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Philosophische Erzählungen

Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen - Kapitel 16
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typenarrative
authorTheodor Herzl
titlePhilosophische Erzählungen
publisherB. Harz Verlag
year1919
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Der Unternehmer Buonaparte.

1900.

»... Alors, abandonnant tout rêve de gloire et même celui de cette conquête de l'Italie dont sa conscience était pleine, son imagination s'égara dans plusieurs essais de spéculations mercantiles. Ce fut, entre autres, dans une entreprise de librairie. L'expédition d'une caisse de livres á Bâle fut son premier essai qui tourna mal; il y fallut renoncer. Aussitôt il lui en substitua un autre dans un genre d'industrie tout différent, mais qu'il ne put réaliser.«

Général Cte. de Ségur, Mémoires.

Die Herzogin, die Marquise, der Vicomte de Bois-Vermoulu und Herr Godefroy, der Akademiker, bogen aus der Rue St. André des Arts in eine noch engere, schmutzige Gasse ein. Herr v. Bois-Vermoulu führte die Gesellschaft.

»Mir wird angst und bange, Vicomte!« rief die Herzogin.

»Wir sind schon am Ziele, meine Damen«, sagte der Angerufene. »Aber von jetzt ab verbitte ich mir meinen Titel. Hier kennt man mich nur als Herrn Dubois.«

»Sie scheinen hübsche Bekanntschaften zu haben, mein Lieber!« lachte die Marquise. »Darum mußten wir uns also zu diesem Ausfluge wie unsere Portiersfrauen kleiden. Das ist lustig!«

Der Vicomte sagte: »Ich weiß übrigens nicht, ob man sich meiner noch erinnert. Es ist so lange her. ... Da sind wir beim »Hôtel de l'Eperon«. Grüßen Sie das Haus, meine Damen und Herr Godefroy! Hier habe ich in den schlechtesten Tagen unserer Geschichte gewohnt.«

»Ich grüße!« sagte der Akademiker Godefroy lächelnd.

Sie standen vor der niederen Tür des Gasthauses. Der Vicomte fuhr fort:

»Hier habe ich an dem Tage gespeist, an dem unsere teure Königin von den Mördern auf das Schafott geschleift wurde.«

»Ich hätte an dem Tage überhaupt nichts essen können«, murmelte die Herzogin.

»Ich sage ja nicht, daß ich Appetit hatte, Madame. Ich mußte mich nur zu Tische setzen, wie gewöhnlich. Ich wäre sonst aufgefallen. Wehe dem Verdächtigen! Aber wie mir zu Mute war, können Sie sich denken. Das Gesindel um mich herum scherzte über die Hinrichtung. Ich konnte der armen Marie Antoinette nicht mehr helfen, auch wenn ich eine Dummheit machte. Ich schluckte meine Tränen mit der elenden Suppe hinunter. Ich weiß es noch, als ob es gestern und nicht vor siebenundzwanzig Jahren gewesen wäre ... Nebenbei, das macht mich nicht jünger!«

»Und hier wollen Sie uns dinieren lassen, Herr Dubois?« fragte die Marquise. »Glauben Sie, daß die Suppe inzwischen besser geworden ist?«

»Nein, aber er wird sie uns mit geschichtlichen Erinnerungen würzen«, erklärte Godefroy ein wenig ironisch.

»Ja, ja, treten wir nur ein!« entschied die Herzogin. »Gut essen können wir alle Tage. Ich verstehe unseren Freund. Wir werden nach einer solchen Gedächtnismahlzeit mit um so größerem Vergnügen heimkehren.«

»In Ihre Paläste, die Sie Gott und dem König sei Dank wieder haben«, ergänzte Herr Godefroy, von dem man eigentlich nie wußte, ob seine Worte ganz ernst gemeint waren.

