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Philosophie und Okkultismus

Hanns Freiherr von Gumppenberg: Philosophie und Okkultismus - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorHanns von Gumppenberg
titlePhilosophie und Okkultismus
publisherRösl & Cie./München
seriesPhilosophische Reihe
volume17. Band
editorAlfred Werner
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Den Menschen ist ein streng gesetzmäßig arbeitender Mechanismus der Geistestätigkeit natureigen, dessen Gebrauch zwar beim einzelnen Individuum oder im einzelnen Fall allerlei Hemmungen oder Störungen erfahren kann, der aber nichtsdestoweniger in allen Individuen gleichförmig ist und bei vollentsprechender Anwendung jedem dieselben Ergebnisse liefert. Dieser geistige Mechanismus ist das Denken im Sinne der formalen Logik, das Denken als allgemein-menschliches Erkenntnismittel, als dasjenige, was den jeweiligen Inhalt unseres Bewußtseins oder Selbstbewußtseins begreifend, urteilend und schließend erfaßt, prüft und ordnet. Wäre nicht dieses logische Begreifen, Urteilen und Schließen potentiell, als natürliche Möglichkeit, als entwicklungsfähige Anlage in allen »geistig gesunden« (das heißt: nicht gehirnkranken) Menschen gleichförmig vorhanden, so könnte keine intellektuelle Verständigung irgendwelcher Art unter den menschlichen Individuen erfolgen; überhaupt jeder Gedankenaustausch, jede Belehrung, jede menschliche Wissenschaft wäre dann ausgeschlossen.

Soll aber zustande kommen, was allein den Ehrennamen einer Wissenschaft verdient, so muß immer erst die Bedingung erfüllt sein, daß diejenigen, die das betreffende Gebäude wissenschaftlicher Erkenntnis errichten, im Gegensatz zu der Mehrheit ihrer Gattungsgenossen sich der menschlichen Denkgesetze klar und kontinuierlich bewußt sind und sie beim Legen jedes neuen Bausteins exakt zur Anwendung bringen. Auch was unter dieser Voraussetzung einwandfrei aufgebaut wird, kann freilich immer nur menschliche Wissenschaft bedeuten, wenigstens nicht mit Sicherheit mehr. Völlig ausgeschlossen ist seine Identität mit kosmischer All-Wahrheit. Ein solches kosmisches »Allwissen« wäre nicht bloß dem Grade, sondern auch der Art nach von vollkommener menschlicher Erkenntnis verschieden, denn es dürfte nicht wie diese als geistige Erfassung eines gegebenen »Gegenstandes« gedacht werden, sondern als etwas, in dessen unmittelbarer Vertrautheit oder vielmehr Identität mit allem Bestehenden Wissendes und Gewußtes einunddasselbe sind. Über die Unerreichbarkeit eines derartigen Wissens, das kein Objekt und kein Subjekt kennt, für das weder erkanntes Objekt noch erkennendes Subjekt existiert, kann sich der menschliche Erkenntnistrieb freilich ohne weiteres trösten, und zwar deshalb, weil er eine absolute Wahrheit solcher Art naturgemäß (als ein Bereicherungstrieb der menschlichen Subjekte) gar nicht anstrebt und auch gar nicht anstreben kann. «Was er begehrt, ist vielmehr nur, daß wir mittels denkender Untersuchung und Ordnung der gegebenen Objekte unseres Bewußtseins zu einer absolut richtigen Auffassung unserer äußeren und inneren Vorstellungswelt, das heißt: der uns vorliegenden »objektiven Projektion« des Seins gelangen sollen, also zu einer Auffassung dieses unserem Erkennen gegebenen »Gesamtobjekts«, die nicht nur generell für uns Menschen, sondern auch universell, auch für jede gedachte andere Gattung von Beurteilern desselben Objekts durchaus richtig und wahrheitsgemäß wäre. Leider haben wir keine bestimmte Gewähr dafür, daß auch nur dieser bescheidenere Wunsch Erfüllung finden kann. Es fehlt uns jedes brauchbare Beweismittel dafür, daß eine völlig richtige Anwendung unseres logischen Urteilens und Schließens auf die außer uns und in uns als Denkobjekte gegebenen Vorstellungen, also auf das, was uns als »Welt« erscheint, uns diese unsere Welt genau so zeigt, wie sie auch jedem nichtmenschlichen Intellekt, der, an unsere Stelle verseht, sich mit derselben »Welt als Bewustseinsobjekt« denkend abgäbe, im Falle durchaus richtiger Anwendung seiner Erkenntnismittel sich darstellen müßte. Aber so