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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 111
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Nun wäre also noch der Teil von der Art und Weise der Gesänge und ihrer Begleitung übrig? – Offenbar. – Könnten aber nun nicht Alle und jeder schon finden was wir darüber zu sagen haben, und wie beides beschaffen sein muß, wenn wir mit dem vorher gesagten auch hier übereinstimmen wollen? – Da lachte Glaukon und sagte, Ich also, o Sokrates, scheine keiner von diesen allen und jeden zu sein; wenigstens wüßte ich nicht gleich im Augenblick gründlich meine Meinung darüber abzugeben was wir wohl sagen müssen, ich ahnde es jedoch. – Auf alle Weise, sprach ich, wirst du doch dieses gründlich zu sagen wissen, daß der Gesang aus dreierlei besteht, den Worten, der Tonsetzung und dem Zeitmaß. – Ja, sagte er, das wohl. – Was nun daran Rede ist kann doch nicht unterschieden sein von der nicht gesungenen Rede, in Bezug darauf, daß es nach demselben Vorbild muß gesprochen werden, welches wir vorher beschrieben haben und auf gleiche Weise? – Richtig, sagte er. – Und Tonart und Takt müssen doch der Rede folgen? – Wie sollten sie nicht! – Aber Klagen und Jammer, sagten wir doch, brauchten wir in Reden gar nicht. – Freilich nicht. – Welches sind nun die kläglichen Tonarten? Sage du es mir, denn du bist ja ein Tonkünstler. – Die vermischt lydische und die hochlydische und einige ähnliche. – Diese also sind auszuschließen; denn sie sind schon Weibern nichts nutz die tüchtig werden sollen, geschweige Männern. – Freilich. – Aber Trunkenheit ist doch für Wehrmänner das unziemlichste und Weichlichkeit und Faulheit. – Gewiß. – Welche Tonarten sind also weichlich und bei Gastmahlen üblich? – Jonisch, sprach er, und lydisch, welche auch die schlaffen heißen. – Wirst du also diese, lieber, für kriegerische Männer wohl irgend (399) brauchen können? – Keinesweges, sagte er, und also scheint dir nur Dorisch und Phrygisch übrig zu bleiben. – Ich kenne, sagte ich, die Tonarten nicht; aber lasse mir jene Tonart übrig, welche dessen Töne und Sylbenmaße angemessen darstellt, der sich in kriegerischen Verrichtungen und in allen gewalttätigen Zuständen tapfer beweiset, und der auch wenn es mißlingt, oder wenn er in Wunden und Tod geht oder sonst von einem Unglück befallen wird, in dem allen wohlgerüstet und ausharrend sein Schicksal besteht. Und noch eine andere für den, der sich in friedlicher nicht gewaltsamer sondern gemächlicher Tätigkeit befindet, sei es daß er einen Andern wozu überredet und erbittet, durch Flehen Gott oder durch Belehrung und Ermahnung Menschen, sei es im Gegenteil, daß er selbst einem andern bittenden oder belehrenden und umstimmenden stillhält, und dem gemäß vernünftig handelt und nicht hochfahrend sich beweiset, sondern besonnen und gemäßigt in alle dem sich beträgt, und mit dem Ausgang zufrieden ist. Diese beiden Tonarten, eine gewaltige und eine gemächliche, welche der Unglücklichen und Glücklichen, der Besonnenen und Tapfern Töne am schönsten nachahmen werden, diese lasse mir. – Wohl! sprach er, du willst keine andern behalten, als die ich schon eben nannte. – Also, sprach ich, werden wir keiner vielsaitigen Instrumente und keines auf allerlei Tonarten eingerichteten bedürfen zu unsern Gesängen und Liedern. – Nein, sagte er, es scheint nicht. – Leute also, die Harfen und Cymbeln machen, und alle Instrumente die aus vielen Saiten bestehen und für viele Tonarten gerecht sind, werden wir nicht hegen. – Offenbar nicht. – Und wie? wirst du Flötenmacher oder Flötenspieler in die Stadt aufnehmen? oder ist nicht dies das vielsaitigste Instrument, und sind nicht die auf alle Tonarten eingerichteten nur Nachahmungen der Flöte? – Offenbar, sprach er. – Also bleiben dir die Lyra übrig und die Kithara, und sind in der Stadt zu brauchen; und auf dem Lande dagegen würden die Hirten irgend eine Art von Pfeife haben. – So bescheidet uns wenigstens die Rede, sagte er. – Und wir werden ja auch wohl nichts arges tun, sprach ich, wenn wir den Apollon und dessen Instrumente dem Marsyas und den seinigen vorziehn. – Nein beim Zeus, sprach er, gewiß nicht. – Und beim Hunde, fuhr ich fort, ohne es gemerkt zu haben, reinigen wir wieder die Stadt, von der wir vorher sagten sie schwelge. – Daran tun wir ja sehr weise, sprach er. – Wohlan denn, sprach ich, reinigen wir auch noch das übrige! Denn auf die Tonarten folgt nun billig wegen des Zeitmaßes, daß wir darin auch nicht das mannigfaltige suchen noch Bewegungen von aller möglichen Art, sondern nur sehen, welches die Zeitmaße eines sittsamen und tapferen Lebens sind, und wenn wir diese gefunden haben, dann solchem Verhältnis auch den Fuß zu folgen nötigen wie das Lied, nicht aber die Rede dem Fuße (400) oder dem Liede. Welches aber diese Taktarten sind, das ist, wie auch bei den Tonarten deine Sache, anzugeben. – Aber beim Zeus, sprach er, ich weiß es nicht zu sagen. Denn daß es etwa drei Arten gibt, aus denen alle Bewegungen zusammengesetzt werden, so wie bei den Tönen viere aus denen alle Tonarten, dies habe ich angeschaut und könnte es sagen; was für eine Lebensweise aber jede darstellt, das wüßte ich nicht zu sagen. – So wollen wir denn dies, sagte ich, erst mit dem Dämon beraten, was für Bewegungen wohl der Gemeinheit dem Mutwillen der Wildheit und andern Schlechtigkeiten angemessen sind, und was für Zeitmaße wir für die entgegengesetzten aufbewahren müssen. Ich erinnere mich freilich wohl, nur nicht deutlich genug, von ihm gehört zu haben, daß er einen zusammengesetzten enoplischen nannte und einen daktylischen, und daß er den heroischen, ich weiß nicht wie, einrichtete und oben und unten gleich in Länge und Kürze setzte, und einen andern, glaube ich, nannte er Jambos einen andern Trochaios, und wies ihnen Längen und Kürzen an. Und an einigen von diesen tadelte und lobte er, glaube ich, die Setzung der Füße nicht minder als die Takte selbst, oder war es etwas aus beiden zusammengesetztes; denn ich weiß es nicht recht zu sagen. Aber wie gesagt, dies soll auf den Dämon ausgesetzt bleiben. Denn es auseinanderzusetzen ist keine kleine Sache. Oder meinst du? – Nein ich beim Zeus nicht. – Das aber kannst du doch wohl unterscheiden, daß das wohlanständige und unanständige dem wohlgemessenen und ungemessenen folgt? – Wie sollte ich nicht! – Aber das wohlgemessene und ungemessene wird