Es war eine ärmliche Taverne. Die getünchten Mauern ziemlich unsauber, Spinngewebe in den oberen Ecken und an der Hauptwand als einziger Schmuck ein schlechtes Bild Sr. Majestät des regierenden Königs Ludwig XVIII. Das mit Speiseresten befleckte Tuch auf dem Tische, an den sie sich setzten, machte die Marquise schaudern. Aber die mutige Herzogin flüsterte ihr ins Ohr:

»Wie froh wären unsere Mütter in Dreiundneunzig gewesen, wenn sie hätten hier sein dürfen, statt in der Conciergerie.«

Außer ihnen befanden sich nur wenige Gäste im Speisezimmer, das von einigen Oellampen schwach erleuchtet war. Am hellsten war es beim Eingange, so daß man vom Schanktisch jeden Kommenden sogleich deutlich sehen konnte.

Der Wirt, ein stämmiger Mann von fünfzig Jahren, hatte sie ein bißchen verwundert begrüßt und ihre Bestellung entgegengenommen. Ein Diner für vier Personen, das vielleicht elf oder zwölf Francs ausmachen dürfte, war beim Sporenwirt nichts Alltägliches. Er entschloß sich auch im Hinblicke auf die Größe der Bestellung, eine reine Serviette über das bemäkelte Tischtuch zu spreiten. Die Marquise atmete ein wenig auf:

»Nun kann ich mir vorstellen«, sagte sie, »wie es in der Schreckenszeit zugegangen sein muß, wenn ein Mann wie Sie in einer solchen Spelunke dinieren konnte. Mein armer Freund!«

»Und Sie haben keine Ahnung, wie nobel ich da lebte! Eine kleine Mahlzeit kostete mich vier- bis fünftausend Francs!«

»Sie scherzen! Hier, in der Taverne ›zum Sporn‹?«

»Er spricht von Assignaten, Madame«, erläuterte der Akademiker. »Das Geld war so entwertet, daß ein Fiaker für die Stunde Fahrt sechstausend Francs verlangte. Nun ja, daran mußte schließlich die Lumpenwirtschaft verenden. Dem Bauer wurde die Feldfrucht entrissen, dem Städter wurde sein Eigentum und seine Arbeit durch die Notenpresse ruiniert.

»Aha, darum rief man unseren guten König wieder zurück!«

»Nicht stark in der Geschichte, diese teure Marquise!« lächelte der Vicomte. »Freilich, Sie waren ein kleines Kind, als das Alles sich abspielte.«

Godefroy bemerkte noch: »Und zu lernen brauchte die Marquise glücklicherweise nichts, da die alten Zeiten wiedergekommen waren.«

»O, bitte, halten Sie mich nicht für so ungebildet! Ich weiß, daß unser König nach der Revolution sich an die fremden Monarchen wendete und mit ihrer Hilfe wieder ins Land kam. Ich finde das auch sehr hübsch. Könige müssen einander solche Dienste leisten. Heute mir, morgen Dir.... Wie? Sie lachen? Es war nicht so?«

»Nein, Kind!« sagte die Herzogin. »Nach dem Schrecken kam erst das Direktorium, das ein paar Jahre wirtschaftete und Kriege mit dem Auslande führte, bis alle republikanischen Heere besiegt wurden und die fremden Monarchen in Frankreich einzogen. Da wurden die Direktoren weggejagt, und Ludwig XVIII. gelangte auf den ihm gebührenden Thron.«

»Es konnte nicht anders kommen«, meinte nun Herr Godefroy. »Die Revolution hatte kein Regierungstalent hervorgebracht, nur Schwärmer, Schwätzer, Narren, Betrüger, Diebe und Mörder. Ein einziger tüchtiger Mensch, der verwalten, befehlen, leiten konnte, hätte die Republik möglicherweise vor dem Untergange bewahrt.«

»Oder sie in seine Tasche gesteckt«, sagte der Vicomte.

