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Philosophie und Okkultismus

Hanns Freiherr von Gumppenberg: Philosophie und Okkultismus - Kapitel 4
Quellenangabe
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typetractate
authorHanns von Gumppenberg
titlePhilosophie und Okkultismus
publisherRösl & Cie./München
seriesPhilosophische Reihe
volume17. Band
editorAlfred Werner
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090818
projectid0990c12c
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Wie schon hervorgehoben wurde, hat das philosophische Denken dieselbe Erfahrungswelt zum Gegenstand, die der naturwissenschaftlichen Forscherarbeit ihre Objekte liefert, und zwar die gesamte Erfahrungswelt, also die Welt der äußeren wie auch die der inneren Erfahrung. Gewitzigt schon durch viele Täuschungen des Alltagslebens und getrieben von jenem Zweifel an der sicheren Realität des unmittelbar unserem Bewußtsein Gegebenen, der sich aus jeder aufmerksamen und nachdenklichen Betrachtung des scheinbar so widerspruchsvollen Weltgeschehens ergibt und der Vater alles Philosophierens geworden ist, stellt der menschliche Erkenntnisdrang die Frage: was von all diesem scheinbar Existierenden ist » wahr«? Was ist nur Wahn und Illusion, und was ist wesenhaft? Und an diese Frage schließt sich sogleich die zweite: findet sich in unserem Denken eine feste Regel, ein Prinzip, nach dem wir in unserer Erfahrungswelt, und zwar der äußeren wie auch der inneren Erfahrungswelt, das Wahre vom Trügerischen, das Reale vom bloß Illusorischen unterscheiden können?

Ein solches unterscheidendes Prinzip zur Feststellung der realen Existenz eines Bewußtseinsobjektes liefert die Rüstkammer unseres Denkens tatsächlich: und zwar ein Prinzip, das nicht nur der bezüglichen wissenschaftlichen Untersuchung unsicherer Bewußtseinsobjekte dient, sondern auch der Alltagsentscheidung derartiger Fragen nachweisbar zugrunde liegt. Und zwar ist dieses Prinzip nichts anderes als eine folgerichtige Anwendung des Fundamentalsatzes unserer Logik, des sogenannten » Identitätsprinzips«, auf die Existenz in der Erfahrungswelt. Das Identitätsprinzip sagt, daß jeder Begriff mit sich selbst identisch ist. Es fordert also von jedem (echten, »denkbaren«) Begriff, daß dessen Inhalt – das heißt: die Summe der ihn bezeichnenden, »definierenden« Merkmale – auch wirklich sein Inhalt sei, daß also alle diese Merkmale wesentliche, selbsteigene Bestandteile des betreffenden Begriffs sind und nicht etwa sämtlich oder teilweise einem anderen Begriff oder mehreren anderen Begriffen angehören, nicht aber ihm. Da dieses Identitätsprinzip für alle Begriffe gilt, so gilt es auch für die Begriffe jeder Art von Einzelexistenz, gleichviel ob es sich um die Einzelexistenz eines im Räume Existierenden oder um die eines unräumlich Existierenden handelt; es gilt somit allgemein der Satz, daß ein einzelnes fragliches Bewußtseinsobjekt in der Sphäre (räumlichen oder nichträumlichen Existenzsphäre), in der es vom Bewußtsein zunächst angetroffen wird, und in der es daher vom Verstände als existierend oder nicht existierend nachgewiesen werden soll, nur dann wirklich existiert, wenn es nach den besonderen Existenzbedingungen dieser Sphäre als mit sich selbst identisch nachgewiesen werden kann, das heißt: wenn nachgewiesen werden kann, daß alle die Eigenschaften, als deren Summe es dem Bewußtsein gegeben ist, sein selbsteigener Wesensbesitz im Sinne der Existenzsphäre sind, in der es vom Bewußtsein angetroffen wird. Nun sind aber die Bedingungen der Existenz in der äußeren Erfahrungswelt räumliche Ausdehnung (Körperlichkeit) und zeitliche Ausdehnung, und es ist die Bedingung der Existenz in der (unräumlichen) inneren Erfahrungswelt zeitliche Ausdehnung allein. Somit gilt für fragliche Bewußtseinsobjekte der Außenerfahrung das Prinzip: In der äußeren Erfahrungswelt existiert ein fragliches Bewußtseinsobjekt dann, wenn es im wesentlichen Besitz aller seiner Eigenschaften einen Raumteil erfüllt und im wesentlichen Besitz aller seiner Eigenschaften, also in Identität mit sich selbst einen Zeitteil dauert; es existiert also da, zeitlich betrachtet, so lange, als es, einen Raumteil erfüllend, in Identität mit sich selbst dauert. Und für fragliche Bewußtseinsobjekte der Innenerfahrung gilt das Prinzip: In der inneren Erfahrungswelt existiert ein fragliches Bewußtseinsobjekt dann, wenn es im wesentlichen Besitz aller seiner Eigenschaften, also in Identität mit sich selbst einen Zeitteil dauert; es existiert also da, und zwar unräumlich, so lange, als es in Identität mit sich selbst dauert.

