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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Achtes Buch

(543) Wohl! Dieses also ist eingestanden, o Glaukon, daß in dem vollkommen eingerichteten Staate die Weiber gemeinsam sein müssen, gemeinsam auch die Kinder und deren gesamte Erziehung, wie auch alle Geschäfte des Krieges und Friedens; und daß Könige darin diejenigen sein müssen, die sich in der Philosophie und im Kriege als die besten gezeigt haben. – Das ist eingestanden, sagte er. – Und auch das haben wir zugegeben, daß wenn die Herrscher eingesetzt sind, sie die Kriegsmänner anführen und sie in solchen Wohnungen ansiedeln werden, wie wir vorher beschrieben haben, in denen nichts eigenes für keinen ist, sondern die allen gemein sind, und auch über ihre Habe, wenn du dich erinnerst, sind wir einig geworden, worin sie bestehen soll. – Wohl erinnere ich mich, sagte er, daß wir meinten keiner dürfe irgend etwas dergleichen zu eigen besitzen wie jetzt die Anderen; sondern als Kämpfer im Kriege und Hüter hätten sie zum Lohn ihrer Obhut von den Anderen ihre jährlichen Lebensbedürfnisse zu empfangen, und dafür sich selbst und die Stadt zu besorgen. – Richtig, sprach ich. Aber weil wir nun dieses vollendet, so laß uns erinnern von wo wir hieher abgeschweift sind, damit wir auf unserm Wege wieder weiter gehen können. – Das ist nicht schwer, sagte er. Denn ohngefähr so wie jetzt sprachest du auch, als habest du alles was den Staat betrifft durchgesprochen, und sagtest, einen solchen Staat, wie du ihn damals beschrieben hattest, erkenntest du für einen guten, und so auch den ihm ähnlichen Einzelnen, jedoch wie es schien als ob du einen noch trefflicheren Staat und Mann darstellen könntest. Die andern also, behauptetest du, wären verfehlte wenn dieser richtig, sagtest aber, wenn ich mich recht erinnere, es gebe der andern (544) Verfassungen vier Arten, über welche es wohl der Mühe wert wäre Erläuterungen zu haben, um ihre Fehler und die ihnen ähnlichen Einzelnen zu erkennen, damit wenn wir sie insgesamt betrachtet hätten und einig geworden wären, welches der trefflichste und welches der schlechteste Mann sei, wir dann untersuchen könnten, ob der trefflichste auch der glückseligste und der schlechteste auch der elendeste sei, oder ob es sich anders verhalte. Und indem ich fragte, welche vier Verfassungen du meintest, unterbrachen uns hiebei Polemarchos und Adeimantos, und so nähmest du die Rede wieder auf und bist bis hieher gekommen. – Vollkommen richtig hast du es uns zurückgerufen. – So gib mir nun, sagte er, wie ein Fechter dieselbige Stellung wieder, und nun ich wieder dasselbige frage, versuche mir auch zu antworten, was du damals antworten wolltest. – Wenn ich kann, sprach ich. – Und wahrlich, sagte er, bin ich sehr neugierig zu hören, was für vier Verfassungen du meintest. – Das solltest du, sprach ich, ohne Schwierigkeit. Denn die ich meine, sind die, für welche man auch Namen hat, zuerst diese von so Vielen gepriesene Kretische und zugleich auch Lakonische, die zweite die auch zum zweiten gerühmte sogenannte Oligarchie, eine Verfassung voll mancherlei Übel, ferner die von dieser ganz verschiedene und ihr zunächst entstehende Demokratie, und endlich die edle Tyrannei von allen diesen verschieden des Staates vierte und letzte Krankheit. Oder kennst du noch eine andere Gestalt von Verfassung, welche eine bestimmte Art bildet? Denn Gewalten von Häuptlingen und käufliche Königswürden und dergleichen Zustände mehr liegen freilich zwischen diesen, deren findet man aber nicht weniger bei den Barbaren als bei den Hellenen. – Solche werden freilich gar vielerlei und sehr wunderliche angeführt. – Und du weißt doch, daß es gewissermaßen eben soviel