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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 95
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Alkibiades: Mich dünkt, o Sokrates, wenn die Leute Freundschaft unter einander halten und Haß und Parteisucht entfernt ist.

Sokrates: Verstehst du unter Freundschaft Eintracht oder Zwietracht?

Alkibiades: Eintracht.

Sokrates: Welche Kunst nun bringt Eintracht in die Städte in Ansehung der Zahlen?

Alkibiades: Die Rechenkunst.

Sokrates: Und wie? unter die Einzelnen nicht dieselbe?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Nicht auch in jeden einzelnen mit sich selbst?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Durch welche Kunst nun ist jeder Einzelne einig mit sich in Ansehung der Spanne und der Elle, welche von beiden größer ist? Nicht durch die Meßkunst?

Alkibiades: Durch welche sonst?

Sokrates: Nicht auch Einzelne unter sich und ganze Städte?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und wie in Absicht des Gewichtes? nicht eben so?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Was du aber Eintracht nennst, was ist das für eine, und worin? und welche Kunst bewirkt sie? und ist sie dieselbe für die Stadt und den Einzelnen in Bezug auf sich selbst und auf Andere?

Alkibiades: Wahrscheinlich doch.

Sokrates: Was ist es also für eine? Laß dir es keine Qual sein zu antworten, sondern sage es dreist heraus.

Alkibiades: Ich meine ich werde sagen die Freundschaft und Eintracht, mit welcher Vater und Mutter den Sohn liebend eins mit ihm sind, und ein Bruder mit dem andern und das Weib mit dem Mann.

Sokrates: Glaubst du also, o Alkibiades, daß der Mann mit der Frau in Absicht der Wollspinnerei könne einig sein, er der nichts davon versteht mit ihr die es versteht?

Alkibiades: Wohl nicht.

Sokrates: Aber es ist auch nicht nötig. Denn es ist ein weibliches Geschäft.

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und wie? könnte wohl die Frau mit dem Manne in der Fechtkunst einig sein, da sie sie nicht gelernt hat?

Alkibiades: Nicht füglich.

(127) Sokrates: Denn, würdest du vielleicht sagen, das ist nur ein männliches Geschäft.

Alkibiades: Das würde ich gewiß.

Sokrates: Es gibt also einige nur weibliche und andere nur männliche Geschäfte nach deiner Rede.

Alkibiades: Wie sollte es nicht.

Sokrates: Und über diese also findet sich keine Eintracht zwischen Männern und Frauen?

Alkibiades: Nein.

Sokrates: Also auch keine Freundschaft, wenn doch Freundschaft Eintracht war.

Alkibiades: Nein, zeigt sich.

Sokrates: Sofern also die Weiber das ihrige verrichten, werden sie von den Männern nicht geliebt.

Alkibiades: Es scheint nicht.

Sokrates: Noch auch die Männer von den Frauen, in wie fern wiederum sie das ihrige?

Alkibiades: Nein.

Sokrates: Also werden auch die Städte nicht dadurch gut verwaltet, daß ein jeglicher das seinige tut?

Alkibiades: Das denke ich doch, o Sokrates.

Sokrates: Wie meinst du? wenn doch keine Freundschaft da ist, welche eben da sein mußte, wie wir sagten, wenn Städte sollten gut verwaltet werden, sonst könnten sie es nicht?

Alkibiades: Aber ich dächte auch eben deshalb müßte doch Freundschaft statt finden, weil jeglicher das seinige tut.

Sokrates: Eben wenigstens dachtest du es nicht. Wie meinst du es aber jetzt wieder? Wenn Eintracht nicht da ist soll doch Freundschaft da sein? oder ist es möglich, daß Eintracht statt finde über dasjenige was die Einen verstehen und die Andern nicht?

Alkibiades: Unmöglich.

Sokrates: Tun sie nun recht oder unrecht, wenn sie jeder das seinige tun?

Alkibiades: Recht; wie sollten sie nicht!

Sokrates: Wenn also die Bürger in der Stadt Recht tun: so findet dann keine Freundschaft unter ihnen statt?

