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Philosophie als Kunst

Graf Hermann Keyserling: Philosophie als Kunst - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorGraf Hermann Keyserling
titlePhilosophie als Kunst
publisherOtto Reichl Verlag
printrunZweite Auflage
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150704
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Germanische und Romanische Kultur

Dem Reisenden, der einem fremdstämmigen Volk zum erstenmal gegenübertritt, fällt es lange Zeit hindurch, nicht leicht, ein Individuum von dem anderen zu unterscheiden. Zunächst scheint ein Neger wie der andere auszusehen, ein Chinese, ein Mandschu wie der andere. Der Grund hierzu ist der gleiche, der aus Geschwistern so häufig Feinde macht: bei weitgehender Übereinstimmung wird diese kaum mehr bemerkt, nur die Unterschiede treten ins Bewußtsein; wo jede Übereinstimmung fehlt, dort fällt nur das Typische auf. Bei uns wird gar viel geredet von den unüberbrückbaren Klüften, die in Europa ein Volk vom anderen trennen: dem Chinesen muß mühsam bewiesen werden, daß der britische und der italienische Menschenschlag überhaupt unterschieden sind. Die Differenzen, die der Fremdling verkennt, sind nun freilich vorhanden und wirksam: doch ist es mitunter höchst förderlich, das Vertraute als Fremdling zu betrachten. Die Grundzüge einer Erscheinung erkennt am Deutlichsten der, dem diese so auffallend dünken, daß das Besondere unwichtig erscheint.

So kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß der Nicht-Europäer mit seiner Behauptung recht hat, die europäische oder genauer die abendländische Kultur sei ein Ganzes von so einheitlichem Gepräge, daß die Unterschiede dem Gemeinsamen gegenüber kaum in Betracht kämen. Verglichen mit anderen Kulturen, der chinesischen, der arabischen, der indischen, wirkt die unsrige als vollendet homogen. Denn was bei so großzügigen Vergleichen auffällt, sind eben nicht spezielle Tatsachen, spezifische Ausdrucksformen, besondere Errungenschaften und Leistungen, es ist die ganze Art des Lebens, Denkens, Empfindens und Handelns. Diese sind absolut verschieden beim Europäer einerseits, beim Chinesen andererseits, sie sind identisch durch ganz Europa hindurch von Italien hinauf bis nach England. Um nur auf einen solchen unüberbrückbaren Unterschied zwischen Orient und Okzident hinzuweisen: das ganze Leben des modernen Westländers ist auf Entwicklung eingestellt, wo er nicht fortschreitet, dort geht es mit ihm zurück, nicht nur im Sinne geistiger Dekadenz, sondern am Ende sogar im Sinne physischer Degeneration. Das ursprüngliche Leben des Arabers kennt keine Entwicklung, es äußert sich in schöpferischem Stillstand –: einem Stillstand, der keine Entartung nach sich zieht; und nur insofern es dergestalt dauert, vermag er sich auf der Höhe zu erhalten. In Indien scheint die Kaste mit ihren starren unabänderlichen Formen biologisch das Gleiche zu bedeuten, wie in Europa die fortschreitende Vervollkommnung, in China die allseitig respektierte Tradition dasselbe, wie bei uns die immer gärende soziale Frage. Wo der Orientale in unserem Sinne fortschreitet, dort geht es tatsächlich zurück mit ihm, denn die Kultur, die allein er selbsttätig hervorbringen kann, weil nur sie seinem Wesen gemäß ist, die gibt er damit auf. Ich kann diese höchst interessanten Verhältnisse heute nicht näher behandeln, aber schon diese kurze Andeutung dürfte Ihnen deutlich gemacht haben, wie gering die Unterschiede zwischen den Völkern Europas erscheinen müssen, sobald man sie im Großen überschaut und mit anderen Menschenarten vergleicht. Dies beruht zutiefst auf Folgendem: der innerste Grund, der Quell einer Kultur liegt nicht im Blut, nicht in der Rasse, auch nicht in der geistigen Herkunft, sondern in einer, kausal betrachtet, zufällig entstandenen, historisch geurteilt, ahnenlosen Lebensmodalität, die das eigentliche A priori jeder Kulturgestaltung darstellt. Sie ist ahnenlos genau im gleichen Sinn, wie dies letztlich von jeder neugeborenen Menschenseele gilt, mag deren Träger im Übrigen noch so vielen Traditionsreihen angehören. Diese Lebensmodalität oder Erlebens-, Schaffensform ist irgend einmal da; wann genau sie jeweilig auftrat, ist kaum zu bestimmen. Besteht sie aber, dann erweisen sich Rasse, Aszendenz, Tradition ihr gegenüber als Akzidentien oder Elemente. Es gibt immer ein Oberhalb des kausal oder empirisch Bestimmbaren, und charakteristischerweise liegt dieses »Oberhalb«, im Bereich möglicher kultureller Betrachtung, auf dem das Erlebnis nur in Funktion seiner Übertragbarkeit Bedeutsamkeit besitzt, nicht in der Tiefe des schlechthin einmaligen persönlichen Bewußtseins, sondern auf der Ebene eines allgemeineren Erlebnis-Typus, der alle Sondergestalten als Teilformen in sich begreift. Die physische und sogar geistige Kontinuität des Menschenlebens, mit den durch sie bedingten besonderen