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Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil

Hans Michael Moscherosch: Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHans Michael Moscherosch
titlePhilanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte ? Zweiter Teil
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorKarl Müller
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080612
projectid5414d90b
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Redliche Kundschaften, betreffend die Gesichtbücher Philanders von Sittewald.

1) Den edleren Geistern soll jede Art von Scherz erlaubt sein, welcher sich innerhalb der Grenzen der Frömmigkeit hält und nicht in gottlosen Aberglauben ausartet.

2) In dem sanften Schattenthron seiner hohen Palmenbäume
Hat er in bemühtem Schlaf von viel hohen Sachen Träume
Obwohl, der die Wahrheit saget, aller Orten ist verhaßt,
Wird von jedem doch geliebet, so sie träumend hat verfaßt.

Dieser Satz betrifft unseres Träumenden (sonst Philander von Sittewald genannt) Strafschriften, in welchen er die heutige gottlose Welt nach des spanischen Ritters Franzisco Quevedo Vorriß mit artigen und gar natürlichen Farben nachmalt und seine Erfindungen aus eignem Wohlvermögen fortsetzt. Diese Traumgesichte sind bei den wißbegierigen Leuten so beliebt, daß sie nunmehr zum fünften Mal aufgelegt werden, und sie haben fast mehr Früchte gebracht, als manches Bet- und Predigtbuch, welches man unter der Bank liegen läßt. In diesen Gesichten hingegen, in denen man die Zeit kurzweilig zu vertreiben sucht, findet man die abscheulichen Strafen der Sünden und Laster so erschrecklich vorgebildet, daß dem Leser, der in sein Gewissen geht, darüber ein Grausen ankommt und gleichsam wider seinen Willen das Ewige und seiner Seele Wohlfahrt, zu beobachten gezwungen wird. Der Unverdrossene Der Unverdrossene ist Balthasar Schuppius, Hauptpastor in Hamburg, wo er 1661 stirbt. im deutschen Palmbaum.

3) Philander von Sittewald thut zwar auch belieben,
Daß er auf satirisch' Art von der Höll' geschrieben,
Setzt, wie die Welt rumpeln thu in der Höll' mit Macht;
Ein recht gelehrter Mann muß sein, der dies Buch gemacht.
Doch man kann den Sittewald nicht allzeit verstehn,
Gar subtil, mit hoher Kunst, läßt er sich oft sehn;
Deutsch ist er und doch nicht deutsch: du bist kein Linguist,
Weißt auf manchen Blättern nicht, was sensusist.

4) Mit großem Ergötzen habe ich die Gesichte gelesen; wie schrecklich hast du die Laster unseres Jahrhunderts gemalt und sie den Frommen verabscheuenswerth gemacht! In unserer giftschwangeren Zeit scheint die Natur der Schlechtigkeit zum Schlechtern verändert, und die Eitelkeit triumphirt über die wahre Tugend. Deutsche Worte, treffend und zierlich ausgedrückt, habe ich gelesen und glaube nicht, daß in Zukunft die deutsche Grammatik und Sprache die des Philander übertreffen werden. Braunschweig, Gemeint ist der Herzog von Braunschweig, Mitglied des Palmenordens. den 3. Jan. 1643.

5) Desselben in seinem weltbeliebten Schauplatz, wie nicht weniger in dem am 12. April an Herrn Römpler Jes. Römpler, der muthmaßliche Stifter der Tannengesellschaft. eingelaufnen Schreiben von mir wiederholtes hohes Lob habe ich von Herzen gern vernommen, weil ich weiß, es ist kein besseres Lob, als von vortrefflichen Leuten gelobt zu werden. Wenn aber hieraus unschwer zu ersehen ist, daß M.H. Herr mich besonders günstig liebe, und zugleich auch wahr ist, daß das Lob eines Freundes von vielen für zweifelhaft gehalten wird: so bitte ich allein M.H. Herr, solche hohen Sachen mir und meiner Geschicklichkeit nicht zuschreiben zu wollen, dessen ich in meiner flüchtigen Nichtigkeit mir selbst am besten bewußt bin, und wünsche ihm nichts mehr, als ihm jeden angenehmen Gefallen und Dienst zu erweisen und in solcher Hoffnung zu verbleiben, solang ich lebe. Straßburg, den 29. August 1646.

