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Pioniere des Westens

Bret Harte: Pioniere des Westens - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorBret Harte
titlePioniere des Westens
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volume21. Jahrgang. Band 16
year1905
translatorHelmut Sarwey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110206
projectid66b292c8
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Die Witwe Mac Glowrie.

Sehr wenig war von ihrem verblichenen Gemahl bekannt, doch das Wenige war hinreichend schreckenerregender Art, um die Neugier von Laurel Spring zu befriedigen. Ein Mann von unnachgiebiger Heftigkeit und aufrichtiger Kampfesfreude, von irgendwelcher menschlichen Schwäche nicht beeinflußt, hatte er in Kentucky und nebenher bei einigen Duellen zwei oder drei Blutfehden ausgefochten, nur um – Ironie des Schicksals! – in San Francisco einem Fieberanfall zu erliegen. Mit einem schönen Sinn für Humor begabt, soll er, angesichts des Todes, den schlichten Prediger an sein Bett gerufen haben, um sich von ihm die Stiefel anziehen zu lassen. Der gütige Geistliche konnte, wenngleich er dem Kranken klar machte, daß er zu schwach zum Aufstehen, geschweige zum Gehen sei, der Bitte eines Sterbenden nicht widersprechen. Als sie erfüllt war, kletterte Mac Glowrie mit dem Bemerken in sein Bett zurück, daß sein Geschlecht stets »in den Stiefeln« gestorben sei, und verschied dann lächelnd und friedlich.

Es ist indes wahrscheinlich, daß diese Geschichte erfunden wurde, um die Schmach von Mac Glowries friedlichem Ende zu mildern. Von der Witwe selbst hieß es, sie sei mit einer Verwandtschaft ähnlich mörderischer Art gesegnet. Ihre beiden Brüder Stephan und Hektor Boompointer hatten im Westen einen ebenso schlechten Ruf. Der Witwe eigene Erlebnisse im Grenzerleben waren wild und schrecklich gewesen, und ihr Skalp – ein besonders schöner, blondhaariger – war verschiedene Male durch die Indianer bedroht gewesen. Eine Schere, mit der sie einst die freche Hand eines Strolches an den Türpfosten ihrer Hütte gespießt, war in ihrem Wohnzimmer in Laurel Spring zu sehen. Diese amazonenhafte Tat hätte man der schönen, wenn auch schlecht ernährten Frau mit den bernsteinfarbigen Augen und der zierlichen Figur nicht zugetraut. Aber daß sie den vielen, die geneigt sein mochten, sie zum Wiedereintritt in den Stand der Ehe zu bewegen, eine heilsame Zurückhaltung auferlegte, ist kaum zu bezweifeln, Laurel Spring war eine friedliche landwirtschaftliche Siedlung. Wenige von seinen Bürgern wagten die gefährliche Auszeichnung anzustreben, den verewigten Mac Glowrie zu ersetzen; wenige auch konnten erwarten, daß die Schwester lebender Boompointers eine offenkundige Mißheirat mit ihnen eingehen würde. So aufrichtig ihre Neigung sein mochte, so war das Leben den rauhen Einwohnern von Laurel Spring doch zu lieb und die Erhaltung der gebräuchlichen Anzahl Gliedmaßen für sie in ihrem Beruf unentbehrlich. Da ihre Ergebenheit somit durch Vorsicht gezügelt war, mochte die reizende Herrin von »Laurel Spring House« vor störenden Aufmerksamkeiten gesichert sein.

Es war ein angenehmer Sommernachmittag, und die Sonne fing an, unter den vor dem Gasthof stehenden Lorbeerbäumen hindurch in das kleine Geschäftszimmer zu dringen, wo die Witwe mit der Haushälterin saß – einer stämmigen Jungfrau von derberem westlichem Schlag, Frau Mac Glowrie blickte gelangweilt auf einige Rechnungen, die vor ihr ausgebreitet waren, und schob zerstreut einige herabgefallene Ringeln ihres aufgesteckten schweren Haars wieder zurecht. Denn die Witwe hatte eine gewisse träge südliche Nachlässigkeit an sich, die bei einer weniger hübschen Frau für unordentlich gegolten hätte, und eine charakteristische haken- und haftenlose Ungezwungenheit in der Kleidung, die an weniger anmutigen Gliedern schlampig geheißen hätte. Die eine Ärmelkrause war nicht zugeknöpft, zeigte aber dafür die blauen Adern ihres feinen Handgelenks; ihrem Kleid fehlte am Hals ein Haken, aber der Blick auf ein bißchen von dem Rand des weißen Nackens entschädigte dafür. All dessen war sich jedoch, wie betont werden muß, die Witwe in ihrer schlaffen Versunkenheit tatsächlich unbewußt. »Ich in eine, wir können den neuen Prediger in Oberst Starbottles Zimmer unterbringen,« sagte Fräulein Morvin, die Haushälterin; »der Oberst geht heut' abend.«

»O,« sagte die Witwe in einem Ton der Erleichterung, doch konnte Fräulein Morvin nicht feststellen, ob er der zeitigen Abreise des galanten Obersten oder der glücklichen Lösung der Aufgabe, den Prediger unterzubringen, galt. Doch fuhr sie forschend fort: »Der Oberst unterhielt sich im Schenkzimmer und konnte sich nicht genug verwundern, warum Sie nicht wieder geheiratet hätten. Sagte, Sie würden Sacramento in Aufruhr versetzen, wären aber hier geradezu begraben.«

»Er hat vermutlich von meinem Gatten gehört?« sagte die Witwe gleichgültig.

»Ja, aber er sagte, er könne Sie nicht unterbringen,« erwiderte Fräulein Morvin.

Die Witwe blickte auf. »Könne mich nicht unterbringen?« wiederholte sie.

»Ja, er habe nie etwas von einer Frau Mac Glowrie gehört und könne sich Ihrer Brüder nicht entsinnen.«

»Der Oberst kennt nicht jeden, selbst wenn er ein Kriegsmann ist,« sagte Frau Mac Glowrie in lässiger Verachtung.

»Dasselbe sagte Dick Blair,« entgegnete Fräulein Morvin, »und wenn, er auch nur 'n Doktor ist, steckte er sich gleich hinter den Oberst und erzählte die Geschichte, wie Sie den Mann mit Ihrer Schere gespießt haben – herrlich! – und wie Sie mal 'nen Bären mit 'nem rotglühenden Eisen verjagt haben, so daß Sie gestaunt hätten, wenn Sie Zeuge seiner Schilderung gewesen wären. Er ist riesig für Sie ins Zeug gegangen!«

Die Witwe benutzte diese Gelegenheit, ihre Krause zuzuknöpfen. »Und wie lange gedenkt der Prediger zu bleiben?« fügte sie bei, indem sie zu den Geschäftsangelegenheiten zurückkehrte.

