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Pioniere des Westens

Bret Harte: Pioniere des Westens - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorBret Harte
titlePioniere des Westens
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volume21. Jahrgang. Band 16
year1905
translatorHelmut Sarwey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110206
projectid66b292c8
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Prossys alte Mutter.

»'s ist ja alles ganz schön,« sagte Joe Wynbrook, »daß wir hier halten und uns in aller Gemütsruhe was vorlügen, wenn draußen der Wind durch die Fichten pfeift und der Regen die Gräben nur so ausfegt, um uns die Schleusenkästen Ein Behälter am Ende des Goldwäschertrogs zum Auffangen des Goldes. mit Gold zu füllen, derweil wir hier paffen und warten, aber, Jungens, ich will euch was sagen: 'n Heim ist das nicht! Nein, 'n Heim ist das nicht!«

Der Sprecher hielt inne, warf einen Blick umher auf den hellen, behaglichen Schenkraum, die schimmernde Reihe Gläser dahinter und den Kreis vergnügter Gesichter vor dem Ofen, an dem seine eigenen Stiefel fröhlich dampften, holte ein Glas Whisky vom Fußboden unter seinem Stuhl herauf und nahm trotz seiner mißbilligenden Bemerkung mit allen Zeichen der Zufriedenheit einen tiefen Schluck von dem Branntwein.

»Wenn Ihr meint,« gab Cyrus Brewster zurück, »daß es nicht das alte Farmhaus ist, wie wir's als junge Bengels kannten, dahinten 'rum in den Wäldern, so will ich Euch recht geben; aber Ihr werdet Euch gefälligst besinnen, daß um die Farm keine Goldstellen rings rum lagen. Nicht zu machen. Wär' so was dagewesen, wär'n wir nicht weggelaufen.«

»Das mein' ich nicht,« sagte Joe Wynbrook, indem er sich bequem in seinen Stuhl zurücklehnte, »'s ist der häusliche Herd, von dem ich spreche. Das Wohltuende, versteht – die Sauberkeit von den Weibsleuten.«

»Na, was das Wohltuende betrifft,« bemerkte der Schankwirt, indem er seine Ellbogen sinnend auf den Zahltisch stützte, »bevor ich hier das Ausgeschachtete vermünzte, hatt' ich 'nen Kramladen und 'ne Schenke dahinten in Missouri 'rum; da lagen fünf Farmen vom alten Schlag bei'nander. Verflucht sei mein Fell, wenn nicht die Mannsleute damals in meinem Laden zu seh'n waren, wie sie auf Tonnen saßen und ihren üblichen Kornschnaps schlürften, vielmal öfter als ihr alle hier – bei all diesen modernen Verbesserungen.«

»Es erfaßt's keiner von euch,« erwiderte Wynbrook ungeduldig. »Wann's weiter nichts brauchte, als Häuser zu bauen und Familien zu gründen, so schätze ich, daß euer Lager es dafür so ziemlich auskömmlich hat und es nicht an Mädels fehlt, uns zu freien, aber das hieße bloß sich 'nen Trubel auf den Hals laden und einen Haufen schnatternder Weiber loslassen, daß sie gegen'nander klatschen und unsre ganze Freundschaft untergraben. Nein, ihr Herren! Was uns, wie wir hier beisammen sind, abgeht, das ist 'ne gute alte Mutter! Nicht so 'was Neubackenes oder Modisches, nein, so 'ne richtige Mutter vom alten Schlag, wie wir sie als Jungens hatten!«

Der Sprecher berührte eine recht abgegriffene Saite, eine, die kaum noch mehr abzugreifen und die einst vergeblich erklungen war, aber doch noch ihre Wirkung tat. Die Männer schwiegen. Also ermutigt fuhr Wynbrook fort: »Denkt euch, ihr kommt in 'ner Nacht wie heute aus dem Flußbett nach Hause und findet eure alte Mutter, die auf euch wartet! Da gibt's kein Rumtasten nach den Zündhölzern, die ihr im Flußbett gelassen habt! kein solches Gefluche von oben 'runter, weil das Holz naß ist oder weil ihr vergessen, es 'reinzubringen: kein Rumkramen nach euren trockenen Sachen, um schließlich zu finden, daß ihr am Morgen vergessen habt, sie zu trocknen – sondern alles wartet fix und fertig auf euch. Und dann bringt sie vielleicht 'n paar Pfannkuchen, die sie eben für euch gebacken hat – so wie nur sie sie backen kann! Nehmt zum Beispiel Prossy Riggs – hier an meiner grünen Seite! Er hat doch den fettesten Fang gemacht und setzt nun 'n großartiges Haus auf die Anhöhe. Schön! Laßt's ihn fertigstellen und pikfein einrichten – mit 'nem chinesischen Koch, 'ner Biddy Biddy (Put-put-Hühnchen) Bezeichnung der irischen Dienstmädchen. und 'nem mexikanischen Vaquero, um nach seinem Gaul zu schauen – aber keine Mutter wird ihm das Haus in Ordnung halten! Das heißt,« verbesserte er sich gemächlich und wandte sich zu seinem Gefährten. »Ihr habt wenigstens nie von Eurer Mutter gesprochen, drum meine ich, daß Ihr ungefähr wie wir festsitzt.«

Der angeredete junge Mann errötete verlegen und nickte dann linkisch mit dem Kopfe. Er hatte jedoch mit einer schier kindischen Anteilnahme und mit einer ehrfürchtigen Bewunderung seiner Kameraden auf die Unterhaltung gelauscht – Eigenschaften, die in Verbindung mit einem nicht übermäßig glänzenden Begriffsvermögen ihn abwechselnd zur Zielscheibe und zum Liebling des Lagers machten. In der Tat glaubte man, daß er über das Maß Einfalt und Unerfahrenheit verfüge, das nach dem Aberglauben der Goldgräber seinem Besitzer Glück bringt. Und dies war unzweideutig dadurch erwiesen, daß er »den fettesten Fang« des ganzen Jahres gemacht hatte.

Joe Wynbrooks Gefühlsregung, wenngleich sie lediglich abwägender Natur und nur halb ernst gemeint war, hatte unbewußt eine Saite in »Prossys« einfacher Lebensgeschichte berührt, und das Erröten seiner Wange beruhte nicht ausschließlich auf Schüchternheit. Heim und Angehörige, von denen sie so leichthin sprachen, hatte er nie gekannt; er war ein Findling! Als er in der folgenden Nacht wach im Bette lag, dachte er an die Wohltätigkeitsanstalt, die sein Säuglingsalter beschützt hatte, an den Lehrer, bei dem er später untergebracht worden war; – das war alles, was er von seiner Kindheit wußte. In all seiner Einfalt hatte es einen großen Eindruck auf ihn gemacht, welch absonderlichen Wert seine Gefährten dem Einfluß der Familie beilegten, und er hatte ihre Übertreibungen völlig gläubig aufgenommen. Bei seiner vollständigen Unwissenheit und seinem Mangel an Verständnis für Spaß hatte er nichts Falsches in ihrer Gefühlsäußerung entdeckt. Und ein unbestimmtes Gefühl der Verantwortlichkeit, die er als Glücklichster von ihnen und als der, der sich zuerst ein »Haus« im Lager gebaut hatte, empfand, begann ihn zu bedrücken. Er lag da und starrte mit weit geöffneten Augen ins Dunkel, horchte auf den Bergwind und fühlte dessen warmen Hauch durch die Ritzen der Blockhütte über sein Gesicht streichen, indes er des neuen Hauses auf dem Hügel gedachte, das mit Latten versehen, getüncht und mit Schindeln gedeckt werden sollte, und doch noch bar und ledig einer solchen geheimnisvollen »Mutter« war! Und dann traf ihn aus der Einsamkeit und dem Dunkel heraus ein schrecklicher Gedanke, der ihn in seinem Bettkasten aufrecht hinsitzen ließ!

