Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

So wäre denn, sprach ich, wohl noch jenes übrig auseinandersetzen, ob es auch bei den Menschen möglich ist wie bei den andern Tieren, daß eine solche Gemeinschaft stattfinde, und wie es möglich ist. – Du bist mir mit dem zuvorgekommen, sagte er, was ich eben anknüpfen wollte. – Was nun den Krieg betrifft, fuhr ich fort, versteht es sich schon, denke ich, wie sie ihn führen werden. – Wie? – Daß sie gemeinschaftlich ins Feld ziehen und auch die schon heranwachsenden Kinder mit sich in den Krieg nehmen werden, damit diese, wie auch die der anderen Arbeiter, dasjenige zu sehen bekommen, was sie, wenn sie erwachsen sind, selbst werden arbeiten müssen, und außer dieser Anschauung auch noch in allem, was zum Kriege (467) gehört, hülfreich zur Hand gehen und ihren Vätern und Müttern aufwarten. Oder hast du nicht bemerkt, wie dies bei andern Künsten gehalten wird, wie lange zum Beispiel die Söhne der Töpfer zusehn und Handreichung tun, ehe sie das Geschäft selbst angreifen? – Ja freilich. – Sollen nun wohl jene sorgfältiger als unsere Wächter die ihrigen heranbilden durch Erfahrung und Anschauung von dem was ihnen obliegt? – Das wäre ja ganz lächerlich, sagte er. – Und es kämpft ja auch jegliches Tier am ausgezeichnetsten, wenn die zugegen sind, die es geboren hat! – So ist es; aber die Gefahr, o Sokrates, ist nicht gering, wenn sie einmal einen Unfall erleiden, wie das im Kriege zu geschehen pflegt, und dann mit sich auch ihre Kinder ins Verderben gezogen haben, daß es dadurch dem ganzen Staat unmöglich gemacht werde sich wieder zu erholen. – Du hast Recht, sprach ich. Aber glaubst denn du, man müsse dafür zuerst sorgen, daß sie nie in Gefahr geraten? – Keinesweges. – Und wenn nun Gefahr muß bestanden werden, nicht am liebsten da, wo sie durch richtiges Verhalten besser werden müssen? – Offenbar freilich. – Und glaubst du es sei eine Sache von geringem Belang und nicht der Gefahr wert, ob die Kinder, welche einst kriegerische Männer werden sollen, sehen oder nicht sehen, wie es im Kriege hergeht? – Nein, sondern es ist von großer Bedeutung für diesen Zweck. – So also muß es sein. Man muß die Kinder zu Zuschauern des Krieges machen, zugleich aber auch Sicherheit für sie aussinnen, und dann wird es gut sein. Nicht wahr? – Ja. – Nun werden doch, sprach ich, zuerst schon ihre Väter, so weit es Menschen möglich ist, nicht unverständig sein, sondern zu beurteilen wissen, welche Feldzüge gefährlich sind und welche nicht. – Wahrscheinlich, sagte er. – In diese also werden sie sie mit sich führen, in jene aber sich scheuen. – Richtig. – Und auch nicht die schlechtesten Vorgesetzten, denke ich, werden sie ihnen bestellen, sondern solche, die sich durch Erfahrung und Alter wohl dazu schicken Führer und Aufseher der Jugend zu sein. – So gehört es sich allerdings. – Aber freilich, werden wir sagen, ist auch schon Vielen vieles wider alle Erwartung begegnet. – Gar sehr. – Gegen dergleichen nun, o Lieber, muß man sie schon gleich in den Kinderjahren beflügeln, damit wir, wenn ein Notfall eintritt, davon fliegen und sich retten können. – Wie meinst du das? fragte er. – Zu Pferde, sprach ich, muß man sie sitzen lassen schon so jung als möglich, und die schon reiten gelernt, muß man dann nicht etwa auf mutigen und der Schlacht gewohnten Rossen zur Kriegsschau führen, sondern auf den schnellsten und zugleich folgsamsten. So werden sie denn am besten ihr künftiges Geschäft in Augenschein nehmen, und am sichersten, wenn es ja nötig wäre, ihren älteren Führern (468) folgend sich retten können. – Richtig, sagte er, scheinst du mir zu reden. –

Wie nun aber weiter, fuhr ich fort, wegen des Krieges? Wie wird es mit den Kriegern zu halten sein, sowohl unter sich als gegen den Feind? ob es wohl so recht ist, wie es mir vorkommt, oder nicht? – Sage nur, sprach er, wie. – Wer von ihnen, fuhr ich fort, aus dem Gliede weicht oder die Waffen wegwirft oder dergleichen etwas tut aus Feigheit, werden wir den nicht zu irgend einem Handwerker machen müssen oder zum Ackersmann? – Freilich wohl. – Und wer lebendig von den Feinden gefangen ist, muß man nicht den auch umsonst lassen, wenn ihn einer will, um mit dem Fang zu machen was er Lust hat? – Offenbar wohl. – Wer sich aber auszeichnet und hervortut, soll