Alkibiades: Das dünkt mich nun wieder ganz notwendig zu sein.

Sokrates: Was meinst du also für eine Freundschaft oder Eintracht in Beziehung auf welche wir weise sein sollen und klug um treffliche Männer zu sein? denn ich kann nicht verstehen weder worin sie besteht, noch bei wem sie sich findet. Denn unter denselbigen kommt bald heraus daß sie ist, bald wieder daß sie nicht ist nach deiner Rede.

Alkibiades: Bei den Göttern, o Sokrates, ich weiß auch selbst nicht was ich sage, und mir unbewußt muß es schon lange sehr schmählich um mich stehen.

Sokrates: Du mußt nur gutes Mutes sein. Denn hättest du, daß es so mit dir steht, im fünfzigsten Jahre gemerkt: so wäre es dir wohl schwer geworden noch Sorgfalt auf dich zu wenden; so aber ist dein Alter eben das rechte, worin man es inne werden muß.

Alkibiades: Was muß nun aber tun wer es inne geworden ist, o Sokrates?

Sokrates: Beantworten was gefragt wird, o Alkibiades. Und wenn du das tust werden wir uns, so Gott will, wenn ich anders auch meiner Weissagung etwas glauben darf, besser befinden du und ich.

Alkibiades: Das soll uns nicht fehlen, so viel wenigstens auf mein Antworten ankommt.

Sokrates: Wohlan denn, was heißt es doch auf sich selbst Sorgfalt wenden damit wir nicht etwa gar ohne es zu wissen nichts weniger als für uns selbst sorgen und es doch glauben und (128) wenn tut der Mensch dies wohl? Etwa wenn er für das seinige sorgt, dann auch für sich selbst?

Alkibiades: Das dünkt mich wenigstens doch.

Sokrates: Wie doch? wann besorgt der Mensch seine Füße? etwa wenn er das besorgt, was seinen Füßen gehört?

Alkibiades: Ich verstehe nicht.

Sokrates: Nennst du nicht etwas der Hand gehörig? wie den Ring, möchtest du wohl sagen daß der irgend einem andern Teile des Menschen angehöre als dem Finger?

Alkibiades: Wohl nicht.

Sokrates: Nicht auch dem Fuße der Schuh auf dieselbe Weise?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Wenn wir nun für die Schuhe sorgen, sorgen wir dann für die Füße?

Alkibiades: Ich verstehe nicht ganz, o Sokrates.

Sokrates: Wie doch, o Alkibiades! du nennst doch etwas eine Sache was es auch sei richtig besorgen?

Alkibiades: Ganz gewiß.

Sokrates: Und wohl wenn einer etwas besser macht, das nennst du die richtige Besorgung?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Welche Kunst nun macht die Schuhe besser?

Alkibiades: Die Schuhmacherkunst.

Sokrates: Also durch die Schuhmacherkunst sorgen wir für die Schuhe?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Auch für den Fuß durch die Schuhmacherkunst? oder durch jene, durch welche wir die Füße besser machen?

Alkibiades: Durch jene.

Sokrates: Machen wir aber nicht die Füße durch dieselbe besser, durch welche auch den übrigen Leib?

Alkibiades: Das dünkt mich wenigstens.

Sokrates: Und ist nicht das die Gymnastik?

Alkibiades: Ganz vorzüglich.

Sokrates: Durch die Gymnastik also besorgen wir den Fuß, durch die Schuhmacherkunst aber was dem Fuße gehört?

Alkibiades: Freilich wohl.

Sokrates: Und durch die Gymnastik die Hände, durch die Steinschneidekunst aber was den Händen gehört?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und durch die Gymnastik den Leib, durch die Weberkunst aber und die übrigen das was zum Leibe gehört?

Alkibiades: Auf alle Weise.

Sokrates: Durch eine andere Kunst also besorgen wir jedes selbst, und durch eine andere das was ihm angehört.

Alkibiades: So zeigt es sich.