wenig wir dessen sicher sein können, so sehr müssen wir uns vor der pessimistischen Behauptung hüten, daß die durch völlig korrekte Anwendung unserer Logik gewonnene Erkenntnis von jenen angenommenen, an gleiche Stelle versetzten nichtmenschlichen Intellekten Lügen gestraft werden müßte. Das wissen wir ebensowenig. Mit Sicherheit behaupten läßt sich vielmehr nur das Eine: daß es für alle Menschen mit gesundem Gehirn, die zum vollbewußten und richtigen Gebrauch ihres natürlichen Denkvermögens vorgeschritten sind, auf überhaupt jede Frage dieselbe eindeutig bestimmte Antwort menschlichen Erkennens gibt. Hieran rütteln auch Kants »Antinomien der reinen Vernunft« nicht, die von einander widersprechenden und dennoch logisch gleichberechtigten Antworten unseres spekulativen Denkens auf die letzten Daseinsfragen überzeugen wollten; denn bei den vier Beweispaaren, die der »Alleszertrümmerer« da vorführte, läßt sich entweder nur der eine Beweis als logisch einwandfrei anerkennen, oder es sind beide Beweise anstreitbar infolge einer unzulässigen, für die Lösung der betreffenden Probleme nicht brauchbaren Deutung der dabei in Frage kommenden Begriffe »Freiheit«, »Notwendigkeit«, »Weltursache« u. a. m. Für die einwandfrei angewandte menschliche Logik ist »die Welt ohne Anfang und ohne Grenzen im Raume« und »besteht kein zusammengesetztes Ding in der Welt aus einfachen Teilen«; und Kants einander widersprechende logische Entscheidungen der Fragen nach Freiheit oder Notwendigkeit und nach der Existenz eines »schlechthin notwendigen Wesens«, sei es nun »als eines Teiles der Welt oder als deren Ursache«, zeigen nur verschiedene Betrachtungsweisen eines an sich logisch Eindeutigen, also relative Auffassungen Einunddesselben von verschiedenem Standpunkt aus, die sehr wohl nebeneinander und gegeneinander bestehen können, ohne an der Leistungsfähigkeit unseres Denkens irre zu machen.

Gegenstand einer menschlichen Wissenschaft, dasjenige, was von ihr »erkannt« oder »erklärt« werden soll, ist entweder die Gesamtheit der menschlichen Erfahrungswelt oder nur eine gleichartige Gruppe von Bewußtseinsobjekten der äußeren oder der inneren menschlichen Erfahrung. Wie demnach der Gegenstand der einzelnen menschlichen Wissenschaften verschieden ist, wenn auch nur im Sinne einer Arbeitsteilung und mit gemeinsamen Grenzgebieten, wo sie ineinander übergreifen können, so sind auch die prinzipiellen Voraussetzungen – die gläubig hinzunehmenden Grund-Axiome – wenigstens bei Gruppen von ihnen verschieden und ist das angestrebte Ziel bei jeder von ihnen ein anderes. Allen »Einzelwissenschaften« (das heißt: allen Wissenschaften, die nicht die Gesamtheit der menschlichen Erfahrungswelt zum Gegenstand haben) ist gemeinsam, daß sie die betreffende Gruppe von gleichartigen Bewußtseinsobjekten nur auf einfachere, leichter begreifbare Bewußtseinsobjekte derselben Art kausal erklärend zurückführen wollen. So forscht beispielsweise die analytische Chemie nach den einfachsten materiellen Substanzen (»Elementen«) und letzten Endes nach der materiellen Substanz (dem »Ur-Element«), aus welchen beziehungsweise aus dem die materiellen Erfahrungssubstanzen bestehen; die Möglichkeit aber, daß den von ihr untersuchten Erfahrungssubstanzen überhaupt nichts Stoffliches, sondern etwa nur ein System objektiv wirklicher »Energien« ursächlich zugrunde läge, oder daß sie überhaupt nur aus subjektiven Vorstellungen (Illusionen) oder sonst einem nicht objektiv Wirklichen, Immateriellen bestehen könnten, wird bei ihren Bemühungen gar nicht in Betracht gezogen, weil sie, wenn eine dieser Möglichkeiten zuträfe, sofort als Wissenschaft gegenstandslos wäre. Sie setzt einfach die Realität »der Materie« als Gewißheit voraus, wie wenn nicht auch diese erst noch des Nachweises bedürfte. Auch die übrigen »Naturwissenschaften« haben die Wirklichkeit der äußeren Erfahrungswelt mindestens im Sinne objektiv wirklicher Kräfte zur dogmatischen (und für sie unentbehrlichen) Voraussetzung. Dabei kann aber, woran nochmals nachdrücklich erinnert sei, überhaupt jede menschliche Wissenschaft die