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Philosophie als Kunst

Graf Hermann Keyserling: Philosophie als Kunst - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorGraf Hermann Keyserling
titlePhilosophie als Kunst
publisherOtto Reichl Verlag
printrunZweite Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150704
projectid8c20d2a7
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Ost und West auf der Suche nach der gemeinsamen Wahrheit

Ihnen allen wird es wohl, mehr oder weniger deutlich, bewußt, sein, daß das ungeheure Interesse, welches neuerdings bei uns im Westen für die Kulturerscheinungen des Ostens zutage tritt, etwas anderes bedeutet, als eine bloße Verbreiterung jenes Interesses am Fremdartigen, das uns beweglichen Okzidentalen von jeher eigentümlich gewesen ist. Mit diesem haben Sie niemals sympathisiert. Mit Recht haben Sie immer gemeint, daß das Interesse nicht allein des Globetrotters, sondern auch des wissenschaftlichen Forschers letztlich auf Neugier beruht, und in solcher einen Vorzug, ja nur ein Berechtigtes anzuerkennen, dazu wollen Sie sich nicht leicht verstehen. Rein sachliches Interesse, so hoch es über persönlichem stehe, ist doch noch kein wesentliches Interesse; wesentlich ist immer nur das, welches das Wesen, das innerste Selbst, das überpersönliche Subjekt zum unmittelbaren Hintergrund hat. Und wer nur Wesentliches gelten läßt, wer überall vom Wesen her urteilt, wie der Orient dies immer getan hat, den muß aller Sinn für die Erscheinung als solche allerdings als ein Zeichen der Unwesenhaftigkeit anmuten. Bei dem Interesse nun, das neuerdings im Westen für den Osten erwacht ist, und das, wenn zunächst auch nur von wenigen innerlichst empfunden, doch schon demjenigen der Mehrzahl seine eigentümliche Färbung verleiht, haben Sie das instinktive Gefühl, daß es sich um Wesenhaftes handelt. So fühlen Sie sich –: wohl zum erstenmal, seit Sie uns kennen –: getrieben, uns entgegenzukommen. Ihr Instinkt ist richtig. Die Männer, die sich heute am Brennendsten für den Osten interessieren, sind von allen die, welche am Wenigsten mit Neubegier behaftet sind; sie gehören einem Typus an, der noch vor wenigen Jahrzehnten nicht im Traum daran gedacht hätte, über die Grenzen des westlichen Kulturkreises hinauszublicken. Es sind die Männer, die gleich allen Wesenhaften, Ernsthaften, Tiefen ausschließlich mit sich selbst (im metaphysischen Sinn) beschäftigt sind. Wie kommt es, daß diese jetzt nach außen blicken –: etwas, was Ihre Weisen doch nie getan haben? Wie kann es sein, daß sie um ihrer selbst willen –: denn so ist es doch wohl –: eine fremde Kulturerscheinung studieren? Das ist es, was Ihnen rätselhaft bleibt, so wenig Sie am Tatbestande zweifeln können. Ich will versuchen, diese Ihre stumme Frage, so gut ich's vermag, zu beantworten.

Gewiß: das, worauf es ankommt, kann keinerlei Außenwelt einem geben. Die ganze reiche Natur liegt ausgebreitet vor uns, und wir schauen sie nicht; das gewaltigste Geschehnis bricht über uns herein, und es verwandelt uns nicht; die größten Männer treten uns in den Weg, und wir erkennen sie nicht; die tiefsten Gedanken vernehmen wir, und wir verstehen sie nicht. Verständnis kann nimmer von außen kommen. Deswegen hatte Ihr großer Weiser Konfuzius es sich zum Grundsatz gemacht, seinen Ausspruch nicht zu wiederholen, wenn er auf eine Seite eines Verhältnisses hingewiesen hatte und sein Zuhörer die übrigen drei nicht von selbst entdeckte; er meinte, wo das Verständnis nicht entgegenkommt, dort sei überhaupt nicht darauf zu rechnen. Das Äußere bedeutet immer nur so viel, als der innere Mensch daraus zu machen weiß –: was aber dieser daraus machen kann, hängt von seiner Bewußtseinslage ab, die einer unmittelbaren Beeinflussung von außen her nicht zugänglich ist. So haben sogar Buddha und Christus, deren Botschaft doch die ganze Menschheit betraf, die Einfältigen nicht minder als die Weisen, so wie sie's meinten, nur auf ganz wenige Auserwählte gewirkt, nämlich auf die, deren Inneres die äußere Erfahrung antizipiert hatte. Den Übrigen blieben sie Exponenten dunkler Ahnungen, wie andere Götter auch; der Masse hat der neue Glaube genau nur insoweit zum Fortschreiten verholfen, als er eine Verbesserung der Lebensführung nach sich zog, die dann ihrerseits dem spontanen Wachstum der Seele zugute kam. Jeder ist, wie er sich auch stelle, auf sein eigenes Denken, sein eigenes Erfahren, sein eigenes Streben und Vollbringen im Letzten angewiesen. Doch nun bitte ich Sie, die Kehrseite des gleichen Zusammenhangs ins Auge zu fassen. Es sei, daß einer zu einer Zeit, da eine Erkenntnis (philosophischer, religiöser oder ethischer Natur) in ihm aufzudämmern beginnt, einer Persönlichkeit oder einer Geistesgestalt begegnet, welche die gleiche Erkenntnis klar und vollendet zur Darstellung bringt –: was dann? In diesem Falle wird die äußere Begebenheit von außerordentlicher Bedeutung sein; sie kann die innere Entwickelung auf kaum glaubliche Weise beschleunigen; sie kann dort zur Selbstverwirklichung führen, wo solche sonst überhaupt nicht zu gewärtigen war. Da nämlich unsere psychischen Organe ursprünglich nach auswärts gerichtet sind, so wird uns an uns selbst immer nur das Fertige deutlich bewußt –: der Gedanke, der seinen Ausdruck gefunden, der Entschluß, der schon zur Tat geführt, die Wandlung, die bereits vollzogen ist; was, erst im Werden, unsere Entwicklung von innen her bestimmt, davon wissen wir nicht, das können wir nicht zum Motiv bewußten Strebens machen. Aber da wir unsere Zukunft doch schon leben, obschon sie noch nicht in die Erscheinung getreten ist, obschon sie noch kaum ihren Schatten auf das Bewußtsein vorausgeworfen haben mag, so erkennen wir uns sofort in dem Anderen wieder, der unser Streben vor uns verwirklicht hat. So gelangen wir oft, dank äußerer Anschauung, mit einem plötzlichen Ruck zu eben dem Ziel, dem sonst nur langwierige, gradweis verlaufende Entwicklung uns zugeführt hätte. In diesem Sinne haben sich die »Auserwählten« zu Christi und Buddhas Zeiten in diesen wieder- oder genauer vorauserkannt, in gleichem Sinne hat jeder von uns es erfahren, wie eine längstbekannte, bisher aber kaum gewürdigte Gedankenreihe mit einem Mal grundlegende Bedeutung gewann: es war jedesmal genau in dem Augenblick, da wir im Verlauf natürlichen Wachstums den Punkt erreicht hatten, wo wir den Gedanken ganz fassen konnten. Empirisch betrachtet, hängt sonach der lebendige Wert einer äußeren Begebenheit ganz von dem »psychologischen Momente« ab, in dem sie uns betraf. –: Meine Herren, einem solchen psychologischen Momente ist es zu verdanken, daß die östliche Kultur –: an sich vom Standpunkt des Westens ein rein Äußeres, das ihn nicht das Mindeste angeht –: mit einem Male gerade für die Tiefen, die Ernst- und Wesenhaften unter uns eine schwer zu überschätzende Bedeutung gewonnen hat.