jenes dem schönen Vortrage sich anbildend folgen, dieses dem entgegengesetzten, und das wohlklingende und mißklingende gleichermaßen, wenn doch überhaupt Zeitmaß und Gesangweise der Rede, und nicht die Rede ihnen. – Allerdings, sprach er, müssen diese der Rede folgen. – Wie aber, sprach ich, die Art und Weise des Vortrages und die Rede? folgt diese nicht der Gesinnung der Seele? – Wie sollte sie nicht! – Und dem Vortrage das übrige? – Ja. – Also Wohlredenheit und Wohlklang und Wohlanständigkeit und Wohlgemessenheit, alles folgt der Wohlgesinntheit und Güte der Seele, nicht etwa wie wir versüßend auch den Dummen eine gute Seele nennen, sondern dem wahrhaft gut und schön der Gesinnung nach geordneten Gemüt. – Auf alle Weise, sagte er. – Müssen nun nicht nach alle diesem auf alle Weise die Jünglinge trachten, wenn sie das ihrige tun sollen? – Freilich müssen sie. – Denn voll ist ja davon die Malerei und alle Arbeiten dieser Art, voll auch die Weberei, die einfache sowohl als die künstliche, und die Baukunst und (401) die Verfertigung aller übrigen Gerätschaften, ferner auch des Leibes Natur und aller andern Gewächse, denn alle diesem wohnt ein eine Wohlanständigkeit oder Unanständigkeit; und die Unanständigkeit und Ungemessenheit und Mißtönigkeit sind dem schlechten Geschwätz und der Übelgesinntheit verschwistert, das Gegenteil aber ist mit dem Gegenteil, dem besonnenen und guten Gemüt verschwistert und dessen Darstellung. – Vollkommen richtig, sagte er. – Müssen wir also die Dichter allein in Aufsicht halten, und sie nötigen dieser guten Gesinnung Bild ihren Dichtungen einzubilden, oder überall bei uns nicht zu dichten? oder müssen auch alle andern Arbeiten unter Aufsicht stehn und abgehalten werden dies bösartige und unbändige und unedle und unanständige, weder in Abbildungen des Lebenden, noch in Gebäuden, noch an irgend einem andern Werk anzubringen; oder wer das nicht könnte, dem wäre nicht zu verstatten bei uns zu arbeiten, damit nicht unsere Wehrmänner, wenn sie bei lauter Bildern des schlechten aufgezogen wie bei schlechtem Futter täglich wiewohl bei wenigem vieles von vielerlei abpflücken und genießen, am Ende unvermerkt sich Ein großes Übel in ihrer Seele angerichtet haben. Sondern solche Künstler müssen wir suchen, welche eine glückliche Gabe besitzen der Natur des Schönen und Anständigen überall nachzuspüren, damit unsere Jünglinge wie in einer gesunden Gegend wohnend von allen Seiten gefördert werden, woher ihnen nur gleichsam eine milde aus heilsamer Gegend Gesundheit herwehende Luft irgend etwas von schönen Werken für das Gesicht oder Gehör zuführen möge, und so unvermerkt gleich von Kindheit an sie zur Ähnlichkeit Freundschaft und Übereinstimmung mit der schönen Rede anleiten. – Bei weitem, sagte er, würden sie auf diese Art am schönsten erzogen werden. – Beruht nun nicht eben deshalb, o Glaukon, sagte ich, das wichtigste in der Erziehung auf der Musik, weil Zeitmaß und Wohlklang vorzüglich in das Innere der Seele eindringen, und sich ihr auf das kräftigste einprägen, indem sie Wohlanständigkeit mit sich führen, und also auch wohlanständig machen, wenn einer richtig erzogen wird, wenn aber nicht, dann das Gegenteil? und weil auch wiederum, was verfehlt und nicht schön durch Kunst gearbeitet oder von Natur geartet ist, wer hierin, wie es sich gebührt, erzogen ist, am schärfsten bemerken und mit gerechtem Unwillen darüber das Schöne loben wird, und freudig in die Seele es aufnehmend sich daran nähren und selbst gut und edel (402) werden, das Unschöne aber mit Recht tadeln und hassen wird auch schon in der Jugend, und ehe er noch im Stande ist vernünftige Rede anzunehmen: ist ihm aber diese erst nahe getreten; dann auch der so erzogene sie am meisten lieben wird, da er sie in der Verwandtschaft erkennt. – Mir wenigstens, sagte er, scheint solcher Ursache wegen die Erziehung auf der Musik zu beruhen. – Wie es ja auch, fuhr ich fort, was das Lesen betrifft, erst dann gut um uns stand, als von den Buchstaben uns nicht mehr entging, daß ihrer nur wenige sind, die aber in allem immer wieder vorkommen, und wir sie weder in kleinem noch in großem gering achten wollten, als dürfe man nicht auf sie merken, sondern überall so bestrebt waren sie zu erkennen, als könnten wir nicht eher Sprachkundige werden, bis es so mit uns stehe. – Richtig. – Und gewiß auch die Bilder der Buchstaben, wenn sie uns irgend im Wasser oder in Spiegeln erschienen, würden wir nicht eher erkennen bis wir jene selbst kennen, sondern beides gehört zu derselben Kunst und Geschicklichkeit? – Auf alle Fälle freilich. – Werden wir nun nicht bei den Göttern, was ich eben sagen will, auch nicht eher Musiker sein, weder wir selbst noch Wächter die von uns erzogen werden sollen, bis wir die Gestalten der Besonnenheit und der Tapferkeit und des Edelsinns und der Großmut, und was dem verschwistert ist, so wie auch wiederum die des Gegenteils, wie sie überall vorkommen, erkennen und merken, daß sie da sind, wo sie sind, sie selbst und ihre Bilder, und sie in kleinem so wenig als in großem gering achten, sondern denken daß dies alles derselben Kunst und Geschicklichkeit angehöre? – Ganz notwendig, sagte er. – Und nicht wahr, sprach ich, bei wem zusammentreffen gute Gesinnungen, die der Seele einwohnen, und in der Gestalt ihnen gleichmäßiges und übereinstimmendes weil derselben Grundzüge teilhaftig, der wäre das schönste Schauspiel für den, der schauen kann? –Bei weitem. – Und das schönste ist doch das liebenswürdigste? – Wie sollte es nicht! – Menschen also, welche soviel als möglich so beschaffen sind, würde der musikalische lieben; in wem aber solche Übereinstimmung nicht wäre, den würde er nicht lieben? – Gewiß nicht, sagte er, wenn es ihm nämlich der Seele nach irgend daran fehlte; wenn aber nur dem Leibe nach, das könnte er wohl ertragen, so daß er sich doch mit ihm begnügen wollte. – Ich merke wohl, sprach ich, daß du einen solchen Liebling hast oder gehabt hast, und ich räume es dir ein. Dieses aber sage mir, hat Besonnenheit wohl mit überschwenglicher Lust irgend Gemeinschaft? – Wie könnte sie wohl mit dieser, sprach er, die ja nicht minder besinnungslos macht als die (403) Unlust? – Aber die übrige Tugend? – Auf keine Weise. – Wie aber Schamlosigkeit und Ungebundenheit? – Diese wohl vorzüglich. – Und kennst du wohl eine größere und heftigere Lust als die am Geschlechtstriebe? – Ich