Das Alltagsurteil des sogenannten »gesunden Menschenverstandes« spricht auf Grund dieser Prinzipien allen Objekten, die sein Bewußtsein in der äußeren oder inneren Erfahrungswelt antrifft, wirkliche Existenz in einer dieser beiden Erfahrungssphären zu, wobei es Bewußtseinsobjekte, die scheinbar in der äußeren Erfahrungssphäre auftauchen, sich aber bei der Prüfung bald als nicht körperlich (nicht im Räume ausgedehnt bzw. wirksam) herausstellen (wie zum Beispiel Halluzinationen, Umbildungen oder Ergänzungen von körperlichen Gegenständen durch erregte Phantasie u. dgl. mehr), als Existenzen in die Sphäre der inneren Erfahrungswelt verweist. Prüft man aber genauer, auf welche Weise dieses Alltagsurteil bei der Anwendung der beiden Prinzipien verfährt, dann kann man seine Entscheidung nicht als triftig anerkennen. Es nimmt nämlich bei der äußeren wie auch bei der inneren Erfahrung die Summe einer Anzahl besonders auffallender »Eigenschaften« des fraglichen Bewußtseinsobjektes, deren Wesenszugehörigkeit gar nicht genauer geprüft, sondern gläubig angenommen wird, und deren Veränderlichkeit erst in größeren Zeitabständen dem groben menschlichen Sinnenapparat bzw. (bei der inneren Erfahrung) der ebenso unzulänglichen Durchschnitts-Selbstkritik deutlicher sich aufdrängt, für die Summe aller seiner wirklichen, selbsteigenen Eigenschaften, stellt hiernach Identitätsdauer fest (was freilich auch bei solchem ungenügenden Verfahren immer auch noch Gedankenlosigkeit und die Mitwirkung ausgleichender Phantasie erfordert), und gibt so der großen Mehrzahl der Menschen das Behagen, die äußere wie auch die innere Erfahrungswelt für solide Wirklichkeit nehmen zu können. Besäßen wir auch nur statt unserer Augen eine Art Mikroskop von enormer Leistungsfähigkeit als natürliches Sehorgan, so könnten wir nie zu solchem sicheren Wirklichkeitsbehagen gelangen, denn wir sähen die uns zugewandte Oberfläche der körperlichen Dinge in unaufhörlicher kontinuierlicher Wandlung. Anderseits aber würden uns nach einer allseitig gründlichen Prüfung der Erfahrungswelt auf ihren Existenzgehalt auch Eindrücke wie der Tod einer seit langem vertrauten Person nicht wie eine widerspruchsvolle Unfaßbarkeit erschrecken und verwirren, hätten wir uns doch dann schon längst überzeugt, daß das, was der Tod scheinbar paradox »vernichtet«, in Wahrheit gar nicht existierte.

