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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 86
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Sokrates: Sind nun nicht der richtigen Vorstellungen und Reden Bilder auch richtige, die der falschen aber falsche?

Protarchos: Auf alle Weise.

Sokrates: Wenn wir nun dies richtig bestimmt haben, so laß uns auch noch dieses dazu untersuchen.

Protarchos: Welches doch?

Sokrates: Ob uns mit dem gegenwärtigen und vergangenen dieses zwar notwendig so begegnet, mit dem künftigen aber nicht.

Protarchos: Mit allem aus allen Zeiten gewiß auf gleiche Weise.

Sokrates: Nun ist doch von der Lust und Unlust der Seele in dem vorigen gesagt worden, daß sie wohl vor der Lust und Unlust des Leibes vorher entstehen könnte, so daß uns also eine Vorlust und eine Vorunlust in Bezug auf die künftige Zeit entsteht.

Protarchos: Sehr wahr.

Sokrates: Gibt es nun solche Schriften und Bilder, wie wir kurz zuvor in uns entstehn ließen, zwar von der vergangenen und gegenwärtigen Zeit, von der künftigen aber nicht?

Protarchos: Ganz gewiß doch.

Sokrates: Sagst du etwa ganz gewiß, weil sie ja alle auf die künftige Zeit bezogen Hoffnungen sind, und wir unser ganzes Leben hindurch immer voll sind von Hoffnungen?

Protarchos: Auf alle Weise freilich.

Sokrates: Wohlan denn, zu dem jetzt erklärten beantworte mir auch noch dieses.

Protarchos: Was doch?

Sokrates: Ein gerechter und frommer und durchaus guter Mann, ist der nicht gottgeliebt?

Protarchos: Wie sollte er nicht!

Sokrates: Und der ungerechte und ganz und gar schlechte, ist der nicht ganz das Gegenteil von jenem?

Protarchos: Wie sollte er nicht!

Sokrates: Und vieler Hoffnungen, wie wir eben sagten, ist jeder Mensch voll?

(40) Protarchos: Wie könnte einer anders!

Sokrates: In jedem von uns also sind solche Reden, welche wir Hoffnungen nannten.

Protarchos: Ja.

Sokrates: Und doch auch die gemalten Bilder. Und so kann einer oftmals sehn, daß er ungeheuer viel Gold hat, und dabei große Lust, und auch sich selbst kann er in sich abgemalt sehn als gar höchlich erfreut.

Protarchos: Gar leicht.

Sokrates: Sollen wir nun hievon sagen, daß was die guten Menschen so geschrieben in sich tragen größtenteils wahr ist, weil sie gottgeliebt sind, was aber die schlechten, ganz im Gegenteil. Oder wollen wir das nicht sagen?

Protarchos: Gar sehr wollen wir es sagen.

Sokrates: Und auch die Schlechten haben eben so gut Lust bei sich abgemalt, nur ist es falsche.

Protarchos: Freilich wohl.

Sokrates: An falscher Lust also ergötzen sich meistenteils die Schlechten, die guten unter den Menschen aber an wahrer.

Protarchos: Ganz notwendig ist es so wie du sagst.

Sokrates: Es gibt also nach dieser unserer jetzigen Rede allerdings in den Seelen der Menschen falsche Lust, welche der wahren nur ins lächerliche sich nachbildet; und eben so auch Unlust.

Protarchos: Es gibt.

Sokrates: Mußte nun nicht, wer nur überall vorstellt, allerdings immer in der Tat vorstellen, aber doch bisweilen was nicht ist noch war noch auch sein wird?

Protarchos: Freilich.

Sokrates: Und dies war es eben, glaube ich, woraus uns denn die unrichtige Vorstellung und das unrichtig vorstellen entstand; nicht wahr?

Protarchos: Ja.

Sokrates: Und wie? müssen wir nicht der Lust und Unlust eine jenen ganz ähnliche Beschaffenheit unter denselben Umständen beilegen?

Protarchos: Wie das?

Sokrates: Daß allerdings wer nur überall, sei es auch noch so eitler Weise, Lust hat, in der Tat jedesmal wirklich Lust hat, bisweilen jedoch an dem was nicht ist und nicht gewesen ist und oft ja vielleicht meistenteils an dem was auch niemals sein wird.

Protarchos: Auch das, o Sokrates, verhält sich notwendig so.

Sokrates: Und dasselbe würde wohl auch gelten von Furcht und Ereiferung und allem ähnlichen, daß alles dergleichen auch bisweilen falsch ist.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Und wie können wir wohl anders Vorstellungen schlecht und gut nennen, als weil sie wahr sind oder falsch?

Protarchos: Nicht anders.

Sokrates: Und auch Lust, meine ich, können wir nicht merken, daß sie auf andere Weise schlecht ist, als dadurch daß sie falsch ist.

Protarchos: Wohl ganz das Gegenteil von dem was du sagst, (41) Sokrates. Denn des falschen wegen würde einer Lust und Unlust wohl gar nicht für schlecht halten, wohl aber wenn sie in viele andere große Schlechtigkeit hineingeraten.

Sokrates: Von der schlechten Lust also, welche durch Schlechtigkeit eine solche ist, wollen wir hernach bald reden, wenn es uns noch so bedünkt; wie aber die falschen auch noch auf andere Weise viel und oft uns beschleichen und einwohnen, muß erwähnt werden; denn dies werden wir vielleicht brauchen zu unserer Beurteilung.

