Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Graf Hermann Keyserling >

Philosophie als Kunst

Graf Hermann Keyserling: Philosophie als Kunst - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorGraf Hermann Keyserling
titlePhilosophie als Kunst
publisherOtto Reichl Verlag
printrunZweite Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150704
projectid8c20d2a7
Schließen

Navigation:

Vom Interesse der Geschichte

Wahres, echtes, geistiges und insofern einzig menschenwürdiges Interesse beginnt genau an dem Punkt, wo die Neugierde aufhört. Wohl lebt wahrscheinlich kein Mensch, dem Neubegier vollständig abginge. Aber diese Tatsache beweist nur aufs Neue, was jeder von uns schon weiß, daß es keine vollkommenen Menschen gibt. Der Trieb zur Erkenntnis, der sich in Form der Neugierde äußert, ist ein niederer Trieb im vollen Sinne des Wortes, und zwar deswegen, weil ihm sowohl ein sachlicher Vordergrund als ein seelischer Hintergrund fehlt. Weder strebt er nach dem Begriff objektiver Zusammenhänge, noch auch nach der Offenbarung des inneren Erlebnisses –: er erschöpft sich in der Sucht an sich, etwas Neues gesehen zu haben, ohne daß dieses Neue auch nur irgend etwas zu bedeuten brauchte. Darin aber besteht das Tierische im Gegensatze zum Menschlichen, daß dort die Lebensäußerung keinem geistigen Zusammenhang angehört und folglich niemals mehr ist, als ihr nackter Tatbestand, während sie hier, an sich selbst mit der tierischen oft identisch, Wirklichkeiten bedeuten und zum Ausdruck bringen kann, die unermeßlich viel größer sind als sie. Die Neugierde ist ein niederer Trieb, weil seine Befriedigung das ganze Erlebnis abschließt, weil dieses Erleben gar keins ist; was sich hier abspielt, läßt Geist und Seele unberührt. Wenden Sie mir nicht ein, gar viele der im höchsten Sinn erkenntnisdurstigen Menschen seien ohne Zweifel in erheblichem Grade neugierig gewesen, und diese Eigenschaft sei ihnen sogar zustatten gekommen: es ist dies die Wundergabe des Geistes, daß er sich jeden, auch den bedenklichsten Umstand zunutze zu machen weiß. Begegnen Sie mir nicht mit der vielleicht richtigen Theorie, daß aller Wissensdrang ursprünglich aus Neubegier hervorgegangen sei: die Entscheidung der Frage nach dem Ursprung beantwortet weder die nach dem Sinn, noch auch die nach dem Wert. Wenn die Ursprünge zu entscheiden hätten, dann könnte überhaupt kein Unterschied bestehen zwischen Mensch und Tier, zwischen blinder Notwendigkeit und bewußter Vernunft, zwischen Barbarei und Kultur, zwischen brutaler Sinnlichkeit und den sublimen Stimmungen einer tiefen seelischen Liebe –: denn überall ist wohl das Hohe aus dem Niederen hervorgegangen. Es beruht aber unser ganzes Menschsein eben darauf, daß wir solche Unterschiede anerkennen. Nein, der Erkenntnistrieb, dessen Wesen Neugierde ist, hat gar keinen Wert. Dies bezieht sich auch auf eine vielverbreitete Form des historischen Interesses, und um derentwillen habe ich diese Betrachtung über die Neugierde vor Ihnen angestellt: das Interesse an der Vergangenheit, das aus Sucht nach Abwechslung entspringt, das ein Gaffen durch die Zeit bedeutet, ist nicht ehrwürdiger als das Gaffen auf die Gasse. Wen keine tieferen Motive beseelen, wenn er das, was nicht mehr ist, ins Leben zurückzurufen strebt, für den wäre es besser, er bliebe ein Ignorant, gleichwie die meisten Gaffer interessanter wären, wenn sie nie auf die Straße hinausgeblickt und nichts gesehen hätten: denn dann wäre ihnen doch nicht alle Möglichkeit abgeschnitten worden, zu einem inneren Erlebnis zu gelangen.

Das ganze Interesse an den Tatsachen als solchen gehört ins Gebiet der Neubegier; auch dort, wo es in der schwersten Gelehrtenrüstung auftritt. Es ist an und für sich vollkommen gleichgültig, ob jene Schlacht am 3. oder 4. April geschlagen ward, ob Wilhelm Tell existiert hat, ob irgendeine noch so hochgestellte, längst verstorbene Person aufrichtig gewesen ist oder nicht. Die Tatsachen erhalten Sinn, Bedeutung und Interesse einzig und allein durch die Zusammenhänge geistiger Art, welchen sie eingeordnet werden. Treibe ich Geschichte, um Geheimnisse zu erfahren, ist mein Ziel erreicht, wenn der Kitzel ungestillter Kuriosität aufgehört hat, dann ist kein Wort über mich zu verlieren: ich bin ein Gaffer und weiter nichts. Tue ich's hingegen, um gewesene Wirklichkeit in der Dichtung neu zu schaffen, um Geist und Seele zu erweitern, um im Miterleben großen Geschehens von mir freizukommen, um in der Anschauung des Allgemeinen das kleinlich Besondere einzuschmelzen, tue ich's, um mich zu bilden, aufzuklären, um das Leben in seiner Ganzheit zu verstehen, dann hat mein Interesse Wert. Dieser Wertunterschied beruht aber augenscheinlich nicht auf den Tatsachen als solchen, welche in beiden Fällen die gleichen sein mögen, sondern auf den geistigen Zusammenhängen, die sie einfassen und tragen.