Arten von Menschen geben muß als von Verfassungen. Oder meinst du daß die Verfassungen von der Eiche oder vom Felsen entstehen, und nicht aus den Sitten derer die in den Staaten sind, nach welcher Seite hin eben diese den Ausschlag geben und das übrige mit sich ziehn? – Nirgend anders her gewiß als aus diesen. – Also wenn fünf Arten des Staats, müssen auch die Seelen der Einzelnen auf fünferlei Art eingerichtet sein. – Wie sollten sie nicht? – Den nun der Aristokratie ähnlichen haben wir schon beschrieben, den wir als gut und gerecht in Wahrheit rühmen können. – Den haben wir. – Also zunächst müssen wir nun die Schlechteren durchnehmen, den streitsüchtigen zuerst und ehrgeizigen, (545) der auf der Seite der Lakonischen Verfassung steht, und dann den oligarchischen, den demokratischen und den tyrannischen, damit, wenn wir den ungerechtesten herausgefunden, wir ihn dem gerechtesten gegenüberstellen, und so die Untersuchung sich uns vollende, wie sich die reine Gerechtigkeit zu der reinen Ungerechtigkeit verhält in Absicht der Glückseligkeit oder des Elendes dessen der sie hat, damit wir entweder dem Thrasymachos folgend der Ungerechtigkeit nachtrachten, oder der jetzt schon in Beleuchtung stehenden Rede gemäß der Gerechtigkeit. – Auf alle Weise, sagte er, müssen wir es so machen. – Wie wir nun angefangen haben der größeren Deutlichkeit wegen die Gesinnung eher in der Verfassung zu betrachten als in den Einzelnen, wollen wir nicht eben so auch jetzt die ehrgeizige Verfassung, denn ich weiß keinen gangbaren Namen, man müßte sie denn Timokratie oder Timarchie nennen, betrachten, und nach ihr dann den eben solchen Mann zeichnen, hernach die Oligarchie und den oligarchischen Mann, dann nachdem wir auf die Demokratie hingeschaut uns auch den demokratischen Mann besehen, und zuletzt wenn wir in einen tyrannisch beherrschten Staat gegangen sind und diesen betrachtet haben, auch die tyrannische Seele beschauend versuchen unverwerfliche Richter zu sein über die aufgestellte Frage. – Sehr regelmäßig, sagte er, würden wir auf diese Art bei unserer Betrachtung und unserm Urteil zu Werke gehn. – Wohlan, sprach ich, laß uns also versuchen zu zeigen, auf welche Art wohl eine Timokratie aus der Aristokratie entstehen kann. Oder ist dieses ganz einfach, daß jede Änderung der Verfassung von dem herrschenden Teile selbst ausgeht, wenn nämlich in diesem Zwietracht entstanden ist; bleibt dieser aber einig, wie klein er auch sei, so kann unmöglich eine Bewegung entstehen? – So ist es freilich. – Wie soll also, o Glaukon, unser Staat in Bewegung geraten, und woher die Helfer und Herrscher gegen einander oder unter sich in Streit kommen? Oder sollen wir wie Homeros die Musen anrufen uns zu sagen, wie zuerst die Zwietracht sich entsponnen, und sollen ganz tragisch berichten, sie hätten teils mit uns wie Kindern scherzend und plaudernd, teils ganz ernst und mit hohen Worten redend gesprochen. – Wie denn? – So etwa. Schwer zwar (546) ist es, daß ein so eingerichteter Staat in Unruhe gerate; aber weil allem entstandenen doch Untergang bevorsteht, so wird auch eine solche Einrichtung nicht die gesamte Zeit bestehen, sondern sich auflösen. Die Auflösung aber ist diese. Nicht nur den aus der Erde wachsenden Pflanzen, sondern auch den auf der Erde lebenden Tieren entsteht Tragbarkeit und Unfruchtbarkeit der Seele und des Leibes, wenn Umwendungen jeglichem der Kreise Umschwung heranführen, kurzlebigen auch von kleinem Umfang, entgegengesetzten entgegengesetzte. Die nun, welche ihr zu Lehrern der Stadt erzogen habt, werden die Zeiten glücklicher Erzeugung und Mißwachses für euer Geschlecht, wiewohl weise, durch Berechnung mit Wahrnehmung verbunden doch nicht immer treffen, sondern diese werden