»Nur einen Tag. Schon morgen wird sein Haus für ihn in stand gesetzt sein. Es wird 'n Haufen Geld drauf verwendet. Er muß wirklich so 'n mächtiger Prediger sein, wie's heißt – um das zu verdienen.« Doch hiermit schwand Frau Mac Glowries Interesse an dem Gespräch und dieses schlief ein.

In ihrem Bestreben, die Bewerbung Dick Blairs zu fördern, hatte Fräulein Morvin kaum ganz wahrheitsgetreu über den Oberst berichtet. Dieser Herr, der in dem Trinkzimmer des Gasthofs an den Schenktisch gelehnt stand, einen Pfefferminztrank in der Hand, hatte sich in seiner gewohnten Artigkeit über Frau Mac Glowries Reize verbreitet und unter seiner eigenen »persönlichen« Verantwortlichkeit die Ansicht vertreten, daß diese in Laurel Spring nicht an ihrem Platz seien. Der Kuckuck hole es! – sie erinnere ihn an das herrlichste Weib, das er je, selbst die Schönen von Washington nicht ausgenommen, gesehen, nämlich an die Tochter des alten Major Beveridge aus Kentucky. Ob sie bestimmt wüßten, daß sie nicht aus Kentucky sei? Ob nicht ihr Name am Ende Beveridge anstatt Boompointer sei? Indem er sein Gedächtnis durch einen zweiten Trunk auffrischte, konnte sich der Oberst, wenn auch etwas verschwommen, eines einzigen Boompointer entsinnen – eines ganz gemeinen Hunds, mein Herr! – eines niederträchtigen Lumpen – , aber selbstverständlich konnte er nicht demselben Geschlecht entstammen wie solch ein Prachtweib! Da fiel Dick Blair mit einem glühenden Lobspruch auf die Verwandten der Witwe und diese selbst ein, wodurch er jedoch die Ritterlichkeit des Obersten nur steigerte, der »der Letzte wäre, mein Herr, den Ruf einer Donna herabzuziehen oder herabziehen zu lassen«. Es dürfte überflüssig sein, zu bemerken, daß all dies die Umstehenden höchlich ergötzte und dementsprechend Blair in Aufregung versetzte, der bereits eine Regung von Eifersucht auf den Oberst verspürte, dessen Kampfesruhm möglicherweise Eindruck auf die Witwe des kriegerischen Mac Glowrie machen könnte. Er verwünschte seine Torheit und versank in düsteres Schweigen, bis der Oberst aufbrach.

Denn Dick Blair liebte die Witwe mit der Selbstlosigkeit einer edlen Natur und einer ersten Liebe. Er hatte sie vom ersten Tage an bewundert, da sein Los ihn nach Laurel Spring verschlagen hatte, wohin er nach einem rauhen Grenzerleben gekommen war, um Nachfolger des Bezirksarztes mit einer rein friedlichen und häuslichen Praxis zu werden. Eher ein geschickter und feiner Wundarzt als praktischer Arzt im allgemeinen, wurde er zuerst von den verdrießlichen Dyspeptikern und den fiebergeplagten Ansiedlern aus den Flußuferniederungen kalt empfangen. Die paar bukolischen Müßiggänger, die sich bis dahin die Eintönigkeit ihres Daseins durch die Anwendung von allerhand Patentmedizin und die erregende Wirkung von Magenbittern versüßt hatten, schauten ihn ebenfalls scheel an. Eine vernünftige Art, ihre Leiden zu behandeln, fand bei den Krämern, die diese Geheimmittel vertrieben, natürlich wenig Anklang, und so ließ man ihn die Gegnerschaft des Handelsstands empfinden. Aber er war lieb gegen Weiber, Kinder und Tiere, und seltsamerweise verdankte er dieser letzteren Vorliebe das Interesse, das die Witwe an ihm nahm – ein Interesse, das ihn schließlich überall beliebt machte. Die Witwe hatte nämlich ein Lieblingshündchen, einen schönen Wachtelhund, der sich jedoch das Beispiel seiner phlegmatisch veranlagten Herrin so sehr zum Vorbild genommen hatte, daß er den kurzen Sprung zwischen einem Balkon und einem Fenster verfehlte und mit gebrochenem Bein zu Boden fiel. Man nahm an, daß der Hund sein Leben lang verkrüppelt bleiben werde – wenn überhaupt ein solches Leben der Erhaltung wert wäre – als Doktor Blair zu Hilfe kam, das gebrochene Glied einrichtete, es in einen von ihm selbst erfundenen sinnreichen Gipsverband legte, täglich einen Besuch machte, und ihn schließlich gesund an Leib und Seele seiner Herrin wieder in den Schoß legte. Inwieweit diese tägliche Verrichtung und der notgedrungene Austausch von Mitgefühlsbezeigungen zwischen der Witwe und ihm diesen Eifer erhöhte, wurde nicht bekannt. Es gab Leute, die die ganze Geschichte für einen unmännlichen Kniff ansahen, womit er seine Nebenbuhler bei der Witwe ausstechen wollte; andre dagegen waren der Ansicht, daß ein rohes Tier wie ein menschliches Wesen zu behandeln sündig und unchristlich sei.

»Mehr hätt' er nicht für ein regelrecht getauftes Kind tun können,« sagte die Postmeisterin.

»Und was hätt' ein regelrecht getauftes Kind mehr gebraucht?« versetzte Frau Mac Glowrie mit der gedehnten südlichen Aussprache, in die sie im Falle höchster Geringschätzung verfiel.

Aber Doktor Blairs zunehmende Praxis und die geschäftliche Inanspruchnahme der Witwe machten zunächst ihrem Verkehr ein Ende. Es war wohl bekannt, daß sie im Gasthof keine Freier ermutigte, und seine Schüchternheit und Empfindlichkeit schrak vor einer offenen Annäherung zurück. Daß sie selbst seine Patientin würde, war wenig wahrscheinlich, denn ihr vernünftiger Sinn, ihre guten Nerven und ihr ruhiges Blut bewahrten sie vor weiblichen »Zufällen« oder weiblichen Überspanntheiten, Sie hatte mit ihren dreißig und ungrad Jahren die Zähne und die Verdauung eines Kindes behalten und mißbrauchte beide nicht. Reiten und die Besorgung ihres kleinen Gartens verschafften ihr die nötige Bewegung, Und doch traf das Unerwartete ein! Am Tage nach Starbottles Abreise wurde Doktor Blair eilig nach dem Gasthof gerufen, Frau Mac Glowrie war bewußtlos, völlig ohnmächtig, vor der Speisezimmertür gefunden morden. Während er mit dem Boten hastig hineilte, konnte er nur in Erfahrung bringen, daß sie am Morgen scheinbar so wohl wie gewöhnlich gewesen sei, und daß niemand eine Ursache für ihre Ohnmacht angeben könne.

