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Philosophie als Kunst

Graf Hermann Keyserling: Philosophie als Kunst - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorGraf Hermann Keyserling
titlePhilosophie als Kunst
publisherOtto Reichl Verlag
printrunZweite Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150704
projectid8c20d2a7
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Deutschlands Beruf in der veränderten Welt

Im allgemeinen dürfte es wahr sein, daß von den großen Veränderungen im politischen und sonstigen Gesamtzustande, die der zusammenschauenden Nachwelt als noch so jäh verlaufen erscheinen, der Zeitgenosse selten viel merkt. Die Wechselfälle, die das Schicksal des Einzelnen zu kritischen Zeiten treffen, sind keine anderen und größeren, als sie ihn jederzeit befallen können. Die entscheidenden Verschiebungen erfolgen in Wahrheit langsamer, als sich die Nachgeborenen zum Bewußtsein bringen, die verflossenen Geschehnissen gegenüber unwillkürlich den physikalischen Zeitbegriff anstatt des lebendigen anwenden. Vieles, überaus vieles, und meist gerade das am unmittelbarsten Spürbare, bleibt inmitten einer neuen Welt beim alten –: dem wirklich Neuen hingegen paßt sich die Seele fortlaufend so ungeheuer schnell an, daß sie darob vergißt, es sei jemals wirklich anders gewesen als gerade heute. Vor allem aber ist das notwendig Kommende innerhalb des Gegenwärtigen schon dermaßen lebendig, daß sein In-die-Erscheinung-Treten nur die Stumpfsten überrascht. So geschieht es auch heute. Ganz wenige nur bemerken, wie neu die Welt, in der wir leben, wird. Sogar der Schreiber dieser Zeilen muß sich besonders einstellen, um dessen gewahr zu werden, denn das Neue, dessen Heranreifen durch den Völkerkrieg so außerordentlich beschleunigt wird, erschien ihm seit Jahren schon so selbstverständlich-notwendig, bildete insofern schon so lange sein natürliches geistiges Milieu, daß ihm der überstürzte Gang der Ereignisse keine einzige prinzipielle Überraschung gebracht hat und er sich eher darüber wundert, wie vieles noch beim alten geblieben ist.

Was geschieht in Wahrheit? –: Europa geht zugrunde. Der Akzent historischer Bedeutsamkeit rückt unaufhaltsam von der Alten nach der Neuen Welt hinüber, dem schon verlegten ökonomischen Schwerpunkt nach. Auf dem Erdball ist die Hegemonie des weißen Mannes erschüttert, der Osten erwacht. Innerhalb aller Länder von alter Kultur findet eine Völkerwanderung statt, nicht horizontal zwar, sondern vertikal gerichtet, von unten nach oben, die deren Physiognomie nicht weniger verändern wird und zum Teil schon verändert hat, als dies mit Gallien und Italien infolge der Barbarenüberflutung geschah. Die materialistische Zivilisation des letzten Jahrhunderts verendet, ad absurdum geführt durch den ungeheuersten Völkerselbstmord, den je die Welt gesehen. Der überkommene Staatsbegriff bricht, das Kriegerethos stirbt den Heldentod. Und ein Geist weltumspannender, an ewigen Werten orientierter Universalität, in jeder Hinsicht dem entgegengesetzt, der sich im Kriege auswirkt, ist allenthalben das werdende Produkt eines Geschehens, das ihn logischerweise für immer hätte auslöschen sollen Geschrieben im August 1918.. –: Gewaltigere Umwälzungen sah keine Generation. Und doch sind sich die Wenigsten ihrer bewußt. Viele wähnen, es gäbe wieder ein Zurück, oder nichts sei wesentlich anders geworden; viele erwarten weiter von einer fernen Zukunft die Verschiebungen, die indessen schon eingetreten sind; und viele wiegen sich gar in der Illusion, die menschlichen Energien würden dauernd in der Richtung wirksam bleiben, die der Krieg ihnen wies. Der alte Besitzzustand werde wiederkehren: bedeuten die fortan unvermeidlichen ungeheuren Steuern nicht schon sein Ende? Der Staatssozialismus habe abgewirtschaftet, denn die Meisten hätten ihn bereits satt: sind seine Gegner nicht vielmehr schon in der Rolle von Sr. Majestät allergetreuester Opposition, die kannegießernden Bekrittler einer schon überlegenen Macht? Der Militarismus habe sich endgültig bewährt: ist das Wesentliche nicht vielmehr dies, daß Kriegstugenden und -erfolge heute merkwürdig wenig bedeuten, die Konsequenzen psychologischer und moralischer Natur nicht nach sich ziehen, die sie früher gehabt hätten, was beweist, daß der Weltgeist ein anderer, neuer geworden ist? Und so weiter. Am Sinn des Geschehens ändern Mißverständnisse wenig oder nichts, doch sie verlangsamen, behindern, verteuern dessen Verlauf. Wo der bewußte Geist die Richtung der Entwicklung verkennt, dort überantwortet es sich der blinden Notwendigkeit, die gleichmütig die schönsten Blüten, die noch lange hätten weitergedeihen können, niederwalzt.