Tatsächlich zwingt nämlich die strengere logische Überlegung im Verein mit aufmerksamerer Beobachtung und gründlicher, durch technische Hilfsmittel unterstützter erfahrungswissenschaftlicher Untersuchung zu einer radikalen Revision und Korrektur des lässigen Alltagsurteils. Wir gelangen da nämlich zu der Einsicht, daß die gesamte Körperwelt der äußeren Erfahrung einschließlich unseres eigenen Körpers wie auch unser ganzes inneres Erfahrungsich mit all seinen Tätigkeiten und Vorstellungen nichts, aber auch gar nichts aufweist, das wesenszugehörige, selbsteigene Eigenschaften besäße; daß ferner all das, was uns in beiden Sphären der Erfahrung wesenhaft vorhanden scheint, in durchgreifender, fortwährender und kontinuierlicher Wandlung begriffen ist, also gar keine Identitätsdauer besitzt, und daß somit nach jenen beiden Prinzipien der Existenzfeststellung, die nur Anwendungsformen des für uns unumstößlichen logischen Identitätsprinzips sind, unserer gesamten menschlichen Erfahrungswelt, der äußeren wie der inneren, die wirkliche Existenz, die Realität abgesprochen werden muß. Es erweisen sich nämlich die scheinbar wesenszugehörigen und selbsteigenen »Eigenschaften« eines jeden Körpers unserer äußeren Erfahrungswelt bei genauerer Prüfung als bloße Produkte von Wechselwirkungen zwischen seinem unbekannten, unserer äußeren Erfahrungswelt nicht angehörenden und bloß anzunehmenden (bloß hypothetischen) Eigenwesen und den gleichfalls unbekannten, gleichfalls außerhalb der Erfahrungswelt anzunehmenden Eigenwesen der körperlichen Nebendinge. Man vergegenwärtige sich nur, was die Naturwissenschaft von solch einem Einzelding der äußeren Erfahrung zur Bezeichnung seines Wesens auszusagen vermag: und man wird finden, daß all das auf die Feststellung von Relationen zu anderen Dingen der Körperwelt, natürlichen oder zu Meßzwecken künstlich hergestellten, beschränkt bleibt; und da diese Beziehungen mangels logisch berechtigter Priorität stets auch umkehrbar sind, das Eigenwesen jener Nebendinge aber ebenso unbekannt bleibt wie das des betreffenden, durch sie bestimmten und sie bestimmenden Einzelobjekts, so handelt es sich um Ergebnisse von Aktionen und Reaktionen von Unbekannten, um Produkte von Wechselwirkungen, ohne daß es möglich wäre, etwas von diesen Produkten in bestimmter Abgrenzung einem von den äußeren Erfahrungsdingen als selbsteigenen Besitz zuzuerkennen. So läßt sich beispielsweise über die räumliche Ausdehnung zweier ungleich großer Objekte der äußeren Erfahrung nur sagen, daß das eine m-mal so groß ist als das andere und daß letzteres den m-ten Teil der Ausdehnung des ersteren besitzt, oder daß das eine n-mal und das andere p-mal so groß ist als ein drittes Objekt, das kleiner ist als beide (und sich daher als »Maß« für beide empfiehlt); dagegen bleibt eine selbsteigene, nicht bloß verhältnismäßige Ausdehnung bei allen dreien unbekannt und unbestimmbar, und ein anderes »Maß« ergäbe andere Ausdehnungs-Werte. Oder: wenn wir eine Rose als »rot« feststellen, so ist diese »ihre« Farbe das Produkt einer Wechselwirkung mindestens zwischen den drei angenommenen Unbekannten, denen wir die Bewußtseinsobjekte und Wechselwirkungsprodukte »Rose«, »Lichtstrahlen« und »Sehorgan« zunächst zuschreiben müssen, nicht aber eine Wesenseigenschaft (ein selbsteigener Wesensbesitz) des Bewußtseinsobjektes »Rose« und auch nicht eine Wesenseigenschaft des hypothetischen, unbekannten, nicht der äußeren Erfahrungswelt angehörenden Eigenwesens dieses Bewußtseinsobjekts »Rose« (wobei die Worte »Rose«, »Lichtstrahlen« und »Sehorgan« natürlich nicht allgemeine abstrakte Begriffe, sondern die einzelnen Bewußtseinsobjekte, also eine bestimmte einzelne Rose, bestimmte Lichtstrahlen und das Sehorgan eines bestimmten Menschen bedeuten). Ferner ist auch die Summe aller Merkmale (hier richtiger: Tätigkeiten) und somit das Wesen des Bewußtseinsobjektes der inneren menschlichen Erfahrung, also das Wesen des