Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 96
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Platon

Menexenos

In der Übersetzung von

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

Akademie Verlag Berlin
1987

Einleitung

Niemand wird sich wohl wundern, dies kleine Werk nicht in der Reihe der eigentlich philosophischen Schriften des Platon aufgeführt zu finden, in die es, weil auch durchaus kein philosophischer Gegenstand darin abgehandelt ist, eben so wenig gehören kann als etwa die Verteidigungsrede des Sokrates. Allein von dieser liegt doch die Veranlassung zu Tage; was aber den Platon vermocht haben kann, in einer späteren Zeit sich in die ihm ganz fremde Gattung der eigentlichen Staatsrede zu wagen, das mag leicht für uns nicht mehr möglich sein zu bestimmen, wenigstens erscheint uns in dem Werke selbst nichts, was dem vermutenden Scharfsinn eine bestimmte Richtung geben könnte. Daß die Rede in eine Beziehung gesetzt wird mit der Standrede des Perikles, welche uns Thukydides aufbewahrt hat, ist allerdings sichtlich: allein wenn Sokrates beide auf eine Verfasserin die Aspasia zurückführt, so ist das ein Scherz, aus dem wohl nicht leicht jemand etwas ernsthaftes zu machen weiß; und wenn er sagt, die spätere Standrede enthalte manches, was in der früheren sei übergangen worden, so ist auch das kein sehr brauchbarer Fingerzeig, indem die Richtung beider Reden so durchaus verschieden ist, daß man nicht sieht, warum doch auch die andere das sollte enthalten haben, was wir in der einen finden, und man ließe sich dies eher gefallen, wenn es das Urteil eines späteren wäre, dem es schon ein Gesetz gewesen, daß eine solche Rede mit dem Lobe aller Großtaten des athenischen Volkes von Anbeginn anheben müsse.

Etwas anderes, was Jedem leicht beifällt ist, daß Platon vielleicht auch hier ein Gegenstück habe aufstellen gewollt zu einer Rede des Lysias; und in der Tat, wenn wir die Standrede dieses Rhetors für denselben Fall mit der unsrigen vergleichen, so ist eine große Ähnlichkeit in der Anordnung und eine eben so große Verschiedenheit im Charakter und der Ausführung nicht zu verkennen. Was bei Lysias lose aneinanderhängt, ist hier durch bestimmt ausgesprochene Begriffe gebunden, deren Zusammenhang mittelst stark herausgehobener Wortklänge dem Hörer eingeprägt wird; das weichliche in der Klage ist ersetzt durch die männliche Ermahnung, und der ganzen Rede zugleich ein höherer Zweck untergelegt. Allein wenn dieser Gegensatz eigentliche Absicht gewesen wäre: sollte nicht Platon, der so gut zu winken weiß, in dem Gespräch welches die Rede einfaßt irgendwie darauf gedeutet haben?