Sokrates: Nicht also wenn du das deinige besorgst, besorgst du dich selbst?

Alkibiades: Keinesweges.

Sokrates: Denn es ist nicht die nämliche Kunst, durch welche einer sich selbst besorgt und das seinige.

Alkibiades: Es scheint nicht.

Sokrates: Wohlan denn! durch was für eine mögen wir wohl für uns selbst sorgen?

Alkibiades: Ich weiß es nicht zu sagen.

Sokrates: Aber so viel ist doch eingestanden, daß nicht durch die, durch welche wir was es auch sei von dem unsrigen besser machen, sondern durch welche uns selbst?

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Könnten wir nun wohl wissen, was für eine Kunst die Schuhe besser macht wenn wir gar keinen Schuh kennten?

Alkibiades: Unmöglich.

Sokrates: Auch nicht was für eine Kunst die Ringe besser macht, wenn wir keinen Ring kennten?

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Und wie? was für eine Kunst einen selbst besser macht, könnten wir das wohl einsehen, wenn wir nicht wüßten, was wir selbst sind?

Alkibiades: Unmöglich.

(129) Sokrates: Ist das nun wohl etwas leichtes sich selbst zu kennen, und war das wohl nur ein gemeiner Mensch der dies aufgeschrieben hat im Pythischen Tempel; oder ist es schwer und nicht jedermanns Sache?

Alkibiades: Mir, o Sokrates, ist es oft als etwas ganz gemeines vorgekommen, und oft auch als etwas sehr schweres.

Sokrates: Aber, o Alkibiades, es mag nun leicht sein oder nicht: so steht es doch auf jeden Fall so, wissen wir es, dann können wir wohl auch wissen worin die Sorge für uns selbst besteht, wissen wir es aber nicht, dann wohl niemals.

Alkibiades: So ist es.

Sokrates: Wohlan denn, auf welche Weise könnte man wohl das Selbst selbst finden? denn dann könnten wir wohl auch finden was wir selbst sind, ist aber jenes noch unbekannt, dann wohl unmöglich.

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: So komm denn beim Zeus. Mit wem redest du jetzt? Nicht wahr, doch mit mir?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und ich mit dir?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Sokrates also ist der Redende?

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Und Alkibiades der Hörende?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und nicht wahr mit der Sprache redet Sokrates?

Alkibiades: Womit sonst?

Sokrates: Und reden und sich der Sprache gebrauchen nennst du doch einerlei?

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Der Gebrauchende aber und was er gebraucht, sind die nicht verschieden?

Alkibiades: Wie meinst du?

Sokrates: Wie der Schuster schneidet doch mit dem Werkmesser und dem Kneif und andern Werkzeugen?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Nun ist doch wohl der schneidende und gebrauchende etwas anderes, und etwas anderes das was der schneidende gebraucht?

Alkibiades: Wie sollte es nicht?

Sokrates: Ist nun nicht auch eben so das womit der Leierspieler spielt und der Leierspieler selbst etwas anderes?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Dies nun fragte ich eben, ob der gebrauchende und das was er gebraucht wohl immer scheinen verschieden zu sein?

Alkibiades: Das scheint wohl.

Sokrates: Was sagen wir aber weiter vom Schuster? schneidet er bloß mit den Werkzeugen oder auch mit den Händen?

Alkibiades: Auch mit den Händen.

Sokrates: Er gebraucht also auch diese?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Gebraucht er auch die Augen, wenn er seine Arbeit verrichtet?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und der gebrauchende und was er gebraucht gestanden wir doch sei verschieden?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Verschieden also sind der Schuster und der Leierspieler von den Augen und Händen, womit sie arbeiten?

Alkibiades: So scheint es.

Sokrates: Und nicht wahr, auch seinen ganzen Leib gebraucht der Mensch?

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Und verschieden war das Gebrauchende und was es gebraucht?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Verschieden also ist auch der Mensch von seinem eigenen Leibe?

Alkibiades: So scheint es.

Sokrates: Was ist also der Mensch?