keine, sprach er, und eben so wenig eine tollere. – Die Art der wahren Liebe aber ist es, einen sittsamen und schönen auch besonnen und gleichsam musikalisch zu lieben? – Allerdings, sagte er. – Nichts tolles also noch der Ungebundenheit verwandtes darf man zur wahren Liebe hinzubringen. – Nicht hinzubringen. – Also darf man auch jene Lust nicht hinzubringen, noch dürfen Liebhaber und Liebling Teil an ihr haben, die wahrhaft wollen lieben und geliebt werden? – Nein beim Zeus, o Sokrates, sagte er, man darf sie nicht hinzubringen. – Dergestalt also, wie sich zeigt, wirst du die Sitte feststellen in der von uns gegründeten Stadt, daß der Liebhaber den Liebling lieben, mit ihm umgehen und ihm des schönen wegen anhängen darf wie einem Sohne, wenn es mit seinem guten Willen geschieht; übrigens aber müsse jeder, um wen er sich auch bemühe, mit diesem so umgehn, daß es auch nie den Schein gewinne als erstrecke sich ihr Verhältnis noch weiter; wo nicht so verfalle er in den Vorwurf des unmusikalischen und gemeinen. – So sei es, sagte er. – Scheint nun nicht auch dir, sprach ich, daß die Rede über die Musik uns am Ende ist? Wenigstens wo sie enden soll, hat sie geendet. Das musikalische soll nämlich wohl enden in die Liebe zum Schönen. – Ich stimme bei, sagte er. – Nächst der Musik aber müssen wir unsere Jünglinge durch Gymnastik erziehen. – Notwendig. – Aber auch von dieser Seite müssen sie sorgsam erzogen werden von Kindheit an ihr Lebenlang. Es verhält sich aber damit, wie ich glaube, etwa so. Betrachte nur du es auch! Mir nämlich schwebt nicht vor, daß, was ein brauchbarer Leib ist, durch seine Tugend die Seele gut macht; sondern umgekehrt, daß die vollkommne Seele durch ihre Tugend den Leib aufs bestmögliche ausbildet. Wie aber scheint es dir? – Auch mir, sagte er, eben so. – Wenn wir also der Seele, die wir gehörig gebildet haben, überließen, von allem was den Leib betrifft, das genauere festzustellen, selbst aber nur die Grundzüge zeichneten, um nämlich nicht weitläuftig zu werden: so würden wir es wohl recht machen? Ganz gewiß. – Der Trunkenheit nun, haben wir schon gesagt, daß sie sich enthalten müssen. Denn Allen könnte das wohl eher zustehn als dem Wächter, in der Trunkenheit nicht zu wissen wo in der Welt er ist. – Lächerlich, sprach er, wäre es freilich, wenn der Hüter selbst eines Hüters bedürfte. – Wie aber mit der Speise? Kämpfer sind die Männer doch in dem wichtigsten Kampf. Oder nicht? – Ja. – Würde also etwa die Beschaffenheit derer, die ihren Leib zu Kämpfen üben, auch (404) ihnen wohl bekommen? – Vielleicht wohl. – Aber diese ist doch gar verschlafen, und was die Gesundheit betrifft wandelbar. Oder siehst du nicht, daß diese Kämpfer vom Handwerk ihr Leben verschlafen, und sobald sie nur im mindesten von der festgesetzten Lebensordnung abweichen, auch gleich schwer und heftig erkranken? – Das sehe ich. – Also einer auserleseneren Übung, sprach ich, werden unsere kriegerischen Kämpfer bedürfen, da sie ja wie Hunde notwendig wachsam sein müssen, und möglichst scharf sehen und hören, und weil sie sich im Felde vielerlei Abwechslungen des Getränkes und der Speisen und so auch der Hitze und Kälte müssen gefallen lassen, nicht dürfen zärtlich sein von Gesundheit. – Das leuchtet ein. – Also wäre wohl die beste Gymnastik verschwistert mit jener einfachen Musik, die wir vor kurzem durchgenommen haben. – Wie meinst du das? – Einfach und schlicht, meine ich, ist billig die Behandlung des Leibes, vorzüglich für die welche es mit dem Kriege zu tun haben. – In welcher Art? – Dergleichen, sprach ich, kann einer ja auch schon vom Homeros lernen. Denn du weißt ja, daß er im Felde bei den Gastmahlen seiner Helden sie weder mit Fischen bewirtet, und das da sie doch an der See am Hellespont sind, noch mit gekochtem Fleisch sondern nur mit geröstetem, was ja den Kriegsmännern am leichtesten bei der Hand ist. Denn es ist ja überall, um es kurz zu sagen, leichter das Feuer selbst zu brauchen, als erst Gefäße mit sich zu führen. – Freilich wohl. – Und von Gewürzen oder Süßigkeiten, glaube ich, kommt bei Homeros überall nichts vor. Oder wissen das auch schon unsere anderen Kampfmänner, daß wer seine Leibesstärke befestigen will, sich dergleichen alles enthalten muß? – Sehr gut, sagte er, wissen sie es und enthalten sich dessen. – Syrakusische Tische, lieber, und Sikelische Mannigfaltigkeit von Speisen, scheint es also, wirst du nicht loben, wenn du jenes für richtig hältst. – Nein dünkt mich. – Du tadelst also auch wohl, wenn Männer die starken Leibes sein sollen, Korinthische Mädchen lieb haben? – Auf alle Weise gewiß. – Also auch den gerühmten Wohlschmack des Attischen Backwerkes? – Notwendig. – Nämlich diese ganze Art zu speisen und übrige Lebensweise, glaube ich, könnten wir sehr richtig jenem Gesang und Tonsetzung vergleichen, die durch alle Tonarten und Zeitmaße sich bewegen. – Das könnten wir. – Dort nun erzeugte uns die Künstelei Ungebundenheit und hier Krankheit, die Einfachheit aber der Musik Besonnenheit in der Seele, und der Gymnastik Gesundheit im Leibe. – Vollkommen richtig, sagte er. – Wenn uns aber Ungebundenheit und Krankheit in der (405) Stadt überhand nehmen, werden sich dann nicht Krankenhäuser und Gerichtshäuser in Menge eröffnen, und Rechtsgelehrtheit und Heilkunst sich breit machen, wenn ja auch Freibürtige in Menge eifrig damit beschäftigt sind? – Wie sollten sie nicht? – Und kannst du wohl ein sichreres Kennzeichen schlechter und verwerflicher Sitten in einer Stadt finden, als wenn darin kunstgeübte Ärzte und Richter nicht nur von den schlechten Leuten und Handarbeitern gebraucht werden, sondern auch von denen, die das Ansehn haben wollen auf edlere Weise gebildet zu sein? Oder dünkt es dich nicht schmählich und ein großes Zeichen von Unbildung, wenn man ein von Andern gleichsam als Gebietern und Richtern hergeholtes Recht zu brauchen genötigt ist, aus Mangel an eignem? – Schmählicher leicht als alles. – Oder dünkt dich, sprach ich, noch schmählicher als jenes dieses zu sein, wenn einer nicht nur einen großen Teil seines Lebens, bald verklagend bald verklagt vor den Gerichtshöfen zubringt, sondern auch aus Unbildung sich einreden läßt, er könne eben damit großtun als ein Meister im Unrechttun, und als geschickt genug sich durch alle Krümmungen zu winden, und auszurechnen wie er alle Schlupfwinkel durchkriechen müsse, um nur durchzukommen daß er nicht