Protarchos: Warum nicht? wenn es nur welche gibt!

Sokrates: Aber Protarchos, es gibt deren wohl nach meiner Meinung; und so lange diese Annahme uns vorliegt kann sie unmöglich ununtersucht bleiben.

Protarchos: Schön.

Sokrates: So laß uns denn wie Kämpfer auch gegen diesen Satz uns wieder stellen.

Protarchos: Komm.

Sokrates: Wir haben doch vor kurzem in dem vorigen, wenn wir uns dessen erinnern, gesagt, daß wenn, was wir Begierden nennen, in uns sind, der Leib ganz getrennt und abgesondert von der Seele in seinen Zuständen geteilt ist.

Protarchos: Dessen erinnere ich mich, und es ist vorher gesagt worden.

Sokrates: Und nicht wahr, das was begehrt, nämlich die den Beschaffenheiten des Leibes entgegengesetzten, war die Seele, das aber, was den Schmerz oder irgend eine aus einer Erregung hervorgehende Lust in sich aufnimmt, war der Leib.

Protarchos: So war es freilich.

Sokrates: So rechne denn zusammen was hierin liegt.

Protarchos: Sprich.

Sokrates: Es liegt darin, daß wenn sich dies so verhält, alsdann Lust und Unlust zugleich in uns liegen, und das Bewußtsein beider die doch entgegengesetzt sind uns mit einander entsteht, was sieh uns auch nur eben gezeigt hat.

Protarchos: Das scheint freilich wohl.

Sokrates: War nun nicht auch dieses gesagt worden und steht uns fest als vorher eingestanden?

Protarchos: Welches doch?

Sokrates: Daß Lust und Unlust beide das mehr und minder aufnehmen und zum Unbegrenzten gehören.

Protarchos: Das ist gesagt. Warum?

Sokrates: Was ist nun wohl für Rat um dieses richtig zu beurteilen?

Protarchos: Was nur und wie?

Sokrates: Wenn doch unsere Absicht dieses zu beurteilen in dergleichen jedesmal dahin geht zu unterscheiden, welche von ihnen wohl mit den andern verglichen größer ist und kleiner, und welche es in höherem Grade ist und stärker, sowohl Unlust mit Lust verglichen als auch Unlust mit Unlust und Lust mit Lust.

Protarchos: So ist es allerdings, und dies ist die Absicht der Beurteilung.

Sokrates: Wie also? beim Gesicht leidet die Wahrheit, wenn man Größen von nahe und von fern sieht, und dies bewirkt (42) falsche Vorstellungen, und bei Lust und Unlust sollte nicht dasselbe eintreten?

Protarchos: Noch weit mehr wohl, o Sokrates.

Sokrates: Ganz entgegengesetzt kommt aber das jetzige heraus dem kurz vorherigen.

Protarchos: Welches meinst du?

Sokrates: Damals nämlich waren es die Vorstellungen, welche je nachdem sie wahr oder falsch ausfielen, auch die Lust und Unlust mit dem was ihnen selbst begegnet war anfüllten.

Protarchos: Vollkommen wahr.

Sokrates: Jetzt aber ist sie es selbst, welche weil sie abwechselnd bald von weitem bald von nahem gesehen und zugleich eine neben die andere gestellt wird, und zwar die Lust neben das Unangenehme gestellt größer und stärker erscheint, die Unlust aber neben das Angenehme gestellt im Gegenteil.

Protarchos: Dergleichen erfolgt wohl notwendig aus dieser Ursache.

Sokrates: Wenn du also das um wieviel jede von ihnen größer oder kleiner erscheint als sie wirklich ist, dieses erscheinende aber nicht seiende von beiden abschneidest: so wirst du weder von ihm selbst sagen können daß es richtig erscheine, noch auch wirst du dich jemals, was von Lust und Unlust auf diesen Teil fällt, getrauen richtig und wahr zu nennen.

Protarchos: Freilich nicht.

Sokrates: Gleich nach diesem laß uns nun sehen, ob wir nicht darauf treffen, daß noch ärgere falsche Lust und Unlust als diese in den lebendigen Wesen erscheint und ist.

Protarchos: Wie doch und was für welche meinst du?

Sokrates: Es ist doch schon oft gesagt worden, daß wenn die Natur eines jeden leidet durch Vermischungen und Aussonderungen, durch Anfüllungen und Ausleerungen oder gewisse Vermehrungen und Abnahmen, alsdann Unlust Beschwerde Schmerz und alles was dergleichen Namen führt zu entstehen pflege.

Protarchos: Ja das ist oft schon gesagt.

Sokrates: Wann es aber wieder zu seiner eigenen Natur zurückkehrt, diese Rückkehr setzten wir bei uns fest, sei Lust.

Protarchos: Richtig.

Sokrates: Wie nun aber wenn an unserm Leibe keines von beiden wirklich vorgeht?

Protarchos: Wann könnte das aber wohl sein, o Sokrates?

Sokrates: Die Frage tut gar nichts zur Sache die du jetzt vorbringst.

Protarchos: Wie so nicht?

Sokrates: Weil sie mich doch nicht hindert meine Frage dir noch einmal auf zu werfen.

Protarchos: Welche?

Sokrates: Wenn nun dergleichen jemals gar nicht statt fände, werde ich immer sagen, was würde uns daraus notwendig folgen?

Protarchos: Du meinst, wenn der Leib auf keine von beiden Seiten bewegt würde?

