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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Kriton: Was sagst du, Sokrates? So hätte dieser Knabe gesprochen?

Sokrates: Glaubst du es nicht, Kriton?

Kriton: Nein, beim Zeus, denn ich denke, wenn er das gesagt hätte, bedürfte er weder des Euthydemos noch sonst irgend eines Menschen zu seiner Unterweisung.

Sokrates: Ob etwa, beim Zeus, der Ktesippos es war, der es sagte, und ich entsinne mich nur nicht recht?

Kriton: Was doch Ktesippos!

Sokrates: Aber das weiß ich doch, daß es weder Dionysodoros (291) war noch Euthydemos, der das sagte. Oder, bester Kriton, war auch etwa ein ganz Anderer dabei, der dies gesprochen hat? Denn daß ich es gehört habe, weiß ich doch ganz gewiß.

Kriton: Ja, beim Zeus, Sokrates, ein ganz anderer muß es wohl gewesen sein, und ein weit besserer. Aber was für eine Kunst suchtet ihr nun noch nach diesen? und habt ihr jene gefunden oder habt ihr sie nicht gefunden, nach der ihr suchtet?

Sokrates: Woher, Bester, sollten wir sie gefunden haben? Sondern wir machten uns ganz lächerlich. Wie die Kinder, welche den Schwalben nachlaufen, glaubten wir jede Wissenschaft nun gleich zu fangen, und dann flogen sie uns immer weg. Was soll ich dir von den andern allen erst erzählen? Aber als wir an die königliche Kunst kamen und diese in Betrachtung zogen, ob sie etwa die wäre, welche Glückseligkeit gewährt und bewirkt: so gerieten wir eben da erst in ein neues Labyrinth, und wo wir glaubten am Ende zu sein, mußten wir wieder umwenden, und befanden uns wie am Anfang der Untersuchung, indem uns noch immer eben soviel fehlte, als da wir zuerst die Frage aufwarfen.

Kriton: Wie ist euch das doch begegnet?

Sokrates: Das will ich dir erklären. Eine und dieselbe schienen uns diese beiden zu sein, die Staatskunst und die königliche Kunst.

Kriton: Und weiter.

Sokrates: Und daß dieser Kunst die Kriegskunst und die übrigen die Werke, welche sie verfertigen, in ihre Gewalt übergeben, als welche allein wisse sie zu gebrauchen. Ganz klar also schien sie uns die zu sein, die wir suchten, und die Ursach alles Richtighandelns im Staate, ja recht nach des Aischylos Vers alles lenkend sie allein am Steuer zu sitzen des Staats und über alles herrschend alles nützlich zu machen.

Kriton: Und war das nicht ganz recht gedacht, Sokrates?

Sokrates: Du sollst es richten, Kriton, wenn du auch hören willst, wie es uns nach diesem erging. Wir überlegten es nämlich auch wiederum so. Wohlan, diese alles beherrschende königliche Kunst, was für ein Werk bewirkt sie uns denn? Oder etwa keines? Ganz gewiß doch eins, sagten wir zu einander. Hättest du nicht auch so gesagt, Kriton?

Kriton: Ich gewiß.

Sokrates: Was, würdest du also sagen, wäre ihr Werk? Wie wenn ich dich fragte, indem die Heilkunst nun alles regiert, was sie zu regieren hat, was für ein Werk schafft sie uns? Würdest du nicht antworten, die Gesundheit?

Kriton: Ich gewiß.

Sokrates: Und eure Kunst, die Landwirtschaft, wenn die alles regiert, was sie zu regieren hat, was bewirkt sie uns? Würdest du nicht sagen, sie verschaffe uns die aus der Erde hervorgehende (292) Nahrung?

Kriton: Ja.

Sokrates: Wie also die königliche Kunst? wenn sie alles regiert, worüber sie zu regieren hat, was bewirkt sie? Vielleicht weißt du nicht sonderlich etwas zu sagen.

Kriton: Nein, beim Zeus.

Sokrates: Auch wir nicht, Kriton. Allein soviel weißt du doch, daß wenn sie die ist, die wir suchen, sie uns nützlich sein muß?

Kriton: Gewiß.

Sokrates: Also muß sie uns doch etwas Gutes verschaffen?

Kriton: Notwendig, Sokrates.

Sokrates: Und gut, waren wir übereingekommen, ich und Kleinias, sei nichts anders als eine gewisse Erkenntnis.

Kriton: Ja, so sagtest du.

Sokrates: Und nicht wahr alles andere, was man als Werke der Staatskunst nennen könnte, und deren wären nun viele, als die Bürger reich zu machen, und frei und ruhig, alles dieses hatte sich gezeigt als weder gut noch böse. Weise aber mußte sie uns machen und Erkenntnis mitteilen, wenn sie die Nutzenschaffende sein soll und die glückselig machende.

Kriton: So ist es. Wenigstens damals hattet ihr dies festgesetzt, nach dem was du von dem Gespräch erzählt hast.

Sokrates: Macht also wohl die königliche Kunst die Menschen weise und gut?

Kriton: Warum nicht, Sokrates? »

Sokrates: Aber etwan Alle und gut zu allem? und ist sie es etwa die alle Erkenntnis, auch die von der Lederbereitung und vom Zimmern, und alle die andern verleiht?

Kriton: Das glaube ich nicht, Sokrates.

Sokrates: Also was denn für eine Erkenntnis? mit der wir was doch anfangen? Denn auf alle jene Werke soll sie sich nicht verstehen, die weder gut noch böse sind, und auch keine andere Erkenntnis mitteilen, als nur sich selbst. So müssen wir doch sagen, was sie ist, und was wir mit ihr anfangen? Sollen wir also etwa sagen, die wodurch wir Andere gut machen?

Kriton: Gewiß.

Sokrates: Und wozu sollen uns diese gut sein? und wozu nützlich? Oder sollen wir noch weiter sagen, diese sollen wieder Andere gut machen, und die wieder Andere? Worin sie aber gut sind, das wird uns nirgends zum Vorschein kommen, da wir ja alles, was für ein Werk der Staatskunst gehalten wird, verworfen haben. Also wird dies offenbar, wie man sagt, das ewige Einerlei, und wie ich sagte, es fehlt uns noch eben so viel, oder gar mehr als zuvor daran, daß wir wüßten, welches doch jene Erkenntnis ist, die uns glückselig machen würde.

Kriton: Beim Zeus, Sokrates, wie es scheint, seid ihr in große Verlegenheit geraten?

