
Das kam ihr einst zu Heil und Frommen.
Die gab in einer guten Stunde
Ihr die Aebtissin mit der Kunde,
Wie sie dereinst der Pförtner fand
Hülflos, allein und unbekannt;
Drauf schloß sie Beides in den Schrein
Gleich einem theuren Kleinod ein; 69
Nichts andres hatte sie besessen,
Drum will sie's scheidend nicht vergessen.

Der Ritter ehrt' das holde Weib
Und liebte sie mit Seel und Leib,
Und Niemand war im Schlosse
Vom Heergefolg' und Trosse,
Der sie nicht hielt gar hoch und werth,
Der nicht die Liebliche verehrt.
So blieb sie bei dem theuren Mann,
Bis daß ein böser Streit entbrann,
Denn seine Ritter nah und fern
Bestürmten laut den edlen Herrn,
Zu werben bei des Landes Großen,
Und seinen Liebling zu verstoßen;
»Sie freuten sich, wenn einen Erben
Von edlem Stamm er sollt' erwerben,
Der nach ihm Ordnung hielt und Recht,
Fortpflanzend sein erlaucht Geschlecht,
Doch werd' er nie den Aufruhr stillen,
Wenn er der niedern Kebsin willen
Sich keinen Erben wollte zeugen, –
Nicht zwingen werd' er sie, nicht beugen:
Zerbrochen sei die Lehenspflicht,
Folg' er des Landes Willen nicht.«
Der Lehnsherr mußte sich bequemen, 70
Und er verhieß, ein Weib zu nehmen.
»Herr,« sagten sie, »wir sprachen schon
Mit einem mächtigen Baron;
Es liegt sein Gut nicht allzufern,
Nur eine Tochter erbt den Herrn,
La Codre ist die Maid genannt,La codre, neufranzösisch le coudre, der Haselstrauch (corylus), eine mit der Liebe in geheimnißvollem Zusammenhang gedachte Pflanze.
Und keine schön're lebt im Land.
So laßt, o Herr, die Esche steh'n;
Zur Haselstaude sollt Ihr geh'n,
Laßt Euch den harten Kern behagen,
Die Esche hat nie Frucht getragen.
Gott gebe diesem Bund Gedeih'n!
Wir wollen Eure Werber sein.« –

Sie thaten Alles unverdrossen,
Die Heirath ward nach Brauch geschlossen. –
Ach, kann was Seltneres ergeh'n,
Als diesen Fräulein ist gescheh'n?
Es hatte noch kein Mensch erfahren,
Daß beide Zwillingsschwestern waren.
Die Eine schaffte man bei Seite,
Ihr Liebster wirbt nun um die Zweite.

Das Fräulein hörte den Bericht,
Kein Schmerz kam auf ihr Angesicht,
Sie dient getreu dem Herren fort 71
Und ehrt sein Volk mit Gruß und Wort.
Die Ritter all' im Herrenschloß,
Die Edelknaben und der Troß,
Sie grämten sich gar sehr und grollten,
Daß sie die Maid verlieren sollten.
Der Ritter lud am Hochzeitstag
All' seine Freunde zum Gelag
Und auch den Erzbischof von Dol,
Der war sein Lehnsmann, hört' ich wohl.
Da führte man die Braut in's Haus,
Auch ihre Mutter blieb nicht aus;
Die fürchtete des Fräuleins Macht,
Für die der Herr in Lieb' entfacht,
Er möcht' sein Weib um ihretwegen
Nicht mit der rechten Liebe pflegen.
Drum hatte die Gebieterin
Für den Baron den Rath im Sinn,
Sich einen wackern Mann zu wählen,
Und ihm das Mädchen zu vermählen.

Die Hochzeit hielten sie mit Pracht,
Viel ward gejubelt und gelacht.
Auch Frêne, das holde Mägdelein,
Gieng durch die Zimmer aus und ein,
Nicht zeigt ihr Wesen Gram noch Groll,
Ihr Antlitz war so liebevoll, 72
Sie gieng mit sanften Mienen,
Der fremden Braut zu dienen.
Und alle Gäste ringsumher,
Die wunderten sich dessen sehr.
Die Mutter folgt ihr mit dem Blick,
Es jammert sie dies Mißgeschick,
Sie liebt und lobt ihr Thun im Stillen:
»Ach, daß um meines Kindes willen,
Dir alle Freude muß vergeh'n!
O könnt' es anders doch gescheh'n!« –

Doch als die Nacht sich rings verbreitet,
Da ward das Hochzeitbett bereitet;
Hingieng die Maid von Tanz und Schmaus,
Zog eilig ihren Mantel aus
Und rief den Kämmerling heran;
Ihn zu belehren sie begann,
Wie es ihr Herr am liebsten hätte;
Wohl kannte sie des Freundes Bette.
Und als das Lager wohl gepflegt,
Ward eine Decke drauf gelegt.
Die Maid erschaute da betroffen,
Daß sie von altverblichnen Stoffen;
Das ward ihr leid, ihr dünkt mit Fug,
Die Decke sei nicht schön genug,
Und ihren Teppich bunt und fein 73
Holt sie aus ihrem Kämmerlein
Und legt ihn freudig dienstbeflissen
Hin auf des Hochzeitbettes Kissen.