Es gibt offenbar unendlich viel Möglichkeiten, dem historisch Tatsächlichen und als solchen zunächst Gleichgültigen Bedeutsamkeit zu verleihen. Die Gegenwart im strikten Wortsinn ist eine hohle Abstraktion, was geschieht, verläuft notwendig in der Zeit: daher ist es unmöglich, einen Menschen auch nur zu denken, der keine lebendige Beziehung zur Vergangenheit hätte, oder umgekehrt eine lebendige Beziehung zu konstruieren, die nicht Vergangenes mit einschlösse; jedes Erlebnis umfaßt notwendig Verfließendes und Verflossenes zugleich. Allein in den meisten der Fälle bietet die Geschichte doch nur das Rohmaterial zu Zusammenhängen, welche das Individuum mehr oder weniger willkürlich schafft, und das geistige Interesse, das sich an diese knüpft, betrifft daher nicht das Historische als solches. Wer die Vergangenheit studiert, um sie dichterisch wiederzugebären, um im Erlebnis des Überindividuellen sein eigenes Leben zu steigern, um von einer merkwürdigen Episode ein deutliches Bild zu gewinnen, um ein Problem der Menschheitsentwicklung zu lösen, um seine psychologische Erfahrung zu bereichern; kurz, beinahe jeder, der Geschichte treibt, interessiert sich –: und sei er Historiker von Beruf –: nicht unmittelbar, sondern mittelbar für sie. Denn schließlich, der Dichter kann seinen Stoff auch der Zukunft vorwegnehmen, mein Ich erweitere ich gerade so gut durch Miterleben der umfassendsten Gegenwart, ein ungewöhnliches Ereignis gegebener Art könnte auch heute stattfinden (sein Ort in der Vergangenheit gehört nicht zu seinem Wesen), psychologische und biologische Probleme bedürfen der Geschichte als solcher, d. h. als eines bestimmtgearteten Prozesses von bestimmter Zeitlage und Dauer, nicht, um befriedigend gelöst zu werden. Ein mittelbares Interesse ist aber kein eigentliches Interesse, und wenn die Geschichte nur in diesem Sinn bedeutsam wäre, dann müßte ihr selbständige geistige Bedeutung abgesprochen werden, und ich, der ich kein Historiker bin und mich für kein einziges historisches Faktum im Besonderen interessiere, hätte Ihnen gar nichts zu sagen. Aber die Geschichte besitzt unmittelbares Interesse, und von diesem will ich heute versuchen zu Ihnen zu reden: die Geschichte kann nicht allein in geistige Zusammenhänge hineinbezogen werden, sie stellt selber einen solchen dar.

Freilich –: und ich möchte fast hinzufügen: leider nicht in dem Sinn, der dem Verstand am Nächsten liegt und am Willkommensten wäre: dem Sinn eines gesetzmäßigen Konnexes gleich dem, der sich im Naturverlaufe offenbart. Wohl läßt sich innerhalb alles geschichtlichen Werdens eine Wiederholung wenn nicht des Gleichen, so doch des Ähnlichen feststellen, auf Grund welcher allgemeine Sätze und Regeln formuliert werden dürfen. Das Verhalten der Individuen sowohl als das der Massen erscheint, sobald es im Großen betrachtet wird, überaus gleichmäßig, so daß ein erheblicher Teil politischer Begebenheiten mit Sicherheit vorauszuberechnen ist. Kein Wunder: den Grundtendenzen nach sind sich die Menschen alle gleich, nur in deren Bestimmung oder Bestimmtheit unterscheiden sie sich voneinander; diese Grundtendenzen aber sind es, die das Endergebnis alles Wollens und Treibens bedingen. Wohl mag der gewandteste Psycholog in besonderer, individualisierter Situation von einem Gänschen besiegt werden –: es gibt mehr Möglichkeiten der Vorstellungsverknüpfung, als der reichste Geist auf einmal zu übersehen vermag: es sind gleichwohl die. gleichen Künste gewesen, die Donna Elvira und Zerline verführt haben. Im Großen und Letzten will ein Goethe nichts anderes als ein Sancho Pansa, handelt eine Nonne nicht anders als Ninon de Lenclos; wo es mit den Resultanten des Seelenlebens zu rechnen gilt, ist oft ein beschränkter praktischer Menschenkenner dem weitblickendsten Genius überlegen. Das Geschehen, das man Geschichte heißt, wird nun zum weitaus größten Teil durch solche Resultanten bedingt, die Komponenten der Individuen kommen nur in seltenen und dann fast immer auch übersichtlichen Fällen in Frage –: deswegen erscheint das Leben desto einförmiger und gleichmäßiger, je weiter das Gesichtsfeld des Beobachters ist. Ja, erweitern wir den Kreis über alle Geschichte hinaus, abstrahieren wir nicht allein von der Individualität des Einzelnen, sondern auch von der der Völker, betrachten wir das Menschengeschlecht im Zusammenhang des Gesamtlebens, dann verschwinden zuletzt alle die Unterschiede, die sonst unüberbrückbar scheinen. Von einem gewissen, sehr hoch gelegenen Gesichtspunkte aus bedeutet die griechische Kultur nicht mehr als ein höchstes Züchtungsergebnis, wie man deren auch unter Pferderassen begegnet, kommt im größten Menschenschicksal nicht mehr zum Ausdruck, als im bescheidenen Dasein der Pflanze, und wenige Gesetze von äußerster Allgemeinheit, die für alles Lebendige gelten und in keinem einzigen Falle übertreten werden, schreiben aller Sehnsucht und Erfüllung Ziel und Richtung vor. Denn gewiß: die Kulturen und Völker entstehen, blühen auf, verwandeln sich, altern und sterben zuletzt, unentrinnbar wie nur irgendein Einzelwesen. Bei den historisch bedeutsamen Nationen lassen sich Entwicklungsstufen abgrenzen, auf welchen jede von ihnen, so weit unsere Erfahrung reicht, fortschreitend irgendeinmal gehalten hat. Ja es lassen sich sogar allgemeine Richtlinien des Fortschritts aufzeigen, durch welche die Zukunft aller nur möglichen Völker innerhalb gewisser Grenzen fest prädeterminiert erscheint. Diese Tatsachen und Erwägungen legen auf den ersten Blick nicht gerade die Vorstellung der Gesetzlosigkeit des historischen Werdens nahe, ja das Gegenteil erscheint so evident, daß ein sehr großer Geist, der unsterbliche Hegel, die Geschichte aus reiner Vernunft a priori zu konstruieren unternommen hat. Aber Hegel hat sich geirrt, und mit ihm irren alle, welche heute, unter welchen Voraussetzungen immer, die Geschichte als Gesetzeskonnex begreifen: die Normen und Regelmäßigkeiten, deren sich allerdings eine große Anzahl feststellen läßt, sind sämtlich sekundärer Natur; sie regeln lediglich den Weg des Geschehens, dieses selbst bedingen sie nicht. Es sind keine Gesetze der Geschichte. Gesetze der Geschichte könnten sie nur in dem Fall sein, wenn die Wissenschaft, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen, die lebendigen Individuen als solche ausschalten und als gleichartige Atome betrachten dürfte, von welchen keines eine mögliche Überraschung in sich schließt, wenn deren Gesamtheit nicht ihrerseits, wie dies doch offenbar der Fall ist, ein lebendiges und folglich unvoraussehbares Schicksal auswirkte, so dunkel der Sinn des letzten Begriffes immer sei. Wie die Zusammenhänge tatsächlich beschaffen sind, entgehen sie jeder wissenschaftlichen Fassung. Der tatsächliche Lauf des Geschehens, wohl zu unterscheiden von seinem typischen Rahmen, ist recht eigentlich eine Serie von Überraschungen, die keinem System eingegliedert werden können. Napoleons Geburt war auf keine erdenkliche Weise vorauszuwissen, und wäre dieser Mann nicht geboren worden, die Welt sähe heute anders aus. Die Folge der Individuen und deren Eigenart steht in keinem wissenschaftlich begreifbaren Plane vorvermerkt, und ebenso wesentlich unvoraussehbar ist die Art, wie diese sich äußern wird. Wittern Sie in dem letzten Satz keinen Widerspruch gegen das, was ich Ihnen vorhin auseinanderzusetzen suchte. Wie Napoleon sich im Allgemeinen verhalten würde, das hätte ein großer Psycholog, der eine Stunde mit ihm verplaudert, für die meisten Situationen vielleicht voraussagen können. Aber seine besonderen konkreten Handlungen, die haecceitas seines Wirkens, um ein gutes Wort der Scholastik anzuwenden, das Bestimmte, was er faktisch getan hat, das war überhaupt nicht vorauszuwissen, wie denn kein Erlebnis, so wie es ist, vom Verstand antizipiert werden kann. Gleiches gilt natürlich erst recht von den Gesamtorganismen, die man Kulturen, Völker heißt. Das Voraussehbare, auf Gesetze Zurückzuführende am historischen Geschehen betrifft den allgemeinen Rahmen der Gegebenheit, wie beschaffen diese immer sei, die Geschichte aber ist diese Gegebenheit selbst, in ihrem einmaligen, einzigartigen Verlauf, und vom Einzigen gibt es kein System. Was unter Gesetzen zu begreifen ist, ist das Nichthistorische an der Geschichte. Vielleicht wird Ihnen die Unzulänglichkeit aller theoretischen Konstruktionen lebendigen Zusammenhängen gegenüber durch die folgende Illustration ganz deutlich werden: ist der große Staatsmann etwa der, welcher genau so handelt, wie Berechnung dies als wahrscheinlich und richtig erscheinen läßt? Der die vernunftgemäßen Folgerungen aus dem zieht, was zu einer bestimmten Stunde gegeben war? O nein, sondern der ist es, welcher neue Momente ins Geschehen hineinbringt, welcher alle faktische Berechnung durch den Umstand zunichte macht, daß er die Grundlage möglicher Berechnung verschiebt. In diesem Sinn mag ein Staatsmann zuweilen am Klügsten handeln, indem er eine hanebüchene Dummheit begeht, denn diese mag die Kreise der Widersacher, die lediglich Vernünftiges erwarteten, denen niemals eine Dummheit eingefallen wäre, so gründlich stören, daß die Lage der Dinge mit einem Schlag verändert wird. Nein, das Leben ist keine Deduktion aus unwandelbaren Voraussetzungen, sein eigentliches Wesen ist das Schöpferische, d. h. die Fähigkeit, Ereignisse herbeizuführen, die aus den gegebenen Prämissen nicht abzuleiten waren, und wo in diesem Sinne Neues entsteht, dort versagt alle tote Theorie. Die Geschichte der Völker und Kulturen trägt gleichen Charakter, wie es die eines unendlich vielseitig und reichbegabten, wenn auch letztlich von den Schranken des allgemeinen Menschentums begrenzten Erfindergeistes täte, dem immerfort etwas Neues einfällt, der sich von Stunde zu Stunde verwandelt. Über einen solchen ist offenbar gar wenig ausgesagt, wenn man feststellt, daß auch seine Handlungen, Gedanken und Gefühle den Gesetzen der Logik und der Psychologie unterworfen sind, daß auch er geboren ward, jung war, alt wurde und schließlich starb.