Vererbungstatsachen, kommt daher für das eigentliche Kulturproblem nicht in Betracht: Kulturen, Völker, soziologische Typen entstehen und vergehen, ob auch die biologische Grundlage durchaus die gleiche blieb und der Faden geistiger Überlieferung niemals abriß. In diesem Sinn sind alle Europäer tatsächlich in erster Linie Abendländer, und insofern einander gleich; die Grundidentität aller, die der Fremdling als erstes erkennt, gegenüber den bluts- und traditionsbedingten Unterschieden, besteht daher im allertiefsten Verstand, gleichwie umgekehrt Europäer, Inder, Chinesen, trotz aller Ähnlichkeit, in erster Linie voneinander verschieden sind. –: Sehen wir für jetzt von den Zivilisationen, die uns ganz fernstehen, ab; suchen wir indessen, indem wir gebührend zurücktreten, der europäischen gegenüber einen ebenso hochragenden Standpunkt einzunehmen, wie es derjenige ist, der Europa, Indien und China als unteilbare Kultureinheiten erscheinen ließ: was gewahren wir da? –: Die Unterschiede von Nation zu Nation, die in nächster Nähe handgreiflich scheinen, verschwimmen in Nebel und Dunst. Es hält schwer, Italien gegen Frankreich, den Deutschen gegen den Engländer deutlich abzugrenzen. Aber wenn geringe Differenzen sich auflösen, treten wesentliche desto schärfer hervor. Wir gewahren, daß sämtliche moderneuropäische Einzelkulturen, die schon zur vollen Entfaltung gelangt sind, sich in eine von zwei Familien einordnen lassen, die als solche letzte Einheiten bedeuten: die germanische und die romanische Kultur.

 

Zunächst dürften einige historische Bemerkungen am Platze sein. Vielfach herrscht, zumal unter Romanen, die Meinung, die romanische Kultur sei die unmittelbare Fortsetzung und Verlängerung der lateinischen. Dies ist nur in bedingtem Verstande richtig. Ohne Zweifel ist das alte, von den Römern her sich fortvererbende Kulturblut, wie wenig es der Menge nach in Betracht kommen mag, das Ferment gewesen, dank welchem aus den Barbarenstämmen Italiens, Frankreichs und Spaniens so viel schneller Kulturvölker erwachsen sind, als aus den Eingeborenen des germanischen Europa: auf die Dauer erweist sich nämlich das höhergezüchtete Blut bei Kreuzungen zumeist als das stärkere, so daß das Edlere, nach noch so langwierigem Kulturrückschlag, zuletzt doch das Geringere sich unterwirft. Zweifellos hat in jenen Regionen auch der geistige Zusammenhang mit dem Altertum nie vollständig aufgehört, die Tradition ist wohl keinen Augenblick ganz unterbrochen gewesen. Dennoch scheitert der Versuch, die romanische Kultur als Teil oder gleichgeartete Erbin der lateinischen zu begreifen: sie ist ein selbständiges Gebilde, von der lateinischen spezifisch unterschieden, kaum weniger selbständig, als die germanische es geworden ist. Sie entstand durch Vereinigung, Vermählung, Verschmelzung der vielfältigsten Keime und Anlagen, in Gallien vorzüglich römisch-keltisch-germanischer, in Spanien römisch-gothisch-iberischer, auf der apenninischen Halbinsel italisch-germanischer Herkunft, die zuletzt durch Vererbung in einer bestimmten, freilich wesentlich vom lateinischen Bluteinschlage vorgezeichneten Richtung fixiert worden sind; doch gewann sie überaus langsam ihre heutige typische Gestalt, nicht ohne Umwege und langandauernde Aufenthalte. Die romanische Kultur ist, prinzipiell gesprochen, ein ebenso junges Gebilde wie die der germanischen Völker, wenn sie auch um etliche Jahrhunderte älter sein mag. In Italien begann sie erst mit der Renaissance, denn die Klassiker, die vorher gelebt haben, so vor allem der gewaltige Dante, sind nicht Romanen, sondern deren Vorfahren gewesen, der höchste Ausdruck einer Zeit, wo es noch keine Romanen gab. In Dante treten uns die Elemente eines Römers, eines Gotenherzogs und eines großen italienischen Papstes entgegen, und diese erscheinen nicht verschmolzen zu einer neuen typischen Form, sondern zu einer individuellen Persönlichkeit unvergleichlicher und einziger Art, deren italienischer Gesamteindruck mehr daher rührt, daß das spätere Italien Dante als Vorbild vergöttert hat und dementsprechend von ihm beeinflußt worden ist, als daß Dante seinen späteren Landsleuten geglichen hätte. Und was Frankreich betrifft, so war noch im ausgehenden Mittelalter der Unterschied zwischen den gebildeten Schichten der Zonen, die heute einerseits von Deutschen, andererseits von Franzosen bewohnt werden, überraschend verschwimmend und gering. Die französischen primitiven Maler hätten, cum grano salis gesprochen, Kölner sein können, Burgund, nachmals ein Hauptherd romanischer Kultur, ist sehr spät erst französisch geworden, und was gar den Norden betrifft, aus dem so mancher erlauchte Geist gestammt hat, so sorgten schon politische Verhältnisse –: zumal Englands langwierige Herrschaft –: dafür, daß das Lateinertum nicht zum dominierenden Zuge wurde. Auch in Frankreich ist der lateinische Charakter seiner Kultur erst in