Feststellungen in ihrer Sondersphäre nur mittels der urteilenden und schließenden menschlichen Logik machen, deren Gesetze somit erste und oberste Voraussekung überhaupt jeder menschlichen Wissenschaft sind. Die sonstigen dogmatischen Voraussetzungen wie auch die besondere Aufgabe einer jeden einzelnen Wissenschaft lassen aber bei sämtlichen Einzelwissenschaften die Anwendung der Logik nur innerhalb bestimmter Grenzen zu. Die einzige menschliche Wissenschaft, die ohne andere Voraussetzung als der Gesetze der Logik erfahrungsmäßig Gegebenes zu ergründen sucht und dabei diese Gesetze völlig unbegrenzt zur Anwendung bringt, ist die (echte und eigentliche, von persönlicher Willkür, Phantasiebeimengungen und Verquickung mit anderen Wissenschaften sich frei erhaltende) Philosophie. Sie hat überhaupt alle menschlichen Bewußtseinsobjekte der äußeren wie auch der inneren Erfahrung, also die Gesamtheit der menschlichen Erfahrungswelt zum Gegenstand und die Aufgabe, alle diese Bewußtseinsobjekte auf ihren Wahrheitswert zu untersuchen, also das wahre Wesen der Erfahrungswelt klarzulegen. Die Sonderstellung der Philosophie gegenüber den übrigen Wissenschaften wurde zwar oft genug bestritten, namentlich in der Blütezeit des Materialismus, wo man sie nur als eine Art »Sammelstelle« der naturwissenschaftlichen Ergebnisse gelten ließ; und ebenso bedeutete es eine Verkennung ihres Wesens, wenn man die (reine, theoretische) Mathematik als einen Zweig von ihr, eine »Philosophie der Größenbegriffe« auffaßte. Denn die reine Mathematik kümmert sich als solche weder um die Frage, was die menschliche Erfahrungswelt »in Wahrheit ist«, noch auch im besonderen darum, was die (menschlichen) Größenbegriffe »in Wahrheit sind«: sie stellt nur alle Eigenschaften dieser Begriffe fest, sondert ihre logisch richtigen Verbindungen von logisch unzulässigen und löst auch die kompliziertesten Zusammensetzungen von Größenbegriffen in einfachere, unmittelbar faßliche Größenbegriffe auf, die mit ihnen identisch sind. Nicht weniger unglücklich ist die Idee, die Mathematik zum Gegenstand einer philosophischen, das heißt: reinlogischen Prüfung und Beurteilung machen zu wollen, ist doch die (reine) Mathematik selbst eine freie geistige Schöpfung der reinen Logik, sodaß eine nochmalige Prüfung durch ebendiese reine Logik vollkommen müßig und sinnlos ist. Ebensowenig wie die Mathematik können die Erfahrungspsychologie, die Ethik oder die Logik für im eigentlichen Sinne philosophische Wissenschaften gelten. Die Erfahrungspsychologie führt nur die unmittelbar gegebenen, komplizierteren Erfahrungstatsachen des inneren menschlichen Ichs auf einfachere, leichter faßbare, aber gleichfalls der inneren oder äußeren Erfahrungswelt angehörende Ursachen zurück, läßt also das »wahre Wesen« der Erfahrungswelt im allgemeinen und des inneren Erfahrungsichs im besonderen ganz außer Betracht; die Ethik als die Wissenschaft von dem, was der Mensch (vernünftiger- oder sittlicher- oder zweckmäßigerweise) wollen soll, ist entweder (wie in Kants »praktischer Vernunft«) völlig unabhängig von philosophischer Welterkenntnis, oder sie ist nur eine praktische Nutzanwendung von dieser, also in beiden Fällen nicht selbst Philosophie; die Logik aber ist nur die menschliche Formulierung des gesetzmäßigen Denkens, also des geistigen Werkzeugs, mittels dessen philosophische Erkenntnis gewonnen werden kann, nicht aber selbst solche philosophische Erkenntnis. Man rechnete all das wohl der Immaterialität des Gegenstandes halber zur Philosophie; allein die (echte) Philosophie ist nicht einfach Wissenschaft vom Immateriellen, wie viele Kurzsichtigen meinen. Sie ist nicht einfach Wissenschaft vom »wahren (immateriellen) Wesen« des Materiellen, sondern auch vom »wahren Wesen« des Immateriellen der menschlichen Erfahrung, nicht nur Wissenschaft von dem, was sich »hinter der materiellen Natur« verbirgt, sondern auch von dem, was hinter den immateriellen Objekten unseres Bewußtseins, hinter unserer seelischen und gedanklichen Welt steckt; nicht nur »Metaphysik« ist sie, sondern auch »Metapsychik«.