der nicht zuerst im Lager selbst von allen mit im Felde befindlichen Jünglingen und Knaben der Reihe nach einzeln bekränzt werden? oder nicht? – Mich dünkt. – Und auch bei der Rechten gefaßt? – Auch das. – Aber das folgende, sprach ich, wird dir glaube ich nicht mehr gefallen. – Welches doch? – Daß er auch soll küssen und geküßt werden von jedem. – Ganz vorzüglich! sagte er. Und will noch dieses hinzufügen zu dem Gesetz, daß, so lange noch derselbe Feldzug dauert, es keinem erlaubt sein soll ihm zu weigern, wen er auch immer küssen will, damit, wenn etwa einer verliebt ist in einen Knaben oder Mädchen, er desto eifriger sei den Preis zu verdienen. – Schön, sprach ich. Denn daß dem Tapfern mehr eheliche Verbindungen offen stehn werden als andern, und öfter vor andern die Wahl auf solche fallen wird, damit recht viele von solchen erzeugt werden, das ist schon festgesetzt. – Wir sagten es ja. – Aber auch nach dem Homeros ist ja recht durch solcherlei die Tapferen unter den Jünglingen zu ehren; denn auch Homeros sagt, Ajas der sich im Kriege ausgezeichnet, sei mit lang ausreichendem Rücken geehrt worden, als sei dies die angemessene Ehrenbezeugung für den jugendlichen und tapfern, wodurch er außer der Ehre auch noch seine Stärke vermehrt. – Ganz richtig, sagte er. – Wir wollen also doch, sprach ich, darin dem Homeros folgen. Und auch wir wollen bei Opfern und allem ähnlichen die Tapfern, ja nachdem sie sich als solche gezeigt, nicht nur durch Gesänge und auf die eben beschriebene Weise ehren, sondern auch außerdem noch durch Vorsitz und Fleisch und durch vollere Becher; damit wir außer der Ehre die Tapferen auch noch stärken, Männer sowohl als Frauen. – Sehr wohl gesprochen, sagte er. – Wohl! Die nun aber im Felde gestorben sind, nachdem sie sich wohl gehalten, werden wir nicht zuerst erklären, daß diese zu dem goldenen Geschlecht gehören? – Vor allen Dingen. – Und wollen wir nicht dem Hesiodos glauben, daß, wenn von diesem Geschlecht irgend welche gestorben sind, werden sie fromme Dämonen der (469) oberen Erde genannt, Gute des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen Behüter? – Das wollen wir ihm glauben. – Wir werden also von dem Gott erforschen, wie man dämonische und göttliche Menschen beisetzen müsse und mit welchem Vorzuge, und werden sie dann auf die Art beisetzen, wie er es erklärt. – Was sollten wir nicht! – Und werden hernachmals ihren Gräbern als heiligen Gräbern Verehrung und Anbetung erweisen. Und eben das wollen wir auch festsetzen, wenn vor Alter oder auf eine andere Weise einer von denen stirbt, welche für ausgezeichnet trefflich in ihrem Leben bekannt gewesen sind. – Das ist freilich billig, sagte er. –

Wie aber werden es unsere Krieger mit den Feinden halten? – In wie fern? – Zuerst was die Gefangennehmung betrifft, dünkt es dich recht, daß Hellenische Städte Hellenen zu Knechten machen? oder vielmehr, daß sie auch andern dieses nach Vermögen verwehren, und es zur Sitte machen des Hellenischen Geschlechtes zu schonen, aus Furcht in die Knechtschaft der Barbaren zu geraten? – Auf alle Weise ist gewiß die Schonung vorzuziehn. – Also auch selbst keinen Hellenen zum Knecht zu haben, noch auch den andern Hellenen dieses anzuraten. – Allerdings, sagte er. Um so mehr würden sie sich auch wohl gegen die Barbaren wenden, und sich untereinander des Krieges enthalten. – Und wie, sprach ich, die Toten weiter berauben als ihrer Waffen, nachdem man sie besiegt hat, ist das wohl schön? oder gibt es nicht den Feigen einen Vorwand nicht gegen den kämpfenden Feind zu gehn, als ob sie auch etwas pflichtmäßiges täten, wenn sie bei den Leichnamen herumhocken, und sind nicht schon viele Heere um dieses Raubes willen zu Grunde gegangen? – Ja wohl. – Und scheint es nicht unedel und habsüchtig einen Toten zu berauben, und zeugt von weibischer und kleinlicher Denkungsart den Leib des Toten für das feindselige zu halten, da doch der Feind schon herausgeflogen und nur das übrig geblieben ist, wodurch er Krieg führte? oder meinst du, daß, die dieses tun, etwas anderes tun als die Hunde, welche auch die Steine anknurren mit denen sie geworfen werden, den werfenden aber nicht anrühren? – Auch nicht im mindesten anders, sagte er. – Lassen wir also ab von dem Plündern der Toten und dem Verhindern der