an ihnen vorbeigehn, und so werden sie auch einmal Kinder zeugen, wenn sie nicht sollten. Es hat aber das göttliche erzeugte einen Umlauf, welchen eine vollkommene Zahl umfaßt, das menschliche aber eine Zahl, in welcher, als der ersten, Vermehrungen – hervorgebrachte und hervorbringende – nachdem sie drei Zwischenräume und vier Glieder von teils ähnlich und unähnlich teils überschüssig und abgängig machenden Zahlen empfangen haben, alles gegen einander meßbar und ausdrückbar darstellen; wovon dann die vierdrittige Wurzel mit der fünf zusammengespannt dreimal vermehrt zwei Harmonieen darstellt, die eine eine gleichvielmal gleiche, hundert eben so viel mal, die andere gleichlängig zwar der länglichten aber von hundert Zahlen von den aussprechbaren Durchmessern der Fünf jeder um Eins verkürzt, unaussprechbaren aber zwei von hundert Würfeln der Drei. Diese gesamte geometrische Zahl entscheidet hierüber, über bessere und schlechtere Zeugungen; und wenn aus Unkenntnis dieser eure Wächter den Jünglingen Bräute zugesellen zur Unzeit, so wird das Kinder geben, die weder wohlgeartet sind, noch wohlbeglückt. Von diesen werden zwar die Früheren nur die besten an die Spitze stellen; doch aber, da sie unwürdig sind, werden sie, wenn sie in die Würden ihrer Väter eintreten, als Staatswächter anfangen uns zu vernachlässigen, indem sie weit geringer als sich gebührt das tonkünstlerische schätzen, demnächst auch das gymnastische, daher uns unmusischer die Jugend geraten wird. Aus diesen werden dann Herrscher hervorgehn, die gar nicht mehr recht der Wächter Eigenschaften haben, um die Hesiodische Geschlechter und die bei euch das goldne und silberne, das eherne und eiserne prüfend (547) zu erkennen. Wird aber dort Eisen mit Silber zusammengemischt und Erz mit Gold, so wird Unähnlichkeit daraus entstehn und stimmungslose Unebenheit, welche immer, wo sie sich auch einstellen, Krieg und Feindschaft gebären. Denn von dieser Abkunft, muß man sagen, sei Zwietracht, wo sie auch immer entstehe. – Und ganz richtig, sprach er, wollen wir sagen, daß sie geantwortet haben. – Wie es auch, sprach ich ganz natürlich ist, da sie ja Musen sind. – Was aber, fragte er, sagen die Musen nun weiter? – Ist nun, sagte ich, Zwietracht entstanden: so ziehen beide Geschlechter das eiserne und eherne zu Erwerb und Besitz an Land und Häusern, Gold und Silber; das goldene und silberne aber, wie sie nicht arm sind sondern von Natur reich, leiten die Seelen zur Tugend und zur alten Sitte hin. Wie sie nun Gewalt brauchen und einander entgegenstreben: so kommen sie am Ende überein Land und Häuser in Eigentum zu verwandeln und zu verteilen; die aber, welche vorher von ihnen bewacht wurden, aber als Freie und Freunde und Ernährer, diese nun unterjocht als Dienstleute auf ihren Ländereien und in ihren Häusern zu halten, selbst aber sich des Krieges und der Regierung über jene anzunehmen. – Diese Verwandlung, sagte er, scheint mir wohl von daher zu entstehn. – Wäre nun nicht, sprach ich, diese Verfassung eine mittlere zwischen Aristokratie und Oligarchie? – Gewiß. –

So verwandelt sie sich demnach. Nach der Verwandlung aber, wie wird sie eingerichtet sein? Oder wird sie nicht offenbar in einigem die vorige Verfassung nachahmen in anderm die Oligarchie, als in der Mitte zwischen beiden, einiges aber auch wieder eigenes für sich haben? – Gewiß so, sagte er. – In der Ehrerbietung nun gegen die Regierenden, und darin daß ihr Wehrstand sich des Ackerbaus und aller Hantierung und anderen Gewerbes enthalten wird, so wie in der Einrichtung gemeinsamer Speisungen und in dem Fleiß und der Sorgfalt für alles was zu den Leibesübungen und kriegerischen Spielen gehört, in dergleichen eben wird sie ja wohl die frühere