Viel mehr konnte er auch nicht herausbringen, als er in das Hotel kam und sie untersuchte, während sie bleich und bewußtlos auf dem Sofa ihres Wohnzimmers lag. Es war nicht für nötig befunden worden, ihr ohnehin locker sitzendes Kleid noch mehr zu lockern, und in der Tat konnte er keine organische Störung finden. Es war ein Fall plötzlicher Nervenerschütterung – aber gerade dies kam ihm, da er ihre phlegmatische Natur kannte, nahezu unverständlich vor. Man konnte ihm nichts sagen, als daß sie offenbar im Begriffe gestanden habe, das Speisezimmer zu betreten, als sie in Ohnmacht gesunken sei. Ob sie durch irgend etwas erschreckt worden sei? Eine Schlange oder Ratte zum Beispiel? Fräulein Morvin war empört! Mac Glowries Witwe! – Die Besiegerin des grauen Bären! Durch »so was« erschreckt! Ob sie durch irgendwelche vorhergehende Erregung, einen Streit oder den Empfang schlimmer Nachrichten irritiert worden sei? – Nein, sie sei »nicht von der Sorte«, wie der Doktor ja wohl wisse. Währenddessen fühlte er, wie Leben und Gesundheit in den Puls der Witwe zurückkehrten, den er hielt, und ihren Lippen ein wenig Farbe verlieh. Ihre blaugeäderten Augenlider zitterten leicht und öffneten sich dann mit matter Verwunderung, als ihr Blick auf den Doktor und ihre Umgebung fiel. Plötzlich erschien ein überraschter Ausdruck in den hellbraunen Pupillen ihrer Augen, und sie erhob sich in eine sitzende Haltung, indem sie einen eiligen Blick nach der Tür richtete. Als sie die lebhaften, beobachtenden Augen Doktor Blairs bemerkte, nahm sie sich gewaltsam zusammen, wie Doktor Blair an ihrem Pulse wahrnahm, und entzog ihm ihr Handgelenk.

»Was ist los? Was ist geschehen?« sagte sie schwach.

»Sie hatten einen leichten Ohnmachtsanfall,« sagte der Doktor heiter, »und man rief mich im Vorbeigehen herein, aber Sie sind jetzt ganz hergestellt.«

»Wie schrecklich dumm,« sagte sie, während ihr die Farbe wieder kam, indes ihre Augen immer noch nach der Tür blickten, »wie'n grünes Mädel wegen nichts und wieder nichts hinzuplumpsen!«

»Vielleicht hat irgend etwas Sie erschreckt?« sagte der Doktor.

Frau Mac Glowrie schaute rasch auf und sah dann beiseite. »Nein! – lassen Sie einmal sehen! Ich ging gerade durch den Flur nach dem Speisezimmer, als – alles um mich her zu tanzen schien und ich weg war! – Wo hat man mich gefunden?« wandte sie sich an Fräulein Morvin.

»Ich habe Sie gerade vor der Tür aufgelesen,« entgegnete die Haushälterin.

»Dann haben sie mich also nicht gesehen?« sagte Frau Mac Glowrie.

»Wer ist – sie – ?« antwortete die Haushälterin mit mehr Deutlichkeit als grammatikalischer Genauigkeit.

»Die Leute im Speisezimmer? Ich machte gerade die Tür auf – und fühlte, daß dies kam – und – ich glaube, ich hatte noch gerade genug Besinnung, um die Tür wieder zuzumachen, ehe ich ohnmächtig wurde.«

»Dann bezieht sich darauf, was Jim Slocum gesagt hat,« äußerte Fräulein Morvin triumphierend. »Er war im Speisezimmer und plauderte mit dem neuen Prediger, als er, wie er zugibt, die Tür hinter sich öffnen und zumachen hörte. Dann vernahm er draußen 'ne Art Plumps und machte die Tür wieder auf, nur um Sie da liegen zu finden, wegzurennen und mich zu suchen. Und drum ist er auch so böse auf den Prediger! Denn er sagt, daß der einfach fortgerannt sei, ohne sich zum Beistand anzubieten. Er erklärt, der Prediger möge wohl ein mächtiger Redner sein, aber was die ›Werke‹ anbetrifft, sei er zu nichts nutze.«

»Manche Männer können's nicht mitansehen, wenn 'ne Frau so verrückte Sachen macht,« sagte die Witwe mit einem schwachen Versuch zu lächeln, aber aufs neue erbleichend.

»Würden Sie sich nicht lieber wieder hinlegen?« sagte der Doktor besorgt.

»'s geht mir jetzt ganz gut,« sagte Frau Mac Glowrie, ihre Anwandlung bezwingend. »Die Morvin wird nach mir sehen, bis das Unwohlsein aufhört. Aber es war mächtig rührend und freundnachbarlich von Ihnen, Doktor, daß sie hergekommen sind,« fuhr sie fort und brachte endlich ein schwaches, aber entzückendes Lächeln zu stande, das Blairs Pulse schlagen ließ. »Wenn ich mein eigener Hund wär', hätten Sie mich nicht besser behandeln können!«

Da er keinen Vorwand weiter hatte, länger zu bleiben, mußte sich Blair wohl oder übel zum Gehen entschließen, was ihn aber, als Liebhaber wie als Arzt, recht hart ankam. Er war mit dem Befinden seiner Patientin keineswegs zufrieden. Als er aber am nächsten Tag kam, um nach ihr zu sehen, war sie beschäftigt und ließ ihm sagen, es gehe ihr »besser«.

Über der Aufregung, die die Ankunft des neuen Predigers verursachte, wurde das leichte Unwohlsein der reizenden Witwe vergessen. Er hatte die Niederlassung im Sturm erobert. Seine erste Predigt in Laurel Spring übertraf selbst den fabelhaften Ruf, der ihm vorangegangen war. Bekannt unter dem Namen des »inspirierten Cowboy«, sollte er, ein gewöhnlicher, ungebildeter Grenzer, herrliche Gaben eindringlicher Beredsamkeit unter den Indianern und den kaum weniger wilden Grenzergemeinden entfaltet haben, unter denen er halb als Verbannter, halb als Missionar gelebt hatte. Er war soeben aus den Ackerbaubezirken des Südens hergekommen, wo er trotz seines rauhen Vorlebens hervorragende Erfolge bei den Frauen und der Jugend davongetragen hatte. Die mürrischen Dyspeptiker und trägen Landleute von Laurel Spring wurden angeregt wie von einer neuen Arznei.