einzelnen menschlichen Erfahrungsichs nur ein Produkt von Wechselwirkungen zwischen seinem hypothetischen, unbekannten, nicht der äußeren oder inneren Erfahrungswelt angehörenden Eigenwesen und jenen gleichfalls hypothetischen, unbekannten und keiner von unseren Erfahrungssphären angehörenden Eigenwesen aller Bewußtseinsobjekte der äußeren Erfahrung, zu welchen auch die hypothetischen, der Erfahrung entzogenen Eigenwesen der übrigen inneren Erfahrungsiche durch die körperliche Vermittlung der Sprache, der Gebärde, der Schrift usf. wie auch das hypothetische, der Erfahrung entzogene Eigenwesen des mit ihm in unmittelbarem persönlichem Zusammenhang stehenden eigenen Körpers zählen: sodaß sich auch hier nicht abgrenzen läßt, was von diesem Wechselwirkungsprodukt dem unbekannten Wesen seines Körpers sowie dem der fremden Körper und fremden Erfahrungs-Subjekte und was dem gleichfalls unbekannten Wesen des eigenen inneren Erfahrungsichs als selbsteigene Wesenswirkung (Wesensbetätigung) zuzuschreiben ist. Eine ausführliche Veranschaulichung auch dieser Tatsache verbietet sich aus Raumgründen; doch sei andeutend hingewiesen auf die auch in der Lebenspraxis auffallend genug hervortretende Unmöglichkeit, in dem inneren Erfahrungsich eines einzelnen Menschen, in der Gesamtheit seiner Willensakte, seines Gefühlslebens und seiner geistigen Leistungen eine strenge Grenze zu ziehen zwischen dem, was aus dem Wesenskern dieses inneren Erfahrungsichs hervorgeht, und dem, was das Werk von Einflüssen des Wesenskernes des eigenen Körpers und von den materiellen oder den (materiell vermittelten) seelischen und geistigen Einflüssen der Wesenskerne der Mitwelt ist. In klarer Erkenntnis der letzteren Unmöglichkeit sagte auch Goethe einmal zu Eckermann: »Man spricht immer von Originalität, allein was will das sagen! Sowie wir geboren werden, fängt die Welt an auf uns zu wirken, und das geht so fort bis ans Ende. Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig.«

Ebenso wie die Wesenszugehörigkeit der »Eigenschaften« der äußeren und inneren Bewußtseinsobjekte erweist sich auch ihre Identitätsdauer bei genauerer Prüfung als bloßes Phantom. Der Einsicht, daß jede beliebig groß oder klein gewählte »Einheit« in der Körperwelt aus rastlos und kontinuierlich bewegten kleineren »Einheiten« besteht und fortwährend ihren Platz im Raum, ihre qualitative Beschaffenheit und ihre physikalischen Zustände (Temperatur, elektrische Geladenheit usw.) ändert, also in kontinuierlicher Veränderung ihrer Eigenschaften und damit ihres Wesens begriffen ist, hat sich heute selbst die Naturwissenschaft schon bedeutsam angenähert. Soweit die mikroskopische Untersuchung in den Zellbau der organischen Körper eindrang, fand sie bewegte Teil-Systeme im bewegten Systeme vor: und auch für die »anorganischen« Atome, die früher als die »unteilbaren«, durchaus einheitlichen und unveränderlichen Bausteine der Körperwelt gegolten hatten, ergab sich neuerdings die naturwissenschaftliche Notwendigkeit, sie als »organisiert«, als in kontinuierlicher Eigen-Bewegung und Wandlung begriffene »Elektronen«-Systeme nach Art der Planetensysteme anzunehmen, die mindestens auch den erwähnten fortwährenden physikalischen Zustandsänderungen unterworfen sind. Früher oder später werden dann die Naturforscher sich genötigt sehen, auch die »Einheiten« innerhalb der Elektronen-Systeme wieder für veränderliche (in kontinuierlicher Eigen-Bewegung und Wandlung begriffene)Systeme anderer »Einheiten« zu erklären, und so weiter in infinitum. Nimmt man aber diese unendliche natürliche (oder auch eine unendliche künstliche) Teilbarkeit der Stoffwelt an, so ist das, aus dem die letztere besteht, unendlich klein; ein unendlich kleiner Körper aber kann überhaupt keinen Raum einnehmen, seine räumliche Ausdehnung ist gleich Null, und auch aus unendlich vielen solchen Körpern mit der Ausdehnung 0 kann sich nach logischem Urteil nicht etwas zusammensetzen, dessen