Sokrates: Deshalb auch, Kriton, weil ich in diese Verlegenheit (293) geraten war, ging ich durch alle Töne, und bat die Fremdlinge und flehte sie an wie die Dioskuren, uns zu retten, mich und den jungen Menschen aus dieser Brandung unseres Gesprächs, und nun auf alle Weise Ernst zu machen, und uns im Ernst zu zeigen, welches doch die Erkenntnis ist, die wir erlangen müßten, um das übrige Leben schön zu verbringen.

Kriton: Und wie? verstand Euthydemos sich dazu, sich hierüber hören zu lassen?

Sokrates: Wie sollte er nicht? und begann gar vornehm seine Rede so.

Soll ich dich, o Sokrates, diese Erkenntnis, über welche ihr schon so lange in Verlegenheit seid, lehren, oder soll ich anzeigen, daß du sie hast? – O Glückseliger, sprach ich, hängt denn dies von dir ab? – Freilich, sagte er. – Nun so zeige mir, beim Zeus, sprach ich, daß ich sie schon habe; denn das ist ja weit leichter, als wenn ich alter Mann sie erst noch lernen sollte. – Wohlan denn, so antworte mir, sprach er. Weißt du wohl etwas? – Freilich sagte ich, und recht viel, Kleinigkeiten wenigstens. – Das genügt, sprach er. Dünkt dich nun möglich, daß irgend etwas das, was es ist, zugleich auch nicht sei? – Nein, sondern unmöglich. – Und du, sprach er, weißt doch etwas? – Ja. – Also bist du wissend, wenn du weißt? – Ja freilich, um dieses. – Einerlei. Aber bist du nicht gezwungen, alles zu wissen, wenn du wissend bist? – Nein bei Gott, sagte ich, da ich ja so vieles andere nicht weiß. – Also, wenn du etwas nicht weißt, bist du nichtwissend? – Ja, um jenes wohl, Lieber, sprach ich. – Bist du deshalb weniger nichtwissend, und eben sagtest du, du wärest wissend? und so bist du was du bist, und bist es auch wieder nicht, ganz auf dieselbe Weise? – Wohl, sprach ich, Euthydemos. Denn bei dir ist doch einmal Alles schön gesprochen, wie man zu sagen pflegt. Wie besitze ich also jene Erkenntnis, welche wir suchten, weil nun also unmöglich ist, daß man dasselbe sei und nicht sei? Nämlich wenn ich Eins weiß, weiß ich alles; denn ich kann ja nicht zugleich wissend sein und nichtwissend. Wenn ich aber alles weiß: so habe ich also auch jene Erkenntnis? Meinst du es so, und ist das die Weisheit davon? – Du widerlegst dich ja selbst, Sokrates, sagte er. – Und wie, Euthydemos? sprach ich, befindest du dich nicht ganz in demselben Falle? Ich meines Teils, was mir auch immer begegne mit dir gemeinschaftlich und mit unserm Dionysodoros dem teuren Haupte, das soll mich gar nicht verdrießen. Sage mir doch, wißt ihr nicht auch Einiges und Anderes nicht? – Keinesweges, Sokrates, sagte Dionysodoros. – Wie meint ihr? sprach ich. Also wißt ihr etwa nichts? – O wohl, sprach er. – Alles also, sprach ich, wißt ihr, wenn (294) doch irgend etwas? – Alles, sagte er, und du ebenfalls, wenn du auch nur Eins weißt, weißt alles. – O Zeus, sprach ich, was sagst du Wunderbares, und welch großes Gut kommt da ans Licht! Und wissen etwa auch alle andern Menschen alles oder nichts? – Sie können ja doch nicht, sagte er, einiges wissen und anderes nicht wissen, und so zugleich wissend sein und nicht wissend. – Sondern wie ist es nun? fragte ich. – Alle, sagte er, wissen Alles, sobald sie Eins wissen. – O, um der Götter willen, Dionysodoros, sprach ich, denn nun sehe ich offenbar, daß ihr es im Ernst meint, und daß ich euch endlich dahin gebracht habe, Ernst zu machen, ihr Zwei also wißt in der Tat Alles; wie Zimmern und Gerben? – Freilich, sagte er. – Auch schustern? – Auch, beim Zeus, und Schuhflicken dazu. – Etwa auch dergleichen, wieviel Sterne es gibt, und wieviel Sand? – Freilich, sagte er. Also du glaubtest wohl wir würden dies nicht bejahen? – Da nahm Ktesippos das Wort und sagte: Um Zeus willen, Dionysodoros, zeige mir doch einen Beweis hievon, woran ich erkennen kann, daß ihr die Wahrheit redet. –Was soll ich dir zeigen? sprach er. – Weißt du, wieviel Zähne Euthydemos hat, und Euthydemos, wieviele du? – Ist es dir nicht genug, sprach nun jener, zu hören, daß wir alles wissen? – Keinesweges, sagte er, sondern dieses Eine wenigstens beantwortet, und zeigt daß ihr die Wahrheit redet. Und wenn ihr sagt Jeder, wieviel der Andere hat, und es sich zeigt daß ihr es wußtet, wenn wir sie hernach zählen: so wollen wir euch dann auch das übrige glauben. – Da sie nun dachten, er triebe Spott, so wollten sie nicht; sondern blieben nur immer dabei, sie wüßten alle Dinge, wie Ktesippos sie einzeln darum befragte. Denn der hatte es nun gar kein Hehl mehr, und ich weiß nicht, wonach er sie zuletzt nicht fragte, auch nach dem allerunschicklichsten, ob sie es auch wüßten. Sie aber gingen immer ganz dreist auf die Fragen los, eingestehend, sie wüßten es, wie die wilden Schweine die auf das Messer auflaufen. So daß auch ich, o Kriton, zuletzt aus Unglauben mich nicht enthalten konnte den Euthydemos zu fragen, ob Dionysodoros auch das Tanzen verstände? – Und er sagte, allerdings. – Doch nicht auch den Messertanz, fragte ich, und das Scheibendrehen in seinem Alter? so weise ist er doch nicht? – Nichts, sprach jener, was er nicht könnte. – Und, sprach ich, wußte er etwa nur jetzt alles, oder auch immer? – Auch immer. – Auch als ihr kleine Kinder waret und gleich nach eurer Geburt wußtet ihr es? – Auch da alles, sagten sie beide zugleich. – Und uns dünkte das Ding unglaublich zu sein. – Da sagte Euthydemos: Du glaubst es wohl (295) nicht, Sokrates? – Nur, sprach ich, das sehe ich wohl, daß ihr weise Männer seid. – Aber, sagte er, wenn du mir antworten willst, will ich zeigen, daß auch du diese wunderbaren Dinge von dir eingestehst. – O, sprach ich, das wird mir große Freude machen, dessen überführt zu werden. Denn wenn ich, ohne es gewußt zu haben, weise bin, und du mir dieses zeigen kannst, daß ich Alles weiß und immer, was für einen größeren Fund könnte ich tun in meinem ganzen Leben? – Antworte also, sagte er. – Frage nur, sprach ich, ich will gewiß antworten. – Bist du irgend um einiges wissend, Sokrates, oder nicht? – Das bin ich. – Und womit du wissend bist, eben damit weißt du auch? oder mit etwas anderem? – Eben damit, sagte ich. Denn ich denke doch, du meinst die Seele, oder meinst du die nicht? – Schämst du dich nicht, Sokrates? sprach er, Du bist der Gefragte und machst Gegenfragen? – Gut, sprach ich. Aber wie soll ich es machen? Ich will es gern so machen, wie du befiehlst. Wenn ich also nicht weiß was du fragst, befiehlst du, daß ich dann dennoch antworten soll, und nicht nachfragen? – Du denkst dir doch etwas bei dem was ich frage? sagte er. – O ja. – Nun so antworte, sprach er, nach dem was du dir dabei denkst. – Wie aber, fragte ich, wenn du nun etwas anderes bei deiner Frage im Sinne hattest und ich wieder etwas anderes dabei denke, und in Beziehung hierauf antworte, wirst du denn zufrieden damit sein, wenn ich, was gar nicht zur Sache