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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 110
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Drittes Buch

(386) Über die Götter also, sprach ich, ist es dergleichen, wie es scheint, was diejenigen von Kindheit an hören und was sie nicht hören müssen, welche die Götter und ihre Eltern ehren und die Freundschaft unter sich nicht für ein geringes halten sollen. – Und ich denke, sagte er, ganz richtig hat sich uns dieses so gezeigt. – Und wie? wenn sie tapfer werden sollen, muß man ihnen nicht dieses sagen, und was nur im Stande ist darauf zu wirken, daß sie wenigst möglich den Tod fürchten? Oder glaubst du, es sei irgend jemand tapfer der diese Furcht in sich hat? – Nein beim Zeus, sprach er, ich nicht. – Und wie? wenn einer glaubt daß es eine Unterwelt gibt, und zugleich daß sie furchtbar ist, meinst du der werde irgend ohne Furcht vor dem Tode sein, und in Gefechten lieber den Tod als Niederlage und Knechtschaft wählen? – Keinesweges. – Wir müssen also, wie es scheint, auch über diejenigen Aufsicht führen, die hierüber Erzählungen vortragen wollen, und sie ersuchen nicht so schlechthin die Unterwelt zu schmähen, sondern sie lieber zu loben, weil sonst was sie sagten weder richtig sein würde noch auch denen nützlich welche wehrhaft sein sollen. – Das müssen wir, sagte er. – Löschen wir also, sprach ich, von diesem Gedicht anfangend, alles dergleichen aus, wie Lieber ja wollt ich das Feld als Tagelöhner bestellen Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand als die sämtliche Schar der geschwundenen Toten beherrschen; und Daß nicht Menschen erschien und Unsterblichen seine Behausung fürchterlich dumpf, voll Wustes, wovor selbst grauet den Göttern; und Götter so ist denn fürwahr auch noch in Aides Wohnung Seel' und Schattengebild', doch ganz der Besinnung entbehrt sie; und Daß er allein wahrnähme, denn Andere sind flatternde Schatten; und, aber die Seel' aus den Gliedern entfloh in die Tiefe des Aïs klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft; und, die Seele, wie dampfender (387) Rauch in die Erde sank sie hinab hellschwirrend, und So wie die Fledermaus' im Geklüft der schaudrichten Höhle schwirrend umher sich schwingen, wenn ein' aus der Reihe des Schwarmes niedersank von dem Fels, und darauf an einander sich klammern: so mit zartem Geschwirr entschwebten sie. Dieses und alles dergleichen wollen wir bei dem Homeros und den andern Dichtern bevorworten, uns nicht zu zürnen wenn wir es ausstreichen, nicht als ob es nicht dichterisch wäre und dem Volk angenehm zu hören, sondern weil es je dichterischer um desto weniger darf gehört werden von Knaben und Männern, welche sollen frei gesinnt sein und die Knechtschaft mehr scheuen als den Tod. – Auf alle Weise gewiß. – Also sind auch wohl ferner alle schreckliche und furchtbare Namen für diese Gegenstände zu verwerfen wie der Kokytos und Styx und die Unteren und Verdorrten, und was sonst für Namen in diesem Sinne gebildet alle Hörer wer weiß wie sehr schaudern machen. Und vielleicht sind sie gut zu etwas anderem, wir aber fürchten für unsere Wehrmänner, daß sie uns nicht durch eben diesen Schauder aufgelöster und weichlicher werden als billig. – Und mit Recht gewiß fürchten wir das. – Ist also dies fortzuschaffen? – Ja. – Und nach entgegengesetzter Weise muß geredet und gedichtet werden. – Offenbar. – Also auch wohl die Wehklagen und das Jammern um ausgezeichnete Männer werden wir abschaffen? – Notwendig, sagte er, wenn doch auch das vorige. – Bedenke nur ob wir recht tun werden sie abzuschaffen oder nicht! Wir behaupten nämlich, ein rechtschaffener Mann werde für einen andern solchen, dessen Freund er auch ist, das Sterben nicht als etwas furchtbares ansehen. – Das behaupten wir freilich. – Also kann er auch nicht über ihn, als dem etwas schreckliches begegnet wäre, jammern. – Gewiß nicht. – Aber wir sagen auch noch dieses, daß ein solcher am meisten selbst