Doktor Blair ging zu der ersten »Erweckungsversammlung«. Obwohl er dem Einfluß des Mannes volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, wurde er doch unwillkürlich von seiner Erscheinung und seinem Auftreten abgestoßen. Die geschärfte Beobachtungsgabe des jungen Arztes erkannte nicht nur ein übertriebenes Pathos in der Beredsamkeit des Sprechenden, sondern wurde auch von einem unaufrichtigen Ton in seiner nichts weniger als klaren Redeweise peinlich berührt. Trotzdem teilte sich die Verzückung des Predigers der Versammlung mit, die mit ihm weinte und brüllte. Verdrossene und unzufriedene Hausfrauen fanden, daß ihre Sorgen und Begierden nur das Ergebnis ihres »nicht wiedergeborenen« Zustands seien; die träge ländliche Jugend empfand, daß die Vergeblichkeit ihres mäßig hochfliegenden Strebens davon kam, daß sie nicht zum Bewußtsein ihrer Sündhaftigkeit gelangt war. Die Bank der Zerknirschten war von wild eifernden Sündern voll. Doktor Blair wandte sich mit aus Vergnügen und Verachtung gemischten Gefühlen zum Gehen. An der Tür klopfte ihm Jim Slocum auf die Schulter: »Packt die Weibsleute allemal, nicht, Doktor?« sagte er.

»Scheint so,« sagte Blair trocken.

»Sie sind einer von den gelehrten Kerls, die in die Dinge hineinsehen – was meinen Sie dazu?«

Der junge Doktor unterdrückte die vernichtende Antwort, die ihm auf den Lippen schwebte. Er hatte in jener Gegend Vorsicht gelernt: »Könnt's nicht sagen,« bemerkte er gleichgültig.

»Religion ist's nicht,« sagte Slocum nachdrücklich, »'s ist die reine Teufelei und Zauberei. Haben Sie sein Auge gesehen? 's ist wie das einer Klapperschlange, und die Weibsleute sind wie Vögel. Sie fürchten sich vor ihm – aber Sie müssen genau das tun, was er von ihnen will. Darum hat er die Witwe gestern so erschreckt.«

Der Doktor war auf einmal Feuer und Flamme. »Die Witwe erschreckt?« wiederholte er empört.

»Jawohl! Sie wissen doch, wie sie ohnmächtig wurde. Nun, Herr Doktor, ich und dieser Prediger, Gabriel Brown, waren um die Zeit allein im Speisezimmer. Die Witwe öffnete hinter mir die Tür und guckte herein, und da stutzte der Prediger und schaute auf, und dann kam jene Art von wunderlichem Schein in seine Augen, und sie machte die Tür zu, fuchtelte mit den Händen und sank im Flur draußen zu Boden. Er aber kroch weg wie 'ne Schlange und sagte kein Wort! Meine Meinung ist, entweder er hatte keine Zeit, den ganzen Einfluß wirken zu lassen, oder aber sie kriegte, schlau wie sie ist, die Tür zwischen sich und der Sache beizeiten zu. Kapiert? Sonst, so gewiß als Sie geboren sind, hätte sie sich hingeworfen und, am Boden kriechend, hinter ihm her geseufzt – grad' wie die andern Geschöpfe, von denen wir herkommen.«

»Wenn ich Ihnen raten darf, so hüten Sie sich, vor den Brüdern solche Reden zu führen, sonst werden Sie noch gelyncht,« sagte der Doktor lachend, »Frau Mac Glowrie hatte einfach einen Ohnmachtsanfall infolge einer Anstrengung, das ist alles.«

Trotzdem war ihm unbehaglich zu Mut, als er wegging. Frau Mac Glowrie hatte offenbar eine Erschütterung erlebt, die noch unaufgeklärt war und trotz Slocums blühender Phantasie einigermaßen mit seiner Geschichte zusammenhängen mochte. Er teilte den Aberglauben des Mannes nicht, obwohl er über Magnetismus nicht skeptisch dachte. Aber selbst dann war das Verhalten der Witwe ein abweisendes gewesen; und solange sie stark genug war, den Versammlungen fernzubleiben, war sie außer Gefahr. Als er einen oder zwei Tage darauf an dem Gasthofsgarten vorbeiritt, sah er ihre geschmeidige, anmutige Gestalt sich über eines ihrer Lieblingsblumenbeete neigen. Der hohe Zaun verbarg ihn teilweise ihren Augen, und sie glaubte sich offenbar allein. Vielleicht erhob sie sich darum plötzlich von ihrer Arbeit, schob ihr offenes Haar mit einem verdrossenen, zerstreuten Blick zurück, verharrte einen Augenblick, indem sie ganz ruhig in den blauen Himmel hineinstarrte, und nahm dann, nachdem sie ein wenig Atem geschöpft, ihre Beschäftigung auf eine stumpfe, mechanische Art wieder auf. Bei diesem kurzen Blick auf ihr reizendes Gesicht erschrak Blair über die Veränderung, die darin vorgegangen; sie war bleich; ihre Mundwinkel waren herabgezogen; tiefe Schatten lagen in ihren Augenhöhlen, und trotz ihrem breiten Gartenhut mit seinen blauen Bändern, ihrem hellen geblümten Rock und ihrer gefältelten Schürze sah sie aus, wie sie seiner Vorstellung nach in dein ersten überwältigenden Kummer ihrer Witwenschaft ausgesehen haben mochte. Doch er wäre, ihren geheimen Kummer respektierend, vorübergeritten, hätte ihn nicht der kleine Wachtelhund mit seinen geschärften Sinnen entdeckt. Und da Fluffy – wie Hunde gewöhnlich – anhänglich war und in dem Doktor einen lieben Freund erkannte, so bellte er freudig drauf los.

Die Witwe blickte auf, und als ihre Augen die Blairs trafen,, errötete sie. Aber er war ein zu scharfsichtiger Liebhaber, um das zu mißdeuten, was, wie er – leider! – wußte, nur der Ausdruck ihrer Verlegenheit darüber war, daß er ihr zerstreutes Wesen bemerkt hatte. Doch es lag außerdem noch etwas in ihren braunen Augen, was er nie zuvor gesehen. Ein augenblickliches Aufleuchten von Erleichterung – ja sogar von Hoffnungsfreudigkeit – bei seinem Anblick. Das war für Blair genug; er schüttelte seine alte Schüchternheit ab, wie er den Staub von seinem Rocke abschüttelte, und galoppierte zu der Vordertür herum.

Doch sie kam ihm im Flur lediglich mit ihrem gewöhnlichen Gleichmut entgegen.

»Ich kann Sie nicht in einen Gipsverband legen wie Fluffy, Frau Mac Glowrie,« sagte er, »aber ich kann Ihnen verbieten, in den Garten zu gehen, ehe Sie besser aussehen. Sonst fällt ein schlechtes Licht auf meine Berufsgeschicklichkeit, und Laurel Spring wird erschrecken und mir's ins Wachs drücken.«

Frau Mac Glowrie hatte ihre alte Laune hinreichend wiedergefunden, um zu erwidern, sie denke, Laurel Spring habe Besseres zu tun, als über den Gartenzaun nach ihr auszuschauen.

»Aber Ihr Hund, der weiß, daß Sie nicht wohl waren, hatte, da er mich nicht völlig für einen Narren hält, den vernünftigen Einfall, mich zu rufen. Sie haben ihn doch gehört.«

Aber die Witwe widersprach: sie sei so stark wie ein Pferd, und »Fluff«, wie alle jungen Hunde, sei im höchsten Grade naseweis.