Aber nicht genug damit, daß von jeher das Verschiedenartigste für Philosophie gehalten wurde, das wenig oder gar nichts mit der echten und eigentlichen philosophischen Wissenschaft gemein hatte und keinen Anspruch darauf erheben konnte, selbständig neben den Einzelwissenschaften, ja wegen des umfassenden Gegenstandes und der vorurteilsfreien Gründlichkeit der Untersuchung über ihnen respektiert zu werden: auch innerhalb jener Bestrebungen, die in neuerer und neuester Zeit für echtphilosophisch gelten konnten, gab es nur allerlei voneinander abweichende, ja einander widersprechende Philosophien mit ihren Anhängern und Gegnern, doch nicht die eine, einzige, bewiesenermaßen und anerkanntermaßen »richtige« philosophische Wissenschaft, obschon es diese ganz ebenso geben muß wie etwa die eine und einzige, wissenschaftlich beglaubigte, wenn auch weiteren Ausbaus fähige Mathematik. Es würde die Grenzen dieser Schrift weit überschreiten, wollte sie das Bild der heillosen Verwirrung entrollen, der die philosophischen Studien infolge allzu liberaler und indifferenter Duldsamkeit anheimfielen. Fast überall ist die »Universitätsphilosophie« zur bloßen Pflege einer geschichtlich-beschaulichen, auf strengere Kritik des Wahrheitsgehalts verzichtenden Kennzeichnung all der buntverschiedenen Spekulationen vom Altertum bis zur Gegenwart geworden, oder zur ebenso unfruchtbaren Propagierung eines einzelnen philosophischen Systems, dem andere, von akademisch nicht minder akkreditierten Philosophen mit gleichem Eifer verteidigte Systeme den Wahrheitswert aberkennen. Trotzdem ist der radikale Pessimismus gegenüber der Leistungsfähigkeit des philosophischen Denkens, wie er in den letzten Jahrzehnten so allgemein laut wurde, keineswegs berechtigt. Mochten auch die offiziellen Vertreter der Philosophie an unseren Hochschulen die unbedingt nötige Scheidung des logisch Einwandfreien vom Unhaltbaren vernachlässigen: möglich bleibt diese scharfe Trennung und Auslese dennoch. Man braucht sie nur zu wagen. Es läßt sich sehr wohl ein logischer Gedankenbau errichten, der wissenschaftliche Achtung verdient und an dem alle bedeutenderen spekulativen Systeme der Vergangenheit reichlichen Anteil haben, wenngleich sie im übrigen durch nachweisbare Denkfehler von ihm abwichen. Nur diese eine und einzige, von fremdem Ballast freie, logisch konsequente und nachprüfbare Philosophie kann für unsere Ausführungen in Betracht kommen. Sie bleibt zunächst auf elementare Feststellungen beschränkt, kann aber diese mit wissenschaftlicher Sicherheit vertreten, ja mit ungleich größerer Sicherheit als die im Glauben an die Realität alles materiell Objektiven befangene Naturwissenschaft die ihren, übrigens ist der Glaube an den substantiellen Vorrang des materiellen Objekts, den die Naturwissenschaft nicht entbehren kann, in jüngster Zeit bekanntlich arg ins Wanken geraten, und zwar durch eigenste Schuld der Naturforscher, die nun ihrerseits über die logischen Grenzen ihres Forschungsbereichs auf metaphysisches Gebiet vordrangen, wo alles naturwissenschaftliche Denken sich sachgemäß in Widersprüche verwickeln muß: ganz wie vorher die Philosophie durch Aufnahme naturwissenschaftlicher Elemente in die Spekulation den festen Halt verlor. Solche logisch unberechtigten Grenzüberschreitungen nützen weder der Erfahrungswissenschaft noch der Philosophie; erstere wird auch ohne Zweifel bald wieder aus der unheimlichen Fremde auf ihren gewohnten »festen Boden« zurückflüchten, wo es noch genug Ersprießliches für sie zu schaffen gibt.