Strafe zu geben braucht, und das um geringfügige und nichtswerte Dinge, ohne zu wissen wieviel schöner und vortrefflicher es ist, sich sein Leben so einzurichten, daß man keines gähnenden Richters bedarf? – Ja dieses, sagte er, wäre noch schändlicher als jenes. – Und der Heilkunst zu bedürfen, fuhr ich fort, nicht etwa weil man verwundet ist, oder von solchen Krankheiten befallen wie die Jahreszeiten sie bringen, sondern aus Faulheit, oder wegen einer Lebensweise wie die beschriebene mit Feuchtigkeiten und bösen Dünsten angefüllt wie ein Sumpf, die trefflichen Asklepiaden zu nötigen, daß sie Dünste und Flüsse müssen zu Namen von Krankheiten machen, dünkt dich das nicht schmählig? – Und in der Tat, sagte er, sind das auch neue und unerhörte Namen von Krankheiten. – Dergleichen man, sprach ich, wie ich glaube, zu den Zeiten des Asklepios nicht hatte. Ich schließe das daraus, weil seine Söhne vor Troja die, welche dem verwundeten Eurypylos auf den pramnischen (406) Wein viel Graupen aufgestreut und Käse darüber gerieben, was doch für blähend gehalten wird, zu trinken gab, nicht tadelten, noch den Patroklos, der es ihm verordnet hatte, schalten. – Doch, sagte er, ist es ein wunderliches Getränk unter solchen Umständen. – Nicht eben, sprach ich, wenn du nur bedenkst, daß dieser jetzigen die Krankheiten pflegenden und erziehenden Heilart die Asklepiaden sich vordem nicht bedienten, wie man sagt, ehe Herodikos sie aufbrachte. Herodikos nämlich, welcher Meister in Leibesübungen war, hat als er kränklich wurde seine Gymnastik in die Heilkunde hinein gemischt, und dadurch zuerst und am meisten sich selbst abgequält, hernach aber auch viel Andere. – Wie das? fragte er. – Indem er sich, sprach ich, den Tod recht lang gemacht hat. Denn seiner Krankheit, welche tödlich war, immer nachgehend, konnte er, glaube ich, sich selbst nicht heilen, und lebte so ohne sich mit etwas anderem zu tun zu machen, immer an sich kurierend fort, elend sobald er nur im mindesten von der gewohnten Lebensordnung abwich; und so brachte ihn seine Kunst in einem schweren Sterben bis zu einem hohen Alter. – Einen schönen Lohn, sagte er, hat er also von seiner Kunst davon getragen! – Wie es sich gehörte, sprach ich, für einen der nicht bedachte, daß Asklepios keinesweges aus Unwissenheit oder Unerfahrenheit in dieser Gattung der Heilkunst sie seinen Nachkommen nicht gezeigt hat; sondern weil er wußte, daß überall, wo man auf gute Ordnung hält, jedem ein Geschäft aufgetragen ist im Staate, das er notwendig verrichten muß, mithin keiner Zeit hat sein Lebenlang krank zu sein und an sich heilen zu lassen, was wir lächerlich genug bei gemeinen Arbeitern zwar merken, bei den Reichen aber und die für glücklich gepriesen werden nicht merken. – Wie so? fragte er. – Wenn ein Zimmermann krank ist, sprach ich, so läßt er es sich wohl gefallen, ein Mittel vom Arzt herunterzuschlucken, um die Krankheit wegzuspeien, oder sich von unten reinigen zu lassen, oder durch Brennen und Schneiden um sie los zu werden. Wenn ihm aber einer eine kleinliche Lebensordnung vorschreiben wollte, ihm Umschläge um den Kopf legen und was dergleichen mehr ist, so sagt er gewiß bald genug, er habe keine Zeit krank zu sein, und es helfe ihm auch nicht zu leben, wenn er immer auf die Krankheit Acht haben und sein vorliegendes Geschäft vernachlässigen solle; und somit sagt er einem solchen Arzt Lebewohl, begibt sich in seine gewohnte Lebensordnung zurück, und wenn er gesund wird lebt er in seinem Geschäft weiter fort, wenn aber der Körper es nicht ertragen kann, so stirbt er eben und ist aller Händel ledig. – Einem solchen freilich, sagte er, scheint es zu ziemen, daß er sich der Heilkunde auf diese Art bediene. – Etwa, sprach ich, weil er ein Geschäft hatte, (407) welches nicht mehr vermögend zu verrichten ihm auch nicht nutzte zu leben? – Offenbar, sagte er. Der Reiche aber, wie wir sagen, hat kein solches Geschäft ihm obliegen, daß wenn er genötigt wäre sich dessen zu enthalten, er auch nicht mehr leben möchte? – Man sagt es ja wenigstens nicht. – Also auf den Phokylides, sprach ich, hörst du nicht, wie er sagt, es müsse, wer schon seinen Lebensunterhalt habe, die Tugend üben? –Ich denke ja, sprach er, auch eher schon jeder. – Darüber, sprach ich, wollen wir nicht mit ihm streiten, sondern nur uns selbst fragen ob der Reiche dieses treiben solle, die Tugend üben, und wenn nicht, dann auch ihm nicht lohne zu leben? oder ob die Krankheitsfütterung? Oder soll diese bei der Holzarbeit zwar und den andern Künsten hinderlich sein, so daß man diese dabei nicht achtsam betreiben kann, dem Gebot des Phokylides aber gar nichts in den Weg legen? – Ja beim Zeus, sprach er. – Und zwar fast mehr als irgend etwas hindert diese über die gewöhnlichen Übungen hinausgehende übermäßige Sorgfalt für den Körper. Denn auch für die Hauswirtschaft schon und den Krieg und die ruhige obrigkeitliche Amtsführung in der Stadt ist sie beschwerlich; das schlimmste aber ist, daß sie auch für jede Art des Lernens des Beobachtens und des Überdenkens bei sich selbst höchst widerwärtig ist, wenn einer sich doch immer vor Spannungen im Kopf und vor Schwindeln fürchtet und behauptet, daß ihm dergleichen aus dem Nachdenken entstehe; so daß, wo diese ist, sie auf alle Weise hindert in irgend einer Vollkommenheit sich zu üben und zu bewähren. Denn sie macht, daß man immer glaubt krank zu sein, und nie aufhört Not zu haben mit dem Leibe. – Das ist ja natürlich, sagte er. – Wollen wir also nicht behaupten, dieses habe auch Asklepios eingesehen, und habe deshalb für die von der Natur und in Folge ihrer Lebensweise dem Leibe nach gesunden, die nur irgend eine bestimmte Krankheit an sich haben, für solche Menschen und solche Zustände habe er die Heilkunst aufgestellt, und solchen, wenn er durch innere Mittel und äußere Behandlung ihre Krankheiten vertrieb, ihre gewöhnliche Lebensordnung anbefohlen, um nicht ihre Verhältnisse im Staate zu verletzen; die innerlich durch und durch krankhaften Körper aber habe er nicht versucht durch Lebensordnungen jetzt ein wenig zu erschöpfen und dann wieder eben so zu begießen um dem Menschen selbst ein langes und schlechtes Leben zu bereiten und noch Nachkömmlinge, die, wie man vermuten muß, nicht besser sein werden, von ihnen zu erzielen. Sondern den, der nicht in seinem angewiesenen Kreise zu leben vermag, den glaubte er auch nicht besorgen zu