Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Freiherr von Gumppenberg >

Philosophie und Okkultismus

Hanns Freiherr von Gumppenberg: Philosophie und Okkultismus - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/gumppenb/okkultis/okkultis.xml
typetractate
authorHanns von Gumppenberg
titlePhilosophie und Okkultismus
publisherRösl & Cie./München
seriesPhilosophische Reihe
volume17. Band
editorAlfred Werner
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090818
projectid0990c12c
Schließen

Navigation:

Das Verhältnis des (inneren und äußeren) menschlichen Erfahrungsichs zu dem » bewußten Ich-Sein«, das der Einzelmensch unmittelbar – kraft annähernder Identität in einem »realeren« Sinne – weiß, sei noch durch einiges Ergänzende erläutert. Skeptiker mögen vielleicht einwenden, daß dem Einzelmenschen sein »bewußtes Ich-Sein« nur deshalb so eigenschaftslos und unveränderlich erscheine, weil es nichts anderes sei als der abstrakte Begriff des infolge mangelhafter Selbstbeobachtung für wirklich und dauernd genommenen Daseins des einzelnen Erfahrungsmenschen, welcher Begriff von den wandelbaren individuellen Eigenschaften und Tätigkeiten des betreffenden konkreten Einzelmenschen gänzlich absehe, sodaß es, als eine leere Abstraktion, freilich keine bestimmten Qualitäten und keine Veränderung zeigen könne, aber auch keine Identitätsdauer im konkreten Sinne, weil eine solche eben an den konkreten Eigenschaften und Tätigkeiten nachgewiesen werden müßte. Allein dieser Einwand wäre nicht stichhaltig, denn unser »bewußtes Ich-Sein« ist eben durchaus kein bloßer Abstraktionsbegriff, vielmehr wissen und kennen wir es in lebendig unmittelbarstem Identitätsgefühl als das scheinbar allein Beständige unseres Wesens, als etwas, das alle unsere, äußeren und inneren Schicksale persönlich erlebt (oder doch mindestens persönlich miterlebt). Daß ferner dieses »bewußte Ich-Sein« bei seiner scheinbaren Unveränderlichkeit als ein verhältnismäßig »realeres« nachmenschliches illusorisches Subjekt-Objekt angenommen werden muß, und zwar als ein solches von schon erheblich hohem Entwicklungsgrade, wurde im Vorigen bereits ausführlich begründet. Die dem hohen Entwicklungsgrad entsprechende relativ vollständigere Identifizierung mit dem betreffenden »realeren« Wesen des Einzelmenschen begünstigt für den letzteren die Täuschung, daß sein »bewußtes Ich« durchaus identisch sei mit seinem menschlichen Erfahrungs-Subjekt: obwohl das »bewußte Ich-Sein«, wie gezeigt wurde, subjektiv wie auch objektiv mit jenem »realeren« Wesen des betreffenden menschlichen Subjekt-Objekts nicht vollkommen identisch sein kann, obwohl es außerdem darüber hinausreichen und auch noch entsprechend »realeres« Wesen anderer (mindestens untermenschlicher) Subjekt-Objekte unserer Erfahrungswelt in sich schließen muß, und obwohl für die Nicht-Identität schon die Tatsache spricht, daß das »bewußte Ich« auch das Erfahrungs- Subjekt mit allen seinen rastlos wandelbaren Qualitäten als Bewußtseins- Objekt sich gegenüber hat, während es selbst in anscheinender Unwandelbarkeit und Qualitätlosigkeit unmittelbar gewußt wird. Schon der einigermaßen zur Selbstbeobachtung und Nachdenklichkeit neigende Laie kann aber durch gewisse, wenn auch vereinzelte und schnell vorübergehende Erfahrungs-Erscheinungen aus jener Identitäts-Illusion gerissen werden. Trotz der unbefangenen Einheitsvorstellung, zu welcher gewöhnlich das (äußere und innere) Erfahrungsich des Einzelmenschen mit seinem persönlichen Ichbewußtsein zusammengeschlossen ist, gibt es gewisse Momente geistiger Versunkenheit, wo das menschliche Subjekt-Objekt – meist dessen