Sokrates: Eben das.,

Protarchos: Offenbar doch wohl dieses, o Sokrates, daß in einem solchen dann weder Lust wäre, noch auch irgend eine Unlust.

(43) Sokrates: Sehr richtig gesagt. Nur meinst du, glaube ich, es müsse dergleichen immer etwas in uns sein, wie die Weisen sagen; denn es fließt alles immer nach oben oder unten.

Protarchos: Das sagen sie freilich, und es dünkt mich gar nicht schlecht.

Sokrates: Wie wollte es auch, da sie selbst nicht schlecht sind! Aber ich möchte dieser Rede gern ausweichen, die mir entgegen kommt. Hieher denke ich deshalb zu fliehen, und fliehe du nur mit.

Protarchos: Sage nur wie.

Sokrates: Das soll freilich so sein, wollen wir zu ihnen sprechen. Du aber beantworte mir nur dieses, ob denn immer alles was nur einem beseelten Wesen begegnet, auch von dem wahrgenommen wird, dem es begegnet; und wir auch nicht einmal wachsen ohne es zu merken und gar vielerlei eben so mit uns vorgeht? oder ganz das Gegenteil? denn fast alles dieser Art entgeht uns gänzlich.

Protarchos: Ganz im Gegenteil freilich.

Sokrates: Also war uns nur das eben gesagte nicht ganz richtig gesagt, daß die Veränderungen nach oben und unten Lust und Unlust bewirken.

Protarchos: Wie so nicht?

Sokrates: Besser und untadelhafter wäre es so ausgedrückt.

Protarchos: Wie doch?

Sokrates: Die großen Veränderungen verursachen uns Lust und Unlust, die mittelmäßigen und kleinen aber ganz und gar keines von beiden.

Protarchos: Richtiger als jenes ist dieses allerdings, o Sokrates.

Sokrates: Und ist nun dieses so: so kommt ja der nur eben angeführte Lebenszustand schon wieder.

Protarchos: Welcher doch?

Sokrates: Von dem wir sagten, er sei schmerzlos und auch ohne Vergnügungen.

Protarchos: Du hast ganz recht.

Sokrates: Wollen wir uns nun hieraus dreierlei Leben bilden, das eine unangenehm, das andere angenehm, das dritte keins von beiden? Oder wie wolltest du es anders sagen?

Protarchos: Gar nicht anders, sondern so daß es diese dreierlei gibt.

Sokrates: Und nicht Unlust haben ist doch niemals dasselbe wie Lust haben?

Protarchos: Wie sollte es auch?

Sokrates: Wenn du also hörst, es sei das angenehmste schmerzlos sein ganzes Leben hinzubringen, was denkst du dir wohl, daß ein solcher dann sagt?

Protarchos: Mir wenigstens scheint ein solcher das nicht Unlust haben für das Angenehme auszugeben.

Sokrates: Von drei verschiedenen also welche du willst setze mir, damit wir nur schönere Namen dafür haben, das eine als Gold das andere als Silber das dritte als keines von beiden.

Protarchos: Das steht nun fest.

Sokrates: Jenes keines von beiden nun, kann das wohl eines von den beiden andern sein, Gold oder Silber?

Protarchos: Wie wäre es möglich!

Sokrates: Also auch der mittlere Zustand kann niemals mit Recht angenehm oder schmerzlich vorgestellt werden, wenn ihn sich einer vorstellen will, noch genannt werden, wenn ihn einer so nennen wollte, nach richtiger Weise wenigstens nicht.

Protarchos: Wie ginge das auch.

Sokrates: Aber doch, o Freund, merken wir welche, die dieses sagen und sich so vorstellen.

Protarchos: Gar sehr.

(44) Sokrates: Glauben sie also dann Lust zu haben, wenn sie ohne Unlust sind?

Protarchos: Sie sagen es wenigstens.

Sokrates: Also glauben sie doch dann Lust zu haben. Denn sie würden es ja nicht sagen.

Protarchos: Das scheint wohl.

Sokrates: Und falsches denken sie also von der Lust, wenn doch nicht Unlust haben und Lust haben jedes etwas besonderes für sich ist.

Protarchos: Etwas besonderes sind ja beide ganz gewiß.

Sokrates: Wollen wir nun bei uns fest setzen, wie eben, daß dieses dreierlei ist, oder soll nur zweierlei, die Unlust das Übel für die Menschen, und die Befreiung von der Unlust, weil eben dieses das gute ist, das Angenehme genannt werden.

Protarchos: Wie denn, o Sokrates, werden wir dies nun von uns selbst gefragt? denn ich verstehe nicht.

Sokrates: Du verstehst eben in der Tat die rechten Feinde unseres Philebos nicht, o Protarchos.

Protarchos: Welche meinst du denn sind es?

Sokrates: Gar gewaltige Leute in Sachen der Natur, welche behaupten es gebe ganz und gar keine Lust.

Protarchos: Wie so doch?

Sokrates: Dies insgesamt wären nur Abwesenheiten der Unlust, was Philebos und die Seinigen jetzt Lust nennen.

Protarchos: Rätst du nun daß wir diesen folgen, o Sokrates, oder wie?

Sokrates: Gar nicht; aber wir wollen sie gebrauchen wie Wahrsager, die nicht aus Kunst sondern aus einer gewissen verdrießlichen Strenge ihrer nicht unedlen Natur wahrsagen, gewaltig erbittert gegen die Kraft der Lust und sie für nichts gesundes haltend, so daß auch eben dieser ihr Reiz ein Zaubermittel sei, nicht Lust. Diese kannst du hiezu gut brauchen, wenn du erst auch ihre andern verdrießlichen Reden noch erwogen hast. Nachher aber sollst du, was ich für wahrhafte Lust halte, erfahren, damit wir so nach Maßgabe beider Reden die Kraft der Lust in Betrachtung und zum Spruch ziehen.