Es gibt keine Gesetze der Geschichte. Mehr noch: Es kann keine solche geben, weil der historische Charakter eines Ereignisses eben in seiner Einzigkeit, seiner Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit besteht, weil die Geschichte die lebendige Wirklichkeit selbst bedeutet, nicht den Rahmen, innerhalb welches sie verläuft. Der Rahmen mag noch so unverbrüchlich feststehen, sich gleichbleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit: das historische Ereignis als solches ist jedesmal einzig in seiner Art. Keines, das einmal stattfand, kehrt wieder, keins ist künstlich wiederzuerwecken in dem Sinn, wie der Experimentator einen Naturvorgang, so oft er nur will, zu erneutem Ablauf zwingt. Aus diesem Grunde kann Geschichte niemals Wissenschaft im Sinn des Naturforschers sein, weiß dieser historischen Problemen auch selten Interesse abzugewinnen. Poincaré, der große französische Mathematiker, hat den Gegensatz, der zwischen dem Historiker und dem Naturforscher von Hause aus besteht, in der folgenden Gegenüberstellung gar anmutig veranschaulicht. »Johann ohne Land ist hier vorbeigezogen, welch' merkwürdiges, bedeutsames Ereignis!« mag jener sich begeistern. »Ich kann diesem Vorgang nicht die geringste Bedeutung zuerkennen,« erwidert ihm dieser, »denn er wird nie wiederkehren.« Allerdings, als gesetzmäßiger Konnex ist das historische Geschehen nicht zu begreifen. Allein der Naturforscher ist doch im Unrecht, wenn er ihm aus dieser Erwägung heraus, wie er's so gern tut, die geistige Bedeutung abspricht. Wenn der Zusammenhang des geschichtlichen Werdens kein solcher ist, wie derjenige des Werdens der Welten, so beweist das doch nicht, daß hier gar keiner vorläge. Neben dem Zusammenhang der Natur gibt es einen anderen, im gleichen Sinne freilich nicht begreifbaren, den man von jeher Schicksal hieß. Dieser entrinnt aller möglichen Wissenschaft. Schon im Fall der physisch-organischen Entwicklung tut er dies, denn auch diese verläuft anders von Fall zu Fall, und kein Organismus gleicht dem anderen. Sogar beim Huhn ist es eigentlich tiefsinniger, auf das Einmalige jedes Einzellebens hinzuweisen, als auf die Stadien, die jedes vom Ei bis zum Tode durchläuft. Das Physiologisch-Notwendige am Lebenslauf des einzelnen Menschen nun ist ein ganz unwesentliches Moment in seinem Schicksal, und Gleiches gilt erst recht von dem der Völker und Kulturen: nicht das Mindeste von Bedeutung ist über diese ausgesagt, wenn man ihre jeweilige Erscheinung auf den Rahmen ihres physiologischen Lebenslaufs zurückbezieht. Denn bei geistigen und seelischen Wesen ist der Sinn, die Bedeutung, der Erscheinung tiefster Grund. So wäre Geschichte schon dann auf Biologie nicht zu reduzieren, wenn jene sich, so wie dies manche wollen, in der Ablösung streng voneinander abgegrenzter Organisationstypen erschöpfte. Dies tut sie nicht: durch alle Sonderschicksale führt sie hindurch. Dank den Wundergaben der Erinnerung und des Verstehens, der Initiative im Geist und des Unterlassenkönnens gibt es für den Menschen eine Entwicklungskontinuität über alle Bio- und Morphologie hinaus; es gibt kumulierte Erfahrung, stetige Erkenntnisvertiefung, allgemeinen Fortschritt, zuletzt ein Menschheitsziel. Gewiß gibt es diese nicht im Sinn der Naturnotwendigkeit, wohl aber im Sinne geistiger Möglichkeit, und die verwirklicht sich durch alle Sondernotwendigkeit hindurch. Was in einer Hinsicht Alterserscheinung ist, bringt andererseits oft eine neue Erkenntnis zum Ausdruck, von der spätere ausgehen. Goethes letzte Weisheit braucht keine Jugend zu verleugnen. Mögen Buddhismus, Christentum, Sozialismus in bestimmter Beziehung Entartungserscheinungen oder Schlußstadien darstellen –: sie leiteten in anderer einen Fortschritt ein. Mögen die Individuen und Völker als bestimmt erlebende Subjekte noch so unvergleichbar erscheinen, sich untereinander noch so notwendig mißverstehen –: dank der Kontinuität des Geisteslebens gibt es doch eine Mensch heit, diese wird immer wirklicher, je mehr das Bewußtsein sich erweitert und vertieft, und die Menschheit, nicht die Menschen und Völker, ist der Geschichte eigentlicher Gegenstand, mag sie diesen oft noch so falsch behandelt haben. Nun ist Menschheit keine mögliche Erfahrung, sondern eine Idee; deshalb kann es von ihrer Entwicklung keine Wissenschaft geben. Diese kann nur Tatsachen als solche fassen, im Zusammenhang der Geschichte aber kommt es vor allem auf deren Bedeutung an. So bezeichnet denn die Vorstellung, daß es Gesetze der Geschichte geben könne, ein reines Mißverständnis: das geschichtliche Werden bildet freilich einen Zusammenhang, nur ist dieser ein völlig anderer, als der der Natur.