eigene räumliche Ausdehnung größer als 0 wäre: also überhaupt keine reale räumliche Existenz. Wollte man aber die (natürliche oder künstliche) Teilbarkeit der Körper trotz allem als endlich annehmen, sodaß die Stoffwelt aus räumlich ausgedehnten, nicht weiter teilbaren, also einfachen »Ur-Atomen« bestünde, so müßten diese »Ur-Atome« entweder untereinander gleich (von gleicher räumlicher Ausdehnung, gleicher stofflicher Substanz, gleich großer und gleichartig wirkender Kraft) oder einander ungleich sein. Im ersteren Falle wäre das Entstehen beziehungsweise die (mindestens als Erscheinung, als Bewußtseinsinhalt gegebene) Existenz so durchaus verschiedenartiger Körper, wie sie die materielle Erfahrungswelt aufweist, völlig undenkbar, wenn man nicht die Existenz einer Kraft annehmen wollte, die von außenher willkürlich auf die »Ur-Atome« einwirkt: womit die mit Recht verpönte dualistische Weltauffassung gegeben wäre, die in ihrer Widerspruchsfülle jede logische Erklärung ausschließt. Zudem spräche auch noch das weitere Argument gegen die wesenhafte Existenz der untereinander gleichen »Ur-Atome«, daß die Eigenschaft eines jeden von ihnen, neben den zahllosen anderen in einer bestimmten Ausdehnung zu »existieren«, durch das »Wesen« (die Ausdehnung usf.) der zahllosen andern mitbestimmt zu sein, seine wirkliche Existenz bereits ausschlösse und wieder nur ein Wechselwirkungsprodukt von Unbekannten an ihre Stelle setzte, deren Wesensanteil oder Wirkensanteil daran nicht zu unterscheiden wäre. Im anderen Falle aber, wenn die »Ur-Atome« untereinander ungleich (von ungleicher Größe, verschiedener stofflicher Substanz, verschieden großer und verschiedenartig wirkender Kraft) wären, könnten die besonderen »Eigenschaften« eines solchen »Ur-Atoms« (deren Summe identisch wäre mit seinem »existierenden« Wesen) ihm natürlich ebensowenig selbsteigen sein wie die »Eigenschaften« irgendeines der äußeren Erfahrung unmittelbar gegebenen, aus solchen »Ur-Atomen« zusammengesetzten Körpers diesem letzteren selbsteigen sind, und zwar aus denselben, bereits im Vorigen ausführlich bezeichneten Gründen. Auch das innere Erfahrungsich des einzelnen Menschen zeigt sich einer strengeren Prüfung als in fortwährender und kontinuierlicher Wandlung begriffen. Wie es illusorisch ist als das Produkt von Wechselwirkungen zwischen den hypothetischen Unbekannten, die einerseits ihm selbst, anderseits dem zugehörigen Körper und den Körpern und inneren Erfahrungsichen der Mitwelt zugrunde liegen, ohne daß sich sein Wesensanteil an diesem Wechselwirkungsprodukt abgrenzen liege, so kann es sich naturgemäß schon wegen seines Zusammenhangs mit dem in kontinuierlicher Veränderung begriffenen Eigenkörper und wegen des fortwährenden Wandels der körperlichen Umwelt nicht allein in Identität erhalten. Die Phänomene der Charakterfestigkeit und der Willensbeharrlichkeit überhaupt besagen nichts dawider, denn sie zeigen nur, daß die subjektive Willensbetätigung lange in gleicher Richtung erfolgen kann, nicht aber, daß alle ihre aufeinanderfolgenden einzelnen Akte auch in jedem anderen Betracht unter sich absolut gleich wären; im Gegenteil erweisen sich ja jene Eigenschaften gerade erst in verschiedensten Augenblickslagen, und wie die Verschiedenheit des Gegenstandes, so variiert auch die Verschiedenheit der Umstände bereits die einzelnen Willensakte, diese Gegenstände und Umstände aber wandeln sich eben kontinuierlich.

Ist nun aber die äußere Erfahrungswelt des einzelnen Menschen (die Körperwelt einschließlich seines eigenen Körpers) wie auch sein inneres Erfahrungsich in Wahrheit gar nicht vorhanden: wie kann sie dann »ihm« vorhanden scheinen? Wer oder was ist dieser » er«, der die Illusion der Existenz beider Erfahrungswelten hat? Denn wäre überhaupt nichts vorhanden, so wäre auch eine solche Illusion nicht möglich, setzt doch jede Illusion mindestens ein Wirkliches voraus, das in der Illusion befangen ist.

