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Pioniere des Westens

Bret Harte: Pioniere des Westens - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorBret Harte
titlePioniere des Westens
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volume21. Jahrgang. Band 16
year1905
translatorHelmut Sarwey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110206
projectid66b292c8
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Ein Zögling von Chestnut Ridge.

Der Schulmeister von Chestnut Ridge ward in seiner nach Schulschluß gepflogenen Beschaulichkeit durch Hufschlag und Stimmenschall auf dem kleinen Saumpfad gestört, der zu der spärlichen Lichtung führte, in der das Schulhaus stand. Als die Gestalten eines Mannes und einer Frau zu Pferde an den Fenstern vorbeikamen und vor dem Eingangstor abstiegen, legte er seine Feder weg. Er erkannte die angenehmen, fröhlichen Gesichtszüge von Herrn und Frau Hoover, die einen benachbarten Rancho von einigem Wert besaßen und von der Gemeinde zu den Wohlhabenden gerechnet wurden. Da sie jedoch ein kinderloses Paar waren, hatten sie, während sie großmütig zur Erhaltung der kleinen Schule beitrugen, zu deren Herde nichts beigesteuert, und einigermaßen neugierig begrüßte sie der junge Schulmeister, der sich nicht denken konnte, was der Zweck ihres Besuches sein möchte. Die Mitteilung darüber ward indes durch eine gewisse höfliche Umständlichkeit hinausgezogen, die für den Pionier des Südwestens charakteristisch ist.

»Almiry,« sagte Herr Hoover, indem er sich zu seiner Gattin wandte, nachdem die erste Begrüßung mit dem Schulmeister vorüber war, »dies erinnert mich an alte Zeiten, weißt du! Denke dir, ich habe kein Schulhaus mehr von innen gesehen, seit ich ein Dreikäsehoch war. Und da sind die Bänke und Tische und Bücher und all das Abc, grad' wie einstens. Aber der Lehrer war damals so alt und grau wie ich bin, und einige von den Schülern – will Sie nicht kränken, Herr Brooks – waren älter und stattlicher als Sie. Aber die Zeiten ändern sich; doch schau, Almiry, ob da nicht ein Happen altbackenen Pfefferkuchens in dem Pult ist grad' wie einst! Herrgott, wie einem das alles wieder einfällt! Wie ich erst gestern gesagt habe, wir können unsern Eltern nicht genug danken, daß sie uns in unsrer Jugend eine Erziehung gegeben haben.« Und Herr Hoover blickte mit einer Miene, als ob er sich an eine Alma mater von düsterer Abgeschlossenheit und klösterlicher Erziehung erinnere, ehrerbietig auf die neuen Holzwände der Schulstube.

Aber Frau Hoover trat hier nach ihrer gewöhnlichen gütigen Weise mit einer gnädigen Hervorhebung der Jugend des Schulmeisters dazwischen. »Und vergiß nicht, Hiram Hoover, daß diese jungen Leute von heutzutage die alten Schulmeister von einst mehr lehren können, als du und ich uns träumen lassen. Wir haben von Ihrer Gelehrsamkeit schon viel gehört, Herr Brooks, und sind stolz darauf, Sie hier zu haben, wenn es auch dem Herrn nicht gefallen hat, uns Kinder zu schenken, die mir Ihnen schicken könnten. Aber mir haben stets unser Teil gezahlt, um die Schule für andre zu unterhalten, die besser daran waren, und nun sieht's aus, als hätte er uns nicht vergessen und als,« – dabei warf sie einen bedeutsamen, halb ängstlichen Blick auf ihren Gatten, den dieser durch ein bekräftigendes Nicken erwiderte – »als könnten wir wirklich dran denken, Ihnen selbst eine Schülerin zu schicken.«

Der etwas sensitiv veranlagte junge Schullehrer fühlte sich ein wenig verwirrt. Die Anspielung auf seine große Jugend hatte ihn, wenn sie auch durch das von der taktvollen Frau Hoover als Balsam verabreichte Lob gemildert war, geärgert und vielleicht seine Verwirrung über die Mitteilung vermehrt, zu der sie sich herbeigelassen. Er hatte von keiner nachträglichen Vermehrung der Familie Hoover gehört, was übrigens bei seiner abgeschlossenen Lebensweise begreiflich gewesen wäre; und obwohl er an die naive und offenherzige Einfalt der Pioniere gewohnt war, konnte er doch kaum glauben, daß die gute Dame eine erwartete Mutterschaft ankündigen wolle. Er lächelte aufs Geratewohl und bat seine Gäste Platz zu nehmen.

»Seh'n Sie,« sagte Herr Hoover, sich auf eine niedere Bank setzend, »die Sache hängt so zusammen. Almirys Bruder ist ein mächtiger Prediger in Sankt Antonio, da drunten an der Küste, und hat sich da mit 'ner stattlichen Gemeinde der baptistischen ›Frei-Willens-Kirche‹ niedergelassen und 'n Haufen Land von den Mexikanern erworben. Da ist 'ne Horde spanischen und indianischen Kruppzeugs, die zu dem Land gehört, und Almirys Bruder hat sich's in den Kopf gesetzt, sie zu bekehren und ihnen Zerknirschung und Religion beizubringen, obwohl die meisten davon Papisten sind. Da war 'ne Waise, ein kleines Mädel, das er den Priestern aus den Händen nahm, ja fast herausriß wie ein brennendes Scheit aus einem Feuer, und er schickte sie zu uns, damit wir sie in den Wegen des Herrn aufziehen, da er weiß, daß wir keine eigenen Kinder haben. Aber wir meinen, sie solle außerdem noch die Wohltat des Schulbesuchs genießen, und haben vor, sie regelmäßig hierher in die Schule zu bringen.«

Beruhigt und froh, dem gutmütigen Paar bei der Fürsorge für die heimatlose Waise helfen zu können, wenn auch mit ihrem religiösen Vorhaben nicht so ganz einverstanden, sagte der Lehrer, er sei entzückt, das Kind zu seiner kleinen Herde rechnen zu dürfen. Ob sie schon irgendwelche Erziehung genossen habe?