Einen oder zwei Tage darauf stand Prossy Riggs in einer vom Sand überwehten, vom Wind durchfegten Vorstadt von San Francisco vor einem großen Gebäude, dessen abstoßendes Äußere verkündete, daß es eine regelrechte Wohltätigkeitsanstalt war. In der Tat war es ein Zufluchtsort für die mancherlei Auswürflinge übelberatener oder verzweifelter Einwanderschaft. Als Prosper vor der Tür anhielt, beschlichen ihn gewisse alte Erinnerungen an einen ähnlichen Zufluchtsort, und, seltsam genug, er fühlte sich bedrückt, als ob er für sich selbst Unterstützung suchte. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne, als er das Zimmer des Direktors betrat.

Doch glücklicherweise hatte dieser Beamte neben reicher Erfahrung in menschlicher Schwachheit ein gütiges Herz und leistete ihm, nachdem er seinen Besucher und dessen glänzende Uhrkette erst amtlich in Augenschein genommen und sich dann überzeugt hatte, daß dieser keine persönliche Unterstützung suchte, bei seinem stammelnd vorgebrachten Begehren höflich Beistand.

»Wenn ich Sie recht verstehe, so brauchen Sie jemand als Haushälterin?«

»Das ist's! Jemand, der liebreich nach meinen Sachen – und nach mir sieht,« erwiderte Prosper sehr erleichtert.

»In welchem Alter?« fuhr der Direktor fort, einen behutsamen Blick auf die jugendkräftige Erscheinung und das gutmütig dreinschauende, einfache Gesicht Prospers werfend.

»Ich bin gar nicht wählerisch – wenn sie nur alt ist – versteh'n Sie. Können Sie nur folgen? Alt – so etwa zwischen Ihnen und mir – als wenn sie meine eigne Mutter wär'.«

Der Direktor lächelte in sich hinein. Ein gewisser Grad von Vorsicht war bei diesem Jüngling vom Lande unverkennbar! »Sie haben ganz recht,« antwortete er ernsthaft, »da Ihr Lager mit seinen Goldgräbern keine andern Frauen aufweist. Indessen können Sie auch keine allzu alte oder abgelebte brauchen. Da wäre zum Beispiel ein ältliches Fräulein ...« Aber in Prospers einfachen Zügen zeigte sich deutlich eine Veränderung, und so hielt der Direktor inne.

»'s wär' mir schon lieber, sie wär' mehr oder weniger verheiratet, versteh'n Sie – daß es wie 'ne Mutter aussäh',« stammelte Prosper.

»O gewiß, ich verstehe,« erwiderte der Direktor, den Prospers unerwartete Weisheit wiederum erleuchtete.

Er sann einen Augenblick nach. »Da wäre,« begann er ausholend, »eine Dame in beschränkten Umständen – keine Insassin dieses Hauses, doch hat sie von uns Unterstützung erhalten. Sie war die Frau eines vor einigen Jahren verstorbenen Walfischfahrers und hat ihr Heim aufgegeben. Sie ward nicht zur Arbeit erzogen, und dieser Umstand hat sie neben ihrer empfindlichen Gesundheit abgehalten, sich um eine Tätigkeit zu bemühen. Da Sie dies nicht von ihr zu verlangen scheinen, vielmehr nur jemand zur Aufsicht haben möchten, und da Ihre Absicht, wie ich vermute, auch ein wenig menschenfreundlich ist, konnten Sie ihr vorschlagen, ein ›Heim‹ bei Ihnen anzunehmen. Da sie bessere Tage gesehen hat, ist sie übrigens etwas eigentümlich,« fügte er mit verschmitztem Lächeln hinzu.

Des einfachen Prospers Gesicht strahlte. »Sie wird 'nen Chinesen und 'ne Biddy an der Hand haben,« sagte er schnell. Dann erinnerte er sich des Geschmacks seiner Kameraden und setzte halb entschuldigend hinzu: »Wenn sie sich dann und wann an 'ne Lemmingpastete oder 'nen Topfpfannkuchen machen könnte, so recht wie das 'ne Mutter tut, so würd's den Burschen gewiß Freude machen.«

»Vielleicht können Sie das auch noch vereinbaren,« erwiderte der Direktor, »aber zunächst werde ich ihr die ganze Sache beibringen müssen, und es wird sich empfehlen, daß Sie morgen wieder vorsprechen, dann werde ich Ihnen ihre Antwort mitteilen.«

»Sie können sagen,« sagte Prosper leichthin, indem er an seiner massiv-goldenen Kette spielte und sich der Ausdrucksweise einer ihm dunkel vorschwebenden Annonce bediente, »daß sie alles ganz wie zu Hause finden, nicht mit Fragen belästigt werden und ihre fünfzig Dollars im Monat haben soll.«

Froh über den mühelosen Erfolg seines Plans und halb geneigt, sich für ein Wunder von einem vorsichtigen Diplomaten zu halten, begleitete Prosper zwei Tage später den Direktor nach einem Landhaus auf dem Telegraphenhügel, Stadtteil in San Francisco, an der Bai. wo die Hinterbliebene des Kapitäns Pottinger den Verlust ihres Gesponsen betrauerte, das Meer vor Augen, dem er sich so oft anvertraut hatte. Auf ihrem Wege dorthin erzählte der Direktor unserm Freund Prosper, wie dieser betrauerte Seemann dem Gerücht zufolge jene strenge Zucht in den häuslichen Kreis verpflanzt habe, die ihm im Lauf seines tätigen Lebens die Bezeichnung »Eisenfresser« und »Belegnagel« Pottinger eingetragen hatte, »Es heißt, daß sie sich trotz ihres friedfertigen Temperaments das eine oder andre Mal gegen den Kapitän aufgelehnt habe; aber das ist kein Fehler für eine urwüchsige Gemeinschaft, wie ich mir die Ihre vorstelle, und konnte ihr nur Achtung verschaffen.«

Nachdem sie schließlich in einen kleinen Empfangsraum geführt worden waren, dessen Hauptschmuck große Abelonemuscheln, getrocknete Seealgen, Korallen und die zerbrochene Waffe eines Schwertfisches bildeten, entdeckte Prospers aus dem Gleis gebrachte Einbildungskraft die Witwe, die augenscheinlich wie unter ihres Gatten Überbleibseln auf dem Grunde des Meeres dasaß. Ihr Gesicht sah bekümmert und zugleich etwas gerötet aus, ihr Haar war weiß gesprenkelt und steif über die Ohren zurückgestrichen, und ihre Kleidung war reinlich, aber düster. Sie war zweifellos selbst für Prospers optimistischen und unerfahrenen Geist eine trübselige Erscheinung, und er konnte sich nicht recht vorstellen, wie sie sein Heim erhellen sollte! Mit einer gewissen Unruhe sah er, nachdem die Vorstellung zu Ende, den Direktor sich empfehlen. Als die Tür sich schloß, fühlte der schüchterne Prosper die trüben Augen der Witwe auf sich gerichtet. Ein sanftes Hüsteln, bei dem sie ergebungsvoll eine Hand im schwarzen Halbhandschuh auf ihre Brust legte, konnte als artiges Vorspiel zur Unterhaltung gelten, die möglicherweise Störungen von seiten der Lunge ausgesetzt sein würde.