Körper, nicht selten aber auch das innere menschliche Erfahrungsich – seinem Ichbewußtsein als etwas Fremdes, eigentlich nicht zu ihm Gehörendes erscheint. Auch das Phänomen des Selbstmords, bei dem das »bewußte Ich-Sein« sich feindlich gegen die Gesamtexistenz des betreffenden menschlichen Subjekt-Objekts wendet, was bei voller Identität des »bewußten Ich-Seins« mit dem menschlichen Erfahrungs-Subjekt-Objekt rätselhaft, ja widersinnig erscheinen müßte, wäre hier mit in Betracht zu ziehen, ja es gibt vorübergehende Zustände, wo das Ichbewußtsein, außerhalb des betreffenden Menschen im Raume konzentriert, den Menschen als ein durchaus von ihm getrenntes Objekt völlig von außen wahrnimmt. Eine junge Dame meiner nächsten Verwandtschaft erzählte mir einen selbsterlebten Fall dieser Art. Sie saß damals am Bett einer schwerkranken Freundin, die sie aufopfernd pflegte, und die eben etwas eingeschlummert war. Zu müde, um die Ruhepause zu irgendwelcher erholenden Beschäftigung zu nützen, saß sie in regungsloser Versonnenheit auf ihrem Stuhle. Da wurde ihr plötzlich klar, daß ihr bewußtes Ich hoch oben an der Decke des Krankenzimmers sich befand, denn sie sah die Decke in unmittelbarster Nähe und sah mit vollkommenster normaler Deutlichkeit unter sich ihre eigene menschliche Gestalt sitzen, sah auch die schlafende Kranke aus der Vogelperspektive. Das Phänomen wirkte auf sie wie eine angstvolle Beklemmung, währte aber nur wenige Augenblicke, worauf wieder die normale »Verknüpfung« des Ichbewußtseins mit dem Erfahrungs-Ich eintrat. Von einem solchen »Sichselbstsehen« weiß bekanntlich auch der Volksglaube, der es für ein Anzeichen baldigen Todes des betreffenden Menschen hält: was aber gewiß nicht allgemein zutrifft (und auch in dem erzählten Falle nicht zutraf.) – In der Regel erscheint dem Bewußtsein des Einzelmenschen, das da eben (durch die »Verknüpfung« mit dem Einzelmenschen) in der menschlichen Daseins-Illusion befangen ist, dieser »Erfahrungsmensch« als mit ihm zu untrennbarer Einheit verbundenes Subjekt-Objekt, als etwas zugleich Subjektives und Objektives, wobei aber ein unermeßlich großer Teil des Subjektiven wie auch des Objektiven unbewußt bleibt: denn jeder Einzelmensch ist sich (in der Regel, im normalen Zustande) seines inneren (seelischen) wie auch seines äußeren (körperlichen) Ichs nur in verhältnismäßig sehr engen Grenzen (nur bis an die Grenzen seiner beiden »Erfahrungs«-Iche) bewußt, worin eben der generelle Wesenscharakter der menschlichen Daseinsillusion besteht. Unser »bewußtes Ich-Sein« an sich weiß mehr von unserem Subjekt wie auch von unserem Körper, als es uns gewöhnlich in dem inneren und äußeren Erfahrungsich zeigt; wie es uns in den vorerwähnten abnormen Zuständen unseren Körper allseitig von außen her sehen läßt, kommen auch Fälle menschlichen »Hellsehens« vor, wo es dem Betreffenden die inneren Zustände und Vorgänge seines Körpers enthüllt, die dem normalen menschlichen Bewußtsein verborgen bleiben; und ebenso kann uns auch unser Subjekt ausnahmsweise (zum Beispiel in manchen Träumen oder in Augenblicken der »Genialität«) über die Grenzen unseres menschlichen »inneren Erfahrungsichs« hinaus bewußt werden. Für gewöhnlich bleibt aber, wie gesagt, nicht nur der einheitliche Zusammenschluß des Bewußtseins mit dem (inneren und äußeren) Erfahrungsich des betreffenden Menschen zu seiner bewußten Gesamtpersönlichkeit erhalten, sondern es bleiben da dem Menschen auch alle nachmenschlichen Sonderqualitäten des »bewußten Ich-Seins« als Subjekt wie auch dessen zugehörige »realere« Körperlichkeit, also das »bewußte Ich-Sein« als Objekt durchaus verborgen.