verhältnismäßig moderner Zeit zum unzweideutigen Ausdruck und zur Vorherrschaft gelangt. Wie sehr unterscheidet sich z. B. die altfranzösische Literatur von der modernen! Die Sprache der Dichter der Plejade, ja noch diejenige Montaignes erscheint ihrem Grundcharakter nach –: wenn man vom Äußeren absieht und sich in ihren Geist versenkt –: dem Deutschen Goethescher Zeit verwandter als dem Französischen Flauberts oder Maupassants. Es ist kaum eine Übertreibung zu behaupten, daß die Hälfte dessen, was zum Grundcharakter des Romanischen gehört, im 16. Jahrhundert (als ganzen betrachtet) noch fehlte, wie ausgeprägt es in einzelnen Individuen immer sein mochte; ja die Auffassung hat viel für sich, daß die französische Kultur dem lateinischen Typus eher zustrebt, als daß sie von diesem ausgegangen wäre. Die Seele ihrer Klassiker war keltisch, nicht römisch, wie immer sie sich ausdrücken mochte, die Komödie Molières hat mit der antiken fast nichts gemein. Die fortschreitende Latinisierung des französischen Geistes erklärt sich vielleicht aus folgender Überlegung: jedes menschliche Entwicklungsstadium wird zur Zeit von der Anlage beherrscht, die am Leichtesten Ausdruck gewinnt; beim Jüngling überwiegt die künstlerische Seite, beim Vierziger das Macht- und Herrschaftsbedürfnis. Im gleichen Sinne konnte das lateinische Erbe beim Franzosen erst dann zur Grundkraft heranreifen, als ein Grad der Differenziertheit erreicht war, der demjenigen des späten Römers entsprach; solange dies nicht der Fall war, dominierten gallisch-fränkische Züge. Es ist fast unmöglich zu bestimmen, seit wann Frankreichs Kultur sich mit Grund als im heutigen Sinn romanisch bezeichnen darf. Deswegen lohnt es sich nicht, auf die Ursprünge viel Gewicht zu legen. Halten wir uns bei unserer Betrachtung streng an den aktuellen Ausdruck, an das, was heute typisch ist, gleichviel was es einstmals bedeutet haben mag; suchen wir festzustellen, was heute das Romanische im Verhältnis zum Germanischen auszeichnet.

Die Gewinnung eines klaren Bildes wird dadurch nicht wenig erschwert, daß die romanische Kultur einerseits die ältere Schwester der germanischen ist, entwickelter, reifer erscheint als diese und zum Teil das zur Vollendung gebracht hat, was bei uns erst im Werden begriffen ist. Die französische Sprache ist nicht bloß anders als die deutsche, sie ist ausgebildeter, bezeichnet im Sinn der begrifflichen Präzision, auf welche hin alle europäischen Kultursprachen sich entwickeln, das vollkommenere, leistungsfähigere Instrument. Und im gleichen Verstände erscheint die romanische Kultur weniger anders, als reifer überall, wo die objektive Fortsetzung der klassischen Kulturtradition in Frage steht. Nichts z. B. ist dem Geist nach weniger romanisch als die griechische Kunst, und doch darf sich die romanische dem Ausdruck nach eher mit ihr vergleichen, als die deutsche in ihrer Gesamtheit, weil jene dem Ausmaß ihrer Möglichkeiten nach die formale Meisterschaft bereits erreicht hat, um derenwillen allein schon Hellas ein ewiges Vorbild bleibt. Denn es ist in erster Linie nicht richtig, sondern falsch, in den formalen Vorzügen der Romanen Oberflächlichkeit zu sehen: sie sind ein Beweis höherer Kultur. Auch die deutsche Sprache und die deutsche Kunst geht den Weg der Verfeinerung, den die französische bereits durchmessen hat, und es wäre Verrat am Geiste, zu behaupten, daß dieser Weg an und für sich Entartung bedeute. Wenn der deutsche Philosoph im Allgemeinen dunkel schreibt, und der französische klar, so beweist dies zunächst das Eine, daß das französische Gehirn differenzierter ist als das deutsche; auch der Deutsche wird einmal dahin gelangen, vollendet klar zu sein, und erst dann wird er seinen Zenith erstiegen haben. Es wäre doch höchst betrübend, wenn ihm allein nie gelingen sollte, was doch jedes reife Kulturvolk auf seine Weise erreicht hat, um so mehr als eine rein germanische Nation, die britische, schon heute dahin gelangt ist. Der englische Geist, als Ganzes vor nicht gar langer Zeit noch schwerfällig und unbeholfen genug, darf jetzt als Muster der Abgeklärtheit hingestellt werden, und was gar das englische Leben betrifft, so stellt es einen so vollendeten Ausdruck möglichen Lebensstils dar, daß ein weiterer Fortschritt angesichts der immerhin beschränkten Rassenveranlagung kaum wahrscheinlich und denkbar erscheint. Nein, darüber kann kein Zweifel bestehen: die romanische Kultur ist einerseits die ältere, reifere Schwester der germanischen, und insofern vorbildlich für sie; wo von spezifischen Differenzen gehandelt werden soll, muß das von vornherein ausgeschaltet werden, was ein höheres Stadium bedeutet. –: Aber andererseits sind beide Schwestern als Individuen doch so grundverschieden, daß sie sich kaum überhaupt verständigen können. Jede von ihnen verwirklicht Möglichkeiten, oder kann solche verwirklichen, wie sie für die andere nicht vorhanden sind.