6) Es ist unter den jetzigen satirischen Poeten ein trefflich erfahrener und gelehrter Mann, dessen weltbekannte Gesichte unter dem Namen Philanders von Sittewald vor wenig Jahren an das Licht gekommen sind, billig hoch zu rühmen, da er als ein redlicher Deutscher auch aufrichtig und Deutsch einem jeden die Meinung dergestalt unter die Augen sagt, daß sich keiner mit der Wahrheit entschuldigen kann, noch ihn deswegen schelten oder beschuldigen. Schauplatz von Joh. Rist. Johann Rist, Prediger zu Wedel an der Elbe, Stifter des Schwanenordens; eine seiner Gedichtsammlungen ist betitelt »der poetische Schauplatz«.

7) Mein Herr hat in seinem letzten Briefe wegen eines Feldpredigers von der schwedischen Armee sich erkundigt, worauf ich geantwortet habe. Da ich aber an der Ueberbringung desselben zweifle, so berichte ich nochmals, daß derselbe von den dänischen Völkern bei Eroberung des Schlosses Rypen ist erschlagen und jämmerlich umgekommen; er war sonst ein wilder wüster Mensch, Tag und Nacht voll, hurte und buhlte ebenso wie sein Commandeur, mit welchem ich etliche Male habe essen müssen, aber der Pfarrer ist mir ein Greuel. Sind mir das nicht schöne Prediger? Wie sollten diese gottesfürchtige Soldaten machen? O redlicher Philander, nur immer eine neue Feder angesetzt, aber sie muß entweder in Essig oder Galle genetzt, von Diamanten und Stahl geschmiedet sein: denn wer kann das teuflische Leben zur Genüge schelten? Gott stärke Philander und alle redlichen Christen, daß sie den Kriegsbelial von ganzem Herzen hassen, sonst zweifle ich nicht (ich rede ohne alle Heuchelei, welche meiner offenherzigen Natur ganz zuwider ist), wenn mein Herr solche Gelegenheit, Zeit und Weile, vornehmlich aber solche trefflichen Patrone hätte, wie sie der berühmte Owenus Ueber Owenus siehe Einleitung am Ende. seiner Zeit gehabt hat, er wird es diesem in vielem zuvor thun. Diese meine Meinung hat neulich ein großer Herr in meiner Gegenwart auch bestätigt. Gott erhalte ihn lange den lieben Seinigen und dem lieben Vaterlande zum Nutzen und Trost: denn wir haben doch leider bei dieser falsch-politischen Welt wenig Leute mehr, welche die deutsche Wahrheit öffentlich heraus sagen! Daß mein Herr seine Gesichte wieder aufs neue läßt drucken, das vernehme ich und nebst mir viele große Leute dieser Oerter über die Maßen gern. Zu Wedel in Holstein, den 20. des Weinmonats 1646.

8) Diesem nach möchte ich gern wissen, ob meines Herrn Gesichte, mein einziges und nächst der Bibel mein liebstes Buch, aufs neue wieder hervor gekommen, und wieviel Theile davon verfertigt sind. Bitte um Antwort. Mein friedeseufzendes Deutschland, Diesen Titel trägt ein sogen. Drama Rist's, was aber weniger ein Drama als eine lyrisch-poetische Schilderung zu nennen ist. welches dieses Jahr zu Hamburg auf öffentlichem Schauplatz in Gegenwart vieler fürstlicher und anderer Personen mit sonderbarer Bewegung der Gemüther vorgestellt ist, wird nunmehr gedruckt. Ich habe nur die nackte Wahrheit darin aufgeführt, und ob ich gleich deswegen muß leiden und von etlichen Welthummeln beschnurrt werden, so will ich doch lieber mit dem redlichen Philander um der Wahrheit willen geschmäht, als mit vielen Fuchsschwänzern ihrer Lügen halber gerühmt werden. Wedel am 1. August 1647.