Man muß sich darüber klar sein, daß der Erfahrungsmensch die bewußte Persönlichkeit nicht etwa von jenem Subjekt-Objekt höheren Grades, dem »bewußten Ich-Sein«, wie von einem reicheren Fremden nur von außen her »geborgt« bekommt. Vielmehr erhält er sie von dem realen Sein, das die einzige wirkliche Substanz beider ist, und in diesem realen Sinne ist die bewußte Persönlichkeit, die den Einzelmenschen erst zur Einheit macht, auch dessen eigenster Besitz (weil eben das menschliche Subjekt-Objekt und jenes andere, höher entwickelte nur im illusorischen Sinne voneinander verschieden sind).

Schließlich mag man noch fragen: Was ist überhaupt das » Bewußtsein«? Und was das » Denken« – nicht die menschliche Formulierung der Denk gesetze, wie sie unsere Lehrbücher der formalen Logik geben, nicht die Funktionen des Gehirns als des materiellen Denk organs des Menschen (richtiger: der materiellen Bedingung – nicht aber Ursache – des menschlichen Denkens), auch nicht die Denk akte der einzelnen Menschen (beziehungsweise die primitiveren »Denkakte« untermenschlicher Einheiten) und auch nicht die Denk ergebnisse, die »Gedanken«: nein, das »Denken« als universelle und jedenfalls »realere«, wo nicht reale » Kraft«? Ein unmittelbares logisches Urteil über diese beiden »Weltmächte«, wie man sie mit Fug und Recht nennen darf, eine »Bestimmung« ihres »objektiven Wesens« ist schon deshalb unmöglich, weil jedes logische Urteil nur durch ebendieses »Bewußtsein« und ebendiese »Denkkraft« geschehen kann, sodaß beide sozusagen »sich selbst über den Kopf springen« müßten. Dennoch muß man mittelbar – nach dem Zusammenhang der übrigen Denkergebnisse – annehmen, daß das »Bewußtsein« des einzelnen Subjekt-Objekts nichts anderes ist, als das auf ein illusorisches Subjekt-Objekt bezogene und dadurch entsprechend eingeschränkte »Wissen des realen Seins um sich selber«, und das »Denken«, das in so innigem Zusammenhang mit diesem »Bewußtsein« steht, eine Art geistiger Ariadne-Faden, der das reale Sein mitten im Labyrinth des »Welttraums«, mitten in seinem begrenzten illusorischen Dasein als dieses und jenes Subjekt-Objekt, mit seinem wahren, realen Wesen geistig verbunden hält, ihm gedanklich die Rückkehr in seine Freiheit ermöglicht, ihm durch diesen Kontrast das illusorische Dasein erst reizvoll gestaltet und dessen Leiden erträglicher macht, ihm endlich auch (in jedem und als jedem Einzelwesen) die Entwicklung zu immer höheren Graden dieses Daseins und damit zu immer freudenreicherer Annäherung der illusorischen Existenz an die reale erleichtert. Daß auch das Denken eine unmittelbare und allgemeine Wirkung des Allwesens ist, geht nicht bloß aus seiner nachweisbaren Gleichförmigkeit bei allen Menschen und (wie schon erwähnt) auch bei allen höheren Tieren hervor (soweit bei letzteren bezügliche Beobachtungen möglich sind), sondern auch daraus, daß es sich in der Vereinheitlichung und Differenzierung, die jede Begriffsbildung darstellt, wie auch in den analytischen (vervielheitlichenden, differenzierenden) und synthetischen (vereinheitlichenden) Leistungen seines Urteilens als geistiger Bestandteil der beiden Alltendenzen darstellt.