Der Akademiker nickte: »Auch denkbar! Aber wo war er, dieser Mann? Vielleicht war er da und kam nur durch einen Zufall nicht zum Vorschein? Vielleicht verpaßte er den günstigen Augenblick? Er mußte einmal rechts gehen und ging links. Oder kam um eine Viertelstunde zu spät zum Stelldichein. Die Gelegenheit war versäumt und nichts konnte sie wieder bringen. Oder, wenn er ein Soldat war, fiel er am Rhein, in Italien oder in den Niederlanden. Er diente unter Hoche oder Pichegru, Moreau oder Schérer, und er starb in einem Lazarett an der Vernachlässigung seiner Wunde. Oder er blieb am Leben und entmutigte sich, kurz bevor der Erfolg eingetreten wäre.«

»Und Sie wollen damit sagen?«

»Ich will damit sagen ...«

Eine auffallende Erscheinung unterbrach die Rede des Akademikers, der dann fortzufahren vergaß. Unter heftigem Stoße war die Tür aufgegangen, und ein kleiner, dicker, ältlicher Mann stand im Rahmen. Das Licht der Oellampen, welche den Eingang erhellten, fiel auf ihn.

»Pétout!« schrie er nach dem Schanktische hin, »ist nichts für mich gekommen?«

Pétout, der Wirt, der eben mit einem schmutzigen Lappen ein Glas zu reinigen versuchte, setzte Alles hin und stampfte zur Tür. Er hob die Hand wie zu militärischem Gruße, berührte sich die Stirn und meldete stramm:

»Nichts, mein General!«

Der dicke alte Mensch in der Tür ließ nach dieser Auskunft einen Augenblick das mächtige Kinn auf die Brust sinken. Zwar konnte man den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen, weil der tief in die Stirne gerückte Hut es beschattete; doch war die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit in der ganzen Haltung des Mannes unverkennbar. Die kleine aristokratische Gesellschaft beobachtete ihn aufmerksam. Seine Kleidung war sehr abgenützt, aber sauber. Die Schuhe schief getreten, der schwarze Filzhut schimmerte an einzelnen Stellen ins Rötliche. Die linke Hand, die einen Stock umspannte, hielt er hinter dem Rücken, die Rechte hatte er zwischen zwei Knöpfe seines geschlossenen grauen Leibrockes gesteckt. Ein Weilchen stand er gesenkten Hauptes. Dann richtete er sich auf. Sein glattrasiertes, fahles, fettes Gesicht war nun voll beleuchtet. Er hatte merkwürdig herrische Augen, die düster auf den Wirt gerichtet waren, als er nun fragte:

»War auch Niemand da?«

»Niemand, mein General!«

»Gut, Pétout! Ich werde wiederkommen. Ich muß mir noch ein bißchen Bewegung machen. Das Blut wird dick, Pétout! ... Wiedersehen!«

Er hatte mit einem Ruck die Tür hinter sich zugezogen, noch bevor ihm der Wirt alle Abschiedsehren erweisen konnte.

Die Damen und Herren blickten einander verwundert an. Der Wirt wollte an ihnen vorbei nach der Küche gehen. Godefroy rief ihn an:

»Sagen Sie, Herr Wirt, wer war das?«

Pétout kam heran, kratzte sich ein wenig hinter dem Ohre und sprach mit unbestimmtem Lächeln:

»Einer unserer Stammgäste, ein Makler, der mit den Seineschiffern Geschäfte macht. Ich glaube, er sucht auch Mietwohnungen für Herrschaften, die sich diese Mühe nicht selbst nehmen wollen. Er heißt Buonaparte.«

»Sonderbarer Name«, warf die Herzogin ein, »klingt gar nicht französisch.«

»Mir kam es vor, als hätten Sie ihn General genannt«, sagte der Vicomte.

»Ganz richtig. Eine alte Gewohnheit von mir. Ich habe nämlich unter ihm gedient.«

»Er war also wirklich General?« erkundigte sich Godefroy.