Protarchos: Richtig gesprochen.

Sokrates: Laß uns also diesen als Bundesgenossen auf den Spuren ihrer Verdrießlichkeit nachgehn. Ich denke mir nämlich, daß sie irgend woher von oben anfangend ohngefähr so sagen. Wenn wir nun irgend eines Begriffes Natur in Betracht ziehn wollten, wie die des harten, würden wir, wenn wir auf die härtesten Dinge sähen, sie so am besten auffassen, oder wenn auf die welche nur ein kleinstes Teilchen Härte haben? du mußt aber, o Protarchos, wie vorher mir, so auch nun diesen gestrengen antworten.

Protarchos: Allerdings, und ich sage ihnen also, auf das größte in seiner Art.

Sokrates: Also auch wenn wir nun den Begriff der Lust, was für eine Natur sie wohl hat betrachten wollten, müßten wir nicht auf die kleinsten Lüste sehen, sondern auf die welche für die schärfsten und stärksten gelten.

(45) Protarchos: Das würde dir jetzt wohl jeder zugeben.

Sokrates: Sind nun nicht, die wir gleich bei der Hand haben welche auch die größten Lüste sind, wie wir oft sagen, diese die den Leib angehn?

Protarchos: Wie sollten sie nicht!

Sokrates: Sind nun diese, und werden größer, bei den Kranken oder bei den Gesunden? Wir wollen uns aber in Acht nehmen daß wir nicht voreilig antwortend fehltreten.

Protarchos: Wie so?

Sokrates: Wir könnten leicht sagen, bei den Gesunden.

Protarchos: Wahrscheinlich wohl.

Sokrates: Wie? ragen nicht diejenigen hervor unter den Lüsten, denen auch die größten Begierden voran gehn?

Protarchos: Das ist wohl wahr.

Sokrates: Aber haben nicht die Fieberkranken und mit ähnlichen Übeln behafteten, mehr Durst und Frost, und was sie sonst am Leibe zu leiden pflegen, und beständig mehr Bedürfnisse, und deshalb auch wenn diese befriedigt werden, größere Lust? Oder sollen wir nicht sagen daß das wahr sei?

Protarchos: Allerdings, leuchtet das jetzt sehr ein.

Sokrates: Wie also? scheinen wir nun wohl richtig zu sagen, daß wenn jemand die größte Lust sehen will, er nicht zur Gesundheit sondern zur Krankheit gehn muß, um sie da zu betrachten? Sieh aber zu daß du nicht etwa glaubst, ich meinte mit meiner Frage, daß die Kranken mehr Vergnügen hätten als die Gesunden; sondern denke, ich suche nur die Größe der Lust, und das heftige derselben, wo sich das wohl jedesmal findet. Denn wir müssen einsehen, welche Natur sie hat, und was doch die von ihr meinen, welche behaupten, es gebe sie ganz und gar nicht.

Protarchos: Ich folge nun wohl deiner Rede.

Sokrates: Bald, o Protarchos, wirst du wohl eben so gut selbst zeigen; denn du wirst antworten. Antworte nur. Siehst du größere Lust, ich sage nicht mehrere, aber an Heftigkeit und Stärke hervorragend im Übermut oder in dem besonnenen Leben? Nimm dich aber gut zusammen bei der Antwort.

Protarchos: Ich verstehe schon was du meinst, und sehe einen großen Unterschied. Denn die Besonnenen hält schon das Sprichwort zurück, welches ihnen jedesmal das Nichts zuviel einschärft, und dem sie gehorchen. Die Unsinnigen aber und Übermütigen nimmt die heftige Lust bis zum Wahnsinn ein, und macht sie ganz verrufen.

Sokrates: Schön! und wenn sich dies so verhält, ist doch offenbar daß in einer gewissen Verderbtheit des Leibes und der Seele, und nicht in ihrer rechten Tüchtigkeit, die größte Lust und Unlust entsteht.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Von diesen also müssen wir uns einige vornehmen und betrachten, wie sie sich doch verhalten, daß wir sagen sie seien die größten.

Protarchos: Notwendig.

(46) Sokrates: So betrachte denn die Lüste in solchem krankhaften Zustande, auf welche Weise sie sich verhalten.

Protarchos: In was für welchem?

Sokrates: Die Lust der Schamlosen, die eben von unsern vorigen Verdrießlichen so ausnehmend gehaßt wird.

Protarchos: Was für welche?

Sokrates: Nun wie sie sich zum Beispiel die Krätze heilen durch Reiben und mehreres dergleichen was keines andern Mittels bedarf; denn eben dieses Gefühl bei den Göttern was sollen wir denn sagen daß es in uns ist? Lust oder Unlust?

Protarchos: Ein gemischtes Übel, o  Sokrates, scheint dies zu sein.

Sokrates: Gar nicht des Philebos wegen habe ich diese Rede vorgebracht, o Protarchos; allein ohne diese Lust und die damit zusammenhängenden, wenn man sie nicht beachtet, würden wir fast nicht im Stande sein das zu entscheiden, wonach jetzt gefragt wird.