Ohne die Vorurteile der Naturwissenschaften, ohne die Unselbständigkeit oder Bestreitbarkeit dessen, was für philosophisches Wissen galt, und ohne die aus beiden folgende Ratlosigkeit wäre wohl nie der Okkultismus als besonderer Forschungszweig entstanden. Die Phänomene, mit denen er sich befaßt und deren Wesen er experimentell zu ergründen sucht, schienen den (relativ richtigen) Erkenntnissen der Naturwissenschaften zu widersprechen und widersprachen tatsächlich ihren (in einem höheren Sinne unrichtigen) dogmatischen Voraussetzungen und der »Weltanschauung«, zu der sie (logisch unberechtigterweise) ihre (notwendigerweise einseitige) Auffassung der Erfahrungsdinge erweitert hatten; jene Phänomene wurden daher von ihnen ohne Prüfung als Unsinn, als Betrug oder Selbsttäuschung ignoriert, mochten sie auch noch so einwandfrei nachgewiesen sein; und die verschiedenen, durch naturwissenschaftliche Beimischungen oder eigenste Irrtümer von der logischen Triftigkeit abgelenkten Philosophien standen auch den fraglichen Beobachtungen in so verschiedenem Sinne gegenüber, daß die wissenschaftlich ernsthaften Männer, die sich die Erforschung der »okkulten« Dinge und Vorgänge zur Aufgabe machten, auch im Falle eigener Neigung zum Anschluß an das philosophische Denken nicht hoffen konnten, von dieser Seite eine feste Basis für ihre Arbeit zu gewinnen. Sie sahen sich daher genötigt, in gänzlicher Isoliertheit ihre Bestrebungen als eine neue Spezialwissenschaft zu proklamieren. Allein auch die äußere Unabhängigkeit dieser einsamen Sonderstellung brachte dem neuen Forschungszweig keinen wesentlichen Gewinn und keine innere Freiheit von der materialistischen Naturwissenschaft. Als Erfahrungswissenschaft hielt der Okkultismus in seinem selbstverständlichen Verlangen nach Anerkennung durch weitere Kreise und in berechtigtem Grauen vor der Unsicherheit und Divergenz des zeitgenössischen Philosophierens schließlich wenigstens an den Methoden des grobmateriell-naturwissenschaftlichen Experiments fest, auch wo die Art der Phänomene deren Zuständigkeit ausschloß und neue Wege erforderlich waren, deren Auffindung nur durch tieferen philosophischen Einblick in das Wesen der betreffenden Erscheinungen vermittelt werden konnte. Infolgedessen kamen die okkultistischen Forscher trotz heißen Bemühens in der Beobachtung der Phänomene nicht weiter, als die experimentierende Naturwissenschaft an ihrer Stelle gekommen wäre, sie blieben als Erklärer des Beobachteten in deren dogmatische Schranken gebannt und nahmen an ihrem Irrtum teil, das Wesen der Vorgänge mit seiner Projektion auf die »grobmaterielle Ebene« zu identifizieren.