»Sozusagen!« entgegnete der Wirt. »Ganz in Ordnung war seine Generalschaft freilich nicht. Er war eben ein republikanischer General. Zu jener Zeit ging ja Alles drunter und drüber. Heute war man Hauptmann, morgen General, übermorgen gar nichts oder Alles oder tot. Ich habe in Toulon unter ihm gedient. Meine Batterie hieß die Batterie der furchtlosen Männer. Das waren wir, Bomben und Granaten. Ich habe noch die Abschrift eines Tagesbefehls, in dem er mich erwähnt hat. Datiert ist er vom neunten Pluviôse des Jahres Zwei aus Port-la-Montagne. Herr Buonaparte hatte vielleicht ein paar Grade übersprungen oder sonst eine Unregelmäßigkeit in seiner Vorrückung. Aber uns galt er voll, wie wenn er ein richtiger General gewesen wäre. Wir haben ihm gehorcht und ihn geliebt. Und ich will Ihnen was sagen: wir haben uns vor ihm gefürchtet, wir, von der Batterie der furchtlosen Männer. Und genau so die von den anderen Batterien. Sehen Sie, noch heute, wenn er da hereinkommt, habe ich Respekt vor ihm, als ob er mein Befehlshaber wäre. Und ich weiß doch, daß er kein General, sondern ein armer alter Makler ist. Er hat so etwas im Blick, da muß ich gehorchen, ob ich will oder nicht. Wenn Herr Buonaparte jetzt hereinkäme und mich anherrschte: »Pétout! Die Ofengabel geschultert! Wir marschieren gegen die Tuilerien!« Meiner Treu, ich glaube, ich ginge mit.« »Wie interessant!« flüsterte die Herzogin.

»Herr Pétout«, sagte der Vicomte, »wollen Sie nicht ein Glas Wein mit uns trinken und uns noch mehr von Ihrem General erzählen?«

»Mit Vergnügen. Auf das Wohl der Damen!«

Der Akademiker dachte nach und murmelte: »Buonaparte! Den Namen muß ich doch schon irgendwo gehört haben. ... Halt! Herr Pétout, gab es nicht einen gewissen Buonaparte, der ein großes Kaufhaus führte – bis vor ein paar Jahren? Wie hieß es nur?«

»Das Magazin des Weltalls! Freilich! Dieser Buonaparte und mein General ist ein und derselbe.«

»Wieso?«

»Der Kriegsminister Aubry wollte ihm seinen Generalsrang nicht bestätigen, überhaupt waren ihm die Bureauleute aufsässig. Sie ließen ihn petitionieren und antichambrieren. Endlich riß ihm die Geduld. Wir zogen die Uniform aus, und Adieu, Soldatenhandwerk!«