Begräbnisse. – Das müssen wir, sagte er, beim Zeus. – Also werden wir wohl auch nicht die Waffen in die Tempel bringen um sie da zu weihen, wenn uns irgend gelegen ist an dem guten Vernehmen mit den andern Hellenen. Vielmehr (470) werden wir uns fürchten, ob es nicht Entweihung sei dergleichen von unsern Angehörigen in das Heiligtum zu bringen, es müßte denn der Gott etwa das Gegenteil gebieten. – Ganz richtig, sagte er. – Wie aber wegen Verwüstung hellenischen Landes und Anzündung der Wohnungen, wie werden da deine Krieger gegen die Feinde verfahren? – Dich, sagte er, möchte ich gern deine Meinung darüber darlegen hören. – Meine Meinung also, sprach ich, ist, daß keines von beiden geschehe, sondern nur die Ernte des Jahres genommen werde. Und soll ich dir auch sagen weshalb? – Allerdings. – Mir scheinen nämlich, wie sie ja auch als zwei Wörter gesprochen werden, Krieg und Fehde, so auch zweierlei zu sein und sich auf zwei verschiedene Dinge zu beziehn; nämlich von diesen zweien ist das eine befreundetes und verwandtes, das andere fremdes und ausländisches. Für Feindschaft nun mit dem befreundeten brauchen wir das Wort Fehde, mit den Fremden aber Krieg. – Das ist auch gar nicht aus der Weise, sagte er, was du sagest. – So sieh denn, ob auch dies nach der Weise ist. Ich behaupte nämlich, das hellenische Geschlecht sei sich selbst befreundet und verwandt, zu dem barbarischen aber verhalte es sich wie ausländisches und fremdes. – Sehr schön, sagt er. – Daß also Hellenen mit Barbaren und Barbaren mit Hellenen, wenn sie gegen einander fechten, Krieg führen, wollen wir wohl sagen, und daß sie von Natur einander verfeindet sind und man diese Feindschaft Krieg nennen müsse; wenn aber Hellenen gegen Hellenen etwas dergleichen tun, daß sie von Natur einander Freund sind, und daß in diesem Zustande Hellas nur krank ist und unter sich verfehdet, und man diese Feindschaft eine Fehde nennen müsse. – Ich meines Teils, sagte er, räume ein, daß man es so ansehe. – So betrachte es denn, fuhr ich fort, an dem, was man jetzt Fehde nennt, wo eine solche entstanden und eine Stadt in sich geteilt ist, wenn sie da einer des andern Äcker verwüsten und Häuser anzünden, wie grundverderblich dann die Fehde erscheint, und keine von beiden Parteien es mit der Stadt gut meinen kann, weil sie ja sonst nicht toller Weise die Ernährerin und Mutter verstümmeln würden, sondern es genug wäre für die Sieger, den Besiegten ihre Früchte zu rauben, sonst aber gesinnt zu sein als ob sie sich wieder vertragen und nicht immer im Kriege bleiben würden. – Bei weitem milder sind gewiß die so gesinnten als jene. – Und wie nun? sprach ich, die Stadt, die du gründest, soll die nicht eine hellenische sein? – Das soll sie gewiß, sagte er. – Und sollen sie nicht gut und mild sein? – Gar sehr. – Aber etwa nicht hellenisches lieben? und nicht Hellas für befreundet halten? und nicht Genossen derselben Heiligtümer sein mit den übrigen? – Gar sehr gewiß. – Werden sie also nicht einen Zwist mit Hellenen als Verwandten nur für eine Fehde halten, und auch nicht einmal Krieg nennen? – Das werden sie wohl nicht. – Und die Fehde führen als solche, (471) die sich wieder vertragen wollen? – Allerdings. – Sänftiglich werden sie sie also zur Besinnung zu bringen suchen, nicht mit Knechtschaft strafen noch mit Verwüstung, da sie ja nur Züchtiger sein wollen nicht Feinde. – Richtig, sagte er. – Also werden sie auch als Hellenen nicht hellenisches Land verwüsten noch Wohnungen verbrennen, noch auch jedesmal alle in der Stadt für feindselig halten Männer Weiber und Kinder, sondern immer nur wenige für ihre Feinde, die eigentlichen Urheber des Zwistes. Und aus allen diesen Ursachen nun werden sie weder ihr Land verwüsten wollen, da sie ja viele Freunde darunter haben, noch auch ihre Wohnungen zerstören; sondern nur so weit den Zwist treiben, bis die Schuldigen von den mitleidenden Unschuldigen genötiget werden Genugtuung zu leisten. – Ich, sagte er, gestehe zu, daß unsere Bürger so ihren Widersachern begegnen müssen, den Barbaren aber so wie jetzt die Hellenen sich untereinander. – So wollen wir denn auch dieses Gesetz unsern Hütern vorschreiben, weder das Land zu verwüsten noch die Ortschaften zu verbrennen. – Das wollen wir, sagte er, und dieses sowohl als das vorige für gut erklären.