gehört, antworte? – Ich wohl, sprach er, aber du freilich nicht, wie ich glaube. – Nun so will ich, beim Zeus, nicht eher antworten, sprach ich, bis ich es gehörig erforscht habe. – Du willst, sagte er, nur deshalb nicht so antworten, wie du es jedesmal verstanden hast, weil du faselst und alberner bist als sich schickt. – Da merkte ich, daß er mir böse war, weil ich das Gesagte aus einander setzte, da er mich mit Worten umstellen und fangen wollte. Und ich dachte an den Konnos, wie der mir auch jedesmal böse ist, wenn ich ihm nicht folge, und sich dann weniger Mühe mit mir gibt, weil er mich für ungelehrig hält. Da ich nun im Sinne hatte, auch bei diesen zur Schule zu gehn: so glaubte ich folgen zu müssen, damit sie mich nicht für widerspenstig hielten, und mich abwiesen. Ich sagte also: Nun, wenn du meinst, Euthydemos, daß ich es so machen soll: so will ich es so machen. Denn wie man die Untersuchung im Gespräch führen muß, verstehst ja auf alle Weise du kunstreicher Mann besser als ich Ungelehrter. Frage mich also noch einmal von Anfang. – So antworte noch einmal, sprach er, ob du mit etwas weißt was du weißt, oder nicht? – Ja, sagte ich, mit der Seele. – Schon wieder, sagte er, setzt der Mann (296) etwas hinzu zur Antwort auf die Frage. Ich fragte ja nicht, womit du weißt, sondern nur ob mit etwas? – Da habe ich schon wieder, sprach ich, mehr als ich sollte geantwortet aus Ungeschick. Aber verzeihe es mir, ich will auch nun ganz schlicht antworten, daß ich immer mit etwas weiß was ich weiß. – Auch immer, sprach er, mit demselbigen, oder bisweilen mit diesem, bisweilen mit etwas anderem? – Immer, wenn ich weiß, sprach ich, mit diesem. – Wirst du denn niemals, sagte er, aufhören hinzuzusetzen? – Daß uns sonst nur nicht dieses Immer einen Streich spiele. – Uns gewiß nicht, sagte er; sondern wenn ja, so geschieht es dir. Also antworte. Weißt du immer mit demselbigen? – Immer, sprach ich, da doch nun das Wenn weg soll. – Also immer weißt du hiemit; und immer wissend weißt du etwa einiges hiemit, womit du weißt, Anderes mit etwas anderem? oder alles hiemit? – Hiemit, sprach ich, alles insgesamt, was ich nur weiß. – Da haben wir es! sagte er, schon wieder kommt derselbe Zusatz. – Ich nehme es schon wieder zurück, sprach ich, dieses Was ich nur weiß. – Gar nichts, sagte er, sollst du davon zurücknehmen; ich verlange es gar nicht. Antworte mir nur. Könntest du wohl Alles insgesamt wissen, wenn du nicht Alles wüßtest? – Das wäre freilich ein Wunder! sagte ich. – Darauf sagte er: Nun setze immer hinzu, was du nur willst! hast du doch eingestanden, daß du alles wüßtest. – So scheint es, sprach ich; wenn nämlich dies gar nichts bedeuten soll, das Was ich nur weiß, so weiß ich freilich alles. – Also hast du auch eingestanden, daß du immer weißt mit demselbigen womit du weißt, sei's auch wenn du weißt oder wie du sonst willst, du hast doch eingestanden, daß du immer weißt und auch Alles. Also ist offenbar, daß du auch wußtest als du ein Kind warest, und als du geboren und gezeugt wurdest, ja auch ehe du warest und ehe Himmel und Erde war, wußtest du alles insgesamt, wenn du immer weißt. Und wirst auch, bei Zeus, immer wissen, und alles insgesamt, wenn ich nur will. – Möchtest du es dann immer wollen, du vielverehrter Euthydemos! sagte ich, wenn du anders in der Tat Recht hast. Aber ich traue dir nicht recht, daß du es im Stande bist, wenn nicht auch dieser dein Bruder Dionysodoros mit will; dann aber vielleicht wohl. Sagt mir aber doch, sprach ich, denn im Übrigen weiß ich freilich nicht, wie ich euch das bestreiten soll, die ihr solche Wunder von Weisheit seid, daß ich nicht alles weiß, da ihr es ja sagt; dergleichen aber, Euthydemos, wie soll ich sagen daß ich das weiß, daß rechtschaffene Männer ungerecht sind? Komm, sage mir, weiß ich das auch, oder weiß ich es nicht? – Du weißt es freilich, sagte er. – Wie denn? (297) fragte ich. – Daß die Rechtschaffenen nicht ungerecht sind. – Das freilich, sagte ich, schon lange. Aber das frage ich nicht, sondern daß die Rechtschaffenen ungerecht sind, wo ich das gelernt habe? – Nirgends, sagte Dionysodoros. – Also, sprach ich, weiß ich doch dieses nicht. – Du verdirbst uns Alles, sagte nun Euthydemos zum Dionysodoros. Denn nun wird herauskommen, daß er nicht weiß, und daß er zugleich wissend ist und nichtwissend. – Da errötete Dionysodoros. – Aber du, sprach ich, wie meinst du, Euthydemos? dünkt dich, daß er nicht richtig spreche, dieser Bruder, der alles weiß? – Geschwind nahm Dionysodoros hier das Wort, und fragte: Also bin ich etwa des Euthydemos Bruder? – Laß das, Bester, sprach ich, bis Euthydemos mich gelehrt hat, daß ich weiß, die Rechtschaffenen sind ungerecht, und mißgönne mir das Kunststück nicht. – Du entläufst, Sokrates, sagte Dionysodoros, und willst nicht antworten. – Ganz natürlich, sprach ich. Denn ich bin schon schwächer als Einer von euch, so daß ich vor beiden zugleich wohl nicht umhin kann zu fliehen. Denn ich bin ja um vieles schlechter als Herakles, der ja nicht im Stande war, gegen die Hydra zu kämpfen, diese Sophistin, die so klug war, wenn ihrem Satz ein Kopf abgeschnitten wurde, viele neue statt des einen herauszustrecken, und zugleich auch gegen den andern Sophisten, den Seekrebs, der eben erst, dünkt mich, seewärts her angeschwommen gekommen war; sondern als dieser ihn nun auch noch ängstete, und ihn so von links her ansprach und biß, rief Herakles seinen Bruderssohn Joleos zu Hülfe. Und der half ihm freilich genug; wenn aber mein Joleos Patrokles käme, der würde nur Übel ärger machen. – Antworte also, sagte Dionysodoros, da du doch dieses selbst vorgebracht hast, ob wohl Joleos mehr des Herakles Bruderssohn war, als der deinige? – Es wird wohl das Beste sein, Dionysodoros, sprach ich, daß ich dir antworte; denn du läßt doch nicht ab mit Fragen, wiewohl ich fast weiß, du tust es nur aus Neid, um zu hindern, daß Euthydemos mich nicht jenes Kunststück lehren soll. – Antworte also, sprach er. – So antworte ich denn, daß Joleos des Herakles Bruderssohn allerdings war, der meinige aber, meines Erachtens, ganz und gar nicht ist. Denn nicht Patrokles mein Bruder war sein Vater, sondern der seinige hieß freilich ähnlich genug Iphikles, des Herakles Bruder. – Patrokles aber, sprach er, ist der deinige? – Ja, sagte ich, von mütterlicher Seite, nicht aber von väterlicher. – Also ist er dein Bruder und auch nicht dein Bruder? – Von Vaterseite nämlich nicht, Bester; denn sein Vater war Chairedemos, der meinige aber Sophroniskos. – Vater also, sprach er, war Sophroniskos und auch Chairedemos? – Allerdings, sprach ich, jener der meinige und der andere seiner. – Also, fragte er, war Chairedemos ein anderer als Vater? – Als der (298) meinige, ja, sprach ich. – War er also etwa Vater, da er doch ein anderer war als