9) Herr Moscherosch hat durch Publicirung seiner satirischen Gesichte einen solchen Ruhm und Ehre bei allen aufrichtigen und redlichen Herzen erworben und dazu solchen Nutzen geschaffen, daß auch eine vornehme Person, welche weder durch die heilige Bibel noch durch Gebrauch der herrlichsten geistreichsten Betbücher von seinem verruchten Leben hat können abgezogen werden, durch gedachtes Buch Philanders von Sittewald dermaßen zu einem andern und gottseligen Leben angefrischt ist, daß sich jedermann darüber hat wundern und sagen müssen: Hm, wie ist er dadurch verändert! sintemal er der religiöseste und frömmste Mann geworden ist, so sehr, daß auch ein vortrefflicher Herr mir insonderheit befohlen hat, wenn mir Gelegenheit kommen würde, dies in Schriften vermelden zu wollen, daß, wenn er mit diesem Buche nichts weiter ausgerichtet hätte, er doch den Preis des Ruhmes und der Ehre bei den Menschen erhalten und Belohnung zu erwarten haben würde. M. F. 1646. –

Den folgenden Samstag, so der gewöhnliche Sitzungstag des Rathes war, wurden wir vier wieder vor den Rath gefordert, und als wir beide eingelassen waren, wurde von Freymund im Beisein des ganzen Reformationsrathes gesagt: daß die Kundschaft gut ausgefallen, und ich hiermit gänzlich los erkannt, auch ehestens mit genügendem Paß zum Abzug sollte versehen werden; doch könnte es unter acht Tagen wegen vorliegender anderer Geschäfte nicht geschehen; inzwischen sollten die Gesichte ihrer Anordnung gemäß eingeheftet mit einem leichten Einband versehen und angezeigt werden, wie weit dieselben zu dulden wären. Wir waren also dies Mal wieder entlassen; ich konnte mich auch in die Aufzüge und widrigen Reden gar nicht mehr schicken. Folgenden Mittwochs kamen wir abermals dahin. Hans Thurnmeier stellte im Beisein Freymunds und Gutrunds mir und Expertus Robertus die zwei Gesichtbücher zu und sagte, daß sie im Reformationsrath durchgegangen, an etlichen Stellen erläutert, verbessert und geändert wären; dann setzte er auf morgen, Donnerstag, das Endurtheil an. Diejenigen Punkte, welche theils am Rand, theils in der Mitte, theils auf beigelegten Zetteln waren gerügt worden, sind diese.

Reformation der Gesichte Philanders von Sittewald.

Zusätze.

Recht rund deutsch, treulich und ohngefähr von der Sache zu reden, keinem zu lieb oder leid, sondern allein der gemeinen Verbesserung zu gut, Gott zuvörderst zu Ehren. Wenn etwa einer oder der andere über dieses oder jenes, was ihm nicht gefällt, sich rümpft, so möge er wissen, daß hier nichts für den Rümpfer gekocht wird, er auch nicht dazu eingeladen ist, sondern allein die Gutherzigen, die gern mit einem schlichten Gericht fürlieb nehmen. Wem also dies schlichte Gericht nicht schmeckt, der suche sich ein besseres und wohlschmeckenderes, oder koche sich selbst eins nach seiner Lust und salze es nach seinem Wohlgefallen, das ihm die Augen belustige, das Gehör drehe, den Sinn kitzle und, nachdem er's verschlungen, das Herz abstoße, wie leider oft geschieht in solchen linden, weichen und lieblichen Büchern. Aus dem Rümpfen wird ein solcher aber bald zu erkennen geben, daß er eben von dem Bissen, worüber er sich rümpft, einen Druck wird empfangen haben und sich selbst verrathen, an welcher Sucht er krank liegt: nicht anders als jener, der sich unter der Predigt eiligst duckte, als der Prediger that, als wollte er den größten Ehebrecher mit dem Buch von der Kanzel herab werfen.

Von Geistlichen.

