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Philosophie als Kunst

Graf Hermann Keyserling: Philosophie als Kunst - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorGraf Hermann Keyserling
titlePhilosophie als Kunst
publisherOtto Reichl Verlag
printrunZweite Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150704
projectid8c20d2a7
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Entwicklungshemmungen

Ein Mahnwort an diese Zeit

Es ist schwer zu sagen, wo unsere Zeit hinauswill. Sicher scheint wohl, daß wir eine Umwandlung durchleben, wie es deren seit Jahrhunderten keine bedeutsamere gegeben hat; aber welche Gestalt das Neue, das sich allenthalben zu bilden beginnt, annehmen wird, läßt sich noch nicht erkennen, nur in wenigen Fällen erraten. Alle Vergleiche mit Vergangenem versagen. Was an unserer Zeit Wiederholung scheint, ist es doch nur im allgemeinsten Sinn, im Sinn der Naturformen des Menschenlebens: wie jeder Einzelne, wer immer er sei, in den Windeln beginnt und im Grabe endet, so folgt auch der Fortschritt der Völker einem einheitlichen Rhythmus. Aber der Rhythmus gestattet keinen Schluß auf die Melodie. Unser Zeitalter trägt so individuelle Züge, daß zu seinem Verständnis jede generelle Betrachtung unzulänglich erscheint.

Und diese Eigenart ist ihrerseits sehr schwer zu definieren. Der Bestandteile sind so viele, sie bedingen und bestimmen sich wechselseitig auf so vielfache, schwer zu deutende Weise, daß ein umfassender Überblick über ihren Zusammenhang kaum zu gewinnen ist. Man mag etwas Gegenständliches aussagen, wenn man vom Renaissancemenschen, dem Menschen des Mittelalters als einem einheitlichen Typus spricht: den »modernen Menschen« gibt es nicht; spätere Zeiten werden über dieses Geschöpf einer voreiligen Ordnungsliebe lächeln. Wenn wir sämtlich schneller leben, als unsere Großväter es taten, wenn viele unter uns nervös und die Meisten in irgendeiner Hinsicht zerrissen sind, so reichen diese Züge doch nicht hin, etwas Lebendiges zu umgrenzen; sie bedeuten abstrahierte Schemen, deren einzige Wirklichkeit am konkreten, überall verschiedenen Inhalte haftet. Der Charakter, den künftige Geschlechter dem gegenwärtigen zusprechen werden, wird vermutlich sehr anderer Art sein, als ihn der Zeitgenosse sich in seiner Beschränktheit ausmalt. Denn wie dank der technischen Überwindung des Raums kein Land mehr als Monade existiert und nur der ein Ereignis in Serbien vollkommen begreifen dürfte, dessen Gesichtsfeld zugleich Neuseeland einschließt, ebenso bedingt es die unübersehbar reiche Erbschaft, die jeder von uns in seinem Blut und seiner Geistesbildung birgt, daß es für die möglichen Voraussetzungen und Richtungen des Daseins eigentlich keine Grenzen mehr gibt; die entlegenste Vergangenheit wie die fernsten Räume sind in Punkt und Augenblick lebendig. Blicken wir um uns: unter modernen Menschen gewahren wir nicht allein Amerikaner und Ästheten, Journalisten und Juden, sondern auch Mystiker, Humanisten und Condottieren, Urmenschen und Dekadente, Mönche und Ritter des Mittelalters, Byzantiner und solche, die vielleicht gewaltige Päpste hätten werden können –: sie alle echtgeborene Kinder ihrer Zeit. Wer deren Geist fassen will, darf keine seiner Erscheinungen verleugnen. –: Man mag nun freilich auf diesen unbestimmbaren, flackernd-vieldeutigen Charakter unserer Epoche als ihr wesentliches Merkmal hinweisen: so berechtigt dies wäre, so wenig förderte es das Verständnis; bloße Wahrnehmung ist noch keine Erfahrung. Jeder Aufrichtige muß zugestehen, daß er die mögliche Totalauslösung der Spannurgen unserer Zeit, ihren Ausgang und damit ihre historische Stellung zu erkennen nicht in der Lage ist. Dieser Aufsatz entstand im Frühjahr 1909.