»Ich fühle mich bewogen, Ihr Anerbieten wenigstens für einige Zeit anzunehmen,« sagte sie in kläglichem Ton, »und zwar infolge einer drückenden Lage, die nicht eingetreten wäre, wenn mein Anspruch gegen die Reeder wegen des Verlustes meines lieben Gemahles richtig verfolgt worden wäre. Hoffentlich ist Ihnen vollständig klar, daß ich nach meinem Gesundheitszustand sowohl, als nach der in meiner Jugend genossenen Erziehung, zu jeder groben Arbeit in Ihrem Haushalt ungeeignet bin. Ich werde einfach die Aufsicht und Leitung übernehmen. Ferner erwarte ich, daß die von Ihnen angebotene Vergütung monatlich im voraus entrichtet werden wird. Und da mein Arzt mir etwas Anregendes für meine Körperverfassung verordnet hat, so darf ich wohl erwarten, entsprechende Nahrung – oder auch« – sie hüstelte leicht – »Getränke zu erhalten. Ich bin keineswegs stark – aber meine Bedürfnisse sind dafür auch bescheiden.«

»Soweit, als ich's fasse und Ihnen folgen kann, gnä' Frau,« erwiderte Prosper schüchtern, »sollen Sie alles nach Wunsch haben – als wenn Sie zu Hause wären. Die Sache ist,« fuhr er in plötzlicher Verzweiflung fort, als die Schwierigkeiten, diese unerwartet eigenwillige und ihm überlegene Frau seinem Plane anzupassen, zu wachsen schienen, »Sie können mich ansehen grad' als wie Ihren ...« Doch hier waren ihre trüben Augen auf ihn gerichtet und er stotterte. Aber er war schon zu weit gegangen, um noch umkehren zu können. »Sie sehen,« stammelte er in gezwungenem Ton, der scherzhaft klingen sollte – »Sie sehen, das ist so ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden; wir beide werden allein im Hause sein, und es würde den Burschen gegenüber 'n häuslicheren Eindruck machen – wenn – wenn – wir beide – da Sie 'ne Witfrau sind, versteh'n Sie – in so 'ne Art – Art« – hier wurde sein Lächeln geisterhaft – »näherer Beziehung träten.«

Die Witwe des Kapitäns Pottinger richtete sich hier so plötzlich auf, daß es fast schien, als wolle sie aus ihrer düsteren und steifen Umhüllung schlüpfen und die leibhaftige Frau Pottinger in unpassender Weise bloßstellen. Ihre kräftige Gesichtsfarbe wurde hochrot; die Pupillen ihrer schwarzen Augen zogen sich vor dem Licht zusammen, das der unschuldige Prosper in sie ergossen hatte. Sie neigte sich vorwärts, faltete ihre Finger auf ihrem Busen und sagte: »Haben Sie dies dem Direktor gesagt?«

»Wie können Sie so etwas denken!« sagte Prosper. »Seh'n Sie, das geht doch bloß uns beide an.«

Frau Pottinger blickte auf Prosper, holte tief Atem und warf dann einen Blick nach den Abelonemuscheln, als wolle sie moralischen Beistand bei ihnen suchen. Ein halb klagendes, halb überlegenes Lächeln lief über ihr Gesicht, als sie sagte: »Das ist sehr überraschend und ungewöhnlich. Es besteht natürlich ein Altersunterschied zwischen uns! Sie haben mich früher nie gesehen – soviel ich wenigstens weiß – , wenngleich Sie von mir gehört haben mögen. Die Spraggs von Marblehead sind ja weit und breit bekannt – vielleicht besser als die Pottingers. Und doch, Herr Griggs ...«

»Riggs,« brachte Prosper ihr schnell bei.

»Riggs. Entschuldigen Sie! Ich dachte an den jungen Schiffsleutnant Griggs, den ich in nun vergangenen Tagen kannte. Herr Riggs, muß ich also sagen. Sie wünschen somit, daß ich ...«

»Daß Sie meine alte Mutter seien, gnä' Frau,« sagte Prosper zitternd. »Das heißt, so tun, als wenn Sie's wären! Seh'n Sie, ich habe ja keine Mutter mehr, aber ich hielt es den Burschen gegenüber für nett und dachte, es würde meinem neuen Hause mehr was von 'nem Heim geben, wenn ich meine alte Mutter einlüde, bei mir zu leben. Sie wissen nicht, daß ich nie eine Mutter hatte, von der ich sprechen konnte, und sie werden's nie 'rauskriegen! Sagen Sie ja, Frau Pottinger! Bitte, tun Sie's!«

Und hier geschah das Unerwartete. Gegen alle herkömmlichen Regeln und alle landläufigen Überlieferungen dichterischer Erfindung bin ich verpflichtet, festzustellen, daß Frau Pottinger nicht aufstand und den zitternden Prosper das Haus verlassen hieß! Sie ergriff nur die Lehne ihres Stuhles ein wenig fester, neigte sich vorwärts und sagte unter Verzicht auf ihre gewöhnliche bestimmte und feine Ausdrucksweise in aller Ruhe: »Der Handel soll gelten! Wenn Sie eine Mutter brauchen, mein Sohn, so können Sie jederzeit darauf rechnen, an mir ein Mütterchen zu haben, an mir, Cäcilia Pottinger Riggs,« –

Einige Tage später begab sich der Gemütsmensch Joe Wynbrook in den »Salon« von Wild Cat, wo seine Kameraden sich's wohl sein ließen, und legte einen Brief auf den Schenktisch nieder, wobei er ein höchst bedenkliches Gesicht machte. »Schaut her,« sagte er, »ob das nicht alles übertrifft! Ihr würdet's nicht glauben, aber hier schreibt Prossy Riggs, daß er in Frisco San Francisco. Anm. d. Übers. seiner Mutter in den Weg gelaufen sei – seiner Mutter, ihr Herren; sie habe sich, ohne sein Vorwissen, 'ner Gesellschaft angeschlossen, die die Küste besuchte! Und was tut dieser verdammte Narr? Na, er bringt sie – dieses alte Weib – hierher! Hierher – ihr Herren – , damit sie sich um das neue Haus kümmern – und uns den Spaß verderben soll. Und der gottverlassene Ochse bildet sich auch noch ein, wir würden das gern seh'n!«

*

Es war einer jener seltenen Morgen der Regenzeit, wo doch schon eine Frühlingsahnung in der Luft liegt, und nach einer regnerischen Nacht brach die Sonne durch flockige Wolken mit kleinen Inseln blauen Himmels – als Prosper Riggs und seine Mutter ins Lager von Wild Cat einfuhren. Ein fröhlicher Ausdruck lag auf den Gesichtern seiner alten Kameraden. Denn man hatte anerkennen müssen, daß jedenfalls »Prossy« das gute Recht hatte, seine alte Mutter herzubringen, wobei seine unbestrittene Jugend und Unerfahrenheit die Gewähr dagegen bot, daß sein Streich Nachahmung fände. Darum schwenkten seine Kameraden fröhlich die Hüte, ja einige zogen sogar die Jacken an, als der Einspänner den Hügel zu dem hübschen neuen Landhaus mit seinen grünen Läden und seiner weißen Veranda hinauffuhr.