müssen, weil er weder sich selbst, noch dem Staate nützt. – Recht als einen Staatsmann, sagte er, stellst du ja den Asklepios dar. – Offenbar, sprach ich, und auch seine Söhne können ja beweisen, daß er ein solcher war. – Oder siehst du (408) nicht, daß sie sich vor Troia sehr wacker im Kriege gezeigt, und daß sie sich auch der Arzneikunst so wie ich sage bedient haben? Oder besinnst du dich nicht, daß sie auch dem Menelaos aus der Wunde die ihm Pandaros beibrachte sogen das quellende Blut und ihm lindernde Salb' auflegten, darüber aber, was er hernach essen oder trinken sollte, ihm eben so wenig als dem Eurypylos etwas verordneten, als ob nämlich die Mittel schon hinreichen müßten um Männer zu heilen, die vor der Wunde gesund waren und mäßig in ihrer Lebensweise, sollten sie auch eben in dem Augenblick einen Mischtrank zu sich genommen haben; wer aber von Natur krankhaft ist und unmäßig, dem glaubten sie helfe es weder selbst noch Andern, daß er lebe, noch müßten sie ihre Kunst auf solche wenden und sie bedienen, und wenn sie auch reicher wären als Midas. – Recht herrlich, sagte er, beschreibst du ja die Söhne des Asklepios. – Das gebührt sich auch, sprach ich. Wiewohl uns nicht zustimmend die Tragödiendichter und Pindaros zwar auch sagen, Asklepios sei des Apollon Sohn, dabei aber er habe sich für Geld gewinnen lassen einen reichen Mann, der schon im Sterben gelegen, zu heilen, wofür er auch vom Blitz sei erschlagen worden. Wir aber nach dem zuvor schon gesagten wollen ihnen das beides nicht glauben; sondern wenn er des Gottes Sohn war, werden wir sagen, ging er gewiß nicht auf schnöden Gewinn aus; tat er aber dieses, so war er nicht des Gottes Sohn. – Ganz richtig, sprach er, ist dies doch gewiß. Aber was meinst du hierüber, o Sokrates? müssen wir denn nicht gute Ärzte im Staat haben? und werden nicht diejenigen vorzüglich solche sein, welche möglichst viel, freilich auch Gesunde recht viel aber auch Kranke, unter Händen gehabt haben? und eben so auch Richter, welche mit Naturen von allerlei Art haben zu tun gehabt? – Allerdings, sagte ich, meine ich gute; aber weißt du wohl, welche ich für solche halte? – Wenn du es sagest, antwortete er. – Ich will wohl versuchen, sprach ich; du jedoch hast in derselben Rede nach ganz verschiedenen Sachen gefragt. – Wie das? fragte er. – Ärzte wohl, sagte ich, könnten am vortrefflichsten werden, wenn sie von Jugend an, außerdem daß sie die Kunst erlangen, auch mit möglichst vielen Körpern von der schlechtesten Beschaffenheit Bekanntschaft gemacht, ja selbst an allen Krankheiten gelitten hätten, und gar nicht von besonders gesundem Körperbau wären. Denn nicht mit dem Leibe, denke ich, besorgen sie den Leib, sonst dürfte freilich der ihrige auch niemals schlecht sein oder gewesen sein, sondern mit der Seele den Leib, welche nicht vermögend ist, wenn sie selbst schlecht ist oder gewesen ist irgend etwas gut zu besorgen. – Richtig, sagte er. – Der Richter aber, sagte (409) ich, o lieber gebietet mit der Seele über die Seele, und die seinige darf also nicht von Jugend an mit schlechten Seelen erzogen worden und umgegangen sein, noch auch selbst alle Verbrechen begangen und durchgemacht haben, so daß sie von sich selbst her recht genau um alle Vergehungen Anderer wissen und sie beurteilen könnte, wie vom eigenen Leibe her die Krankheiten. Vielmehr muß sie ganz unbekannt und unvermischt mit schlechten Sitten in ihrer Jugend gehalten worden sein, wenn sie als eine gute und edle über das Recht gesund und richtig entscheiden soll. Daher erscheinen auch in ihrer Jugend die Rechtschaffenen einfältig und leicht zu hintergehen von den Ungerechten, weil sie in sich selbst gar kein Ebenbild finden von dem was in den Schlechten vorgeht. – Freilich, sagte er, gar sehr ergeht es ihnen so. – Darum nun, fuhr ich fort, soll auch ein guter Richter nicht jung sein sondern alt, und erst spät gelernt haben, was die Ungerechtigkeit eigentlich ist, nicht indem er sie etwa seiner eignen Seele einwohnend bemerkt, sondern an fremden Seelen als ein fremdes aus langer Betrachtung kennen gelernt hat, welch ein großes Übel sie ist, durch Einsicht, nicht durch eigne Erfahrung. – Der stattlichste Richter, sagte er, scheint ein solcher allerdings zu sein. – Und auch der gute wohl, sprach ich, wonach du ja fragtest. Denn wer eine gute Seele hat, ist gut. Jener ausgelernte und argwöhnische aber, der selbst viel Unrecht begangen hat und darum sich für verschlagen und klug hält, mag wohl meisterhaft erscheinen, wenn er es mit ähnlichen zu tun hat, weil er sich vor ihnen zu hüten weiß, indem er auf die ähnlichen Züge in ihm selbst sieht; wenn er aber an rechtschaffene Männer und die schon älter sind gerät, zeigt er sich dagegen ganz ungeschickt, ungläubig zur unrechten Zeit und unbekannt mit natürlich guter Gesinnung, weil er von dergleichen gar kein Ebenbild in sich selbst trägt. Weil er aber freilich öfter mit bösartigen als vernünftigen zusammentrifft, so dünkt er sich selbst und Andern eher weise zu sein als töricht. – Ganz gewiß, sagte er, ist das ganz richtig. – Also, sprach ich, nicht einen solchen Richter muß man suchen als den guten und weisen, sondern den ersteren. Denn Schlechtigkeit kann nie die Tugend zugleich und sich selbst erkennen, aber die Tugend einer durch die Zeit erzogenen Natur wird sowohl von sich als der Schlechtigkeit Erkenntnis erlangen. Weise also, wie mich dünkt, wird dieser und nicht der böse. – Auch mir, sagte er, scheint es so. – Also nächst solcher Rechtskunde wirst du auch wohl eine Heilkunde, wie wir sie beschrieben haben, in der Stadt einführen, damit beide diejenigen unter den Bürgern, die gutgeartet sind an Leib und Seele, (410) pflegen mögen, die es aber nicht sind, wenn sie nur dem Leibe nach solche sind, sterben lassen, die aber der Seele nach bösartig und unheilbar sind, selbst umbringen. – Das beste wenigstens für die selbst, denen es begegnet, und auch für die Stadt muß dies offenbar sein. – Die Jünglinge nun, fuhr ich fort, werden sich offenbar scheuen die Hülfe der Rechtskunde zu suchen, wenn sie sich an jene einfache Musik halten, von der wir sagten, daß sie Besonnenheit einflöße. – Allerdings, sagte er. – Wird nun nicht ganz auf derselbigen Spur der Musiker auch der Gymnastik nachgehn, und sie, wenn er nur will, auch so ergreifen, daß er der Heilkunst nicht anders bedürfen wird, als etwa für einen Notfall? – Mich