Nun steht unsere Zeit in dieser Hinsicht gewiß nicht einzig da. Unter einfacheren Verhältnissen mag die Zukunft mit größerer Wahrscheinlichkeit zu erraten sein, tatsächlich vorauszuwissen ist sie nie. Denken wir an das Einzelleben, das in dieser Richtung dem der Völker durchaus parallel geht: schon das banalste Schicksal, das sich überall dem gegebenen Rahmen fügt, entzieht sich der Voraussicht; es kann immer anders werden und wird in der Regel auch anders, als das Gewesene zu versprechen schien. Um wieviel mehr gilt solches von komplizierten, von großen Naturen! –: Allein gerade bei letzteren gewahren wir etwas Merkwürdiges, beim ersten Eindruck Überraschendes, weil es der soeben festgestellten Wahrheit zu widersprechen scheint: so wenig sie die Zukunft vorauswissen konnten, so wenig sie sogar ihre eigenen Motive übersahen, so genau wußten die Großen doch stets, was sie um der Zukunft willen zu tun hätten. Ich glaube nicht, daß Männer wie Cäsar oder Goethe in dieser Hinsicht je fehlgegangen sind. So mußten sie doch um die Richtung wissen, die sie zum Ziel führte, sie mußten fühlen, was ihrem Schicksal hold und was ihm feindlich war. Ja, in diesem Sinn ist sich wohl jeder lebendige Geist seiner Zukunft dunkel bewußt: er ahnt, was er soll und was er darf, was er leiden und vermeiden muß, und dieses höhere Gewissen ist unabhängig von allen äußeren Normen. So fällt denn die Unkenntnis dessen, was sein wird, keineswegs mit dem Nichtwissen dessen zusammen, was wir zu tun haben; so verborgen das Ziel uns bleibt, so gewiß erkennen wir den Weg. Ein blinder Seher, ebnet der Mensch seinem Schicksal die Bahn. –: Aber dieses Schicksal reiht sich seinerseits in weitere Zusammenhänge ein. Der Einzelne ist so sehr Teil eines Ganzen, hängt so innig mit seiner Zeit zusammen, daß er von dieser, ihren Möglichkeiten und Notwendigkeiten, gar nicht loszulösen ist. Beim Rückwärtsschauen erweist es sich allemal, daß jeder noch so freie, noch so persönliche Antrieb doch zugleich im Sinne dessen gewirkt hat, was Hegel den Weltgeist nannte. Jeder spätere Denker, so unbedingt er sich dünken mag, nimmt das Problem dort auf, wo es sein Vorgänger liegen ließ; jeder große Staatsmann verkörpert in seinem Wollen das Streben seiner Zeit. Sogar die Massenströmungen, die Moden und Augenblicksstimmungen, in ihren Gebärden willkürlich genug, stehen doch in festem Bezuge zu den großen Linien der Weltentwicklung. Daher kommt es, daß der Einzelne, für den sein eigenes Schicksal lebt, sich ursprünglich zugleich der Richtung bewußt ist, die seine Zeit verkörpert. Ohne das Ziel zu kennen, kann er doch wissen, wohin sie soll und was ihr frommt, ob sie richtig oder irregeht.

 

Ein wesentliches Kennzeichen der Gegenwart scheint mir der Umstand zu sein, daß sich die vorgestellte Welt der Menschen in außerordentlich geringem Umfang mit der Wirklichkeit deckt. Teils sind die Voraussetzungen ihres Denkens hinter denen ihres Seins zurückgeblieben, teils glauben sie anderes zu wollen, als was sie tatsächlich erstreben, teils täuschen sie sich über den Sinn der Richtung, die sie verfolgen. Dies ist nun freilich nichts Unerhörtes, nichts unserer Epoche ausschließlich Eigentümliches: die Diskrepanz zwischen Realität und Vorstellungswelt, welche letztere allein den bewußten Verlauf des Lebens lenkt, ist vielmehr ein Grundzug alles Menschenschicksals. Aber selten hat sich dieser Widerstreit deutlicher geoffenbart. Es ist so weit gekommen, daß ganze Klassen gegen eine vorgestellte Zukunft ankämpfen, die in Wirklichkeit schon zur Vergangenheit gehört. Gar viele der Rahmen, in welchen die Menschen noch zu leben wähnen, sind bereits zersprungen; nicht wenige der Voraussetzungen, um welche erbittert gekämpft wird, sind tatsächlich schon lange gefallen; ja mancher zweifelt noch an der bloßen Möglichkeit von Veränderungen, deren Wirklichkeit nicht von gestern datiert. Ich mag auf Einzelheiten nicht eingehen. Wie viele allein der gewohnten Begriffe, mit denen wir in aller Unschuld fortoperieren, der neuen Weltlage gegenüber versagen, wird jeder in seiner Sphäre leicht entdecken; worauf ich hinauswill, ist das Folgende: durch Verkennen des Tatbestandes entstehen Scheinprobleme, und es gibt nichts Unfruchtbareres, die Entwicklung Hemmenderes, als mit Gespenstern zu kämpfen.