 

Wenn ein Deutscher mit einem Franzosen noch so nahe bekannt geworden ist, wenn beide sich noch so genau kennen und noch so gut verstehen, so wird es doch immer einen Punkt geben, an welchem das gegenseitige Verständnis aufhört; und dies so plötzlich und so radikal, daß es sogar schlechten Beobachtern fast immer zum Bewußtsein kommt. Was mag die Ursache dieses Nichtverstehens sein? –: Führt man widerstreitende Vorurteile, physiologische Antipathien, durch den Unterschied der individuellen Anlage, der Erziehung oder des Milieus bedingte Differenzen an, so hat man nichts Eigentliches gesagt: in allen diesen Fragen der Oberflächenspannung ist vollständiges Verständnis erzielbar, und das Wesentliche bleibt doch aus. Das Nichtverstehen wurzelt in der Tiefe. Wo der Deutsche im deutschen Sinne tief wird, dort versagt des Franzosen Verständnis, und wo der Franzose sein Tiefstes zum Ausdruck bringt, dort redet er eine Sprache, deren Bau uns innerlich fremd ist. Nun könnte es sein, daß dem Romanen die lebendige Tiefe, in welcher der Germane seinen Grund fühlt, fehlte, und dieses ist auch nicht selten behauptet worden. Allein, wie mich bedünken will, mit Unrecht. Wohl mag es sein, daß die germanische Veranlagung im absoluten Sinn die reichere, umfassendere ist, daß wir Möglichkeiten des Erlebens besitzen, die den Romanen von der Natur nicht gewährt wurden: aber das ist es nicht, was das Nichtverstehen bedingt; man begreift auch das, was einem fehlt. Das Nichtverstehen im Letzten scheint mir darauf zu beruhen, daß das innerste Leben, welches in beiden Fällen im gleichen Maß vorhanden sein mag, in jedem von ihnen verschiedenen, ja entgegengesetzten Ausdruck sucht und findet.

Schemen sind nun bekanntlich immer falsch, und Antithesen pflegen die Wahrheit zu vergewaltigen. Die Wirklichkeit ist nirgends so akzentuiert, wie das begriffliche Denken dies wünschen möchte, ist auch nirgends so eindeutig, daß eine Formel sie restlos erschöpfen könnte. Die romanischen und germanischen Charaktere sind durch vielfache Übergänge vermittelt, der Brite weist viel römisch-keltische Züge auf, der Nordfranzose so manche deutsche Eigenschaft. Das Romanische, das Germanische tritt vielleicht nirgends als solches in die Erscheinung, deshalb kann es unmöglich gelingen, eine allgemeine Charakteristik zu geben, die dem Faktischen überall Rechnung trüge. Nur die weitesten Zusammenhänge dürfen überhaupt ins Auge gefaßt werden, wenn typische Züge bestimmt werden sollen. Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, wenn ich bald auf Englisches, bald auf Deutsches hinweise, hier auf Französisches und dort wieder auf Italienisches, sogar dort, wo die Bestimmung nur für die eine Nation zu Recht besteht; daß ich andererseits von der zunehmenden Verwischung der ursprünglichen Grenzen, welche Blutmischung, verkehrsbedingte gegenseitige Abfärbung und jüdischer Einfluß bedingen, in meiner Betrachtung vollständig absehe. Sie müssen sehr großzügig zu denken suchen. Tuen Sie dies nun, dann darf ich Ihnen den Unterschied mit gutem Gewissen auf die folgende Weise definieren: das geistige Leben des Germanen ist wesentlich ein nach innen zu gekehrtes, dasjenige des Romanen ein nach außen zu ausstrahlendes. Dieser Richtungsunterschied, dieser allein, ist die eigentliche Ursache aller besonderen Divergenzen und Gegensätze.