»Wie? Sie auch?«

»Jawohl. Ich wußte nicht, wohin mein General gehen wollte, aber ich folgte ihm. Na, es waren harte Tage. Wir hatten manchmal kaum das trockene Brot. Mit den Lebensmitteln stand es ja damals im Allgemeinen schlecht. Die Herren werden sich vielleicht noch erinnern, wie es im Jahre 1795 zuging. Die Damen sind zu jung, um es zu wissen. ... Auf Ihr Wohl, meine Damen! ... Also wo war ich? Richtig, bei den Lebensmitteln. Das war sein erster Geniestreich. »Pétout«, sagte er mir, »weißt Du, womit man jetzt einen Haufen Geld verdienen könnte, wirkliches, hartes, goldenes Geld?« – »Nein, mein General«, sagte ich, »ich habe keine Ahnung.« Und ich hatte auch tatsächlich keine Ahnung. Aber er, er hatte sie. Wir müssen Butter, Bier, Geflügel nach Paris bringen. Das war nun leichter gesagt, als getan. Erstens brauchte man dazu Geld, um einzukaufen. Zweitens mußte man die Sachen durch ein Land voll Räubern nach der Stadt schaffen. Buonaparte konnte aber Alles, was er wollte. Das Geld zum Einkaufe versorgte er sich durch eine Mietspekulation, die er mit einem gewissen Bourrienne gemeinschaftlich unternahm. Sie mieteten einige Häuser in der Rue Montholon auf Kredit und vermieteten die einzelnen Wohnungen an kleinere Parteien, die vorausbezahlen mußten. Mit dem Gelde reisten wir in die Normandie. Dort kaufte er zusammen, was er kriegen konnte, und richtete einen förmlichen Proviantdienst ein. Die Bauern kannten uns bald und brachten uns heimlich, was sie entbehren konnten, sonst wäre es ihnen von den sogenannten Behörden im Requisitionswege gestohlen worden. Wir kauften infolgedessen sehr billig und verkauften in Paris sehr teuer. Dazwischen lag freilich die nächtliche Reise nach Paris. Dagegen ist die gewöhnliche Schmuggelei an der Grenze ein Kinderspiel, denn die Schmuggler haben es mit ordentlichen Wachtleuten zu tun, wir aber mit hungrigen Räubern. Oft pfiffen uns die Flintenkugeln nach, wenn wir durch eine solche notleidende Ortschaft rasten. Die Dörfer in der Umgebung von Paris waren nämlich von den revolutionären Behörden schon ganz ausgeplündert. Das ging durch ein paar Monate, Buonaparte und ich saßen fast jede Nacht im Wagen, einmal hin, einmal her. Ich habe Jahre gebraucht, um das Versäumte nachzuschlafen. Mein General aber war immer frisch. Der ist von Eisen, ganz bedürfnislos – höchstens die Weiber ...«

Der Vicomte räusperte sich stark.

Petout verstand sofort: »Ich sage nichts als das ... Kurz, wir verdienten ein schönes Stück Geld. Das heißt: er verdiente. Ich war immer nur sein Sergent, wie einst in Port-la-Montagne bei den Furchtlosen. Als das Geschäft aufblühte, ließ er sich vor Allem seine Familie kommen. Nicht viel wert, die Familie, aber er hing an ihr. Er dachte immer an die Anderen mehr als an sich selbst. Die Mutter, die Brüder und Schwestern, die Freunde waren seine größte Sorge. Das Lebensmittelgeschäft wuchs rasch. Seine Brüder nahm er als Kommis, die Schwestern dienten als Verkäuferinnen, die geizige Mutter saß an der Kasse. Das Schwerste und Gefährlichste machte er immer selbst. Man mußte ihn gern haben, weil er sich so gar nicht schonte. Nur seine Geschwister, denen er Wohltaten erwies, hatten ihn nie recht lieb.«

»Jawohl«, sagte Herr Godefroy, »eine Wohltat ist die größte Beleidigung, die man Verwandten zufügen kann.«