Denn unsere Aufgaben ergeben sich aus den Tatsachen, können sich nur aus diesen ergeben; wer der Zukunft dienen will, muß den Sinn der Gegenwart verstehen; versagt hier sein Urteil, so kann er nichts Gutes wirken. Der Asket, der die Welt verneint, ist berechtigt, Ideale zu predigen, die hier auf Erden zum Tode führen, denn er will es ja nicht anders: jeder das Leben bejahende Idealismus, der nicht von wirklicher Gegenwart ausgeht und in eine mögliche Zukunft hinausweist, ist theoretisch ein Mißverständnis und praktisch eine Kalamität, so ehrwürdig seine Vertreter oft sein mögen; er führt nicht aufwärts, sondern bergab. So ist der, welcher heute noch für das Rittertum kämpft, was immer er sonst sein mag, in politischer Hinsicht ein Schädling; er streitet für eine Erscheinung, die in der jetzigen Weltphase nicht leben kann, opfert die Wirklichkeit einem Phantom. Wer die Verflachung, die der Amerikanismus mit sich bringt, durch den Hinweis auf das Goethesche Weimar, oder die Entseelung, welche die Mechanisierung der äußeren Berufe zur Folge hat, durch Verbreitung mystischer Doktrinen noch aufhalten zu können wähnt, beweist weniger Tiefsinn als gefährliche Blindheit für den Zug der Zeit. Diese Probleme sind im gemeinten Sinne gar keine Probleme mehr, sie sind bereits gelöst. Es ist schon entschieden, daß die nächste Zukunft nach außen zu der seelenlosen Maschine gehört, bestehe sie aus Eisen oder aus Menschenfleisch. Denn wer sich im technischen Wettbewerb bei unpraktischen Fragen nicht aufhält, wird selbstredend im Vorteil bleiben. Wer das nicht einsieht, dem ist nicht zu helfen. Seiner Zeit aber wird er erst recht nicht helfen. Wie soll der ihr nützen, der sie verkennt, dessen Wirklichkeiten Gespenster sind? Der sich abmüht, Ereignisse aufzuhalten, die schon eingetroffen sind, oder Ideale predigt, die abseits von aller möglichen Entwicklung liegen? Wer schöpferisch wirken will, hat zunächst und vor allen Dingen die faktische Sachlage zu erfassen und diese unbedingt gelten zu lassen. Dann aber eile er der Geschichte voraus; von der Zukunft her erkläre er der Gegenwart den Krieg. Denn nur von der Zukunft aus ist sie zu überwinden. Wer sich an Vergangenes klammert, und sei dieses noch so ideal, wird niedergeworfen und fällt umsonst, ein Märtyrer seines Einsichtsmangels. –: Unglücklicherweise aber äußert sich die Gegnerschaft gegen ein Neues beinahe immer als Rückzug auf ein Altes, als Reaktion. Es hält eben leichter, sich auf Dagewesenes zu besinnen, als Unbekanntes zu ersinnen. Brauche ich besonders zu betonen, daß ein Rückzug, gleichviel wohin er gerichtet ist, schon als solcher eine Entwicklungshemmung bedeutet? Das Leben kann ja nicht zurück, es ist unfähig, sich zu wiederholen; jede durchmessene Wegstrecke liegt für immer hinter ihm. Wo der Mensch zurückwill, stemmt er sich der Natur entgegen, und diese ist stärker als er. Allein die Wenigsten begreifen das. War ein vergangener Zustand besser als der gegenwärtige, dann richten die Meisten ihre ganze Kraft darauf, jenen wiederherzustellen, ohne auch nur die Frage aufzuwerfen, ob sie Erreichbares erstreben. Solche Kurzsichtigkeit rächt sich schnell und bitter genug: was sie wollen, das erreichen sie nicht, und was sie erreichen, das ist nicht gut. Sie bringen eine Weltanschauung zur Herrschaft, deren Ideale nicht vor Augen, sondern im Rücken liegen; sie gehen an den wirklichen Aufgaben vorbei und verlieren sich, von Trugbildern verführt, in heillosen Sackgassen.