Denn wenn ein Pfarrer lebet krumm,
So wird auch seine Lehre dumm.
Sich, wenn er trau'n und taufen soll,
Die Haut zuvor besaufet voll,
Daß er die Zung' kann übel rühren
Und sein Amt nicht zur Hälfte führen;
Desgleichen gerne Kegel schiebt,
Gott lästert, Schwänke treibt und spielt
Und in dem Krug viel besser schwitzt,
Als wenn er bei der Bibel sitzt,
Und übet nüchtern oder voll
Dasjen'ge, was er strafen soll,
Dazu in keinem Buche liest.
Bis daß es spät Sonnabend ist.
Oder wenn ihn der Küster weckt,
Daß er zur Mess die Glocken trägt: –
Wie kann er dann rechtschaffen lehren
Und sein Talent mit Wucher mehren?
Fürwahr wenn gleich ein solcher Held
Sich heftig auf der Kanzel stellt
Und will mit allem seinem Schaffen
Des Fleisches arge Werk' abschaffen,
Wie Unzucht, Saufen und dergleichen:
So thut er doch kein Wunderzeichen,
Wenn ihm entfallet Geist und Muth,
Weil sein Gewissen nicht ist gut.

Wahrlich, viel Menschen könnten vor dem Untergang und der ewigen Verdammnis erhalten werden, wenn die Geistlichen handelten. Eine Seele zu erretten, soll man alles versuchen, alles werden; was man mit Pochen, mit Sauersehen, mit Entäußern, mit Abhuld nicht zurecht bringen kann, das soll man mit Milde, mit Freundlichkeit, mit geschmierten Worten verrichten, und in allem das Beste anwenden, wenn das Scharfe nicht verfangen will, auch die Besserung eines Menschen hoffen, solange er im Leben ist. Zieht sich ein Zuhörer aus Halsstarrigkeit von seinem Pfarrherrn ab, so heißt es: dies Schäflein geht in der Wüste, in der Irre, lasse du die neunundneunzig und gehe dem nach, das verloren ist.

Von den Zuhörern.

Wenn ein Geistlicher aus Schwachheit irrt, so gebührt es dem Zuhörer darum nicht, daß er dies ahnde, tadle, ausschreie, feiltrage, denn das ist gottlos; es gehört eine christliche Geduld und Mitleiden dahin, und daß man das Beste anwendet, nicht das Aergste. Wer seinen Lehrer tadelt, der ist ein böser Zuhörer; wer seinen Pfarrer quält, der ist ein gottloser Mensch; wer seinen Seelsorger verfolgt, der ist verdammt.

Von Kirchen.

Wan Altor, Gsang und Kantzil ston
So soll mans unverandert lon.

Von hohen Schulen.

Kein kaiserliches Werk mag geschehen, denn gute Reformation der hohen Schulen; und wiederum kein teuflischer ärger Wesen, denn unreformirte hohe Schulen.

Von Fürsten.

Wenn sich ein Fürst so führt, daß sein Tanzen, Jagen und Rennen den Unterthanen ohne Schaden ist, und sonst sein Amt gegen sie in Liebe läßt gehen: so wird Gott nicht so hart sein, daß er ihm tanzen, jagen und rennen nicht sollte gönnen.

Alamode

Erfind't ein Narr 'ne neue Sitt',
Ihm folgen bald all' Narren mit.

Oder: Erdenkt ein Narr 'ne neue Tracht,
Ihm wird's von Narren nachgemacht.

Handwerker.

Die Handwerker sollen jeder nur ein Handwerk treiben und des Schröpfens müßig gehen.

Summa Summarum

Wenn wir die Welt mit Fleiß ansehn,
Wie alles thut durch einander gehn,
Wie der Böse herrscht, der Fromme leid't,
Der Narr viel schwatzt, der Weise schweigt,
Der Dieb wohl lebt, der Biedre fast't,
Faulheit bringt Lohn, die Arbeit Last,
Frechheit gewinnt, der Sorgsame lügt,
Wer viel hat, nimmt, wer nichts hat, giebt,
Und läuft also in einer Summ'
Die Weltkugel im Zirkel um: –
So wird uns unsre Lebenszeit
Zu lauter Pein und Herzeleid,
Zum Kerker, Kette, Band und Strick
Und sehnen uns all' Augenblick,
Wo wir Luft mögen gewinnen,
Daß wir der Dienstbarkeit entrinnen,
Und uns so manches Jahr und Tag
Nicht wird zu einer lautren Klag',
Daß wir in diesem Jammerthal
Erhalten auch ein klein Labsal.