nachahmen? – Ja. – Die Furcht aber, die Weisen ans Regiment zu bringen, weil einfache und strenge Männer dieser Art nicht mehr vorhanden sind sondern nur vermischte; und die Hinneigung zu den zornartigen und einfacheren, welche mehr für den Krieg geeignet sind als für den Frieden, und daß Listen und künstliche Vorrichtungen für den Krieg am meisten in (548) Ehren gehalten werden, und das beständige Kriegführen, dieses und dergleichen vieles, wird sie hingegen eigen für sich haben. – Ja. – Geldgierig aber, sprach ich, werden diese sein wie die in den Oligarchien, und werden im Dunkeln Gold und Silber heftig verehren, da sie ja nun eigene Schatzkammern haben wohin sie es verbergen können, und Umzäunungen um ihre Häuser, recht wie eigne Nester in denen sie an Weiber und an wen sie sonst wollen gar vieles verwenden können. – Sehr wahr, sagte er. – Daher werden sie auch wohl karg sein mit dem Gelde, da sie viel darauf halten und es doch nicht offenkundig besitzen, fremdes aber werden sie gern aus Lüsternheit verwenden und sich heimliche Freuden pflücken, und dann vor dem Gesetz laufen wie Kinder vor dem Vater, wie sie auch nicht durch Zusprache gezogen sind sondern mit Gewalt, weil sie die wahre Muse, die es mit Reden und Philosophie zu tun hat, vernachlässigt und die Gymnastik höher gestellt haben als die Musik. – Dies ist ja, sagte er, wie du sie beschreibst eine gar sehr vermischte Verfassung aus Schlechtem und Gutem. – Gemischt freilich ist sie, sprach ich; und recht klar ist nur eines in ihr wegen der Herrschaft des Zornartigen, nämlich Wetteifer und Ehrsucht. – Gar sehr, sagte er. – So nun, sprach ich, wäre diese Verfassung entstanden, und eine solche wäre sie, wenn doch einer die Gestalt einer Verfassung in der Rede nur andeuten, nicht aber sie genau abzeichnen will, weil ja doch auch der Entwurf schon hinreicht um den Gerechtesten und Ungerechtesten zu erkennen, und es ein Geschäft von unabsehbarer Länge wäre, alle Verfassungen und alle Sitten so durchzunehmen, daß man nichts übergehe. – Ganz recht, sagte er. – Wer ist nun der dieser Verfassung gemäße Mann? wie käme er uns zu Stande, und was für einer würde er sein? – Ich meine, sagte Adeimantos, er würde diesem unserm Glaukon nahe kommen was Wetteifer betrifft. – Vielleicht, sprach ich, was dies betrifft, aber hierin dünkt er mich ihm nicht ähnlich zu sein. – Worin? – Eingenommener von sich selbst, sprach ich, wird er sein müssen und etwas weniger geübt in den Werken der Musen wiewohl ein Liebhaber derselben; und eben so wird er zwar gern hören, rednerisch aber keinesweges sein. Und gibt es irgend Knechte, denen wird ein solcher scharf sein, weil er Knechte nicht so (549) gering schätzt wie ein völlig gebildeter, Freien aber mild, und den Obrigkeiten höchst unterwürfig, dabei aber ist er ehrgeizig und begierig nach obrigkeitlichen Ämtern, jedoch wird er nicht wollen von wegen des Redens oder etwa der Art herrschen, sondern nur von wegen kriegerischer Taten und was dem verwandt ist, wie er denn die Leibesübungen sehr liebt und so auch die Jagd. – Das ist freilich, sprach er, die Sitte jener Verfassung. – Wird nicht auch ein solcher, sprach ich, das Geld in seiner Jugend zwar verachten, je älter er aber wird, um desto mehr es lieben, da er ja an der Natur des Geldliebenden Teil hat und nicht mehr rein auf die Tugend gerichtet ist, weil er von dem vollkommensten Wächter im Stich gelassen worden ist? – Von wem doch? sprach Adeimantos. – Von der mit Musik vereinigten Rede, sprach ich, welche allein, wem sie eingepflanzt ist, die Tugend lebenslang bewahren kann. – Wohlgesprochen, sagte er. – Ein solcher nun wäre, sprach ich, der timokratische, einem solchem Staat ähnliche Jüngling. – Allerdings. – Es entsteht