So begegnen wir heute in den gebildeten Ständen einer Hochschätzung der traditionellen aristokratischen Lebensform, wie sie überschwenglicher vielleicht nie vorgekommen ist. Man erklärt dieses gern kurzweg mit Snobismus und Eitelkeit, trifft aber schwerlich das Richtige damit: die tiefsten Beweggründe des Menschen sind selten kleinlicher Art, und eine so allgemeine Erscheinung muß aus tieferen Ursachen hervorgehen. Ich sehe das wahre Motiv des modernen Vornehmheitskultus in der Verbildung eines ursprünglich richtigen Instinktes. Richtig ist der Instinkt, daß einer in Materialismus verfaulenden, in Egoismus zerfallenden Generation nur durch das Eindringen vornehmer Gesinnung aufgeholfen werden kann; berechtigt ferner die Erwartung, vornehme Gesinnung vor allen unter Edelleuten anzutreffen, denn ererbte Gesichtspunkte wurzeln tiefer als erworbene. So meinte es Nietzsche, der Begründer der Herrenmoral, und ich bin überzeugt, daß sogar die Snobs es im Grunde ebenso meinen. Aber daß der adelige Geist mit der empirischen Form, welche ihn in den letzten Jahrhunderten verkörperte, identisch sei, das ist nicht wahr; und daß die Sehnsucht nach Herrennaturen sich in der Vergötterung feudaler Zustände und Gebärden äußert, das ist ein Mißverständnis. Der Adel als Institution ist eine zeitlich bedingte Erscheinung, deren jede sich irgend einmal überlebt; das Rittertum ist heute nicht mehr lebensfähig, die Gesten eines Cid würden in unserer Welt wahrscheinlich lächerlich wirken. Der ritterliche Geist hingegen, der Adel als Lebensgesetz und Seinsideal, ist unvergänglich und wird jeden höheren Menschen in stets verjüngter Form auch in fernster Zukunft beseelen, ebenso lebendig wie zu den Zeiten Homers. Was tut nun der, welcher seine Sehnsucht nach kraftvollem Menschentum als Sehnsucht nach alten Formen versteht, oder sein Ideal in diesen verkörpert sieht? Er fälscht sein Ideal. Der Herrenmensch ist das strikte Gegenteil des Reaktionärs, er ist der, welcher überall die Initiative ergreift, allezeit über den Verhältnissen steht, jedem Ereignis gegenüber seine Führerschaft behauptet und auch dort noch aufrecht fortschreitet, wo die anderen erschöpft niedersinken. Und aus diesem progressiven Prinzip par excellence ist in der Vorstellung des Modernen eine Antiquität geworden! Weiter kann ein Mißverständnis nicht gehen, Schlimmeres kaum bewirken: hier hat sich ursprüngliches Zukunftsstreben zum Vergangenheitskultus verbildet. Echte Aristokraten, von Natur zu Führern berufen, bleiben störrisch hinter ihrer Zeit zurück, Feuilletonisten glauben höhere Menschen zu werden, indem sie sich »vornehm« gebärden, und Oscar Wilde wird von vielen als Vollender Friedrich Nietzsches verehrt. Und doch hätte es anders kommen können, der Zeitgeist war ursprünglich richtig orientiert. Die moderne Welt ist nicht halb so artistisch gesinnt als sie vorgibt, sie ist im Unklaren über ihre Ziele und verbirgt ihr Verkennen des Wesens in blindem Glauben an die Form.

