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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Anhang

Außer diesen zehn von mir übertragenen Lais finden sich in der Harleianischen Handschrift zu London noch zwei: Lai de l'austic und Lai du Chaitivel, welche ich ihrer geringeren Bedeutung wegen unübersetzt ließ. Ich will sie jedoch der Vollständigkeit halber kurz analysieren.

Das Lied von der Nachtigall (Lai de l'austic) beginnt folgendermaßen:

»Ein Abenteuer will ich euch sagen, worüber die Bretonen ein Lied verfaßten; es heißt L'austic, das ist mir kund, so nannten sie es in ihrem Land, das ist Roisinurs auf Französisch und Nihtegale in rechtem Englisch.«s. p. XI der Einleitung.

Zwei gute Ritter wohnten in Sankt Malo, der eine hatte eine schöne Frau, der andere war Junggeselle und liebte sie. Da er von großer Tugend war, so blieb sein Werben nicht unerhört, und die Beiden standen lange in einem innigen Liebesverkehr, den sie um so leichter unterhalten und verbergen konnten, als ihre Wohnungen 244 einander so nahe lagen, daß man von einem Fenster zum andern sprechen konnte.

»Lange liebten sie sich gegenseitig, als es zu einem Sommer kam, Busch und Wiese wieder grünten und die Baumgärten in Blüthe standen, die Vögelein in ihrer großen Süße trieben ihr fröhlich Spiel unter den Blumen. Nicht wundert's mich, daß der auf sie hört, welcher Liebe im Herzen trägt.«

In den milden Mondnächten schlich sich denn auch die Frau gar oft von ihres Gatten Seite, warf ihren Mantel um und trat lauschend an's Fenster, ihr Geliebter drüben that ebenso, und sie erfreuten sich des gegenseitigen Schauens, da ihnen nicht mehr vergönnt war. Ihr Herr aber ward erzürnt über dieses Thun und fragte die Frau häufig, warum sie aufstünde und wohin sie gienge. »Herr,« sagte sie, »die größte Freude in der Welt ist der Gesang der Nachtigall, ich erhebe mich, ihr zuzuhören; denn ich kann vor Entzücken darüber doch nicht schlafen.« Da lachte der Ritter in Zorn und Mißgunst; er gedachte, die Nachtigall zu verderben. Alle seine Diener bot er auf, Fallen, Netze und Schlingen zu fertigen; die ließ er ringsum im Garten legen, in jeden Haselstrauch, auf jeden Kastanienbaum, und das Vögelein ward gefangen. Der Ritter trug es lebend zu seiner Frau und
sprach: »Hier habe ich die Nachtigall gefangen, um derenwillen Ihr so oft gewacht, Ihr sollt hinfürder Eure Nachtruhe haben, sie wird Euch nicht mehr erwecken.« Mit diesen Worten riß er dem Vögelein den Kopf ab und warf es in der Dame Schooß, daß ihr Brusthemde 245 blutig ward. Die Dame aber bejammerte das arme Thierchen und ihr eigenes Loos, daß sie nun ihren Freund Nachts nicht mehr schauen sollte, sie hüllte den kleinen Leichnam in goldgestickten Sammt und überschickte ihn dem Geliebten mit der treuen Erzählung dessen, was geschehen. Der junge Ritter ward herzlich traurig, er verschloß die Nachtigall in ein goldenes, edelsteinverziertes Reliquienkästchen und trug es von Stund an immer bei sich.

»Dies Abenteuer wurde erzählt und konnte nicht lange verborgen bleiben. Ein Lied machten die Bretonen darüber und L'austic nennt man es: die Nachtigall.«

Dieses bretonische Volkslied, worauf sich Marie beruft, ist noch erhalten Ann Esostik, im Dialekt von Leon. Ich will es hier, da die Parallele nicht ohne Interesse sein mag, in Villemarqé's wörtlicher Uebersetzung folgen lassen.