Aber es will mich bedünken, o Sokrates, wenn man dir gestattet dergleichen noch mehr vorzutragen, so wirst du niemals an das gedenken, was du vorher weggeschoben hast, um erst alles dieses vorzutragen, nämlich daß eine solche Verfassung auch möglich sei und auf welche Weise sie möglich sei. Denn daß, wenn sie erst bestände, alles vortrefflich stehen werde in dem Staate der sie hätte, das erkläre ich hiemit, und auch was du übergehst, nämlich daß sie auch gegen die Feinde am besten fechten würden, weil ja einander am wenigsten im Stich lassen könnten, die sich unter einander kennen und anrufen als Brüder Väter und Söhne. Und wenn auch das weibliche Geschlecht mit zu Felde zöge, sei es nun in dasselbe Glied gestellt oder auch hinten, um den Feinden Furcht zu machen, und wenn irgendwo eine schleunige Hülfe nötig wäre, so weiß ich, daß sie durch dies alles unüberwindlich sein würden. Und auch zu Hause sehe ich wieviel Gutes was noch übergangen worden ist, sich unter ihnen finden würde. Also als ob ich dies alles und noch tausend anderes, daß es so sein würde, wenn eine solche Verfassung bestände, schon eingestanden hätte, mache nur darüber keine Worte weiter; sondern hievon laß uns nun endlich versuchen uns selbst zu überzeugen, daß sie möglich ist und wie möglich, alles andre aber gehen lassen. – Ganz plötzlich, sprach ich, hast du da gleichsam einen Anlauf gemacht gegen meine Rede, und läßt mich nicht zu Atem (472) kommen im Felde. Denn du weißt vielleicht nicht, daß, nachdem ich nur kaum den zwei Wellen entkommen bin, du nun die größte und gefährlichste der ganzen Brandung gegen mich heranwälzest, wegen welcher, wenn du sie erst siehst und hörst, du mir gar leicht verzeihen wirst, weil es ganz natürlich war, daß ich zögerte und Bedenken trug eine so abweichende Rede vorzubringen und ihre nähere Prüfung zu unternehmen. – Je mehr du dergleichen redest, antwortete er, um desto weniger wirst du von uns losgelassen werden, daß du uns nicht zu erklären brauchtest, wie wohl eine solche Verfassung zu Stande kommen kann. Also erkläre es nur und verweile dich nicht. –

Also zuerst, sprach ich, müssen wir uns dessen wohl erinnern, daß wir die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit suchend, was sie recht sein mögen, hieher gekommen sind. – Das müssen wir. Aber wozu das? fragte er. – Zu nichts. Sondern nur, wenn wir etwa gefunden haben, was Gerechtigkeit ist, werden wir dann wohl fordern, daß auch der gerechte Mann gar nicht von jenem verschieden sein dürfe, sondern ganz und gar eben ein solcher sein müsse wie die Gerechtigkeit ist? oder werden wir zufrieden sein, wenn er ihr nur so nahe als möglich kommt und am meisten von allen an ihr Anteil hat? – So, sagte er; wir wollen zufrieden sein. – Des Beispiels wegen also, sprach ich, suchten wir die Gerechtigkeit an sich was sie wohl ist, und den vollkommen gerechten Mann, wie es wohl einen geben könne und wie er sein würde, wenn es einen gäbe, und wiederum die Ungerechtigkeit und den ungerechtesten, damit wir auf jene sehend, wie sie uns erschienen in Absicht auf Glückseligkeit und ihr Gegenteil, genötiget würden auch von uns selbst einzugestehen, daß, wer ihnen am ähnlichsten ist, auch das ihnen ähnlichste Los haben werde, nicht aber deshalb, um aufzuzeigen es sei möglich daß dies wirklich so vorkomme. – Hierin, sagte er, hast du wohl Recht. – Meinst du also einer sei ein minder guter Maler, der, nachdem er ein Urbild gemalt hätte, wie ein vollkommen schöner Mann aussehn würde, und in seinem Bilde alles gehörig beobachtet, hernach nicht aufzeigen könnte, daß es einen solchen Mann auch geben könne? – Beim Zeus ich nicht! sagte er. – Wie nun? haben nicht auch wir in unserer Rede ein Musterbild aufgestellt eines guten Staates. – Freilich. – Meinst du also, daß wir um deswillen minder gut geredet haben, wenn wir nicht aufzeigen können, es sei möglich eine Stadt so einzurichten, wie es beschrieben wurde? – Freilich wohl nicht, sagte er. – Eigentlich also, sprach ich, verhält es sich so. Wenn wir aber auch dieses versuchen wollen dir zu gefallen, wie etwa und in welcher Beziehung sie am ehesten möglich wäre: so gestehe mir noch einmal zum Behuf dieser Nachweisung dasselbige zu. – Welches doch? – Ist es möglich, daß etwas gerade so kann ausgeführt werden, wie es beschrieben wird? oder liegt es in der Natur der Tat, daß sie weniger das wahre Wesen trifft als die Rede, (473) wenn es einem auch nicht so scheint? Also du gestehest es so ein oder nicht? – Ich gestehe es ein, sagte er. – Dazu also zwinge mich nicht grade wie wir es in der Rede durchgegangen zeigen müssen, daß es eben so in allen Stücken auch in der Tat werde; sondern wenn wir nur im Stande sind zu finden, daß ein Staat der Beschreibung so nahe als möglich eingerichtet wäre, wollen wir uns schon rühmen gefunden zu haben was du forderst, daß dies wirklich werden könne. Oder willst du nicht zufrieden sein, wenn du soviel erlangst? ich wenigsten wäre zufrieden. – Und