Zwölf Jahre nach der Veröffentlichung einer Schrift, in der ich zum erstenmal auf die wichtigsten dieser logischen Folgerungen hinwies, lernte ich Gustav Theodor Fechners »Büchlein vom Leben nach dem Tode« kennen, und war überrascht, in diesem merkwürdigen Werkchen des bekannten und verdienstvollen Physikers und Naturphilosophen eine Schilderung der Existenzverhältnisse ehedem menschlicher Individuen zu finden, die, ohne Begründung gegeben und anscheinend rein intuitiv gewonnen, sich in allem Wesentlichen mit den Ergebnissen der reinlogischen Untersuchung deckt. Da der Vergleich den Leser interessieren dürfte, zitiere ich im Nachstehenden die dafür markantesten Stellen der Fechnerschen Ausführungen:

...»Noch leben ein Goethe, ein Schiller, ein Napoleon, ein Luther unter uns, in uns als selbstbewußte, schon höher als bei ihrem Tode entwickelte, in uns denkende und handelnde, Ideen zeugende und fortentwickelnde Individuen, jeder nicht mehr eingeschlossen in einem engen Leib, sondern ergossen durch die Welt, die sie bei Lebzeiten bildeten, erfreuten, beherrschten, und weit hinausreichend mit ihrem Selbst über die Wirkungen, die wir noch von ihnen spüren« ... »Der Mensch ... ist auch für sich da, aber zugleich ist sein Leib und Geist nur eine Wohnung, worein höhere Geister eintreten, sich verwickeln und entwickeln und allerlei Prozesse untereinander treiben, die zugleich das Fühlen und Denken des Menschen sind und ihre höhere Bedeutung für die dritte Lebensstufe haben« (so nennt Fechner die Existenz nach der ersten Lebensstufe eines von ihm angenommenen schlafähnlichen Zustandes vor der Geburt und der zweiten des Menschendaseins)... »Des Menschen Geist ist ununterscheidbar zugleich sein Eigentum und das Eigentum jener höheren Geister, und was darin vorgeht, gehört stets beiden zugleich an, aber auf verschiedene Weise.« ... »Die in den Menschen eingewachsenen fremden Geister sind ebensowohl, obschon in anderer Weise, dem Einflusse des menschlichen Willens unterworfen, als der Mensch von fremden Geistern abhängig ist, er kann ebensowohl aus der Mitte seines geistigen Seins Neues in die in ihm verknüpften Geister hineingebären, als diese auf sein Innerstes bestimmend einwirken können, aber in dem harmonisch entwickelten Geistesleben hat kein Wille die Obermacht über den andern. Da jeder fremde Geist nur einen Teil seines Selbst mit dem einzelnen Menschen in Gemeinschaft hat, so kann der Wille des einzelnen Menschen nur einen anregenden Einfluß auf ihn haben, der mit seinem ganzen übrigen Teile außer dem Menschen liegt; und da jeder menschliche Geist eine Gemeinschaft sehr verschiedener fremder Geister in sich schließt, so kann der Wille eines einzelnen darunter auch nur einen anregenden Einfluß auf den ganzen Menschen haben, und nur, wenn der Mensch mit freier Willkür sich ganz seines Selbst an einzelne Geister entäußert, wird er der Fähigkeit verlustig, sie zu bemeistern.« – »Indem die höheren Geister nicht bloß in einzelnen Menschen wohnen, sondern jeder sich in mehrere hineinverzweigt, sind sie es, die diese Menschen auf geistige Weise verknüpfen«... »Der Tod ist nur eine zweite Geburt zu einem freieren Sein«... »Der Geist wird nicht mehr vorüberstreifen am Berge und Grase..., sondern er wird Berg und Gras durchdringen und jenes Stärke und dessen Lust im Wachsen fühlen; er wird sich nicht mehr abmühen, durch Worte und Gebärde einen Gedanken in andern zu erzeugen, sondern in der unmittelbaren Einwirkung der Geister aufeinander ... wird die Lust der Gedankenzeugung bestehen; er wird nicht äußerlich den zurückgelassenen Lieben erscheinen, sondern er wird in ihren innersten Seelen wohnen, als Teil derselben, in ihnen und durch sie denken und handeln.« – Die ersten Anregungen zu dieser Anschauung von der nachmenschlichen Existenz verdankte Fechner nach eigenem Bekenntnis seinem Freunde Billroth, dessen Denken aber bald darauf ins kirchlich Dogmatische einlenkte.