Stellen wir uns in der Tat vor, zwei gleich tief angelegte Menschen unterscheiden sich im angeführten Sinn –: wie wird dieser Unterschied in die Erscheinung treten? (Selbstverständlich kann es sich bei dieser Konstruktion nur um eine grobschematische Skizze handeln, welche die Grundverhältnisse gerade dadurch besonders deutlich hervortreten läßt, daß sie dieselben übertreibt.) –: Der Insichgekehrte lebt im Urgrunde seines Wesens. Als Religiöser steht er zur Gottheit in persönlichem, nächstem Verhältnis, setzt sich selbständig mit Ihr auseinander; als Philosoph durchdenkt er die äußersten Probleme, das Sein selbst im Geiste zu erschöpfen strebend; als Liebender ist er Idealist und insofern wunschlos, da sein Gemüt mehr vom Gefühle selbst als von dessen Gegenstande eingenommen ist und die Tiefe des inneren Erlebens alle Absichten oberflächlich erscheinen läßt; als Künstler endlich strebt er nach Innerlichkeit, weswegen der Gehalt ihm wichtiger dünkt als die Vollendung des Ausdrucks. Er wird ein sehr reiches und lebendiges Innenleben haben, seine Gefahr und Grenze aber werden Verträumtheit und Phantastik sein. Verträumtheit, weil im Reich der Seele die Umrisse gar zu leicht verschwimmen und das Chaos nur zu träumen ist; Phantastik, weil dort, wo die äußeren Schranken fehlen, die Einbildungskraft leicht zuchtlos wird und bloß Eingebildetes mit Wirklichem verwechselt. –: Derjenige nun, dessen geistiges Leben, bei gleicher ursprünglicher Tiefe, ein nach außen zu ausstrahlendes ist, wird sich wesentlich anders verhalten. Bewußt wird er stets in der Sphäre der Erscheinungen leben, denn für ihn existiert das Tiefe nur, insofern es zum Ausdruck gelangt, was offenbar nur an der Oberfläche geschehen kann, und nur dort wird er es ganz verstehen. Daher wird seine Religiosität sich vorzüglich praktisch äußern, bei prinzipieller Gleichgültigkeit theoretischen Erwägungen gegenüber; er wird fromm sein, ohne viel nachzufragen, welchen Grund seine Frömmigkeit hat. Seine Philosophie wird mehr dem Geist nach tiefsinnig sein als in dem, was sie tatsächlich sagt, denn wenn er vom Tiefsten vielleicht ausging, so strebt er doch nicht bewußterweise hin. Seine Liebe bezieht sich immer auf Reales, er begehrt und weiß, was er will, kein Gefühl als solches befriedigt ihn, ihm kommt es auf Tatsachen an. Als Künstler schließlich ist er Meister des Ausdrucks und kaum imstande zu verstehen, was Gehalt unabhängig vom Ausdruck überhaupt vorstellen und bedeuten soll, denn er schaut nur nach außen, nicht nach innen. Überall tritt er vollendet in die Erscheinung, seine Grenzen aber sind Oberflächlichkeit, Formalismus und Positivismus, d. h. Mangel an Einbildungskraft. Oberflächlichkeit, weil der, welcher alles an die Oberfläche bringt, zuletzt der Tiefe vergißt, von der er ausging, Formalismus, weil formale Meisterschaft nur zu leicht dazu verführt, in der Form einen Selbstzweck anzuerkennen, Phantasiemangel endlich, weil die allzu scharf erschaute Außenwelt am Ende das Innenleben beeinträchtigt und erstickt. Wer alles bemerkt, dem fällt zuletzt nichts ein. –: Die freie Konstruktion, die ich hier vor Ihnen aufführe, ist gewiß nur ein Schema, vergessen Sie das nicht, doch gibt sie ein gutes Schema zum Verständnis des wirklichen Verhältnisses des germanischen zum romanischen Geiste ab. Selbstverständlich darf nur der sich bei Massenvergleichen ergebende Durchschnittseffekt in Betracht gezogen werden, denn große Geister sprengen fast immer den Rahmen ihrer Nation, und selbst wenn man von den Größten absieht, wird man immer Individuen entdecken, auf welche die allgemeine Charakteristik nicht zutrifft. Selbstverständlich bedingen die verschiedenen Richtungen, in welchen sich die gleiche oder als gleich angenommene Lebensintensität bewegt, wesentliche und unüberbrückbare Unzulänglichkeiten: so wird der Romane als Mystiker, als Dichter und als Philosoph im tiefsten Sinn nie das sein, wie ein Sproß des Germanentums, während es diesem wiederum sehr schwer wird, dem Romanen dort gleichzukommen, wo dessen ursprüngliche Stärke liegt: in der bildenden Kunst, in der Kritik, in der Gestaltung des äußeren Lebens. Selbstverständlich äußert sich, bei der großen Unvollkommenheit der Menschennatur und ihrer verderblichen Neigung, lieber Schlechtes als Gutes zu vererben und fortzusetzen, der Charakter einer Organisation weit häufiger in ihren Mängeln als in ihren Vorzügen: so kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß ein sehr großer Teil der Franzosen an Gemütlosigkeit, Trivialität und Phantasiemangel krankt, während die überwiegende Mehrzahl der Deutschen dem Fremden mit Recht mehr durch ihre Schwerfälligkeit, öde Ideologie, Unpräzision im Denken und ihren Mangel an Kultur des ganzen Lebens auffällt, als durch das, worin der Deutsche groß ist. Aber das Wichtige ist zu begreifen, daß diese Unzulänglichkeiten, so bedeutend sie immer seien, keinen ursprünglichen Defekt des Wesens beweisen, sondern nur eine abweichende