Vater? Oder bist du einerlei mit einem Stein? – Ich fürchte wohl, sprach ich, unter deinen Händen könnte ich es werden; ich denke aber doch nicht. – Also bist du ein anderer als der Stein? – Ein anderer. – Und nicht wahr, weil du ein anderer bist als der Stein, bist du nicht Stein? und weil ein anderer als Gold, bist du nicht Gold? – Richtig. – Also auch Chairedemos, sagte er, wenn er ein anderer ist als Vater, ist nicht Vater. – Er scheint, sprach ich, nicht Vater zu sein. – Und wenn Chairedemos Vater ist, nahm Euthydemos das Wort, so ist wiederum Sophroniskos ein anderer als Vater, und nicht Vater, so daß du, o Sokrates, vaterlos wärest. – Da fiel Ktesippos ein und sagte, Eurem Vater aber begegnet wohl nicht das nämliche? ist er nicht ein anderer als mein Vater? – Weit gefehlt, sprach Euthydemos. – Also, fragte jener, derselbe? – Derselbe freilich. – Das wollte ich nicht gar gern. Aber, Euthydemos, fuhr er fort, ist er etwa nur mein Vater oder auch der übrigen Menschen? – Auch der übrigen, antwortete er. Oder meinst du, derselbe sei Vater und auch nicht Vater? – Das meinte ich freilich, sagte Ktesippos. – Wie, fragte jener, also wäre auch Gold zugleich nicht Gold, und ein Mensch nicht Mensch? – Wenn du nur nicht, sagte Ktesippos, Gerissenes wieder mit Gerissenem zusammenknüpfst. Denn das ist auch eine üble Sache, wenn dein Vater aller Vater ist. – Das ist er aber doch, sagte jener. – Etwa nur der Menschen, fragte Ktesippos, oder auch der Pferde und aller übrigen Tiere? – Aller, sagte er. – Auch deine Mutter eben so die Mutter von allen? – Auch die Mutter. – Also ist deine Mutter auch die Mutter der Schweinigel? – Auch deine, sagte er. – Und du bist also der Bruder der Stinte und der jungen Hunde und der Ferkel? – Aber auch du, sagte er. – Und obenein ist dein Vater wohl gar ein Hund? – Auch deiner, sagte er. – Sogleich, Ktesippos, wenn du mir antworten willst, sagte Dionysodoros, sollst du das zugestehn. Sage mir, hast du einen Hund? – Und das einen recht bösen, sprach Ktesippos. – Hat er auch Junge? – Ja, sprach er, eben solche. – Deren Vater ist also doch der Hund. – Ja wohl, sprach er, ich habe selbst gesehn wie er die Hündin beschwängerte. – Wie nun, ist der Hund nicht dein? – Freilich, sagte er. – Und so wie dein, ist er auch Vater; so daß der Hund dein Vater wird, und du der jungen Hunde Bruder. Und sogleich fuhr Dionysodoros weiter fort, damit Ktesippos nicht zuvor etwas sagen könnte, und sprach, Und noch dies einzige beantworte mir: Schlägst du wohl diesen Hund? – Da lachte Ktesippos und antwortete, Ja bei den Göttern, denn dich (299) kann ich nicht. – Also schlägst du deinen Vater? – Mit weit besserem Recht, sagte Ktesippos, möchte ich wohl euren Vater schlagen, was er sich doch gedacht hat, so weise Söhne zu zeugen. Aber gewiß o Euthydemos, hat wohl euer und der Hündchen Vater schon sehr viel Gutes dieser eurer Weisheit zu verdanken? – Er braucht gar nicht viel Gutes, Ktesippos, weder er noch du. – Noch auch gewiß du selbst, Euthydemos. – Noch auch irgend ein anderer Mensch. Denn sage mir nur, Ktesippos, ob du es einem Kranken gut hältst Arzenei zu nehmen, wenn er ihrer bedarf, oder nicht? Oder wenn einer in den Krieg zieht, lieber mit Waffen zu gehen als unbewaffnet? – Ich denke so, antwortete er, wiewohl ich glaube, du wirst wieder etwas herrliches sagen. – Das wirst du am besten wissen, sagte er, antworte nur. Denn da du zugibst, daß es einem Menschen gut ist, wenn er ihrer bedarf, Arzenei zu nehmen: so muß er also recht viel von diesem Guten nehmen, und es wird ihm vortrefflich bekommen, wenn ihm einer ein ganz Fuder voll Niesewurz klein stieße und eingäbe. – Gar vortrefflich, Euthydemos, wenn der Einnehmende so groß wäre als die delphische Bildsäule. – Und, fuhr jener fort, wenn es im Kriege gut ist Waffen zu tragen: so muß man ja wohl so viel als nur möglich Spieße und Schilder haben, wenn es ja gut ist? – Gewiß, sagte Ktesippos. Und du, Euthydemos, glaubst das wohl nicht, sondern nur eins, und einen Spieß? – Ja, so glaube ich. – Würdest du etwa auch den Geryones und Briareos so bewaffnen? Hierauf, hatte ich geglaubt, verständest du dich besser, da ihr ja Fechtmeister seid, du und dieser Freund. – Da schwieg Euthydemos; Dionysodoros aber fragte den Ktesippos in Bezug auf das vorher Geantwortete, dünkt es dich nicht auch gut, Gold haben? – Freilich, und zwar viel, antwortete Ktesippos. – Und bist du nicht der Meinung, daß man gute Sachen immer haben muß und überall? – Gar sehr. – Und das Gold hältst du doch auch für gut? – Das habe ich freilich zugegeben. – Also muß man es immer haben und überall, und vornehmlich bei sich. Und der wäre also der glückseligste, der drei Talente Gold im Bauch hätte, und ein Talent im Schädel und einen Stater in jedem Auge. – Sagt man doch auch, sprach Ktesippos, daß das die glückseligsten und trefflichsten Männer sind unter den Skythen, die recht viel Gold haben in ihren Schädeln, auf die Art wie du vorher den Hund meinen Vater nanntest; und was das wunderbarste ist, sie trinken auch aus diesen ihren eignen vergoldeten Schädeln und sehn inwendig hinein, indem sie ihren eignen Schopf in der Hand halten. – Was für Dinge (300) sehen aber wohl die Skythen und alle andere Menschen, fragte Euthydemos, die sich zeigen lassen oder die sich nicht zeigen lassen? – Die sich zeigen lassen, offenbar. – Also auch du? – Auch ich. – Siehst du wohl unsere Kleider? – Ja. – Lassen sich die nun wohl zeigen? – Allerdings, ganz ungemein, sprach Ktesippos. – Was denn, fragte jener, lassen sie sich zeigen? – Nichts. Du aber glaubtest es ginge ganz und gar nicht, so gut bist du. Aber, Euthydemos, mich dünkt du träumst ohne zu schlafen, und wenn es irgend möglich ist, zu reden ohne etwas zu sagen, so tust du es gewiß. – Ist das etwa, sprach Dionysodoros, nicht möglich für Schweigende zu reden? – Ganz und gar nicht, sagte Ktesippos. – Auch nicht für Redende zu schweigen? – Noch weniger. – Wenn du also für Steine, Holz oder Eisen redest, redest du da nicht für Schweigende? – Keinesweges, antwortete er, wenn ich dabei in der Schmiede herumgehe; denn da schreit das Eisen gewaltig wenn man es anrührt, so daß dir hier doch aus übergroßer Weisheit entgangen ist, daß du nichts sagst. Aber zeigt mir nun auch das andere, wie es wiederum für Redende möglich ist zu schweigen. Und Ktesippos schien mir sehr in Eifer zu sein wegen seines Lieblings. – Wenn du schweigst, sprach Euthydemos, schweigst du nicht für Alle? – Ja. – Also auch für Redende zugleich schweigst du, wenn doch die Redenden unter den Allen begriffen sind. – Wie, fragte Ktesippos, schweigen denn nicht Alle? – Nein doch, sagte Euthydemos. – Also, Bester, reden etwa Alle? – Ja, die Redenden. – Aber, sagte jener, danach frage ich ja nicht, sondern Alle, ob die reden oder schweigen? – Keines