Der moderne Ästhet ist in der Regel ein Erschöpfter, einer, dessen kraftlose Sehnsucht anderen Daseinsformen gilt. Ursprünglich ästhetische Naturen sind auch heute überaus selten. Bei den allermeisten bedeutet die artistische Weltanschauung weniger eine Überzeugung, als eine Lebensversicherung: die Theorie, die Müllern den ersten Platz zusichert und dem, was Müllern fehlt, jeden Wert abspricht, ist Müllers Beifall gewiß. Das Ästhetentum ist die sublimierteste Form der Reaktion: wie der politisch Zurückgebliebene in veralteten Staatsformen das einzige Heil erblickt, so ist die Form schlechthin dem Ästheten der einzige Wert. Da hat es denn nichts zu bedeuten, wenn der Gehalt keiner Prüfung standhält, da ist es belanglos, ob es aufwärts geht oder nicht. Die Form ist das Einmalige, das Endgültige, die Weltanschauung der Form schließt jeden Fortschritt aus. Wer nicht weiter kann, mag sich immerhin zu ihr bekennen: wir lebendigen Menschen weisen sie ab. Wir wollen nicht Altes genießen, sondern Neues schaffen. Es ist Zeit: nur zu viele jugendfrische Geister hat die Ästhetenmoral in ihrer Entwickelung gehemmt.

 

Mit der Urteilskraft der Kollektivität ist es nicht zum Besten bestellt. Die Menschen tun ja wohl schließlich das Richtige, aber sie verstehen es meistens falsch; und wo eine verfehlte Theorie nun ihrerseits schöpferisch ins Leben eingreift, da kann sie das Trefflichste verderben, die günstigsten Resultate zunichte machen. Wirklich ist bisher jeder, auch der beste Weg auf diese Weise verfahren worden; der Mensch scheint nicht eher ruhen zu können, als bis er aus seinem Glück ein Verhängnis geschmiedet hat. Da ist zum Beispiel der Nationalismus, die moderne Vergötterung des Volkstums. Daß die Welt die Schmach der Vaterlandslosigkeit, das Verderben des Blutchaos erkannte, daß es ihr klar ward, daß Großes und Schönes nur aus gesunder Wurzel erwächst und nur auf gutem Boden gedeiht, das war im gegebenen Stadium ein Glück und eine Rettung. Denn die natürlichen Bedingungen zur Züchtung edler Rassen drohten verloren zu gehen, daher mußte das Bewußtsein einsetzen. Aber war es notwendig, von der Erkenntnis der biologischen Notwendigkeit einheitlichen Blutes, des Segens kraftvoller Bodenständigkeit, zur kritiklosen Verherrlichung des jeweiligen Volkscharakters fortzuschreiten? War es ein glücklicher Einfall, sein Ideal just in die Eigenheiten seiner Nation, nicht in ihr tiefstes Wesen zu versetzen? Dem Deutschtümler ist der Deutsche, wie er geht und steht, ein Gott, der übrigen Menschheit himmelhoch überlegen, ehrwürdig in allem ... Nun hat der Deutsche gewiß allerlei vor anderen Völkern voraus, aber in vielen Hinsichten steht er ebenso sicher unter ihnen, und wer den Deutschen als vollkommensten Vertreter des Europäertums hinstellt, der spricht etwas recht Fragwürdiges aus. Indessen, lassen wir es gut sein; nehmen wir an, der Deutsche sei wirklich alles das, was seine Verehrer ihm zumuten: wäre es selbst dann sehr tiefsinnig und fördersam, seinen empirischen Charakter zu vergöttern? Das Ewige, unbedingt Wertvolle am Menschen ist doch das in ihm, was über die Nation hinausgeht, was nach Abstreifung des zeitlich und örtlich Bedingten übrigbleibt. Wäre Homer nichts als ein Grieche gewesen, wir verehrten in ihm nicht den größten Dichter aller Zeiten; sogar spezifisch nationale Erscheinungen, wie Gogol oder Fritz Reuter, interessieren uns nicht um der Lokalfarbe willen, sondern deshalb, weil hier das Besondere so wunderbar farbig ein Allgemeines zum Ausdruck bringt. Im gleichen Sinne müßte der Deutsche, falls er der Idealmensch ist, in allem Besonderen einen allgemeinen, das Besondere gleichsam aufzehrenden Sinn verkörpern, wie dies bei den Größten des Volkes, einem Goethe, einem Luther, einem Bismarck, lauter echt deutschen Gestalten, auch wirklich der Fall war. In Goethe zumal war alles Besondere durchgeistigt, das empirisch Zufällige zur notwendigen Form geworden, zum Ausdruck einer Idee. Die Deutschtümler meinen es sehr anders: ihnen ist es gerade um das Raumzeitliche, Besondere, Ausschließliche zu tun, ihnen ist die Erscheinung das Wesen, die Schranke der eigentliche Wert. Läßt sich ein unseligeres Mißverständnis denken? In bester Absicht tun sie nichts Geringeres, als die Volksidee zu verraten. Das formende Prinzip wollen sie festigen und lähmen bloß seine Kraft. Unter Engländern, Europas eigenartigstem und selbstherrlichstem Menschenschlage, fällt es keinem ein, in dem Sinne »insular« zu sein, wie man hierzulande deutschtümelt: ihnen ist ihr Britentum selbstverständlich, ein bewährter und festgegründeter Standpunkt, von dem aus sie kühn und sicher in die Ferne blicken; sie denken nicht daran, durch Rückwärtsschauen und Selbstbespiegelung Zeit und Kraft zu vergeuden, und überlassen die Anglomanie neidlos dem Kontinent. Denn der Nationalismus ist das genaue Gegenteil eines schöpferischen Volksbewußtseins, er ist ein statisches, ja ein regressives Prinzip; er predigt Selbstzufriedenheit, nicht Selbstgestaltung. Das Empirische als Ideal hat noch keinen auf Höhen geführt.