Geistesrichtung. Vielleicht wird Ihnen das am Deutlichsten werden, wenn ich zwei extreme Beispiele anführe. Der Katholizismus, dessen Gläubigen ein selbständiges Sichbefassen mit den tiefsten Problemen versagt, weil vorweggenommen ist, ist in Europa die romanische Religion par excellence (obschon seine höchsten Möglichkeiten, die bei kontemplativer Anlage in die Erscheinung treten, an der germanischen Natur ein günstigeres Medium finden sollten, und diese im Mittelalter auch gefunden haben); ich kann mir nicht denken, daß echte Romanen jemals dem Geist nach Protestanten werden können. Weshalb? weil innerhalb des katholischen Glaubensbekenntnisses der Glaube sich in der Betätigung äußert. Ein Dogma ist wahr, nicht eigentlich insofern es erkannt, sondern insofern es erlebt, gelebt, gehandelt wird (man vergegenwärtige sich den besonderen Sinn, der in der religiösen Sphäre mit dem Verbum pratiquer verknüpft erscheint), seine Wahrheit ist keine theoretische, sondern eine praktische, sie erweist sich in dem, daß sie den Menschen bessert und erlöst. Wogegen der Protestantismus, als Ausdruck der insichgekehrten Geistesrichtung, den Glauben als reinen Glauben meint und die Wahrheit als echte Erkenntnis. Die Voraussetzungen beider Religionssysteme sind grundverschieden: es kann aber nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, daß unter Katholiken, die in einer für lutherische Begriffe unerträglichen geistlichen Knechtschaft leben, noch häufig Geister von so tiefer Religiosität vorkommen, wie sie unter Protestanten schon sehr selten sind und immer seltener werden, weil die Religiosität sich innerhalb des Protestantismus unwillkürlich zersetzt Man vergleiche über Protestantismus und Katholizismus mein Reisetagebuch S. 233, 235, 260, 293, 402, 434 (2. Auflage).. –: Und nun der Charakter der Liebe, so andersartig diesseits und jenseits des Rheins. Gewiß: der Positivismus der französischen Erotik hat für Deutsche zunächst etwas Abstoßendes, es liegt dem Germanen nahe, dem Franzosen Empfindungstiefe abzusprechen. Wo ausschließlich von Sinnlichem die Rede ist, dort, meinen wir, sei Sinnlichkeit auch das einzige Motiv, wir bezweifeln das Dasein der Seele. Allein wir irren darin. Der Germane, der auf französisch liebt, ist freilich selten mehr als er scheint, bestenfalls ist er ein verfeinertes Tier; beim Franzosen hat alle Sinnlichkeit einen tiefen Hintergrund, oder kann solchen wenigstens haben. Bei diesem, dessen Lebensintensität nach außen zu ausstrahlt, anstatt, wie bei jenem, im Inneren schwebend zu verweilen, kommt im Sinnlichen Seelisches zum Ausdruck, und kann nur dort zum Ausdruck kommen, wie denn tatsächlich der Körper der Seele ursprünglichster Ausdruck ist. Im Ganzen liegen die Dinge wohl folgendermaßen: jede der beiden Menschenarten löst die gleichen Probleme auf gleich vollkommene Weise, aber jede auf ihre besondere Art.

Wenden wir uns jetzt dem spezifischen Ausdruck zu, den das ursprünglich Gleiche bei den Germanen einerseits, den Romanen andererseits findet. Ich deutete Ihnen schon an, daß die Verschiedenheit der Geistesrichtung sehr große Unterschiede im aktuellen Ausdruck nicht nur, sondern auch in den Ausdrucksmöglichkeiten bedingt. Der ausstrahlende Charakter der romanischen Lebensintensität und dessen nächste Folge, die wesentliche Bedeutung, welche der Form zukommt, bedingen es, daß die Formseite des Lebens und der Kunst in romanischen Ländern wie von selbst eine Vollendung erreicht, wie unter Germanen nur bei exzeptioneller Veranlagung und unter einem Hochdruck von Disziplin. Desgleichen kann es bei der zentrifugalen Richtung des romanischen Geistes nicht ausbleiben, daß Beobachtung, Kritik und Unterscheidungsvermögen dort eine Rolle spielen und folglich auch eine Hochzüchtung erfahren, wie nur in Ausnahmefällen unter uns. Daher die wunderbaren, unvergleichlichen Denkmäler, die der romanische Geist sich in Skulptur, Architektur und Malerei gesetzt hat, seine unerreichte Lebenskunst, sein verfeinerter, unfehlbarer Geschmack. Aber mit der gleichen Notwendigkeit ergibt es sich aus unserer Bestimmung des Grundcharakters des Romanen, daß er dort, wo es sich um den unmittelbaren Ausdruck des Innerlichen handelt, nicht dessen Verkörperung in der Erscheinung, vor dem Germanen zurücktreten muß. Das tiefste Weben der Seele hat keine Kunst keines Volks so gewaltig auszudrücken vermocht, wie die deutsche Musik, die größten Denker hat immer noch Deutschland hervorgebracht, und es gibt keinen romanischen Dichter, der sich dem poetischen Gehalt nach nicht bloß mit Shakespeare, sondern auch nur mit Shelley vergleichen dürfte. Ließe sich nun nicht, auf Grund dieser Unterschiede in den Ausdrucksmöglichkeiten, eine präzise Formel finden, welche das Wesentliche an beiden Kulturen womöglich in einem Worte wiedergäbe? Denn ganz deutlich wird immer nur das, was sich ohne Umwege aussprechen läßt. Mir scheint, die folgende Formel wird dem ganzen Tatbestand gerecht: die germanische Kultur ist