Nun ist es in dieser Welt gleichwohl schwerlich besser zu hoffen: in Utopia, das ist im Schlaraffenland, da findet man die Leute, wie sie sein sollen. – Endlich stand auf einem Zettel Folgendes, was ich beizufügen nicht umhin gekonnt habe:

Wach' auf vom Sündenschlafe,
Du werthe Christenheit.
Denn dir von Gott zur Strafe
Der Krieg im Lande leit (liegt),
Dein Saufen, Geiz und Fluchen
Mit dieser scharfen Ruth
Erschrecklich heimzusuchen,
Weil niemand Buße thut.

Ich wollt' gern etwa« singen
Vom guten Widerstreit,
So kann ich Übel zwingen
Die Reim' auf unsrer Seit',
Denn mich hält sehr zurücke
Die große Sicherheit,
Und fürcht', daß kein Gelücke
Wird han die Christenheit.

Wollt' Gott, daß ich möcht' liegen,
Ach liegen wollt' ich gern.
Wenn mich nur wollt' betrügen
Der helle Morgenstern:
Daraus ich das ersehen,
Genannt des Herren Wort,
Was das sagt, muß geschehen
Und geht gewißlich fort.

Denn weil an allen Enden,
Wie ich mit Fleiß betracht',
In klein und großen Ständen
All' Warnung wird veracht't,
Und Gottes Wort daneben
Geringes Ansehn hat:
Wie soll uns dann Gott geben
Wider den Türken Rath.

Man findet schöne Christen,
Die frech und wissentlich
Sich wider Christum rüsten
Mit Frevel lästerlich
Und die Wahrheit bespritzen
Gar in das Angesicht:
Wird Gott sie auch beschützen?
Fürwahr, ich glaub' es nicht.

Die Herren sind nicht einig,
Noch in dem Willen gleich,
Getrau'n einander wenig
In ihrem schwachen Reich:
Das macht, daß ein'ge halten
Zu ungerechter Lehr',
Darum sind sie gespalten
Und lieben sich nicht sehr.

Desgleichen auch viel Herren
Heimlich in ihrem Muth
Das sechst' Gebot verkehren,
Was Gott wohl sehen thut
Und sie in ihrem Wesen,
Wo sie nicht abgetan,
Allhier mit einem Besen
Und dort wird greifen an.

Etliche aber jagen,
Sind aller Sorgen frei,
Die Unterthanen plagen
Mit großer Schinderei,
Kein Händel selber scheiden,
Begeben ihren Stand
Und können übel leiden,
Daß man straft ihre Schand'.

Der Adel auf dem Lande,
Der Bürger in der Stadt,
Der Bau'r in seinem Stande
Sind all' des Wortes satt,
Des Himmelreichs vergessen,
Betreiben große Pracht,
Stolziren, saufen, fressen
Und geizen Tag und Nacht.

Die Lehrer unsrer Seiten
Thun auch 'nen großen Riß,
Ihr viel aus Ehrsucht streiten
Mit hartem Aergernis,
Damit sie sich nur setzen
Bei jedermann zum Spott
Und trefflich hoch verletzen
Die Kirch' und ihren Gott.

In Sachen wird geübet
Gar viel Sophisterei,
Wie mancher das wohl prüfet,
Der etwas ist dabei;
Der Richter mit viel Gaben
Bestochen anders spricht,
Als sich die Sachen haben,
Und durch die Finger sicht.

Die Schwager und die Freunde
Sind mit einander schlecht,
Sie beißen wie die Feinde
Und schweben hart im Recht;
Die Nachbarn sich vernichten
Mit großer Bitterkeit,
In Rath und in Gerichten
Ist keine Einigkeit.