von beiden, und beides, sagte hurtig einfallend Dionysodoros, denn mit der Antwort, das weiß ich gewiß, wirst du nichts anfangen können. – Da lachte, wie er pflegt, Ktesippos laut auf und sagte: o Euthydemos, dein Bruder hat die Frage doppelt genommen, und ist verloren und überwunden. – Da freute sich Kleinias sehr und lachte, so daß dem Ktesippos noch mehr als zehnfach der Mut wuchs. Wie mich aber dünkt, hatte der schlaue Ktesippos schon von ihnen selbst eben dieses abgehört. Denn es gibt nirgend sonst noch solche Weisheit unter den Menschen. Und ich sagte darauf: Warum lachst du doch, Kleinias, über so wichtige und schöne Dinge? – Hast du denn schon jemals ein schönes Ding gesehn, Sokrates? fragte Dionysodoros. – O ja, sagte ich, viele. – Waren die verschieden von dem Schönen, sprach er, oder einerlei mit dem Schönen? – Da war ich nun wieder auf jeden Fall in der Klemme, und dachte, mir geschähe Recht dafür, daß ich gemuckst hätte. Dennoch aber (301) sagte ich, Verschieden von dem Schönen selbst; aber jedes hat doch eine gewisse Schönheit bei sich. – Also, sprach er, wenn du einen Ochsen bei dir hast, bist du ein Ochs? und weil du jetzt mich bei dir hast, bist du Dionysodoros. – Sprich wenigstens nicht ruchloses, wie das letzte, sagte ich. – Aber auf welche Weise, sprach er, kann denn, wenn nun ein verschiedenes Ding zu einem verschiedenen hinzukommt, dies verschiedene das verschiedene sein? – Also dagegen, sagte ich, findest du Bedenken? denn nun unterfing ich mich schon den Männern ihre Weisheit nachzuahmen, weil ich so großes Vergnügen daran fand. – Wie, sprach er, sollte ich nicht Bedenken haben, ich und alle andern Menschen, gegen das was nicht ist? – Wie meinst du, sprach ich, ist nicht das Schöne schön und das Häßliche häßlich? – Wenn ich es dafür halte, sprach er. – Hältst du es also dafür? – Freilich, sagte er. – Also ist doch auch das Einerlei einerlei und das Verschiedene verschieden. Denn das Verschiedene ist doch wohl nicht das Einerleie. Dagegen, dachte ich, würde kein Kind Bedenken finden, daß das Verschiedene verschieden ist! Doch Dionysodoros, dies hast du nur mit Willen so übersehen. Denn übrigens dünkt mich, daß wie jeder ausgelernte Künstler was ihm zu fertigen zukommt, so auch ihr das Gespräch ganz vortrefflich ausarbeitet. – Weißt du also, sprach er, was jedem Künstler zukommt? Zuerst wem kommt das Schmieden zu? – Ich weiß, dem Schmied. – Wem Töpfe machen? – Dem Töpfer. – Und schlachten und abledern, und das kleine Fleisch zerlegen, kochen und braten? – Dem Koch, sprach ich. – Wenn man nun einem tut, was ihm zukommt, so tut man doch Recht? – Gewiß. – Und dem Koch, sagst du, kommt schlachten und abledern zu? Hast du das zugegeben oder nicht? – Freilich habe ich es zugegeben, aber sieh es mir nur nach. – Offenbar also, fuhr er fort, wenn Jemand den Koch schlachtet, zerlegt, kocht und bratet: so tut er ihm was ihm zukommt. Und wenn jemand den Schmied schmiedet und den Töpfer auf der Scheibe dreht: so tut er ihm was ihm zukommt? – O Poseidon! rief ich aus, jetzt hast du deiner Weisheit die Krone aufgesetzt! Werde ich die wohl je so gewinnen, daß sie mir eigen wird? – Würdest du sie wohl erkennen, Sokrates, wenn sie dir eigen geworden wäre? – Wenn du es willst, sprach ich, dann gewiß. – Und wie, sprach er, glaubst du zu erkennen, was dein ist? – Wenn du nicht etwa anders meinst, sagte ich; denn mit dir muß man anfangen und mit dem Euthydemos endigen. – Glaubst du also etwa, daß das dein ist, worüber du zu gebieten hast, und womit du anfangen kannst, was du (302) willst? Zum Beispiel, würdest du glauben, diejenigen Ochsen und Schafe wären dein, welche du dürftest verkaufen, verschenken und schlachten welchem Gott du wolltest? und mit denen es sich nicht so verhielte, die wären nicht dein? – Da merkte ich schon, daß hieraus wieder eins aufducken würde von jenen herrlichen Fragestücken, und da ich es gern baldmöglichst hören wollte, antwortete ich: Allerdings, so verhält es sich, dergleichen allein ist mein. – Und wie? Tiere nennst du doch das, was eine Seele hat? – Ja, sprach ich. – Du gibst also zu, von den Tieren seien allein diejenigen dein, womit du Macht hast alles das zu tun, was ich eben erwähnte? – Das gebe ich zu. – Darauf hielt er spöttisch verstellter Weise inne, als ob er auf etwas großes sänne, und fragte dann, Sage mir, Sokrates, hast du einen väterlichen Zeus? – Da ahndete mir schon, daß es kommen würde wie es zuletzt auch kam, und ich drehte und wendete mich ratlos und vergeblich wie im Netze gefangen, und sagte: Nein, den habe ich nicht, Dionysodoros. – So bist du ja ein ganz erbärmlicher Mensch, und gar nicht ein Athener, wenn du weder väterliche Götter hast, noch heiliges, noch sonst etwas schönes und gutes. – Halt, sagte ich, Dionysodoros, sprich besser, und laß mich nicht so hart an als Lehrer. Denn ich habe ja allerdings Altäre und Heiligtümer häusliche und väterliche, und alles was andere Athener von der Art haben. – Also andere Athener haben keinen väterlichen Zeus? – Nein, sagte ich, diesen Namen führt er bei keinen Ioniern, weder bei denen, die von dieser Stadt aus anderwärts hingezogen sind, noch bei uns selbst. Sondern väterlich heißt uns Apollon wegen Erzeugung des Ion. Zeus aber wird bei uns nicht väterlich genannt, sondern der Zeus des Gehöftes und der Brüderschafts-Zeus, und so auch Athene, die Athene der Brüderschaften. – Das ist ja genug, sprach Dionysodoros; so hast du doch, wie es scheint, einen Apollon und Zeus und Athene. – Ja wohl, sagte ich. – Also sind doch auch diese deine Götter? – Ja, Ahnherrn, sagte ich, und Gebieter. – Immer doch deine, sprach er, oder hast du nicht eingestanden, daß sie dein sind? – Ich habe es eingestanden, sagte ich, denn was will ich machen? Nun sind doch diese Götter Tiere? Denn du hast eingestanden, was eine Seele habe sei Tier. Oder haben diese Götter keine Seele? – Sie haben, sprach ich. – Also sind sie doch auch Tiere? – Das sind sie. – Und von Tieren, gestandest du, wären nur diejenigen dein, welche du Macht hättest zu verschenken, zu verkaufen und zu schlachten welchem Gott du wolltest. – Ich habe es eingestanden, sprach ich. Denn ich kann ja doch nicht entschlüpfen, Euthydemos. – So komm denn, fuhr er fort, und sage mir gleich, da du bekennst, Zeus sei dein und die andern Götter, ob du sie wohl dürftest verschenken oder verkaufen, (303) oder was du sonst wolltest mit ihnen anfangen wie mit andern Tieren? – Da lag ich nun, Kriton, von der Rede getroffen sprachlos da. Ktesippos aber wollte mir zu Hülfe kommen, und sagte, Der Popanz Herakles! was für ein schönes Stück! – Wie doch, sprach Dionysodoros, ist Herakles der Popanz, oder der Popanz Herakles? – Da rief Ktesippos aus: O Poseidon! was für gewaltige Reden! Ich lasse ab; denn die Männer sind unbezwinglich.