aber, sprach ich, ein solcher so ohngefähr. Er ist etwa der erwachsene Sohn eines trefflichen, nur in einem nicht gut verwalteten Staat lebenden und daher Ehrenstellen, Ämter, Rechtssachen und aller solchen Geschäftigkeit so aus dem Wege gehenden Vaters, daß er lieber zu kurz kommen will um nur keine Händel zu haben. – Wie, fragte er, wird der so? – Wenn er, sprach ich, zuerst von seiner Mutter hört, wie sie darüber klagt, daß ihr Mann nicht zu den regierenden gehört, und wie sie deshalb bei den andern Weibern den kürzeren zöge, und weiter, wie sie wohl sähe daß er sich um das Vermögen keine sonderliche Mühe gäbe, noch darum stritte, und wenn er auch deshalb verhöhnt würde im Gespräch sowohl als vor Gericht öffentlich, sondern aus dergleichen allem mache er sich wenig; und wie sie wohl merke, daß er auf sich selbst immer Bedacht nehme, sie aber halte er weder sehr in Ehren, noch vernachlässige er sie auch; über dies alles nun erbittert, sagt sie ihm, sein Vater sei doch gar zu unmännlich und schlaff, und was sonst alles die Weiber bei solchen Gelegenheiten herzuleiern pflegen. – Gar vielerlei dergleichen, sprach Adeimantos, ist ganz in ihrer Weise. – Weißt du wohl, sprach ich, daß dann auch die Dienstleute von solchen bisweilen heimlich dergleichen zu den Söhnen sagen, wenn sie es recht gut zu meinen glauben; und wenn sie sehen, daß einer dem Vater Geld schuldig ist, und der ihm nicht recht zusetzt, oder daß sonst einer ihm etwas antut, so reden sie dem Sohne zu, wenn er ein Mann werde, solle er es allen solchen gedenken, und mehr ein Mann sein als sein Vater. Geht er nun aus, so (550) hört und sieht er noch mehr dergleichen, wie diejenigen, die das ihrige tun in der Stadt für einfältig gelten und wenig aus ihnen gemacht wird, die aber nicht das ihrige, geehrt und gelobt werden. Hört und sieht nun dergleichen alles der junge Mann, hört aber auch wieder des Vaters Reden und sieht sein Treiben nahebei neben dem der Andern: so wird er von beiden angezogen, indem der Vater das vernünftige in seiner Seele hegt und pflegt, die Andern aber das begehrliche und zornartige. Und weil er die Natur zwar des schlechten Mannes nicht an sich hat, der schlechten Gesellschaft der Andern aber doch nicht entgehen kann: so kommt er von beiden auf diese Art angezogen in die Mitte und übergibt die Herrschaft in sich selbst dem mittleren, dem streitsüchtigen und zornartigen, und wird so ein hochmütiger und ehrsüchtiger Mann. – Sehr klar, sprach er, scheinst du mir dessen Entstehung beschrieben zu haben. – So hätten wir denn, sprach ich, den zweiten Staat und den zweiten Mann. – Den haben wir, sagte er. –

Wollen wir nun nach dem Aischylos den Andern an den andern Staat gestellt beschreiben? oder lieber unserm Vorsatz nach zuerst den Staat selbst? – Allerdings, sagte er, dieses. – Die nächste aber wäre, wie ich denke, die Oligarchie nach jenem Staat. – Was für eine Verfassung aber, sprach er, nennst du eigentlich Oligarchie? – Die nach der Schatzung geordnete Verfassung, sprach ich, in welcher die Reichen herrschen, die Armen aber an der Herrschaft keinen Teil haben. – Ich verstehe, sagte er. – Muß nun nicht zuerst erklärt werden wie der Übergang geschieht aus der Timarchie in die Oligarchie? – Ja. – Und das, sprach ich, ist ja wohl auch dem Blinden klar, wie sie übergeht. – Wie? – Jene Kammer, sprach ich, die jeder sich mit Geld anfüllt, verdirbt eine solche Verfassung. Denn zuerst ersinnen sie sich Aufwand und lenken dahin die Gesetze um, sie selbst und ihre Weiber. – Sehr wahrscheinlich, sprach er. – Und indem einer auf den andern sieht und ihm nacheifert, werden sie bald alle so geworden sein. – Wahrscheinlich. – Dann treiben sie es, sprach ich, immer weiter mit dem Gelderwerben, und