Und was der Nationalismus für die Nationen, das bedeutet der Individualismus für die Individuen. Auch dieser ist eine Reaktionserscheinung, eine Erscheinung, die ursprünglich gesund und segensreich war, nun aber zur Erstarrung und zum Tode führt. Der abstrakte, unpersönliche Charakter, welchen die Welt im Fortgang des 19. Jahrhunderts anzunehmen begann, die Begriffsromantik mit ihren leblosen Gebilden, zuletzt die unaufhaltsam um sich greifende egalitäre Weltanschauung hatten das Individuum aufgescheucht. Und es war gut so. Es war geboten, die Abstraktionen zu entthronen, die Herrschaft lebensfeindlicher Werte zu brechen, bei der Betrachtung und Beurteilung des Lebens endlich wieder vom Leben auszugehen. Und es gelang insofern, als der keimende Individualismus die Seele wirklich ein erstes Mal befreit hat; er entrang sie den Schemen der Schulpädagogie, den Formeln einer falschen Wissenschaft, den Fesseln der Philistermoral; er gab sie dem Leben zurück. Nun aber sperrte er sie bald in desto engere Schranken ein: bald wurde der Sinn der Persönlichkeit in den Eigenheiten der Person erblickt, das Wesen mit der Erscheinung verwechselt, das Unendliche ans Endliche verraten.

In diesem letzten Sinne herrscht der Individualismus heute und bedeutet eine Hemmung für den Fortschritt unserer Zeit, wie ich eine ernstere nicht zu nennen wüßte. Unsere Zeit stöhnt nach innerer Freiheit, die Sehnsucht nach der Seele ist unzweifelhaft echt. Aber ihr Streben dahin wird durch die Verwechselung des Geistes mit seinen Grenzen gelähmt und zunichte gemacht. Es glauben nur zu viele, sich geistig befreien heiße: sein Ich mit seinen Eigenheiten durchsetzen –: deshalb führt das Streben nach Freiheit so häufig zu ihrem Gegensatz, zu Nihilismus und Anarchie; es wähnen begabte Männer, das Suchen der Seele sei Sache der empirischen Psychologie –: deshalb verweilen sie bei Erscheinungen, die sie schleunigst überwinden sollten. Ja wir begegnen sogar der Theorie, es gäbe schlechterdings nichts Tieferes im Menschen, als seine handgreifliche Individualität. Hier hat Nietzsche auf verderbliche Weise Schule gemacht: er zerbrach die dürre »Seele« der protestantischen Philisterphilosophie, er verhalf dem Leben zu seinem Recht. Nun aber verschlang das Natürliche bald das Geistige ganz; der ganze Mensch soll im Physiologischen aufgehen. –: Hätten die tiefsten Geister der Menschheit, hätten Indiens Weise, Griechenlands Denker, Deutschlands Mystiker und Philosophen wirklich umsonst gelebt? Sollte die Lehre, daß der Mensch mehr sei und folglich auch mehr sein solle als seine begrenzte Person, ein Unsinn sein? Gelangt Europa dahin, dieses zu glauben, dann ist es aus mit seiner Kultur. Denn sobald der Mensch im Empirischen sein Tiefstes anerkennt, dann ist ihm die Möglichkeit zur Entwicklung genommen, dann muß er so bleiben wie er war; dann ist er Sklave seiner Grenzen, Knecht seiner Beschränkung, bei Lebzeiten vom Tode besiegt. –: Die Theorie, die im empirischen Sosein des Menschen die letzte Instanz erblickt, ist aber nachweislich falsch. Gleichviel, wie es mit der Willensfreiheit beschaffen sein mag, gleichviel ob es überhaupt je gelingen wird, den Grund der Seele zu durchschauen: tatsächlich unterliegen die Grenzen des Menschen seiner freien Wahl. Das Goethesche Urwort