In keinem der kämpfenden Länder herrschte während der ersten Kriegsjahre weniger Klarheit in diesen Fragen, als in Deutschland. Die seltsame Anlage der Deutschen, wie kein anderes Volk den »objektiven Geist« in der Erkenntnis spiegeln und von dieser her in Programme und Institutionen überleiten zu können, aber auch wie kein anderes unfähig zu erscheinen, diesen Geist in Instinkt, Impuls und Wille zu verkörpern, bedingte es, daß allzu viele ihrer besten Geister lange Zeit ihren Idealismus mit dem verknüpften, was im Letzten nicht idealisierbar war, und dort große und endgültige Aufgaben erblickten, wo es nur vorläufige oder gar keine gab. Vielzuviele, und nicht unter den Schlechtesten, bestrebten sich krampfhaft, ihre hohen Ziele in Medien zu verkörpern, die hierzu ganz ungeeignet waren, und verschrieben sich so allzuoft, ohne es zu wissen, den Mächten des Verderbens. Bald hieß es, das Zerstören der Alten Welt sei an sich ein hohes Willensziel, wo doch Vernichten von Werten nur insoweit nicht Verbrechen ist, als es Fatumcharakter trägt, mithin nicht beabsichtigt ward. Bald wurde tiefster metaphysischer Sinn in den mechanischen Kräfteausgleich hineingelegt, wodurch die Moira, den Hellenen noch blind, sich zur wohlwollenden Vorsehung verwandelte, die es mit allen Mitteln des Geistes zu unterstützen galt. Bald wurde der Krieg, weil er gewisse große Eigenschaften weckt, als normaler Weg zum Idealzustande hingestellt, eine groteske Übersteigerung von Nietzsches Mißverständnis, dessen Übermensch das geistige Ziel verkörpern sollte, in Wahrheit aber nur eine günstige Naturbasis abgrenzt. Alles dieses Beweise kaum glaublicher spiritueller Blindheit, welche Blindheit jedoch durch die typisch-deutsche Gelehrteneinstellung genugsam erklärt erscheint. Im Prozeß dieses Krieges als solchem liegt überhaupt nichts, noch bringt er irgend etwas unmittelbar hervor, was den Weg zu einer idealen Zukunft weist –: die spezifischen Tugenden, die er auslöst, und die keiner bestreiten wird, verhalten sich zu seinen möglichen Zielen nicht anders, wie die Güte des Stahls, die reibungslose Arbeit der Zahnräder einer Maschine zu der Leistung, welche sie hervorbringen soll, und die Leistung ist hier das Ende der europäischen Kultur; die wahre Richtung des Weltprozesses, sofern dieser Gutem zustrebt, liegt genau senkrecht zu der des Völkergemetzels, dessen einzige Rechtfertigung vor dem Geist eben darauf beruht, daß es sich selbst als sinn- und ziellos erweist. Heute ist dieser Tatbestand als solcher in Deutschland weiteren Kreisen bewußt als in irgendeinem anderen Lande. Die deutsche Fähigkeit, aus Erfahrung schnell zu lernen, hat sich auch dieses Mal bewährt. Dieses sichert den Deutschen, wie immer der Krieg ausgehe, einen Vorsprung in der neuen veränderten Welt. Aber dieser Vorsprung bezieht sich bisher nur auf Äußerliches, denn man kann nicht sagen, daß die Mehrzahl sich schon heute bewußt sei, warum die letzte Phase europäischen Lebens zur Katastrophe führen mußte, und inwiefern eine Gesinnungswandlung notwendig ist. Die erforderlichen Änderungen können aus reinen Zweckmäßigkeitsrücksichten geschehen –: damit aber wird, vom Standpunkt des Geistes, wenig geleistet sein. Zweifelsohne werden die Deutschen dank ihrer Organisierbarkeit, ihrer Disziplin, ihrer außerordentlichen Arbeitsenergie die Kriegsschäden am Schnellsten verwinden, auch am Schnellsten die Form finden, die dem Leben von morgen die günstigsten Bedingungen schaffen wird. Zweifelsohne werden sie alle die praktischen Folgerungen am Bereitwilligsten ziehen, die der Verstand aus der Erfahrung der letzten Jahre ziehen kann, und seien diese in bezug auf das Bisherige noch so umstürzend. Innerhalb der kommenden demokratischeren Ordnung wird ihre Sachlichkeit, ihr Glaube an die Wissenschaft, an bewährte Autoritäten, zusammen mit dem Verantwortungsgefühl dieser, sie mehr als die meisten anderen Völker vor dem bewahren, was den Fluch aller Demokratien bezeichnet: der Herrschaft der Inkompetenz. Ihr großer Sinn für Ordnung steht gut dafür, daß alle nur möglichen Veränderungen bei ihnen doch nie auf lange hinaus den Charakter desaströser Umwälzungen tragen werden, was ihnen einen weiteren Vorsprung geben wird vor vielen Völkern. Wenn irgendwo in Europa, so wird in Deutschland die soziale Frage gelöst, die Form gefunden werden für die ideale Demokratie, die einer effektiven Aristokratie gleichkäme, einer Herrschaft der wahrhaft Besten, und nirgends stünden schon bald einer Eingliederung in einen gerechten Völkerbund weniger Schwierigkeiten im Wege. Aber bei allem diesem handelt es sich doch um Äußerliches, also um wesentlich Subalternes; alles dieses kann geleistet werden ohne eine Spur von Seele, von Geist. Wir münden aber jetzt in eine Geschichtsperiode ein, in welcher geistige und seelische Mächte vorherrschen werden, sie aber können nur wirken von innen heraus. Deshalb muß in Deutschland eine große innere Wandlung vor sich gehen, wenn es in der Welt von morgen das bedeuten soll, was es bedeuten kann.