je mehr sie auf dieses Wert legen, um desto weniger auf die Tugend. Oder verhalten sich nicht Tugend und Reichtum so, daß immer, als läge auf jeder Schale der Waage eines, sie sich gegenseitig einander in die Höhe schnellen? – Gar sehr, sagte er. – Wird also der Reichtum in einem Staat (551) geehrt und die Reichen, so wird die Tugend minder geachtet und die Guten. – Offenbar. – Was aber jedesmal in Achtung steht, das wird auch geübt, und das nicht geachtete bleibt liegen. – So ist es. – Aus hochstrebenden und ehrsüchtigen Männern werden sie also zuletzt erwerblustige und geldliebende, und den Reichen loben und bewundern sie und ziehen ihn zu Ehren, den Armen aber achten sie gering. – Allerdings. – Dann also geben sie ein solches Grundgesetz oligarchischer Verfassung, indem sie einen Umfang des Eigentums feststellen je oligarchischer desto größer, je weniger desto geringer, und im voraus bestimmen, keiner solle am Regiment Teil haben, dessen Vermögen nicht die bestimmte Höhe erreiche. Dies setzen sie entweder mit Gewalt der Waffen durch, oder auch ehe es dazu kommt bringen sie durch Schrecken diese Verfassung zu Stande. Oder nicht so? – Allerdings so. – Die Einsetzung also ist diese. – Ja, antwortete er. Welches aber ist nun die Weise dieses Staates? und welches sind die Fehler, die wir sagten daß er an sich habe? –

Zuerst schon, sprach ich, eben diese seine Grundlage. Denn sieh nur! Wenn jemand auf diese Weise für die Schiffe Steuermänner ernennen wollte nach der Schatzung; Armen aber, wenn sie auch die Steuermannskunst viel besser verständen, wäre sie nicht verstattet. – Die werden, sagte er, eine schlimme Fahrt schiffen. – Ist es nun nicht eben so mit jeglicher Regierung irgend einer andern Sache? – Das denke ich wenigstens. – Ausgenommen den Staat? sprach ich, oder auch beim Staat? – Wohl um so viel mehr, sagte er, als dessen Regierung die größte und schwierigste ist. – Also diesen Einen großen Fehler hätte schon die Oligarchie. – So scheint es. – Und wie, ist dieser wohl geringer als der vorige? – Welcher? – Daß ein solcher Staat notwendig nicht einer ist sondern zwei; den einen bilden die Armen, den andern die Reichen, welche beide immer jedoch sich gegenseitig auflaurend zusammenwohnen. – Beim Zeus, sagte er, der ist wohl nichts geringer. – Aber das ist wohl schön, daß sie am Ende außer Stande sind einen Krieg zu führen, weil sie sich entweder der Menge bedienen müssen, vor welcher sie sich dann, wenn sie bewaffnet ist, mehr fürchten als vor den Feinden, oder wenn sie sich ihrer nicht bedienen, so erscheinen sie dann im Gefecht gar sehr als eine Macht von Wenigen, wozu noch kommt, daß sie auch keine Abgaben einlegen mögen, weil sie selbst das Geld lieben. – Keinesweges schön. – Und wie, was wir schon längst tadelten, die Vielgeschäftigkeit, (552) daß in einem solchen Staate dieselben Ackerbau treiben und Gewerbe und Krieg, dünkt dich dann das richtig zu sein? – Wohl keinesweges. – Nun sieh noch, ob nicht zu allen aufgezählten Übeln dies noch das größte in diesem Staate zuerst vorkommt? – Was doch für eins? – Daß Einer kann das seinige alles vertun und ein Anderer es erwerben, und der es vertan hat wohnt in der Stadt fast ohne irgend einem von ihren Teilen anzugehören, denn er ist weder Gewerbsmann noch Künstler weder Reuter noch Fußknecht, sondern er heißt schlechthin der Arme und der Unbemittelte. – Dies zuerst hier, sagte er. – Gewiß wird ja doch dies nicht verhindert in den oligarchisch eingerichteten Staaten. Denn sonst wären nicht Einige überreich und Andere ganz und gar arm. – Richtig. – Betrachte auch dieses! Als nun ein solcher Reicher das seinige vertrat, war er da irgend dem Staate mehr nutz zu etwas von dem eben angeführten? Oder