Kultur der Einbildungskraft, die romanische eine solche des Wirklichkeitssinnes. Ich weiß wohl, die Grenze zwischen Phantasie und empirischer Anschauung ist nicht überall leicht zu bestimmen, preßt man die Formel zu sehr, so wird sie notwendig falsch. Doch benutzt man sie als Wegweiser, oder als Symbol für die großen Züge, dann ist sie durchaus wahr. Das Größte, was die Germanen vollbracht, das, worin sie unerreicht dastehen, ist von jeher der Ausdruck des geheimnisvoll Schöpferischen gewesen, der Ausdruck dessen, was über Sinnenschein und Verstandeswahrheit hinausgeht. Es waren die Tugenden des Gehorsams und der Treue, es war der Glaube, der die Welt verklärt, es war die Philosophie, welche Grenzen schafft, und die Musik, die davon kündet, was alle Worte verschweigen müssen. Hier darf keine lebende Blutsgemeinschaft sich auch nur aus der Ferne mit ihnen vergleichen. Ja sogar in der bildenden Kunst, soweit sie rein Seelisches ausdrückt, übertrifft der Germane den Romanen. Die Innigkeit altdeutscher Meister hat kein Franzose besessen, den Holbeinschen Totentanz hätte Raffael niemals schaffen können, denn die Seele als solche auszudrücken geht über romanische Kraft. Wo es sich indessen um Wirklichkeit handelt, um Kultur der Sinne, des Verstandes, des Lebens im empirischen Sinn, dort steht der Germane dem Romanen nach. So vornehm, wie diejenige Tizians, ist die Anschauung keines Nordländers gewesen, so durchsichtig und klar, wie Voltaire, hat kein Deutscher jemals gedacht, und neben altfranzösischer Geselligkeit wirkt alle germanische roh. Man wird mir vielleicht England entgegenhalten zum Beweis der germanischen Wirklichkeitskultur: ganz mit Unrecht. Gerade Englands Kultur, so seltsam die Behauptung klinge, ist eine solche der reinsten Phantasie. Der politische Instinkt, das Gleichmäßige der äußeren Erscheinung, das geregelte Leben dieses Volkes sind nämlich der Ausdruck einer höchst gebildeten Innerlichkeit; sie beweisen nicht Mangel an Einbildungskraft, sie beweisen deren äußerste Beherrschung. Von allen Europäern besitzt der Engländer als Volk die konzentrierteste Imagination. Sie bedarf nicht der Unbeschränktheit, um sich auszuleben, die Schranken, so eng sie auch seien, sind ihr wesentliche Lebensformen. Wie die strengste Form in der Kunst die Phantasie nicht beengt, sondern abklärt, wie die Fingerübungen eines Bach mehr echte Musik enthalten als die freien Rhapsodien der Modernen, im gleichen Verstande bedeutet englischer Ordnungssinn nicht Unfreiheit, sondern edelste Freiheit. Dank der äußersten Durchbildung des ethischen Individuums, welches immer zugleich das imaginative ist, ist in England eine staatliche Organisation erwachsen, die auf den ersten Eindruck die Negation jeder Einbildungskraft und der Ausdruck abstraktester Reflexion zu sein scheint.

 

Die germanische und die romanische Kultur haben andere Ursprünge, verfolgen abweichende Richtungen und erreichen demzufolge verschiedene Ziele. Hieraus folgt schon a priori, daß die Möglichkeiten der einen nach vielen Richtungen hin Unmöglichkeiten für die andere bedeuten müssen, es bedarf kaum der Belehrung durch die Erfahrung. Und doch ist dies selten begriffen worden. Zumal die französische Kultur gilt als eine, die sich ohne Weiteres übernehmen läßt. Nichts falscher als dies. Gerade diese Kultur ist ausgesprochen national, ja, je zugänglicher sie dem Nicht-Franzosen erscheint, desto ferner steht sie ihm in Wahrheit. Russen mit ihrer großen Leichtigkeit in der Aneignung fremder Sprachen bedienen sich mit besonderer Vorliebe der französischen und ernten sogar literarischen Erfolg damit: es gibt für den wahren Kenner französischen Geistes wenig Unerfreulicheres als die französische Literatur, die aus dem Osten stammt. Denn wenn hier das Äußerliche vollendet nachgeahmt erscheint, so ist der innere Charakter kaum jemals nur annähernd erfaßt; die Erscheinung ist unecht, bedeutet nicht was sie vorstellt, und im Reich des Geistes bestimmt die Bedeutung den empirischen Tatbestand. Aber es kann auch unmöglich gelingen, außer bei genialer Veranlagung, bei einem Reichtum des inneren Lebens, den immer nur ganz wenige besitzen, etwas wirklich (nicht bloß schauspielerisch) zu verkörpern, das man ursprünglich nicht ist. Die Sprache ist lebendiger Ausdruck des Lebens, und den Meisten ist der ererbte Ausdruck der einzigmögliche; die Kultur eines Volks bedeutet ein notwendiges Stadium seiner lebendigen Entwicklung aus innerem Gesetz heraus, und Leben läßt sich von außen nicht aneignen. Jedem Menschen wie jedem Volk sind durch seine Anlagen und Erbschaften Grenzen gesetzt, die er nicht überschreiten kann, ohne sein Bestes damit preiszugeben. Wohl wäre es schön, wenn der Mensch auch als empirisches Wesen ein Unendliches wäre, ja das Überwinden der ihm von der Natur gesetzten Schranken bedeutet ohne Zweifel das Ideal, nach dem jeder von uns streben soll. Es hat vielleicht keinen tieferen Geist gegeben, der nicht darunter gelitten hätte, ein