Und hier, lieber Kriton, war auch keiner unter den Anwesenden, der die Rede nicht über die Maßen gelobt hätte, und die beiden erlagen fast dem Lachen und dem lauten Beifall und der Freude. Denn beim vorigen entstand zwar auch schon jedesmal gar schönes Getümmel unter den Freunden des Euthydemos allein. Hierbei aber wollten fast die Säulen im Lykeion mit einstimmen in das Getümmel, und sich freuen an den Männern. Und ich selbst war so ergriffen, daß ich gestehn mußte, nie so weise Männer gesehen zu haben, und ganz bezwungen und gefangen von ihrer Weisheit wendete ich mich dazu sie beide zu preisen und zu verherrlichen, und sagte, O ihr glückseligen beiden über eure wunderbaren Gaben, daß ihr eine so große Sache so leicht und in so weniger Zeit zu Stande gebracht! Denn unter vielem andern schönen, das sich in euren Reden findet, o Euthydemos und Dionysodoros, ist dieses fast das erhabenste, daß ihr euch um die meisten Menschen und um die ernsthaften zumal und die für etwas gehalten werden nichts kümmert, sondern um die welche euch gleichen nur. Denn das weiß ich gewiß, daß mit diesen Reden nur wenig Menschen recht zufrieden sein möchten, die euch gleichen; die andern aber haben wohl so wenig Verstand davon, daß ich gewiß weiß, sie würden sich mehr schämen, mit solchen Reden Andere zu widerlegen, als selbst dadurch widerlegt zu werden. Auch dies ist noch etwas recht leutseliges und gutmütiges in euren Reden, daß wenn ihr nun läugnet, es sei überall gar nichts schön oder gut oder auch weiß und was irgend von der Art, oder auch es sei überall nichts vom Andern verschieden, ihr dann freilich recht ordentlich den Leuten den Mund zusammennäht, wie ihr auch selbst sagt; aber nicht nur Anderer ihrem scheint ihr dies anzutun, sondern auch eurem eignen, das ist eben das artige davon und benimmt diesen Reden alles verhaßte. Das größte aber ist, daß diese Sache so beschaffen und von euch recht kunstreich so ausgedacht ist, daß es in gar weniger Zeit jeder Mensch lernen kann. Das habe ich bemerkt und recht Acht gehabt auf den Ktesippos, wie schnell er aus dem Stegereif im Stande war, euch nachzuahmen. (304) Diese künstliche Eigenschaft eures Geschäftes ist nun für das schnellere Überliefern freilich gar schön, aber vor vielen Menschen betrieben zu werden eignen sich diese Reden deshalb weniger; sondern, wenn ihr mir wenigstens folgen wollt, werdet ihr euch hüten, vor Vielen so zu reden, damit sie nicht die Kunst allzuschnell erlernen, und euch dann wenig Dank dafür wissen. Sondern redet hübsch meist nur unter Euch so; oder wenn ja vor jemand anderm, nur vor dem, der euch bezahlt. Und eben dies müßt ihr auch, wenn ihr verständig handeln wollt, euren Schülern raten, ja nie vor keinem andern Menschen, sondern immer nur vor euch und unter sich diese Kunst zu treiben. Denn es ist nun einmal so, Euthydemos, das seltene ist das geltende, und das Wasser ist das allerwohlfeilste, ohnerachtet es das vortrefflichste ist, wie Pindaros sagt. Aber kommt, sprach ich, damit ihr auch mich und diesen Kleinias hier gleich aufnehmet.