»Nur von den Paters, versteh'n Sie, Geschichten von Heiligen, der Jungfrau Maria, Erscheinungen und Wundern,« warf Frau Hoover dazwischen, »und wir dachten eigentlich, da Sie Spanisch verstehen, möchten Sie vielleicht im stande sein, dies auszurotten und dafür ›Sündenzerknirschung‹ und ›Rechtfertigung durch den Glauben‹ einzutauschen, versteh'n Sie.«

»Das,« sagte Herr Brooks, der bei dem Gedanken lächelte, die ›Mysterien‹ der Kirche durch gewisse lärmende Zeremonien und wundertätige Vorführungen zu ersetzen, deren Zeuge er bei dem Feldgottesdienst der Sektierer gewesen war, »werde ich wohl Ihnen überlassen müssen, und ich muß Sie warnen, nicht auch ihren Glauben an das Abc und die Rechentafel zu erschüttern.«

»Vielleicht haben Sie recht,« sagte Frau Hoover überrascht, aber gutmütig, »doch gibt's da noch was, das wir Ihnen sagen müßten. Sie ist – sie ist nämlich ein bißchen dunkelfarben.«

Der Lehrer lächelte. »Nun?« sagte er geduldig.

»Sie ist nicht etwa eine Negerin oder Indianerin, ver-

steh'n Sie, aber sie ist eigentlich 'ne halb spanische, halb mexikanische Indianerin, was man Mes–Mes–« nennt.«

»Mestizin,« half Herr Brooks ein, »ein Halbblut oder Bastard.«

»Ich glaube so heißt's. Würde das nun ein Hindernis sein, wie?«

»Nicht von mir aus,« erwiderte der Schulmeister vergnügt. »Trotz ihrer Staatsbeihilfe ist diese Schule keine öffentliche Schule im Sinne des Gesetzes; also haben Sie nur mit den törichten Vorurteilen Ihrer Nachbarn zu rechnen.« Er hatte den Grund ihres Zögerns verstanden und kannte wohl den strengen Rassengegensatz, den Herrn Hoovers südwestliche Landsleute dem Neger und Indianer gegenüber aufrecht erhielten, und er konnte sich nicht versagen, ihm das unter die Nase zu reiben:

»Die Leute können deutlich sehen, daß sie keine Negerin ist, denn ihr Haar kräuselt sich nicht, und ein lausiger Indianer ist natürlich ohnehin von unser einem verschieden.«

»Wenn Sie sie spanisch sprechen hören und sie einfach sagen, daß sie eine Fremde sei, wie es ja auch zutrifft, wird alles in Ordnung sein,« sagte der Schulmeister lächelnd. »Lassen Sie sie nur kommen, ich will auf sie achten.«

Sehr beruhigt nahm das Paar nach einigen weiteren Worten Abschied, wobei der Lehrer versprach, am nächsten Nachmittag Hoovers Rancho zu besuchen und mit seiner neuen Schülerin zusammenzutreffen. »Sie könnten uns einen oder den andern Wink geben, wie sie ausstaffiert werden soll, ehe sie zur Schule geht,« schloß Frau Hoover.

Der Rancho war ungefähr vier Meilen von dem Schulhause entfernt, und als Herr Brooks vor Hoovers Tor das Pferd anhielt, hatte er alle Achtung vor der Hingabe des Paars, das bereit war, das Kind zweimal im Tage so weit zu senden. Das Haus samt seinen Anbauten war auf stattlicherem Fuße als die der Umgebung ausgestattet und zeigte wenig von den mit halbem Herzen unternommenen Anläufen zu dauernder Bewohnung, wie sie von den Pionieren des Südwestens üblich, die nach Neigung und Umständen mehr oder weniger Nomaden waren. Er ward in ein wohlmöbliertes Wohnzimmer genötigt, dessen nagelneuer Anstrich durch schwarz eingerahmte Inschriften biblischen Inhalts gedämpft und beeinträchtigt wurde. Als Herr Brooks diese erblickte und sich die Schulzimmer der alten Missionen ins Gedächtnis rief mit ihren klösterlichen Schatten, wodurch die geputzten, beflitterten Heiligen und flammenden oder blutenden Herzen auf den Wänden halb verborgen wurden, sagte er sich, die kleine Waise der Mutterkirche mochte keinen vergnüglichen Tausch gemacht haben.