 

Meine Damen und Herren, das Glück des Kindes, die Sonnigkeit des frühesten Lebensabschnitts, wo alles für einen getan, wo nichts von einem verlangt wird, wo das Dasein als sorgloses Spiel verläuft, möchte kaum ein Erwachsener in Zweifel ziehen; auch der nicht, dessen persönliche Erinnerungen leidvoll sind. Wer immer zurückblickt und den Beginn seiner Laufbahn mit späteren Stationen vergleicht, erkennt im Entschwundenen, Unwiederbringlichen einen Zustand so seliger Art, daß auch die vollkommenste Gegenwart im Vergleich mit jenem herbe und brüchig erscheint. Aber seltsam: dem Kinde selbst ist seine Seligkeit fremd, es kennt sein Glück nicht. Wohl freut es sich leichter, häufiger, vollständiger als der Erwachsene, allein es leidet dafür auch heftiger, und zwar an Kleinigkeiten, welche dieser kaum überhaupt bemerkt. Und wöge nun ein Gott die Summe der kindlichen Glücksempfindungen gegen alle durchlebte Kindestrübsal ab, so dürfte der Zeiger in weitaus den meisten Fällen nicht fern von dem Punkte stillestehen, der die Glücksbilanz des Mannes bezeichnet, der sich sorgend durchs Leben schlägt. Nun hört man nicht selten die Behauptung: das Kind ist tatsächlich glücklich, weiß nur nichts davon. Ich möchte mir gerne klarmachen lassen, was das für ein Glück sein soll, das man nicht spürt –: Glück ist in objektivem Zusammenhang überhaupt nicht zu definieren. Wohl aber ist das Folgende wahr: das Kind versteht sich selbst und seinen Zustand nicht; es vermag ihn nicht zu übersehen. Deswegen kann es des Glücks, das der Erwachsene meint, unmöglich gewahr werden, denn dieses Glück besteht nur für den, der den Sinn der Kindheit begriff, und Kinder denken nicht so weit. Besinnen wir uns auf uns selbst: uns allen ist der Sinn unserer ersten Lebensjahre erst im reiferen Alter ganz deutlich geworden. Das Glück des Kindes tritt erst im Bewußtsein dessen zutage, der längst seine Kindheit hinter sich begrub. Erst der Rückblick ermöglicht den Überblick. –: In der Weltgeschichte, der Entwicklung des Menschengeschlechts, tritt das gleiche Verhältnis zutage, wie im Leben des einzelnen Menschen. Keiner, so weitblickend er sei, vermag seine Zeit tatsächlich zu übersehen, kaum einer bemerkt ihre großen Züge, nur wenige ahnen ihren geheimen Sinn. Kein Zeitgenosse Bismarcks hätte dessen Geschichte schreiben können, das Bild jener Epoche, das sich heute vor uns entrollt, ist nach vielen Richtungen hin noch undeutlich, und der Augenblick ist wohl fern, wo es gelingen wird, die wahren Zusammenhänge vollständig in richtiger Perspektive zu sehen. Denn die Zusammenhänge, die dem Einzelnen den Sinn verleihen, sind von diesem her nicht zu erkennen. Es ist im Großen nicht anders wie im Kleinen: die Fragen der Gegenwart beantwortet die Zukunft allein.

Woran liegt das?

Es liegt am Folgenden: das Leben ist ein rastloses Werden, das keinen Stillstand kennt. Immer ist es in Bewegung, immer gärt es, wächst es, schafft es, verwandelt es sich, und alles kommt immer anders, als es zu erwarten stand. Daher ist es erst zu übersehen, wenn es vorüber ist. Was gestern war, mag durch das Heute einen Sinn erlangen, den dazumal kein Seher hätte erahnen können, die Zukunft mag alle Schlußfolgerungen aus der Gegenwart zunichte machen, und die Zukunft ist endlos, rückt immer weiter hinaus, gleich ungewiß und rätselreich. Erst das Leben ist dem vollen Verständnis zugänglich, das keine Überraschung mehr in sich birgt, nur das vollendete Leben vermögen wir wirklich zu schauen. Das Lebendige am Leben aber ist sein fortwährender Neubeginn, und ist es jemals vollendet, dann ist es auch vorüber. So wird es uns erst deutlich, wenn es nicht mehr ist. Das Kind versteht nur der gereifte Mann, den Sinn seiner Sehnsucht nur der, der auf die Erfüllung zurückblicken kann, und der ganze Mensch mit seinem Lebenswerk wird erst nach seinem Tode übersichtlich. Nun ist wohl klar, daß die Geschichte für den, der das Leben verstehen will, dessen eigentlichster Ausdruck ist, ja der eigentliche Ausdruck schlechthin: denn erst als Geschichte ist sein Ausdruck vollständig. Solange es wird, fehlt immer noch etwas an der Wirklichkeit, ist noch nicht alles beisammen; erst als Gewordensein ist das Leben tatsächlich verwirklicht. –: Nun, das Interesse, das die Geschichte in diesem Sinne bietet, ist kein mittelbares, sondern ein unmittelbares. Im Spiegel des Verstandes, der nur Fertiges fassen kann, erscheint nicht die verfließende Gegenwart, sondern die abgeschlossene Vergangenheit als die eigentliche Wirklichkeit des Lebens.