Petout fuhr fort: »Als die Approvisionierung von Paris regelmäßiger wurde, begriff unser Chef, daß dieser Zweig nicht mehr so einträglich sein werde. Allmählich wandelte er das Geschäft um, indem er es vergrößerte. Er kaufte Gegenstände zusammen, die in der Schreckenszeit tief im Werte gesunken waren. Bei Buonaparte konnte man die verschiedensten Waren kaufen und verkaufen. Einmal übernahm er von einem bankerotten Sargfabrikanten dessen sämtliche Särge, ein andermal erwarb er aus dem Nachlaß eines Tierbändigers Löwen, Schlangen und Affen. Sein Plan war einfach und groß: er wollte das Warenhaus des Universums schaffen. Und er schuf es. Niemand wußte, wozu er diese mannigfaltigen, zusammenhanglosen Sachen aufstapelte. Es wäre ein wahnsinniges Durcheinander gewesen, ohne seinen ordnenden Geist. Ich war jeden Tag in seiner Nähe, ich sah Alles, was er machte, und doch hatte ich das Gefühl, daß eine Zauberei geschehen sei, als er einen Komplex von Häusern miteinander verband, Zwischenmauern niederreißen ließ und Uebergänge herstellte. Das Ganze bekam den Namen: Magazin des Weltalls. Was ein Mensch von der Wiege bis zum Sarge braucht, war bei uns zu bekommen. Und aus dem Chaos der Waren schuf er eine Einheit. Alle Fäden liefen in seiner Hand zusammen. Er verstand sich auf jede Ware, auf Ackergeräte, Bücher, Schiffsegel, Damenkleider, lebende Krokodile und Kinderspielzeug. Er kannte jede Fabrikation und wußte von jedem Stück, wann es gebraucht werden würde. Er bestellte neue Hutformen, Seidenmuster, Kredenzen, Glasgarnituren. Er gab die kommende Mode an. Um den alten Waren einen Abfluß zu sichern, richtete er in der Provinz Zweigniederlassungen ein. Seine Brüder und Schwäger wurden die Leiter dieser Filialen: Joseph in Lyon, Louis in Marseille, Jerôme in Nancy, Murat in Toulouse – kurz Alle, die mit ihm irgendwie verwandt oder bekannt waren, bekamen große Posten. In der Zentrale waren seine Hauptgehilfen Leute, die er irgendwo aufgegabelt und liebgewonnen hatte, fast lauter Undankbare. Er sah aber immer über die kleinen großgemachten Menschen hinweg ins Weite.«

»Ins Weltall«, warf der Akademiker Godefroy nachdenklich ein.

Der Wirt erzählte weiter: »Unser Chef wurde sehr beneidet. Man sagte, er habe Glück gehabt. Aber das ist nicht wahr. Nie hat ein Mensch so viel gearbeitet wie er. Wie oft habe ich ihn Kisten zunageln oder Pakete aufmachen gesehen. Keine Arbeit war ihm zu schlecht oder zu mühsam. Er war, wie ein Herr sein soll: gut gegen die geringsten Mitarbeiter und streng gegen sich selbst. Und darum hat mich sein Zusammenbruch so tief geschmerzt.«

»Er ist also zusammengebrochen?« fragte die Marquise.

»Freilich, Madame! Sie haben ihn ja vorhin gesehen. Wie es gekommen ist, kann ich aber nicht verstehen. Ich bin wohl zu dumm dazu. Ich habe nur sagen hören, daß er über seine Kraft gegangen sei. Seine Unternehmungen waren zu ausgedehnt, seine Kühnheit zu groß, seine Mithelfer zu schwach oder zu treulos. Als das Geschäft so groß wurde, daß nicht einmal er alles überblicken konnte, fing man an, schlecht zu wirtschaften. Die Filialen versagten, die Kommis wurden unaufmerksam, und unser Chef mutete seinem Kredit immer mehr zu.«

»Die Größe ist die Ursache des Verfalles«, sagte Herr Godefroy.

»Ach, mein lieber Herr«, schloß der Wirt seine Erzählung; »Sie können sich nicht denken, wie uns kleinen Leuten das Herz blutete, als er zugrunde ging. Die Großen, die durch ihn viel gewonnen hatten, verschmerzten es leicht. Aber wir, wir nicht. Der Zusammenbruch ist mir jetzt nur noch ein Traum, wie es der Aufbau war. Liegengebliebene Waren, wachsende Schulden, es war ein Taumel von Verlegenheiten. Und er kämpfte bis zur letzten Minute, suchte nach immer neuen Auswegen, schmiedete immer kolossalere Pläne, um unser Magazin zu retten – bis ihm die Gläubiger auf den Hals rückten. Mit seinem Kredit ist das ganze Haus niedergebrochen. Die Leute nennen das einen Konkurs, aber mir ist das Wort zu schlecht für meinen alten General von Toulon, wenn er auch nur ein zweifelhafter General war und jetzt kümmerlich von der Hand in den Mund lebt. Manchmal kommt er Abends her und läßt sich nur ein Stückchen Käse geben, weil er nicht genug Geld hat, um eine Fleischspeise zu bezahlen. Dann sagt er, er habe keinen Appetit. Er würde mich ohrfeigen, wenn ich ihm unentgeltlich etwas vorsetzen wollte.«