Leider war Prosper indes nicht vollkommen glücklich. Zwar hatte es ihm in seiner Naivität nicht wenig geschmeichelt, daß Frau Pottinger seinem Vorschlage so rasch und geschäftsmäßig zugestimmt hatte, doch hatte es ihm auch einigermaßen zu schaffen gemacht; und obwohl sie sich, nachdem sie die ihr zugedachte Stellung einmal übernommen hatte, dieser sofort in jeder Hinsicht gewachsen zeigte und namentlich sich ängstlich davor hütete, sich in die Karten blicken zu lassen, so sah er doch zu seinem Schrecken, daß die Zügel seiner Hand entschlüpft waren.

»Sie sagen, Ihre Kameraden wüßten nichts von Ihrer Familiengeschichte?« hatte sie ihm auf der Herreise gesagt. »Was gedenken Sie ihnen zu sagen?«

»Nichts, als daß Sie meine alte Mutter sind,« sagte Prosper hilflos.

»Das ist nicht genug, mein Sohn,« (Eine weitere Quelle der Verlegenheit war für Prosper die leichte Art, mit der sie sich der mütterlichen Ausdrücke bemächtigte.) »Nun hören Sie an! Sie wurden gerade ein halb Jahr, nachdem Ihr Vater, Kapitän Riggs (ehemals Pottinger) seine erste Seereise angetreten, geboren. Sie können sich natürlich seiner sehr wenig erinnern, da er so viel fort war.«

»Wär's nicht vielleicht gut, wenn ich was über sein Aussehen wüßte?« sagte Prosper unterwürfig.

»Ein großer dunkler Mann, das genügt,« antwortete Frau Pottinger scharf.

»Wär's nicht besser, er säh' mir gleich?« sagte Prosper, der mit seinem bißchen Schlauheit die Tatsache erwog, daß er selbst entschieden blond war.

»Ist gar nicht nötig,« sagte die Witwe fest. »Sie waren stets wild und unlenksam,« fuhr sie fort, »und liefen von der Schule weg, um sich einem westlichen Auswandererzug anzuschließen. Daher rührt die Verschiedenheit unsrer Ausdrucksweise.«

»Aber,« setzte Prosper hinzu, »ich müßte mich doch an irgend was aus unsrer alten Zeit erinnern, zum Beispiel wie ich für Sie Besorgungen machte, und an kalten Morgen 's Holz 'reinbrachte, und Sie mir heiße Pfannkuchen gaben.«

»Nichts der Art,« sagte Frau Pottinger schnell. »Wir lebten in der Stadt mit einer Menge Dienerschaft. Besinnen Sie sich bloß, lieber Prosper, daß Ihre Mutter nicht auf solchem eingezogenen ländlichen Fuß lebte.«

Froh, weiterer Erfindung überhoben zu sein, war Prosper gleichwohl etwas betroffen über diese Zertrümmerung des Idealbilds von einer Mutter in eben dem Lager, das dessen Lob gesungen hatte. Doch er konnte nur darauf bauen, daß sie die Lage mit ihrem üblichen Scharfsinn überblickte, vor dem er einen Heidenrespekt hatte.

Joe Wynbrook und Cyrus Brewster hatten als ältere Lagergenossen absichtlich dicht bei dem neuen Hause geharrt, um »Prossy und seiner Mutter« ihren Beistand anzubieten, und waren dieser, wenn auch nur flüchtig, vorgestellt worden. Dabei hatte sie einen so tiefen und unerwarteten Eindruck auf sie gemacht, daß diese beiden Orakel des Lagers ihren Rückzug den Hügel hinunter eine Zeitlang in ehrfurchtsvollem Schweigen bewerkstelligten, da keiner wagte, seinen Ruf durch ein Urteil oder den Ausdruck allzu großer Überraschung zu gefährden. Aber als sie sich dem neugierigen Haufen drunten näherten, der sie erwartete, entschloß sich Cyrus Brewster zu dem Ausspruch: »Es kam mir so vor, als ob dies alte Frauenzimmer viel zu geschwollen für Prossys Mutter wär'.«

Joe Wynbrook griff diese Äußerung sofort auf, um seine überlegene Einsicht darzutun: »Es kam Euch so vor! Ich dagegen hätte gar nichts andres erwartet! Was wußten wir denn von Prossy? Nichts! Was hat er uns je erzählt? Nichts! Und warum? Weil's sein Geheimnis war. Herrgott! Ein blindes Maultier konnte das sehen. All seine Narrheit und Einfalt kommt daher, daß er als Kleines geduckt und verzärtelt worden ist. Dann fiel er wahrscheinlich 'nem Seelenverkäufer in die Hände oder wurde von irgend 'nem Burschen entführt – und brach fast seiner Mutter Herz. Ich setz' meinen letzten Dollar dafür, daß er vordem in der Zeitung ausgeschrieben worden ist – bloß haben wir das Blatt nicht zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich hatten sie Agenten ausgesandt, die ihn suchten, und er lief ihnen in Frisco grad' in die Hände! Ich hatte 'ne Art Vorahnung, als er wegging, obgleich ich nie 'was merken ließ.«

»Mir scheint auch, daß sie in steter Angst lebt, er möchte wieder auskratzen. Habt Ihr bemerkt, wie sie ihn die ganze Zeit nicht aus 'm Auge ließ und wie sie alles verkehrt anfaßte? Und eins ist sicher! Er ist verändert – ja! Er schaut nicht mehr so sorglos und frei und närrisch wie sonst aus.«

Dieser Ausspruch fand die allgemeine Zustimmung der ganzen Bande, die inzwischen zu ihnen gestoßen war. Alle – selbst die, die der Mutter nicht vorgestellt worden – hatten seine seltsame Beklommenheit und Schweigsamkeit bemerkt. In der lebhaften Logik des Lagers konnte ein solches Verhalten angesichts dieser überlegenen Frau – seiner Mutter – nur bedeuten, daß ihre Anwesenheit nicht nach seinem Geschmack war; daß er sich entweder schämte, weil sie seine Minderwertigkeit ihr gegenüber wahrnahmen, oder daß er sich seiner Genossen schämte! So seltsam und vorschnell ihre Schlußfolgerung auch war, so wurde sie dennoch von Joe Wynbrook in einem Tone unparteiischer und selbst widerwilliger Überzeugung verlautbart. »Nun, ihr Herren, einige von euch mögen sich entsinnen, daß ich, als ich hörte, Prossy wolle seine Mutter hierher bringen, mit dem Fuße aufstampfte – ja aufstampfte, weil's nur zu klar war, daß die Mutter eines solchen Menschen eine so verdrehte Schraube sein mühte, daß sie das Lager in Aufruhr bringen würde. Wir hatten keinen Raum für zwei solcher Schwarbelköpfe – und da der eine davon 'ne Frau sein sollte, konnten wir sie nicht einsperren oder aufsitzen lassen, wie wir's mit ihm machten. Nun aber, ihr Herren, wo wir sehen, daß sie nicht was derartiges, sondern ganz normal ist und daß sie Prossy zu fassen gekriegt hat – ob's ihm paßt oder nicht – so wollen wir nicht dulden, daß er sie wieder verläßt! Nein, Herr! Wir wollen nicht dulden, daß er ihr zum zweiten Male 's Herz bricht! Er mag uns für ihrer unwert halten, aber so lange, als sie höflich gegen uns ist, wollen wir ihr beistehen.«