Um Ihnen den Tatbestand, um den es sich hier handelt, ganz deutlich zu machen, müßte ich Ihnen in einer kurzen Stunde die Gesamtgeschichte der okzidentalischen Geistesentwicklung auseinandersetzen, was offenbar unmöglich ist. So werde ich mich auf eine einzige Seite des Problems beschränken. Gelingt es mir, diese wirklich stark zu beleuchten, so wird einiges Licht auch auf die übrigen hinüberstrahlen, so daß Sie nachher vielleicht von selbst auf manches von dem kommen werden, was ich heute Ihnen mitzuteilen unterlassen muß.

 

Der gewichtigste Vorwurf, der seitens der besten Männer des Orients allgemein gegen die westliche Zivilisation erhoben wird, betrifft deren materialistischen Charakter. Sie meinen, die Nationen des Okzidents wendeten soviel Aufmerksamkeit auf die Mittel zum Leben, daß sie das Leben selbst darüber vergäßen. Der Vorwurf ist berechtigt. Unser Erfolg auf den Gebieten der Wissenschaft, der Mechanik, des Lebenstechnik überhaupt hat es dahin gebracht, daß unsere ganze Aufmerksamkeit für den Augenblick nach auswärts gerichtet ist, welches zur Folge hat, daß das Eigentliche unter dem ungeheuer komplexen Apparat vergraben und verloren scheint. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um nicht mehr als ein Übergangsstadium. Die meisten und besten unserer führenden Geister sind sich der Gefahr vollauf bewußt, sie setzen ihre ganze Kraft darein, einer Fortdauer oder gar Verschlimmerung des bedenklichen Zustands entgegenzuwirken, und die Zeit liegt nicht mehr fern, wo die Organe und Werkzeuge, die zeitweilig eine schier unabhängige Existenz geführt und sich nicht selten zu Selbstzwecken aufgeworfen hatten, dem zentralen Leben wieder untergeordnet und von diesem her beseelt sein werden. Doch dies nur nebenbei. Ich habe diesen Tatbestand, der Ihnen allen wohl geläufig ist, nur deshalb berührt, weil genau die gleiche Art Entwicklung in der Sphäre des Geistes stattgefunden hat; was Ihnen aufgefallen, ist also typisch für den Kurs westlichen Fortschreitens überhaupt. Betrachten wir das geistigste aller Gebiete, dasjenige des Fortschrittes der philosophischen Erkenntnis. Das Denken, gleich jedem Organisieren, ist ein Mittel, sich die Wirklichkeit botmäßig zu machen; zum Denken, wie zu jeder sonstigen Betätigung, bedarf es der Organe und der Werkzeuge, und hier wie überall hängt der Erfolg der Arbeit zum sehr großen Teil von der Qualität des Werkzeuges ab. Die Werkzeuge zum Denken sind die Begriffe. Verwende ich die entsprechenden Begriffe einer Erscheinung gegenüber, so verstehe ich sie ganz; sonst nur unvollständig oder gar nicht. Die Werkzeuge nun, dank denen allein das Denken im höchsten Sinn erfolgreich sein kann, sind im Westen zu sehr früher Zeit zu sehr großer Vollendung gebracht worden, zu einer Vollendung, die vom Osten nie auch nur annähernd erreicht worden ist. Die Griechen sind es, und unter diesen vornehmlich Platon und Aristoteles, denen wir die Erfindung jenes machtvollen Begriffsapparates verdanken, der es dem Menschen seither ermöglicht hat, sich die Außenwelt fortschreitend zu unterwerfen.