Als das Gemach verlassen war,
Da führt ihr Kind die Dame dar:
»Nun Tochter, es ist Schlafenszeit,
Entkleidet Euch und seid bereit!«
Da sah die Frau die bunten Falten,
Die von dem Lager niederwallten,
Das war ganz jenes Teppichs Art,
Darein ihr Kind gewickelt ward;
Als ihr sein Angedenken kam,
Da bebt ihr Herz in Reu und Gram.
Sie rief dem Kämmerling heran:
»Bei deiner Treue, sag' mir an,
Wo ward das schöne Tuch gefunden?«
Er sprach: »Das kann ich wohl erkunden.
Das Fräulein, also nahm ich Acht,
Hat diesen Teppich hergebracht,
Ihr schien zu schlecht des Lagers Zier,
Mich dünkt, das Tuch gehöret ihr!« –
Da rief die Dame nach der Maid,
Sie nahte mit Bescheidenheit
Und legt den Mantel nieder,
Die Dame fragte wieder: 74
»Verhehlt mir nichts, sagt an geschwind,
Woher ist dieser Teppich, Kind?
Erzählt mir, wie's damit ergangen,
Und sagt, von wem Ihr ihn empfangen!«
Das Fräulein drauf antwortet ihr:
»Frau, meine Muhme gab ihn mir,
Die mich erzog in jungen Jahren,
Sie sprach, ich sollt' ihn wohl bewahren,
Ein Ringlein noch ward mir als Pfand
Von denen, die mich ihr gesandt.« –
»Du Holde, kann den Ring ich seh'n?« –
»Ja Dame, das mag gern gescheh'n.« –
Sie bracht' ihr schnell das Ringlein da,
Als das die edle Dame sah,
Wie wohlbekannt war ihr sein Glanz
Gleichwie der Teppich von Byzanz!
Der Zweifel all ist überwunden,
Sie hat ihr Töchterlein gefunden.
»So sag' ich's denn vor Aller Ohren:
Du bist mein Kind, das ich verloren!«
Vom Jammer ward ihr Herz so krank,
Daß sie bewußtlos niedersank.
Doch als sie kam zu Sinn und Wort,
Schickt sie nach ihrem Herrn sofort;
Der eilte her von Schrecken bleich,
Ihm fiel zu Füßen sie sogleich, 75
Hielt seine Kniee fest umschlossen
Und küßt sie thränenüberflossen.
»Vergebt mir, Herr, was ich verbrach!«
Er wußte nicht, wovon sie sprach.
»Was soll das, Dame? Sagt, fürwahr!
Wir lebten friedlich immerdar.
Vergebung ist Euch ganz gewährt;
So sagt mir nur, was Ihr begehrt?« –
»Da Ihr verziehen meine Sünden,
So will ich Alles Euch verkünden.
Ihr wisset, wie ich unbedacht
Dereinst die Nachbarin verlacht;
Von ihren Kindern sprach ich schlecht,
Doch meine Bosheit ward gerächt.
Denn, als ich bald darauf gebar,
Entwand sich mir ein Mädchenpaar.
Das eine Kindlein setzt' ich aus
Unfern an einem Gotteshaus,
Mit unserm Teppich ward's umwunden
Und ihm der Goldring angebunden,
Den ich empfieng, da Ihr als Braut
Zum ersten Male mich geschaut.
Nicht länger bleib' es Euch verschwiegen:
Hier seht Ihr Ring und Teppich liegen.
Wißt, daß mein Kind ich wiederfand,
Das meine Thorheit einst verbannt. 76
Dies Fräulein ist's, von der Ihr wißt,
Wie standhaft, schön und klug sie ist,
Die um den Ritter kam in Leid,
Der ihre Schwester heut gefreit.« –
Da sprach der Herr: »Deß bin ich froh,
Ich war's im Leben niemals so.
Ist uns auf's Neu' dieß Kind bescheert,
So hat uns Gott groß Glück gewährt,
Bevor verdoppelt ward die Schuld. –
Kommt, Tochter!« sprach er voller Huld.
Hin war des Fräuleins Herzensnoth;
Ihr Antlitz wurde freudenroth.
Nicht säumt ihr Vater, der Baron,
Er gieng zu seinem Schwiegersohn,
Er und der Erzbischof daneben,
Und kündet ihm, was sich begeben.
Als das der edle Herr vernahm,
Sein Herz in Glück und Freuden kam.
Der Erzbischof rieth ihnen nun:
»Laßt diese Nacht die Sache ruh'n,
Dann will am Morgen ich die Beiden,
Die heute Neuvermählten, scheiden.« –
Beschlossen ward, daß es geschehe,
Am Morgen lös'ten sie die Ehe.
Drauf ward dem Herrn für's ganze Leben
Sein treues Lieb' zum Weib gegeben. 77
Der Vater schenkte hold gesinnt
Das halbe Erbgut seinem Kind;
Er und die Dame blieben Gäste
Auf ihrer Tochter Hochzeitfeste,
Und als ihr Zug nach Hause ritt,
Da nahmen sie La Codre mit,
Der ward ein Nachbar auserwählt,
Mit dem man prächtig sie vermählt.

Als dieses Abenteuers Kunde
Verbreitet ward von Mund zu Munde,
Geschah's, daß man dies Lied erfand,
Das nach der Dame Frêne genannt. 79

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