sich genügt um gut zu leben, und vorzüglich vor den übrigen eines andern nicht bedarf. – Richtig, sagte er. – Ihm ist es also auch am wenigsten schrecklich, Söhne und Brüder zu verlieren, oder Besitztümer und dergleichen etwas. – Am wenigsten gewiß. – Am wenigsten also werde er auch jammern, sondern es auf das gleichmütigste ertragen, wenn ein solcher Unfall ihn trifft. – Bei weitem. – Mit Recht also schaffen wir die Klagen um berühmte Männer ab, und überlassen sie den Weibern, jedoch auch unter diesen (388) nicht einmal den besseren, und solchen Männern die nichts taugen, damit diejenigen sich schämen ähnliches zu tun, die wir zum Schutz des Landes erziehen. – Richtig, sagte er. – Wiederum also bitten wir den Homeros und die andern Dichter nicht zu dichten den Achilleus der Göttin Sohn, Bald auf die Seiten darniedergelegt und bald auf den Rücken, bald auf das Antlitz hin, dann plötzlich empor sich erhebend, Schweifend am Ufer des Meeres des unermeßlichen, noch auch mit beiden Händen des schwärzlichen Staubes ergreifend überstreuend das Haupt, noch auch sonst weinend und jammernd, wie jener ihn viel und mannigfaltig dargestellt hat, noch auch den Priamos der doch den Göttern genaht war, Allen flehend umher auf schmutzigem Boden sich wälzend, Nennend jeglichen Mann mit seinem Namen. Und noch weit mehr als dies werden wir sie bitten uns die Götter nicht jammernd zu dichten, und sagend Weh mir Armen, o mir unglücklichen Heldenmutter. Und wenn auch Götter mögen sie doch wenigstens nicht wagen den größten der Götter so unähnlich sich selbst darzustellen, daß er sagt, Wehe doch einen Geliebten umhergejagt um die Mauer seh ich dort mit den Augen und ach, sein jammert mich herzlich. Und, wehe mir wenn das Geschick Sarpedon meinen Geliebten unter Patroklos Hand des Menoitiaden mir bändigt. Denn lieber Adeimantos wenn dergleichen unsere Jünglinge ernsthaft anhören und nicht darüber lachen als über ganz unwürdige Rede: so hätte es gute Wege, daß einer sich selbst, der doch nur ein Mensch ist, solcher Dinge unwert halten und sich selbst strafen sollte, wenn ihm etwan in den Sinn käme dergleichen zu reden oder zu tun; sondern ohne sich zu schämen oder sich zurückzuhalten, würde jeder uns auch über geringe Ereignisse gar viel Jammer und Wehklagen vorsingen. – Vollkommen richtig, sprach er, bemerkst du das. – So soll es aber doch nicht sein, wie unsere Rede uns nur eben andeutete, der wir doch folgen müssen, bis uns jemand durch eine andere schönere überführt. – Das müssen wir freilich. – Aber auch sehr lachlustig dürfen sie doch nicht sein. Denn wenn sich jemand in heftigem Lachen gehn läßt, so sucht dergleichen auch immer wieder eine heftige Umwendung. – Das dünkt mich wohl, sagte er. – Weder also, wenn uns jemand Menschen, die der Rede wert sind, vom Gelächter überwältiget darstellt, dürfen (389) wir uns das gefallen lassen, noch viel weniger aber wenn Götter. – Bei weitem, sprach er. – Also wollen wir dem Homeros auch das nicht durchgehn lassen von den Göttern, doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern Als sie sahn wie Hephaistos in emsiger Eil umherging; das dürfen wir nicht gelten lassen nach deiner Rede. – Wenn du diese Rede, sprach er, als mein ansehn willst, dürfen wir es allerdings nicht gelten lassen. – Allein auch die Wahrheit müssen wir doch gar sehr hoch ansetzen. Denn wenn das nun eben gesagte richtig, und in Wahrheit den Göttern Täuschung unnütz den Menschen aber heilsam ist, nach Art der Arznei: so ist doch offenbar, daß wir dergleichen den Ärzten überlassen müssen, andere Unkundige aber sich nicht damit befassen dürfen. – Das ist offenbar, sagte er. – Also denen die in der Stadt regieren, wenn überall irgend jemanden, kann es zukommen Unwahrheit zu reden, der Feinde oder auch der Bürger wegen zum Nutzen der Stadt; alle Andern aber dürfen sich hiemit gar nicht befassen. Sondern wenn etwa gar irgend ein Einzelner diese Regierenden täuschen wollte, werden wir sagen dies sei