Als sie mit Frau Hoover das Zimmer betrat, schienen ihre großen dunklen Augen – der bemerkenswerteste Zug in ihrem Gesichtchen – in denen eine schüchterne Frage zu liegen schien, des Lehrers Befürchtung zu bestätigen. Sie schmiegte sich dicht an Frau Hoovers Seite, wie wenn sie, obschon über ihr Vorhaben im unklaren, die mütterliche Güte der guten Frau anerkennen wollte; doch auf des Schulmeisters spanische Anrede griff eine seltsame Veränderung in ihren wechselseitigen Beziehungen Platz. Ein rascher Blick des Einverständnisses kam in ihre melancholischen Augen und zugleich ein leichtes Bewußtsein der Überlegenheit gegenüber ihren Beschützern, das ihn einigermaßen aus dem Konzept brachte. Im übrigen bemerkte er lediglich, daß sie klein und zart gebaut war, obwohl ihre Gestalt unter einem langen Kattunschürzchen mit Ärmeln – einem ortsüblichen Kleidungsstück – versteckt war, das mit ihrem eigentlichen Wesen in schroffem Widerspruch stand. Ihre Haut war olivenfarben, dem Gelb sich nähernd – oder vielmehr von jener seinen rötlichgelben Schattierung, wie sie die frische Rinde des Erdbeerbaums aufweist. Ihr Gesicht war oval, ihr Mund klein und kindlich, und ihre übrigen Züge ließen ihre Abstammung nur wenig ahnen.

Die Fragen des Lehrers entlockten dem Kinde die Tatsache, daß es lesen und schreiben konnte, daß es sein »Ave Maria« und Glaubensbekenntnis wußte (zum Glück war die Protestantin, Frau Hoover, nicht in der Lage, diese Fragen zu verstehen); aber er entlockte ihr auch die etwas peinlichere Tatsache, daß ihre Antworten und Geständnisse eine gewisse Vertraulichkeit und Gleichberechtigung verrieten, die er nur seiner jugendlichen Erscheinung zuschreiben konnte. Er befürchtete, sie möchte sogar etwas über Frau Hoover bemerken, und darum war es ihm recht lieb, daß diese nicht spanisch verstand. Aber ehe er aufbrach, wußte er es einzurichten, mit Frau Hoover allein zu sprechen, und er riet ihr, das Kostüm der Schülerin zu ändern, wenn diese zur Schule käme. »Je besser sie angezogen ist,« erklärte der verschmitzte junge Diplomat, »um so weniger wahrscheinlich ist es, daß sie Verdacht hinsichtlich ihrer Rasse erregt.«

»Jetzt das ist's grad', was mich fuchst, Herr Brooks,« entgegnete Frau Hoover mit verlegenem Gesicht, »denn sehen Sie, sie ist ein heranwachsendes Mädchen, und,« schloß sie einigermaßen verwirrt, »ich kann nicht recht mit mir ins reine kommen, wie ich sie anziehen soll.«

»Wie alt ist sie denn?« fragte der Lehrer kurz.

»Sie geht ins Zwölfte, aber – « und Frau Hoover zauderte abermals.

»Nun, zwei meiner Schülerinnen – die Schwestern Bromly – sind über Vierzehn,« sagte der Lehrer, »und Sie wissen ja, wie die angezogen sind.« Aber hier zauderte er seinerseits. Es war ihm soeben eingefallen, daß die kleine Waise vom äußersten Süden war, und die frühzeitige Reife der Mischrassen dort war wohlbekannt. Zu seiner Beunruhigung entsann er sich sogar, Bräute von zwölf und Mütter von vierzehn Jahren unter den eingeborenen Landleuten gesehen zu haben. Dies mochte auch das Gefühl der Gleichberechtigung in ihrem Auftreten und selbst eine leichte Koketterie erklären, die er bemerkt zu haben glaubte, als er sie scherzend als »Muchacha« angeredet hatte,. »Ich würde sie etwas spanisch anziehen,« sagte er schnell, »etwas weiß, verstehen Sie, mit viel Falbeln und einer kleinen schwarzen Spitze, oder einer schwarzseidenen Borte und einer Spitzenschärpe, verstehen Sie. Es wird alles gut gehen, wenn Sie sie nicht wie eine Dienerin oder Untergebene erscheinen lassen,« fügte er hinzu, indem er ein Vertrauen zur Schau trug, das er keineswegs fühlte. »Doch Sie haben mir ihren Namen noch gar nicht gesagt,« schloß er.

»Da wir sie als Kind anzunehmen gedenken,« sagte Frau Hoover ernst, »werden Sie ihr den unsern geben müssen.«

»Aber ich kann sie doch nicht ›Fräulein Hoover‹ rufen,« gab der Lehrer zu bedenken. »Wie heißt sie denn mit Vornamen?«

»Wir dachten an Serafina Anna,« sagte Frau Hoover noch feierlicher.

»Aber wie heißt sie jetzt?« beharrte der Lehrer.

»Nun,« erwiderte Frau Hoover mit einem verlegenen Blick, »ich und Hiram betrachten's als 'ne heidnische Art Namen für 'n junges Mädel, doch Sie werden ihn in meines Bruders Brief finden.« Damit holte sie einen Brief unter dem Deckel einer großen Bibel hervor und wies auf eine Stelle darin.

»Das Kind ist ›Conception‹ getauft,« las der Lehrer.

»Na, das ist eine von den Marien!«

»Was für eine?« fragte Frau Hoover streng.

»Eine von den Bezeichnungen der Jungfrau Maria: ›Maria de la Conception‹ sagte Herr Brooks leichthin.

»Es klingt nicht entfernt so christlich und anständig wie Maria oder Marie,« entgegnete Frau Hoover argwöhnisch.

»Aber die Abkürzung ›Concha‹ ist sehr hübsch. Wirklich, das ist grade das Passende, es ist so echt spanisch,« erwiderte der Lehrer nachdrücklich. »Und Sie wissen, daß die Squaw, Indianerweib. Anm. d. Übers. die sich um das Goldgräberlager herumtreibt, ›Reservations Anna‹ genannt wird, und die Negerköchin der alten Frau Parkins wird ›Tante Serafina‹ genannt; daher ist Serafina Anna zu verdächtig. Concha Hoover ist der richtige Name.