Protarchos: So laß uns denn weiter gehn zu den mit diesen verwandten.

Sokrates: Welche an der Mischung Teil haben, meinst du.

Protarchos: Eben die.

Sokrates: Es gibt also einige Mischungen die nur den Leib betreffen in den Leibern selbst, andere der Seele allein in der Seele, die aber worin des Leibes und der Seele Lust und Unlust untereinander gemischt vorkommen, werden wir finden daß sie zusammengenommen bald Lust bald Unlust genannt werden.

Protarchos: Wie so?

Sokrates: Wenn einer in der Wiederherstellung oder in der Störung entgegengesetztes zugleich erleidet, als ein Frierender sich wärmt, oder als ein Erhitzter sich abkühlt, indem er eigentlich sucht, so denke ich, das eine zu haben und das andere los zu werden: so verursacht dieses gemischte sogenannte Bittersüße, wenn es anhält, weil das eine nicht verschwinden will, Unwillen und hernach eine heftige Spannung.

Protarchos: Sehr richtig trifft das eben erklärte.

Sokrates: Sind nun nicht diese Mischungen teils aus gleicher Lust und Unlust, teils aus einer von beiden überwiegend?

Protarchos: Wie sollten sie nicht.

Sokrates: So sage denn, die in welchen mehr Unlust als Lust sich findet seien eben diese itzt angeführten von der Krätze und dem Gurgeln, wenn das brennende und entzündete inwendig ist und einer mit Reiben und Kratzen nicht dazu kommt, sondern nur die äußere Oberfläche reizt, indem man sie bald in das Feuer bringt, und in das Gegenteil, wobei bisweilen aus überschwänglicher Lust doch nur Hülflosigkeit herauskommt, bald aber im Gegenteil pflegt man den innern Teilen um die Unlust in den äußeren damit zu vermischen, wohin es nun auch ausschlage, Lust zu erregen, indem man bald verbundenes mit Gewalt trennt, bald gesondertes mischt, und somit der Unlust Lust beigesellt.

Protarchos: Vollkommen richtig.

(47) Sokrates: Und nicht wahr, wenn in allem diesem ein größerer Anteil Lust gemischt wird, so verursacht die beigemischte Unlust nur gelinden Reiz und Unruhe, die weit reichlicher eingeflößte Lust aber spannt an und macht bisweilen springen, und indem sie allerlei vielfach wechselnde Farben und Gebärden und Atemzüge herausbringt, bringt sie unsinniges Entzücken und Geschrei hervor?

Protarchos: So ist es freilich.

Sokrates: Und macht daß einer von sich selbst sagt und auch Andere, es sei fast zum Sterben wie diese Lüste ergötzen. Und diesen geht nun jeder um so mehr nach, je unbändiger und unvernünftiger er ist, und nennt diese die größten, und wer in diesen am meisten lebt, den schätzt er für den glückseligsten.

Protarchos: Alles, o Sokrates, wie sich bei den Menschen aus der Menge die Meinung ergibt, hast du ausgeführt.

Sokrates: Von denen Lüsten nun, o Protarchos, wobei zu einem zusammengesetzten Zustande des Leibes allein inneres und äußeres gemischt ist, und von denen wobei die Seele dem Leibe entgegengesetztes beiträgt, Unlust sowohl zur Lust, als Lust zur Unlust, so daß beides in eine Mischung eingeht, haben wir dieses zwar vorher schon ausgeführt, daß wenn einer ausgeleert ist er nach Anfüllung strebt, und sofern er hofft sich zwar freut, sofern er aber ausgeleert ist Schmerz hat, dieses aber haben wir damals nicht erklärt, sagen es aber jetzt, daß wo die Seele von dem Leibe abweicht, in allen diesen unzähligen Fällen, alles in Eine Mischung von Lust und Unlust zusammenfällt.

Protarchos: Du scheinst vollkommen richtig zu reden.

Sokrates: Von allen Mischungen der Lust und Unlust ist uns also nur noch eine übrig.

Protarchos: Welche meinst du?

Sokrates: Welche wir sagten daß die Seele selbst für sich oftmals annimmt.

Protarchos: Wie aber meinen wir dies eigentlich?

Sokrates: Zorn und Furcht und Verlangen und Wehmut und Liebespein und Eifersucht und Neid und was dergleichen ist, setzest du das nicht als Unlust der Seele selbst?

Protarchos: Ich allerdings.

Sokrates: Und werden wir dies alles nicht unsäglicher Lust voll finden? oder ist erst Not uns zu erinnern an das, »der selbst, zu Zorn nämlich und Eifer, auch den Weiseren pflegt zu erbittern, der weit süßer zuerst denn sanft eingleitender Honig«, und an die Lust welche bei Wehmut und Sehnsucht mit der Unlust gemischt ist?

(48) Protarchos: Nein, sondern nur so und anders nicht kann dieses sich verhalten.

Sokrates: Und wenn sie die Tragödien sehen, erinnerst du dich doch wohl, wie sie zugleich sich ergötzend doch weinen?

Protarchos: Wie sollte ich nicht!

Sokrates: Wie aber unsere Seele bei den Komödien bewegt ist, weißt du wohl, daß auch darin eine Mischung von Lust und Unlust liegt?

Protarchos: Das verstehe ich nicht recht.

Sokrates: Ganz gewiß ist es auch gar nicht leicht, o Protarchos, hierin den jedesmaligen Zustand dieser Art zu erkennen.

Protarchos: Freilich nicht, wie mir wenigstens scheint.