dasselbe und ein noch größeres Vergehen, als wenn der Kranke dem Arzt, oder wer Leibesübungen treibt seinem Meister über den Zustand seines Leibes nicht die Wahrheit sagt, oder wenn einer den Schiffsmeister über das Schiff und die Schiffsleute nicht recht berichtet, was entweder er selbst oder ein anderer Schiffender tut. – Vollkommen richtig, sagte er. – Wenn du also irgend einen Andern ertappst in der Stadt, daß er lügt, einen von denen die gemeinsame Künste verstehen als den Seher, den heilenden Arzt und den Meister des Baues: so wirst du ihn strafen weil er eine Handlungsweise einführt, die für eine Stadt eben so sehr als für ein Schiff zerstörend und verderblich ist. – Wenn nämlich, sprach er, mit der Rede auch die Tat stimmen soll. – Und wie? werden etwa unsere Jünglinge nicht auch Besonnenheit nötig haben? – Wie sollten sie nicht? – Und besteht nicht die Besonnenheit für den großen Haufen in dergleichen vornehmlich, daß sie den Herrschenden unterwürfig sind, selbst aber auch herrschen über ihre Lust an Speise und Trank und an den Liebessachen? – Das dünkt mich wenigstens. – Dergleichen also, denke ich, werden wir sagen sei schön gesagt, wie beim Homeros Diomedes sagt, Trauter o halte dich still und gehorche du meiner Ermahnung und was damit zusammenhängt, Jene wandelten still, die mutbeseelten Achaier ehrfurchtvoll verstummend den Königen und was sonst von dieser Art ist? – Schön allerdings. – Wie aber dergleichen? Trunkenbold mit dem Blicke des Hunds und dem Mute des Hirsches, und was weiter folgt, oder was sonst (390) wo einer in Rede oder Dichtung als Untergebener übermütiges gesagt hat gegen Vorgesetzte? – Nicht schön. – Zur Besonnenheit wenigstens denke ich nicht, daß es Jünglingen dienlich ist zu hören; wenn es ihnen aber sonst anderes Vergnügen macht, das ist gar nicht zu verwundern. Oder wie kommt es dir vor? – Eben so, sagte er. – Und wie? wenn man im Gedicht den weisesten Mann sagen läßt, das dünke ihm die seligste Wonne von allem, wenn voll vor jedem die Tische stehn mit Brot und Fleisch, und geschöpfeten Wein aus dem Kruge fleißig der Schenk umträgt und umher eingießt in die Becher, meinst du das sei einem jungen Manne zur Selbstbeherrschung förderlich zu hören? oder das Doch ist Hungerssterben das jammervollste Verhängnis? oder daß Zeus, was er während die andern Götter und die Menschen schliefen, allein wachend beschlossen hatte, das insgesamt leichtfertig vergißt, lediglich aus Verlangen nach der Liebeslust, und dergestalt außer sich gesetzt wird beim Anblick der Hera, daß er nicht einmal ins Gemach gehn will, sondern gleich dort begehrt auf der Erde sich zu ihr zu gesellen, und selbst sagt, er sei so von dem Verlangen überwältigt, wie nicht einmal damals als sie zuerst einander genahet, geheim vor den liebenden Eltern? noch auch wie Ares und Aphrodite vom Hephaistos gefangen wurden eben solcher Dinge wegen? – Beim Zeus, sprach er, allerdings scheint mir das hiezu nicht förderlich. – Sondern, sprach ich, wenn irgendwo von berühmten Männern, in Reden und Taten, Beweise vorkommen von Festigkeit gegen alles, das mögen sie sehen und hören; wie etwa dieses, Aber er schlug an die Brust und strafte das Herz mit den Worten, Dulde nun aus mein Herz, noch härteres hast du geduldet. – Auf alle Weise freilich, sagte er. – Auch wohl bestechlich muß man die Männer nicht werden lassen noch auch geldgierig. – Keinesweges. – Also auch ihnen nicht singen Götter gewinnet Geschenk, Geschenk auch mächtige Herrscher; noch soll man des Achilleus Erzieher Phoinix loben, als rede er verständiges, indem er ihm den Rat gibt, falls er Geschenke bekäme den Achaiern zu helfen, ohne Geschenk aber nicht von seinem Zorne zu lassen. Und auch vom Achilleus selbst wollen wir nicht annehmen noch eingestehen er sei so geldgierig, daß er vom Agamemnon Geschenke genommen und wiederum für einen Preis auch den (391) Leichnam losgegeben, anders aber es nicht gewollt. – Freilich ist es nicht billig, sagte er, dergleichen