auch ich, sprach er. – Zunächst also wie es scheint müssen wir versuchen zu finden und aufzuzeigen, was etwa jetzt in unseren Staaten schlecht behandelt wird, weshalb sie nicht so verwaltet werden, und wie ein Staat zu dieser Art der Verfassung gelangen könne mit der mindest möglichen Veränderung, wenn es sein kann nur in Einem Stück, wenn nicht in zweien, wenn nicht doch in so wenigen und so wenig schwierigen als möglich. – Allerdings freilich, sagte er. – Durch eine einzige Veränderung nun, sprach ich, glaube ich zeigen zu können, daß er sich dazu umwandeln werde, freilich durch keine kleine, auch nicht leichte, aber doch mögliche. – Durch welche? sagte er. – Nun gehe ich grade darauf los, sprach ich, was wir der größten Welle im voraus verglichen. Es soll also gesagt werden, und sollte es mich auch mit Schmach und Gelächter ordentlich wie eine aufsprudelnde Welle überschütten. Sieh aber zu, was ich sagen will. – Rede nur, sagte er. – Wenn nicht, sprach ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten, oder die jetzt so genannten Könige und Gewalthaber wahrhaft und gründlich philosophieren, und also dieses beides zusammenfällt, die Staatsgewalt und die Philosophie, die vielerlei Naturen aber, die jetzt zu jedem von beiden einzeln hinzunahen, durch eine Notwendigkeit ausgeschlossen werden, ehe gibt es keine Erholung von dem Übel für die Staaten, lieber Glaukon, und ich denke auch nicht für das menschliche Geschlecht, noch kann jemals zuvor diese Staatsverfassung nach Möglichkeit gedeihen und das Licht der Sonne sehen, die wir jetzt beschrieben haben. Aber dies ist es eben, was mir schon lange Bedenken macht zu reden, weil ich sehe wie es gegen aller Menschen Meinung angeht. Denn es geht schwer einzusehen, daß in einem andern keine Glückseligkeit sein kann, weder für den Einzelnen, noch für das Ganze. – Da sagte er, O Sokrates, du hast eine solche Rede ausgestoßen, daß du nur glauben kannst, es werden nun gar viele und gar nicht schlechte ordentlich die Kleider abwerfend und nackt, was jedem für eine Waffe in den Weg kommt ergreifend aus allen Kräften (474) gegen dich anlaufen, um wunderbares auszurichten, so daß, wenn du sie nicht abwehrst in der Rede und ihnen entkommst, du zur Strafe in der Tat wirst zerrissen werden. – Und daran, sprach ich, bist du mir doch Schuld. – Woran ich, sagte er gar wohl getan habe. Aber ich will dich auch nicht verlassen, sondern dir helfen womit ich nur kann; ich kann aber freilich nur mit gutem Willen und Zureden, und vielleicht wenn ich dir sorgfältiger als irgend ein anderer antworte. Also einen solchen Gehülfen zur Hand habend versuche nun den Ungläubigen zu zeigen, daß es sich so verhält wie du sagst. – Ich muß es versuchen, sprach ich, zumal auch du einen so kräftigen Beistand anbietest. Es dünkt mich nun notwendig, wenn wir irgend denen entkommen wollen, die du meinst, gegen sie zu erklären, wofür die Philosophen haltend wir zu behaupten wagen, sie müßten regieren, damit, wenn sie richtig erkannt worden sind, dann einer sich wehren kann, indem er zeigt, daß es einigen von Natur zukomme sowohl mit der Philosophie sich zu befassen, als auch im Staat Anführer zu sein, den übrigen aber sowohl jene unberührt zu lassen, als auch hier dem anführenden zu folgen. – Das wäre allerdings Zeit, sagte er, zu bestimmen. – So komm denn, folge mir hieher, ob wir es etwa irgend hinreichend erklären können. – Führe nur, sagte er. – Werde ich dich also, sprach ich, erinnern müssen, oder besinnst du dich darauf, daß wenn wir von jemand sagen, er liebe etwas, und dies mit Recht soll gesagt sein, sich dann zeigen muß, daß er nicht nur einiges davon liebt und anderes nicht, sondern daß er ihm ganz zugetan ist? – Du wirst mich, sagte er, erinnern müssen wie es scheint, denn ich verstehe es nicht recht. – Das hätte sich wohl für einen Andern zu sagen geziemt, o Glaukon, antwortete ich was du da sagst, einem so in der Liebe bewanderten Manne aber ziemt es nicht dessen uneingedenk zu sein, daß alle blühenden Knaben den Knabenfreund und Verliebten reizen und quälen, weil sie alle seiner Bemühung und Zuneigung wert scheinen. Oder macht ihr es nicht so mit den Schönen? der eine, der eine aufgeworfene Nase hat, wird niedlich genannt und als solcher von euch gelobt, des andern Habichtsnase sagt ihr sei königlich, und der in der Mitte zwischen beiden habe die schönsten Verhältnisse. Die Braunen, heißt es, sehen männlich aus, die Blonden aber sind Göttersöhne; und daß einer ein Wachsgesicht hat, meinst du wohl, daß diesen Ausdruck schon ein anderer erfunden habe als ein beschönigender Liebhaber, der das Bleiche leicht an einem ertrug, wenn er nur jugendlich war? und mit einem Worte, jeder Vorwand ist euch recht, und ihr habt für alles einen Ausdruck, damit ihr nur keinen von denen verwerfen dürft, die in der Blüte (475) der Jugend sind. – Wenn du es auf mich nachsagen willst von den Verliebten, daß sie es so machen: so gestehe ich es ein unserer Sache zu