 

Offenbar führt die Spirale der historischen Entwicklung einem Zustand entgegen, der sein letztes europäisches Analogon im Mittelalter fand. Jene Welt war, bei aller farbigen Mannigfaltigkeit, durchaus universalistisch, und die von morgen wird es nicht minder sein. Wie dies von allen wirklich notwendigen Zeitströmungen gilt, wird auch der Strom, der zu einem Rinascimento des mittelalterlichen Universalismus führt, aus vielen, ja aus allen nur möglichen Quellen gespeist: Internationalismus und Nationalismus interferieren in ihm, Etatismus und Syndikalismus, Idealismus und Utilitarismus, der Wunsch nach Selbstbestimmung jedes Einzelnen, ob Individuum oder Volk, und der nach allumfassenden Zusammenschlüssen, wie solchen Weltpolitik und -Wirtschaft postulieren; aber die resultierende Gesamtströmung trägt unstreitig universalistischen Charakter. Universalistisch denken alle überlegenen Geister in allen Landen, und auf die Dauer verkörpern doch sie die stärkste Macht; universalistisch ist die Weltanschauung des Sozialismus, die heute wohl schon, in irgendeiner Form, über die Hälfte der zukunftsbewußten Europäer zu ihren Bekennern zählt; die universalistische Ideologie der russischen Revolution findet, trotzdem sie von allen Tatsachen ad absurdum geführt scheint, doch allenthalben ein stetig erstarkendes Echo. Aber das Mittelalter war nicht allein eine Epoche der Universalität, sondern auch der Spiritualität, der seelischen Bestimmtheit, und auch in diesem Punkt bewährt sich der Vergleich: was in Europa vor dem Weltkrieg mehr abstrakter Gedanke war, wird immer mehr, vom Blut der Leidenschaften getränkt, zur lebendigen Gesinnung, so daß sich ursprüngliche Interessen- und Weltanschauungsgemeinschaft unaufhaltsam zum Glaubens- und Liebesbund vertieft, was den Universalismus spiritualisiert. Indes gemeinsames Kämpfen und Leiden die Deutschen aller Stämme und Stände wie nie früher zusammenschloß und ihnen, durch das neue beseligende Erlebnis des nationalen Einheitsgefühls hindurch, die Sehnsucht eingab nach erweiterter Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die nicht Verderben und Tod zur Voraussetzung hätte, fanden sich vier Fünfteile der Menschheit im Deutschenhaß, welcher wiederum Solidarität voraussetzte und deren Bewußtsein vertiefte. Seither aber wächst in beiden Lagern die Zahl der Millionen, die sich innerlich aufbäumen dagegen, daß Begriffen botmäßige tote Maschinerie das heilige Leben blind beherrschen darf –: diese Gefühlsgemeinschaft aber schafft unaufhaltsam eine internationale Gemeinde, die schon heute die Kriegsgegensätze tief unter sich sieht. Gleichzeitig erstarkt die religiöse Stimmung in der ganzen Welt, als Ausdruck der Erkenntnis, daß es ein Tieferes, Wesentlicheres gibt als das, was den Völkermord herbeiführte und rechtfertigt, und der tiefen Sehnsucht, das Leben endlich wieder an absoluten Werten zu orientieren. So steigen denn die totgesagten Ideale der Humanität, der Gerechtigkeit, der allgemeinen Menschenliebe desto strahlender am geistigen Horizonte auf, je grauenerregender die Landschaft ist, die sie beleuchten. Bald werden sie den Zeitgeist ganz bestimmen. Schon heute tun sie es in hohem Grad: seitens der Völker (was immer von deren meisten Führern gälte) ist es keine heuchlerische Phrase, wenn sie vornehmlich für