»Schön,« sagte Blair vergnügt, »angenommen, es gehe Ihnen körperlich vortrefflich, so werden Sie doch zugeben, daß irgend eine Sorge Sie bedrückt, nicht wahr? Wenn Sie mir Ihre Zunge durchaus nicht zeigen wollen, so könnten Sie sie wenigstens dazu gebrauchen, mir zu sagen, was Sie ängstigt. Wenn Sie,« fügte er ernster hinzu. »Ihrem Arzte kein Vertrauen schenken wollen, so doch vielleicht einem – einem Freunde.«

Aber Frau Mac Glowrie, die seinen ernsten Blicken wie seinem Andringen auswich, fragte sich, was es einem Doktor oder einem – einem, sie schien selbst bei dem Worte zu zaudern – »einem Freunde frommen möge, die Kümmernisse eines einfältigen, nervösen alten Dings zu erfahren – das sich nur etwas zu viel mit seinem Geschäft abgegeben habe.«

»Sie sind weder nervös, noch alt, Frau Mac Glowrie,« fiel der Doktor rasch ein, »wenn ich auch allmählich glaube, daß Sie wirklich hier zu abgeschlossen waren, Sie brauchen mehr Zerstreuung oder Anregung. Sie können sogar hingehen und diesen Prediger anhören« – er hielt inne, denn das Wort war seinen Lippen unversehens entschlüpft. Doch ein Ausdruck der Verachtung lief schnell über ihr bleiches Gesicht.

»Und Sie würden gern sehen, wenn ich hinter diesen mageren alten Weibern und halbwüchsigen Dingern dreinliefe, die über diesen Mann geifern und schreien!« sagte sie verächtlich. »Nein, ich brauche wohl nur etwas Abwechslung – und ich will sehen, daß ich eine Weile aus meiner Tretmühle heraus und von hier fort komme.«

An diese mögliche Folge hatte der arme Doktor nicht gedacht. Sein Herz wurde schwer, doch hielt er sich wacker. »Ja, vielleicht haben Sie recht,« sagte er traurig, »wiewohl es ein schrecklicher Verlust für Laurel Spring – für uns alle wäre, wenn Sie gingen!«

»Sehe ich denn so sehr schlecht aus, Doktor,« sagte sie mit einem halb boshaften, halb pathetischen Lächeln.

Dem Doktor kam ihr aufwärts gerichtetes Gesicht höchst anbetungswürdig vor, aber er unterdrückte sein Gefühl heroisch und begnügte sich auf die pathetische Hälfte ihres Lächelns zu antworten. »Sie sehen aus, als ob Sie etwas Schweres durchgemacht hätten,« sagte er ernst, »und ich habe Sie nie zuvor so gesehen. Es scheint, als ob Sie eine große Erschütterung erlebt hätten. Wissen Sie,« fuhr er leiser und halb verlegen lächelnd fort, »daß Sie, als ich Sie vorhin im Garten erblickte, aussahen, wie Sie wohl in den ersten Tagen Ihres Wittums ausgesehen haben mögen, als der Tod Ihres Gatten noch frisch in Ihrem Herzen war.«

Ein seltsamer Ausdruck ging über ihr Gesicht. Ihre Augenlider senkten sich, und sie nahm mit beiden Händen ihre Faltenschürze auf, als wolle sie ihr Gesicht verhüllen. Ein Schauer schien durch ihre Schultern zu gehen, und dann folgte aus den Tiefen dieser Schürze ein Schrei, der in ein unbezwingbares Lachen überging, worauf sie, den Kopf noch immer verhüllt, in das innere Zimmer lief und die Tür hinter sich verschloß.

Erstaunt, verletzt und zuerst empört blieb Doktor Blair wie angewurzelt an dem Fleck stehen. Dann machte seine Empörung einem brennenden Ärger Platz, als er sich seiner Rede entsann. Er hatte einen schrecklichen faux pas begangen, indem er sich hinreißen ließ, das geheiligte Andenken jenes toten Gatten heraufzubeschwören, den er ersetzen wollte – und ihr rascher Frauenverstand hatte seine lächerliche Dummheit durchschaut. Ihr Lachen hatte hysterisch geklungen, aber das war bei ihren gemischten Gefühlen nur natürlich. Verwirrt stieg er zu Pferde und ritt hinweg.

Einige Tage mied er das Haus. Doch als er sie das nächste Mal sah, begrüßte sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln, als habe sie seinen Schnitzer von neulich ganz vergessen. Sie sagte, es gehe ihr besser. Sie habe seinen Rat befolgt und mache sich etwas vom Geschäft frei. Sie sei wieder ausgeritten – o, so weit! Ob allein? – Selbstverständlich, sie sei stets allein! außerdem, was würde Laurel Spring sonst sagen?

»Richtig,« versetzte Blair lächelnd, »zudem vergaß ich, daß Sie völlig im stande sind, sich im Notfall zur Wehre zu setzen. Und doch,« fuhr er fort, indem er einen bewundernden Blick auf ihre leichte Gestalt und ihre lässige Anmut warf, »wissen Sie, daß ich mir Sie nie und nimmer als die Heldin der schrecklichen Abenteuer vorstellen kann, die Sie bestanden haben sollen.«

»Dann lassen Sie's bleiben,« sagte sie schnell, »wirklich, das ist mir lieber. Es wird mir übel, wenn ich davon höre!« Dabei machte sie einen Versuch, zu lächeln, und ihre Wangen färbten sich leicht.

Blair war ein wenig verlegen. »Natürlich zweifle ich nicht an Ihrem Heldenmut, wie Sie ihn bei der Geschichte mit dem Kerl und der Schere bewiesen haben,« stammelte er.

»O, das ist das Schlimmste von allem – 's ist zu dumm – 's macht einem übel!« Und ärgerlich fuhr sie fort: »Ich weiß wirklich nicht, wer diesen Unsinn aufgebracht hat,« Dann fügte sie schüchtern hinzu: »In Wirklichkeit bin ich eine schreckliche Memme und furchtbar nervös – wie Sie wissen!«

Er würde das bestritten haben, aber sie sah tatsächlich verstört aus, und er wünschte, keine neue Unklugheit zu begehen. Auch glaubte er in ihren Augen wiederum das gleiche Aufleuchten ernster Hoffnung wie schon einmal erblickt zu haben, was ihn sehr beglückte. Das verführte ihn, wie ich fürchte, dazu, sich noch gewagteren Träumen hinzugeben. Seine Praxis ernährte ihn, wenn sie auch sichtlich zunahm, nur dürftig, und die Witwe war reich. Ihr Geschäft war einträglich gewesen, und sie hatte die Vorschüsse zurückgezahlt, die sie bei Übernahme des Gasthofs erhalten. Doch dieser Unterschied in ihren Glücksgütern, der ihn zuvor abgeschreckt hatte, flößte ihm jetzt keine Angst mehr ein. Er fühlte, daß sie, wenn er schließlich ihre Neigung gewann, sich dazu verstehen könnte, trotz andrer Bewerber auf ihn zu warten, bis es ihm gelungen wäre, eine entsprechende Lebensstellung zu erringen. Seine Nebenbuhler hatten sich stets sowohl durch seine Armut als durch seinen friedlichen Beruf in Sicherheit wiegen lassen. Wie konnte ein armer, einfacher Doktor nach der Hand der reichen Witwe des schrecklichen Mac Glowrie streben?