schien er zwar zu den Herrschenden zu gehören, war aber in der Tat weder Herr noch Diener im Staat, sondern nur ein Verbringer des vorhandenen? – So ist es, sprach er. Jenes schien er, war aber nichts weiter als Verbringer. – Sollen wir nun nicht sagen, wie sich im Wachskuchen die Drohne erzeugt nur als eine Krankheit des Stocks: so erzeuge sich auch ein solcher im Hause recht wie eine Drohne nur als eine Krankheit des Staates. – Ganz gewiß, sagte er, o Sokrates. – Aber nicht wahr Adeimantos, die geflügelten Drohnen hat Gott alle ohne Stacheln geschaffen? von diesen zweibeinigen aber sind wohl einige zwar auch stachellos, andere aber haben gar schlimme Stacheln? und aus den Stachellosen werden Bettler auf ihr Alter, aus den Bestachelten aber alle die man schlechtes Gesindel nennt? – Vollkommen richtig, sagte er. – Offenbar also, sprach ich, in einem Staat wo du Bettler antriffst, da sind an eben diesem Ort auch Diebe verborgen und Beutelschneider und Tempelräuber und die allerlei solche Verbrechen begehen. – Offenbar, sagte er. – Wie nun, siehst du nicht, daß es Bettler gibt in den oligarchischen Staaten? – Fast wohl Alle, sagte er, die nicht zu den Regierenden gehören. – Sollen wir nun nicht glauben, sprach ich, daß es in diesen auch viel bestacheltes Gesindel gibt, welches nur die Obrigkeiten sehr sorgfältig mit Gewalt zurückhalten? – Das müssen wir freilich glauben, sprach er. – Und sollen wir nicht sagen, es habe seinen Grund in der Bildungslosigkeit und in der schlechten Erziehung und Einrichtung des Staates, daß sich solche da finden? – Das müssen wir sagen. – Ein solcher also wäre der oligarchische Staat, und mit so vielen Übeln behaftet, (553) ja vielleicht noch mit mehreren. – Ohngefähr so, sprach er. – So sei uns denn auch dieser Staat abgefertigt, den man Oligarchie nennt, und der seine Herrscher nach der Schätzung bekommt.

Laß uns nun aber auch den Mann, der diesem Staat ähnlich ist, betrachten, wie Einer so wird, und wenn er geworden, wie er beschaffen ist? – So sei es, sprach er. – Geschieht nun nicht die Umwandlung aus jenem timokratischen in den oligarchischen vorzüglich so? – Wie denn? – Wenn etwa ein Sohn eines solchen zuerst seinem Vater nachstrebt und ganz in seine Fußstapfen tritt, hernach aber ihn auf einmal am Staat wie an einer Klippe scheitern und alles das seinige ja ihn selbst in solchem Schiffbruch untergehen sieht, wenn er etwa das Heer angeführt hat oder nach Bekleidung eines andern großen Staatsamtes vor Gericht gezogen wird und von Verläumdern so mitgenommen, daß ihm das Leben abgesprochen oder er vertrieben wird oder seine bürgerliche Ehre verliert und sein ganzes Vermögen einbüßt. – So kommt es wohl, sprach er. – Hat nun der Sohn dieses erlebt und mit bestanden, und ist um alles gekommen: so wirft er, aus Furcht denke ich, jenes ehrliebende und zornartige kopflings von dem Thron in seiner Seele. Wenn er sich nun durch die Armut gedemütigt zum Erwerb gewendet hat: so wird er sich kärglich und bei wenigem sparend durch Emsigkeit wieder etwas sammeln. Glaubst du nun nicht daß ein solcher dann das begehrliche und besitzliebende auf jenen Thron setzen, und es mit der Tiare der Halskette und dem Prachtsäbel geschmückt zum großen König in sich selbst erklären wird? – Das denke ich, sprach er. – Das vernünftige und zornartige aber, denke ich, sind jenes Knechte geworden und sitzen zu beiden Seiten vor demselben unten an der Erde, und es gestattet dem einen nichts anders zu folgern und zu betrachten als wie und woher aus wenigem Gelde vieles wird, dem anderen aber nichts anderes zu bewundern und zu verehren als den Reichtum und die Reichen, und um nichts anders sich zu beeifern als um Geldbesitz und was etwa damit zusammenhängt. – Es