Im Folgenden sollen die Aufschlüsse angedeutet werden, die das reine spekulative Denken über die »okkulten« Dinge und Vorgänge zu geben vermag, und durch deren Berücksichtigung und wenigstens hypothetische Verwerfung der Okkultismus erst zu einer wahrhaft selbständigen Erfahrungswissenschaft neben den Naturwissenschaften werden kann. Vorher ist aber der Begriff »Okkultismus« noch gegen verwandte Bestrebungen abzugrenzen und der Gegenstand seiner Forschung näher zu bezeichnen. Nach dem buchstäblichen Sinn des Wortes wäre »Okkultismus« die Wissenschaft vom »Verborgenen«. Verborgen ist aber auch den Naturwissenschaften auf ihrem eigensten Gebiete noch sehr viel Elementarstes; es sei beispielsweise nur auf das Problem der Entstehung des organischen Lebens hingewiesen, dessen Lösung der naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht annähernd gelungen ist, aber vom Okkultismus gar nicht angestrebt wird. Und ebenso ist den Geisteswissenschaften noch vieles ein Geheimnis, um dessen Enthüllung er sich ebensowenig bekümmert. Es handelt sich also nicht um all das, was den übrigen Wissenschaften verborgen blieb, sondern nur um jene Gruppe von Erscheinungen mehr oder minder metaphysischen Charakters, für welche die Naturwissenschaft keine Erklärung hat, ja die im Widerspruch mit den von ihr formulierten Naturgesetzen zu stehen scheinen. Hierzu gehören vor allem die » mediumistischen« Manifestationen. Man versteht darunter irgendwie sinnenfällige Kundgebungen rätselhafter persönlicher »Intelligenzen« (der englische Okkultist Crawford, der wie Zöllner und Crookes den Mut hatte, als Physikprofessor sich der Erforschung medialer Erscheinungen zuzuwenden, nennt sie neuerdings »Operatoren«), die mit dem bewußten Ich lebender Menschen, anwesender wie auch abwesender, nicht identifiziert werden können, durch Vermittlung eines bekannten und anwesenden lebenden Menschen, den man »Medium« genannt hat (medium lat. = »das Mittlere«, »das Vermittelnde«). Bei den meisten Arten von mediumistischen Phänomenen läßt sich deutlich beobachten,, daß diese Vermittlung durch eine Feinmaterie erfolgt, die unmittelbar vor dem Auftreten der Erscheinungen aus dem Körper des »Mediums« (bei schwächeren Phänomenen aus den Händen oder Füßen, bei stärkeren aus dem Mund, Kopf oder Rumpf) ausströmt, doch in einem gewissen organischen Zusammenhang mit diesem lebenden Körper bleibt und, worauf viele Beobachtungen schließen lassen, beim Aufhören der Phänomene wieder in den Körper des Mediums zurückkehrt. Diese Feinmaterie (die man übrigens auch »mediale Kraft«, »mediales Fluidum«, »Od« u. a. m. nannte) ist in ihrem gewöhnlichen Dichtigkeitsgrad nur »Sensitiven« (Menschen mit abnormer Reizbarkeit der Sinne) wahrnehmbar, die sie dann als kalten Hauch fühlen und als leuchtenden Nebel sehen; bei stärkerer Verdichtung wird sie aber auch für Menschen von normalem Sensorium sichtbar und fühlbar. Was über ihre Eigenschaften und namentlich über die Art ihrer Wirksamkeit von der neueren okkultistischen Forschung festgestellt wurde, kann hier nicht ausführlich wiedergegeben werden und ist auch für den Zweck dieser Schrift nicht von wesentlichem Belang; wer sich darüber unterrichten will, Findet eine Zusammenstellung besonders interessanter Beobachtungen der Okkultisten Crawford, Professor Ochorowicz (Warschau), Dr. Geley (Paris) und Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing (München) in dem kürzlich erschienenen Buche des Letztgenannten »Physikalische Phänomene des Mediumismus« (München 1920, bei Ernst Reinhardt). Die sinnenfälligen Kundgebungen der unbekannten »Intelligenzen« oder »Operatoren«, die anscheinend alle durch diese Feinmaterie des jeweiligen »Mediums« vermittelt werden, sind namentlich: Buchstabierende oder sonst sinnvolle Bewegungen lebloser Gegenstände oder Klopflaute und andere, manchmal sehr wuchtige akustische Phänomene ohne wahrnehmbare mechanische Ursache; naturwissenschaftlich unerklärbare Gegenwirkungen gegen die Gesetze der Schwerkraft und der Undurchdringlichkeit des