Es war an einem Spätnachmittag, und die tiefstehende Sonne fing an, schräg auf die starren Reihen der rötlichen Stämme auf dem Hohen Landrücken zu scheinen. Der Doktor, der von einem Patienten in dem Lager der Holzfäller heimkehrte, ritt, in seinen Gedanken mit der schönen Witwe beschäftigt, schnell durch den Wald, als er ein fröhliches Bellen im Unterholz vernahm und Fluffy auf ihn zugesprungen kam. Blair stieg ab, um ihn wie gewohnt zu streicheln, und schlenderte dann, in der naheliegenden Annahme, daß seine Herrin nicht weit sei, suchend fürbaß, während der Hund vor ihm hersprang und bellte, als wäre er darauf erpicht, ihn sowohl zu führen, als anzumelden. Doch das letztere gelang ihm zuerst; denn als Blair sich von der Schneise tiefer in das Gehölz hinein wandte, sah er eine männliche und eine weibliche Gestalt zusammengehen, die sich, durch das Bellen gewarnt, plötzlich trennten. Das Weib war Frau Mac Glowrie – der Mann war der »Erweckungsprediger«.

Trotz seiner Verblüffung und seines Unwillens gehorchte Blair gleichwohl seiner ersten Regung, der eines Gentleman. Er wandte sich gemächlich zur Seite, als ob er sie nicht erkenne, führte sein Pferd ein paar Schritte weiter, bestieg es und galoppierte davon, ohne sich umzusehen. Doch sein Herz war von Bitterkeit und Widerwillen erfüllt. Dieses Weib, das vor wenigen Tagen erst sich aus eigenem Antrieb aufs geringschätzigste über diesen Mann und seine Bewunderer ausgesprochen, hatte ihm eine heimliche Zusammenkunft gewährt, gleich den Verblendetsten seiner Betschwestern! Die Geschichte von der Ohnmacht der Witwe, Slocums schnöde Vermutungen und Deutungen fielen ihm schwer auf die Seele. Aber selbst jetzt verhinderte ihn seine Vernunft, daran zu glauben, daß sie dem Einfluß dieses Mannes unterlegen sei – sie, mit ihrem gesunden Geist und ihrem kühlen Temperament. Doch, was für eine Bewandtnis die Sache auch haben mochte, jedenfalls hatte sie ihn mutwillig und grausam getäuscht! Sein plötzliches Ausweichen vor ihr hatte ihn gehindert wahrzunehmen, ob sie ihn ihrerseits erkannt habe, als er wegritt. Wenn ja, so würde sie verstehen, warum er sie gemieden, und eine etwaige Erklärung mußte von ihr ausgehen.

Dann folgten ein paar Tage der Ungewißheit, in denen seine Gedanken wieder mit aufsteigender Eifersucht zu dem Prediger zurückkehrten. War sie also doch wie die andern Weiber, und war ihr spontaner Ausbruch der Verachtung über deren Betörung durch erfolglosen Wettbewerb veranlaßt worden? Er war viel zu stolz, Slocum wieder zu fragen oder ein Wort über seine, Besorgnisse verlauten zu lassen. Doch war er nicht stark genug, sich einen erneuten Besuch des Hohen Landrückens zu versagen, der vielleicht zur Entdeckung eines neuen Stelldicheins führen möchte. Aber weder dort, noch sonstwo auf seinen täglichen Rundgängen erblickte er sie. Doch als er eines Abends seiner fieberischen Angst nicht mehr Herr wurde, betrat er das große »Evangelisationszelt« des Apostels.

Es war gerade eine außerordentliche Versammlung, und die gewöhnliche begeisterte Hörerschaft war durch einige Neugierige aus der benachbarten Grafschaftshauptstadt verstärkt worden: den Bezirksrichter und Beamte des zur Zeit tagenden Gerichtshofs – darunter Oberst Starbottle. Der leidenschaftliche Apostel, dessen Augen in fieberischem Feuer glühten, während das dünne Haar feucht von Schweiß an seinen schweren, aber schlaffen Kinnbacken herunterhing, beschloß soeben eine glühende Ermahnung an seine Zuhörer, ihre Sünden zu beichten und sich unverzüglich zum Glauben zu bekennen. Sie sollten den alten Adam ausziehen und sogleich das Fleisch der Gerechtigkeit anziehen! Sie sollten sich nicht durch falsche Scham oder weltlichen Stolz abhalten lassen, ihre schuldige Vergangenheit vor ihren Brüdern zu beichten, Seufzer und Stöhnen folgten der Mahnung des Predigers, dessen eigene Erregung und krampfhafte Anstrengungen sich in brandenden Wogen über die Menge zu ergießen schienen, bis sich ein Dutzend Männer und Weiber erhob, blindlings wie betrunken einherstolpernd oder durch stöhnende Gesinnungsgenossen nach der Bußbank vorgetrieben und geschleppt. Und unter ihnen hervorstechend, doch munter und fröhlich vorwärts schreitend, der gefürchtete Weltmann Oberst Starbottle!

Bei diesem Beweis von der Macht des Redners brüllte die Versammlung, hielt aber plötzlich inne, als der Oberst vor dem Prediger halt machte und die Rednerbühne neben ihm bestieg. Dann nahm er eine lässige Haltung ein, seinen Stock mit dem goldenen Knopf in der einen Hand, die andre in den Busen seines zugeknüpften Rocks gesteckt, und sagte mit seiner sanftesten Gerichtsrednerstimme: »Wenn ich Sie nicht mißverstehe, mein Herr, so haben Sie diesen Damen und Herren zu einem freien und öffentlichen Geständnis ihrer Sünden und – äh – zur Darlegung ihres früheren Lebens zugeredet, soweit es vor ihrer Bekehrung lag. Wenn ich mich irre, so – äh – bitte ich Sie und diese Herrschaften um Vergebung und – äh – stehe zur Verfügung – äh – persönlich zur Verfügung.«

Der Prediger blickte verdutzt auf den Oberst, erwiderte jedoch, immer noch in dem hysterischen Tonfall seiner Büßpredigt: »Jawohl! Ein ernstliches Erforschen der Herzen – ein Austreiben der sieben Teufel des Stolzes, der Ehrbegierde...«

»Danke – das genügt,« sagte der Oberst sanft. »Aber darf ich mir – äh – gestatten, vorzuschlagen, daß Sie – äh – mit gutem – ah – Beispiel vorangingen? Ein Bericht über Ihre eigene Vergangenheit und Bekehrung würde ausnehmend unterhaltend und belehrend sein.«