gibt wohl, sprach er, keine andere so schnelle und gewaltsame Umwandlung als die eines ehrliebenden Jünglings in einen geldliebenden. – Und dieser, sagte ich, ist doch der oligarchische. – Wenigstens ist er die Umwandlung eines Mannes der dem Staate ähnlich ist, aus welchem die Oligarchie sich umgestaltete. – So laß uns denn sehen, (554) ob er ihr auch ähnlich ist. – Das wollen wir. – Und nicht wahr, darin daß er das Geld am höchsten schätzt ist er ihr schon ähnlich. – Wie sollte er nicht? – Und auch in solcher Sparsamkeit und Arbeitsamkeit, daß er sich selbst nur die Erfüllung der notwendigen Begierden gut tut, zu anderem Aufwand aber nichts hergibt, sondern die übrigen Begierden als eitle unterm Druck hält. – Allerdings. – Etwas schmutzig also, indem er von allem etwas übrig behält, sammelt der Mann Schätze; und solche lobt ja auch das Volk. Ist nun dieser nicht dem oligarchischen Staat ähnlich? – Mir scheint es ja; Geld wenigstens wird am höchsten geschätzt in jenem Staat und auch bei diesem. – Und ich denke, sprach ich, wohl unterrichtet zu sein, darum müht sich ein solcher auch nicht? – Ich glaube wenigstens nicht, sagte er; sonst hätte er wohl nicht einen Blinden zum Chorführer gesetzt. – Und nun, sprach ich, betrachte dir auch noch dieses recht genau. Sollen wir nicht sagen, daß eben aus Unbildung auch drohnenhafte Begierden in ihm entstehen werden, die bettelhaften gewiß, und auch die bösartigen werden wohl nur mit Gewalt durch die übrigen sorgfältigen Einrichtungen zurückgehalten werden? – Freilich wohl, sagte er. – Und weißt du auch, sprach ich, wohin du sehen mußt um ihre schlechten Streiche doch zu entdecken? – Wohin? sprach er. – Auf die Vormundschaften über die Waisen, und wo ihnen sonst etwas dergleichen vorkommt, was eine große Freiheit gewährt Unrecht zu tun. – Richtig. – Ist nun aber hieraus nicht offenbar, daß ein solcher auch in andern Geschäftsverhältnissen, worin er sich einen guten Ruf bewahrt, weil man ihn für gerecht hält, doch nur durch eine zweckmäßige Gewalt über sich selbst andere ihm einwohnende schlechte Begierden zurückhält, nicht etwa indem er sich selbst überzeugt, daß es nicht so besser wäre, auch nicht indem er sie durch Vernunft zähmt, sondern aus Not und Furcht weil er für sein übriges Eigentum zittert? – Allerdings! sagte er. – Und beim Zeus, Freund, sprach ich, bei den mehrsten von ihnen wirst du, wenn es darauf ankommt fremdes aufzuwenden, auch die den Drohnen verwandten Begierden gewiß antreffen. – Und das gar sehr, sprach er. – Ein solcher also kann auch gewiß in sich selbst nicht frei von Zwiespalt sein; und er ist auch nicht einmal Einer, sondern ein zwiefacher, nur daß doch größtenteils die besseren Begierden in ihm herrschen über die schlechteren. – So ist es. – Deshalb nun, denke ich, ist ein solcher immer noch anständiger als viele; aber die wahrhafte Tugend einer mit sich selbst einigen und wohlgestimmten Seele ist weit von ihm entfernt. – Das dünkt mich. – Und gewiß ist in der eignen Stadt der Sparsame (555) ein schlechter Mitbewerber um irgend einen schönen Sieg oder Ehrenpreis, und da er doch des Ruhmes und solcher Kämpfe wegen kein Geld aufwenden will, indem er sich immer fürchtet, die verschwenderischen Begierden aufzuregen und zum Bündnis und Wetteifer herbeizurufen, so führt er recht oligarchisch den Krieg immer nur mit wenigem von dem seinigen, wird also gewöhnlich überwunden, bleibt aber reich. – Sehr recht, sagte er. – Können wir also noch irgend ein Bedenken dagegen haben, sprach ich, daß dieser Karge und Geldschaffende nicht mit Recht in die Ähnlichkeit mit dem oligarchisch verwalteten Staate gestellt sei? – Gewiß nicht, sagte er. –

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