Ideale zu kämpfen behaupten, so leicht der Nachweis irdischer Ziele sei, so mißverständlich jene gefaßt seien und so entsetzlich die angewandten Mittel sind –: sie kämpfen wirklich bewußt für Menschheitsziele, für als ewig gedachte Werte, und das wesentliche hierbei ist nicht der Widerspruch mit der empirischen Wahrheit, sondern daß es eben Ideale sind, welche den Kampfeswillen beseelen, daß es ihrer bedarf, um den Krieg im Gang zu erhalten, daß sie es vermögen, ganze Völker zur Schlachtbank zu führen, welches beweist, wie gewaltig deren Macht schon heute ist, kaum geringer als zur großen Zeit der Kreuzzüge. Diese Richtung des Zeitgeistes nun kann sich in Reaktion gegen das, was während dieser Jahre geschah, was ihm vorausging und was seine Folge war, nur verstärken und vertiefen. So münden wir ohne jeden Zweifel in eine Geschichtsperiode ein universalistischer und spiritualistischer Signatur. Bald werden die Verherrlicher rein irdischer Ziele, der Vergewaltigung, der Bereicherung, des Staats als Selbstzwecks keine Macht mehr verkörpern, denn deren Ideale werden nicht mehr bestimmen, wie sie es im Mittelalter nicht taten, kein Akzent mehr wird auf ihnen ruhen, so vielen sie auch weiter gemäß sein mögen. Eine allgemeine Verinnerlichung wird Platz greifen. Und bei der Herbeiführung dieses Zustandes werden wiederum äußere Umstände mithelfen, wie dies immer der Fall sein muß, wenn auf Erden eine Wandlung im Großen stattfinden soll. Die Welt, die jetzt entsteht, schon halb entstanden ist, wird, wie eingangs ausgeführt, sehr anders aussehen, als die von vor 1914. Vielleicht wird Europa als politisch-ökonomische Vormacht am Ende sein. Viele Traditionen werden gebrochen, viele Lebenslinien ausgestorben sein, und ein großer Teil der Hindernisse, die heute dem neuen Geist entgegenstehen, wird damit fehlen. Der Ruin aller Mittelstände wird den unteren Volksschichten ein Quantum Geist und Charakter zugeführt haben, das sie befähigen wird, die Zukunftsideale, deren Hauptträger sie schon heute sind, aber bei deren Verwirklichung sie bisher durchaus versagten, fortschreitend klarer zu erfassen und dieselben immer mehr zu gestaltenden Lebensmächten auszubilden. Die materialistischen Zwecksetzungen werden in spiritualistische umschlagen, die Feindschaft gegen den Bourgeois wird sich vom Neid gegen seinen Besitz zur Ablehnung seiner Gesinnung verwandeln. So wird Reichtum, wenn nicht überflüssig, was das Ideal wäre, so doch bedeutungslos geworden sein vom Standpunkt der Zeit. Andererseits wird nun die Selbstbehauptung der materiell auf der Höhe gebliebenen traditionellen Kulturträger, deren günstigere Erbanlage sie nach wie vor an die Spitze der Kulturbewegung berufen wird, neue Formen annehmen müssen, um zu bestehen: an die Stelle des Luxusstandards wird ein Schlichtheitsstandard treten, menschliche und geistige Überlegenheit werden wieder einmal bestrebt sein, sich an sich, ohne äußere Beihilfe, Geltung zu verschaffen, so daß Oberstes und Unterstes konvergieren werden in der Tendenz, geistige Mächte als dominierend anzuerkennen und die Idee höher einzuschätzen als das Geld. So führen denn alle nur möglichen Wege zu dem einen Ziel, daß aus der materialistischesten Weltepoche, die es gegeben, mit geschichtlicher Notwendigkeit eine spiritualistische hervorgehen wird.