Auf diese Weise wurden die Fesseln dieser ungeweihten Verwandtschaft nach und nach um den unglücklichen Prossy befestigt. Während der nächsten zwei oder drei Tage sangen seine Kameraden das Lob seiner Mutter in allen Tonarten und erteilten ihm Ratschläge, wie: »Ich würde nicht im Wirtshaus bleiben, Prossy; Eure alte Mutter verlangt nach Euch;« oder: »Werft das Teertuch hier über Eure Schulter, Proß, damit Ihr nicht Eure feuchten Lappen in das Haus bringt, das Eure alte Mutter so schmuck gemacht hat.«

Seltsam genug, manche dieser Ratschläge waren ganz aufrichtig gemeint und gaben – wenigstens für die nächsten zwanzig Minuten – die ehrlichen Gefühle des Sprechers wieder, Prosper ward durch diese scheinbare Gefühlsregung, die auch seinen Entschluß herbeigeführt hatte, gerührt, vergaß sein Mißbehagen, und wurde wieder ganz der alte, eine Tatsache, die von seinen Kritikern ebenfalls bemerkt wurde. »Ihr habt ihn bloß bei seinem Vorhaben festzuhalten, und er wird wieder die Freude der Witfrau sein,« sagte Cyrus Brewster. Gewiß war, daß er so weit Mut gefaßt hatte, an jenem Abend eine lange Unterredung mit Frau Pottinger zu führen, die das Ergebnis hatte, daß am nächsten Morgen Joe Wynbrook, Cyrus Brewster, Hank Mann und Kentucky Ike eingeladen wurden, den Abend in dem neuen Hause zu verbringen. Als die Männer in reinen Hemden und anständigen Jacken in das schmucke Empfangszimmer mit seinem hellen Teppich, seinem lustigen Feuer, seinem mit einem schneeweißen Linnen bedeckten Tisch einmarschierten, auf dem funkelnde Tee- und Kaffeekannen standen, hüpften ihre Herzen vor Freude. In einem großen gepolsterten Schaukelstuhl empfing sie Prossys Mutter, eingewickelt in einen Schal und eine Art geheimnisvollen Unwohlseins, das jede Anstrengung zu verbieten schien, mit vornehmer Nachlässigkeit und einem ausgestreckten schwarzen Halbhandschuh.

»Ich kann Ihnen,« sagte Frau Pottinger in düsterer Schwermut, »nicht die Gastfreundschaft meines eigenen Heims anbieten, meine Herren – du erinnerst dich doch, lieber Prosper, an den großen Salon und den Stab von Bedienten in der Lexington Avenue! – aber da mein Sohn mich überredet hat, mich seiner niedern Hütte anzunehmen, hoffe ich, daß Sie ihre Mängel entschuldigen werden, selbst,« fügte sie mit einem Blick milden Tadels auf den erstaunten Prosper hinzu, »selbst wenn er nicht dazu im stande ist.«

»Sicher muß er Ihnen Dank wissen, gnä' Frau,« sagte rasch Joe Wynbrook, »daß Sie mit allem gebrochen haben, um hier zu leben, grad' wie wir dankbar dafür sind – ich spreche für das übrige Lager mit – daß Sie so freundlich gegen uns sind! – Ich darf doch für euch alle sprechen?« fügte er, sich umschauend, hinzu.

Ein Gemurmel: »Ja, so ist's!« und »Sehr richtig!« durchlief die Gesellschaft, und einer oder der andre warf einen halb unwilligen Blick auf Prosper.

»Es ist nur natürlich,« fuhr Frau Pottinger ergeben fort, »daß mein lieber Prosper, nachdem er so lange allein gelebt hat, sich nicht gleich unter die Leitung seiner alten Mutter findet und vielleicht seine Einladung bereut.«

»O nein, Frau Mutter,« sagte der verwirrte Prosper.

Aber hier vermittelte der quecksilberige Joe Wynbrook um der Freundschaft und des Korpsgeists im Lager willen. »Ach Gott, gnä' Frau, er hat sich so recht nach Ihnen gesehnt! Immer und immer wieder hat er von Ihnen gesprochen; hat gesagt, wenn er Sie bloß aus Ihrem Salon in der Fünften Avenue 'rauskriegen konnte, damit Sie hier sein niedriges Los mit ihm teilen, dann könnte er glücklich sterben! Ihr habt gehört, wie er geredet hat, Brewster?«

»Oft,« erwiderte der gefällige Brewster.

»Einen Teil der einfachen Erfrischung, die ich Ihnen anbieten kann,« fuhr Frau Pottinger fort, ohne auf weitere Auseinandersetzungen zu hören, »bildet ein Gericht, mit dessen Art ich nicht genau vertraut bin, aber das Sie, wie mein Sohn mir sagt, sehr schätzen. Es ist von Li Sing unter meiner Leitung zubereitet worden. Lieber Prosper, sieh, daß die – äh – Pfannkuchen und der Kaffee aufgetragen werden.«

Zufriedenheit strahlte auf den Gesichtern der Leute, Prosper ausgenommen. Als eine Schüssel mit einer Anzahl brauner glänzender Kugeln aus gebackenem Teig hereingebracht wurde, leuchtete es in den Augen der Männer verständnisinnig auf. Doch dieses epikureische Licht verfinsterte sich einen Augenblick, als jeder der Männer eine der Kugeln ergriff und dann, sie regungslos in der Hand haltend, dasaß, als wäre es ein Ball, und sie warteten nur auf das Zeichen zum Spiel.

»Ich habe gehört,« sagte Frau Pottinger mit einem Blick christlicher Duldung auf Prosper, »daß manche sie leicht mögen – vielleicht finden die Herren sie zu schwer.«

»'s gibt zweierlei Art,« sagte der diplomatische Joe vergnügt, während er sein Stück wie ein Eichhörnchen anzuknabbern begann, »leichte und schwere; die einen mögen sie lieber so, und die andern so.«

Sie waren hart und schwer, aber die Männer, die der dampfende Kaffee tröstete, vertilgten sie mit heroischer Höflichkeit. »Und jetzt, meine Herren,« sagte Frau Pottinger, indem sie sich in ihren Stuhl zurücklehnte und ruhig die Gesellschaft überschaute, »haben Sie meine Erlaubnis, Ihre Pfeifen anzuzünden und zugleich etwas Whisky mit Wasser zu sich zu nehmen.«

Die Gäste schauten erfreut, aber erstaunt auf. »Ist es gewiß, gnä' Frau, daß es Ihnen nichts ausmacht?« sagte Joe höflich.

»Nicht im geringsten,« antwortete Frau Pottinger kurz. »Und da mein Arzt mir das Einatmen von Tabaksdampf für meine asthmatischen Beschwerden verordnet hat, werde ich mich Ihnen sogar anschließen.« Nachdem sie einen Augenblick in einem mit Quasten geschmückten Beutel, der von ihrer Taille herabhing, herumgestöbert hatte, brachte sie eine kleine schwarze Tonpfeife zum Vorschein, stopfte sie aus dem nämlichen Behälter und zündete sie an.