Alkibiades: Ich weiß es nicht zu sagen.

Sokrates: Das doch wohl, daß er das den Leib gebrauchende ist?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Gebraucht den nun wohl etwas anderes als die Seele?

(130) Alkibiades: Nichts anderes.

Sokrates: Indem sie ihn regiert doch wohl?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und hierüber glaube ich wird wohl niemand andrer Meinung sein?

Alkibiades: Worüber?

Sokrates: Daß der Mensch nicht eines von diesen dreien wäre?

Alkibiades: Von welchen?

Sokrates: Entweder die Seele oder der Leib, oder beides zusammen, dieses Ganze.

Alkibiades: Ganz gewiß.

Sokrates: Aber doch eben das den Leib regierende haben wir angenommen sei der Mensch.

Alkibiades: Das haben wir angenommen.

Sokrates: Welches ist also der Mensch? Regiert etwa der Leib sich selbst?

Alkibiades: Keinesweges.

Sokrates: Denn wir sagten auch er werde regiert?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Dieser ist also nicht das, was wir suchen.

Alkibiades: Es scheint nicht.

Sokrates: Aber regiert etwa das Beiderlei den Leib, und wäre dieses der Mensch?

Alkibiades: Vielleicht wohl.

Sokrates: Wohl am allerwenigsten. Denn wenn das eine von beiden nicht mit regiert, so ist wohl gar nicht auszusinnen, wie das Beiderlei regieren soll.

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Wenn nun weder der Leib noch das Beiderlei der Mensch ist: so bleibt nur übrig entweder nichts ist er, oder wenn etwas, so kann nichts anders der Mensch sein als die Seele.

Alkibiades: Offenbar wohl.

Sokrates: Soll dir nun erst noch deutlicher bewiesen werden, daß die Seele der Mensch ist?

Alkibiades: Nein, beim Zeus, sondern dies dünkt mich hinreichend.

Sokrates: Ist es auch nicht ganz genau, sondern nur mäßig: so genügt es uns schon. Denn ganz genau werden wir es nur wissen können, wenn wir das gefunden haben, was wir jetzt, weil es eine zu große Untersuchung wäre, vorbeigelassen haben.

Alkibiades: Was denn?

Sokrates: Das wovon wir vorher sagten daß es zuerst müsse gefunden werden, das Selbst selbst. Jetzt aber haben wir statt dieses Selbst selbst nur das einzelne Selbst betrachtet was es ist. Und vielleicht werden wir damit ausreichen. Wenigstens werden wir wohl niemals zugeben, daß irgend etwas an uns selbst wesentlicher sei als die Seele.

Alkibiades: Gewiß nicht.

Sokrates: Es wird also ganz recht sein so festzustellen, daß wir ich und du zu einander reden der Sprache uns bedienend mit der Seele zu der Seele.

Alkibiades: Allerdings.

Sokrates: Und dies war es also, was wir kurz vorher sagten, daß Sokrates mit dem Alkibiades redend der Sprache sich bedient, nicht an dein Gesicht seine Reden richtend wie es scheint, sondern an den Alkibiades; dieser ist aber die Seele.

Alkibiades: So scheint es mir.

Sokrates: Die Seele also befiehlt uns kennen zu lernen, wer da vorschreibt sich selbst zu kennen.

Alkibiades: So zeigt es sich.

(131) Sokrates: Wer also etwas von seinem Leibe kennt, der kennt das seinige aber nicht sich selbst.

Alkibiades: So ist es.

Sokrates: Kein Arzt also kennt sich selbst, sofern er ein Arzt ist, und auch kein Meister der Leibesübungen als solcher.

Alkibiades: Es scheint nicht.

Sokrates: Weit mehr also noch gefehlt daß die Ackerleute oder die andern Handwerker sich selbst kennen sollten. Denn diese kennen noch nicht einmal das ihrige wie man sieht, sondern was noch weiter liegt als das ihrige, vermöge der Künste wenigstens die sie inne haben. Denn sie kennen nur das dem Leibe zugehörige, wodurch dieser besorgt wird.