Liebe. – Und wie, sprach ich, die Weinliebhaber, siehst du nicht, daß die es eben so machen? daß ihnen jeder Wein unter irgend einem Vorwande behagt? – Ja wohl. – Und von den Ehrliebenden, denke ich, siehst du es doch auch, daß wenn sie nicht können das Heer anführen, nehmen sie mit Einem Treffen vorlieb; und werden sie nicht von größeren und höheren geehrt, so begnügen sie sich es auch von geringeren und unbedeutenderen zu werden, weil sie nämlich nur überhaupt der Ehre nachstreben. – Offenbar ja. – Dieses also bejahe mir oder verneine, wenn wir einen begierig nach etwas nennen, werden wir dann sagen, daß er alles, was unter diesen Begriff gehört, begehrt, oder nur einiges, anderes aber nicht? – Alles, antwortete er. – Also auch der Philosoph, werden wir sagen, trachte nach Weisheit, nicht nach einiger zwar nach anderer aber nicht, sondern nach aller. – Richtig. – Wer also in Kenntnissen wählig ist, zumal in der Jugend, wenn er noch keine Einsicht davon hat was brauchbar ist und was nicht, von dem wollen wir nicht sagen, daß er lernbegierig oder Weisheitsliebend sei, so wie wir von dem, der in Speisen wählig ist, nicht sagen, daß er hungere oder Speise begehre oder eßlustig sei, sondern vielmehr ein schlimmer Gast. – Und mit Recht sagen wir das. – Wer aber ohne Umstände alle Kenntnisse zu kosten pflegt und gern zum Lernen geht, und unersättlich darin ist, den werden wir wohl mit Recht Weisheitliebend nennen. Nicht wahr? – Darauf sagte Glaukon, Dann wirst du gar viele und wunderliche solche bekommen. Denn zuerst die Schaulustigen scheinen mir insgesamt solche zu sein, weil es ihnen Freude macht etwas zu erfahren, und dann unter den Hörbegierigen sind nun einige gar zu wunderlich wenigstens um sie unter die Philosophen zu setzen, da sie ja zu Reden und dem Verkehr mit diesen schon gar nicht Lust haben zu kommen, sondern als ob sie ihre Ohren dazu vermietet hätten um alle Chöre zu hören, laufen sie auf den Dionysien herum und fehlen weder bei den städtischen noch bei den ländlichen. Alle diese nun und Andere, die nach ähnlichem wißbegierig sind und die auf allerlei kleine Kunststücke versessenen, sollen wir die Weisheitliebende nennen? – Gar nicht, sagte ich, sondern den Weisheitliebenden nur ähnlich. – Aber welche, sagte er, verstehst du nun unter den eigentlichen? – Die, sprach ich, schaulustig sind nach der Wahrheit. – Auch das, sagte er, ist sehr richtig; aber wie erklärst du es? – Gar nicht leicht, sprach ich, einem andern; du aber, denke ich, wirst mir dieses zugestehen. – Was doch? – Daß, da schönes dem häßlichen entgegengesetzt ist, dieses zwei sind. – Natürlich. – Also wenn zwei, ist auch jedes von ihnen eins. – Auch dieses. – Und mit dem gerechten und (476) ungerechten und guten und bösen und allen andern Begriffen eben so, daß jeder für sich eins ist; aber da jeder vermöge seiner Gemeinschaft mit den Handlungen und körperlichen Dingen und den übrigen Begriffen überall zum Vorschein kommt, auch jeder als vieles erscheint. – Du hast Recht, sagte er. – Hiernach nun, sprach ich, trenne ich abgesondert diejenigen, welche du eben als schaulustig und kunstliebend und handelnd anführtest, und abgesondert wiederum diejenigen, von denen die Rede ist, und die allein einer mit Recht Philosophen nennen kann. – Wie, fragte er, meinst du das? – Die Hörbegierigen und Schaulustigen, sprach ich, lieben doch die schönen Töne und Farben und Gestalten und alles was aus dergleichen gearbeitet ist, die Natur des Schönen selbst aber ist ihre Seele unfähig zu sehen und zu lieben. – So freilich, sagte er, verhält es sich. – Die nun aber zu dem Schönen selbst zu nahen vermögen und es für sich zu betrachten, sind die wohl nicht selten? – Gar sehr. – Wer nun schöne Sachen zwar anerkennt, die Schönheit selbst aber weder anerkennt, noch auch wenn ihn jemand zur Erkenntnis derselben führen will, ihm zu folgen vermag, dünkt dich der wachend oder träumend zu leben? Bedenke nur das Träumen, besteht das nicht darin, wenn jemand, es sei nun im Schlaf oder auch wachend, etwas einem ähnliches nicht für ähnlich sondern für jenes selbst hält dem es gleicht? – Ich wenigstens, sprach er, würde sagen, daß ein solcher träume. – Wie aber, wer ganz im Gegenteil die Schönheit selbst für etwas hält, und auch sie selbst sowohl als das an ihr teilhabende wahrnehmen kann, und weder das teilhabende für sie selbst noch sie selbst für das teilhabende hält, wie dünkt dich wiederum dieser wachend zu leben oder schlafend? – Gar sehr, sagte er, wachend. – Dessen Gedanken also, weil er erkennt, würden wir wohl mit Recht sagen seien Einsicht, des Andern aber Meinung, weil er nur etwas meint oder sich vorstellt. – Allerdings. – Wie nun, wenn uns derjenige böse würde, von dem wir sagen, er meine nur erkenne aber nicht, und wenn er uns bestreiten wollte, daß wir nicht recht redeten: würden wir ihm wohl zuzureden wissen und ihn leise zu überreden ohne ihn merken zu lassen, daß er verwirrt ist? – Das müßten wir wenigstens, sagte