Der Prediger wandte sich plötzlich um und blickte den Oberst mit wütenden Augen und aschfahlem Gesicht an. »Wenn dies der Hohn und Spott der Gottlosen und Bösewichter ist,« schrie er, »wehe euch, sage ich, wehe euch! Was haben Leute wie Sie mit meinem ehemaligen Sündenstand zu schaffen?«

»Nichts,« sagte der Oberst mild, »aber vielleicht das Gericht von Arkansas! Und in diesem Fall, mein Herr, möchte ich, als ein ehemaliges Mitglied der Anwaltschaft von Arkansas, in der Lage sein, Ihr Gedächtnis zu unterstützen und – äh – sogar Ihre Beichte zu erhärten.«

Doch jetzt drängten sich die begeisterten Anhänger des Predigers in dem unbestimmten Gefühl, daß ihrem Götzen eine Gefahr bevorstehe, drohend um die Rednerbühne, von der der Prediger schleunigst in ihre Mitte herabgeglitten war, indem er den Oberst allein einer See zornig emporgerichteter Gesichter ausgesetzt ließ. Aber dieser tapfere Krieger änderte seine gewohnte charakteristische Haltung nicht. Denn hinter ihm erhob sich der Ruhm des Dutzends Zweikämpfe, die er ausgefochten; der Stock mit dem Goldknopf, auf den er sich stützte, sollte achtzehn Zoll blanken Stahls enthalten, und die Leute von Laurel Spring waren ... besonnen. Er lächelte verbindlich, stieg wohlgemut herab und legte den Weg bis zum Eingang unbehelligt zurück.

Doch hier holten ihn Blair und Slocum und ein Dutzend eifriger Frager ein: »Was ist mit ihm?«

»Was hat er getan?«

»Wer war er?«

»Ein verfl – Lump, der die Witwen und Waisen in Arkansas beschwindelt hat und aus dem Gefängnis ausgebrochen ist.«

»Und sein Name ist nicht Brown?«

»Nein,« sagte der Oberst kurz.

»Nie heißt er denn?«

»Das ist eine Angelegenheit, die nur ihn und mich etwas angeht, mein Herr,« sagte der Oberst selbstbewußt, »für die ich jedoch – ah – persönlich zur Verfügung stehe.«

Ein kurioser Gedanke fuhr Blair durch den Kopf, »Und Sie sagen, er sei ein berüchtigter Desperado gewesen?« sagte er in nervöser Unruhe.

Der Oberst blickte starr, »Ein – Desperado – , mein Herr? Nimmermehr! Hol's der Henker! Ein gemeiner psalmensingender, hasenherziger, schleichender Dieb!«

Blair fühlte sich erleichtert, ohne eigentlich Zu wissen warum.

Am nächsten Tage ward bekannt, daß der Prediger Gabriel Brown aus Anlaß eines dringenden Evangelisationsrufes Laurel Spring verlassen hatte, Oberst Starbottle kehrte mit seinen Freunden unverzüglich nach der Grafschaftshauptstadt zurück. Seltsamerweise hatte an jenem Abend die Mehrzahl der Hörer nicht ganz erfaßt, was das schroffe Eingreifen des Obersten zu bedeuten habe, und die übrigen schwiegen im Interesse des Apostels darüber still.

Blair aber, der nun erst recht von Zweifeln gequält wurde, war mit seinem Latein zu Ende, falls nicht die Witwe aus eigenem Antrieb mit einer Aufklärung herausrücken würde.

Ein Besuch bei seinem Patienten im Holzfällerlager führte ihn am nächsten Tage wieder nach dem verhängnisvollen Rotholzwalde. Doch machte er, als er im Lager anlangte, die ärgerliche Entdeckung, daß er das Opfer eines Irrtums geworden, indem man von dort gar nicht nach ihm geschickt hatte. Er machte sich verstimmt auf den Heimweg, als er zu seinem Erstaunen in geringer Entfernung vor sich Frau Mac Glowries wohlbekanntes dunkelgrünes Reitkleid flattern sah und dann die Gestalt der Dame selbst erblickte. Ihr Hund war diesmal nicht bei ihr, ebensowenig der Wanderprediger – sonst würde er den ganzen Anblick für ein Spiel seiner Erinnerung gehalten haben. Doch sie mäßigte ihren Gang, und er sah sich genötigt, an ihrer Seite sein Pferd zu zügeln.

»Ich werde wohl nicht mehr in die Lage kommen, Sie dadurch zu kränken, daß ich allein mit einem Mann durch den Wald reite,« sagte sie mit leichtem Lachen.

Trotzdem war sie sehr bleich, als er etwas kühl erwiderte, er habe kein Recht, durch irgend etwas gekränkt zu sein, was sie zu tun für gut befinde.

»Aber Sie waren doch gekränkt, denn Sie ritten das letzte Mal ohne ein Wort weg,« sagte sie, »und doch,« sie blickte auf einmal mit einem Gesicht, aus dem das Lächeln verschwunden war, in seine Augen empor, »hatte jener Mann einst ein besseres Recht, allein mit mir zu reiten als jeder andre. Er war nämlich – – «

»Ihr Liebhaber!« sagte Blair schroff.

»Mein Gatte,« entgegnete Frau Mac Glowrie leise.

»Dann sind Sie also nicht Witwe?« keuchte Blair.

»Nein, ich bin nur eine geschiedene Frau. Deshalb war mein Leben hier eine Lüge. Dieser Mensch – dieser Heuchler – dessen Geheimnis an jenem Abend nur zur Hälfte kundgetan wurde, ließ sich vor drei Jahren von mir scheiden, als er nach seinem Entkommen aus dem Gefängnis mit einem andern Weibe aus dem Staate geflohen war.«

Ihr Gesicht wurde rot und wieder weiß; sie hob ihre Hand unbewußt zu ihrem wirren Haar und schien einen Augenblick im Sattel zu wanken. Doch ebenso rasch sprang Blair vom Pferde und war an ihrer Seite.

»Lassen Sie mich Ihnen herunterhelfen,« sagte er schnell, »und ruhen Sie sich aus, bis Sie sich wohler fühlen.«

Ehe sie antworten konnte, hob er sie sanft auf den Boden herab und setzte sie auf einen bemoosten Baumstamm etwas abseits der Waldschneise. Da kehrten ihre rote Farbe und ein schwaches Lächeln in ihr verwirrtes Antlitz zurück.