Es ist evident, daß dieses von unserer Logik geforderte Wirkliche nicht Objekt des menschlichen Bewußtseins sein kann, denn in diesem Fall müßte es der äußeren Erfahrung oder der inneren, dem Erfahrungsich, angehören beziehungsweise damit identisch sein, also selbst illusorisch sein. Von allem aber, was wir zunächst wissen, scheint nach Ausschaltung der Objekte des Bewußtseins nichts anderes übrig zu bleiben als dieses Bewußtsein des Einzelmenschen selbst. Es ist dies kein allgemeines Wissen, das gleichmäßig über der gesamten menschlichen Erfahrungswelt schweben würde, alle ihre illusorischen Wesen auf gleiche Weise und in gleichem Maße erfassend; es zeigt wohl als »Selbstbewußtsein« auch die Innenwelt eines einzelnen Menschen, aber nicht ebenso unmittelbar die Innenwelt der übrigen Menschen oder anderer Wesen und Dinge der menschlichen Erfahrungswelt, und es zeigt die Außenwelt vom Standpunkt des betreffenden einzelnen Menschen, nicht aber auch vom Standpunkt jedes einzelnen anderen Menschen oder der anderen Wesen und Dinge der menschlichen Erfahrungswelt; sein »Inhalt« ist also bei jedem einzelnen Menschen verschieden. Da es eine Art schöpferischer Zustand, schöpferisches Wirken oder schöpferische Tätigkeit, ja eine für den betreffenden Einzelmenschen »weltschaffende« Tätigkeit (analog der Phantasietätigkeit oder dem Traumzustande) ist, sieht man sich sofort genötigt, nach dem Subjekt dieser »Tätigkeit« oder »Wirksamkeit« zu fragen, nach dem Ich, das als in diesem »Zustand« befindlich gedacht werden muß. Das innere Erfahrungsich kann nicht dieses Subjekt sein, denn es ist selbst eines der Objekte des Bewußtseins. Man wird aber sofort auf den rechten Weg gewiesen, wenn man bedenkt, daß das Bewußtsein dem einzelnen Menschen nicht bloß einesteils dessen Körper und die Körper der Umwelt, andernteils das innere Erfahrungsich des Betreffenden zeigt, sondern daß es ihm auch den engen, persönlich-einheitlichen Zusammenhang seines inneren Erfahrungsichs mit seinem Körper (als seinem äußeren Erfahrungsich) nachdrücklich zu Gemüte führt. Hiernach muß das gesuchte »eigentliche« Ich-Sein – der Inhaber des Bewußtseins – den gesamten Einzelmenschen, den unräumlichen, seelischen wie auch den räumlichen, körperlichen in sich schließen, aber nicht etwa im Sinne einer bloßen Kollektiv-Einheit, sondern auf eine andere, einheitlichere, unserer äußeren wie auch unserer inneren Erfahrung nicht zugängliche Weise. Von diesem umfassenden »persönlichen« Ich, welches mit dem auffallend veränderlichen inneren Erfahrungsich nicht identisch ist, weiß jeder Mensch aus eigenstem Alltagserleben, wenn sich auch die wenigsten über seine Nichtidentität mit dem inneren Erfahrungsich klar zu werden pflegen. Aber von jedem wird eben dieses umfassende Ich nicht im Objektsinne (wie die innere und äußere Erfahrung) gewußt, sondern durch unmittelbares Sichmitihmeinswissen, und zwar (im Gegensatze zu dem eigenen Körper wie auch zu dem inneren Erfahrungsich, die beide eine Menge differenziertester Qualitäten aufweisen) lediglich als » bewußtes Ich-Sein« ohne irgendwelche anderen Besonderungen; und während die beiden Erfahrungsiche, das körperliche und das seelische, sich uns in fortwährender kontinuierlicher Veränderung zeigen, fühlt sich oder erscheint sich dieses unser »bewußtes Ich-Sein« ihnen gegenüber wie auch gegenüber der fortwährend kontinuierlich sich wandelnden Umwelt der menschlichen Erfahrung unveränderlich. Als »ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht« gibt es durch seine Einheit und Beständigkeit der illusorischen Existenz der beiden Erfahrungsiche, des seelischen und des körperlichen, gewissermaßen erst die nötige feste Basis und die Möglichkeit zu belangreicheren Leistungen. Es würde zu weit führen, diese letztere Tatsache eingehend an den verschiedenen menschlichen Betätigungen nachzuweisen; erinnert sei lediglich an die ungeheure Bedeutung