»So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen«

ist wohl wahr bezüglich der Richtung, die jeder verkörpert, seines innersten Seins, nicht aber in bezug auf sein Sosein, die Grenzen der Individualität; über diese ist er Herr. Herr zwar nicht in dem Sinn, daß er sich Talente anerziehen könnte, die er nicht hat, sondern in dem tieferen, einzig entscheidenden, daß es von ihm abhängt, wie er sein Sosein auf seine Seele bezieht. Und es gibt keine andere Freiheit, als die des Verhaltens dem Unabänderlichen gegenüber.

Da das Leben eine Relation auf die Außenwelt bedeutet, ohne diese schlechterdings nicht zu denken ist, so gehören die äußeren Umstände, deren es bedarf, recht eigentlich zu seinem empirischen Begriff. Die Luft, die ich einatme, ist mir nicht weniger notwendig als das Organ, mit welchem ich dies tue, ich bin berechtigt, auch jene zu meinem Ich zu rechnen. Wirklich gibt es Menschen genug, deren Lebensgefühl an äußere Lebensverhältnisse gebunden ist, die ihr Gleichgewicht verlieren, sobald sich diese verschieben. Solche Menschen sind recht eigentlich mit ihrem Besitz identisch; dieser steht in nicht minder inniger Beziehung zu ihrem Sein, als ihr Leib. Aber solche Menschen sind gewiß nicht frei. Nun wird keiner leugnen, daß es möglich ist, sich über die äußeren Verhältnisse zu erheben, sein Ichgefühl von diesen loslösen; ja daß es möglich ist, noch den Körper mit seinen Gebrechen zur Außenwelt zu zählen. In der Tat wird unter einem freien Menschen seit dem Altertum der verstanden, der sich die Materie unterworfen hat und nur von seinem Geiste bedingt ist. Aber hat sich der, welcher den Körper überwunden und sein Ichbewußtsein auf die geistige Sphäre beschränkt hat, wirklich schon zur vollen Freiheit aufgerungen? Ich glaube nicht: denn auch in der geistigen Sphäre gibt es äußere Verhältnisse, welche, als wesentlich anerkannt, die Seele am Aufflug verhindern. Wer sich mit seinem Können, seinen Fähigkeiten und Talenten identisch fühlt, der beherrscht sie nicht, der ist ihnen in genau demselben Sinne untertan, wie der Sklave seinem Herrn und der Genußmensch seinem Leib; der ist Knecht seiner geistigen Individualität.

Und ein solcher ist nicht frei. Er kann nicht hinaus über das, was ihn vor anderen auszeichnet, er steht und fällt mit seiner Eigenart, und wer seine Grenzen verneint, der verneint zugleich sich selbst. So muß er das, was er nicht ist, ausschließen, um sich zu behaupten, und dieses andere ist doch da; er muß seine Grenzen als absolute Werte setzen, und diese Werte sind es nicht; sein Selbstgefühl ist an Erscheinungen gebunden, die vergehen oder übertroffen werden. So wehrt er sich zeitlebens gegen Übermächtiges, Unabweisbares, und wo er fortschreiten könnte, erstarrt er immer mehr. Große Talente verbringen ein halbes Leben damit, größere zu verleugnen, Gelehrte kämpfen hartnäckig für Gedanken, die widerlegt oder überflügelt sind, und lebendige Geister überleben sich in kürzester Frist. Erst der ist frei, der über seiner Begabung steht, der seinen geistigen Besitz nicht anders ansieht, als die Güter der Außenwelt. Denn der braucht nichts auszuschließen, um zu leben, nichts zu verleugnen, um sich zu behaupten; von Zufälligem, Problematischem hängt er nicht ab. Stolz und frei schaut er aus nach unverrückbaren Zielen, die fortschreitende Gegenwart ist ihm stetige Verjüngung, und die Flucht der Erscheinungen ficht ihn nicht an.