er. – Komm denn und sieh zu was wir ihm sagen sollen. Oder willst du lieber daß wir es so von ihm zu erforschen suchen, daß wir ihm sagen, Wenn er etwas wisse trügen wir deshalb keinen Neid, sondern wir würden gar gern einen sehn, der etwas wisse. Also sage uns nur dieses, Der erkennende, erkennt er etwas oder nichts? Du nämlich antworte mir nun an seiner Stelle. – Ich werde antworten, sagte er, daß er etwas erkennt. – Was ist, oder was ist nicht? – Was ist; denn wie könnte etwas, was ja nicht ist, erkannt werden? – Dies also (477) wissen wir zur Genüge, und wenn wir es von noch soviel Seiten betrachteten, daß das vollkommen seiende auch vollkommen erkennbar ist, das auf keine Weise seiende aber auch ganz und gar unerkennbar. – Vollkommen zur Genüge. – Wohl. Wenn sich aber etwas so verhält, daß es ist und auch nicht ist, würde es dann nicht in der Mitte liegen zwischen dem wie seienden und dem ganz und gar nicht seienden? – In der Mitte. – Nun bezog sich doch Erkenntnis auf das seiende, Unkenntnis aber notwendig auf das nichtseiende. Für das zwischen beiden also ist etwas zu suchen zwischen der Unkenntnis und der Erkenntnis, wenn es etwas solches gibt. – Allerdings. – Sagen wir nun, daß etwas auch Vorstellung ist? – Wie sollten wir nicht. – Als ein von dem Wissen verschiedenes Vermögen oder als dasselbige? – Als ein verschiedenes. – Für etwas anderes also ist die Vorstellung geordnet, und für etwas anderes das Wissen, jedes von beiden nach seinem ihm eigentümlichen Vermögen. – So ist es. – Nun gehört doch die Erkenntnis ihrer Natur nach zu dem seienden, um einzusehn daß das seiende ist? Oder vielmehr, so dünkt mich zuvor notwendig uns zu erklären. – Wie? – Wir wollen doch sagen, Vermögen sei eine gewisse Art des Seienden, wodurch sowohl wir vermögen was wir vermögen, als auch jegliches andere was etwas vermag; wie ich zum Beispiel meine, daß Gesicht und Gehör zu den Vermögen gehören, wenn du anders verstehst was ich mit diesem Begriff sagen will. – Wohl verstehe ich, sagte er. – So höre denn, was mir davon einleuchtet. Nämlich an einem Vermögen sehe ich weder Farbe noch Gestalt noch etwas dergleichen, wie an vielem anderen, worauf ich nur sehen darf um bei mir selbst einiges zu unterscheiden, daß das eine dieses ist, das andere jenes. Bei einem Vermögen aber sehe ich lediglich darnach, worauf es sich bezieht und was es bewirkt, und darnach pflege ich ein jedes Vermögen als ein einzelnes zu benennen, und was für dasselbe bestimmt ist und dasselbe bewirkt, nenne ich auch dasselbe, was aber für etwas anderes und etwas anderes bewirkt, nenne ich auch ein anderes. Du aber, wie machst du es? – Eben so, sagte er. – Noch einmal denn her, sprach ich, o Bester! sagst du nun Erkenntnis sei ein Vermögen, oder unter welche Gattung stellst du sie? – Unter diese, sagte er, als das stärkste aller Vermögen. – Und wie die Vorstellung, wollen wir die auch unter das Vermögen oder unter irgend eine andere Art bringen? – Keinesweges, sagte er; denn das, wodurch wir vorzustellen vermögen, ist ja nichts anderes als die Vorstellung. – Allein nur vor kurzem gestandest du ja, Erkenntnis und Vorstellung sei nicht dasselbe. – Wie könnte wohl auch ein vernünftiger Mensch, sagte er, das unfehlbare mit dem nicht unfehlbaren je für dasselbige halten? – Schön, sprach ich, und ganz bestimmt ist also unter uns eingestanden, daß die Vorstellung von der Erkenntnis verschieden ist. – Verschieden. – Also bezieht sich auch jede (478) von ihnen, ihrer Natur nach etwas anderes vermögend, auf etwas anderes? – Notwendig. – Und die Erkenntnis doch wohl auf das seiende, um einzusehen wie sich das seiende verhalte. – Ja. – Die Vorstellung aber sagen wir stellt vor. – Ja. – Etwa dasselbe was auch die Erkenntnis erkennt? so daß das Erkennbare und das Vorstellbare einerlei ist? Oder ist das unmöglich? – Unmöglich, sagte er, nach dem eingestandenen, da ja seiner Natur nach jedes andere Vermögen auf anderes geht, und beides Vermögen sind die Erkenntnis und die Vorstellung, jede aber ein anderes wie wir sagten. Hiernach also findet nicht Statt, daß das Erkennbare und Vorstellbare einerlei sein kann. – Also wenn das seiende erkennbar ist, muß etwas anderes als das seiende vorstellbar sein. – Etwas anderes. – Stellt sie also das nicht seiende vor? oder ist das nicht seiende ja auch vorzustellen unmöglich? Bedenke nur; bezieht nicht der Vorstellende seine Vorstellung auf etwas? Oder ist es möglich vorzustellen zwar aber nichts vorzustellen? – Unmöglich. – Sondern Ein irgend welches stellt immer vor, wer vorstellt? – Ja. – Aber das nicht seiende kann man ja doch nicht irgend etwas, sondern am richtigsten würde man es nichts nennen. – Freilich. – Mit Notwendigkeit also haben wir dem nichtseienden die Unkenntnis zugewiesen und dem seienden die Erkenntnis. – Richtig, sagte er. – Also weder seiendes noch nichtseiendes stellt sie vor? – Freilich nicht. – So wäre dann die Vorstellung weder Erkenntnis noch Unkenntnis. – Ist sie