Mit unseren letzten Darlegungen war die Übersicht über das reinlogisch Feststellbare, soweit es für den vorliegenden Zweck von entscheidender Wichtigkeit ist, in allem Wesentlichen vollendet. Da aber trotz des Verzichts auf manche elementare Folgerungen, die auf gleicher Grundlage möglich, doch für das Gebiet des Okkultismus weniger belangreich sind, immerhin eine Art Weltbild skizziert wurde, sei auch noch die Frage nach dem Beweggrund aufgeworfen, der das reale Sein vollkommen freier Selbstbestimmung zu dem »autosuggestiven« Welt-Traum veranlassen mag. Die Beantwortung dieser Frage wäre das verwegenste Unternehmen, das sich denken läßt, wenn nicht ebenjenes reale Sein in uns selber, ja als wir selber tätig wäre, sodaß, was wir als unsere eigenen tatkräftigsten Neigungen kennen, zugleich ein Licht auf den »Willen« und die »Absicht« des Allwesens wirft. Uns alle befriedigt Selbsterworbenes, mit persönlicher Anstrengung, ja mit Überwindung größter Schwierigkeiten und Gefahren Errungenes weit mehr als das, was wir bereits mühelos und ohne persönliches Verdienst besitzen; Einsamkeit, Mangel an jeder Beschäftigung und extreme Einförmigkeit des Daseins sind uns qualvoll; den einigermaßen höher Veranlagten unter uns ist fruchtbares Bemühen nach irgendeinem Ziele hin Bedürfnis, unsere Reichen aber, soweit sie nicht in rohestem Stumpfsinn dahinleben, haben den inneren Antrieb, ihren Besitz nicht träge ruhen, sondern produktiv werden zu lassen, in großen Unternehmungen, in deren Entstehen, Wachsen und Gedeihen sie ihre Befriedigung finden, oder, wenn sie Menschenfreunde sind, in der Förderung und Beschenkung Minderbegüterter. Und nun stelle man sich – soweit das möglich ist – die ungeheure Einsamkeit des unveränderlich in sich selbst ruhenden realen Seins vor, das nichts erstreben kann, weil es ja alles mögliche Reale schon selber ist, und für das nichts anderes, von ihm Verschiedenes existiert, dem es von seinem Allreichtum mitteilen könnte! Erscheint es uns da nicht fast selbstverständlich, daß es sich gesellig, schöpferisch tätig, Ziele erstrebend, gebend und empfangend, erfreuend und sich freuend wenigstens »träumen« will? Daß es durch die illusorische Differenzierung auch Leiden aller Art bis zu den furchtbarsten Qualen auf sich nehmen muß, kann es nicht abschrecken, denn alle diese Leiden versinken dann wieder wesenlos im Zeitverlauf, und die Freuden, die an ihre Stelle treten, strahlen durch den Kontrast mit dem Überwundenen dann nur in um so hellerem Lichte. Dabei ist die aus der vereinheitlichenden, identifizierenden Tendenz des All-Traums sich ergebende Steigerung dieser Freuden und Befriedigungen eine unendliche für jedes der unendlich vielen Individuen, als die sich das reale Sein träumt; als jedes »Geschöpf« seines Traums erobert es sich in der unendlichen Zeit immer mehr von seinen, des realen Seins, unerschöpflichen Schätzen, als hätte es diese niemals besessen: sei es in heldischer Geradlinigkeit und Unentwegtheit, sei es auf Umwegen des Irrtums, der Schuld und des Unglücks. Und diese innere und äußere Bereicherung nimmt bei keinem der unendlich vielen, in immer neuer zahlloser Menge entstehenden Einzelwesen ein Ende. Aber nicht nur pathetische und heroische Befriedigungen aller Art schafft sich das reale Sein durch den Traum der Differenzierung und Vereinheitlichung; auch Humor, Scherz und Laune ergeben sich dabei in überschwänglicher Vielfältigkeit. Auch darauf weisen schon unsere menschlichen Neigungen hin; wir haben unseren guten Spaß daran, im Karneval Masken zu tragen, die unser »wahres Ich« verbergen, um dann diese Masken wieder lüften und lachend uns selber zeigen zu können. Was aber bedeutet dieser unser bescheidener Mummenschanz gegen den grandiosen Maskenball des Alltraums, in dem sich das Erhabenste, Gewaltigste, Schönste und Reichste in niedrigster, schwächster, häßlichster und armseligster Verlarvung zeigt und hinter jeder Menschen-Maske sich zahllose Wesen höherer Art verbergen? In jedem uns vorstellbaren Sinne muß daher die Welt-»Autosuggestion« dem realen Sein als etwas erscheinen, das »aufs innigste zu wünschen ist«. Freilich sind das alles noch unzulängliche, menschlich gedachte Begründungen, doch bedeuten auch sie schon eine befriedigende Antwort für unseren Verstand.