dünkt es wohl. – Aber die Leibesübungen und Anstrengungen selbst wird er wohl mehr mit Hinsicht auf den natürlichen Mut, um diesen zu erwecken, unternehmen, als daß er eine ausgezeichnete Leibesstärke bezwecken sollte, und nicht wieder wie die andern Kunstfechter, bloß um mehr Kräfte zu bekommen, sich Speise und Übungen auflegen. – Ganz richtig. – Also, sprach ich, o Glaukon, die, welche die Erziehung durch Musik und Gymnastik anordnen, meinen es damit nicht so wie einige glauben, um nämlich durch die eine den Körper zu bilden und mit Hülfe der andern die Seele. – Aber warum denn sonst? fragte er. – Sie mögen wohl, sprach ich, beide meistenteils der Seele wegen anordnen. – Wie das? – Bemerkst du nicht, sprach ich, wie sich der Seele selbst nach diejenigen verhalten, die ihr Leben lang mit der Gymnastik wohl sich zu schaffen machen, mit der Musik aber sich gar nicht befassen, und so auch die, welche es umgekehrt halten? – In welcher Beziehung, sprach er, meinst du es? – In Beziehung auf Rauhigkeit und Härte, und wiederum auf Weichlichkeit und Milde. – Da weiß ich wohl, sagte er, daß die sich einseitig der Gymnastik ergebenden rauher werden als billig, und wiederum die der Musik weichlicher als es schön für sie wäre. – Und doch, sprach ich, bringt eben dieses rauhe den natürlichen Mut hervor, und es würde richtig gebildet tapfer sein, mehr aber als billig angespannt wird es denn natürlich härter und beschwerlich. – Das scheint mir, sagte er. – Und wie? hat das milde nicht die philosophische Natur an sich? und wird es nicht dadurch erst, daß man ihm zuviel nachläßt, weichlicher als billig, recht gebildet aber wirklich milde und sittig? – So ist es. – Und wir sagen doch, daß unsere Wehrmänner diese Naturgaben beide an sich haben müssen? – Das müssen sie freilich. – Also müssen sie richtig gegen einander gestimmt werden. – Allerdings. – Und des so (411) gestimmten Seele ist dann besonnen sowohl als tapfer. – Richtig. – Des ungestimmten aber wird feige oder auch roh. – Gewiß. – Also, wenn einer sich der Musik dazu hergibt, sich die Seele durch die Ohren wie durch einen Trichter anfüllen und vollgießen zu lassen von den nur eben beschriebenen süßlichen und weichlichen und kläglichen Melodien, und dann winselnd und jubelnd unter solchem Gesang sein ganzes Leben hinbringt, der wird zuerst zwar, was er mutiges an sich hatte, wie Eisen schmeidigen und brauchbar machen, da es zuvor unbrauchbar und spröde war; wenn er aber anhaltend nicht nachläßt, sondern immer mehr sänftiget, dann schmelzt er es wirklich und bringt es in Fluß, bis er sich den Mut ausgeschmolzen und wie die Sehnen der Seele ausgeschnitten hat, und sich weichlich gemacht in der Schlacht. – Allerdings, sagte er. – Und wenn dies einen schon von Natur mutlosen trifft, so ist es desto geschwinder geschehen; wenn aber einen mutigen, so wird der Mut geschwächt und man macht ihn empfindlich, daß er schnell von Kleinigkeiten aufgereizt und auch wieder abgekühlt wird, und so sind sie denn aus mutigen auffahrend und jähzornig geworden, und machen überall Not. – Ganz offenbar. – Wie aber wiederum, wenn einer sich nach der Gymnastik tüchtig abarbeitet und sehr kräftig nährt, Musik aber und Philosophie ganz unberührt läßt, wird der dann nicht zuerst sich vortrefflich befinden voll Mut und Aufstrebens sein und tapferer werden als vorher? – Ganz gewiß. – Wie aber, wenn er nun gar nichts anderes tut, noch mit irgend einer andern Muse irgend Gemeinschaft hat, muß nicht, wenn auch etwas Lernbegieriges in seiner Seele war, dieses, da es keine Kenntnis noch Untersuchung zu kosten bekommt, an keiner Rede noch anderer Musik Teil hat, notwendig schwach und taub und blind werden, da es weder aufgeregt noch genährt wird, noch seine Wahrnehmungen gereiniget? – So verhält es sich. – Ein Redefeind, meine ich, wird also ein solcher, und ein ganz musenloser; und mit Überredung durch Worte weiß er nichts mehr anzugreifen, sondern nur mit Gewalt und Wildheit wie ein Tier will er alles ausrichten, und in Unverstand und linkischem Wesen taktlos und ohne Anmut lebt er. – Ganz gewiß, sprach er, verhält es sich so. – Für dieses beides also scheint Gott, werde ich sagen, den Menschen zwei Künste gegeben zu haben, die Musik und Gymnastik, für das mutige in uns und das Wißbegierige, nicht für Seele und Leib, es müßte denn nebenbei sein, sondern für jene beiden, damit sie zusammenstimmen, (412) angespannt und nachgelassen soweit es sich gebührt. – So scheint es freilich, sagte er. – Wer also Musik und Gymnastik am schönsten mischt, und im reichlichsten Maß der Seele beibringt, den würden wir wohl am richtigsten für den vollkommen musikalischen und wohlgestimmen erklären, weit mehr als den, welcher die Saiten gut gegen einander zu stimmen weiß. – Ganz natürlich, o Sokrates, sagte er. – Auch in unserer Stadt also, o Glaukon, werden wir wohl immer eines solchen Aufsehers bedürfen, wenn die Verfassung soll aufrecht erhalten werden? – Den werden wir wohl ganz vorzüglich bedürfen, sagte er. –

Die Grundzüge der Bildung und Erziehung also wären diese. Denn was soll einer noch erst die Tänze bei solchen noch besonders beschreiben und ihre Hetzen und Jagden und Wettkämpfe zu Fuß und zu Pferde? Denn es ist ja wohl offenbar, daß sie hiemit übereinstimmend sein müssen und nicht mehr schwer zu finden. – Vielleicht, sprach er, jetzt nicht mehr. – Wohl! fuhr ich fort, Nächst diesem, was hätten wir zu bestimmen? Nicht etwa welche nun unter eben diesen selbst zu gebieten haben sollen, und welche zu gehorchen? – Warum nicht? – Nicht wahr nun, daß die Gebietenden müssen älter sein, jünger aber die Gehorchenden, das ist offenbar? – Offenbar. – Und auch, daß die besten unter ihnen? – Auch das. – Die besten unter den Landwirten nun werden das nicht die Landwirtschaftlichsten. – Ja. – Nun sie aber sollen die besten unter den Hütern sein, gebührt ihnen nicht die achtsamsten zu sein in der Stadt? – Ja. – Darin also müssen sie verständig sein und tüchtig und auch noch vorsorglich für die Stadt? – So ist es. – Vorsorglich aber ist einer wohl am meisten für das, was er liebt? – Notwendig. – Und das möchte einer wohl am meisten lieben, wovon er glaubt es werde gefördert durch dasselbe wie er selbst, und wovon er denkt, wenn jenes sich vorzüglich wohl befinde, werde auch folgen, daß er selbst sich wohl befindet, wo aber nicht, das Gegenteil. – So ist es, sagte er. – Also