Individuum zu sein, dessen heißeste Sehnsucht nicht die gewesen wäre, sich bis zur Menschheit auszuweiten und zu vertiefen. So treibt es ihn auch aus den Schranken des Nationalcharakters hinaus, denn auch der ist ein beschränktes Gebilde. Keine einzelne Nation hat je das Ideal des Menschentums verkörpert, keine tut es jetzt und keine wird es je tun; wer im höchsten Sinne Mensch sein will, muß mehr sein wollen, als der erste Vertreter seines Stamms. Insofern gibt es gewiß nichts Verderblicheres, Entwicklungshemmenderes als das Liebäugeln mit den Grenzen des Volkes oder der Person. Dieses Liebäugeln ankert den Menschen in seinen Grenzen fest, benimmt ihm die innere Möglichkeit, sein Streben auf Unendliches zu richten. Dies ändert aber nichts daran, daß er mit diesen Grenzen rechnen muß, denn nur innerhalb ihrer kann er unendlich sein, gleichwie der Eisenbahnzug nur auf und dank seinen Schienen, die ihn einerseits beengen, den Raum überwinden kann. Nur innerhalb seiner Grenzen, so eng sie auch sein mögen, kann er sich überhaupt vollenden. Nein, aus der Haut seiner geographischen und historischen Bedingtheit kann kein Sterblicher heraus; er suche ihr gewaltsam zu entschlüpfen –: die Befreiung wird Selbstmord sein. Weswegen sind Rußlands größte Geister der westlichen Zivilisation fast alle nicht hold gewesen, warum hat der große Tolstoi, wenn er den Russen verherrlichen wollte, am Liebsten den unkultivierten, unverfälschten Bauern zum Gegenstand seiner Darstellung gewählt? –: Weil die westliche Kultur, die er einst gewaltsam übernahm, dem Russen gegenüber etwas Fremdes ist, weil seine wahre, spezifische Vollendung in einer Richtung liegt, die derjenigen des westlichen Kulturfortschritts nicht durchaus parallel geht. Im gleichen Sinn hat die deutsche Literatur erst mit dem Augenblick den Weg zur Höhe betreten, wo sie sich von der Autorität des Klassisch-Französischen zu emanzipieren wagte, denn die Deutschen sind keine Franzosen, und die Form dessen, was einer nicht ist, steht einem nimmermehr an. Wahre Kultur kann es ausschließlich im Rahmen der Eigenart geben. Dies gilt auch für uns Balten, die äußersten Vorposten der großen germanischen Kultur. Und es gilt für uns in engeren Grenzen, als für die großen Germanenstämme, eben weil unsere Geschichte eine besondere, beschränktere ist. Unser unmittelbarer Hintergrund ist nicht das Deutschtum in seinem weiten Begriff, unser Hintergrund ist enger, gemischter Art, wie ihn die Geschichte eben geschaffen hat. Aus diesem Grunde können wir uns kulturell schwer behaupten, sobald wir aus unserem engen Rahmen heraustreten, sobald wir ein Leben verkörpern wollen, das nicht baltisches Leben wäre. Nicht allein, daß wir unter keinen Umständen Romanen werden können: weder im Rahmen des Slaventums, noch auch in dem des reichsdeutschen Germanentums vermögen wir zu bestehen. Daß dieses in jenem Falle zutrifft, ist Ihnen wohl allen bewußt: der verrußte Balte stellt ohne Ausnahme einen minderwertigen Typus dar; er ist nicht allein weniger als der Balte, er ist weniger als der Russe, denn ihm fehlt selbst bei identischer Oberfläche doch dessen lebendiger Hintergrund, der Hintergrund der Geschichte, der allein der Erscheinung die Tiefendimension verleiht. Das Gleiche aber gilt auch vom Rahmen des deutschen Reichs: auch dieser ist dem Balten ein fremder, nach manchen Richtungen hin bedrückender. Wir sind keine Deutschen im reichsdeutschen Sinn, wir sind ein selbständiger Menschenschlag, unter besonderen Bedingungen erwachsen. Wie die Sachsen in England zu Briten wurden und in Holland zu Niederländern, so ist aus den Deutschen, die in die baltischen Grenzlande übersiedelten, trotz aller Reinzucht, trotz heiligbewahrter Sprache und trotz stetigen Zusammenhangs mit der Urheimat allmählich ein Neues entstanden, das sich in vielen Hinsichten vom Ursprünglichen schroff unterscheidet. Sucht sich daher der Balte dem fremden Rahmen anzupassen, so muß er auf alle Fälle aufhören, er selbst, ein Balte zu sein, und wer kein markantes Individuum ist, was freilich das Höchste bedeutet, der gibt mit dem Nationalcharakter sein Bestes preis. Er stellt dann einen niederen Typus des Reichsdeutschen dar, genau im gleichen Sinn, wie er als Russe ein minderwertiger Russe ist –: denn auch den reichsdeutschen Hintergrund kann er sich nicht wirklich zu eigen machen, weil eben Hintergründe überhaupt nur zu ererben, nicht zu erwerben sind. Und es steckt doch ein objektiver Wert in der baltischen Abart der großen germanischen Kultur, ein Wert, dessen Verlust die Menschheit zu tragen hätte. Nur Balten ist diese Kultur gemäß, nur hier kann sie gedeihen. So führt denn auch rein theoretische, um alle Praxis unbekümmerte Reflexion zur Erkenntnis, daß es für uns Balten, sofern wir ein Kulturmoment bleiben wollen, nur eins geben kann: treu zur Scholle zu stehen und das Erbe zu wahren und fortzuvererben, das wir von unseren Vätern überkommen haben.

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