Ein Laut der Überraschung durchlief die Gesellschaft, und es blieb nicht unbemerkt, daß Prosper gleicherweise erstaunt war. Diese Ungeschicklichkeit wurde jedoch rasch durch die ihnen gegebene Erlaubnis und das gute Beispiel verwischt, und bald fühlten sich die Männer, ein Glas,»Whisky mit Wasser« vor sich, wie zu Hause. Auch verschmähte Frau Pottinger nicht, sich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Während sie mit der schwarzen Pfeife im Munde, aber immer noch stolz und erhaben, dasaß, erzählte sie ein gruseliges Walfischabenteuer (augenscheinlich der Lebensgeschichte des beklagten Pottinger entnommen), das nicht nur tiefen Anteil bei ihren Hörern erweckte, sondern ihnen auch stracks eine höhere Meinung von Prosper, als dem Sohn des Helden, beibrachte.

»Nun Sie davon sprechen, gnä' Frau,« sagte der offenherzige Wynbrook, »in Prossy steckt 'n gut Teil von seinem Vater; dieselbe Art leichtherzige Grütze! Ihr erinnert euch doch des Tags, Jungens, wo der Damm brach und er dastand, das Wasser bis an seinen Nacken, und Klötze in die Bruchstelle stopfte, bis er das Loch verstopft hatte.«

Kurz, der Abend war trotz des anfänglichen Küchenunglücks und seiner Überraschungen ein entschiedener gesellschaftlicher Erfolg, und selbst der arme Prosper atmete auf, als es zu Bett ging.

Dieser Veranstaltung folgten viele, weniger förmliche Zusammenkünfte in dem Hause, und Frau Pottinger ließ sich so weit herab – wenn dieser Ausdruck auf jemand anwendbar ist, der sein überlegenes Wesen nie änderte – , an einer Partie Poker teilzunehmen – und gestattete sogar, daß sie selbst gewann.

Nach sechs weiteren Wochen jedoch schien ein Wechsel in den gegen Prosper gehegten Gefühlen das Lager hinterlistig zu beschleichen. Er war in seine frühere Kameradschaft wieder aufgenommen worden, und selbst die Gegenwart seiner Mutter war den Genossen vertraut geworden, aber er wurde allmählich der Gegenstand geheimen Bedauerns, Sie besuchten das Haus noch, aber tuschelten hernach allerlei untereinander. Es bestand für sie kein Zweifel, daß Prospers alte Mutter nicht nur das trank, was ihr Sohn ihr besorgt hatte, sondern auch das, was sie verstohlen von der Schenke erhalten konnte. Es lag das Zeugnis des Schankwirts vor, der ebenso wie das Lager an dem guten Ruf des Riggsschen Hauses ein Interesse hatte. Und dann gab es noch einen schwärzeren Verdacht. Aber dies muß in Joe Wynbrooks eigenen Worten wiedergegeben werden: »'s würde mich nicht kümmern, daß das alte Weib immer und immer gewinnt – denn Poker ist 'n ungewisses Spiel; – 's ist mir nicht um das Geld, das wir verlieren – denn wir haben's ja dazu im Lager. Aber wenn sie sich zur Gewohnheit macht, vier Asse in der Hand zu haben, wenn sonst jemand zwei hat, der nicht gerne Lärm schlagen möchte, weil's Prospers alte Mutter ist – das ist doch starker Tabak! Und gefährlich ihr Herren, wenn da zufällig ein Außenseiter dabei wäre oder einer der Jungens Skandal machte. Na, ich sah Bilson die Zähne fletschen – wie er die prächtige Sequenz hatte mit 'nem hohen As – als das liebe alte Geschöpf seine regelrechten vier Asse ausspielte und den Einsatz kalt lächelnd einstrich. Wir mußten ihm fast die Beine unterm Tisch abstauchen, bis er verstand – da er selbst keine alte Mutter hat.«

»'s wird sie einer vornehmen müssen, ohne daß Prossy davon weiß. Denn 's würde ihm gradezu das Herz brechen, nach allem, was er durchgemacht hat, um sie herzukriegen,« sagte Brewster bedeutsam.

»Oder aber er wußte es und war darum so bekümmert, als sie ankam. Gott noch mal! So was hätt' ich nie gedacht!« sagte Wynbrook mit einer seiner plötzlichen Erleuchtungen.

»Ob er's nun gewußt hat oder nicht, ihr Herren,« sagte der Schankwirt entschieden, »er darf nie erfahren, daß wir's wissen. Selbst nicht, wenn das alte Frauenzimmer meine ganze Schenke ausräumt und die letzte Makrele im Lager wegnimmt.«

Und dieser edeln Gesinnung stimmten alle wie ein Mann zu.

Wie weit sie diesen heldenhaften Entschluß hätten ausführen können, wurde nie ausprobiert. Denn es trat ein Ereignis ein, das alles Vorhergegangene in Schatten stellte. Eines Morgens nämlich beim Frühstück richtete Frau Pottinger ein umwölktes Auge auf Prossy.

»Prossy,« sagte sie mit grausamer Entschlossenheit, »du mußt wissen, daß du eine Schwester hast.«

»Ja, Frau Mutter,« erwiderte Prossy gottergeben, wie er solche Familienenthüllungen hinzunehmen pflegte.

»Eine Schwester,« fuhr die Dame fort, »die du von Kindesbeinen an nicht gesehen hast. Eine Schwester, die aus Familiengründen bei andern Verwandten gelebt hat. Ein Mädchen von neunzehn Jahren.«

»Ja, Frau Mutter,« sagte Prossy unterwürfig. »Aber wenn dir's nichts ausmacht, all das auf 'n Stück Papier zu schreiben – du kennst ja mein kurzes Gedächtnis! – Ich könnt's dann tagsüber in der Flußrinne auswendig lernen. Dann würde ich abends bestens beschlagen sein, wenn,« fügte er mit einem kurzen Seufzer bei, »du in Gegenwart der Jungens darauf zu sprechen kämest.«

»Deine Schwester Augusta,« fuhr Frau Pottinger fort, indem sie diese Einzelheiten ruhig überhörte, »wird morgen hier sein, um mich zu besuchen.«

Aber da krümmte sich der Wurm Prossy nicht nur, sondern richtete sich auf und warf fast den Tisch um. »Das kann nicht geschehen, Frau Mutter! Es darf nicht geschehen!« sagte er aufgebracht, »'s ist genug, daß ich das Lager mit Ihnen betrogen hab' – aber jetzt weiter zu ...«

»Kann nicht geschehen?« wiederholte Frau Pottinger, erhob sich ihrerseits und richtete auf den unglücklichen Prossy, ein Paar dunkle Piratenaugen, die den seefahrenden Pottinger einst unterjocht hatten. »Du, mein angenommener Sohn, unterstehst dich, mir zu sagen, daß ich mein eigen Fleisch und Blut nicht unter meinem Dache haben kann?«

»Ja! Lieber würde ich die ganze Geschichte erzählen – lieber wollt' ich den Jungens erzählen, daß ich sie zum Narren gehalten, als noch einen Schritt weiter gehen!« brach der erregte Prossy los.

Aber Frau Pottinger preßte lediglich die Lippen zusammen. »Ganz recht, sage ihnen dann,« bemerkte sie kalt, »sage ihnen, wie du mich durch die Aussicht auf ein Heim aus meiner niedern, abhängigen Lage in San Francisco gelockt hast; sage ihnen, wie du mich gezwungen hast, ihre vertrauenden Herzen mit deinen ausgestunkenen Lügen zu täuschen: sage ihnen, wie du – ein Findling – mich als deine Mutter, meinen armen toten Gatten als deinen Vater ausgeben und mich Unwahrheit über Unwahrheit erfinden und ihnen erzählen ließt, indes du stillsaßest und zuhörtest!«

Prossy holte tief Atem.