müssen wir aus den übrigen Wächtern solche Männer auswählen, von denen sich uns bei näherer Beobachtung am meisten zeigt, daß sie in ihrem ganzen Leben, was sie der Stadt förderlich zu sein erachten, mit allem Eifer tun, was aber nicht, das auch auf keine Weise tun wollen. – Das sind freilich die rechten, sagte er. – Also dünkt mich, müssen wir sie beachten in jedem Alter, ob sie auch gute Obhut halten über diesem Beschluß, und weder bezaubert noch gezwungen die Vorstellung vergeßlicherweise fahren lassen, daß ihnen zu tun gebührt was der Stadt das zuträglichste ist. – Was meinst du aber für ein Fahrenlassen? – Das, sagte ich, will ich dir erklären. Mir scheint nämlich eine Meinung aus der Seele zu verschwinden, entweder freiwillig oder wider Willen; mit seinem Willen nämlich die falsche dessen, der sich eines besseren überzeugt; wider seinen (413) Willen aber jede wahre. – Das mit seinem Willen, sagte er, verstehe ich, das wider seinen Willen aber muß ich erst erfahren. – Wie denn! glaubst du nicht auch, sagte ich, daß die Menschen des guten nur wider ihren Willen beraubt werden, des schlechten aber gern? oder dünkt dich nicht auch die Wahrheit verfehlen schlecht, in der Wahrheit sein aber gut? oder meinst du nicht, vorstellen was ist, heiße in der Wahrheit sein? – Freilich, sprach er, hast du recht, und mir scheinen sie nur wider Willen einer richtigen Meinung beraubt zu werden. – Und nicht wahr, nur bestohlen oder bezaubert oder überwältiget begegnet ihnen dieses? – Davon, sagte er, verstehe ich nun wieder nichts. – Ich mag mich eben wohl, sprach ich, tragisch ausdrücken. Bestohlen nämlich nenne ich die, welche überredet worden sind oder auch vergessen haben; weil nämlich den Einen die Zeit, den Andern eine Rede sie unvermerkt wegnimmt. Denn nun verstehst du es doch wohl? – Ja. – Überwältigt aber nenne ich die, welche irgend ein Schmerz oder Wehe ihre Meinung ändern macht. – Auch das, sprach er, habe ich verstanden, und du hast recht. – Bezaubert aber würdest auch du, wie ich glaube, sagen daß diejenigen wären, welche ihre Meinung ändern, entweder von einer Lust gekirrt oder von einer Furcht geängstet. – Freilich, sprach er, scheint alles zu bezaubern was täuscht. – Was ich also eben sagte, wir müssen suchen, welche diesen ihren Beschluß am besten zu behüten wissen, nämlich dasjenige zu tun, was sie der Stadt glauben das zuträglichste zu sein. Das muß also beobachtet werden, indem man ihnen gleich von Kindheit an Geschäfte aufgibt, bei denen einer dieses am leichtesten vergessen und darum betrogen werden könnte; und wer es nun dennoch fest hält und schwer zu betrügen ist, der werde eingezeichnet, wer aber nicht, der ausgeschlossen. Nicht wahr? – Ja. – Auch Anstrengungen und Schmerzen und Wettübungen muß man ihnen veranstalten, bei denen eben dasselbige zu beachten ist. – Richtig, sagte er. – Muß nicht auch, sprach ich, ebenfalls für die dritte Art, die der Zauberei ein Wettstreit eröffnet und zugeschaut werden, wie bei den Füllen, die man unter Lärm und Getümmel führt um zu sehn ob sie scheu sind, so bei den Jünglingen, indem man sie irgendwie in Angst bringt und dann wieder in Lust versetzt, um sie weit mehr als das Gold im Feuer zu prüfen, ob sich einer als schwer zu bezaubern und in guter Fassung überall zeigt und als ein guter Hüter über sich selbst und seine erlernte Musik, dadurch nämlich, daß er sich wohlgemessen und wohlgestimmt in allen diesen Fällen darstellt, (414) wie beschaffen er ja sich selbst und der Stadt am meisten nutz sein kann. Und wer nun immer unter den Knaben, Jünglingen und Männern so wäre geprüft worden und untadelich hervorgegangen, der wäre zum Herrscher und Hüter der Stadt zu bestellen und Ehre wäre ihm zuzuerkennen im Leben und im Tode, daß ihm auch da Bestattungen und andere Denkmale auf das reichlichste geweihet würden; wer sich aber nicht als einen solchen zeigt, der wäre zu verwerfen. Dieses scheint mir, o Glaukon, sprach ich, die Auswahl und Bestellung der Befehlshaber und Hüter zu sein, um sie nur im Umriß nicht genau zu beschreiben. – Auch mir, sprach er, scheint es so sein zu müssen. – Wäre es nun nicht in der Tat das richtigste, diese die allgemeinen Wächter oder Hüter zu nennen, sowohl der Feinde von außen als auch der Freunde von innen, auf daß die einen nicht wollen und die andern nicht können Schaden zufügen; die Jünglinge aber, die wir vorher Wehrmänner nannten, nur Helfer und Gehülfen für die Satzungen der Befehlshaber? – Mir wenigstens gefällt es, sagte er. – Wie aber, fuhr ich fort, können wir nun wohl Rat schaffen für die untadeligen und heilsamen Täuschungen, von denen wir vorher sagten, es sei löblich durch Täuschung zu überreden, vornehmlich die Befehlshaber selbst, wo aber nicht, doch die übrige Stadt. – Was doch recht? fragte er. – Nichts neues, sprach ich, sondern Phoinikisches, was ehedem häufig geschah, wie die Dichter sagen und man ihnen glaubt, zu unserer Zeit aber nicht geschehen ist und vielleicht auch nicht geschehen kann, glaublich zu machen aber gar mancherlei Überredungskünste erfordert. – Wie du dich doch sichtlich windest, sagte er, und Bedenken trägst es herauszusagen! – Und es wird dir einleuchten, sprach ich, daß ich mit gutem Recht bedenklich gewesen bin, wenn ich es werde gesagt haben. – Trage es nur vor, sagte er, und fürchte dich nicht. – So will ich es denn. Wiewohl ich nicht weiß, woher ich die Dreistigkeit nehmen, noch mit was für Worten ich es sagen und versuchen soll zuerst die Befehlshaber selbst und die Krieger zu überreden, dann aber auch die übrige Stadt, daß, was wir an ihnen erzogen haben und gebildet, dieses ihnen nur wie im Traume vorgekommen sei, als begegne es ihnen und geschähe an ihnen, sie wären aber damals eigentlich unter der Erde gewesen und dort drinnen sie selbst gebildet und aufgezogen worden, und auch ihre Waffen und andere Gerätschaften gearbeitet. Nachdem sie aber vollkommen wären ausgearbeitet gewesen, und die Erde sie als ihre Mutter heraufgeschickt habe, müßten nun auch sie für das Land, in welchem sie sich befinden, als für ihre Mutter und Ernährerin mit Rat und Tat sorgen, wenn jemand dasselbe bedrohe und so auch gegen ihre Mitbürger als Brüder und gleichfalls Erderzeugte gesinnt sein. – Es war nicht ohne, sagte er, daß du dich so lange geschämt hast diese Täuschung vorzutragen. – Sehr natürlich, sprach ich, war das; aber höre doch noch auch das übrige