zu loben. – Ich trage auch nur Bedenken, sprach ich, des Homeros wegen zu sagen es sei auch nicht fromm dergleichen auf den Achilleus auszusagen, oder wenn Andere es sagen zu glauben. Eben so wenig, daß er zum Apollon gesagt habe: O des Betrugs! Ferntreffer du grausamster unter den Göttern. Traun ich rächte mich gern, wenn genug der Stärke mir wäre! Und wie er dem Flusse, der doch ein Gott ist, in gar nichts folgen wollte, sondern nur auf Kampf gestellt war, und ein andermal von seinen dem andern Fluß dem Spercheios geweihten Haaren sagte, Laß mich dem Held Patroklos das Haar mitgeben zu tragen, der doch tot war, und daß er das wirklich getan, muß man nicht glauben. Und wiederum die Schleifungen des Hektors um das Grabmal des Patroklos, und die Schlachtungen der Gefangenen auf seinem Scheiterhaufen, alles das wollen wir läugnen, daß es der Wahrheit gemäß erzählt sei, und wollen die Unsrigen nicht glauben lassen, daß Achilleus der Sohn einer Göttin und des höchst verständigen Peleus, des dritten vom Zeus her, und der Zögling des weisen Cheiron, so ganz verworren gewesen, daß er zwei einander entgegengesetzte Krankheiten in sich nährte, nämlich Niederträchtigkeit mit Habsucht und zugleich Übermut gegen Götter und Menschen. – Du hast Recht, sagte er. – Wir wollen also, fuhr er fort, auch ja nicht das glauben, oder erzählen lassen, daß Theseus des Poseidon und Peirithoos des Zeus Sohn dergestalt auf frevelhaften Raub ausgegangen sind, noch daß irgend ein anderer Göttersohn und Heros gewagt habe ruchloses und frevelhaftes auszuüben, dergleichen man ihnen jetzt anlügt; sondern wir wollen die Dichter noch nötigen zu erklären, entweder daß solches nicht dieser Männer Taten, oder daß sie selbst nicht Söhne der Götter sind, beides zusammen aber nicht zu sagen, noch darauf auszugehn unsere Jugend zu überreden, daß die Götter Unheil erzeugen und daß Heroen um nichts besser sind als Menschen. Denn wie wir auch vorher schon sagten, dergleichen ist weder fromm noch wahr. Denn wir haben ja gezeigt, daß von den Göttern böses unmöglich entstehen könne. – Wie wäre es wohl anders möglich! – Und den Hörenden ist dergleichen verderblich. Denn jeder wird es nun sich selbst leicht nachsehen schlecht zu sein, wenn er glaubt, daß eben dergleichen auch tun und getan haben, die ächten Götterstammes sind, so nah dem Zeus, daß ihnen auf des Ida Höhn sein väterlicher Altar steht im Ätherduft, und noch in ihnen kenntlich rinnt das Götterblut. Weshalb man dergleichen Erzählungen ruhen lassen muß, damit sie unserer (392) Jugend nicht gar große Leichtigkeit zum Schlechten einflößen. – Ganz offenbar! sagte er. –

Was für eine Gattung von Reden, sprach ich, ist uns also nun noch übrig, wovon wir bestimmen müßten wie sie vorzutragen sind und wie nicht? Denn wie über die Götter geredet werden soll, das ist festgesetzt, und auch über die anderen höheren Wesen und die Heroen und die in der Unterwelt. – Allerdings. – Wäre nun nicht die über die Menschen noch übrig? – Offenbar ja. – Also ist uns unmöglich, o Freund, dieses gegenwärtig ganz in Ordnung zu bringen. – Wie so? – Weil ich denke wir werden sagen, daß eben Dichter sowohl als Redner auch über die Menschen gar verkehrt reden in den wichtigsten Dingen, daß nämlich viele Ungerechte doch glückselig wären, und Gerechte elend, und daß Unrechttun Vorteil bringe, wenn es verborgen bleibt, die Gerechtigkeit hingegen fremdes Gut sei aber eigner Schade; und, denke ich, dergleichen werden wir zu sagen verbieten, das Gegenteil aber ihnen auftragen zu singen und zu dichten. Oder meinst du nicht? – Ich weiß es sehr gewiß, sagte er. – Nicht wahr aber, wenn du mir zugestehst daß ich Recht habe, so werde ich dann behaupten, du habest mir auch das zugestanden was wir schon so lange suchen. – Das hast du ganz richtig eingewendet, sagte er. – Also daß von Menschen auf diese Art müsse geredet werden, wollen wir dann festsetzen, wenn wir werden gefunden haben, wie es mit der Gerechtigkeit