Es sei nun zum Endzweck unserer Ausführungen fortgeschritten: zum Nachweis der bestätigenden oder berichtigenden, haltgebenden und wegeweisenden Bedeutung, welche die Ergebnisse des philosophischen Denkens für die okkultistische Experimentalforschung gewinnen können. Da erscheint nun vor allem wichtig, daß nach diesen Ergebnissen die alte Streitfrage des Okkultismus, ob die »animistische« oder die »spiritistische« Erklärung der mediumistischen Phänomene berechtigter wäre, das heißt: ob es sich dabei, bis zum Extrem der sprechenden, greif-, wäg- und photographierbaren »materialisierten« Menschengestalten, um Wirkungen lebender Menschen oder um »Geister« ehemaliger Menschen handle, eine überraschende Entscheidung findet. Auch der Okkultismus hielt bisher (wie der Spiritismus und die Kirche, wenngleich nicht in ebenso bestimmter Weise) an der Vorstellung fest, daß die »Geister« der Verstorbenen, wenn sie existieren sollten, irgendwie »außerhalb« der Einzelexistenzen unserer menschlichen Erfahrung und völlig getrennt von ihnen ihr Dasein führen und sich demnach der mediumistischen Feinmaterie irgendwie »von außen her«, als mit dem Medium ursprünglich in keiner Weise zusammenhängende Persönlichkeiten bedienen müßten. Demgegenüber sprechen nun aber unsere logischen Erkenntnisse dafür, daß die »fremden Intelligenzen«, welche die mediumistischen Erscheinungen hervorrufen, zwar tatsächlich weiterentwickelte Persönlichkeiten verstorbener Menschen sind, aber solche, die teilweise mit einem »realeren« Wesen des Mediums bewußt identisch wurden, sodaß sie also einesteils mit dem Medium identisch, andernteils von ihm verschieden sind, und die »animistische« wie auch die »spiritistische« Auffassung bis zu einem gewissen Grade Recht hat. Daß es sich um nachmenschliche Persönlichkeiten handelt, die in persönlichstem Zusammenhang mit dem Medium stehen, wird auch durch die bekannten okkultistischen Erfahrungstatsachen bestätigt, daß die Materialisationserscheinungen räumlich unmittelbar aus dem Medium hervorwachsen und meist sichtbar wieder in den Körper des Mediums zurückverschwinden, daß unter jeder Verletzung oder Störung einer Materialisation auch das Medium selbst körperlich zu leiden hat, und daß ehrliche Schreibmedien erklären, immer schon einen Augenblick vorher zu wissen, was durch ihre Hand geschrieben wird. Ein okkultistischer Forscher, der den reinen Denkergebnissen gebührenden Wert beilegt, wird also nicht mehr »animistische« und »spiritistische« Merkmale in mühsamen Untersuchungen gegeneinander ausspielen, weil er weiß, daß jedes derartige Phänomen naturgemäß eine »animistische« und eine »spiritistische« Seite haben muß, vielmehr wird er zu ergründen trachten, aus welcher oberflächlicheren oder tieferen »realeren Ichsphäre des Mediums« das einzelne Phänomen stammt; auch wird er nun doppelt vorsichtig sein mit der Konstatierung bewußten oder unbewußten Betrugs durch »das Medium selbst«. Für die Feststellung der Ichsphäre, aus der das Phänomen stammt, liefert ihm die Philosophie einen festen Maßstab, da mit logischer Notwendigkeit die Identifikation der sich manifestierenden »Intelligenz« mit dem persönlichen Ich des Mediums desto vollständiger erscheinen muß, je »tiefer« die in Frage kommende Ichsphäre liegt, je »realer« sie also ist. Ganz im allgemeinen aber wird er nun wissen, daß er es in der Regel nur mit nachmenschlichen Individuen der niedersten Grade zu tun hat, weil eben bei solchen höherer Grade infolge der weit vollständigeren Identifikation namentlich auch des Gedanken- und Willenslebens sich kaum mehr eine Differenz vom normal-menschlichen Ich des Mediums unterscheiden läßt, und die Kundgebungen in der Form unmerklicher innerer Gedankenweckung und Willensbeeinflussung erfolgen. Die Möglichkeit, daß sich durch ein (wenn auch noch so »starkes«) Medium ganz beliebige nachmenschliche Individuen manifestieren könnten, muß nach den philosophischen Einsichten sehr bezweifelt, ja wohl verneint werden, wenn es sich um unmittelbare Wirkungen eines nachmenschlichen Individuums handeln soll, das nicht mit dem Medium (zum Teil) bewußt identisch ist; dagegen sind in solchem Fall Vermittlungen innerhalb der »Geisterwelt« denkbar, sodaß etwa eines der mit dem Medium teilweise identischen nachmenschlichen Individuen die mediale Kundgebung im Sinne des anderen, gewünschten nachmenschlichen Individuums »vertretungsweise« übernimmt; freilich dürfte das aber wohl nur bei einfacheren Phänomenen möglich sein, schwerlich auch bei Materialisationen, die wohl den unmittelbaren Zusammenhang des sich manifestierenden Individuums mit dem Medium voraussetzen; hier wie auch bei den meisten gewöhnlicheren Kundgebungen ist der prompte Erfolg durchaus willkürlicher »Zitation« wohl regelmäßig auf Betrug durch die nachmenschlichen Persönlichkeiten niederen Grades zu deuten, die in dem Medium mitexistieren. Ein sehr leistungsfähiges Medium muß nach der philosophischen Einsicht aufgefaßt werden als ein menschliches Individuum, an dem nachmenschliche Individuen niedersten Grades überwiegenden (illusorischen) Wesensanteil im Sinne der teilweisen Identifizierung haben, und dessen eigentlich menschliches Ich (aus Schwäche) dazu neigt, dem einen oder andern von diesen die Herrschaft über seine (des Mediums) Körperlichkeit allein zu überlassen.