Sokrates: Nehmen wir indes dies um so lieber vor, je dunkler es ist, damit einer auch in andern Fällen desto leichter eine Mischung von Lust und Unlust erkennen könne.

Protarchos: So erkläre es denn.

Sokrates: Was wir eben vorher auch nannten, Neid, verstehst du unter diesem Worte eine Unlust der Seele? oder wie?

Protarchos: So.

Sokrates: Wer aber neidet, der wird sich wohl immer über die Übel des Nächsten erfreut zeigen.

Protarchos: Gar sehr allerdings.

Sokrates: Und ein Übel ist doch Unwissenheit, und was wir sonst Unfähigkeit nennen?

Protarchos: Wie sollte sie nicht!

Sokrates: Hieraus nun sieh, welches eigentlich die Natur des Lächerlichen ist.

Protarchos: Sprich nur.

Sokrates: Es ist also eine Schlechtigkeit, die von einer gewissen Beschaffenheit beigenamt wird, und zwar von der gesamten Schlechtigkeit der Teil welcher den entgegengesetzten Zustand enthält des von dem delphischen Spruch ausgedrückten.

Protarchos: Meinst du das Kenne dich selbst, o Sokrates?

Sokrates: Allerdings. Und offenbar wäre doch sich selbst nie zu kennen das Gegenteil von jenem in dem Spruch ausgedrückten.

Protarchos: Wie sollte es nicht?

Sokrates: O Protarchos, versuche also eben dieses dreifach zu teilen.

Protarchos: Auf welche Weise meinst du? ich werde es wohl nicht können.

Sokrates: Du meinst also wohl, für diesmal soll ich es nur abteilen?

Protarchos: Und bitte dich darum außer dem daß ich es meine.

Sokrates: Muß nun nicht denen welche sich selbst verkennen dies in Absicht auf drei Stücke begegnen?

Protarchos: Wie so?

Sokrates: Zuerst in Absicht auf Geld und Gut, daß sich einer für reicher hält als sein Vermögen beträgt.

Protarchos: Sehr Vielen begegnet dieses.

Sokrates: Und noch mehreren wohl, daß sie sich für größer und schöner und was sonst den Leib betrifft für ausgezeichneter halten, als ihnen der Wahrheit nach zukommt.

Protarchos: Freilich.

Sokrates: Bei weitem die meisten aber glaube ich verfehlen es in Absicht des dritten Stückes, nämlich dessen was in der Seele ist, indem sie sich selbst für besser halten in der Tugend, ohne es zu sein.

Protarchos: Bei weitem allerdings.

Sokrates: Und unter allen Tugenden ist es nicht vorzüglich auf die Weisheit, daß die Menge auf alle Weise Anspruch macht, und deshalb voll Streites ist und falscher Dünkelweisheit.

(49) Protarchos: Wie könnte es anders sein.

Sokrates: Und wer nun jeden solchen Zustand ein Übel nennte, würde ihn wohl ganz recht benennen.

Protarchos: Gar sehr gewiß.

Sokrates: Dieser nun muß noch halbiert werden, o Protarchos, wenn wir den scherzhaften Neid sehen und darin eine wunderbare Mischung von Lust und Unlust erkennen sollen.

Protarchos: Wie sollen wir ihn nun halbieren? sage es nur.

Sokrates: Alle welche diese falsche Meinung von sich selbst unsinnigerweise hegen, von denen muß doch, wie von allen andern Menschen so auch ganz notwendigerweise von ihnen, Einigen Stärke und Macht zukommen und Andern denke ich das Gegenteil.

Protarchos: Notwendig.

Sokrates: Hiernach also teile, und so viele von ihnen aus Schwachheit solche sind, und unvermögend, wenn sie ausgelacht werden, sich zu rächen, wenn du von diesen sagst, daß sie lächerlich sind, wirst du wohl ganz richtig reden, die sich aber rächen können, wenn du die als furchtbar und schändlich und feindselig bezeichnest, wirst du dir selbst die richtigste Erklärung über sie geben. Denn die Unwissenheit der Mächtigen ist feindselig und schändlich, denn sie ist auch den Nächsten verderblich, sie selbst und ihre Abbilder; die schwache aber fällt uns in die Natur und das Gebiet des Lächerlichen.

Protarchos: Vollkommen richtig. Allein die Mischung der Lust und Unlust darin ist mir noch nicht deutlich.

Sokrates: Nimm also zuerst das Wesen des Neides vor.

Protarchos: Erkläre es nur.

Sokrates: Er ist doch eine ungerechte Unlust und Lust?

Protarchos: Das wohl notwendig.

Sokrates: Nun ist doch über der Feinde Übel weder ungerecht noch neidisch sich zu freuen?

Protarchos: Wie sollte es!

Sokrates: Wenn man aber Übel der Freunde sieht, dann bisweilen sich nicht zu betrüben sondern zu freuen ist das nicht ungerecht?

Protarchos: Wie sollte es nicht?

Sokrates: Und die Unwissenheit sagen wir doch ist ein Übel für Alle?

Protarchos: Richtig.

Sokrates: Wie nun? Der Freunde Dünkel Weisheit und Dünkelschönheit, und was wir eben anführten als unter drei Arten verteilt, ist doch lächerlich soviel davon schwach ist, verhaßt aber soviel davon stark ist? Oder wollen wir nicht mehr zugeben, was ich vorhin sagte, daß diese Beschaffenheit, wenn einer der Freunde sie auf eine für Andere unschädliche Art an sich hat, lächerlich ist?