»Vielleicht haben Sie recht,« sagte Frau Hoover nachdenklich.

»Und ziehen Sie sie so an, daß ihr Aussehen ihrem Namen entspricht, und es wird alles gut sein«, sagte der Lehrer froh, als er sich empfahl.

Trotzdem vernahm er am nächsten Morgen etwas besorgt den Hufschlag auf dem Saumpfad, der zu dem Schulhaus führt. Er hatte bereits seine kleine Schar von dem vermutlichen Zuwachs verständigt, und ihre atemlose Neugier kündigte jetzt das Erscheinen Herrn Hoovers an, der am Fenster vorbeiritt, hinter sich eine kleine Gestalt, halb verhüllt in dem anmutigen Faltenwurf einer Serape. Im nächsten Augenblick stiegen die beiden am Eingangstor ab, die Serape ward beiseite geworfen und die neue Schülerin trat ein.

Obschon ihm nicht ganz wohl bei der Sache war, glaubte der Lehrer doch niemals eine so niedliche Gestalt gesehen zu haben. Ihr mit schwerem Besatz versehener weißer Rock schnitt gerade kurz über ihren in weißen Strümpfen steckenden Knöcheln und über den Füßchen ab, die in weißen Atlaspantöffelchen mit niederen Absätzen versteckt waren. Ein schwarzseidenes Jäckchen umschloß nur zur Hälfte ihre Büste, die in ein Untermieder von zartem Musselin gekleidet war, das undeutlich Umrisse erblicken ließ, die er zu seiner Überraschung als schon weiblich erkannte. Einen schwarzen Spitzenschleier, der ihren Kopf bedeckt hatte, hatte sie beim Eintritt mit einer anmutigen Bewegung auf die Schulter herabgestreift, indem sie das eine Ende mittels einer Rose über ihrem kleinen gelben Ohr an das Haar gesteckt ließ. Die ganze Erscheinung stimmte so wenig zu ihrer augenblicklichen Rangstufe, daß der Lehrer bei sich beschloß, Frau Hoover eine Abänderung anzuraten, während er gleichwohl das Mädchen mit großer Feierlichkeit zu dem Platz führte, den er für sie bestimmt hatte. Herr Hoover, der von dem Bewußtsein durchdrungen war, die Schulzucht dadurch unterstützt zu haben, daß er in ehrfürchtiger Erinnerung auf die Wände blickte, flüsterte jetzt hinter seiner großen Hand, daß er um vier Uhr wieder nach ihr sehen wolle, und schlich auf den Zehen aus dem Schulzimmer. Der Lehrer, der sich sagte, daß alles darauf ankäme, die übermäßige Neugier der Kinder einzudämmen und die Schulzucht während der nächsten paar Minuten aufrecht zu erhalten, redete das junge Mädchen mit unnatürlicher Feierlichkeit auf Spanisch an und legte ihr ein paar einfache Aufgaben vor. Vielleicht war es das Fremde der Sprache, vielleicht der ungewohnte Ernst des Lehrers, vielleicht auch die Gemessenheit der jungen Fremden selbst, – alles trug dazu bei, das um sich greifende Lächeln auf den kleinen Gesichtern der Kinder zu bannen, ihre wandernden Augen festzuhalten und ihr eifriges Geflüster zu ersticken. Nach und nach beugten sich die Köpfe wieder über ihre Aufgaben, das Gekritzel der Griffel auf den Schiefertafeln und das entfernte Klopfen der Spechte bewiesen, daß wiederum die gewohnte Ruhe im Schulzimmer herrschte, und der Lehrer wußte, daß er triumphiert hatte und die Feuerprobe bestanden war.

Aber nicht, soweit es ihn anging, denn obgleich der neue Zögling seine Vorschriften mit kindlichem Gehorsam und, wie ihm sogar schien, mit kindlicher Fassungskraft angenommen hatte, konnte er nicht umhin zu bemerken, daß sie dann und wann mit der ehrpusseligen Andeutung eines zwischen ihnen bestehenden Einverständnisses auf ihn blickte, als ob sie Lehrer und Schüler spielten. Dies ärgerte ihn natürlich und verlieh seinem Benehmen vielleicht eine strengere Würde, die indes ihre Wirkung zu verfehlen schien und, wie er sich einbildete, sie insgeheim lustig stimmte. Lachte sie etwa heimlich über ihn? Doch hinwiederum ein oder das andre Mal, als ihre großen Augen von ihrer Aufgabe durch das Zimmer wanderten, trafen sie den neugierigen Blick der andern Kinder, und er bildete sich ein, einen Austausch jenes Freimaurer-Einverständnisses zu sehen, das zwischen Kindern in Gegenwart von Erwachsenen besteht, selbst wenn sie einander fremd sind. Er war auf die Freizeit gespannt, um zu sehen, wie sie sich mit ihren Gefährten vertragen würde; er wußte, daß dies ihre Stellung in der Schule und vielleicht auch sonst begründen würde. Selbst ihr spärlicher englischer Sprachschatz konnte in keiner Weise diese unwillkürliche kindliche Erprobung ihrer Überlegenheit beeinträchtigen; doch er war überrascht, daß er, als die Stunde der Freizeit kam und er ihr auf Spanisch und Englisch deren Bedeutung auseinandergesetzt hatte, sie ruhig ihren Arm um die Taille von Mathilde Bromly, dem größten Mädchen der Schule, legen sah, als die beiden sich nach dem Spielplatz begaben. Sie war nach alledem noch das reine Kind!