Die Kinder und Gesinde,
Taglöhner, Mägd' und Knecht'
Sind mit dem Maul geschwinde,
Thun selten etwas recht
Und leben in Geberden
Dem lieben Gott zum Hohn,
All' Stunden ärger werden
Und gehn nach ihrem Ton.

Desgleichen unsre Knechte
Und Reiter mannigfalt,
Die man ausschickt zu fechten
Wider des Feind's Gewalt,
Den Herrn mit Füßen treten,
Besaufen sich voll Wein,
Mehr fluchen sie als beten
Und frech' Gesellen sein.

Und weil dies und dergleichen
Im Schwange geht im Land
Bei Armen und bei Reichen,
In klein und großem Stand:
Wie kann man da wohl sagen,
Daß wir mit unsrem Schwert
Den Türken werden jagen
Von unsrem Feuerherd?

Darum nehmt den Kalender
Ihr Christen wohl in Acht,
Wenn ihr wollt eure Länder
Behalten vor der Macht
Des Feindes, der vom Herren
Euch darum ist gesandt,
Daß ihr euch sollt bekehren
Von aller Sünd' und Schand'.

Da ihr nun wollt entlaufen
Dem Zorn und großen Meer,
So büßet all' zu Haufen,
Wie die zu Ninive,
Weint vor dem Herrn in Säcken
Reich, Arm, Alt, Jung und Klein
In Städten und in Flecken
Mit Reu' und Glauben rein:

So wird mit seinen Händen
Der stark' Emmanuel
Das Uebel von euch wenden
Durch seine Diener schnell
Und euren Feind erlegen
An Bergen Israel
Mit Feu'r und Donnerschlägen,
Wie schreibt Ezechiel.

Das thu' du lieber Vater
Und steur' mit starker Hand
Dem Türken und dem Tarter
Und andren mehr im Land,
Die sich zusammenrotten
Wider dein' arm' Gemein,
In ihnen zu verspotten
Die Ehr' des Sohnes dein;

Auf daß sie innen werden,
Du seist der wahre Gott,
Den sie in uns auf Erden
Verfolget und verspottet
Und oft, weil du gerastet,
Am Leben, Gut und Ehr'
Uns gröblich angetastet, –
Laß es doch thun nicht mehr.

Sondern mach' sie zunichte
Durch deine Engel schon,
Oder schick' zum Gerichte
Dein'n allerliebsten Sohn,
Daß er sie sämmtlich dringe
Zum Teufel in die Höll'
Und zu der Ruhe bringe
Die Kinder Israel. – – –

Dies sind die Zusätze, die von Hans Thurnmeiers und Freymunds Händen verzeichnet waren.

Donnerstags früh waren wir vor den Gesellschaftsrath gefordert, und als wir an obengenannten Ort kamen, wurde mir und Expertus Robertus geheißen uns neben Hans Thurnmeier niederzusetzen. Alsbald wiederholte Thurnmeier kurz die Begegnisse, die mir widerfahren waren vom Beginn meiner Ankunft in der Burg, Gutes und Böses, Feinde und Freunde, und wie endlich so redliche Kundschaft aufgebracht worden sei, daß neben einer kleinen Erläuterung der Reformationsrath mit mir zufrieden war. Daher erklärte der fruchtbringende Gesellschaftsrath nicht allein die Gesichtbücher in Schutz zu nehmen mit dem Befehl, daß ich es bei diesen zwei Theilen fürderhin sollte bewenden lassen und nunmehr meine obliegenden Geschäfte mir sollte bestermaßen angelegen sein lassen, auch alles dasjenige in Acht nehmen sollte was 1) zur Ehre Gottes, 2) zu des Vaterlandes Bestem. 3) zu der Jugend Wohlfahrt und zur deutschen Sprache erbaulich sei, worüber ich dem umsitzenden Rath mußte Versprechen leisten und angeloben. Hierauf befahl Hans Thurnmeier dem Rathsboten Still! zu rufen, worauf er zum Palast hinab folgendes Urtheil las: So jemand wäre, der sich über Philanders Gesichte billig zu beschweren hätte, der solle dem Verleger die Kosten bezahlen und hernach das Buch verbrennen lassen, wenn er will. – Sodann fuhren wir zum Mahl, welches jenseits der Saar im Gesellschaftssaal stattfand. Allhier von dem köstlichen Mahl, wie es die alten redlichen Deutschen zu halten pflegten, zu reden ist die Zeit zu kurz: es soll aber mit Gelegenheit in zwölf kleinen Kupferstücken heraus gegeben werden. Das Gespräch war für mich anmuthig zu hören, indem alles, insonderheit der jetzige Zustand Deutschlands, und woher solch Jammer und Untergang gekommen, mit zwar schlecht scheinenden aber doch mit solchen Gleichnissen angedeutet wurde, daß gemeine Leute, deren es jenseits des Wassers viel giebt, es verstehen können. Thurnmeier erzählte und sagte unter andern, er hätte von einem redlichen Bauer im Wasgau Deutschlands Zustand also beschreiben hören, das zwar lächerlich, doch nicht ohne nützliches Nachsinnen wäre.