Protarchos: Allerdings wollen wir.

Sokrates: Und erkennen wir sie nicht als ein Übel an, da sie doch Unwissenheit ist?

Protarchos: Gar sehr.

Sokrates: Freuen wir uns nun oder sind wir betrübt, wenn wir über sie lachen?

(50) Protarchos: Offenbar freuen wir uns.

Sokrates: Und Lust an der Freunde Übel, sagten wir nicht daß der Neid es sei der diese bewirke?

Protarchos: Notwendig.

Sokrates: Wenn wir also über unserer Freunde Lächerlichkeiten lachen, sagt die Rede, daß wir Lust dem Neide beimischend die Lust der Unlust beimischen; denn der Neid sei uns schon lange bestimmt als eine Unlust der Seele, das Lachen aber als Lust, und beides sei hiebei zu gleicher Zeit vorhanden.

Protarchos: Richtig.

Sokrates: Und so deutet uns die Rede an, daß auch in Klaggedichten und Trauerspielen, nicht denen auf der Bühne nur, sondern auch in dem gesamten Trauerspiel und Lustspiel des Lebens, Unlust mit Lust zugleich gemischt sei und so in tausend andern Dingen.

Protarchos: Es ist unmöglich dies nicht einzugestehn, o Sokrates, wenn einer auch ganz hartnäckig auf dem Gegenteil bestehen wollte.

Sokrates: Und Zorn und Sehnsucht und Wehmut und Furcht und Liebe und Eifersucht und Neid hatten wir uns doch vorgehalten, daß darin, wie wir behaupteten, das nun schon so oft genannte sich müßte vermischt finden. Nicht wahr?

Protarchos: Ja.

Sokrates: Und wir sehen doch ein, daß von Wehmut und Neid und Zorn das jetzt durchgeführte alles wirklich handelt.

Protarchos: Wie sollten wir das nicht einsehn?

Sokrates: Viel anderes aber ist doch noch übrig?

Protarchos: Gar sehr.

Sokrates: Weshalb nun denkst du wohl, daß ich dir vorzüglich die Mischung in der Komödie gezeigt habe? Nicht des Beweises wegen, weil in Furcht und Liebe und dem übrigen noch leichter ist die Mischung aufzuweisen, damit wenn du dies bei dir selbst festgestellt hättest, du mir erlassen möchtest nicht erst zu jenen auch zu gehen und die Rede dadurch in die Länge zu ziehen, sondern dieses schlechthin annehmen, daß sowohl der Leib ohne die Seele als die Seele ohne den Leib und beide mit einander in ihren Zuständen voll sind der mit Unlust gemischten Lust. Nun sage also, ob du es mir erläßt, oder ob du Mitternacht heranbringen willst. Ich denke aber, wenn ich nur noch weniges gesagt habe, von dir zu erlangen, daß du mich gehen läßt. Denn von diesem allen insgesamt will ich dir Morgen Rechenschaft ablegen; jetzt aber möchte ich auf das übrige lossteuern zu dem Urteile welches Philebos fodert.

Protarchos: Wohl gesprochen, o Sokrates. Also nimm nur durch was wir noch vor uns haben, wie es dir lieb ist.

Sokrates: Der Natur gemäß sollten wir nun nach den gemischten Vergnügungen vermöge einer Art von Notwendigkeit zu den ungemischten an ihrem Teil übergehn.

Protarchos: Wohl gesprochen.

(51) Sokrates: Ich will also versuchen umwendend sie euch zu bezeichnen. Denn denen welche sagen, daß alle Lust nur Hemmung der Unlust sei, kann ich nicht recht glauben; sondern wie ich schon sagte, ich brauche sie nur zu Zeugen dafür, daß es allerlei scheinbare Lust gibt, welche wirklich keine ist, und daß noch vielerlei andere gar groß erscheint, welche aber zugleich gemischt ist mit Unlust und mit Erholungen von den größten Schmerzen in Ratlosigkeit Leibes und der Seelen.

Protarchos: Aber welche, o Sokrates, könnte wohl einer als wahr annehmen, der richtig darüber denken wollte?

Sokrates: Die an den schönen Farben und Gestalten, und die meisten die von Gerüchen herrühren und Tönen, und alles was nach einem unmerklichen und schmerzlosen Bedürfnis uns eine merkliche und angenehme Befriedigung rein von Unlust gewährt.

Protarchos: Wie ist das nun wieder eigentlich gemeint, o Sokrates?

Sokrates: Freilich ist wohl nicht sogleich deutlich was ich meine, man muß aber versuchen es deutlich zu machen. Ich versuche also als Schönheit der Gestalten dir nicht, was wohl die meisten glauben möchten, zu erklären, etwa die der lebenden Körper oder die gewisser Gemälde; sondern ich nenne etwas grade, sagt meine Erklärung, und etwas rund und aus diesen wiederum die Flächen und Körper, welche gedreht werden, oder durch Regel und Winkelmaß bestimmt, wenn du mich verstehst. Denn diese, sage ich, sind nicht in Beziehung auf etwas schön wie anderes, sondern immer an und für sich sind sie ihrer Natur nach schön, und haben eine eigentümliche Lust, die nichts mit der des Kitzels zu schaffen hat; und so auch Farben sind nach dieser selbigen Weise schön und haben ihre Lust. Aber verstehen wir es auch, oder wie?