Wenn uns nun dies auch im bloßen läßt: wollen wir vielleicht sagen, Platon habe durch eine solche Rede tätig antworten gewollt auf den etwanigen Vorwurf, sein Unwillen gegen die Redekunst rühre her aus dem Unvermögen selbst Reden zu verfertigen, welches scherzhafter Weise so oft in seinen Gesprächen Sokrates bekennen muß? und er habe hiezu vornehmlich diese Gelegenheit gewählt, weil in dem korinthischen Kriege einer seiner Freunde den Tod gefunden? Ja er habe sogar dieser Ausstellung zu Liebe selbst die bitter getadelte schmeichlerische Seite der verderblichen Kunst geübt, indem in der Geschichtserzählung, die hier gegeben wird, immer nur das Schöne herausgehoben ist, und alle Fehler des Staates in den dunkelsten Schatten zurücktreten, namentlich aber die späteren Verhältnisse mit dem Nationalfeind der Hellenen, dem Perserkönig, auf eine Weise beschönigt und dargestellt werden, die sich schwerlich geschichtlich rechtfertigen läßt. Darum behandle es auch Sokrates als etwas so leichtes, dem Volke vor dem Volke zu schmeicheln, und darum auch sei die Rede der Aspasia zugeschrieben, die ja wohl bewandert sein mußte in der Kunst des verführerischen Schmuckes. Aber eben so könnte wohl ein Anderer sagen, wie Platon im »Philebos« seine übertriebene Polemik gegen die Redekunst zurücknehme: so habe er es hier schon früher durch die Tat getan. Denn in der Tat sei der »Menexenos« nichts anderes als ein Versuch, alle solche Reden, worin gewöhnlich nur dem Volke geschmeichelt wurde, durch eine bessere Richtung zu veredeln; von dieser Schmeichelei nämlich sei hier nur der Schein beibehalten, und es leuchte überall das Bestreben hervor, die wahre Idee des Athenischen Volkes und Staates recht lebendig zum Bewußtsein zu bringen, um so dem Vaterlandssinn eine höhere Richtung zu geben. Und ein dritter wiederum könnte den Versuch machen, unser Gespräch lieber in einem andern Sinne an das »Gastmahl« anzuknüpfen, als in diesem an den »Philebos«. Indem er sich nämlich darauf beriefe, wie schwer das Ganze zu erklären sei, wenn man es ernsthaft nähme, und wie selbst das, womit es dem Platon am meisten müßte Ernst gewesen sein, nämlich die Ermahnung zur Tugend, selbst diese durch Wiederholung und Spielerei aus allem Ernst herausgearbeitet sei, könnte er versuchen, es vornehmlich als eine scherzhafte Nachahmung rhetorischer Manieren darzustellen. Und wer weiß wieviel ein Kenner, der hievon schon einen Wink gegeben, mit einer großen Belesenheit in den Rednern und den Nachrichten über sie ausgerüstet für diese Ansicht anführen könnte, gründlicheres und mannigfaltigeres gewiß als was Dionysios sagt, der uns nur an den Gorgias, Likymnos und Polos, und einmal beiläufig an den Agathon erinnert.

Doch mag jeder was uns betrifft in der Rede soviel Ernst oder Scherz finden als er will, und nach eignem Sinne aussinnen, was Platon damit gewollt habe, viel wird schon gewonnen sein wenn wir nur dieses durchbringen könnten, daß man dem Gespräch welches die Rede einfaßt nicht gleichen Wert und gleiches Ansehn mit ihr selbst beilegte; denn alsdann verschwindet doch die Schwierigkeit, daß keine von den verschiedenen Ansichten eine Bestätigung finden will in dem Gespräch. Zwar wissen wir wohl, daß auch der Eingang von Vielen ist schön gefunden und bewundert worden. Allein wie vielem unplatonischen ist das nicht widerfahren, wenn es einmal unter Platons Namen aufgetreten war. Gewiß wenigstens wenn Platon auch dieses geschrieben hat, ist es seiner nicht sonderlich würdig. Schon wegen der bereits gerügten Unterlassung, daß sie uns auch nicht im mindesten auf die Spur hilft über die eigentliche Bedeutung des Ganzen, verdient diese dialogische Einfassung Tadel; aber auch sonst wird sich wohl kein Kenner ergötzen an der plumpen Ehrerbietigkeit des Menexenos, der nur wenn Sokrates es erlaubt die öffentlichen Angelegenheiten ergreifen will, und an der verfehlten Art wie Sokrates meint, er müsse wohl ein großer Redner sein wegen des Unterrichts der Aspasia, und an dem platten Scherz, daß er beinahe Schläge bekommen hätte wegen schlechten Lernens, oder daß er auch wohl nackend tanzen würde dem Menexenos zu Liebe. Gewiß ist der Verdacht sehr verzeihlich, daß diese Einfassung vielleicht von einem Andern herrühre, der gern ein Gespräch machen wollte aus der Rede, und meinte, ein Platonisches Erzeugnis könne doch ganz ohne den Sokrates unmöglich in die Welt gehen. Ein solcher kann dann leicht der Diotima die Aspasia, und manches manchem andern ziemlich plump nachgebildet haben, und so auch unbedachter Weise in den Anachronism geraten sein, mit dem doch alle andere Platonische gar nicht zu vergleichen sind, daß nämlich Sokrates eine Rede hält, die sich ganz und gar auf etwas erst lange nach seinem Tode erfolgtes bezieht, und daß er diese Rede von der Aspasia haben will, die schon lange vor ihm muß gestorben sein. Und so wäre denn auch nichts ernsthaftes darin zu suchen, daß Sokrates noch mehr solche Staatsreden aus dem Munde seiner Lehrerin verheißt.

 << Kapitel 95  Kapitel 97 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.