Manches andre schien seine Meinung zu bestätigen. Als später die Kinder zurückkamen, war die junge Fremde mit einem Male der Abgott aller geworden und hatte augenscheinlich ihre Gunst und Gnade edelmütig verteilt. Die ältere Bromly trug ihren Spitzenschleier, eine andre war im Besitz ihres Taschentuchs, und eine dritte prahlte mit der Rose, die ihr linkes Ohr geschmückt hatte, Gegenstände, von denen der Lehrer Notiz nehmen mußte, um sie bei Schulschluß der verschwenderischen kleinen Barbarin wieder zuzustellen. Hernach ward er jedoch dadurch sehr in Unruhe versetzt, daß ein unbekannter Gegenstand geheimnisvoll unter den Pulten wanderte, der augenscheinlich die Runde durch die Schule machte. In dem ärgerlichen Gefühl, vielleicht zum Besten gehalten zu werden, »haschte« er das corpus delicti schließlich bei dem sechsjährigen Demosthenes Walker unter dem unwillkürlichen Ausruf der ganzen Schule: »Abgefaßt!« Als es unter Master Walkers Pult in Gesellschaft einer Schildkröte und eines Stücks Pfefferkuchen hervorgeholt wurde, entpuppte es sich als Conchas weißer Atlasschuh, indes das junge Mädchen selbst sich sittsam über seine Aufgabe neigte und den beraubten Fuß wie ein Vöglein unter ihrem Rock aufgezogen hielt. Der Lehrer, der die Rüge für diesen und andre Greuel auf später verschob, begnügte sich zu befehlen, daß der Schuh ihm gebracht werde, worauf er ihn ihr mit der satirischen Bemerkung aushändigte, das Schulzimmer sei kein Umkleidezimmer, camara para vestirse. Zu seiner Überraschung streckte sie jedoch den winzigen im Strumpfe steckenden Fuß hin, wobei sie in seltsamer Verbindung zugleich das Bild eines beraubten Kindes und einer koketten Senorita bot, und verharrte in dieser Stellung, als ob sie darauf warte, daß er hinkniee und ihr den Schuh wieder anziehe. Aber er legte ihn vorsichtig auf ihr Pult.

»Ziehen Sie ihn sofort an,« sagte er auf englisch.

Der Ton seiner Stimme war nicht mißzuverstehen, wie es auch mit der Sprache stehen mochte. Concha schnellte einen raschen Blick auf ihn ab, der an den auflodernden Zorn eines Tiers erinnerte, doch fast ebenso rasch senkten sich ihre Augenlider, und sie zog mit einer eiligen Bewegung das Pantöffelchen an.

»Bitt' schön, Herr Lehrer, es fiel herunter und Jimmy Snyder gab es herum,« sagte ein Stimmchen von den Bänken her zur Aufklärung.

»Ruhe!« sagte der Lehrer.

Trotzdem freute er sich zu sehen, daß die Schule die Vertraulichkeit des Mädchens nicht bemerkt hatte, selbst auf die Gefahr, daß sie ihn für »hart« hielten. Er war, wenn er's recht bedachte, nicht so ganz sicher, ihre Verfehlung nicht aufgebauscht zu haben und unnötig streng gewesen zu sein, und dies Gefühl ward dadurch noch vermehrt, daß er gelegentlich entdeckte, wie sie ihn mit den verwunderten Augen eines gescholtenen Tierchens anblickte. Später, als er zwischen den Pulten auf und ab wanderte und die Aufgaben der einzelnen Zöglinge durchsah, bemerkte er aus der Entfernung, daß ihr Kopf über ihr Pult gesenkt war, indes ihre Lippen sich bewegten, als wiederholten sie ihre Aufgabe im stillen, und daß sie nachher, sich durch einen hurtigen Blick über das Zimmer versichernd, daß man nicht auf sie achte, schnell ein Kreuz schlug. Es kam ihm bei, daß dem ein reumütiges Gebet des Kindes vorangegangen sein möchte, und die Erinnerung an ihre Erziehung bei den Patern gab ihm einen Gedanken ein. Er entließ die Schule einige Augenblicke früher in der Absicht, mit ihr allein vor Herrn Hoovers Ankunft zu sprechen. Indem er auf den Vorfall mit dem Pantoffel anspielte und ihre Versicherungen anhörte, »er« (der Pantoffel) sei viel zu groß und falle oft »so« herab, eine Tatsache, die durch eine Vorführung wirklich erhärtet wurde, ergriff er die günstige Gelegenheit, sie zu fragen: »Sagen Sie mir doch, wenn Sie bei dem Pater waren und Ihr Pantoffel herabfiel, erwarteten Sie doch wohl nicht, daß er ihn Ihnen wieder anziehe?«

Concha blickte ihn scheu an und sagte dann triumphierend: »Ach nein! Aber er war auch ein Priester, und Sie sind ein junger Caballero.«

Aber selbst nach dieser Kühnheit fand Brooks, daß er lediglich Herrn Hoover einen Wechsel in den Pantoffeln des jungen Mädchens, die Entfernung des mit einer Rose befestigten Schleiers und dessen Ersatz durch einen Damenhut empfehlen könne. Im übrigen mußte er auf die Umstände bauen. Als Herr Hoover, der mit großem Väterlichen Optimismus erklärt hatte, schon einen Fortschritt an ihr wahrzunehmen, ihr in den Sattel half, konnte der Lehrer nicht umhin zu bemerken, daß sie offenbar erwartet hatte, er werde ihr diese Höflichkeit erweisen, und daß sie entsprechend vorwurfsvoll dreinschaute.