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: Wenn also die Besonnenheit darin besteht daß man sich selbst kennt: so ist keiner von diesen besonnen vermöge seiner Kunst.

Alkibiades: Nein, wie mich dünkt.

Sokrates: Darum werden auch diese Künste für niedrig gehalten, und nicht für Beschäftigungen eines edlen Mannes.

Alkibiades: Ganz richtig.

Sokrates: Und nicht wahr eben so wiederum, wer den Leib besorgt, der besorgt auch nur das Seinige und nicht sich selbst.

Alkibiades: So mag es wohl sein.

Sokrates: Wer aber nur das Geld, der besorgt weder sich selbst noch das seinige, sondern entfernteres noch als das seinige.

Alkibiades: Das dünkt mich auch.

Sokrates: Also der Wucherer besorgt nicht mehr das seinige.

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Wer also in des Alkibiades Leib verliebt ist, der ist nicht in den Alkibiades verliebt, sondern in etwas was dem Alkibiades gehört.

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: Wer aber in dich, der liebt deine Seele.

Alkibiades: Notwendig nach deiner Rede.

Sokrates: Und wer deinen Leib liebt, der geht ab und davon wenn dieser aufhört zu blühen?

Alkibiades: Natürlich.

Sokrates: Wer aber die Seele liebt, der geht nicht ab so lange sie dem Besseren nachstrebt.

Alkibiades: Wahrscheinlich wohl.

Sokrates: Bin ich nun nicht der nicht abgehende sondern bleibende, auch nachdem dein Leib verblüht ist, und die Andern fortgegangen sind?

Alkibiades: Wohl tust du gewiß daran, o Sokrates, und gehe nur ja nicht!

Sokrates: So bestrebe dich denn recht schön zu sein.

Alkibiades: Das will ich mich bestreben.

Sokrates: Daß es also mit dir so steht, Alkibiades der Sohn des Kleinias wie wir sehen hat keinen Liebhaber weder gehabt noch hat er deren jetzt als nur einen allein, und zwar einen mit dem er zufrieden sein muß, Sokrates den Sohn des Sophroniskos und der Phainarete.

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Sagtest du nun nicht, ich sei dir nur um ein weniges zuvorgekommen indem ich dich anredete; denn du hättest mich zuerst darauf anreden gewollt um zu erfahren, weshalb doch ich allein mich nicht zurückzöge?

Alkibiades: So war es freilich.

Sokrates: Dies nun ist die Ursache, daß ich allein dein Liebhaber war, die andern aber nur des deinigen. Das deinige aber nimmt ab an Schönheit, du selbst hingegen fängst erst an zu blühen. Und wenn du nur jetzt nicht von dem Volke der Athener (132) verdorben oder häßlicher wirst, werde ich dich nicht verlassen. Denn das besorge ich nur am meisten, daß du uns nicht etwa ein Volksliebhaber werdest, und dadurch verderbest; denn gar vielen und guten ist das schon begegnet unter den Athenern. Denn schön ist von Larve des großmütigen Helden Erechtheus Volk, aber ausgezogen muß man es sehen. Gebrauche also ja die Vorsicht, die ich dir anriet.

Alkibiades: Welche doch?

Sokrates: Übe dich zuerst; o Bester, und lerne, was du mußt gelernt haben, um an die Angelegenheiten der Stadt zu gehn; ohne das aber nicht, damit du mit guten Gegenmitteln versehen gehest und dir nichts übles begegne.

Alkibiades: Du scheinst mir sehr gut zu reden, o Sokrates! aber versuche nun auch mir zu erklären, auf welche Weise wir denn nun für uns selbst sollen Sorge tragen?

Sokrates: Soviel ist uns doch schon im voraus bestimmt, was wir nämlich sind darüber sind wir doch ganz einig. Wir fürchteten aber daß wenn wir dieses verfehlten, wir ohne es zu wissen für etwas anderes sorgen könnten als für uns.

Alkibiades: So ist es.