Seit den Griechen sind wir auf dem eingeschlagenen Wege stetig vorwärts gekommen –: ich sage stetig, weil die Perioden des Stillstandes und des Rückschritts, die gewiß nicht ausblieben, auf dem Gesamtbilde kaum ins Auge fallen. Unsere Werkzeuge sind stetig vervollkommnet worden, und schon heute dürfen wir ohne Übertreibung behaupten, daß sich kaum eine äußere Erscheinung mehr denken läßt, deren Meisterung im Prinzip nicht möglich erschiene. Allein die Außenwelt umfaßt nicht die ganze Wirklichkeit. Wenden wir uns dem zu, was übrigbleibt, wenn man die Außenwelt abstreicht –: der inneren Wirklichkeit, dem Geiste, dem Leben, wie immer man es heißen mag –:, so erweist es sich, daß die westliche Entwicklung nicht nach allen Richtungen hin in positivem Sinn verlaufen ist; der Fortschritt im Erfassen und Realisieren der inneren Wirklichkeit hat mit dem im Erfassen der Außenwelt nicht Schritt gehalten. Wohl redeten die frühesten griechischen Denker aus tiefster Seele heraus, und ein Gleiches gilt von den frühesten Meistern der Christenheit. Die späteren, die einen ausgebildeten Begriffsapparat als Erbe überkamen und von der Schule auf dazu erzogen wurden, ihre Hauptaufmerksamkeit diesem zuzuwenden, sich ganz auf diesen zu verlassen, verloren immer mehr und mehr ihre unmittelbare Beziehung zur inneren Wirklichkeit. Da sie sich dessen aber doch bewußt blieben, daß eine solche Wirklichkeit existiert, so suchten sie nach ihr dort, wo sie sich zu Hause fühlten: nämlich außer sich. Nun ist es aber schlechterdings unmöglich, sein innerstes Selbst zu entdecken, indem man nach außen blickt. Jene frühen Philosophen verkannten diesen Umstand –: genau im gleichen Sinn, wie dies die modernen Sozialpolitiker tun, die nicht zu begreifen scheinen, daß Glück etwas Innerliches ist und daher durch Verbesserung der äußeren Lebensumstände nicht herbeigeführt werden kann. Gleich diesen gingen auch jene von der Voraussetzung aus, daß innere und äußere Wirklichkeit auf einer Ebene belegen sind, und da die innere Wirklichkeit in der den Sinnen zugänglichen Sphäre nachweislich nicht Platz findet, so lokalisierten sie dieselbe im Reiche der abstrakten Ideen. So ward die metaphysische Wirklichkeit zuletzt ganz mit den äußeren Begriffen identifiziert, welche die Grenze nicht der Welt, sondern des menschlichen Abstraktionsvermögens bezeichnen. –: Was bedeutet dieser Prozeß? Er bedeutet, daß die Denk mittel mit der Substanz verwechselt worden sind. Es bedeutet mithin eben das, was der Osten der westlichen Zivilisation im Allgemeinen zum Vorwurf macht: daß der Westen vor lauter Interesse an den Lebensmitteln des Lebens selbst vergißt. Es ist also wirklich ein einheitliches Prinzip, das die gesamte westliche Entwicklung vom Altertum an zu beherrschen scheint. –: Nun, vom konkreten Leben handelten wir bereits. Ich sagte Ihnen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo das Leben die entseelte Maschinerie von Neuem durchseelen wird, wo die emanzipierten Organe aufs Neue vom Geiste unterworfen sein werden, und will in diesem Zusammenhange gewissen, im Osten sowohl als im Westen verbreiteten Anschauungen gegenüber nur noch kurz bemerken, daß wenn dies geschehen ist, der erreichte Zustand unzweifelhaft als ein höherer anzusprechen sein wird, als es derjenige war, wo die Seele zwar herrschte, doch der Organe und Werkzeuge entbehrte. Die Reaktion nun, die sich auf dem Gebiet des konkreten Lebens erst seit Kurzem bemerkbar macht, hat auf demjenigen der Religion und Philosophie schon vor Jahrhunderten eingesetzt. Hier begann sie mit dem Augenblick des endgültigen Sieges der hellenistisch-christlichen über die antike Bewußtseinsform. Das Christentum –: ich gebrauche das Wort hier als zusammenfassende Bezeichnung für alle geistesverwandten Strömungen jenes Zeitalters (Gnosis, Neo-Platonismus usw.), weil sie alle an der Gestaltung des Christentums teilgenommen und andererseits nur insofern fortgelebt haben, als sie Bestandteile dieser Religion geworden sind –: das Christentum lehrt, das Himmelreich sei inwendig in uns, jede einzelne Seele habe teil an der Unendlichkeit. Diese Lehre bedeutete die unantastbare und auch unangetastete Voraussetzung aller Denker der frühchristlichen Ära. Da diese jedoch, ihren klassischen Meistern treu, nicht minder fest von dem Anderen überzeugt waren, daß jenes Unendliche in der Sphäre der abstrakten Ideen zu finden ist, so konnten ihre Denkbemühungen nicht umhin, zu dem Ergebnis zu führen, das seither unter dem Namen Scholastik bekannt ist –: einem System, das in absonderlicher, ja ungeheuerlicher Weise echte Tiefe unter einem haltlosen Begriffsgebäude verbirgt. Die Scholastik hat gewähnt –: ich erlaube mir, da es uns um historische Exaktheit im Augenblick nicht zu tun ist, das Problem der Deutlichkeit halber ein wenig zu vergewaltigen –:, die empirische Wirklichkeit könne von der Gottesidee nach formallogischen Gesetzen abgeleitet, und umgekehrt Gott von der Natur her aufsteigend erschlossen werden. Nun hat die Logik mit der Mathematik den großen Vorzug gemein, daß jede Möglichkeit sehr schnell erschöpft werden kann (da ja sämtliche Möglichkeiten und Grenzen mit dem Problem zugleich gesetzt und gegeben sind), daher erwies es sich vor allzulanger Zeit, daß das ganze Unterfangen auf einem Urteilsfehler beruhe. Es geht nicht an, auf induktivem Wege zum Absoluten aufzusteigen, noch ist es möglich, vom Absoluten durch Deduktion das Einzelne abzuleiten. Die erste Konsequenz dieser Entdeckung war eine Periode traurigster Verflachung. Die Denker des 18. Jahrhunderts gingen soweit, alles Sein zu leugnen, das sich durch die Sinne nicht nachweisen und den an der Erfahrung orientierten Verstand nicht erschließen lasse, und da in der Tat nichts auf Dasein Anspruch erheben kann, das den Gesetzen der Natur und des Geistes in deren Sphäre widerstreitet, so schien es zeitweilig wirklich, als sei die Seele und mit ihr alle Metaphysik als Wahngebild und Schattenspiel entlarvt. Da jedoch erstand jener größte Heros des kritischen Gedankens, den die Welt je hervorgebracht: der Deutsche Immanuel Kant. Kant gelang es, sowohl dem Sensualismus als dem Rationalismus den Todesstoß zu versetzen, indem er nachwies, daß die Vernunft Grenzen hat, daß die Sphäre der Wirklichkeit weiter ist als diejenige der Begreiflichkeit. So ward denn durch ihn, auf dem Wege der Elimination, die Richtung zur Quelle des Lebens zurückgewiesen. Diese selbst ward freilich nicht sofort bestimmt. Kant selbst mißglückte es, von der metaphysischen Wirklichkeit einen gegenständlichen Begriff zu bilden. Seine unmittelbaren Nachfolger: Fichte, Schelling und Hegel gingen ursprünglich wohl vom richtigen Ansatz aus, doch eilten sie zu stürmisch voran und so verirrten sie sich. Sie übertrugen die Kantischen Kategorien, die nur als Erkenntnisrahmen für die Erscheinungswelt gültig sind, auf das metaphysische Sein, sie induzierten und deduzierten, wo die Logik nicht mehr kompetiert, und gelangten so schließlich dahin, unter neuem Namen den alten Irrtum der Scholastik wieder zu begehen: die gegebene Welt aus reiner Vernunft a priori zu konstruieren. Dieser Mißgriff rief seinerzeit eine Reaktion hervor, ein abgeschwächtes Echo der Denkbewegung des 18. Jahrhunderts. Doch hiermit war die letzte Etappe auf der Bahn des Irrtums durchmessen. Im Lauf der letzten dreißig Jahre sind wir der Wahrheit stetig näher gerückt. Den Sinn unserer Mißgriffe haben wir schon eingesehen, die Richtung künftigen Fortschreitens erkannt. Schon wissen wir, was Wissenschaft leisten kann und wo sie versagt, was Metaphysik bedeutet und wo ihre Grenzen liegen. Immer näher kommen wir der Lösung des ungeheuren Problems: was es mit der absoluten Wirklichkeit für eine Bewandtnis hat, an welche die Menschheit von jeher geglaubt. Und siehe: in dem Augenblick, da uns unser innerstes Sein seinem objektiven Charakter nach deutlich zu werden begann, da ward uns zugleich der Sinn der Weisheit des Ostens offenbar.