Die »Materie«, das Stoffliche, Körperliche, ist nach philosophischer Erkenntnis in Wahrheit nichts Wesenhaftes, sondern etwas rein Illusorisches, ja etwas Negatives als Selbstbewußtseinsbeschränkung des realen Seins. Je undichter im materiellen Sinne ein Gebilde ist, desto »realer« ist es also (desto näher steht es, als illusorisches Gebilde, der Realität). Auch dieser Tatsache wird ein philosophisch belehrter Okkultist bei seinen Beobachtungen stets eingedenk bleiben müssen, und ihre Verwertung an Stelle der gerade entgegengesetzten Auffassung des naturwissenschaftlichen Materialismus wird die Beurteilung zahlreicher okkulter Phänomene nicht nur von Grund aus verändern, sondern sie auch erleichtern.

Die Bezeichnungen »Genius«, »Schutzgeist«, »Geistiger Führer« oder »Geistiger Freund«, die sich die angeblichen Urheber der mediumistischen Mitteilungen (durch alphabetisches »Tischklopfen«, durch den »Psychographen« – eine zu diesem Zweck konstruierte Buchstabier-Maschine – oder durch »Trance-Reden« oder »mediales Schreiben«) gewöhnlich beilegen, entspricht der Rolle, die nach den Ergebnissen des reinen Denkens die nachmenschlichen Subjekt-Objekte höheren Entwicklungsgrades in ihrer einzelmenschlichen Wirkungssphäre spielen; da es sich aber aus den bereits erwähnten Gründen in der Regel nicht um solche Individuen höheren Grades handeln kann, ist meist nur ein mutwilliger, boshafter oder hinterlistiger Mißbrauch der hochtönenden Titel durch nachmenschliche Individuen niederster Grade anzunehmen: wobei aber dieser Mißbrauch indirekt die Existenz der echten »Genien« und »Geistigen Führer« bestätigt. Daß es den Urhebern der mediumistischen Mitteilungen fast immer nur um Ulk und Unfug in einer imponierenden Maske, um Irreführung und Willensknechtung allzu leichtgläubiger Sitzungsteilnehmer, um Verleitung zu Torheiten oder Schlechtigkeiten zu tun ist, und daß sich in den allermeisten Fällen diese ihre Minderwertigkeit und Verlogenheit auch bald genug herausstellt, weiß jeder erfahrene Kenner des Mediumismus. Zuweilen aber – freilich nur als seltene Ausnahme und bei Anlässen von ernsterer Bedeutung – manifestieren sich auch Individuen, die in der Tat geistig überlegen, wahrheitsliebend und guten Willens scheinen; ob es sich in solchen Fällen wirklich um nachmenschliche Subjekt-Objekte höheren Entwicklungsgrades handelt oder nur um besonders schlaue und vorsichtige Formen der Täuschung, bleibe dahingestellt. Möglich ist es ja immerhin, daß auch hochentwickelte nachmenschliche Persönlichkeiten sich ausnahmsweise sinnenfälliger Mittel statt der unmittelbaren gedanklichen Einwirkung bedienen, um ihren höheren Zweck sicherer oder nachdrücklicher zu erreichen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.