Es sind, sprach dieser Bauer, der Hauptstände drei, sie haben alle drei gefehlt und keiner will dem andern mehr zu Gebot und Gehorsam stehen, daher sei einheimisches Mißtrauen, Uneinigkeit und endlich der Untergang so manches schönen Staates erwachsen. Es waren, sprach der Bauer, ein Specht, eine Maus und eine Bratwurst in Gesellschaft gerathen und hatten ein Haus geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen; des Spechts Arbeit war, täglich in den Wald zu fliegen und Holz herbei zu bringen; die Maus mußte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken; die Bratwurst sollte kochen. Bei solcher Ordnung haben sie sich dergestalt bei andern in Ansehen und Würden gesetzt, daß ihnen selbst wohl und gar zu wohl dabei geworden ist. Denn wem gar zu wohl ist, dem gelüstet immerzu nach etwas Neuerung. Als demnach eines Tages dem Vogel einer aufstieß, welchem er seine treffliche Wirthschaft rühmte, schalt dieser ihn einen armen Tropf, der große Arbeit hätte, während die andern beiden zu Haus wohl lebten, und er sollte es nicht mehr leiden. Denn wenn die Maus ihr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieß den Tisch decken; die Wurst blieb beim Hafen, sah zu, daß die Speise recht kochte, und wenn es bald Essenszeit war, schlängelte sie sich ein vier Mal durch den Brei und das Gemüse, so war es geschmalzen, gesalzen und bereitet. Kam dann der Vogel heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch und nach vollendeter Mahlzeit schliefen sie sich die Haut voll bis zum andern Morgen. Das war ein herrliches Leben, und wenig Bauern sind auf dem Westerwald, die es so gut haben. Der Vogel wollte des andern Tages infolge der Aufreizung nicht mehr ins Holz und sagte, er wäre lange genug Knecht gewesen und hätte gleichsam ihr Narr sein müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise versuchen; und wiewohl die Maus heftig bat und auch die Bratwurst, befürchtend, daß es je und allezeit ein Zeichen des Unterganges gewesen wäre, wenn sich einer in seinem Stand nicht mehr hätte genügen lassen, so blieb doch der Vogel Meister, es mußte gewagt sein. Sie spielten also, und das Loos fiel an die Bratwurst, die mußte nun Holz holen, die Maus wurde Koch, und der Vogel sollte Wasser holen. Was geschieht? Die Bratwurst zieht fort gen Holze, der Vogel macht Feuer an, und sie warten bis Frau Bratwurst heim kommt und Holz für den andern Tag bringt. Es blieb aber die Wurst so lange aus, daß es ihnen beiden nicht gut vorkam, und ihr der Vogel ein Stück Luft hinaus entgegen flog. Unfern aber findet er einen Hund am Wege, der die Bratwurst da als freie Beute angetroffen, angepackt und niedergemacht hatte; der Vogel beschwerte sich darüber sehr gegen den Hund als über einen offenbaren Raub. Aber es half kein Wort: denn, sprach der Hund, er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen habe sie das Leben verwirkt. Der Vogel, traurig, nahm das Holz auf sich und zog heim und erzählte, was er gesehen und gehört hatte. Sie waren sehr betrübt; doch damit der Staat umso besser erhalten würde, verglichen sie sich das Beste zu thun und beisammen zu bleiben, wollten sich auch nach dem Essen ferner besprechen. Der Vogel deckte also den Tisch, die Maus rüstete das Essen und wollte anrichten und, wie zuvor die Bratwurst, durch das Gemüse schlüpfen um es zu schmalzen; aber ehe sie in die Mitte kam, mußte sie anhalten, Haut und Haar und das Leben lassen. Als der Vogel kam und das Essen auftragen wollte, da war kein Koch vorhanden; bestürzt warf er das Holz hin und her, rief und suchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unvorsichtigkeit kam das Feuer ins Holz, so daß eine Brunst entstand: der Vogel eilte Wasser zu holen, da fiel ihm der Eimer in den Brunnen, er mit hinab, so daß er sich nicht mehr erholen konnte und da ersaufen mußte. So ging dieser schöne Staat allein aus Mißtrauen und Neid eines gegen den andern zu Grunde.