der Sage. Ihr seid nun also freilich, werden wir weiter (415) erzählend zu ihnen sagen, alle die ihr in der Stadt seid Brüder; der bildende Gott aber hat denen von euch, welche geschickt sind zu herrschen, Gold bei ihrer Geburt beigemischt, weshalb sie denn die köstlichsten sind, den Gehülfen aber Silber, Eisen hingegen und Erz den Ackerbauern und übrigen Arbeitern. Weil ihr nun so alle verwandt seid, möchtet ihr meistenteils zwar wohl auch selbst ähnliche erzeugen; bisweilen aber könnte doch auch wohl aus Gold ein silberner und aus Silber ein goldener Sprößling erzeugt werden, und so auch alle andere von anderen. Den Befehlshabern also zuerst und vornehmlich gebiete der Gott über nichts anderes so gute Obhut zu halten noch auf irgend etwas so genau Acht zu haben, als auf die Nachkommen, was wohl hievon ihren Seelen beigemischt sei; und wenn irgend von ihren eignen Nachkommen einer ehern wäre oder eisenhaltig, sollen sie auf keine Weise Mitleid mit ihm haben, sondern nur die seiner Natur gebührende Stelle ihm anweisend sollen sie ihn zu den Arbeitern oder Ackerbauern hinaustreiben; und so auch, wenn unter diesen einer aufwüchse, in dem sich Gold oder Silber zeigte, einen solchen sollten sie in Ehren halten und ihn nun unter die Herrscher erheben oder unter die Gehülfen, indem ein Götterspruch vorhanden sei, daß die Stadt dann untergehen werde, wenn Eisen oder Erz die Aufsicht über sie führe. Diese Erzählung also ihnen glaublich zu machen, weißt du dazu irgendwie Rat? – Nirgendwie, daß sie selbst es glauben sollten, jedoch ihre Söhne wohl und deren Nachkommen und die übrigen späteren Menschen. – Aber auch dies, sprach ich, wäre schon sehr schön dazu, daß sie sich desto mehr der Stadt und einer des andern annehmen würden; denn ich verstehe ohngefähr schon wie du es meinst. Und dieses nun gehe, wie die Überlieferung es leiten wird. Wir aber wollen diese Erdensöhne ausrüsten und dann unter Anführung der Befehlshaber aufstellen. Sind sie nun zusammen: so sollen sie zusehen, wo es am vorteilhaftesten ist in der Stadt das Lager zu schlagen, um von da aus sowohl die drinnen am besten im Zaun zu halten, wenn etwa einer den Gesetzen nicht gehorchen wollte, als auch die von außen abzuwehren, wenn etwa ein Feind wie ein Wolf die Herde anfallen wollte. Nachdem sie nun den Lagerwall aufgeführt, und geopfert haben wem es sich gebührt, sollen sie sich ihre Schlafstellen bereiten. Oder wie? – Ganz recht so, sagte er. – Und nicht wahr, wohl solche, welche sie im Winter und im Sommer gleich gut schützen können? – Wie sollten sie nicht! Denn du meinst doch, sagte er, wie ich glaube, Wohnungen. – Ja, sprach ich, kriegerische jedoch, nicht wie für Gewerbsleute. – Wie, fragte er, meinst du nun wieder, daß dies von jenem verschieden (416) sei? – Das, sprach ich, will ich versuchen dir zu erklären. Nämlich das ärgste und schmählichste von allem ist es wohl für Hirten, solche Hunde und auf solche Weise als Gehülfen bei der Herde aufzuziehen, daß aus Unbändigkeit oder Hunger oder sonst schlechter Gewöhnung die Hunde selbst sich unterfangen den Schafen übles zuzufügen, und statt Hunden Wölfen ähnlich zu werden. – Arg ist das freilich, sprach er. Wie sollte es nicht? – Also müssen wir auf alle Weise verhüten, daß die Gehülfen uns nichts dergleichen gegen die Bürger tun, und statt wohlwollender Bundesgenossen sich vielmehr wilden Gebietern ähnlich zeigen. – Das müssen wir verhüten, sagte er. – Und die kräftigste Vorsicht wird wohl dann angewandt sein, wenn sie in Wahrheit gut und trefflich erzogen sind. – Aber das sind sie ja schon, sagte er. – Da sprach ich, dieses wäre nicht schicklich zu behaupten lieber Glaukon, sondern nur was wir eben sagten, ist schicklich, daß sie richtiger Erziehung genießen müssen, worin diese nun auch bestehe, wenn sie das kräftigste haben sollen um immer milde zu bleiben unter sich und gegen die, welche von ihnen beschützt werden. – Richtig allerdings, sprach er. – Außer dieser Erziehung nun, möchte wohl ein Vernünftiger sagen, müßten auch ihre Wohnungen und ihre ganze übrige Habe so eingerichtet sein, daß dadurch weder die Wehrmänner davon abgebracht werden können so trefflich als möglich zu sein, noch weniger aber gereizt gegen die andern Bürger zu freveln. – Und ganz mit Recht, sagte er. – Sieh also zu, sprach ich, ob sie etwa auf folgende Weise leben und wohnen müssen, wenn sie solche werden sollen. Zuerst nämlich, daß keiner irgend eigenes Vermögen besitze, wenn es irgend zu vermeiden ist; ferner daß keiner irgend solche Wohnung oder Vorratskammer habe, wohinein nicht jeder gehen könnte der nur Lust hat, sie aber das notwendige, dessen bescheidene und tapfere Männer, die im Kriege kämpfen sollen, bedürfen, in bestimmter Ordnung von den andern Bürgern als Lohn für ihren Schutz in solchem Maß empfangen, daß ihnen weder etwas übrig bleibe auf das nächste Jahr, noch sie auch Mangel haben, indem sie nämlich gemeinsame Speisungen besuchend wie im Felde stehende zusammen leben. Gold und Silber aber, muß man ihnen sagen, haben sie von den Göttern göttliches immer in der Seele, und bedürfen gar nicht auch noch des menschlichen. Es sei ihnen auch nicht verstattet, jenes Besitz durch Vermischung mit des sterblichen Goldes Besitz zu verunreinigen, da gar vieles und unheiliges mit dieser gemeinen Münze vorgegangen, die ihrige aber ganz unverfälscht sei; sondern ihnen allein von allen in (417) der Stadt sei es verboten mit Gold und Silber zu schaffen zu haben und es zu berühren, noch auch unter demselben Dach damit zu sein oder es an der Kleidung zu haben, oder daraus zu trinken. So würden sie selbst wohlbehalten bleiben und auch die Stadt im Wohlstande erhalten. Besäßen sie aber selbst eignes Land und Wohnungen und Gold: so würden sie dann Hauswirte und Landwirte sein anstatt Wächter, und rauhe Gebieter anstatt Bundesgenossen der andern Bürger werden, und würden so hassend und gehaßt, belauernd und selbst belauert ihr ganzes Leben hinbringen, weit mehr die Feinde drinnen fürchtend als die draußen, und ganz nahe an ihrem Verderben hinlaufend sie selbst und die ganze Stadt. Wollen wir nun, sprach ich, aus allen diesen Ursachen sagen, daß die Wehrmänner müssen auf diese Weise eingerichtet sein mit ihrer Wohnung und übrigens, und wollen wir dies zum Gesetz machen oder nicht? – Wir wollen es allerdings, sagte Glaukon.

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