beschaffen und wie wesentlich sie dem nützlich ist der sie hat, mag er nun in dem Ruf stehn ein solcher zu sein oder auch nicht. – Vollkommen richtig, sagte er. – Von den Reden sei es also hiermit ein Ende. Über den Vortrag derselben aber, meine ich, müssen wir nächstdem reden, und dann werden wir was gesagt werden darf, und wie gesagt vollständig erwogen haben. – Da sagte Adeimantos, Dieses verstehe ich nicht, wie du es meinst. – Aber, sprach ich, Du mußt es doch. Vielleicht nun wirst du es so besser einsehen. Ist nicht alles was von Fabellehrern und Dichtern gesagt wird eine Erzählung entweder geschehener Dinge, oder jetziger oder künftiger? – Was wohl anderes? sagte er. – Und führen sie es nicht entweder in einfacher Erzählung aus, oder in einer in Darstellung eingekleideten oder in beiden zusammen? – Auch dieses, sprach er, muß ich erst noch genauer verstehen. – So scheine ich ja, sprach ich, gar ein lächerlicher und unverständlicher Lehrer zu sein! Ich will also, wie die welche sich auf Reden nicht verstehen, nicht im allgemeinen, sondern ein einzelnes Stück heraus nehmend versuchen, dir an diesem zu zeigen wo ich hinaus will. Sage mir also, kennst du den Anfang der Ilias, wo der Dichter sagt, Chryses habe den Agamemnon gebeten seine Tochter loszugeben, dieser aber sei zornig geworden, und jener, da er nichts ausgerichtet, habe die Achaier (393) vor dem Gotte verwünscht? – Sehr gut. – Du weißt also auch, daß bis zu diesen Versen, und er flehete allen Achaiern, Aber zumeist den Atreiden, den zween Heerfürsten der Völker, der Dichter selbst redet, und auch gar nicht darauf ausgeht unser Gemüt anderwärts hin zu wenden, als ob ein Anderer der Redende wäre als er selbst, daß er aber das folgende, als ob er selbst der Chryses wäre, redet, und sich alle ersinnliche Mühe gibt uns dahin zu bewegen, daß uns nicht Homeros scheine der Redende zu sein, sondern der alte Priester. Und fast die ganze übrige Erzählung hat er auf diese Art eingerichtet von den Begebenheiten in Ilion sowohl als in Ithaka und der ganzen Odyssee. – Allerdings, sagte er. – Erzählung nun ist doch beides, wenn er Reden vorträgt, und wenn das zwischen den Reden. – Wie sollte es nicht! – Aber wenn er irgend eine Rede vorträgt, als wäre er ein Anderer: müssen wir nicht sagen, daß er dann seinen Vortrag jedesmal so sehr als möglich dem nachbildet, den er vorher ankündigt daß er reden werde? – Das müssen wir sagen. Denn wie könnten wir anders! – Nun aber sich selbst einem Andern nachbilden in Stimme oder Gebärde, das heißt doch den darstellen dem man sich nachbildet? – Was sonst? – In einem solchen Falle also, scheint es, vollbringen dieser und andere Dichter ihre Erzählung durch Darstellung. – Allerdings. – Wenn nun nirgends der Dichter sich selbst verbergen wollte: so würde er dann seine ganze Erzählung ohne Darstellung verrichtet haben. Damit du aber nicht sagst, daß du wieder nicht verstehst, wie das geschehen könne will ich es dir vortragen. Wenn nämlich Homeros, nachdem er gesagt, daß Chryses gekommen sei Lösung für seine Tochter darzubringen, und die Achaier zu bitten vornehmlich aber die Könige, nachher nicht, als wäre er Chryses, weiter redete sondern noch immer als Homeros: so wisse daß es dann keine Darstellung wäre, sondern einfache Erzählung. Sie würde aber so ohngefähr lauten; ich muß sie jedoch ohne Silbenmaß vortragen, denn ich bin nicht dichterisch. Nachdem der Priester gekommen, wünschte er jenen, daß die Götter ihnen geben möchten nach der Einnahme von Troja wohlbehalten zu bleiben, sich selbst aber daß sie die Tochter losgäben für dargebotene Entschädigung und aus Scheu vor dem Gotte. Als er nun dieses gesagt, begrüßten ihn ehrerbietig die Andern und pflichteten ihm bei; Agamemnon aber befahl ihm ergrimmt jetzt fortzugehn und auch nie wiederzukehren, damit ihm dann nicht auch der Stab und der Lorbeer des Gottes unnütz wären. Ehe aber seine Tochter loskäme, sagte er, solle sie bei ihm in Argos alt werden. Und gehn