Dies, o Kriton, und einiges andere wenige sprachen wir noch, und gingen dann. Sieh also nun zu, wie du auch zu den beiden Männern kommst, da sie verhießen, daß sie es jeden lehren könnten, der nur bezahlen wollte, und daß sie keine Gemütsart noch Alter ausschließen wollten. Ja was dir besonders wichtig sein muß, sie sagten auch den, der mit dem Erwerb beschäftiget wäre, hindere nichts ihre Weisheit sich sehr leicht anzuzeigen.

Kriton: Gewiß, Sokrates, bin ich ein großer Redefreund und mag gern etwas lernen. Indes scheint es fast, daß auch ich einer von denen bin, die dem Euthydemos nicht gleichen; sondern von jenen, von denen du auch sagtest, daß sie lieber möchten durch solche Reden widerlegt werden als selbst widerlegen. Und obschon es mir gar lächerlich vorkommt dich zurechtzuweisen: so muß ich dir doch, was ich gehört habe, wieder erzählen. Höre also, daß einer von denen, die von euch gingen, mir begegnete indem ich umher ging, ein Mann der sich sehr klug dünkt, von jenen einer die stark sind in den gerichtlichen Reden, der fragte mich: Nun, Kriton, du hörst nicht zu bei dieser Weisheit? – Nein, beim Zeus, sagte ich, denn auch als ich dabei stand, konnte ich nichts verstehen wegen des Gedränges. – Schade! sprach er, es lohnte wohl es zu hören. – Wie so? fragte ich. – So hättest du, sagte er, Männer reden gehört, welche jetzt die weisesten sind in dergleichen Reden. – Darauf sagte ich: Wie sind sie dir denn vorgekommen? – Wie anders, antwortete er, als wie man diese Leute immer hört Possen treiben, und sich um nichtswerte Dinge eine unwürdige Mühe geben. – So sagte er wörtlich. Da sprach ich: Aber es ist doch eine schöne Sache um die Philosophie. – Wie doch schön, sagte er, du Guter? Gar nichts (305) wert. Vielmehr wenn du auch jetzt wärest zugegen gewesen, würdest du dich, glaube ich, recht geschämt haben für deinen Freund, so abgeschmackt war er, sich solchen Menschen hingeben zu wollen, denen gar nichts daran liegt was sie sagen, die sich aber an jedes Wort hängen. Und diese, wie ich eben sagte, sind von den besten jetzt. Aber eben, lieber Kriton, die Sache selbst und die Menschen die sich damit abgeben sind ganz schlecht und lächerlich. – Mich indes, o Sokrates, dünkt, die Sache selbst könne wohl weder dieser mit Recht tadeln noch wer sie sonst tadelt. Allein mit solchen Menschen sich vor vielen andern einlassen zu wollen, das schien er mir mit Recht zu mißbilligen.