Sokrates: Und nach diesem haben wir nun für die Seele zu sorgen und hierauf zu sehn.

Alkibiades: Offenbar.

Sokrates: Für Leib aber und Vermögen die Sorge Andern zu überlassen.

Alkibiades: Wie anders?

Sokrates: Wie können wir aber dies am genausten kennen lernen? denn wenn wir dies kennen, werden wir auch uns selbst kennen, wie es scheint. Haben wir etwa bei den Göttern nur nicht recht verstanden, was der eben erwähnte delphische Spruch sehr gut sagt?

Alkibiades: Was hast du doch in Gedanken, daß du dieses sagst, o Sokrates?

Sokrates: Ich will dir sagen was ich glaube, daß dieser Spruch meint und uns anrät. Und es mag wohl nicht recht viel Beispiele dazu geben sondern am Gesicht allein.

Alkibiades: Wie meinst du das?

Sokrates: Überlege auch du es. Wenn jemand unserm Auge wie einem Menschen den Rat gäbe, und sagte, Besieh dich selbst; wie würden wir doch glauben daß er das fordere? nicht daß es dahin schauen sollte, wohinein das Auge schauend sich selbst sehen würde?

Alkibiades: Offenbar.

Sokrates: So laß uns denn bedenken, in welches unter allen Dingen schauend wir doch jenes und uns selbst erblicken würden?

Alkibiades: Offenbar doch, o Sokrates, in Spiegel und dergleichen.

Sokrates: Richtig gesprochen. Ist aber nicht auch in dem Auge das womit wir eigentlich sehen eben so etwas?

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Denn du hast doch bemerkt, daß wenn jemand in ein Auge hineinsieht, sein Gesicht in der gegenüberstehenden Sehe erscheint wie in einem Spiegel, was wir deshalb auch das Püppchen nennen, da es ein Abbild ist des hineinschauenden.

(133) Alkibiades: Ganz richtig.

Sokrates: Ein Auge also welches ein Auge betrachtet, und in das hineinschaut was das edelste darin ist, und womit es sieht, würde so sich selbst sehn.

Alkibiades: Das ist offenbar.

Sokrates: Wenn es aber auf irgend einen andern Teil des Menschen sähe oder auf irgend ein anderes Ding außer jenem dem dieses ähnlich ist, wird es nicht sich selbst sehen.

Alkibiades: Richtig.

Sokrates: Wenn also ein Auge sich selbst schauen will, muß es in ein Auge schauen, und zwar in den Teil desselben welchem die Tugend des Auges eigentlich einwohnt. Und dies ist doch die Sehe?

Alkibiades: So ist es.

Sokrates: Muß nun etwa eben so, lieber Alkibiades, auch die Seele, wenn sie sich selbst erkennen will, in eine Seele sehen? und am meisten in den Teil derselben welchem die Tugend der Seele einwohnt die Weisheit, und in irgend etwas anderes dem dieses ähnlich ist?

Alkibiades: So dünkt es mich wenigstens, o Sokrates.

Sokrates: Haben wir nun wohl etwas anzuführen was göttlicher wäre in der Seele als das worin das Wissen und die Einsicht sich findet?

Alkibiades: Das haben wir nicht.

Sokrates: Dem göttlichen also gleicht dieses in ihr, und wer auf dieses schaute und alles göttliche erkennte Gott und die Vernunft, der würde so auch sich selbst am besten erkennen.

Alkibiades: So scheint es.

Sokrates: Das sich selbst kennen aber, gestanden wir doch ein, sei Besonnenheit.

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Wenn wir nun uns selbst nicht kennen und nicht besonnen sind, können wir dann wohl wissen was für uns gut und übel ist?

Alkibiades: Wie sollte das auch nur möglich sein, o Sokrates?

Sokrates: So mag es wohl unmöglich sein wenn man den Alkibiades nicht kennt, das ihm gehörige zu kennen, daß es ihm gehört?

Alkibiades: Unmöglich allerdings beim Zeus.