hieß er ihn, und ihn nicht reizen, damit er wohlbehalten heimkehren möge. Der Alte als er dies (394) vernommen, fürchtete sich und ging schweigend fort. Als er aber das Lager hinter sich hatte, betete er vieles zum Apollon, bei allen Namen ihn anrufend und ihm in Erinnerung bringend und anrechnend was er ihm jemals bei Erbauungen von Tempeln und Darbringung von Opfern wohlgefälliges geleistet, dafür flehete er nun möchte seine Tränen den Achaiern Apollon vergelten mit seinem Geschoß. Auf diese Art, sprach ich, Freund, macht sich ohne Darstellung eine einfache Erzählung. – Ich verstehe, sagte er. – Verstehe aber auch noch, sprach ich, wie hievon wiederum das Gegenteil erfolgt, wenn jemand das dem Dichter angehörige zwischen den Reden herauswerfend nur die Wechselreden übrig läßt. – Auch dieses, sagte er, verstehe ich, daß es mit den Tragödien eine solche Bewandtnis hat. – Und jetzt denke ich dir schon deutlich zu machen, was ich vorher nicht vermochte, daß von der gesamten Dichtung und Fabel einiges ganz in Darstellung besteht, wie du sagst die Tragödie und Komödie, anderes aber in dem Bericht des Dichters selbst, welches du vorzüglich in den Dithyramben finden kannst, noch anderes aus beiden verbunden, wie in der epischen Dichtkunst, und auch vielfältig anderwärts, wenn du mich verstehest. – Ich begreife jetzt sehr gut, sagte er, was du damals sagen wolltest. – Auch des noch früheren erinnere dich also, als wir sagten, was geredet werden soll sei schon bestimmt, wie aber, das sei noch zu erwägen. – Dessen erinnere ich mich freilich. – Dieses nun war es eben was ich meinte, daß es nötig wäre uns darüber zu verständigen, ob wir die Dichter sollten darstellend ihre Erzählungen vortragen lassen, oder ob einiges zwar darstellend anderes aber nicht, und was doch auf jede von beiden Arten, oder ob sie gar nicht darstellen sollen. – Ich ahnde, sagte er, du willst überlegen, ob wir die Tragödie und Komödie in unseren Staat aufnehmen sollen, oder ob auch nicht. – Vielleicht, sprach ich, auch noch mehr als dies, denn ich weiß es weiter noch nicht; sondern wohin uns die Rede, unser Wind gleichsam, bringen wird, dahin müssen wir gehen. – Gar recht, sagte er, sprichst du. – Dieses also, o Adeimantos, betrachte, ob unsere Wehrmänner darstellend sein sollen oder nicht. Oder gehört auch dies unter das vorige, daß jeder einzelne einerlei Verrichtung zwar vollkommen verrichten kann, vielerlei aber nicht, sondern wenn er dies unternähme, indem er sich mit vielerlei befaßte, alles so weit verfehlen würde, daß er sich nirgend wie auszeichnete? – Das kann er wohl nicht anders. – Also gilt auch wohl von der Darstellung das nämliche, daß derselbe vielerlei so gut wie eins darzustellen nicht im Stande ist. – (395) Freilich nicht. – Das hat also gute Wege, daß jemand sich zugleich irgend eines würdigen Geschäftes befleißigen, und dabei noch vielerlei darstellen und im Darstellen ein Künstler sein sollte; da ja nicht einmal zweierlei Darstellungen, die einander doch nahe genug zu stehen scheinen, dieselben Personen gut darstellen können, wie Komödien- und Tragödiendichter. Oder nanntest du diese nicht eben Darstellungen? – Das tat ich, und du sagst ganz recht, daß dieselbigen Männer sich nicht auf beiderlei verstehn. – Auch nicht Rhapsode und Schauspieler ist ja jemand zugleich. – Richtig. – Ja auch nicht einmal dieselben Schauspieler haben sie in der Komödie und in der Tragödie. Das alles aber sind doch Darstellungen; oder nicht? – Darstellungen. – Und in noch kleinere Teile als diese, o Adeimantos, scheint mir die menschliche Natur so zerstückelt zu sein, daß einer unfähig ist vielerlei schön darzustellen, eben so wenig als jenes zu verrichten wovon eben Darstellungen sollen Abbilder sein. – Vollkommen richtig, sprach er. – Wenn wir also unsere erste Rede aufrecht halten wollen, daß die Wehrmänner uns von allen Geschäften entbunden nichts anderes schaffen sollen, als nur die Freiheit des Staats recht vollkommen, und