Mit einem Male ward uns klar, daß der Osten Jahrhunderte entlang im Besitz eben der Wahrheiten und Wirklichkeiten gewesen ist, die uns jetzt endlich auch deutlich zu werden beginnen. Früher hätten wir diese Entdeckung nicht machen können: wie ich Ihnen bereits auseinandergesetzt habe, ist es unmöglich, ein von außen her Gegebenes innerlich zu verstehen, das wir nicht unbewußt schon wüßten oder wären. Aber in dem Augenblick, da uns unser eigenes Sein deutlich zu werden begann, da verstanden wir auch den Seinsausdruck, den die Weisheit des Ostens verkörpert. Nun, meine Herren, werden Sie wissen, weshalb die Tiefen, die Ernst- und Wesenhaften unter uns so fasziniert durch den Orient sind: er bedeutet uns ein verdeutlichendes Bild, einen antizipierten Ausdruck unserer selbst. In unserem Verständnis aber ist uns der Schlüssel zu einem ganz Großen, noch nie Erreichten, kaum Geahnten in die Hand gegeben: dem, was jenseits von Osten und Westen weist –: dem Grunde des Menschentums.

 

Zwei große Nationen leben im Osten, die beide um eine gewisse Zeit, in bestimmter Richtung und innerhalb gewisser Grenzen die Vollendung erreicht haben, der des Westens tiefstgeistiges Streben gilt: es sind die Inder und Sie, die Chinesen. In Indien hat der Mensch seine bisher tiefsten Gedanken gedacht. Die Inder haben einst einen Grad der Selbstverwirklichung in den Sphären des Gedankens und des metaphysischen Erlebens erreicht, dem kein anderes Volk noch nahegekommen ist. Bei ihnen allein stehen die äußersten Begriffe nicht für Vernunftkonstruktionen, sondern für Wirklichkeiten; von ihnen allein sind die psychischen und metaphysischen Realitäten ebenso unmittelbar und unbefangen erfaßt worden, wie vom Westen die Außenwelt; in Hindustan allein sind die Metaphysiker ganz exakt, ganz gegenständlich, ganz wahrhaftig gewesen. Je bestimmter unsere psychologische Erkenntnis wird, desto mehr müssen wir staunen über die Genauigkeit der alt-indischen Beobachtungen; je mehr unser metaphysisches Bewußtsein sich vertieft, desto mehr erkennt es sich wieder in dem Ausdruck, welcher Indien als Wahrheit gilt. Hier hat ein Volk das Unerhörte zuwege gebracht, sich in einer Metaphysik vollständig zu verwirklichen. Aber freilich steht dieser Vorzug nicht unkompensiert da. Wie es so oft dem einzelnen Denker zu gehen pflegt: die empirische Wirklichkeit ist diesem Volk von Grüblern ein Fremdes geblieben und immer fremder und fremder geworden. Die erreichte Selbstverwirklichung hat geringen Einfluß ausgeübt auf die indische Lebensform, auf die politische und soziale Organisation. Diesen Menschen lag –: und liegt noch heute –: zu wenig an dieser Welt; sie haben das Himmelreich nie auf Erden zu begründen versucht, sie sind schon in diesem Leben zum Himmel aufgeflogen. Nun wird aber der Mensch für die Welt in die Welt hineingeboren, daher bedeutet Versagen auf Erden recht eigentlich ein metaphysisches Vergehen. Einem solchen folgt die Sühne auf der Spur: die Inder sind nicht allein zu keiner Zeit eine große Nation gewesen –: der höchste Typus, den sie hervorgebracht, ist menschlich kein höchster zu nennen. Ich meine den Yogi, den Heiligen, welcher der Welt gleichgültig den Rücken kehrt.

Ganz anders steht es mit China. Wohl hat auch in China so mancher Denker das Wesen tief erfaßt, und was den Erkenntnisausdruck betrifft, so gibt es kaum seinesgleichen. Dank jenem Sinn für Knappheit und für Prägnanz, den Ihr Schriftsystem wie selbstverständlich großzieht, haben Ihre Denker ihre Einsichten in Formeln eingefaßt, die an Gespanntheit, Schärfe des Umrisses und Dichte alle sonst gefundenen übertreffen. Es würde mich nicht wundernehmen, wenn von allen den Ausdrücken für das Metaphysisch-Wirkliche, die aus der Vergangenheit überliefert sind, die chinesischen allein sich als unsterblich erweisen sollten. Doch liegt auf diesem Gebiete, dem gedanklich-geistigen, nicht Chinas wesentliche Größe. Der Taoismus, dem die tiefsinnigsten Aussprüche chinesischer Weisheit entstammen, bedeutet schließlich doch nur einen Seitenzweig Ihrer Kultur, bis zu einem gewissen Grade sogar eine Reaktion gegen dieselbe. Die wahre Größe der chinesischen Nation beruht auf einem anderen: dem unerreichten Grade, bis zu welchem sie ihr Tiefstes nicht in abstrakter Gestalt, sondern in der des konkreten empirischen Lebens verwirklicht hat. Der Konfuzianismus wird vielfach als rationalistisches Theorem beurteilt, ähnlich denjenigen, die Europa im 18. Jahrhundert beherrschten: in Wahrheit ist er das genaue Gegenteil davon. Die Rationalisten klügelten künstliche Systeme aus, die der Wirklichkeit aufgezwängt werden sollten: der Konfuzianismus als Theorie ist nur der Schatten eines natürlichen, lebendig erwachsenen, im Leben verwirklichten Zustandes. Und zwar eines Zustandes, dessen Sosein das Tiefste im Menschen unmittelbar zum Ausdruck bringt, wie die entsprechenden Worte den letzten Sinn eines Gedankens. Wir bewundern China um des einzigartigen Grades willen, in welchem sich der Geist dem sozialen Bewußtsein eingebildet hat. Hier, und hier allein in der Geschichte der Menschheit, ist das Wort buchstäblich Fleisch geworden. Das aber ist das höchste, was sich denken läßt. Äußert »Geist« sich überhaupt auf dieser Welt, so bedeutet das, daß er sich materialisiert. Das Ungestaltete nimmt Gestalt an, die Idee verkörpert sich im Ausdruck, die Tiefe wird zur Gespanntheit der Oberfläche. Das vollendet organisierte äußere Leben ist ein genau so erschöpfender Geistesausdruck, wie das umfassendste philosophische System. Was läßt sich wohl Tiefsinnigeres erdenken, als jene Ritenlehre, nach welcher jedweder Gehalt den ihm objektiv korrespondierenden Ausdruck finden muß? –: Denn wirklich entspricht auch dem individuellsten Inhalt stets irgendeine typische Form, und in dieser erst verwirklicht er sich ganz. Welche Idee könnte produktiver sein als die, daß Verinnerlichung erst dann als vollendet betrachtet werden kann, wenn sie als Harmonie der Erscheinung zutage tritt? Welches soziale System dürfte tiefer im Grunde des Menschentums gegründet sein, als eines, das die objektive Ordnung durch vollendete Durchbildung der Subjekte erzielen will und erzielt? Einen volleren Ausdruck hat Geist im sozialen Leben noch nirgends gefunden. Was ist das übliche Schauspiel? Entweder ausdrucksunfähige Tiefe oder oberflächliche Ausdruckskunst, oder endlich ein Gemenge von beiden. Das Tiefste ganz zur Erscheinung zu bringen, hat Altchina allein bisher verstanden. Halten Sie mir nur nicht den toten Formalismus der späteren Zeiten entgegen: der erwuchs als unvermeidliche Übertreibung des erreichten Zustandes der Vollendung. Äußert Geist sich überhaupt auf dieser Welt, so kann er, wie gesagt, weder mehr noch auch anderes bewirken, als Gestaltung der gegebenen Materie. In China hat er sich Jahrhunderte hindurch im Leben vollkommen ausgeprägt. Und ging er dann schließlich verloren, blieb die Schale allein zuletzt zurück, so beweist dies nur einmal mehr, was wir nachgerade wissen sollten: daß alles vergänglich ist auf dieser Welt.