»Die heiligen Väter pflegten mich manchmal mit ihnen auf ihren Maultieren reiten zu lassen,« sagte Concha, indem sie sich vom Sattel gegen den Lehrer beugte.

»Ei was, Fräuleinchen?« sagte der Protestant Hoover und spitzte die Ohren. »Jetzt hören Sie eben auf Herrn Brooks' Lehren und kümmern sich nicht mehr um die Papisten,« setzte er hinzu, als er in der festen Überzeugung wegritt, der Lehrer habe schon die Aufgabe ihrer geistigen Bekehrung begonnen.

Beim Erwachen am nächsten Tage fand der Lehrer, daß seine kleine Schule berühmt geworden war. Welche Übertreibungen und Phantastereien immer die Kinder ihren Eltern daheim berichtet haben mochten, das Ergebnis war ein überwältigendes Interesse an den Vorgängen und Personalien der Schule im ganzen Bezirk. Es gab Leute, die schon Hoovers Rancho besucht hatten, um Frau Hoovers hübsche Adoptivtochter zu sehen. Der Lehrer hatte heute morgen auf dem Weg nach dem Schulzimmer ein paar Holzhauer und Kohlenbrenner entdeckt, die sich auf dem Saumpfad herumtrieben, der von dem Hauptweg herführte. Zum Teil begleiteten sogar die Eltern ihre Kinder zur Schule und versicherten, sie hätten sich eben losgemacht, um zu sehen, wie »Aramanta« oder »Tommy« »sich machten«. Als die Schule sich zu versammeln begann, strichen verschiedene ungewohnte Gesichter an den Fenstern vorbei oder wurden kläglich an den Scheiben plattgedrückt. Das kleine Schulhaus hatte keine solche Ansammlung mehr gesehen, seit es im vergangenen Herbst zu einer politischen Versammlung hergegeben worden war. Und der Lehrer gewahrte mit einiger Besorgnis, daß es vielfach dieselben Gesichter waren, die den glänzenden Tiraden Oberst Starbottles lauschten, des »Streitrosses der Demokratie«.

Denn er konnte seine Augen der Tatsache nicht verschließen, daß sie nicht aus reiner Neugier kamen, um das Wundertier zu sehen; nicht aus Wertschätzung des rein Malerischen und Schönen, und ach! nicht aus Begeisterung für den Fortschritt der Erziehung. Er kannte die Leute, unter denen er gelebt hatte, und er mußte sich sagen, daß die unglückliche Frage der »Farbe« auf irgend eine geheimnisvolle Weise von jenen Auswanderern des Südwestens aufgeworfen worden war, die ihre angebornen Vorurteile in diesen »freien Staat« eingeführt hatten. Wenige Worte schon überzeugten ihn, daß die unglückseligen Kinder die Gesichtsfarbe ihrer neuen Mitschülerin verschieden beschrieben hatten, und daß man annahm, der Schulmeister aus dem »Norden«, unterstützt und angestiftet vom »Kapital« in der Person von Hiram Hoover, habe eine »Niggerdirne«, ein »Chinesenmädchen« oder einen »Indianerbalg« gleichberechtigt zum Unterricht zugelassen wie die »reinen Weißen« und so die Söhne von Freien in ihrem eigenen Nest beschmutzt. Es gelang ihm, viele zu überzeugen, daß das Kind spanischen Ursprungs sei, aber die Mehrzahl zog vor, sich mit eigenen Sinnen zu überführen, und verweilte zu diesem Zwecke. Als die Stunde für ihr Erscheinen nahte und vorbeiging, ergriff ihn plötzlich die Befürchtung, sie möchte nicht kommen, Herr Hoover möchte von seinen Mitbürgern bestimmt worden sein, sie in Anbetracht der herrschenden Erregung aus der Schule zu nehmen. Doch ein schwaches Hurra von dem Saumpfad her belehrte ihn eines Besseren, und im nächsten Augenblick zog ein kleiner Aufzug am Fenster vorüber, und sofort ward ihm alles klar. Die Hoovers hatten offenbar beschlossen, das Spanische ihres kleinen Mündels hervorzuheben. Concha saß jetzt, einen schwarzen Reitrock über ihren Falbeln, auf einem hübschen in Silbergeschirren glänzenden Pintomustang, von einem Vaquero Spanisch-amerikanischer Rinderhirt. in einer Samtjacke begleitet, während Herr Hoover den Beschluß machte. Er war, wie er dem Lehrer mitteilte, lediglich gekommen, um dem Vaquero den Weg zu zeigen, der künftig immer das Kind zu und von der Schule geleiten würde. Ob er zu dieser Maßregel durch die herrschende Erregung veranlaßt worden oder nicht, wollte nicht verlauten. Genug, daß die Wirkung durchaus günstig war. Das Reitkleid und die Zieraten ihres Mustangs hatten Conchas pikantes Wesen noch augenscheinlicher gemacht, und wenn ihre Abstammung noch von etlichen in Zweifel gezogen wurde, ward das Kind selbst doch mit Begeisterung aufgenommen. Die zuschauenden Eltern waren stolz auf diesen hervorragenden Zuwachs zu der Schar der Spielgefährten ihrer Kinder, und als sie unter den Zuruf ihrer kleinen Genossen abstieg, geschah es mit der Sicherheit einer Königin. Der Lehrer allein sah Ärgernis voraus bei dieser Ermutigung ihrer Frühreife. Er empfing sie gelassen und sagte, als sie ihren Reitrock abgelegt hatte, mit einem Blick auf ihren Fuß: »Ich sehe mit Vergnügen, daß Sie Ihre Pantoffeln gewechselt haben; hoffentlich passen sie Ihnen besser als die andern.«