nun etwa außerhalb beider entweder die Erkenntnis übertreffend an Sicherheit, oder die Unkenntnis an Unsicherheit? – Keines von beiden. – Sondern es ist dir wohl klar, sprach ich, daß die Vorstellung dunkler zwar ist als die Einsicht, aber heller als die Unkenntnis. – Bei weitem, sagte er. – Und innerhalb beider liegt sie? – Ja. – Ein mittleres also wäre die Vorstellung zwischen diesen beiden. – Offenbar ja. – Nun sagten wir doch in dem vorigen, wenn sich etwas zeige als zugleich seiend und nicht seiend, so liege ein solches mitten inne zwischen dem rein seienden und dem auf alle Weise nicht seienden, und weder Erkenntnis noch Unkenntnis werde für dieses sein, sondern das was sich zwischen der Erkenntnis und Unkenntnis zeigte? – Richtig. – Nun aber hat sich uns ja gezeigt zwischen diesen das was wir Vorstellung nennen? – So hat es sich gezeigt. – Jenes also wäre uns noch übrig zu finden, wie es scheint, was an beiden Teil hat, an Sein und an Nichtsein, und deshalb keines von beiden unvermischt mit Recht genannt werden darf, damit, wenn es sich uns gezeigt hat, wir dann von diesem mit Recht aussagen können es sei vorstellbar, indem wir so den beiden äußersten jedem ein äußerstes und dem mittleren auch das mittlere zuweisen. Oder nicht so? – Allerdings so. – Dieses nun vorausgesetzt sage denn und antworte mir, werde ich sprechen, der Gute, der ein schönes (479) selbst und eine sich immer gleich verhaltende Gestalt der Schönheit nicht annimmt. An vielerlei schönes aber glaubt jener schaulustige und das niemals vertragende, wenn jemand sagt, es gebe Ein schönes und Ein gerechtes, und so alles übrige. Unter diesem vielen schönen also, o Bester, wollen wir zu ihm sagen, gibt es wohl eines, was nicht auch häßlich erscheinen kann? und unter dem gerechten was nicht auch ungerecht? und unter dem heiligen was nicht auch unheilig? – Keines, sondern notwendig, sagte er, wird es irgend wie schön und auch häßlich erscheinen, und so auch das andere wonach du fragst. – Und wie das viele doppelte? erscheint das irgend weniger halb als doppelt? – Gar nicht. – Und das große und kleine und leichte und schwere, wird das mit größerem Recht so wie wir eben sagen genannt, als entgegengesetzt? – Nein, sondern immer, sagte er, wird jedes an beidem haften. – Jegliches also von diesen vielen ist es wohl mehr als es nicht ist das was einer davon aussagt? – Es gleicht, sagte er, dem was man doppelsinniges auf Gastmählern vorbringt, und dem kindischen Rätsel von des Verschnittenen Wurf nach der Fledermaus, wo sie rätselhaft damit spielen, womit und worauf er sie geworfen habe. Denn auch diese Dinge sind doppelsinnig, und es ist unmöglich von irgend einem darunter genau und bestimmt zu denken, weder daß es ist oder nicht ist, noch daß ihm beides oder keines von beiden zukommt. – Weißt du also, sprach ich, was du damit machen sollst, oder an was für einen besseren Platz du sie stellen willst, als zwischen dem Sein und Nichtsein? Denn sie können sich ja weder dunkler als das Nichtseiende zeigen, so daß sie etwa mehr nicht wären, noch auch heller und mehr seiend als das seiende. – Vollkommen richtig, sagte er. – Also haben wir gefunden, wie es scheint, daß was die Vielen vieles annehmen vom Schönen und dem übrigen der Art sich irgendwo zwischen dem nichtseienden und dem wahrhaft seienden herumdreht. – Das haben wir gefunden. – Und im voraus waren wir einig geworden, wenn sich etwas dergleichen zeige, müsse davon gesagt werden, daß es vorstellbar sei und nicht erkennbar, indem das dazwischen herumschweifende auch mit dem dazwischen liegenden Vermögen aufgefaßt wird. – Darüber waren wir einig. – Die also viel schönes beschauen, das schöne selbst aber nicht sehen, noch einem andern der sie dazu führen will zu folgen vermögen, und die vielerlei gerechtes, das gerechte selbst aber nicht, und so alles, diese, wollen wir sagen, stellen alles vor, erkennen aber von dem, was sie vorstellen, nichts. – Notwendig, sagte er. – Wie aber wiederum die jegliches selbst, wie es sich immer gleichermaßen verhält, beschauen? nicht daß die erkennen und nicht vorstellen? – Notwendig auch das. – Also werden wir auch sagen von diesen, daß sie dasjenige lieben und sich dazu neigen, wovon es Erkenntnis gibt, jene aber das, wovon Meinung und Vorstellung? (480) Oder erinnern wir uns nicht mehr, daß wir schon sagten, diese liebten schöne Töne und Farben und dergleichen und beschaueten sie, das schöne selbst aber ließen sie nicht einmal gelten als seiend? – Dessen erinnern wir uns. – Werden wir uns also vergehen, wenn wir sie mehr Meinungsliebende nennen als Weisheitliebende? und werden sie uns wohl sehr zürnen, wenn wir so sagen? – Nicht wenn sie mir folgen, sagte er; denn dem wahren zu zürnen ist nicht recht. – Dagegen die jegliches seiende selbst liebenden muß man Weisheitsliebend und Philosophen nennen, nicht aber Meinungsliebend. – Allerdings ja.

 << Kapitel 114  Kapitel 116 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.