Aber freilich ist diese Wirklichkeit nicht lebendig, sondern tot. Wenn sich daher das eigentliche Interesse der Geschichte in dem, was ich Ihnen soeben sagte, erschöpfen sollte, so ließe sich wenig dagegen erwidern, wenn jemand nun die Behauptung aufstellte: das eigentliche Interesse der Geschichte liegt an den Schranken des Verstandes, der nur Verstorbenes fassen kann, in einem tieferen Sinne besteht es nicht. Vermöchten wir nicht nur das Gewordene, sondern das Werdende selbst zu verstehen, vermöchte es der Erkenntnisprozeß, die Schöpfung im Entstehen zu fassen, so wäre damit das Interesse der Geschichte, das an der Unmöglichkeit eines unmittelbaren Erkennens haftet, erledigt und aufgehoben. Dies ist einesteils wirklich der Fall: ein Gott brauchte nicht das Ende eines Lebens abzuwarten, um dieses sich deutlich zu machen, er begriffe es in seinem Verlauf. Aber ist denn die Wirklichkeit nur insofern Geschichte, als sie verflossen ist? Ist sie nicht Geschichte an sich selbst? –: Die lebendige Wirklichkeit ist Geschichte. Das, was der Mensch nur als Gewordensein begreift, ist im gleichen Sinne wirklich als Werden. Die Geschichte macht das Leben nicht bloß deutlich für den Menschenverstand, das Leben verwirklicht sich tatsächlich erst in ihr. Es verwirklicht sich in ihr in dem lebendigsten, gegenständlichsten Sinne, daß die weiten, allgemeinen Zusammenhänge, die der Historiker rückschauend konstruiert, die Wirklichkeit selbst bedeuten. Sie sind des Einzelnen faktische Grundlage. Wie die Tondichtung nicht nur dem ein Ganzes bedeutet, der die Noten geheftet in der Hand hält, sondern gleichermaßen für den, der die Klänge sich folgen hört, wie die Melodie von Anbeginn an eine Einheit ist, obgleich diese erst am Schluß vollständig zutage tritt, im gleichen Sinn ist alles lebendige Werden als Werden schon Geschichte. Diese Einheit des Geschehens ist aber ein geistiger Zusammenhang, und um dessentwillen ist Geschichte im tiefsten Verstande interessant.