 

Altindien und Altchina sind uns Westländern so außerordentlich interessant, weil wir dort –: auf ganz anderen Wegen freilich, als wir sie zu wandeln gewohnt sind –: eben das erreicht und verwirklicht finden, wonach wir noch suchen und streben. An der indischen Kultur haben wir ein Beispiel der vollendeten Selbstverwirklichung in der Sphäre des Psychischen, die das höchste Ideal von Philosophie und Religion bezeichnet; an der chinesischen ein Beispiel der vollendeten Selbstausprägung im konkreten Leben, die das erhabenste Ziel des sozialen Fortschreitens bedeutet. –: Was das für uns bedeutet, dürfte Ihnen nach dem bisher Gesagten nicht zweifelhaft sein; ich brauche mich nicht zu wiederholen. Uns ist das Glück zuteil geworden, im richtigen Augenblick das vollendet dargestellt zu sehen, was in uns selbst halb bewußt nach Vollendung strebt, so daß wir nunmehr durch zielbewußtes Wollen dem Naturprozeß zu Hilfe kommen können, was dessen Ablauf außerordentlich beschleunigen wird. Die Bedeutung nun, welche unsere neue Stellung zum Osten für diesen selbst besitzt, ist schwerlich geringer zu veranschlagen. Der Idealzustand, dem unsere Bewunderung gilt, gehört einer leider schon ferneren Vergangenheit an; es scheint ausgeschlossen, daß er in seiner ursprünglichen Gestalt je wiederkehren könnte. Viele unter Ihnen wähnen daraufhin, die Welt habe den Idealen von einst für immer den Rücken gekehrt. Sie gewahren, wie die westliche Zivilisation, dem östlichen Geiste innerlich fremd, in vielen Hinsichten verdächtig, doch den Erdkreis erobert, wie es selbst den Konservativsten auf die Dauer unmöglich wird, sich gegen sie abzuschließen; und die Radikalen unter Ihnen ziehen daraus den Schluß, daß die Ideale von einst widerlegt sind, daß der Orient sich von Grund aus verwandeln muß, wenn er weiterbestehen will. Aber wie nun, wenn der Westen, dessen der östlichen antipodisch entgegengesetzte Zivilisation die Welt erobert, in Ihrer großen Zeit sein eigenes Ideal verwirklicht erkennt? Dann kann er Ihnen innerlich nicht so fremd sein. Dann müssen Osten und Westen doch aus gemeinsamer Wurzel sprießen, zu gemeinsamen Idealen sich bekennen. Dann haben die Traditionalisten unter Ihnen keinen Grund, sich dem Einfluß der modernen Welt aus Prinzip entgegenzustemmen, noch die Fortschrittlichen, das Alte grundsätzlich zu verleugnen. Ja dann muß es einmal dahin kommen, daß Ost und West, anstatt einander entgegen, wie bisher, Seite an Seite stehen werden, Hand in Hand der Zukunft entgegenschreitend. Meine Herren, das ist keine Utopie. Schon haben wir den Punkt erreicht, wo das Verschiedensein das Verständnis nicht mehr hemmt. Schon wissen wir, daß wir auf noch so verschiedenen Wegen doch einem gleichen idealen Ziele zustreben. Schon sind Orientale und Okzidentale in der Lage, ineinander den Menschen zu würdigen, und dies ohne Sentimentalität. Hiermit aber tritt –: ich deutete es Ihnen bereits an –: eine weitere Möglichkeit der Verwirklichung nahe, eine Möglichkeit, die es noch niemals gab. Wir haben erkannt, daß die noch so verschiedenen Kulturgestaltungen doch einen gleichen letzten Sinn haben. Ziehen wir Europa, Indien und China auf einmal in Betracht, so hätten wir, mathematisch gesprochen, drei Koordinaten, die auf den gleichen Mittelpunkt bezogen sind. Diesen Mittelpunkt als solchen zu bestimmen, ist fortan keine unlösbare Aufgabe mehr. Bisher besaß jedes einzelne Volk seine eigene äußerste Wahrheit, sein eigenes höchstes Ideal, jeder Ausdruck vom anderen verschieden, und es wollte und konnte nicht gelingen, vom einen zum anderen zu gelangen, den Sinn der Gestaltung zu erfassen, sich wirklich gegenseitig zu verstehen. Jetzt können wir hinter den Ausdruck blicken, erkennen, was er innerlichst bedeutet. Und erweist es sich hierbei, wie es sich in der Tat erweist, daß der Mannigfaltigkeit eine Einheit zugrunde liegt –: dann sind wir in der glücklichen Lage, jeder Erscheinung ganz gerecht zu werden, im Erreichen das Bestreben zu würdigen und diesem, wo es irregeht, vom Zentrum her den Weg zum Ziel zu weisen.

 

Doch das sind Allgemeinheiten und Sie wollen Bestimmtes vernehmen. Die innere Beziehung, die zwischen den Kulturproblemen des Ostens und des Westens herrscht, erscheint im Prinzip wohl aufgedeckt; aber wie wird dies die Probleme selbst beeinflussen? Wird der Westen die Ideale, die er im Osten verwirklicht sieht, nun ohne Weiteres, so wie sie sind, hinübernehmen? Soll sich der Osten überhaupt weiter »verwestlichen«, da der Westen jetzt in »Veröstlichung« begriffen ist? Und wenn Osten und Westen nunmehr tatsächlich Seite an Seite stehen –: werden sie fortan in einer Richtung fortschreiten, die gleichen Probleme von gleicher Seite anpackend? –: Diese Fragen sind vielfach im bejahenden Sinne beantwortet worden. Trotzdem sind sie samt und sonders zu verneinen. Die Menschheit hat, so oft ihr's erklärt wurde, so oft sie unter den Folgen ihres Irrens gelitten hat, die Wahrheit noch immer nicht eingesehen, daß prinzipielle Einheit und phänomenale Mannigfaltigkeit keine Gegensätze sind, daß nichts verderblicher und törichter ist, als um der Einheit willen die Verschiedenheit aufheben zu wollen. Nein –: ich wende mich sofort der ersten Frage zu –: wir Westländer werden die Weisheit des Ostens nicht ohne Weiteres in uns aufnehmen und anwenden. Weshalb? Weil nicht die Tatsache als solche für uns bedeutsam ist, sondern einzig das gegebene Beispiel. So seltsam die Behauptung klingen mag: die Errungenschaften des Ostens haben als solche keinen unmittelbaren Wert für uns, und dies aus den folgenden Gründen: weil das Ziel auf einem anderen Wege, als es der unsrige ist, erreicht ward und daher nicht genau unser Ziel ist; die veränderte Perspektive verschiebt das ganze Bild. Dann aber, weil kein Ziel vom Standpunkt eines gegebenen Menschen als erreicht gelten kann, bevor er nicht persönlich, auf seinem eigenen, ihm gemäßen Wege zu ihm aufgestiegen ist.