»Sage ihnen,« fuhr sie entschlossen fort, »daß du, als ich mein hilfloses Kind nach ihrem einzigen Heim zu bringen wünschte – da, erst da – dir der Gedanke kam, mir dein Wort zu brechen, sei es, weil du ihr gemeinerweise diesen Anteil an deinem Hause mißgönntest, oder um deine Missetaten vor ihren Augen zu verbergen! Sage ihnen das, lieber Prossy, und warte ab, was sie dir antworten werden!«

Prossy sank entgeistert in seinen Stuhl zurück. In seinem plötzlichen Empörungsgefühl hatte er das Lager vergessen! Er wußte, ach, nur zu gut, was die Genossen sagen würden! Er wußte, daß außer ihrem Unwillen über die Täuschung sich auch ihre Ritterlichkeit kampflustig gegen die Verstoßung zweier hilfloser Frauen erheben würde.

»Vielleicht hast du recht, Frau Mutter,« stammelte er. »Ich hab' nur gedacht,« fügte er schwach hinzu, »wie sie's aufnehmen würde.«

»Sie wird es so aufnehmen, wie ich es wünsche,« sagte Frau Pottinger fest.

»Da ich nie einer Schwester Erwähnung getan habe, so könnte man sie am Ende als meine Base einführen? Du wärst dann ihre Tante.«

Frau Pottinger betrachtete ihn eine Zeitlang mit zusammengepreßten Lippen. Dann sagte sie nachdenklich: »Ja, so mag's geschehen! Sie wird wahrscheinlich gerne ihre nähere Verwandtschaft preisgeben, um sich davor zu bewahren, als deine Schwester gelten zu müssen. Es würde ihren Stolz weniger kränken, und sie würde dich nicht so familiär zu behandeln haben.«

»Ja, Frau Mutter,« sagte Prossy, zu erfreut, um das Verletzende des Vorschlags zu bemerken.

»Und siehst du, ich könnte sie dann › Fräulein Pottinger‹ nennen, was mir leichter fallen würde.«

In dem edlen Bestreben, die Schwächen der Mutter Prossys in Kauf zu nehmen, legte das Lager der Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Base höchstens insofern Bedeutung bei, als davon möglicherweise ein Einfluß auf die Gewohnheiten der Tante zu erwarten sein möchte. Prossys Verschlossenheit über diesen Punkt schrieben sie dem Umstände zu, daß er schon in zarter Jugend von den Seinigen getrennt worden war. Aber als bekannt wurde, daß Prossys Mutter mit einem sehr hübschen achtzehnjährigen Mädchen nach dem Hause gefahren war, da entstand eine fieberhafte Aufregung unter dem lebhaften Völkchen. Prossy war in seiner gewöhnlichen Schüchternheit einem zu zeitigen Zusammentreffen mit ihr ausgewichen und zauderte bei der Heimkehr von der Arbeit noch immer unentschlossen, als zu seinem Verdruß die Tür sich plötzlich öffnete, die junge Dame erschien und geradeswegs auf ihn zukam.

Sie war schlank, anmutig und hübsch gekleidet, und in jedem andern Augenblick dürfte ihr gutes Aussehen auf Prosper Eindruck gemacht haben. Aber ihre Brauen waren gerunzelt, ihre dunklen Augen – in denen eine wunderbare Ähnlichkeit mit Frau Pottinger lag – funkelten, und wenn sie auch augenscheinlich das Zusammentreffen herbeiführte, so geschah es doch offenbar nicht aus verwandtschaftlichem Interesse. Als sie ein paar Schritte von ihm entfernt halt machte, bot Prossy ihr mit einem schwachen Lächeln die Hand, doch sie sprang zurück.

»Fassen Sie mich nicht an! Kommen Sie nicht einen Schritt näher oder ich schreie!«

Prossy stammelte, immer noch sinnlos lächelnd, daß er ihr »bloß die Hände drücken« wolle, und wandte sich seitwärts gegen das Haus.

»Halt!« sagte sie und stampfte mit ihrem schmalen Füßchen auf. »Bleiben Sie, wo Sie sind! Wir müssen uns hier sprechen. Drinnen, vor ihr will ich keine Worte an Sie verschwenden!«

Prossy blieb stehen.

»Warum handelten Sie so?« sagte sie zornig. »Wie wagten Sie es, wie konnten Sie es wagen? Sind Sie ein Mann oder der Narr, den sie aus Ihnen macht?«

»Was soll ich denn getan haben?« sagte Prossy trotzig.

»Was Sie getan haben? Meine Mutter haben Sie dahin gebracht, Sie für ihren Sohn auszugeben! Sie haben Sie hierher unter diese Männer gelockt, wo sie ein Lügenleben zu führen gezwungen ist.«

»Sie wollte ja,« sagte Prossy traurig. »Ich sagte ihr, was sie zu tun hätte, und sie schien damit einverstanden zu sein.«

»Aber konnten Sie denn nicht sehen, daß sie alt und schwach ist und für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden kann? Oder dachten Sie nur an sich?«

Dieser letzte Stich ging ihm zu Herzen. Er blickte auf. Er hatte keine hilflose alte Frau vor sich wie am Tage zuvor, sondern ein hübsches schlaues, ihm in jeder Weise überlegenes Mädchen, das noch dazu in seinem Rechte war! Sein unbestimmtes Ehrgefühl ließ es ihm anständiger erscheinen, die Sache mit ihr auszutragen. Er brach los: »Ich dachte nie an mich! Ich hatte nie 'ne alte Mutter; ich wußte nie, was es hieß, eine zu entbehren – sondern die Genossen waren's! Und da ich keine für sie kriegen konnte, nahm ich eine für mich – es sollte ihnen auch zu gute kommen – ich dachte, sie würden sich glücklicher fühlen, wenn eine im Lager wäre!«

Seine Stimme hatte den unverkennbaren Ton der Wahrheit. Ein schwaches Zucken und der Dämmerschein eines Lächelns spielte um die Lippen des jungen Mädchens. Aber es wirkte nur wie ein Sporn auf den unglücklichen Prosper. »Sie mögen lachen, Fräulein Pottinger, aber 's ist bei Gott nur die Wahrheit! Aber eines tat ich nicht. Nein! Als Ihre Mutter Sie als meine Schwester hierherbringen wollte, begehrte ich auf! Das tat ich! Und Sie können mir trotz all Ihrem Lachen danken, daß Sie in diesem Lager unter ihrem eigenen Namen auftreten – und nur meine Base sind.«

»Haben Sie sich am Ende gedacht, Ihre köstlichen Freunde könnten auch eine – Schwester nötig haben?« sagte das Mädchen ironisch.