Wie beginne ich es nur, um Ihnen von der höchsten Wirklichkeit, die das Leben selbst bedeutet, von dem konkreten Allgemeinen, das allem Besonderen zugrunde liegt, das aber das Auge nicht mehr schauen und der Verstand kaum mehr denken kann, eine geistige Anschauung zu vermitteln? Vielleicht gelingt es am Besten, indem ich am Schwerverständlichen anknüpfe. Sie erinnern sich wohl aus Eckermanns Gesprächen der Stelle, wo Goethe seine Fortdauer nach dem Tode verlangt, weil er in diesem kurzen und beschränkten Leben seine sämtlichen Möglichkeiten nicht würde verwirklichen und in die Tat überführen können. Wollen Sie mir's glauben? Dem großen Mann ist geworden, was er gefordert hatte: seine gewaltige Persönlichkeit wächst noch heute fort, ja erst jetzt beginnt sie sich endgültig zu festigen und vollendet zum Ausdruck zu kommen. Es ist keineswegs sicher, daß Goethes sämtliche lebendige Kräfte schon aus dem Schlummer erwacht sind; gar vieles von dem, was sein Höchstes bedeutet, ist möglicherweise noch kaum zur Betätigung gelangt. Seltsam: in der Welt des Geistes scheint der Erdenwandel seiner Träger ungefähr das und nicht mehr zu bedeuten, wie die Kindheit in derjenigen der Natur. Beim Kind ist alles im Werden, alles Versprechen; kein Ausdruck ist eigentlicher Wesensausdruck, der Mensch, der das Wesen bezeichnet, tritt kaum überhaupt in die Erscheinung, und nur ahnungsvolle Seelen vermögen die vollendete Gestalt in der ungeformten Materie weissagerisch zu schauen. Im gleichen Sinn tritt bei geistigen Persönlichkeiten das Eigentliche meist erst spät nach dem Tode hervor. Wer Goethe wirklich war, erkennt die Menschheit erst jetzt, wo seine Bedingtheiten und zufälligen Eigenheiten gegenüber dem Grund seiner Natur an Interesse und Deutlichkeit verlieren; was Nietzsche bedeutet, ja wer er eigentlich war, das werden unsere Enkel erst ermessen können. Und nicht etwa deshalb, weil dann erst das Material beisammen sein wird, um ein vollständiges Gesamtbild zu entwerfen –: nein, in einem ganz unmittelbaren Sinne: erst dann wird Nietzsches Persönlichkeit, d. h. das schöpferische Prinzip seines Lebens über das bloß Stoffliche völlig Herr geworden sein. Daher sehen die, so einem Geist der Zeit nach am Fernsten stehen, diesen Geist tatsächlich am Nächsten, näher als seine Zeitgenossen, denn erst im Lauf der Geschichte wächst er vollständig heran; erst in einer Zeitspanne, die kein Individuum als solches durchlebt, gelangt die Seele zu vollendetem Ausdruck. Die Meisten von heute stehen dieser seelischen Wirklichkeit freilich skeptisch und mißtrauend gegenüber. Es ist ja wahr: der Mensch ist nicht Seele schlechthin, er ist deren Verkörperung in den Zufälligkeiten des Daseins, und wessen Blick von diesen gefangen ist, dem mag es schwer werden, das zeitlich begrenzte Leben, das im Erdenwandel des Individuums zum Ausdruck kam, als Teil des ewigen, das dieses überdauert, zu begreifen; er mag gern der Vorstellung huldigen, das empirische Leben sei die einzige Wirklichkeit, was darüber hinausgeht, sei Geschöpf der Einbildungskraft. Doch diese Vorstellung, so nahe sie liege, bedeutet eine irrtümliche Theorie, eine Konstruktion, die den Tatbestand fälscht: die Seele ist im tiefsten Sinne wirklicher als die jeweilige Lebenserscheinung, sie ist die lebendige Wirklichkeit schlechthin. Das Wirkliche an Christus war nicht der galiläische Wanderredner, dessen Wirksamkeit ein vorzeitig jähes Ende fand, es ist der lebendige Geist, der noch heute die Menschheit beseelt; das eigentlich Wirkliche an Kant nicht das schwerfällige Begriffsgebäude, innerhalb welches sein Genius Gestalt gewann, sondern dieser Genius selbst, der in alle Zukunft hinausleuchtet. Und daß dem tatsächlich so ist, wie schwer es immer zu fassen sei, tritt nicht allein bei Großen zutage, bei jedem von uns offenbart sich der gleiche Zusammenhang, so deutlich, daß er gar nicht in Zweifel zu ziehen ist. Keiner, so gering er auch sei, darf nach zufälligen Äußerungen beurteilt werden –: er mag unfrei handeln, sich selbst mißverstehen, von übermächtigen Verhältnissen äußeren Ursprungs am eigentlichen Ausdruck verhindert sein und so schlechter erscheinen, als er ist, oder auch nur anders, als er von Hause aus sein sollte –:; nur nach dem, der er wesentlich ist, darf der Mensch beurteilt werden, denn sonst wird er falsch beurteilt; das Wesentliche ist überall die Seele. Hierauf beruht denn auch die Unsterblichkeit der Typen, die größte Dichter erschufen, ihre selbstverständliche Ewigkeit, die kein Zufall vernichten kann: so lebendig, so eigentlich wie die Kunst, hat die Natur die Seele nie zum Ausdruck zu bringen gewußt. Hinter jedem Hellenen, der je seit Homer gelebt hat, steht der göttliche Dulder Odysseus, und es bedeutet mehr als eine geistreiche Redewendung, wenn ich behaupte, daß jener verschlagene Inselkönig, der möglicherweise nie existiert hat, doch von jeher wirklicher gewesen ist, als sämtliche Gestalten der Chronik. Es ist eben, wie ich Ihnen vorhin schon sagte, der Sinn der Erscheinung allertiefster Grund. Dessen Verwirklichung dient alles Werden, oder soll es doch tun. Wie Gottes Wille immer wieder durchkreuzt wird, wie böse Absicht, Blindheit oder Mißverstehen allzuviele so sehr um ihre Bestimmung bringt, daß man behaupten kann: nur die Größten hätten überhaupt ein Schicksal, denn nur bei diesen erweisen sich alle Zufälle als so bedeutsam, wie sie's in jedem Falle sein könnten: so bleibt Geschichte, empirisch betrachtet, immerdar ein Postulat, eben weil es letzthin nur Geistesgeschichte gibt und der Geist an der Materie ein widerspenstiges Medium hat. Dennoch bezeichnet dieses stetig-Mögliche, nie ganz Wirkliche, nach Verwirklichung Strebende, dieses, vom Intellekt her geurteilt, Sein-Sollende, nicht notwendig Seiende, auch innerhalb des empirischen Daseins dessen tiefste Wirklichkeit. Auch wenn er nie erfaßt würde, bliebe der Sinn der Erscheinung tiefster Grund. Es ist unmöglich, die Oberfläche tief zu verstehen, wenn man nicht jenem ständig Rechnung trägt.

Versuchen Sie es nicht, diese rätselvollen Zusammenhänge mit dem Verstande einzusehen: der Verstand steht ihnen ohnmächtig gegenüber. Dennoch sind sie wirklich, so wahr als irgend etwas wirklich ist. Keine Kritik wird den Sinn seines Primats entäußern, keine Überlegung die Tatsache aus der Welt schaffen, daß alles Leben erst in weiteren Zusammenhängen, als die Dauer des Einzelnen umspannt, ganz zum Ausdruck und zur Darstellung gelangt. In der Welt des reinen Geists ist sie freilich am Schwersten zu fassen; hier scheint sie eine jener mystischen Verknüpfungen, die der Dichter im Weltraum konstruiert, um Unmenschliches menschlich zu gestalten, dem Unbegreiflichen Bedeutung zu verleihen. Indessen, wenn dieser Zusammenhang mystisch sein soll, dann sind es sämtliche lebendigen Zusammenhänge, zumal die, welche selbstverständlich dünken. Im Augenblick wirklich ist überall nur der jeweilige Bewußtseinszustand, die Vergangenheit ist zeitlich tot, die Zukunft in der Zeit noch nicht geboren; wer die Wirklichkeit an ihrer Begreiflichkeit mißt, müßte folgerecht den Tatbestand des Alltagslebens leugnen. Der Mensch, der ich vor einer Stunde war, bin ich im strikten Verstande nicht mehr, jede Sekunde hat mich fortschreitend verwandelt, jede Minute meine Erinnerung bereichert, und wenn ich nun doch darauf bestehe, mit mir identisch geblieben zu sein, so behaupte ich etwas ebenso Mystisches, wie wenn ich sage, daß der Geist Goethes lebendig unter uns fortwächst. Wann stirbt der Mensch? er stirbt im Grunde jeden Augenblick. Wann hört sein Leben vollständig auf? Es ist kaum zu bestimmen. Es besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen den Phänomenen, daß das Wachstum des einzelnen Baumes Generationen in sich beschließt, von denen die älteren fortschreitend verholzen, daß das Infusionstierchen durch Zweiteilung sich fortsetzt, ohne jemals den Tod zu schmecken, daß Menschenmütter vor den Kindern sterben und dennoch in diesen ihren Seinsgrund sehen, daß ein Zustand lebendig in den folgenden übergeht und doch sich selbst für immer hinter sich begräbt, daß die Idee durch alles Mißverstehen hindurch unzerstörbar fortdauert und alles Menschenleben sich erst als Geschichte ganz verwirklicht –: denn was bedeuten sie allesamt? Sie bedeuten sämtlich das Gleiche: daß das Leben erst in weiteren Zusammenhängen, als die Dauer des Einzelnen umspannt, ganz zum Ausdruck und zur Darstellung gelangt, daß alles Empirische von einem Überempirischen seinen Sinn erhält. Wie das Kind erst im Erwachsenen und das Einzelleben erst im Tode vollendet wird, wie der große Geist erst im Lauf der Jahrhunderte, währenddessen sein Erdenwandel zur Legende verblassen mag, zur vollen Höhe erwächst, so greift alles Leben seinem Wesen nach von der Vergangenheit auf die Zukunft über, so ist die lebendige Wirklichkeit überall etwas Umfassenderes, als der greifbare Augenblick, und ein Bedeutsameres, als aus den Tatsachen als solchen erhellt.