        La jeune épouse de Saint-Malo pleurait, hier à sa fenêtre:
»Hélas! hélas! je suis perdue! mon pauvre rossignol est tué!«
———
»»Dites-moi, ma nouvelle épouse, pourquoi donc vous levez-vous si souvent,
Si souvent d'auprès de moi, au milieu de la nuit, de votre lit,
Nu-tête et nu-pieds? Pourquoi vous levez-vous ainsi?««
»Si je me lève ainsi, au milieu de la nuit, de mon lit,
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C'est que j'aime à voir les grands vaisseaux aller et venir.« –
»»Ce n'est sûrement pas pour un vaisseau, que vous allez si souvent à la fenêtre;
Ce n'est point pour des vaisseaux, ni pour deux, ni pour trois,
Ce n'est point pour les regarder, non plus que la lune et les étoiles.
Madame, dites-le moi, pourquoi chaque nuit vous levez-vous?«« –
»Je me lève pour aller regarder mon petit enfant dans son berceau.« –
»»Ce n'est point pour l'aller regarder, pour voir dormir votre fils;
Ce ne sont point des contes qu'il me faut. Pourquoi vous levez-vous ainsi?«« –
»Mon vieux petit homme, ne vous fâchez pas, je vais vous dire la vérité;
C'est un rossignol que j'entends chanter toutes les nuits dans le jardin, sur un rosier:
C'est un rossignol que j'entends toutes les nuits, qui chante si gaiement, qui chante si doucement,
Qui chante si doucement, qui chante si harmonieusement, toutes les nuits, toutes les nuits, lorsque la mer s'apaise.«
Quant le vieux seigneur l'entendit, il réfléchit au fond de son coeur;
Quant le vieux seigneur l'entendit, il se parla ainsi à lui-même:
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»»Que ce soit vrai, ou que ce soit faux, le rossignol de nuit sera pris!« –
Et quand brilla l'aurore, il alla trouver le jardinier.
»»Bon jardinier, écoutez-moi; il y a une chose qui me donne du souci:
II y a dans le jardin un rossignol, qui ne fait que chanter, la nuit;
Qui ne fait, toute la nuit, que chanter, si bien qu'il me réveille.
Si tu l'as pris ce soir, je te donnerai un écu d'or.««
Le jardinier l'ayant écouté, tendit un lacet dans le jardin;
Et il prit le rossignol, et il le porta à son seigneur;
Et le seigneur, quand il le tint, se mit à rire de tout son coeur,
Et en riant, il l'étouffa, et le jeta sur les genoux de la dame.
»»Tenez, tenez, ma jeune épouse, voici votre joli rossignol;
C'est pour vous que je l'ai attrapé; je suppose, ma belle, qu'il vous fera plaisir.«« –
En apprenant la nouvelle, le jeune amoureux disait bien tristement:
»Nous voilà bien pris, ma douce et moi; nous ne pourrons plus nous voir,
Au clair de la lune, à la fenêtre, selon notre habitude.«
Villemarqué, Barzaz-Breiz, Paris 1839, T. I, p. 123 ff.

248 Es ist nicht zu verschweigen, daß uns dieser anspruchslose Stoff im naiven Ton des Volkslieds weit lieblicher anmuthet, als in der breiten sentimentaleren Erzählung der höfischen Dichterin. Sein leichtes Wesen taugt nur für die Falterschwingen einer schwebenden Melodie, die Schwere des gesprochenen Wortes zieht ihn zu Boden. Der Schelm Boccaccio hat ihm nach seiner Weise aufgeholfen in der von den Damen des Decamerone fast über Gebühr belachten Novelle von der gefangenen Nachtigall des jungen Fräuleins Da Valbona. (Gior. V. Nov. 4.)

Das Lai du chaitivel (Lied vom Unglücklichen) erzählt die Entstehungs- und Taufgeschichte eines damals wohl ziemlich bekannten Liedes.

Zu Nantes in der Bretagne lebte eine Dame, um deren Besitz vier bretonische Ritter warben, diese waren einander an Schönheit, Tapferkeit und adelichem Wesen so gleich, daß die Dame nicht zur Wahl kommen konnte, da sie mit der Bevorzugung des Einen den Anderen Unrecht zu thun glaubte. So kam es, daß Jeder sie für seine Geliebte hielt, daß Jeder ein Zeichen von ihr trug, Ring, Aermel oder Fähnlein, und Jeder im Kampf ihren Namen rief. Ein Turnier ward abgehalten um Ostern, und die vier Ritter mit ihren Begleitern unternahmen es, zu Ehren der Dame die Gesammtheit der übrigen Turniergenossen zur Tjost herauszufordern. Sie vollbrachten herrliche Heldenthaten und der Sieg des Tages schien ihrer zu sein. Dieß machte sie zu sicher und als es gegen Abend gieng, begannen sie so tollkühn sich preiszugeben daß sie bald in ein dichtes Gedränge der Gegner geriethen, 249 in welchem drei von ihnen getödtet wurden und der vierte eine schwere Wunde am Schenkel empfieng. Man trug sie unter dem Jammer von Freund und Feind zu ihrer Dame in die Stadt, welche bei dem Anblick ohnmächtig niedersank. Als sie wieder erwachte, beklagte sie schmerzlich ihre Handlungsweise gegen die vier edlen Herrn, ließ die Todten feierlich beisetzen und den Lebenden von guten Aerzten pflegen. Um die Gefallenen weinte sie Tag und Nacht und beschloß, zum ewigen Angedenken ein Lied verfassen zu lassen, das Quatre Dolz heißen sollte. Als sie diesen Entschluß dem wunden Ritter mittheilte, sagte er: Dame, laßt das Lied »der Unglückliche« heißen, denn meine drei Genossen hat der Tod von allem Leid erlöst, das sie in Liebe um Euch erduldet; ich aber bin zu beweinen, da ich noch lebe und Euch sehen, mit Euch reden kann, ohne das Glück der Liebe genießen zu dürfen. Diese Bitte ward ihm von der Dame gewährt und als das Lied fertig war, nannte man es Le Chaitivel. (Captivellus, der Unglückliche.

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