Sokrates: Also auch das unsrige nicht, daß es das unsrige ist wenn nicht einmal uns selbst?

Alkibiades: Wie sollten wir auch!

Sokrates: Und wenn nicht das unsrige, dann auch wohl nicht das was sich auf das unsrige bezieht?

Alkibiades: Nein scheint es.

Sokrates: Also haben wir wohl nicht ganz richtig eingeräumt was wir eben einräumten es gebe einige, die zwar sich selbst nicht kennten, aber das ihrige doch. Sondern nicht einmal was auf das ihrige sich bezieht: denn dies alles zu verstehen scheint nur einer und derselben Kunst anzugehören, sich, das seinige und das des seinigen.

Alkibiades: So muß es wohl sein.

Sokrates: Wer sich nun aber auf das seinige nicht versteht, muß sich wohl auch auf das der Andern eben so nicht verstehn.

Alkibiades: Wie anders?

Sokrates: Und wenn nicht auf das der Anderen, wird er sich auch auf das der Staaten nicht verstehen.

Alkibiades: Notwendig nicht.

Sokrates: Also könnte auch ein solcher Mann kein Staatsmann werden?

Alkibiades: Wohl nicht.

Sokrates: Ja auch nicht einmal ein Hauswirt?

Alkibiades: Wohl nicht.

Sokrates: Und wird gar nie wissen was er tut?

Alkibiades: Freilich wohl nicht.

(134) Sokrates: Und der nicht wissende, wird der nicht fehlen?

Alkibiades: Freilich.

Sokrates: Und wenn er fehlt, wird er dann nicht schlechte Geschäfte machen für sich und öffentlich?

Alkibiades: Wie sollte er nicht?

Sokrates: Und wer schlechte Geschäfte macht, ist der nicht elend dran?

Alkibiades: Gar sehr.

Sokrates: Und wie die, für die ein solcher Geschäfte macht?

Alkibiades: Auch diese.

Sokrates: Nicht möglich also ist, wenn einer nicht besonnen ist und gut, daß er glückselig sei?

Alkibiades: Nicht möglich.

Sokrates: Also sind die schlechten unter den Menschen elend?

Alkibiades: Gar sehr.

Sokrates: Also auch nicht wer reich wird, wird des Elends entledigt, sondern wer besonnen wird?

Alkibiades: So zeigt es sich.

Sokrates: Also nicht Mauern und Kriegsschiffe und Werfte brauchen die Städte, o Alkibiades, wenn es ihnen Wohlergehen soll, noch auch Volksmenge oder Größe ohne Tugend.

Alkibiades: Freilich nicht.

Sokrates: Wenn du also die Geschäfte der Stadt recht und schön verwalten willst, mußt du den Bürgern Tugend mitteilen.

Alkibiades: Wie sollte ich nicht.

Sokrates: Kann einer aber wohl mitteilen was er nicht hat?

Alkibiades: Und wie?

Sokrates: Dir selbst also mußt du zuerst dieses anschaffen, Tugend, und jeder der nicht nur sich und seine Angelegenheiten besonders regieren und besorgen will, sondern auch die Stadt und ihre Angelegenheiten.

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: Nicht also Macht und Gewalt mußt du dir zu erwerben suchen um zu tun was du etwa willst, auch nicht der Stadt, sondern Gerechtigkeit und Besonnenheit.

Alkibiades: So zeigt es sich.

Sokrates: Denn nur gerecht handelnd und besonnen werdet ihr, du und die Stadt, gottgefällig handeln.

Alkibiades: Wahrscheinlich wohl.

Sokrates: Und so werdet ihr, wie wir in dem vorigen sagten, in das göttliche und glänzende schauend handeln.

Alkibiades: So zeigt es sich.

Sokrates: Und dahin sehend werdet ihr dann euch selbst und das was euch gut ist erblicken und erkennen.

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und also werdet ihr recht und wohl handeln.

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und wenn ihr denn so handelt, will ich euch wohl Bürgschaft leisten, daß ihr wahr und gewiß glücklich sein werdet.