Es war uns aber die Auslegung dieses einfältigen bäurischen Beispiels so vor Augen, daß wir uns untereinander ansahen und recht zornig über den Vogel waren als den allerleichtfertigsten, der so nichtswürdige und gefährliche Händel angefangen hatte. Auch war es mir selbst genug gesagt, daß man die Welt nicht zuviel reformiren sollte, denn anstatt Nutzens hätte man nur Schaden am Ende zu erwarten; es wäre also am besten viel schweigen, viel ertragen und auf Gott allein hoffen.

Samstags früh kamen verschiedene Gesellschaften und nahmen Abschied von mir. Freymund aber stellte mir einen versiegelten Paß zu, den ich nicht eher las, als bis ich auf dem Wasgau in dem Holderloch, wie man es zu nennen pflegt, von einer Partei angehalten wurde; sie ließ mich aber, nachdem sie den Paß gelesen hatte, ungehindert gegen den Guckersberg fortziehen. Es muß meines Bedünkens ein geheimer Sinn darin zu finden gewesen sein, weil mich die Partei nach Besichtigung desselben sogleich ungehindert fortziehen ließ.

Reformation Kaiser Sigismunds.

Allmächtiger Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, gieb Kraft und thue Gnade, gieb Weisheit zu vollbringen nach der allerseligsten Ordnung geistlichen und weltlichen Standes, in der dein allerheiligster Name und deine Gottheit bekannt wird: denn dein Zorn ist offen, deine Ungnade hat uns ergriffen, wir gehen wie die Schafe ohne den Hirten. O Herr, wir gehen auf deiner Weide ohne Urlaub: Gehorsamkeit ist todt, Gerechtigkeit leidet Noth, nichts steht in seiner rechten Ordnung. Deshalb entzieht uns Gott seine Gnade, und das mit Recht, wenn wir seine Gebote übersehen. Denn was er geboten hat, das wird leicht gehalten ohne alle Gerechtigkeit. Aber eins soll man wissen, daß es nicht mehr wohl gehen kann, man habe denn eine rechte Ordnung des geistlichen und weltlichen Staates, denn sie sind bloß ohne alle Gliedmaßen.

Daß man Frieden mache.

Ihr Fürsten, ihr Herren und ein jeglicher in seinem Staat! ich vermahne euch bei des Reiches Huld, desgleichen alle Städte, niemand ausgenommen, mit heiliger christlicher Ermahnung, daß ihr verhütet alle Kriege, und daß ihr Frieden haltet. Wer die Ermahnung übersieht, der soll kein getreuer Christ geheißen werden, noch soll sein Stamm eine Freiheit und ein Lehen vom Reiche gewinnen, er soll stehen unter den Christen wie ein Heide und falscher Christ.

Ende.

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