Sokrates: O Kriton, wunderlich sind solche Menschen. Allein ich weiß noch nicht, was ich sagen soll. Zu welchen gehörte der, der dir begegnete und die Philosophie tadelte? war er einer von denen die selbst vor Gericht zu streiten verstehn, ein Redner? oder von denen die solche hinschicken, ein Verfertiger der Reden mit denen die Redner streiten?

Kriton: Keinesweges ein Redner, beim Zeus, ich glaube nicht, daß er jemals die Gerichtsstätte betreten hat. Aber man sagt, daß er die Sache versteht und stark darin ist, und vortreffliche Reden ausarbeitet.

Sokrates: Ich verstehe schon, und eben von diesen wollte ich auch selbst reden. Das sind die Leute, von denen Prodikos sagt, sie ständen auf der Grenze zwischen Philosophen und Staatsmännern. Sie glauben aber die Weisesten unter allen zu sein, und außerdem daß sie es sind auch bei den Meisten dafür zu gelten, so daß wenn sie nicht bei Allen diesen Ruhm davon trügen, ihnen hiebei Niemand im Wege stehe, als die sich mit der Philosophie beschäftigen. Sie glauben daher, wenn sie diese nur in den Ruf bringen könnten, daß man sie für nichts wert hielte, alsdann sie selbst unbestritten überall den Sieg davon tragen müßten im Rufe der Weisheit. Denn die weisesten wären sie doch in der Tat; wenn sie aber in der Unterhaltung den kürzeren zögen, so wären es die aus des Euthydemos Schule, von denen sie eingeengt würden. Für weise aber halten sie sich mit großem Scheine des Rechtes, weil sie sich nämlich mäßig mit der Philosophie einließen und mäßig mit den Staatsgeschäften, und das aus einem recht scheinbaren Grunde; denn sie ließen sich mit beiden so viel ein als nötig, und könnten ohne alle Gefahr und Streit die Früchte der Weisheit ärnten.

Kriton: Und wie? dünkt dich etwas damit gesagt zu sein, Sokrates? Denn gewiß doch hat der Männer Rede einen recht stattlichen Schein.

Sokrates: Das hat sie auch in der Tat, Kriton, mehr Schein als Gedeihn. Denn es ist nicht leicht sie zu überzeugen, daß sei es ein Mensch oder was irgend sonst in der Mitte steht zwischen (306) zwei Dingen und an beiden Teil hat, wenn es aus einem Gut und einem Übel zusammengesetzt ist, alsdann besser als das eine sein wird, aber schlechter als das andere; wenn aber aus zweierlei Gutem, das sich nicht auf denselben Gegenstand bezieht, dann schlechter als jedes von beiden dazu, wozu jedes Einzelne von jenen, woraus es besteht, gut ist; und daß nur was aus zwei Übeln bestehend, die es nicht in derselben Beziehung sind, sich in der Mitte zwischen beiden befindet, besser sein wird, als jedes von den beiden, woran es Teil hat. Ist nun also die Philosophie gut, und die ausübende Staatskunst auch, aber jede in einer andern Beziehung und diese wollen in der Mitte zwischen beiden stehn: so ist nichts damit gesagt; denn sie sind alsdann schlechter als beide. Ist aber die eine etwas gutes und die andere dagegen etwas übles: so sind sie freilich besser als die Einen, aber auch schlechter als die Andern. Und nur wenn beide etwas schlechtes wären, in diesem Falle allein hätten sie Recht; sonst aber auf keine Weise. Allein ich glaube nicht, daß sie eingestehen werden, weder daß beide schlecht sind, noch daß die eine schlecht ist und nur die andere gut. Also sind in der Tat diese, welche an beiden Anteil haben wollen, schlechter als jeder von beiden darin, in Beziehung worauf eben Staatskunst und Philosophie ihren Wert haben; und ohnerachtet sie der Wahrheit nach die dritten sind, suchen sie doch als die ersten zu erscheinen. Verzeihen muß man ihnen nun wohl dieses Verlangen, und ihnen nicht darum zürnen; sie aber doch nur für das ansehn, was sie wirklich sind. Denn man muß mit jedem vorlieb nehmen, der nur irgend etwas vernünftiges behandelt, und mit wackerem Ernst durcharbeitet.

Kriton: Wegen meiner Söhne nun, o Sokrates, bin ich ja gewiß, wie ich dir auch jedesmal sage, in rechter Verlegenheit, was ich mit ihnen beginnen soll. Der jüngere zwar ist nur noch klein, Kritobulos aber wächst schon heran, und bedarf eines, der ihm forthilft. So oft ich nun mit dir zusammenkomme, ist mir so zu Mut, daß es mich große Torheit dünkt, meiner Söhne wegen für viele andere Dinge soviel Sorge getragen zu haben, sowohl für meine Verheiratung, um sie mit einer recht wohlgearteten Mutter zu erzeugen, als auch für mein Vermögen, um sie so wohlhabend als möglich zu machen, wenn ich nun nicht auch für ihren Unterricht sorgen wollte. So oft ich aber auf einen von denen hinsehe, die sich dafür ausgeben Jünglinge zu unterrichten und zu bilden: so werde ich ganz irre und sie dünken mich insgesamt, wenn ich sie recht betrachte, ganz verkehrt zu sein, damit ich dir doch die Wahrheit gerade heraussage, so daß ich nicht weiß wie ich den jungen Menschen zur Philosophie aufmuntern kann.

(307) Sokrates: Lieber Kriton, weißt du denn nicht, daß in jedem Geschäft der schlechten viele sind, und diese nichts wert, der trefflichen hingegen nur wenige, diese dann aber auch alles wert. Oder hältst du die Turnkunst nicht für etwas schönes, und die Haushaltungskunst, und die Redekunst und die Kriegskunst?

Kriton: Ja wohl recht sehr.

Sokrates: Und wie nun? siehst du nicht in jeder die Meisten zu jedem Geschäft sich ganz erbärmlich und lächerlich anstellen?

Kriton: Ja, beim Zeus, da sprichst du sehr wahr.

Sokrates: Und wolltest nun deshalb du selbst dich allen diesen Geschäften entziehen, und sie auch deinen Söhnen nicht gestatten?

Kriton: Das wäre ja wohl keinesweges recht, Sokrates!

Sokrates: Tue also ja nicht, was sich nicht gebührt, Kriton! Sondern die laß ganz bei Seite, die sich der Philosophie befleißigen, ob sie gut sind oder schlecht, und nur die Sache selbst prüfe recht gut und gründlich; und erscheint sie dir als schlecht, so mahne jedermann davon ab, nicht nur deine Söhne, erscheint sie dir aber so, wie sie auch mir vorkommt, so gehe ihr getrost nach und übe sie, du selbst, wie man zu sagen pflegt, und deine Kinder.

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