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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Widmung
an
König Heinrich III. von England.

       

Wem Gott in Wissenschaft gegeben,
Der Rede Kunstgewand zu weben,
Der soll die Gabe nicht verschweigen,
Nein, freudig allen Menschen zeigen.
Hört man das Gute dann und wann,
So fängt es erst zu knospen an,
Doch lebt's in jeglichem Gemüthe,
So steht es recht in voller Blüthe.

Es war dereinst der Alten Brauch,
Und Priscian bezeugt es auch,
Daß ihnen in den Büchern viel
Der Rede Dunkelheit gefiel, XXVI
Damit, die später kommen sollten
Und ihre Weisheit lernen wollten,
Den Text mit Glossen möchten kränzen
Und ihn mit ihrem Sinn ergänzen.
Die Philosophen, sich zur Ehre,
Gedachten, daß man eine Lehre
Nur um so tiefer dann begreift,
Jemehr die Zeiten sie gereift.Der die Widmung enthaltende Prolog ist (nur in einer Handschrift, Harl. 978) ziemlich mangelhaft überliefert und darum schwer verständlich. Der Zusammenhang der in Spruchform lose aneinander gereihten Gedanken (wie in der Einleitung von Gottfrieds Tristan) scheint folgender zu sein.

Wer die Gabe der Rede empfangen hat, der soll sie gebrauchen; denn das Gute will verbreitet sein. (Damit spricht die Verfasserin ihre Berechtigung oder vielmehr Verpflichtung aus, sich einer literarischen Arbeit zu unterziehen, und geht nun über zur Wahl des Stoffes.) Die alten Philosophen pflegten (wie Priscian der Grammatiker bezeugt) den Sinn ihrer Bücher in dunkeln Worten zu verbergen, damit dadurch Andere zum Nachdenken gereizt würden und das Interesse für die Schriften sich so bis auf die späteste Nachkommenschaft lebendig erhalte. Am Verständniß und der Verbreitung solcher Werke zu arbeiten, ist verdienstvoll und gereicht dem Strebenden zu innerem Frieden. Deßhalb möchte die Dichterin gerne eine gute Geschichte aus dem Latein in ihre Muttersprache übersetzen, fürchtet aber, daß sie auf diesem Gebiet, wo so viele neben ihr thätig seien, wenig Lob gewinnen könne. Darum macht sie sich an die ihr wohlbekannten bretonischen Lieder, welche ja gleichfalls von ihren Verfassern dazu bestimmt wurden, unter den Menschen fortzuleben, und welche es auch nach Maries Ueberzeugung verdienen. – Das Uebrige ist klar.

Wer sich vom Uebel will entfernen,
Dem ziemt's zu forschen und zu lernen,
Und daß er schweres Werk beginne;
Denn leichter wird's ihm dann zu Sinne,
Des Lebens Unlust bleibt ihm fern;
Darum versucht' ich allzugern,
Latein'sche treffliche Geschichten
Getreu romanisch zu berichten. XXVII
Doch käm' ich da nicht wohl zu Preis
Bei soviel Andrer Kunst und Fleiß.
Und darum nun gedenk' ich wieder,
Der lieben, oftgehörten Lieder,
Die Sänger in vergang'nen Tagen
Ersonnen und durch's Land getragen,
Damit, was Schönes einst geschehn,
Im Geiste möge fortbestehn.
Ich weiß, kein Ohr ist für sie taub,
Sie zu vergessen, dünkt mich Raub;
Drum hab' ich Reim und Vers erdacht
Und oftmals emsig drob gewacht.

Euch, edler König, nun zumeist,
Der Ihr von kühnem, mildem Geist,
Den Glück umwohnt und lieblich Scherzen,
Dem alles Gute keimt im Herzen,
Hab' ich die Lieder ausgewählt
Und in den Reimen nacherzählt. XXVIII
Ich dachte in der Seele mein,
Euch, edler Herr, mein Buch zu weihn,
Und wenn Ihr's zu empfahn geruht,
So werd' ich tragen hohen Muth
Und Freude alle meine Tage. –
Denkt nicht, wenn dies Geschenk ich wage,
Daß Hoffahrt wohnt in meinem Sinn! –
Nun höret, Herr, auf den Beginn! 1

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