Der freie Mensch ist nicht Individualist, er hat das Individuum überstiegen. Beim Empirischen verweilt er nicht, es ist ihm kein Problem, es versteht sich für ihn von selbst. Und wie er jede Tatsache gelten läßt, überall das Wirkliche erfaßt und zu beherrschen weiß, so rechnet er auch mit den Grenzen seiner Person. Aber sie sind ihm keine Werte, er nimmt sie gar nicht ernst, er blickt über sie hinaus. Sein Geist fühlt sich eins mit dem Geist des Weltprozesses, der rastlos Individuen und Epochen durchfliegt, und durch alles Sterben hindurch bleibt er lebendig, immerdar ein quasi modo genitus. Er weiß nichts von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht, über die Scheidung von Ich und nicht-Ich, von hier und dort, von heute und morgen ist er hinaus. Er kennt nur objektive Ziele, absolute Werte, die an Raum und Zeit nicht gebunden sind.

Und unsere lieben Zeitgenossen? Sie blicken nicht vorwärts, sondern zurück. Fortgerissen vom Zuge der Zeit klammern sie sich an das, was im Sterben begriffen ist, und erkennen die Zukunft erst, wenn sie bereits verging. Irregeworden an alten Idealen und unfähig neue zu schaffen, zu arm an Phantasie, um Richtungen von Grenzen zu unterscheiden, vernarren sie sich ins Empirische und erheben es zum Ideal. Das Zufällige, das Sterbliche, das Wertlose als Ideal ... Über dem Meisten, was heute blüht, neigt sich schon das Totengeripp.

 

An einem Wendepunkte der Geschichte, nicht minder bedeutsam als es der heutige ist, ragen zwei große Gestalten, deren Gegensatz für alle Zeiten symbolisch bleiben wird: Cato und Julius Cäsar. Cato verkörperte das alte, nun sterbende Rom. Er erkannte die Baufälligkeit des alten Gefüges, er sah den Verderb der Gegenwart, ihm lebte die Größe der Vergangenheit, und sein edles Herz schmachtete nach einer größeren Zukunft. Allein sein starrer Verstand wußte keine andere Größe zu denken, als die von einst. Auch Cäsar liebte sein Vaterland, auch Cäsar begriff die Fäulnis seiner Zeit; auch er war erfüllt von der Glorie verflossener Tage und sehnte sich nach ihrer Wiederkehr. Aber Cäsar begriff etwas, was Cato entging: er begriff, daß Roms Größe nicht an vergängliche Formen gekettet war. Roms Geist war ihm ewig, nicht aber die römische Republik. Cäsar erkannte, daß der Weltgeist neuen Verkörperungen zustrebte, daß das Alte, noch so Ehrwürdige, nicht mehr lebensfähig war. Er hatte den Mut, über Gräber fortzuschreiten, über den Tod hinaus dem ewigen Leben voran. Cato ist gestorben mit seiner Zeit, als ihre letzte und ausgeprägteste Inkarnation, ehrwürdig als Überzeugter, aber schließlich doch nur ein Römer des letzten Jahrhunderts vor Christo, eine zeitliche Erscheinung, späteren Epochen eine Antiquität, für das Leben belanglos. Cäsar ward zum Heiland der neuen Weltära. Cäsar war mehr als ein Römer, mehr als ein Kind seiner Zeit, ja mehr als seine eigene Person. Sein Geist ward zum Geiste ungeborener Völker, sein Schicksal schwoll zu dem Europas an. Cäsar lebt und wird fortleben, solange die Welt nicht stillesteht.

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