Stoffes; Niederschriften durch die Hand des Mediums, die sich inhaltlich, stilistisch und schreibtechnisch nicht als solche seines bewußten Ichs erklären lassen, oder auch von unsichtbarer Hand (»direkte Schrift«); Sprechen einer überzeugend fremden Persönlichkeit aus dem Munde des Mediums, oft auch in einer Sprache, von der das bewußte Ich des Mediums keine Ahnung hat (»Trance-Reden«); endlich körperhafte, sicht-, greif- und wägbare, durch die photographische Platte als objektiv bestätigte, sprechende, selbständig und willkürlich sich bewegende und in jedem Betracht lebenden Menschen gleichende »Materialisationen«. Zu diesen »mediumistischen« Phänomenen rechnet der Okkultismus, und gewiß mit Recht, auch die ohne offensichtliche Vermittlung eines feststellbaren Mediums auftretenden mehr oder minder körperhaften »Geister-Erscheinungen« und physikalischen »Spukerscheinungen«, soweit sie nicht durch Betrug oder Selbsttäuschung erklärt werden können; es wird dabei die Nähe eines medial veranlagten lebenden Menschen angenommen, eventuell die mediale Veranlagung des Beobachters selbst: und diese Erklärung hat sich auch in vielen Fällen nachträglich bestätigt. Gegenstand der okkultistischen Forschung sind aber auch eine Reihe von Phänomenen anderer, anscheinend nicht-mediumistischer Art, so die Erscheinungen der » Telepathie«, der räumlichen Fernwirkung lebender Menschen auf andere lebende Menschen, wohin auch das Erscheinen des »Doppelgängers« und die »Anmeldungen« Sterbender bei fernen Verwandten oder Freunden gehören; dann das » Hellsehen«, das Erkennen von Objekten oder Vorgängen, die sich der normalen Wahrnehmung entziehen (z. B. Schilderung entfernter, dem normalen Ich des Hellsehenden noch unbekannter Gegenstände oder gleichzeitiger Begebenheiten im » Fernsehen«, Lesen verschlossener Briefe, Beschreibung innerer Krankheiten); ferner das zeitliche Fernsehen in die Vergangenheit, im »Wahrsagen« des Erlebten durch Uneingeweihte, soweit es einwandfrei nachzuweisen ist, und im sogenannten »Geistertheater«, das am Ort eines früheren, besonders grellen und gewaltsamen Ereignisses; (eines Mordes oder Selbstmordes, einer Hinrichtung, einer Schlacht) vor dem (wohl nur »inneren«) Gesichts- und Gehörssinn entsprechend »sensitiver« und »hellsehender« Menschen die betreffende Katastrophe scheinbar körperhaft sich wieder abspielen läßt; ebenso das zeitliche Fernsehen in die Zukunft» die Prophezeiungen, Ahnungen und »Wahrträume«, soweit deren wirkliche Priorität und exaktes Eintreffen einwandfrei festgestellt werden kann, und das sogenannte »Zweite Gesicht« (second sight), das meist nur symbolisch bildmäßige, zuweilen aber auch den künftigen Wirklichkeitsvorgang wahrnehmende visionäre Schauen eines späteren Ereignisses, das bekanntlich ganzen Völkerschaften (namentlich den Hochschotten) generell eigentümlich ist; endlich die Erscheinungen der sogenannten » Psychometrie«, bei welcher die Berührung mit einem Gegenstand, der in nahem Zusammenhang mit einer räumlich oder zeitlich entrückten Person oder Sache war, hinreichend Sensitiven die Fähigkeit vermittelt, jene Person oder Sache selbst wirklichkeitstreu vor sich zu sehn und in jedem Betracht über sie richtige Aussagen zu machen. Dagegen sind die Phänomene des Hypnotismus, der Suggestion und Autosuggestion nicht eigentlich Gegenstand der okkultistischen Forschung, da sie auch von naturwissenschaftlicher Seite längst anerkannt und bis zu einem gewissen Grade im nichtmetaphysischen Sinn erklärt worden sind. Die künstliche hypnotische Einschläferung der »Medien« zum Zweck einer rascheren Herbeiführung ihres produktiven »Trance«-Zustands, wie man sie früher häufig anwandte, hat auch viel Bedenkliches, weil dadurch die Gefahr einer suggestiven Beeinflussung des intellektuellen Inhalts der Phänomene gesteigert wird. Die vulgäre Bezeichnung auch aller hypnotischen Versuchspersonen als »Medien« ist völlig sinnlos, denn bei ihnen handelt es sich in keiner Weise um eine »Vermittlung«.

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