Diese beiden Punkte verdienen eine eingehende Betrachtung. Da es mir wegen Zeitmangels nicht möglich ist, den Gegenstand allseitig zu behandeln, so wähle ich wiederum die Seite desselben, die mir die weitesten Perspektiven zu eröffnen scheint: in diesem Fall die Methodik des Erkenntnisprozesses. Hier in der Tat tritt der Unterschied zwischen Orient und Okzident besonders scharf in die Erscheinung. Die Weisen des Orients waren, was sie auch betrieben, in unserem Sinne nie wissenschaftlich interessiert; ihnen lag eben nicht viel an exakter Theorie. Was sie anstrebten und auch erreichten, war immer nur das eine: unterzutauchen in die Tiefe ihres Ichs und dort ihren Wohnsitz zu nehmen. Zu solchem Unternehmen bedarf es keines technischen Apparats; das einzige Erfordernis ist eine Persönlichkeit von so viel Potenz und Substanz, daß sie ihr Wesen wirklich zur Erscheinung bringen kann. Persönlichkeiten, die dieses Schwerste vermochten, sind im Orient zu überaus früher Zeit entstanden. Es waren Männer von so tiefem Selbstgefühl, daß es wenig verschlug, ob ihre Theorien richtig waren oder falsch, denn ihre Weisheit war mehr als jede Theorie: sie war unmittelbarer Wesensausdruck, und ein solcher ist notwendig wahr. Doch haftete an ihrer Größe ein Verhängnis: sie waren unfähig, im guten Sinne Schule zu machen. Ebensowenig nämlich, wie es gelingen kann, einem anderen sein eigenes Leben mitzuteilen, war ihre Weisheit im eigentlichen Sinne lehrbar. Sie selbst waren durch selbständiges inneres Wachstum zur Erkenntnis gelangt; nur von dem konnten sie erwarten, verstanden zu werden, der denselben Weg gegangen war wie sie. Der Weg betraf in ihrem Fall vor allem die Lebensführung; dieser in der Tat gelten die einzigen Regeln und methodischen Hinweise, welche die Meister des Ostens ihren Schülern mit auf den Weg gegeben haben –: denn freilich kann inneres Wachstum durch äußere Umstände gefördert, gerichtet, beschleunigt werden. Sobald nun ein ungewöhnlicher Mann sich diese Hinweise zunutze machte, so verhalfen sie ihm zu dem Erfolge, den die alten Meister erzielt hatten. Ungewöhnliche Menschen sind aber selten, und den gewöhnlichen nützt alle Übung nichts; wo die eigene Kraft versagt, bleibt die Gnade erbarmungslos aus. So ist es denn nicht zu verwundern, daß die Schulen der Weisen des Orients, so gewaltig diese selbst gewesen waren, ganz ohne fortschrittfördernde Wirkung geblieben sind. War einmal der lebendige Einfluß eines lebenden Meisters dahin, so erstarrte seine Lehre alsbald zu scholastischem Dogmenbau, aus den Methoden wurden Zeremonien, so daß nach dem Aussterben der Großen überhaupt –: was merkwürdig früh geschah –: die Entwicklung wie abgeschnitten erschien. Erst folgte eine Periode buchstabengläubiger Pietät und dann, nur zu bald, der Verfall. Die philosophischen Leistungen des späteren Indien sind nur dem Philologen interessant, denn die Sache hinter dem Wort scheint vergessen; in China ist der Taoismus zu einem magischen Kult herabgesunken, der Konfuzianismus zu einem toten Ritual. Je weiter die Zeit vorrückte, desto mehr scheint der Sinn für das Eigentliche verloren gegangen zu sein. –: Nichts Ähnliches ist im Westen je vorgekommen, von ganz kurzen Perioden abgesehen, noch hätte es auch vorkommen können. Wohl haben wir Männer von so tiefem Selbstgefühl, wie der Osten sie besessen, noch nie hervorgebracht –: daher sind wir, was religiöse Erleuchtung betrifft, noch heute vom Orient abhängig –:; aber statt dessen treibt ein tiefgewurzelter Instinkt jeden einzelnen Westländer dazu an, sich auf eigene Faust nach der Wahrheit umzusehen. Wir sind nicht autoritätengläubig von Natur. Sicherlich ist dies ein Nachteil insofern, als Ehrfurcht vor den Großen den kürzesten und sichersten Weg bedeutet, zu ihnen hinauf zu gelangen; aber andererseits ist es eben dem Umstände zu verdanken, daß unser Geist allezeit frei und lebendig verblieben ist. So hat denn ein stetiges Fortschreiten stattgefunden, wie der Orient es niemals gekannt hat, ein Fortschreiten, das gegenwärtig schon manche unter uns an die Schwelle des Zustandes geführt hat, den die Weisesten des Morgenlandes erreicht. Diese Stellung zum Leben ist unsere typische Stellung; sie wird nie anders werden. Es ist nicht zu verlangen, daß wir nach Jahrhunderten des vorurteilsfreien Forschens nun auf einmal zu Autoritätengläubigen würden. Schon deswegen können uns die Ergebnisse, zu denen der Orient gelangt ist, von der Aufgabe nicht befreien, selbständig die gleichen zu gewinnen. Dann aber sind die Errungenschaften des Ostens, wie schon angedeutet, nicht ganz die, um welche es uns zu tun ist. Der Orient hat viel gewußt, wir aber wünschen den Sinn dieses Wissens zu erfassen, ganz deutlich zu verstehen, was jener nur geahnt. Wir wünschen objektive Erkenntnis von dem zu erlangen, was dem Orient nur subjektiv gewiß gewesen ist. Dieses aber ist auf keinem anderen Wege als dem des Westens zu erreichen. Lassen Sie mich das, was ich meine, durch ein Bild ganz deutlich machen. Der Orient hat einstmals in der Sonne gelebt, und solange er da weilte, mußte er wohl erleuchtet sein. Doch da er durch einen plötzlichen Sprung, nicht stufenweise, zu ihr aufgestiegen war, so hat er sie nie richtig kennen gelernt. Solange er sich nicht regte, solange verblieb er im Licht. Sobald er sich überhaupt bewegte, gleichviel nach welcher Richtung hin, so entfernte er sich von ihm; nun schien ihm die Sonne in den Rücken, und zuletzt beschien sie ihn gar nicht mehr. –: Wir Westländer haben noch nie in der Sonne zu leben das Glück gehabt, doch wir nähern uns ihr langsam und sicher. Und da sie uns vor Augen liegt und nicht im Rücken steht, so werden wir sie, bis daß wir sie erreicht, auch erkannt haben. Dann aber ist der Gefahr zugleich vorgebeugt, die das Verhängnis des Ostens bedeutet hat: die Lage, die man kennt, die beherrscht man auch; das einmal gewonnene Licht werden wir nicht wieder verlieren.