Was wird, was kann die Rolle der Deutschen sein in dieser veränderten Welt? Es ist klar, daß die Richtung, in der sie sich während der letzten 40 Jahre vornehmlich fortentwickelt haben, samt den Anschauungen, an denen sich diese Entwicklung orientierte, sie keiner großen Zukunft entgegenführen wird. Die Welt von morgen wird spiritualistischen Charakter tragen, also werden die größten materiellen Erfolge nicht viel in ihr bedeuten. Sie wird universalistischen Geistes sein, also wird wenig Gewicht darauf gelegt werden, welches Volk jeweilig an Zahl und Macht das stärkste ist. Kein nationaler Chauvinismus wird in ihr gedeihen, obschon Gleichgewichtsfragen auch in ihr nach wie vor die ihnen gebührende sekundäre Rolle spielen werden, denn das Nationale an sich ist kein mögliches Ideal: man übersteigere seinen Sinn so viel man will –: es ist und bleibt eine empirische Grenzbestimmung, also im besten Fall eine günstige Ausdrucksform. Die jenen hervorrufenden und begünstigenden Fragen werden sich auch nicht mehr stellen, denn ein Nationalitätenproblem kann es genau nur so lange geben, als den Volksindividualitäten nicht die doch selbstverständliche Achtung erwiesen wird, die jeder Gebildete jedem Nebenmenschen zollt. Also kann Deutschlands große Zukunft keinesfalls darauf beruhen, was Alldeutsche erträumen. Und doch kann das deutsche Volk mehr bedeuten in der Welt von morgen, als irgendeins: dazu braucht es bloß wieder anzuknüpfen an seine größte Tradition und sich seiner eigensten Begabung gemäß weiterzuentwickeln. Der Deutsche ist nicht politisch veranlagt, hat wenig Beruf zu einer Kultur der schönen Form, ist weniger erfinderisch als manche, weniger ausdrucksfähig; aber als einzigem eignet ihm die Gabe angeborener Universalität. So kann er mehr sein als die anderen nur, insofern er universeller denkt, fühlt und ist. Auch heute ist er dem Typus nach universell. Aber bei der geringen Instinktsicherheit, die ihn kennzeichnet, hat er sein Ideal lange Zeit in andere Typen hineinverlegt, Typen ungeistiger, praktischerer, engerer Art, die eben deshalb hinter den gleichen bei anderen Völkern zurückstehen, weil das Material ein geistig zu reiches ist. Der deutsche Nationalist wirkt unangenehmer als alle anderen, weil jedermann spürt, daß er ein inneres Recht nur hat zur Universalität, deutsche Realpolitik, deutsche Geschäftstechnik erweckt eben deshalb leicht den Eindruck besonderer Skrupellosigkeit, weil deren Betreiber wesentlich Idealisten sind und nun innerhalb des Materiellen mit unbeirrbarer Logik ein Ideal verfolgen, anstatt weltanschauungslos Geschäfte und Geld zu machen, was dem Sinn dieser Betätigung besser entspricht und den, der sie ausübt, seelisch weniger in Mitleidenschaft zieht. Diese Fehler haben während der ersten Phasen des Weltkriegs ihren Höhepunkt erreicht. Damals fand, wie ein geistreicher Mann einmal bemerkt hat, ein richtiger Bourgeoisaufstand statt. Während vorher immerhin geistigere Elemente auf geistigem Gebiet den Ton angaben, siegte nun die Weltanschauung derer, welche früher, seitdem es Deutsche gibt, im Höchstfall die zweite Geige spielten, und ihre Freude darob war überschwänglich groß. Nun glaubten sie in allem von jeher Recht gehabt zu haben, ihr Selbstbewußtsein wuchs, die Masse gab ihm Gewicht und Einflußkraft; immer mehr bestimmten sie die öffentliche Meinung, die psychische Atmosphäre, welche letztere zeitweilig so stark war, daß sie auch solche, die es von sich aus besser wußten, ergriff ... Der Bourgeois hat nicht recht behalten. Heute fühlt es schon die Mehrzahl des Volkes, daß die Weltanschauung, die Katastrophen wie diese rechtfertigt, nicht richtig ist. Und immer sehnsuchtsvoller schaut es nach denen aus, um derentwillen der deutsche Name von der aufstrebenden Menschheit einst ebenso verehrt ward, wie er heute gehaßt wird ... –: Deren Typus ist heute nicht seltener als früher, wahrscheinlich sogar viel zahlreicher vertreten. Aber während der letzten Jahrzehnte lag nicht auf ihm der Akzent deutscher Bedeutsamkeit. Und darauf kommt es an. Immer und überall sind es Minoritäten, kleinste Kreise, ja Einzelne, welche bestimmen, und die, welche es jeweilig tun, drücken der Gesamtheit den Stempel ihres Geistes auf. Der Typus des universellen Deutschen muß wieder zum führenden werden. Es geht nicht länger an, daß die universellst veranlagte, die umfassendst gebildete Nation sich vom Geist ihrer engsten Vertreter bestimmen lasse, sosehr, daß jeder Außenstehende glauben muß, der typische Deutsche sei eben der Affärist. Das Subalterne muß wieder in die ihm angemessene subalterne Stellung zurücktreten. Geschieht dieses nun, so wird es nicht etwa die Armseligkeit von einstmals restaurieren, denn es gibt kein Zurück für ein junges, aufstrebendes Volk, es wird die deutsche Tatkraft keineswegs lähmen, die sich dem äußeren Leben so einzig gewachsen erwiesen hat: diese wird nur beseelt und gelenkt werden von einem weiterblickenden und tiefer verstehenden Geist; das Besondere wird aus dem Geist der Universalität heraus betrieben werden. Damit aber wird sich der Deutsche mit einem Schlage in einer Vorzugsstellung befinden in der veränderten Welt. Ihm wird diese in Wahrheit naturgemäßer sein als die nun vergehende, die mehr seinen Begriffen als seinem Wesen entsprach. Ihm werden deren Forderungen die günstigsten Bedingungen bieten seiner eigenen höchsten Selbstverwirklichung. Jedes Volk hat seine Zeit, heißt es; dies ist insofern wahr, als jede Geschichtsperiode zum Sich-geltend-Machen besondere Eigenschaften verlangt, was den Akzent der Bedeutsamkeit der Völker, je nach ihrer Veranlagung, vom einen zum anderen von Zeit zu Zeit verlegt. Die neue Ära nun wird gerade das vom Europäer verlangen, worin der Deutsche die übrigen übertrifft.