Alles, was jetzt ist, hängt mit allem, was je war und je sein wird, innerlich zusammen. Nun aber gelangen wir zur wichtigsten, letztlich entscheidenden Einsicht: die Dimension, in der dieser Zusammenhang besteht, ist nicht die der Zeit, obschon deren Einsinnigkeit sowie die qualitative Einzigkeit jedes ihrer Abschnitte die Möglichkeit einer Geschichte empirisch definiert. Deren eigenste Dimension ist die, welche lebendige geistige Möglichkeit mit vollendeter Wirklichkeit verknüpft. Im Lauf der Geschichte lösen nicht allein mehr oder weniger tief zusammenhängende Ereignisse einander ab –: es verwirklicht sich ein Geist; dieser ringt, im Werden, durchs Werden hindurch, unaufhaltsam nach Ausdruck. Wo solches nicht der Fall ist, bedeutet das Geschehen nicht Geschichte: dort erschöpft sich das Werden im biologischen Prozeß, und alle Entwicklung, ja aller Fortschritt, der sich nachweisen läßt, trägt doch unhistorischen Charakter, weil er kein Streben nach höherem Ausdruck verkörpert. Erst wo dieses bewußtermaßen vorliegt, wo das noch so dunkle Gefühl einer Mission den Willen lenkt, kann es Historie geben. Deshalb darf man von einer Geschichte der Erde, der Organismen, ja aller bloß im Biologischen sich auswirkenden Menschengeschlechter nicht eigentlich reden: Geschichte gibt es allererst, wo der Sinn des Werdens oberhalb des Biologischen liegt. Letzterer Fall liegt nun vor, sobald ein Wille zur Kultur besteht. Dieser ist aus der Biologie heraus nicht zu verstehen, sondern einzig aus geistigem Ausdrucksstreben. Als Kulturschöpfer ist der Mensch nicht mehr Naturwesen, sondern Verkörperer eines Geists, der sich fortschreitend individuell, persönlich, völkisch, menschheitlich darstellt. Diese Reihenfolge besteht, obschon das Gemeinschaftsbewußtsein vor dem persönlichen erwacht, denn geht der Einzelne auch in der Gruppe völlig auf, so ist es doch kein innerlich ergriffenes, sondern ein äußerlich aufgedrängtes Allgemeines, aus dem heraus er lebt; seine letzte persönliche Instanz ist seine Individualität. Es liegt aber dem Konkret-Besonderen ein Konkret-Allgemeineres innerlich zugrunde, und das Bewußtsein wurzelt immer mehr in diesem, je mehr es sich vertieft. Zutiefst liegt ein völlig Allgemeines (oder doch etwas, das vom Verstand nur so zu fassen ist); die Einzigkeit ist dessen empirischer Exponent. Deshalb führt Selbstvertiefung notwendig gleichzeitig zur persönlichen Höchstentwicklung und zur Universalität; eben deshalb wird aus den Menschen, je mehr sie sich differenzieren, immer mehr eine Menschheit. In diesem Sinn sind alle Kulturen, ob empirisch noch so einzig, letztlich Sonderausdrücke des Menschheitsstrebens. Die Menschheit, dem ersten Anschein nach eine Abstraktion, auf kantisch ausgedrückt, eine Vernunftidee, bezeichnet eine überempirische Wirklichkeit. Sie gibt letzthin dem Einzelstreben Sinn; sie bedingt überhaupt, daß wir streben. Nur weil sie in jedem Menschen wirkt, fühlt jeder, sofern er geistig lebt, daß er eine Bestimmung hat, denn für sich allein kann keiner eine haben. Deshalb spricht man mit vollem Recht von Menschheitsgeschichte; man könnte weitergehen und sagen: eigentlich gibt es Geschichte nur von der Menschheit, nicht von den Völkern und Kulturen. Diese ist ein einiger geistiger Zusammenhang. So sind denn die jüdisch-christliche Mythe, die Theodicee des Mittelalters und vor allem Hegel, trotz ihrer Irrtümer, der Wahrheit näher gewesen, als die modernen Atomisten und Morphologen. Wohl realisiert das Menschengeschlecht in seiner Laufbahn keinen vorgezeichneten Plan, wohl gibt es nirgends notwendige Entwicklung. Die Geschichte gehört ganz und gar dem Kantischen Reich der Freiheit an, weshalb alle ihre bestimmten Abschnitte, empirisch betrachtet, zufällig erscheinen. Nichts muß in ihr stattfinden, jedes Ziel kann verfehlt werden, keins wird je ganz erreicht. Und doch geht durch alles noch so vielfältige Werden, sofern es historisch ist, ein einiges Streben hindurch, ein Streben nach immer stärkerem, immer vollkommenerem Ausdruck. Jede einzelne Kultur hat letztlich dies gewollt, jeder Einzelmensch von historischer Bedeutung wollte Gleiches. Dieses Streben bedingt eine wesentliche Kontinuität, die noch längst nicht alle Erscheinung durchdrungen hat, doch von jeher in zwei Umständen ihren Ausdruck fand: daß alle Völker absolute Ideale verwirklichen wollen, und jedes Errungenschaft zum Sprungbrett einer späteren wird. Alles wesentliche Streben postuliert Kontinuität und verneint die Grenzen. Jetzt werden Sie jene früheren Ausführungen wohl verstehen, mit denen ich den Nachweis, daß es keine Gesetze der Geschichte geben könne, abschloß: tief verstanden, ist die Menschheit das Primäre gegenüber den Völkern und Menschen. Daran vermag keine Diskontinuität der Erscheinung etwas zu ändern. Jetzt werden Sie auch verstehen, inwiefern Goethe nach seinem Tode fortwachsen kann: seine Vollendung hat er während seines Erdendaseins nicht gefunden, und doch war Streben nach dieser seine tiefste Wirklichkeit. Dieses Streben, an sich ein Überzeitliches, tritt nun als Geschichte, und als solche allein, in die Erscheinung. Es verwirklicht sich in einsinniger Folge qualitativ verschiedener einziger Zustände, von denen jeder notwendig, keiner ersetzlich, noch außer dem Zusammenhang zu verstehen ist –: nicht anders wie eine musikalische Komposition. Wer daher keinen Sinn für das Einmalig-Einzige hat, wird das Allgemeine nimmermehr fassen. Andererseits: wer für die Vergangenheit als solche kein Verständnis hat, wer die Zukunft nicht lebendig in sich trägt, wird die Gegenwart niemals verstehen. Und nicht etwa, weil er die genauen Ursachen gewisser Zustände und Ereignisse nicht zu beurteilen vermöchte, nein aus einem wesentlich tieferen Grunde: weil Gegenwart und Vergangenheit überhaupt nicht zu trennen sind. In jedem Zustande vollendet sich der vorhergehende, gleichviel ob es für unsere Begriffe aufwärts oder abwärts geht. Es ist ein Leben, das vom ersten historischen Menschen bis zu uns hinaufführt, und nur im Zusammenhang des Ganzen ist das Einzelne wahrhaft wirklich. So ist denn die Geschichte nichts anderes als das Menschenleben selbst. Die kurze Spanne mit ihren flüchtigen Inhalten, die uns besonders wirklich dünkt, die Individuen, Zustände, die einzelnen Ereignisse, sie bedeuten in Wahrheit Abstraktionen. Das eigentlich Konkrete am Leben ist sein Gesamtzusammenhang. Deshalb ist Geschichte im tiefsten Verstände interessant.