sich auf nichts anderes befleißigen was nicht hierzu beiträgt: so dürfen sie eben gar nichts anderes verrichten oder nachahmend darstellen; wenn aber ja darstellen, dann mögen sie nur was dahin gehört gleich von Kindheit an nachahmen, tapfere Männer, besonnene fromme edelmütige und anderes der Art, unedles aber nichts weder verrichten noch auch nachzuahmen geschickt sein, noch sonst etwas schändliches, damit sie nicht von der Nachahmung das Sein davon tragen. Oder hast du nicht bemerkt, daß die Nachahmungen, wenn man es von Jugend an stark damit treibt, in Gewöhnungen und in Natur übergehen, es betreffe nun den Leib oder die Töne oder das Gemüt? – Allerdings, sprach er. – Wir werden also nicht erlauben, daß die, von denen wir sagen, daß wir uns ihrer annehmen und daß sie tüchtige Männer werden sollen, ein Weib darstellen da sie doch Männer sind, mag es nun eine junge sein oder alte, oder die auf ihren Mann schimpft, oder die mit den Göttern eifert und gegen sie groß tut, weil sie sich einbildet glückselig zu sein, oder die sich in Unglück und Trauer und Jammer befindet; eine kranke aber gar oder verliebte oder gebärende noch viel weniger. – Ganz gewiß, sagte er. – Also auch nicht Mägde und Knechte, welche tun was Knechte pflegen. – Auch das nicht. – Also auch wohl nicht schlechte Männer, wie ja folgt, feigherzige, und die das Gegenteil ausüben von dem vorher beschriebenen, einander beleidigend und verspottend und beschimpfend im Rausch oder auch nüchtern, und was sonst solche in Worten und Taten unter einander und gegen (396) Andere begehen. Ich denke aber auch Wahnsinnigen muß man sie nicht gewöhnen sich ähnlich zu machen in Reden oder Taten. Denn kennen muß man freilich wahnsinnige eben wie böse Männer und Frauen, dichten aber oder darstellen nichts von ihnen. – Vollkommen richtig! sagte er. – Wie aber Schmiedende oder die sonst in einer Handarbeit begriffen sind, oder Rudernde im Kriegsfahrzeug oder sonst etwas von solchen Dingen, sollen sie das durch Nachahmung darstellen? – Und wie doch, sagte er, da ihnen ja nicht einmal erlaubt sein soll, auf irgend etwas der Art auch nur zu achten! – Wie aber wiehernde Pferde und brüllende Stiere und rauschende Flüsse und brausende Meere und Donner und alles dergleichen wiederum, werden sie das wohl darstellen? – Es ist ihnen ja untersagt, sprach er, sowohl toll zu sein als tollen sich nachzubilden. – Wenn ich also, sprach ich, recht verstehe was du sagst; so gibt es eine Art des Vortrags und der Erzählung, deren sich der wahrhaft gute und treffliche bedienen wird, so oft er etwas zu sagen hat, und wiederum eine andere dieser unähnliche Art, an die sich immer der halten und darin vortragen wird, der entgegengesetzt geartet und gebildet ist. – Und was für welche, fragte er, sind diese? – Mich dünkt nämlich, sprach ich, der verständige Mann, wenn er in der Erzählung auf eine Rede oder Handlung eines wackeren Mannes kommt, wird er sie wohl als selbst jener seiend vortragen wollen und sich einer solchen Nachahmung nicht schämen, und zwar vorzüglich den wackeren Mann nachahmend indem er sicher und besonnen handelt, minder aber schon und weniger wenn er durch Krankheit oder Liebe unsicher gemacht ist, oder durch einen Rausch oder sonst ein Mißgeschick: kommt er aber an einen seiner unwürdigen, so wird er nicht wollen ernsthafterweise sich dem schlechteren nachbilden, es müßte denn sein in wenigem wenn auch ein solcher einmal etwas gutes ausrichtet, sondern er wird sich schämen, sowohl weil er ungeübt ist solche nachzuahmen, als auch weil er unwillig ist in die Formen schlechterer sich einzuzwängen und abzudrucken, und es sich zur Schmach rechnet in seiner Seele, es müßte denn ganz zum Scherz geschehen. – Das leuchtet ein, sagte er. – Also wird er sich einer solchen Erzählung bedienen, wie wir kurz vorher gezeigt haben an den homerischen Gedichten, und sein Vortrag wird allerdings Teil haben an beiden, der Darstellung und der eigentlichen Erzählung, jedoch