Und hier setzt die zweite Erwägung ein. Ich sagte, daß nur das wirklich unser sei, was wir uns selbst erworben hätten. Es ist ganz unmöglich, sich von außen her innerlich zu bereichern. Die Formeln für eine gleiche Wahrheit sind –: je nach Ort, Rasse und Zeit –: so sehr verschieden, daß ein für eine Sprache vollendeter Ausdruck in eine andere überhaupt nicht zu übertragen ist. Infolgedessen wird nur der eine in fremder Fassung gegebene Wahrheit als solche erkennen, der sie von sich aus, in der ihm gemäßen Form, so von Grund aus kennt, daß ihn keinerlei Gestaltwechsel beirren kann. Aus diesem Gesichtswinkel leuchtet es wohl ohne Weiteres ein, daß für uns die Errungenschaften der anderen, sofern sie noch nicht zugleich unsere Errungenschaften sind, nur als Beispiele in Betracht kommen; bevor wir nicht unsere Wahrheit erkannt, vermögen wir keine fremde zu erfassen. Im Letzten aber ist die fremde als solche die unsrige nicht, da uns der Ausdruck nicht gemäß erscheint und »Wahrheit« nur im Sinne von »entsprechender Ausdruck« einen gegenständlichen Begriff bedeutet. Dies gilt natürlich auf jedem Gebiet, dem praktischen wie dem theoretischen. Die Grundlehren des Buddhismus und des Christentums sind dem Sinne nach nahezu die gleichen. Nehmen wir nun an, der buddhistische Wahrheitsausdruck sei der höhere an und für sich –: sollen wir Westländer deswegen zu Buddhisten werden? Beileibe nicht! Denn dieser Ausdruck kann als Lebensrahmen nur eine Menschheit bestimmter, von der unserigen sehr verschiedener Naturanlage zur Vollendung führen –: eine Menschheit, der die Betrachtung über dem Handeln steht, die Stille über dem Schaffen, der Frieden über dem Streit. Lebten die Völker des Westens aus buddhistischen Voraussetzungen heraus, so würde deren Tiefe und Wahrheit kaum überhaupt zutage treten. Das, was der Buddhismus im Innersten bedeutet und will, werden diese weit besser zur Erscheinung bringen, wenn sie im Rahmen des Christentums verbleiben, der ihrer Naturanlage wie kein anderer angemessen ist.