Protarchos: Ich bemühe mich wohl, o Sokrates; bemühe nur auch du dich es noch deutlicher zu erklären.

Sokrates: Ich sage also, daß auch von den Tönen, jene glatten und hellen, welche Einen bestimmten reinen Gesang von sich geben, nicht in Bezug auf etwas schön sind sondern an und für sich, und daß ihnen mitgeborene Lust sie begleitet.

Protarchos: Auch das ist allerdings so.

Sokrates: Die an Gerüchen ist nun freilich eine weniger göttliche Art von Lust als diese; aber daß ihnen doch keine notwendige Unlust beigemischt ist, wo immer und woran uns dieses sich zeigt, das setze ich insgesamt jenen entgegen. Also, wenn du es verstehst, nennen wir dieses die zwei Arten der Lust.

Protarchos: Ich verstehe.

Sokrates: Laß uns nun diesen noch beifügen die Lust an Kenntnissen, wenn doch auch diese uns bedünken nicht einen Hunger (52) nach dem Erkennen bei sich zu haben, noch ursprüngliche aus dem Hunger nach Kenntnissen entstehende Schmerzen.

Protarchos: So dünkt es mich freilich auch.

Sokrates: Und wie? wenn nun denen die mit Erkenntnissen angefüllt sind, hernach Verlust derselben antritt durch Vergessen, siehst du darin einigen Schmerz?

Protarchos: Nicht von Natur wenigstens, sondern nur in den Betrachtungen des Zustandes, wenn einer dem sie verloren gegangen sich betrübt, weil sie ihm fehlen.

Sokrates: Aber, o Bester, wir haben es jetzt nur mit dem Zustande selbst zu tun, wie er seiner Natur nach ist, abgesehen von der Betrachtung darüber.

Protarchos: Dann hast du also ganz Recht, daß jedesmal bei unsern Kenntnissen das Vergessen uns ohne alle Unlust kommt.

Sokrates: Diese Lust also an den Kenntnissen sei unvermischt mit Unlust, müssen wir sagen, und keineswegs für die Menge der Menschen, sondern nur für gar wenige.

Protarchos: Wie sollten wir das nicht sagen.

Sokrates: Nun wir also schon ziemlich abgesondert haben die reine Lust und die welche man mit Recht unrein nennen kann: so laß uns nun in der Erklärung noch hinzufügen für die heftigen Lüste Ungemessenheit, für die welche es nicht sind im Gegenteil Abgemessenheit; und welche das groß und heftig annehmen, mögen sie nun oft oder selten solche werden, denen wollen wir hinzufügen, daß sie von jener unbegrenzten bald mehr bald weniger durch Leib und Seele sich bewegenden Art sind, die aber nicht, daß sie zu den abgemessenen gehören.

Protarchos: Vollkommen richtig, o Sokrates.

Sokrates: Nun ist also nächst diesem noch dies von ihnen auseinanderzusetzen.

Protarchos: Welches?

Sokrates: Was doch wohl zur Wahrheit des Seins beiträgt, ob das reine und lautere oder das starke und viele und große und überflüssige?

Protarchos: Was willst du eigentlich, o Sokrates, mit dieser Frage?

Sokrates: Ich will nur, o Protarchos, nichts versäumen in der Prüfung der Lust und der Erkenntnis, wenn etwa an jeder von beiden etwas rein ist und etwas unrein, damit dann jede dir und mir und allen diesen rein vor Gericht komme, und uns also das Urteil erleichtere.

Protarchos: Ganz richtig.

Sokrates: Wohlan über alles was wir reine Arten nennen laß uns so nachdenken, daß wir zuerst irgend eine von ihnen vor uns nehmen und betrachten.

Protarchos: Welche also wollen wir vor uns nehmen?

(53) Sokrates: Ich denke wir wollen das Weiße zuerst uns ansehn.

Protarchos: Ganz wohl.

Sokrates: Wie nun, und welches wäre uns die Reinheit des Weißen? Etwa das recht viele und große, oder das unvermischteste, worin auch nicht der mindeste Teil irgend einer andern Farbe sich fände?

Protarchos: Offenbar das, welches das unvermischteste ist.

Sokrates: Richtig. Wollen wir also, o Protarchos, nicht dieses als das wahrste und zugleich als das schönste unter allem Weißen setzen, nicht aber das größte noch das meiste?

Protarchos: Vollkommen richtig.

Sokrates: Wenn wir also sagen, ein weniges reines Weiß sei weißer und zugleich schöner und wahrer als vieles gemischte Weiß; so werden wir auf alle Weise richtig reden.

Protarchos: Vollkommen richtig ganz gewiß.

Sokrates: Wie nun? es wird wohl nicht erst noch vieler solcher Beispiele bedürfen für unsere Erklärung über die Lust, sondern es genügt uns auch schon hieraus einzusehn, daß auch insgesamt jede kleine und geringe aber von Unlust reine Lust angenehmer und wahrer und schöner sein muß als viele und große gemischte.

Protarchos: Gar sehr, und das Beispiel reicht hin.

Sokrates: Wie aber nun dieses? Haben wir von der Lust nicht gehört, daß sie immer nur ein Werden ist, und daß es ein Sein der Lust ganz und gar nicht gibt? Denn einige treffliche Leute wagen uns diesen Satz darzustellen, denen man Dank wissen muß.

Protarchos: Wie das?

Sokrates: Dieses eben will ich fragend mit dir durchgehn, o lieber Protarchos.

Protarchos: Sprich nur und frage.

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