 

Hieraus erklärt sich der Fluch, der auf den Zeiten ruht, welchen der historische Sinn abhanden kam, in welchen abstrakte Überlegung das Leben zu meistern sich vermaß. Gewiß, die Französische Revolution bedeutet, ihrem tiefsten Sinn nach aufgefaßt, ein berechtigtes und fruchtbares Entwicklungsstadium. Das Leben war den einstigen Rahmen entwachsen, und da diese von selbst nicht zerfallen wollten, so mußten sie wohl zersprengt werden. Aber was haben die Ideologien von 1789 bewirkt, deren Verwirklichung das bewußte Ziel der Bewegung war? –: Die Dezimierung des wertvollsten Menschenschlages, den Frankreich besaß, die Erstickung unzähliger sozialer Lebenskeime, die zeitweilige Unterbrechung der normalen Rassenentwicklung, kurzum, eine Vergewaltigung schlimmster Art. Die dauernde Wirkung der Verirrung war freilich zunächst gering; in dem Sinn, auf welchen es abgesehen war, hat vielleicht gar keine stattgefunden, denn da das Volk seinem Kerne nach gesund war, so setzte es seine natürliche Entwicklung fort, unbeirrt durch die Vorspiegelungen der Theorie. Aber jetzt, wo es seiner physiologischen Erschöpfung nahekommt, so jugendfrisch sein Geist noch immer sei, treten konkrete Folgen der jakobinischen Abstraktionen an den Tag, und diese sind schlimm. Man lasse sich durch zeitweiligen Lebensfrenetismus nicht beirren: Frankreich stirbt. –: Was steht unserem ganzen Zeitalter bevor, in dem das Streben immer mehr die Oberhand gewinnt, aus reiner Vernunft heraus, ohne Berücksichtigung der wirklichen Verhältnisse, dem Menschengeschlecht eine bessere Zukunft anzubahnen? –: Ohne Zweifel das Gegenteil des erstrebten Glückszustandes, falls das Leben sich nicht noch einmal stärker erweisen sollte, als das tote Gewicht der Theorie, und die Macht, die dem Bösen zustrebt, zum Guten zu ablenkt. Denn der historische Zusammenhang läßt sich nicht zerreißen, ohne daß das Leben selbst dadurch vernichtet oder wenigstens verstümmelt würde. Versetzen Sie einen Wilden plötzlich in das Großstadtleben hinein –: Sie bringen ihn um in kürzester Frist. Reißen Sie den Bauern von heute auf morgen aus seinem gewohnten Lebenskreis heraus, und er wird nur zu bald degenerieren. Rauben Sie einem Volk seinen altbewährten Lebensrahmen, zerbrechen Sie ihn aus noch so plausiblen theoretischen Gründen, das praktische Ergebnis wird immer ein verderbliches sein: denn die Geschichte läßt sich nicht spotten. Wie aus dem Kinde durch kein Dekret ein Mann zu machen ist, es muß ihm Zeit gelassen werden, so läßt sich auch die historische Entwicklung nicht wesentlich abkürzen, und wird sie durchschnitten oder in eine falsche Bahn gelenkt –: nun, so endet das Leben mit dem Tod. Durch Abstraktionen ist nichts Gutes zu erreichen. Die vollkommensten aller Gesetze, einem Volke aufoktroyiert, das aus Gründen seiner Eigenart unfähig ist, sie als selbstverständliche Lebensformen anzunehmen, erweisen sich als Quellen des Verderbens. Deshalb sind gar häufig Institutionen, die in abstracto höchst mangelhaft erscheinen, besser und zweckmäßiger als alle, die Vernunft je hervorbringen könnte. In England, dem politisch am Höchsten entwickelten Land der modernen Welt, gibt es kaum überhaupt Gesetze in unserem Sinn: die Lebenserfahrung unbegrenzter Generationen, in organische Gepflogenheiten gebannt, gibt dort dem Geschehen die Richtung, und als lebendige Form bringt sie mehr und Besseres hervor, als alle noch so einwandfreie Theorie.

Wir leben allerdings in einer Zeit, in der das Leben durch Abstraktionen sehr ernstlich gefährdet ist. Wir gehören überdies zu einem Reich, dessen Bewohner zum größten Teil noch nicht genügend durchgebildet sind, um sich selbständig organisch zu entwickeln, und das will sagen: um historisch zu fühlen und zu denken. Gesetze werden auf Gesetze getürmt –: nehmen wir an, eines besser als das andere; doch der Wert, der sich in der Praxis erweist, steht selten im Verhältnis zu den Vorzügen der Theorie. Sie werden jetzt alle verstehen, daß dem nicht anders sein kann. Aus der Lebensfremdheit heraus ist das Leben nicht zu verbessern. Aber zugleich muß Ihnen allen auch unsere, die baltische Kulturaufgabe deutlicher denn je ins Bewußtsein getreten sein. Wir sind ein Volk, das sich organisch entwickelt hat, wir fühlen historisch, wissen historisch zu denken. Mehr denn je gilt es heute, angesichts immer drohender sich ballender Begriffsgebilde, den historischen Sinn wach zu erhalten und, wo dieser schlummern sollte, zu wecken, denn im Chaos, das uns umgibt, stellen wir einen wenn auch noch so kleinen lebendigen Organismus dar, und das ist gewiß: nur das Volk geht den Weg des Lebens, das sich lebendig fühlt, und nur das darf unbekümmert in die Zukunft blicken, das sich seiner Vergangenheit stolz und kraftvoll bewußt ist.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.