Das Kind zuckte die Schultern. » Quien sabe? Spanisch – wer weiß? Anm. d. Übers. Aber Pedro (der Vaquero) wird mir jetzt auf mein Pferd helfen, wenn er mich abholt.«

Der Lehrer verstand das bezeichnende non sequitur als eine Anspielung auf seinen Mangel an Ritterlichkeit am vorhergehenden Tage, nahm aber keine Notiz davon. Trotzdem freute er sich, im Lauf des Tages zu sehen, daß sie ihren Aufgaben mehr Aufmerksamkeit widmete, wiewohl diese im allgemeinen mit der ihrer Rasse eigenen schlaffen Gleichgültigkeit gegen alle geistige Ausbildung hergesagt wurden. Einmal gedachte er, ihre Tätigkeit durch ihre persönliche Eitelkeit anzustacheln.

»Warum kannst du nicht so fix lernen wie Mathilde Bromly? Sie ist nur zwei Jahre älter als du,« hielt er ihr vor.

»Ach! Mutter Gottes! – warum versucht sie dann Rosen wie ich zu tragen? Und mit dem Haar! Es steht ihr nicht.«

Der Lehrer wurde hierdurch zuerst darauf aufmerksam, daß die ältere Bromly als »offenste Form der Schmeichelei« gegenüber ihrem Schwarm eine gelbe Rose in den lohfarbenen Locken trug, und weiter, daß Master Bromly mit feinem Humor seiner Schwester Nachäfferei mittels einer hinters linke Ohr gesteckten kleinen Mohrrübe ins Lächerliche zog. Der Lehrer nahm sie schleunigst weg, fügte zur Strafe noch eine weitere Belastung der schon übervollen Schiefertafel des Witzbolds hinzu und kehrte zu Concha zurück. »Möchtest du nicht gerne so klug sein wie sie? – Du kannst's, wenn du nur lernen willst.«

»Warum sollte ich's? Schauen Sie nur; sie schwärmt für den Großen da, den Brown! Ach je! Mein Fall wäre das nicht.«

Aber trotz dieses Mangels an edlem Ehrgeiz schien Concha die »Schwärmerei« der Knaben, der großen und kleinen, und wie der Lehrer bald entdeckte, selbst mancher Erwachsenen auf sich gelenkt zu haben. Stets gab es Tagediebe auf dem Saumpfad bei Beginn und Schluß der Schule, und der Vaquero, der sie jetzt immer begleitete, wurde ein Gegenstand des Neides. Vielleicht veranlaßte dies den Lehrer, ihn genauer zu beobachten. Er war groß und hager, von glattem, farblosem Angesicht, hatte aber zu des Lehrers Verwunderung das blaugraue Auge des vornehmern oder kastilischen Typs der eingebornen Kalifornier. Weitere Nachforschung ergab, daß er ein Sohn der alten verarmten spanischen Besitztitelinhaber war, deren Land und Vieh den Hoovers verpfändet worden, die jetzt den Sohn anstellten, um das »lebende Inventar« zu beaufsichtigen. »Es sieht fast aus, als wenn er 'n Auge auf das arme kleine Mädel werfen möchte, wenn sie einmal heiratsfähig sein wird,« warf ein eifersüchtiger Hirt hin. Einige Tage unterzog sich das Mädchen seinen Schulaufgaben mit der gewohnten trägen Gleichgültigkeit und verletzte die Ordnungsvorschriften nicht mehr. Auch spielte Herr Brooks nicht wieder auf ihre hoffnungslose Auseinandersetzung an. Aber eines Nachmittags bemerkte er, daß sie die Stille und die allgemeine Emsigkeit in der Klasse benutzt hatte, um an Stelle ihres Textbuches einen andern Band unterzuschieben, und mit den buchstabierenden Lippen des ungeübten Lesers darin las. Er forderte ihr es ab. Mit flammenden Augen, beide Hände in ihr Pult gepreßt, verweigerte sie es und trotzte ihm. Herr Brooks schlang seine Arme um ihre Taille, hob sie ruhig von der Bank empor – wobei er ihre kleinen Zähne in den Rücken seiner Hand dringen fühlte – und bemächtigte sich des Buches. Zwei der älteren Knaben und Mädchen hatten sich mit erregten Gesichtern erhoben.

»Setzt euch!« sagte der Lehrer ernst.

Sie nahmen ihre Plätze mit eingeschüchterten Blicken ein. Der Lehrer untersuchte das Buch. Es war ein kleines spanisches Gebetbuch. »Du hast darin gelesen,« sagte er in ihrer eigenen Sprache. »Ja, und Sie sollen mich nicht daran hindern,« brach sie los. »Mutter Gottes! Die in dem Rancho wollen mich's nicht lesen lassen. Sie wollten es mir wegnehmen. Und jetzt auch noch Sie!«

»Du magst darin lesen, wann und wo du willst, außer wo du an deinen Aufgaben arbeiten sollst,« erwiderte der Lehrer ruhig. »Du magst es hier in deinem Pult aufbewahren und in der Freizeit darin lesen. Verlange es dann von mir. Es paßt sich nicht, jetzt darin zu lesen.«

Das Mädchen blickte mit erstaunten Augen auf, die sich bei der Launenhaftigkeit ihres leidenschaftlichen Wesens im nächsten Augenblick mit Tränen füllten. Dann sank sie auf ihre Kniee, faßte des Lehrers gebissene Hand und bedeckte sie mit Tränen und Küssen. Aber er machte sie ruhig los und hob sie zu ihrem Sitz empor. Ein Kichern erklang von den Bänken, das sich jedoch schnell legte, als er im Zimmer umherblickte, und der Zwischenfall war zu Ende.