so, daß in einem großen Umfang von Rede nur ein kleiner Teil Darstellung vorkommen wird? Oder ist das nichts gesagt? – Vollkommen so, sprach er, wie eines (397) solchen Redners Art und Weise notwendig sein wird. – Also auch, sprach ich, wer nicht ein solcher ist, wird wiederum je schlechter er ist um desto mehr alles erzählen und nichts seiner für unwert halten; so daß er unweigerlich alles im Ernst und vor Vielen nachahmen wird, sowohl wovon wir eben sprachen als auch Donner und Geräusch von Sturm und Hagel und von Axen und Rädern, und Töne von Trompeten und Flöten und Pfeifen und allerlei Instrumenten, und die Stimme von Hunden und Schafen und Vögeln, und kurz der ganze Vortrag von solchen wird nachahmend sein an Stimme und Gebärden, und nur wenig reine Erzählung haben. – Notwendig, sagte er, ist auch dieses so. – Dieses nun, sprach ich, sind die beiden Arten des Vortrages, die ich meinte. – Das sind sie. – Nun hat doch wohl die eine von ihnen nur geringe Veränderungen; und wenn jemand dem Vortrag angemessene Gesangweise und Takt unterlegen will, so wird der richtig redende fast immer nach derselben Weise zu reden haben und nach Einer Tonart, denn die Veränderungen sind nur gering, und eben so ohngefähr wird es auch mit dem Takte sein. – Offenbar, sagte er, verhält es sich so. – Wie aber die Gattung des Anderen? bedarf die nicht im Gegenteil aller Tonarten und aller Bewegungen, wenn sie gehörig vorgetragen werden soll, weil sie so vielfältige Arten von Veränderungen enthält? – Gar sehr verhält es sich so. – Müssen nun nicht alle Dichter, und die etwas vortragen, entweder mit dem einen oder dem andern dieser Urbilder des Vortrages zusammentreffen, oder aus beiden eine mischen? – Notwendig, sagte er. – Wie wollen wir es also halten? sprach ich. Wollen wir alle diese in unsere Stadt aufnehmen, oder nur den einen von den ungemischten? oder den gemischten? – Wenn meine Meinung durchgeht, sagte er, nur den Nachahmer des tugendhaften den ungemischten. – Aber doch, o Adeimantos, ist auch der gemischte sehr anmutig, bei weitem am angenehmsten aber ist den Knaben und ihren Führern der entgegengesetzte von dem den du wählst, und so auch dem größten Haufen des Volks. – Am angenehmsten freilich. – Vielleicht aber, sprach ich, meinst du er schicke sich nicht in unsere Verfassung, weil es keinen zweigestaltigen oder gar vielgestaltigen Mann bei uns gibt, da jeder nur eins verrichtet. – Freilich schickt er sich nicht. – Deshalb nun werden wir in einer solchen Stadt allein den Schuster nur als Schuster finden, und nicht auch als Steuermann neben der Schusterei, und den Landmann nur als Landmann, nicht auch als Richter neben dem Ackerbau, und den Krieger nur als Krieger, nicht auch als Gewerbsmann neben der Kriegskunst, und so alle. – Richtig, sagte er. – Einem Mann also, wie es scheint, der sich (398) künstlicherweise vielgestaltig zeigen kann und alle Dinge nachahmen, wenn uns der selbst in die Stadt käme und auch seine Dichtungen uns darstellen wollte, würden wir Verehrung bezeigen als einem heiligen und wunderbaren und anmutigen Mann, würden ihm aber sagen, daß ein solcher bei uns in der Stadt nicht sei und auch nicht hineinkommen dürfe, und würden ihn, das Haupt mit vieler Salbe begossen und mit Wolle bekränzt, in eine andere Stadt geleiten, selbst aber uns mit dem strengeren und minder anmutigen Dichter und Fabellehrer der Nützlichkeit wegen begnügen, der uns des würdigen Mannes Vortrag nachahmend darstellt, und was er sagt nach jenen Vorschriften redet die wir schon anfänglich gesetzlich gemacht haben, als wir uns darangaben die Krieger zu erziehen. – Gewiß, sagte er, so würden wir es machen, wenn es von uns abhinge. – Nun aber, sprach ich, lieber, scheint uns der Teil der Musik, der es mit den Reden und Fabeln zu tun hat, ganz abgehandelt zu sein; denn was gesprochen werden soll und wie haben wir bestimmt. – Das scheint mir selbst so, sagte er. –

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