 

Des Deutschen harrt im kommenden universalistischen Zeitalter, wenn er rechtzeitig Einsicht beweist, ohne Zweifel ein hoher Beruf. Als geborener Universalist wird er eine bedeutende Rolle in ihm spielen können. Aber genügt dieser sein Charakter zur Führerschaft, so daß zu erwarten stände, die neue Ära werde eine dem Geiste nach deutsche werden? Dem Spirituellen, nicht dem Universellen, gilt als Letztem die Sehnsucht dieser Zeit, spirituelle Werte werden die letztbestimmenden sein in aller absehbaren Zukunft. Wie steht es mit der deutschen Spiritualität? –: Hier gilt es, alle Eitelkeit abzutun und sich der Sachlage so bewußt zu werden, wie sie in Wirklichkeit ist.

Wie ich's schon schrieb: dem Deutschen fällt es leichter, den Geist zu spiegeln, als ihn zu verkörpern. So wird es ihm auch leichter fallen, den der kommenden Zeit zu begreifen, als aus ihm heraus zu leben, und ehe er das nicht lernt, ist er im Letzten zu ihrem Führer nicht geschickt, wird er der werbenden Kraft, der es zu diesem Beruf bedarf, ermangeln. Heute klafft zwischen seinem Denken und seinem Sein im Allgemeinen ein tiefer Bruch. Die Gestalt Hegels, dessen Geist wohl der umfassendste und tiefdringendste zugleich aller Zeiten war, der jedoch persönlich zeitlebens ein Kleinbürger blieb, ist noch immer symbolisch für den ererbten deutschen Charakter. Gewiß ist nicht jeder Deutsche ein Kleinbürger, seine Gestaltungsmöglichkeiten sind mannigfaltig und reich, aber beinahe in jedem fehlt typischerweise der organische Zusammenhang zwischen dem, was er ist, und dem, was er erkennt und tut. Hierher rührt seine extreme Sachlichkeit, die ihn so leicht zum bloßen Werkzeuge erniedrigt, seine Sonderart des Pflichtbegriffs, die ihm die bloße Frage, was ihm wesentlich Pflicht sei, so leicht nicht stellen läßt, sein Taktmangel, seine Instinktunsicherheit in politischen und vielen anderen Dingen. Er muß dahin gelangen, Erkennen und Sein zu verschmelzen, Persönlichkeit und Sachlichkeit zusammenzuschweißen, den objektiven Geist nicht allein zu begreifen, sondern zu verkörpern, wenn er als Menschentypus bedeutsam werden will. Bücherschreiben und Organisieren allein tut's freilich nicht. Der Deutsche hat die Anlage, alles Innerliche gleich aus sich herauszustellen: so sehr diese dem berufenen Philosophen, dem Dichter, dem Musiker dienlich sei –: jedem anderen versperrt sie den Weg zur letzten Selbstverwirklichung; seinen Institutionen gibt sie nicht allein Kraft, sondern Seele und Sinn, diese werden bei ihm zu Kollektivgeistern von großer Weisheit –: allein den Einzelnen behindert sie im inneren Wachstum. Ihr ist es zu danken, daß sogar deutsches Heldentum, so herrlich es sei, leicht unpersönlich wirkt –: es scheint; als blieben die großen Tugenden, die sich betätigen, im Letzten unbeseelt, als sei es die abstrakte Idee gleichsam, die sich auswirkte durch einen beliebigen Menschen, nicht als sei der besondere Mensch als solcher der Held. Vom Standpunkte menschlicher Überlegenheit wäre es fraglos besser, wenn die Deutschen über die höchsten Probleme weniger schrieben und sich statt dessen bemühten, den Geist, welchen sie meinen, zu realisieren, in ihn hineinwüchsen durch stille Verarbeitung. Erst aus verwachsenem Erkennen und Sein entsteht Spiritualität, denn diese ist fleischgewordenes Wort, und auf sie allein kommt es im Letzten an. Das Fleischgewordensein des Worts aber setzt Durchdrungenheit der Erscheinung durch ihren letzten Sinn voraus, die Durchgeistigung und Durchseelung des ganzen Menschen, seine Beherrschtheit vom tiefsten Wesenszentrum her, die ihren äußeren Exponenten an der Vollendung hat, also gerade das, was seine Erbanlage dem Deutschen besonders schwer erreichbar macht.

Die Spiritualität ist keine hervorstechende Eigenschaft der heutigen Deutschen. Hierher rührt im Tiefsten die Abneigung, der sie in ihrer jüngsten Gestaltung auf dem ganzen Erdenrund begegnen. Die Vollendung bezeichnet den Maßstab, an dem jeder instinktiv den Wert jeder Lebenserscheinung mißt, und dies mit Recht, weil sie zugleich den Grad der Spiritualisierung, mithin der Vergöttlichung angibt. Wenn dieser Umstand dem geistig Armen zugute kommt, so wird er dem Reichen leicht zum Verhängnis: diesem fällt es, je reicher er ist, desto schwerer, seinen Körper ganz zu durchseelen. Was nun am Menschen nicht die Gottheit zum Ausdruck bringt, ist letztlich wertlos; unbeseelte, dem Atman nicht unmittelbar dienstbare Vorzüge wirken negativ, und im Grenzfall als teuflisch, was der Menschheit in einer Periode bestimmender Spiritualität, wie dies vom Mittelalter galt und heute wieder zu gelten beginnt, besonders bewußt wird, denn einer solchen fehlt der Sinn für den Eigenwert vorläufiger Tugenden. Niemand fragt heute nach bloß intellektuellen, moralischen, charakterlichen Vorzügen –: die Frage gilt unmittelbar dem, welchen Grad spiritueller Einsicht jene zum Ausdruck bringen; was der typische moderne Deutsche als erstes für sich anzuführen pflegt und was ihn freilich vor den meisten Völkern auszeichnet, genügt niemand zur Anerkennung seiner Vorzugsstellung. Im Gegenteil: weil er so viele Vorzüge hat, fällt desto mehr auf, was ihm fehlt, so daß ihm das Seltsame begegnet, um seines Positiven willen negativ beurteilt zu werden. Dieses kann gar nicht anders sein, hierüber sei man sich klar. Denn dem einen, was not tut, ist der heutige Deutsche typischerweise wirklich ferner als die meisten Anderen.