Alkibiades: Und du bist ein sicherer Bürge.

Sokrates: Handelt ihr aber ungerecht, indem ihr auf das ungöttliche und dunkle sehet: so werdet ihr auch wie man schließen muß, dem ähnliches tun indem ihr euch selbst nicht kennet.

Alkibiades: Das leuchtet ein.

Sokrates: Denn wer, o lieber Alkibiades, Macht hat zu tun was er will, Vernunft aber nicht hat, was wird dem wahrscheinlich begegnen, sei er nun ein Einzelner oder ein Staat? wie wenn ein Kranker Macht hat zu tun was er will, ohne ärztlichen Verstand zu haben aber mit Gewalt alles durchsetzt, (135) daß ihn auch nicht einmal einer schilt, was wird dabei wohl herauskommen? nicht vermutlich daß er seinen Leib wird zu Grunde richten?

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: Und wie in einem Schiffe? wenn einer Macht hätte zu tun was ihm gut dünkt, welcher steuermännischer Vernunft und Tüchtigkeit ganz beraubt wäre, siehst du wohl was ihm und seinen Mitschiffenden begegnen wird?

Alkibiades: Ich wohl, daß sie alle können zu Grunde gehn.

Sokrates: Wird nicht auch eben so im Staat und überall sonst der Herrschaft und Eigenmacht der es an Tugend gebricht das Übelbefinden folgen?

Alkibiades: Notwendig.

Sokrates: Also keine willkürliche Gewalt, o bester Alkibiades, mußt du weder dir verschaffen noch der Stadt, wenn ihr wollt glücklich sein, sondern Tugend.

Alkibiades: Du hast Recht.

Sokrates: Und ehe er Tugend hat ist es besser von einem bessern regiert zu werden als zu regieren nicht nur einem Knaben, sondern auch einem Mann.

Alkibiades: So zeigt es sich.

Sokrates: Und das bessere ist doch auch schöner?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Und das schönere auch geziemender?

Alkibiades: Wie sollte es nicht?

Sokrates: Also dem schlechten ziemt es zu dienen; denn es ist ihm besser?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Etwas knechtisches also ist die Schlechtigkeit?

Alkibiades: Es zeigt sich.

Sokrates: Und etwas adeliches die Tugend?

Alkibiades: Ja.

Sokrates: Fliehen aber, o Freund, muß man doch das knechtische?

Alkibiades: Am meisten wohl.

Sokrates: Wie meinst du nun daß du beschaffen bist? adelich oder nicht?

Alkibiades: Das glaube ich jetzt gar sehr zu merken.

Sokrates: Weißt du nun, wie du dem entfliehn sollst, was jetzt mit dir ist, damit wir es doch nicht nennen an einem trefflichen Manne?

Alkibiades: Ich weiß wohl.

Sokrates: Wie denn?

Alkibiades: Wenn du willst, o Sokrates.

Sokrates: Das sagst du nicht recht, o Alkibiades.

Alkibiades: Wie muß ich denn sagen?

Sokrates: Wenn Gott will.

Alkibiades: Das sage ich also. Und überdies sage ich noch dieses, daß wir nun wohl gar unsere Gestalt vertauschen werden, o Sokrates, ich die deinige annehmend und du die meinige. Denn es kann nicht fehlen, daß ich dich nicht überall begleiten sollte von diesem Tage an und du von mir begleitet werden.

Sokrates: Meine Liebe also, o Bester, wird wenig von einem Kranich unterschieden sein, wenn sie bei dir eine junge Liebe wird flügge gemacht haben, und dann selbst wieder von dieser gepflegt werden.

Alkibiades: Aber so verhält es sich doch. Und will ich von jetzt anfangen mich der Gerechtigkeit zu befleißigen.

Sokrates: Und ich wollte daß du es auch vollendetest. Aber ich zittere, nicht als ob ich deiner Natur mißtrauete, sondern nur wenn ich die Stärke der Stadt erwäge, ob sie nicht dich und mich überwältigen wird.

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