des persönlichen Gedächtnisses für die gesamte menschliche Kultur, welches Gedächtnis unmöglich wäre, würde jedes von uns lediglich ein Haufe zahlloser, in rapider Wesenswandlung begriffener Verschiedenheiten sein, wäre nicht jedes von uns mindestens relativ gegenüber all seinem Verschiedenen und auffallend Veränderlichen und in einer für die Lebenspraxis durchaus hinreichenden Annäherung zugleich auch ein homogenes (in sich einheitliches) und unverändert dauerndes Ich-Sein, auf das all dies Variable bezogen werden kann. Überall, wo wir (um wieder in Goetheschen Worten zu sprechen) »mit dauernden Gedanken befestigen, was in schwankender Erscheinung schwebt«, zeigt dieses unser anscheinend unverändert dauerndes bewußtes Ich-Sein die Unentbehrlichkeit seiner Existenz. Es muß indessen nachdrücklich betont werden, daß der Einzelmensch für die absolute Unveränderlichkeit seines bewußten Ich-Seins keinen Beweis hat und haben kann, daß er vielmehr nur gegenüber den wandelbaren äußeren und inneren Erscheinungen niemals eine Veränderung an ihm festzustellen vermag und es daher für unveränderlich halten muß: wobei die Möglichkeit offen bleibt, daß es sich während der Lebenszeit des betreffenden einzelnen Menschen in verhältnismäßig so minimalem Maße kontinuierlich verändert, daß er die Veränderung gar nicht bemerken kann, und daß es daher praktisch für ihn nur als etwas völlig Unveränderliches in Betracht kommt. Durch eine Analogie aus der gewöhnlichen Erfahrung läßt sich klar machen, daß die Wahrnehmung der Veränderungen, die unser körperliches wie auch unser inneres Erfahrungsich kontinuierlich erleiden, nicht etwa schon die absolute Unveränderlichkeit unseres wahrnehmenden »bewußten Ich-Seins« beweist; wir bemerken nämlich im Alltagsleben bei konzentriertem Betrachten eines rasch bewegten Gegenstandes dessen schnelle Ortsveränderung nicht nur, wenn wir selbst uns nicht von der Stelle rühren, sondern auch dann, wenn wir uns erheblich langsamer als er in gleicher Richtung bewegen.

Da das (illusorische) Erfahrungs- Subjekt (das innere Erfahrungsich) und das (illusorische) unmittelbare Erfahrungs- Objekt (das äußere Erfahrungsich, der Körper) des Einzelmenschen in dem und mit dem zugehörigen, mindestens »realeren« Dieser scheinbar widersinnige Ausdruck ist insoferne (obschon nur als eine Art Notbehelf) berechtigt, als das »bewußte Ich-Sein«, auch wenn es selbst veränderlich sein sollte, durch die in gleicher Zeit weit geringere Veränderlichkeit dem unveränderlichen realen Sein angenähert erschiene (wiewohl es dann gleichfalls illusorisch wäre); ferner aber auch, weil der tatsächlich reale »Träger der Illusion« jedenfalls in ihm »stecken« muß, und nicht in dem Erfahrungsmenschen enthalten oder mit diesem oder einer seiner beiden »Hälften« identisch sein kann. ) (weil mindestens in weit geringerem Maße und viel langsamer sich verändernden) »bewußten Ich-Sein« irgendwie zu einer Einheit verbunden ist, müssen jene zwei unbekannten »Wesenskerne«, die als Träger der Wechselwirkungen logisch angenommen werden mußten, beide zunächst in das »bewußte Ich-Sein« verlegt werden. Wäre das »bewußte Ich-Sein« selbst real (tatsächlich absolut unveränderlich, was es, wie wir bald sehen werden, nicht sein kann), so wären jene beiden »Wesenskerne« in ihm und mit ihm absolut identisch. Jedenfalls aber erscheint das »bewußte Ich-Sein« auch dadurch der Realität mehr angenähert als das Erfahrungs-Subjekt und das unmittelbare Erfahrungs-Objekt, daß deren realer Kern in ihm (wenn auch nicht als mit ihm absolut identisch) zu suchen ist. Da wir nun wissen, daß die beiden Erfahrungsiche des Einzelmenschen jedenfalls in dem und mit dem »bewußten Ich-Sein« eine Einheit bilden, also untrennbar zusammengehören, sei der illusorische Einzelmensch der Erfahrung im folgenden als »menschliches Subjekt-Objekt« bezeichnet.

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