Sie sehen: davon, daß der Westen die Ideale, die der Osten verwirklicht hat, in dessen Ausdruck übernehmen sollte, kann füglich nicht die Rede sein. Damit fällt auch die andere Möglichkeit –: daß der Osten vielleicht darauf verzichten könne, sich dem Einfluß des Westens hinzugeben, da dieser ja eben in Veröstlichung begriffen sei: wenn wir dereinst die gleiche Höhe erklimmen sollten, wie der Osten sie einstmals innegehabt, so wird dies doch eben auf unserem Wege geschehen, die Position wird eine andere sein, und das erreichte Ziel wird das unterwegs Errungene nicht entwerten. Verwirklichen wir dereinst unser tiefstes Selbst in der Erscheinungswelt, so werden wir die Technik deswegen nicht preisgeben, die uns zu Meistern der Natur gemacht, und da die Natur, was man auch sage, unsere eigentliche Heimat ist, so ist daran keinesfalls zu zweifeln, daß auch in fernster Zukunft die Völker die großen sein werden, die dieses Leben am Besten zu organisieren wissen. Woraus weiter folgt, daß der Osten gar übel beraten wäre, wenn er von uns nicht das Lernenswerte lernte. Wissenschaftliche Ergebnisse, technische Errungenschaften, humanitäre und sozial-ökonomische Einrichtungen sind ebenso über-national, wie die Wahrheiten der Mathematik; ein Narr ist, wer sie kennt und nicht zu nutzen weiß. Im gleichen Sinne haben wir Westländer gar vieles, was innere Kultur betrifft, vom Osten unmittelbar zu lernen, denn in der Methodik der Selbsterziehung, in der Selbstbeherrschung und -kontrolle, in der Kunst der Verinnerlichung, die zur intuitiven Unterscheidung von Schein und Wesen führt, ist dieser uns weit voraus. Doch handelt es sich, wo ein Austausch von Kulturerrungenschaften möglich und wünschenswert erscheint, um Einzelheiten des Baus, allenfalls um diesen selbst, keinesfalls um dessen Fundamente. Diese, auf die allein es ankommt, können nie und nimmer vertauscht werden. Hier wären wir denn bei dem für die Praxis entscheidenden Punkte –: der dritten von den Fragen, die wir aufstellten –: angelangt: nie werden Sie aus westlichen Voraussetzungen heraus, noch wir aus östlichen leben können; die Grundprobleme sind für jeden von uns anders gestellt. Es ist nicht daran zu denken, daß Osten und Westen, trotzdem sie sich jetzt verstehen, je werden in einer Richtung fortschreiten, die gleichen Probleme von gleicher Seite anpacken können. Die Probleme sind eben nicht die gleichen. Für den Osten gab es einmal eine Zeit, wo er das erreicht hatte, wonach wir noch suchen und streben. Dieser sein Besitz ist ihm verloren gegangen. So kommt es, daß Osten und Westen im Augenblick, was die Entfernung vom Ziel betrifft, sich ungefähr in gleicher Lage befinden. Beide Teile machen eben jetzt eine furchtbare Krisis durch. Aber für jeden stellt die Aufgabe sich anders. Wir im Westen haben unsere eigentlichen Grundlagen noch kaum erkannt; eben jetzt gelangen wir dahin. Gewiß leben und handeln wir seit je, mehr oder weniger, in ihrem Sinn, d. h. als ob wir sie kennten und verstünden, doch geschieht dies ganz unbewußt; das, was uns als Basis gilt, ist nicht wirklich der Grund, auf dem wir fußen. Wir haben einst aus dem Orient eine Religion herübergenommen, deren innerster Gehalt, so wie wir ihn verstanden, den Grundtendenzen des Westens wohl wie keine andere entspricht –: seiner Tatkraft, seinem Schöpferdrang, seinem praktischen, lebensbejahenden Sinne. Wäre es anders, sie hätte schwerlich über ihre vielen Rivalinnen gesiegt. Doch gilt dieses nur von dem Sinn, den wir in ihr ahnten oder in sie hineinlegten, es gilt nicht von der eigentlichen Lehre; diese steht zu unseren innersten, lebendigsten Bestrebungen vielfach in schärfstem Gegensatz. Die christliche Dogmatik ist auf der spezifisch-orientalischen Friedenssehnsucht aufgebaut, und diese ist uns Westländern völlig fremd; unser höchstes Glück liegt im Schaffen, nicht in passiver Seligkeit. Ferner erscheint uns die Welt nicht wirklich als »Jammertal«, wir sehnen uns nicht aufrichtig aus ihr hinaus. Unser tiefster Instinkt treibt uns nicht fort von hier himmelwärts, er treibt uns vielmehr, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen –: und doch ist Weltfeindschaft, was immer man sage, ein wesentlicher Bestandteil des Christentums. Die Religion predigt uns Geduld dem Leiden gegenüber, das als heilsame Prüfung aufzufassen sei, und doch beruht unser Bestes gerade auf Ungeduld: ihr ist es zu danken, daß wir die Möglichkeit des Leidens auf Erden schon in so hohem Maße eingeschränkt haben. Endlich ist Autoritätenglaube unserem innersten Wesen zuwider, und doch bekennen wir blinden Glauben als religiöses Ideal. Aus dieser Diskrepanz zwischen dem innerlichst Gewollten und dem nach außen zu Bekannten ist es zu erklären, daß die Religion bei uns ihre Macht fast verloren hat, und daß der Skeptizismus den christlichen Idealen gegenüber zur Zeit schon alle Grenzen übersteigt. Den eigentlichen, den wahrhaftigen Ausdruck für unser Ideal haben wir noch nicht, wir müssen ihn erst schaffen oder finden. So stehen wir vor der paradoxalen Aufgabe, den Grundstein zu legen zu einem schon bestehenden Bau. Obschon der Bau dem Plane entsprechend errichtet ist, ist uns der Plan selbst doch unbekannt. Solange dies nun der Fall ist, solange wir nicht wissen, was wir glauben, wonach wir streben sollen, solange wird uns unser peinlicher Verstand, unsere tiefe Sehnsucht nach Erkenntnis, unser Mißtrauen allem Undeutlichen gegenüber nicht zur Ruhe kommen lassen. Erst wenn wir verstanden haben, was wir im Tiefsten wollen, wird unser Wille ganz zielbewußt werden; erst nachdem uns unser Grund ganz bewußt geworden ist, wird Vollendung uns möglich werden. –: Das Problem des Ostens ist dem unsrigen genau entgegengesetzt. Wohl ist hier der Bau äußerst schadhaft und der Ausbesserung dringend bedürftig; er ist zudem von Hause aus unvollkommener als bei uns. Dafür stehen die Fundamente fest, der Grundriß ist genau bekannt, jeder Seele innerlich eingebildet. Und ein besserer Plan ist für die Völker, die diesen ersannen, kaum auszudenken. Deswegen ist Ihr Problem, obgleich es dem letzten Sinne nach mit dem unsrigen zusammenfällt, im aktuellen Ausdruck von diesem grundverschieden. Für den Osten kann davon nicht die Rede sein, ein neues Fundament zu legen: die Aufgabe ist, auf den altbewährten Fundamenten einen besseren Bau zu errichten. Sogar in dem Falle, daß diese nicht so vollkommen wären, als sie es tatsächlich sind, würde ein Abreißen derselben nicht in Frage kommen, weil die Geschichte nicht rückgängig zu machen ist und Verwandlung nur auf der Bahn natürlichen Wachstums vorwärts führt. Was nun China betrifft, so ist der Grundriß seines sozialen Baues wohl die vollendetste Leistung dieser Art, welche die Menschheit aufzuweisen hat. Der Konfuzianismus, tief und wesentlich verstanden, dem Geiste und nicht dem Buchstaben nach erfaßt, bedeutet die allgemeingültige Basis jedes nur denkbaren idealen Kultursystems. Denn in ihm –: und in ihm allein bisher –: scheint die äußere Struktur der Gesellschaft auf dem Plan begründet, nachdem der natürliche Entwicklungsprozeß im günstigsten Fall verläuft; in ihm allein bedeutet Zivilisation die Vollendung der Menschennatur, nicht einen künstlichen Rahmen, der sie in Schranken halten soll. Freilich sind manche seiner Gestaltungen heute veraltet; es wird nicht schwer halten, sie durch bessere zu ersetzen. Der Geist des Konfuzianismus jedoch wird gerade so lange die Seele Chinas bleiben, als China in die Reihe der großen Nationen gehören wird.

Gestatten Sie mir, ehe ich schließe, noch einige Worte zu diesem besonderen Punkt. Nicht Wenige in diesem Lande streben nach radikaler Veränderung. Es gibt Chinesen, welche die chinesische Zivilisation geradezu durch die westliche ersetzen wollen. Zu diesen sage ich aus tiefster Überzeugung –: und diese Überzeugung wird, ich weiß es, von sämtlichen ernsten Denkern des Westens geteilt –:, daß, wenn es wirklich dahin kommen sollte, es vorbei sein wird mit Chinas Kultur. Niemand kann ein ihm fremdes Leben leben. Jede einzelne unserer westlichen Kulturgestaltungen ist das Produkt einer langen historischen Entwicklung, sie ist mehr gewachsen als ausgedacht und bedeutet daher ein gut Teil mehr, als sie zu bedeuten scheint. Das fremde Volk, das unser System als ganzes herübernimmt, gewinnt damit nichts Organisch-Lebendiges, sondern einen lastenden, toten Apparat. Soll Zivilisation überhaupt einen Wert haben, so muß sie aus lebendiger Wurzel sprießen. Im Fall von China bedeutet dies, daß alle Reformen und Veränderungen im Geist seiner eigenen Kultur in Angriff genommen werden müssen, nicht in dem der fremden aus dem Westen. Es ist sehr gut möglich, aus anderem Geiste, von anderer Basis her die gleichen praktischen Erfolge zu erzielen. Versteht Jung-China dieses nicht, reißt es sich los vom alten Stamm, dann wird der scheinbare »Fortschritt« nur der Vorbote der Auflösung sein. Seine alte Kultur wird es verlieren, keine neue an die Stelle gewinnen. So wüßte ich diese Rede denn nicht besser zu beschließen, als mit dem innigen Wunsch, die neue Ära in China –: so sehr sie eine Ära der Verwestlichung scheinen mag –: möge in Wahrheit ein Wiedererwachen des alten, des klassischen Geistes bedeuten. Weil dieser Geist verschwunden ist –: deswegen bedarf es heute der Reformen. Erwacht er indes aufs neue, wird er zur Seele des modernen Chinesen, dessen Horizont soviel weiter, dessen Wissen soviel reicher, dessen ganze Ausrüstung soviel vollkommener ist als die seiner fernen Ahnen –: dann in der Tat wird China wiederum wie einst zu den großen Kulturnationen gehören Das Problem des Verhältnisses zwischen Ost und West behandeln, außer dem Reisetagebuch, noch meine Vorträge »Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn« und »Indische und chinesische Weisheit« in dem Buche Schule der Weisheit (Darmstadt 1922)..

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