Von da an holte Concha regelmäßig zur Freiheit ihr Gebetbuch und verschwand mit den Kindern, wobei sie, wie Brooks hernach erfuhr, einen Sitz unter einem abgelegenen Roßkastanienbaum fand, wo sie nicht von ihnen gestört wurde, bis ihre Gebete beendet waren. Die Kinder mußten einem Gebot von ihr gehorsam geblieben sein, denn der Vorfall und diese Gepflogenheit wurden nie aus der Schule geplaudert, und der Lehrer erachtete es nicht als seine Pflicht, Herrn oder Frau Hoover zu verständigen. Wenn das Kind einen günstigen Einfluß – mochten ihn auch manche als einen abergläubischen ansehen – auf sein launisches und frühreifes Wesen verspürte, warum sollte er sich einmengen?

Eines Tages während der Freizeit fiel ihm auf einmal auf, daß jene kleinen Stimmen in den Wäldern um das Schulhaus her verstummten, die ihm in seiner Abgeschlossenheit immer so vertraut und willkommen waren, wie der Gesang ihrer Spielkameraden – der Vögel selbst. Doch die fortdauernde Stille erweckte schließlich Besorgnis und Neugier in ihm. Er hatte sich selten in die Spiele und Unterhaltungen seiner Zöglinge gemengt oder daran teilgenommen, da er aus seiner eigenen Knabenzeit wußte, wie schwer die Einmengung eines Erwachsenen auch bei den besten Absichten selbst dem heuchlerischst höflichen Kinde in solchen Augenblicken eingeht. Eine Regung des Pflichtgefühls trieb ihn jedoch, über das Schulgebäude hinaus zu gehen, wo er zu seinem Erstaunen die angrenzenden Waldungen leer und still fand. Er beruhigte sich jedoch, als er durch ihre Gebüsche hindurchgedrungen war und den fernen Klang schwacher Beifallsbezeigungen, sowie das unverkennbare ächzende Gekeuche von Johnny Stidgers Taschenakkordeon vernahm. Indem er dem Klang nachging, kam er schließlich zu einer kleinen von Sykomoren umgebenen Schlucht, wo die Kinder einen Ring bildeten, in dessen Mitte, in jeder Hand ein Taschentuch, die schwermütige Concha! – die fromme Concha! – jene ausgelassenste Partie des Fandango tanzte, die herausfordernde Sembicuaca!

Doch trotz ihrer rohen und nicht ganz taktfesten Begleitung tanzte sie mit einer erstaunlichen Anmut, Sicherheit und Leichtigkeit: trotz den bedenklichen Stellungen und der schmachtenden Sinnlichkeit des Tanzes tanzte sie ihn mit der ungekünstelten Fröhlichkeit und Unschuld – vielleicht war es der Eindruck ihrer winzigen Gestalt – eines reinen Kindes vor einem Publikum von Kindern. Da sie ihn allein tanzte, stellte sie bald den Mann, bald die Frau dar; ging vorwärts, zurück, kokettierte, bezauberte durch Sprödigkeit und ergab sich endlich so leicht und körperlos wie die flatternden Schatten, die die rauschenden Bäume auf sie herabwarfen. Der Lehrer war entzückt, fühlte sich aber doch nicht so ganz wohl bei der Sache. Wie, wenn ältere Zuschauer dabei gewesen wären? Würden die Eltern die Vorstellung für ebenso unschuldig halten wie die Ausführende und ihr kleines Publikum? Er hielt es später für notwendig, dies dem Kinde schonend nahezulegen. Da aber wurde sie wild, ihre Augen flammten.

»Ah, der Pantoffel ist verboten. Das Gebetbuch – darf nicht sein. Der Tanz, der taugt nichts. Wirklich, nichts kann ich recht machen!«

Mehrere Tage schmollte sie. Als sie eines Morgens nicht zur Schule kam und am folgenden auch nicht, suchte der Lehrer Hoovers Rancho auf. Frau Hoover kam ihm in der Halle verlegen entgegen. »Ich sagte Hiram, er müsse es Ihnen mitteilen, aber er wollte nicht, bis es gewiß wäre. Concha ist fort.«

»Fort?« wiederholte der Lehrer.

»Ja. Mit Pedro weggelaufen. Gestern wurde sie von dem papistischen Priester in der Mission mit ihm getraut.«

»Verheiratet! Dieses Kind?«

»Sie war kein Kind, Herr Brooks. Wir haben uns täuschen lassen. Mein Bruder war ein Narr, und Männer verstehen nichts von dergleichen. Sie war ein erwachsenes Frauenzimmer – entsprechend den Anschauungen und Gebräuchen dieser Leute – als sie hierher kam. Und das ist's, was mich geärgert hat.«

*

Eine Woche lang herrschte Aufregung in Chestnut Ridge, aber der Lehrer nahm zu seiner Freude wahr, daß die Kinder, indes sie um Conchas Verlust trauerten, nie und nimmer zu begreifen schienen, warum sie fort war.

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