Dieses liegt einerseits an seiner schon behandelten Erbanlage, sein Tiefstes, anstatt es zu verkörpern, aus sich herauszustellen, und soweit diese ihn bindet, ist gewiß, daß er es niemals typischerweise zu menschlicher Vollendung bringen wird. Es liegt aber andererseits auch an seiner Geschichte und dem Reichtum seiner Veranlagung überhaupt. Im Mittelalter war Deutschland ein Reich der Spiritualität, der wunderbarsten Verschmelzung von Erscheinung und Sinn, was schon beweist, daß seine Erbanlage dem Deutschen nicht notwendig zum Verhängnis wird. Seither nun versagten ihm äußere Umstände die Gelegenheit, sich zum überlegenen Menschen auszubilden. Die Spiritualität als solche blieb ihm, aber der Ausdruck, den sie seither fand, ist das, was man Sinnigkeit und Innigkeit heißt: eine Art seelischer Vollendung, die Vollendung des Ganzen nur bei beschränkten Verhältnissen sein kann, dieses geistig sowohl als materiell verstanden. Noch heute ist sie die eigentliche Erbform der deutschen Spiritualität, und dem Typus des kleinen Mannes kommt sie noch heute zugut. Anders steht es mit dem zu Wissen, Macht und Reichtum emporgestiegenen: hier ist die überkommene Seele außerstande, den Körper zu füllen, und da dieser dank der deutschen Begabtheit und dem deutschen Fleiß in kürzester Zeit zu einem Organismus von unerhörtem Reichtum erwachsen ist, so ergibt sich daraus eine gleichfalls unerhörte Diskrepanz zwischen Erscheinung und Wesen. So ist in Deutschland, dank dem Zusammenwirken von Geschichtserbe und Befähigung, wozu weiter die günstige Konjunktur des verflossenen halben Jahrhunderts tritt, ein Menschentypus entstanden, der dem äußeren Leben ebenso außerordentlich gewachsen ist, wie er innerlich seiner eigenen neuen Erscheinung nicht gewachsen scheint.

Jetzt fragt es sich, ob Anlage und Geschichte zusammen am Ende ein Schicksal erschaffen haben, das dem Deutschen verbietet, in seinem Seintypus ein Menschheitsideal zum Ausdruck zu bringen? –: So könnte es sein; und schöbe dies auch manchem Ehrgeiz einen Riegel vor, stellte es manche Ziele als mißverständlich hin, schlösse es Führerschaft vor allem auf immer aus, so präjudizierte es doch nichts über die hohe Bedeutsamkeit der deutschen Nation. Dem deutschen Geiste verbliebe sein einziger Beruf, jene aber wäre dann ganz dazu da, zwischen dem Geist und der Erscheinung als Mittlerin zu dienen, Ideen in die Welt zu setzen oder Körper zu schaffen, sei es auf dem Gebiete der Technik, der Wissenschaft, der Religion oder der sozialen und politischen Organisation; ihr Beruf bliebe ferner und vor allem, der Welt ein geistiger Sauerteig zu sein. Wenn nämlich Vollendung allein das Göttliche unmittelbar zum Ausdruck bringt, so ist es das Unvollendbare, das ewig Unvollendete, bei dem alle Problematik lebt. Nur dem Nichtwissenden ist Wahrheit ein Problem, das Gute nur dem ethisch Unsicheren: so könnte es sein, daß die Deutschen das problematische Volk par excellence wären, das Volk der reinen Sehnsucht, und insofern das wichtigste wären für allen Menschheitsfortschritt, denn Fortschritt gibt es immer nur von dem her, der nicht am Ziele ist –: so daß ihre Unfähigkeit zur unmittelbaren Verkörperung eines Menschheitsideals recht eigentlich die Gewähr wäre ihrer einzig dastehenden Bedeutsamkeit. So könnte es sein, und zu einem nicht geringen Teil wird diese Auffassung für alle Zukunft recht behalten, denn zu dem allen sind die Deutschen unter allen Umständen geschickt. Immerhin: wenn es durchaus so wäre, so müßte dies Schicksal in Anbetracht der ungeheuren Kraft, die sie im weltlichen Aufwärtsstreben bewiesen haben, als tragisch gelten; als tragisch zumal, weil dann der Wille zu jenem Aufstieg ein metaphysisches Mißverständnis bedeutet hätte ... Bedeutete er ein Mißverständnis? Er tat es ohne Frage, wenn der heutige Deutschentypus das Endziel der möglichen Entwicklung des deutschen Menschen wäre. Dieses ist er aber nicht. Und diese Erkenntnis erledigt den Zweifel an dessen möglicher Weltmission im menschlich-seelischen Sinne.