»Würden wir nicht besser unsern Weg fortsetzen?« sagte sie, indem sie sich umschaute. »Ich ging damals nicht so weit, mich mit ihm im Walde niederzusetzen.«

»Verzeihen Sie mir,« sagte Blair bittend, »aber selbstverständlich wußte ich von nichts. Ich hatte einen unwillkürlichen Widerwillen gegen den Mann, denn ich dachte, er habe irgendwie Gewalt über Sie.«

»Die hatte er nicht, abgesehen von dem Geheimnis, das auch ihn bloßgestellt hätte.«

»Aber andre wußten darum. Oberst Starbottle muß seinen Namen gekannt haben, und doch weigerte er sich, ihn mir zu sagen.«

»Ja, aber nicht weil er wußte, daß es mein Gatte war, sondern weil er wußte, daß er den gleichen Namen führte. Er glaubt, wie jedermann, mein Gatte sei in San Francisco gestorben. Der dort verstorbene Mann war aber ein Vetter meines Ehemanns, ein verzweifelter Mensch und berüchtigter Duellant.«

»Und Sie haben sich als seine Witwe ausgegeben?« sagte der erstaunte Blair.

»Ja, aber machen Sie mir nicht zu große Vorwürfe,« sagte sie bittend. »Es war ein toller, törichter Betrug, aber ich war fast dazu gezwungen. Denn als ich zuerst über die Ebene her an die Grenze kam, führte ich noch den Namen meines Mannes, und wiewohl ich allein und hilflos war, wurde ich doch von den rohen Grenzern auffallend respektvoll behandelt. Es dauerte nicht lang, bis ich merkte, daß dies daher kam, daß man mich für die Witwe von Allen Mac Glowrie hielt, der eben in San Francisco gestorben war. Ich beließ sie bei dem Glauben, denn ich wußte, was sie nicht wußten, daß Allens Frau sich von ihm getrennt und wieder verheiratet hatte, und daß meine Aneignung seines Namens nichts Schlimmes anrichten konnte. Ich nahm ihre Freundlichkeit an, und sie sorgten für mein Fortkommen; das brachte mich hierher. Es war kein so gar schlimmer Betrug,« fuhr sie mit einem Beben ihrer hübschen Lippe fort, »lieber für die Witwe eines toten Desperado, als für die geschiedene Frau eines lebenden Sträflings zu gelten. Es hat niemand geschadet – und hat mich eben jetzt gerettet.«

»Sie haben recht! Niemand könnte Sie tadeln,« sagte Blair eifrig und ergriff ihre Hand.

Aber sie machte sie sanft los und fuhr fort: »Und jetzt wundern Sie sich, warum ich ihm hier eine Zusammenkunft gewährte?«

»Ich wundere mich über nichts als über Ihren Mut und Ihre Geduld bei all diesen Leiden,« sagte Blair feurig, »und darüber, daß Sie mir vergeben, daß ich Sie so grausam mißverstanden habe.«

»Aber Sie sollen auch alles wissen. Als ich zuerst Mac Glowrie unter seinem angenommenen Namen erblickte, wurde ich ohnmächtig, denn ich war voll Angst und glaubte, er wisse, daß ich hier bin, und sei gekommen, um mich selbst auf seine eigene Gefahr bloßzustellen. Deshalb schwankte ich, ob ich fortgehen oder ihm offen Trotz bieten sollte. Aber er scheint mehr erschrocken gewesen zu sein als ich, wie er mich hier fand, denn er hatte geglaubt, ich hätte meinen Namen nach der Scheidung geändert und die Frau Mac Glowrie von Laurel Spring sei die Witwe seines Vetters. Als er wußte, wer ich war, war er eifrig darauf bedacht, mich zu sprechen und gegenseitiges Stillschweigen mit mir zu vereinbaren. Er dachte nur an sich,« fügte sie verächtlich hinzu, »und seine Entlarvung als überführter Missetäter durch Oberst Starbottle genügte, ihn in die Flucht zu jagen.«

»Und der Oberst kam nie auf den Verdacht, daß Sie seine Frau seien?« sagte Blair.

»Nie! Er folgerte aus dem Namen, daß er ein Verwandter meines Mannes sei, und weigerte sich deshalb, ihn zu nennen – um meinetwillen. Der Oberst ist ein wunderlicher Kauz und ein Großsprecher, aber ein Gentleman, so gut wie nur einer.«

Blair empfand eine leichte Regung von Eifersucht, schämte sich aber zugleich gewaltig. »So bin ich denn, wie es scheint, der einzige gewesen, der Sie beargwöhnt und gemieden hat,« sagte er traurig, »und doch weiß Gott...«

Die Witwe hob halb lächelnd, halb feierlich ihre schlanke Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. »Warten Sie! Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Der gröbste Betrug kommt erst noch! Als ich die Verantwortlichkeit übernahm, Allen Mac Glowries Witwe zu heißen, mußte ich auch ihre Verwandtschaft und ihre Lebensgeschichte übernehmen, wie ich sie von den Grenzern aufschnappte. Ich habe nie einen grauen Bären gejagt, ich habe nie jemand mit der Schere festgespießt; sie war es, die das getan hat. Ich war nie unter den Indianern, ich hatte nie kriegerische Verwandte; mein Papa war ein simpler Farmer. Ich war einfach ein friedliebendes Mädchen aus der Blaugrasgegend, So wird Kentucky genannt. Anm. d. Übers. das ist alles! Ich habe niemals etwas Böses darin gesehen; es schien mir die Männer vom Leib zu halten und mir die Freiheit zu wahren, bis ich Sie kennen lernte! Und Sie wissen, daß ich nicht wünschte, daß Sie daran glaubten, nicht wahr?' Und sie verbarg ihr errötendes Gesicht mit feinen Grübchen in ihrem Taschentuch.

»Aber haben Sie nie daran gedacht, daß es einen andern Weg gäbe, sich die Männer vom Leib Zu halten und den Namen Mac Glowrie für immer aus der Welt zu schaffen?« fragte Blair mit leiserer Stimme.

»Ich denke, wir müssen jetzt zurück,« sagte die Witwe scheu, indem sie ihm ihre Hand entzog, deren sich Blair in ihrer Verlegenheit unvermerkt wieder bemächtigt hatte.

»Bitte, warten Sie nur noch ein paar Minuten, um mir Gesellschaft zu leisten,« sagte Blair bittend. »Ich kam hierher, um einen Patienten zu besuchen; doch es scheint ein Mißverständnis mit der Nachricht vorgekommen zu sein, und ich muß versuchen, es aufzuklären.«

»O! Ist das alles?« versetzte die Witwe rasch. »Nun,« fügte sie von neuem errötend hinzu, »ich bin dieser Patient! Ich wünschte Sie allein zu sprechen, um alles aufzuklären, und mir fiel kein andrer Weg ein. Ich muß mir wohl angewöhnt haben, mir nichts mehr dabei zu denken, wenn ich mich für jemand anders ausgebe.«

»Mein Wunsch ist, daß Sie mich bestimmen ließen, wer Sie sein sollen,« sagte der Doktor kühn.

»Wir müssen wirklich zurück – zu den Pferden,« sagte die Witwe.

»Einverstanden – falls wir zusammen heimreiten werden.«

Das taten sie denn auch, und bevor das Jahr um war, kannte man, obwohl sie beide dort blieben, den Namen Mac Glowrie in Laurel Spring nicht mehr.

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