Der Akademiker sagte: »Mein lieber Herr Wirt, unter den Bankerottierern gibt es wahrscheinlich Viele, die Ihrem Buonaparte ähneln. Dieser Fall hat nur größere Dimensionen. Der Unternehmer ist ein rechnender Phantast. Die reine Formel vom Unternehmer ist immer die gleiche, welche Sachen oder Werte Sie auch an Stelle der mathematischen Zeichen setzen mögen.«

Pétout grüßte unwillkürlich militärisch: »Zu Befehl, Herr! Wenn ich es auch nicht verstehe.«

Und die Marquise lächelte: »Offen gestanden, Godefroy, ich auch nicht.«

Dieser spann seinen Gedanken weiter: »Stellen wir uns nun vor, dieser Buonaparte wäre damals nicht links, sondern rechts gegangen; was wäre dann aus dem Chaos der Republik entstanden? Man legt bei der Abschätzung bedeutender Persönlichkeiten zu viel Gewicht auf den Charakter und zu wenig auf den Zufall, der sie zur Geltung brachte. Ich meine, auch die großen Männer sind eine Saat, von der nicht alle Keime aufgehen. Die Frage ist nur, ob es für die Menschheit gut oder schlecht ist, daß nicht alle großen Männer zum Vorschein kommen.«

Die Tür wurde aufgestoßen, und der kleine fette Mann trat wieder ein.

»Pétout!« sprach er, »gib mir ein Stückchen Käse!«

»Sonst nichts?« wagte der Wirt zu fragen.

»Nein, Du Dummkopf!« brüllte der Alte wütend. »Ich habe heute keinen Appetit. Willst mich wohl aus Deiner schmierigen Höhle verjagen, Du Rindvieh?«

Auf das Geschrei kam hinter dem Schanktisch eine dicke, bejahrte, nachlässig gekleidete Magd hervor.

»Was ist das schon wieder für ein Lärm?« schrie sie.

Beim Anblick dieses Weibsbildes heiterte sich das Gesicht Buonapartes auf: »Komm' her, meine schöne Cathérine! Bring Du mir den Käse. Er wird mir besser schmecken.«

Mit schlurfenden Schritten näherte sie sich und setzte den Teller vor ihn hin. Er versuchte es bei dieser Gelegenheit, sie in die Wange zu kneifen. Sie schlug ihm aber auf die Hand, daß es klatschte. Er blickte sie zärtlich an und lachte.

Herr Godefroy sagte leise zu seiner Gesellschaft: »Für sein persönliches Glück ist es offenbar gleichgültig, was er unternommen hat. Größeres oder Kleineres – er wäre jedenfalls derselbe gewesen. Jeder Mensch hat den wichtigsten Teil seines Schicksals in seinem Charakter. Selbst eine solche Betätigung an greifbaren Sachen, wie es das Magazin zum Weltall war, ist nur ein Traum. Der Wille und die Empfindungen sind Alles, die Gegenstände sind nichts.«

»Oho!« rief der Vicomte, »wollen Sie vielleicht auch sagen, daß es gleichgültig ist, ob man eine duftende Prinzessin oder eine Maritorne liebt?«

»Vielleicht!« lächelte der Akademiker.

Die Marquise schmollte: »Was sind Sie für ein abscheulicher Philosoph!«

Buonaparte kaute an seinem Käse. Er war wieder in guter Laune:

»Pétout, darfst Dich zu mir setzen. Ich will Dir was erklären.«

Und mit halblauter Stimme erklärte er seinem treuen Pétout, der ihn immer geliebt und nie verstanden hatte, einen neuen Plan für den Aufbau eines noch viel größeren Magazins zum Weltall.

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