»Es kommt jetzt nicht mehr darauf an, was sie nötig haben,« sagte er traurig. »Denn,« fügte er in einem plötzlichen Ausbruch der Verzweiflung hinzu, »jetzt ist alles aus! Ja! Sie und Ihre Mutter werden von hier fort wollen, um jedem Argwohn die Spitze abzubrechen. Dann werde ich ausstreuen, daß Sie Ihre Tante zu 'nem Besuch mit sich nehmen. Dann werde ich ihr tausend Dollar geben für all die Unruhe, die ich ihr verursacht habe, und Sie werden sie fortbringen. Ich bin ein Narr gewesen, Fräulein Pottinger, vielleicht bin ich noch einer, aber was ich tu' ist winkelrecht und es muß geschehen!«

Er schaute so einfach und gutmütig drein – ganz so wie ein braver Schuljunge, der einen Fehler beichtet und auf seiner Bestrafung bestehen will, trotz seiner sechs Fuß Länge und seines seidenweichen Schnurrbarts – , daß Fräulein Pottinger ihre Augen senkte. Aber sie faßte sich rasch wieder und sagte scharf: »Sie haben gut von ihrem Weggehen reden! Aber sie will nicht. Sie haben ihr Wohlgefallen erweckt – ja! mehr als ich – als irgend eines von uns! Sie sagt, sie seien der einzige, der sie je wie eine Mutter behandelt habe – so wie eine Mutter behandelt werden müßte. Sie sagt, sie habe nie gewußt, was Frieden und Behaglichkeit wäre, ehe sie zu Ihnen gekommen sei. Da! Gucken Sie doch nicht so! Verstehen Sie es denn nicht? Merken Sie es denn nicht? Muß ich Ihnen noch besonders sagen, daß sie wunderlich ist – daß – daß sie stets verschroben und wunderlich war – und noch verschrobener dank ihren unglückseligen Gepflogenheiten, die Sie sicherlich kennen, Herr Riggs! Sie zankte sich mit uns allen. Ich zog zu meiner Tante, und sie begab sich nach San Francisco mit einer albernen Klage gegen die Reeder meines Vaters. Der Himmel allein weiß, wie sie es fertig gebracht hat, dort zu leben, aber sie mußte durch ihr Auftreten stets die Leute für sich zu gewinnen, und irgend jemand unterstützte sie immer! Schließlich bat ich meine Tante, sie suchen zu dürfen, und spürte sie hier auf. Da! Wenn Sie mir alles gebeichtet haben, so haben Sie nun auch mir die Beichte abgenommen, noch dazu über meine Mutter! Was soll jetzt geschehen?«

»Alles was Ihnen genehm ist, Fräulein Pottinger, ist es auch für mich,« sagte Prossy förmlich.

»Aber Sie dürfen mich nicht so laut Fräulein Pottinger nennen. Es könnte Sie jemand hören,« erwiderte sie boshaft.

»Ganz recht – also – liebe Base,« sagte er mit auffallendem Erröten. »Ich schlage vor, wir gehen 'rein.«

Trotz der Neugier des Lagers unterließen die Leute in den nächsten paar Tagen ihre üblichen Abendbesuche bei Prossys Mutter. »Sie werden von alten Zeiten reden wollen, und wir brauchen uns nicht zu früh zu zeigen,« schlug Wynbrook vor. Doch, als sie schließlich die neue Base trafen, war ihr Wahrspruch ein einmütiger, und ihre Lobeserhebungen überschritten alles Maß. Ihren unerfahrenen Augen schien sie die ganze Vornehmheit und seine Sprechweise ihrer Tante zu besitzen, und dazu eine nur ihr eigene Lebhaftigkeit und Munterkeit. In wenigen Tagen war das ganze Lager in sie verliebt. Doch verteilte sie ihre Gunst mit so unparteiischem Takt und so unschuldiger Freude – frei von jedem Verdacht der Koketterie – , daß es keine Herzensbrände gab; und der Unglückliche, der sich eine Schwachheit eingebildet hätte, wäre von seinen Genossen ausgelacht worden. Sie zeigte die Neugier und das Interesse eines Stadtmädchens am Lagerleben, das sie als ein »ewiges Picknick« bezeichnete, und wenn ihre schlanke, anmutige Gestalt an einem Graben stehen blieb, wo die Männer arbeiteten, erschien sie ihnen so willkommen wie der Sonnenschein des neuen Lenzes. Das ganze Lager wurde schmucker; an den Abenden bei »Prossys Mutter« war der Rock selbstverständlich; es gab weniger Roheiten und weniger Geschrei in den Kanälen. Wo die Goldwäscher arbeiten. Anm. d. Übers.

»'s hört sich ja ganz gut an, das mit den alten Müttern,« sagte der zynische Schankwirt, »aber dies Mädel hat für sich allein in einer Woche mehr dazu beigetragen, das Lager anständig zu machen, als die alte Frau Riggs in einem ganzen Monat von Sonntagen.«

Seit dem kurzen Gespräch, das Prossy vor dem Hause mit Fräulein Pottinger geführt hatte, war die Frage »was soll geschehen?« seltsamerweise fallen gelassen und war von keinem von ihnen mehr erwähnt worden. Die junge Dame hatte sich augenscheinlich mit der gedankenlosen Fröhlichkeit eines Feriengastes in die Vergnügungen des Lagers gestürzt, und es war nicht Prossys Sache – selbst wenn er es gewünscht hätte – sie daran zu erinnern, daß ihre wichtige Frage nie beantwortet worden war. Die Freude, die er über ihre Fröhlichkeit empfand, wurde noch durch das mit ihr geteilte Geheimnis gewürzt. Drei Wochen waren vergangen; der letzte Winterregen war verschwunden. Der Lenz regte sich in Strauch und Wald, in dem Rollen der Gewässer, im Saft der großen Fichten und im Aufblühen der Blumen. Was Wunder, wenn Prossys junges Herz sich auch ein wenig zu regen begann!

Tatsächlich hatte ihn ein neuer glänzender Gedanke ergriffen, ein toller Gedanke, der ihm fast so ungereimt erschien, wie jener, dem er all diese Beunruhigung verdankte. Der war wie damals zu ihm gekommen – inmitten einer sternhellen Nacht – , und eines Morgens hatte sich der gute Junge mit fieberhaftem Eifer erhoben, um den Gedanken zur Tat zu machen! Dieser veranlaßte ihn dann zu dem unerhörten Schritt, mit Fräulein Pottinger allein einen Gang zu machen und unter grünem Laubdach in einsamen Wäldern dahinzuschlendern, doch wollte er ihn schließlich schier verlassen, als er Hand in Hand mit ihr in einem kleinen Hohlweg stand – nur von einem naseweisen Eichhörnchen belauscht. Aber alles, was das enttäuschte Tier ihn stammeln hörte, war: »So sieh doch, mein Lieb, dann wär's keine Lüge mehr – denn – verstehst du – dann wäre sie wirklich meine Mutter so gut wie deine.«

*

Die Hochzeit von Prossy Riggs und Fräulein Pottinger ward in Sacramento ganz in der Stille gefeiert, aber Prossys »alte Mutter« kehrte nicht mit dem glücklichen Paar zurück.

Eine Vorstellung von Frau Pottingers späterer Laufbahn mag man aus einem Briefe gewinnen, den Prossy ein Jahr nach seiner Heirat empfing. »Umstände,« schrieb Frau Pottinger, »die mich veranlaßt hatten, das Anerbieten eines Witwers anzunehmen und die Sorge für seinen verwaisten Haushalt zu übernehmen, haben sich seitdem zu einer dauerhafteren, ehelichen Stellung ausgestaltet, so daß ich stets meinem lieben Prossy ein Heim bei seiner Mutter anbieten kann, falls er sich entschließen sollte, diese Örtlichkeit und einen zweiten Vater in der Person des Hiram W. Waterford, Esq., aufzusuchen.«

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