Ich will nicht auf das Bild des Mittelalters zurückgreifen, denn die Voraussetzungen unserer Zeit weichen dermaßen von den damaligen ab, daß sich alle Schlußfolgerungen von damals auf heute und morgen erübrigen. Ich will nicht an Goethe erinnern, diesen größten Europäer aller Zeiten, und der doch nur als Deutscher denkbar war; dieser Einzige war nur einmal, kehrt nie wieder, lebte gleichfalls überdies zu einer Zeit, in welcher der überreiche Körper, der dem Deutschen heute die Selbstverwirklichung erschwert, noch nicht erwachsen war, wo also das heutige Problem sich für ihn nicht stellte. Auch der unzähligen Einzelnen will ich hier nicht gedenken, die von jeher in Deutschland nach Selbst Verwirklichung gestrebt haben und die hier, soweit Streben in Frage kommt, wohl immer zahlreicher waren als in irgendeinem Land: der einzelne Große erwächst meist im Gegensatz zu seinem Volk, bedeutet insofern wenig in bezug auf dessen Entwicklungsmöglichkeit. Worauf ich hinweisen will als auf ein höchst bedeutsames Zeichen der Zeit, ist die neue deutsche Jugendbewegung, denn diese durchdringt das ganze Volk und kommt daher für dessen künftigen Typus unmittelbar in Betracht. Vorerst ist sie freilich dunkel in ihrer bewußten Zielsetzung und dementsprechend vielfältig, zersplittert und unsicher in ihrem Ausdruck. Nichtsdestoweniger ist sie vollkommen einheitlich dem Sinne nach. Wenn die einen die Jugend an sich, also etwas rein Zuständliches, als höchsten Wert setzen, die anderen gegen das überkommene Universitätswesen Sturm laufen; wenn die Expressionisten den reinen Schöpfungsakt im Bilde festhalten wollen, die freien Schulgemeinden bei reiner Menschenbildung anheben, und Religionsschaffen in irgendeinem neuen, rein persönlichen Sinn weiten Kreisen die wichtigste Aufgabe dünkt: was bedeutet dies anderes, als daß die ganze neue Generation der bisherigen deutschen Lebensgestaltung satt ist, weil diese eben zu keiner wahren Seinsgestaltung führt, und den Weg sucht zu einer Verinnerlichung des Äußeren, die zugleich vollkommenen Ausdruck des Inneren ermöglichte? –: Die Idealisierung des Jugendzustandes bedeutet eine Hypostasierung der reinen Spontaneität als höchsten Wertes, im schroffen Gegensatz zum traditionellen Glauben an Objektivationen. Das Bestreben der Expressionisten, die Bewegung, die zum Werk führt, als solche darzustellen, das dem Sinne nach richtige Bemühen, den Brennpunkt zu fassen, wo Persönlichkeit und Sachlichkeit noch eins sind; der Fehler liegt hier bloß im »noch«, der Idealisierung des Anfangsstadiums, wo das Ziel jenseits der Entzweiung liegt. Das Verdammen der alten Lehranstalten entspricht der Erkenntnis, daß Wissen allein es nicht tut; wenn diese dahin weitergediehen ist, daß rein sachliches Studium als Asketik unentbehrlich ist, aber freilich nur in diesem einen Sinn, dann wird sie vollendet sein. Die deutsche Jugendbewegung ist vollkommen eindeutig trotz aller Ausdrucksverschiedenheiten, ihr eines Ziel ist Spiritualität, vollkommene Selbstverwirklichung, die Verschmelzung von Persönlichkeit und Sachlichkeit, das Schaffen einer Synthese, welche die deutsche Universalität zugleich persönlich machte, die Scheidung aufhübe zwischen Leben und Begriff, die sich für den Deutschen, gerade wegen seiner hohen Begriffsveranlagung, so überaus verhängnisvoll erwiesen hat. Und wenn sie zunächst über die Maßen chaotisch wirkt, vielmehr so als ähnliches in anderen Ländern, so liegt dies eben daran, daß Spiritualisierung keiner Veranlagung schwerer erreichbar ist, als gerade der deutschen. Der Deutsche muß über eine hemmende Erbanlage hinweg, durch alle Reflexion hindurch; er muß aus extremer Sachlichkeit heraus persönlich werden, kann nur auf dem Umwege um die Welt sich selber finden; die geraderen Wege sind seiner universellen und problematischen Natur verschlossen.

Einzelne Deutsche sind schon lange auf diesem Wege gewandelt, jedoch sie taten es im Gegensatz zu ihrer Zeit. Heute ist es eine ganze Generation, die ihn beschreitet. Und dieser Generation folgt hoffnungsvollen Blicks das ganze Volk, denn allzu deutlich hat der Weltkrieg gezeigt, daß ihm auf seiner letzten Entwicklungsbahn keine menschlich große Zukunft winkte. Es wird bereit sein, wenn aus dem Chaos einmal ein tanzender Stern geboren ward, diesen zum Führer zu nehmen. Dann wird der Typus nicht allein des universellen, sondern des spirituellen Deutschen bestimmend werden. Ist dieses aber geschehen, dann sollte es merkwürdig zugehen, wenn der universellst veranlagte, umfassendst gebildete, der lernbegierigste und arbeitsfreudigste Europäer es nicht zu hoher Bedeutung auf unserem erneuten Erdteil brächte Den praktischen Weg dazu weise ich in meinem Buch Politik, Wirtschaft, Weisheit(Darmstadt 1922)..

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