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Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil

Hans Michael Moscherosch: Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Michael Moscherosch
titlePhilanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte ? Zweiter Teil
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorKarl Müller
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080612
projectid5414d90b
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Siebentes und letztes Gesicht

Reformation

Als die acht Tage auch vorbei waren, während welcher ich die zwei Gesichtbücher, die mir aus dem Gedächtnis gekommen waren, wieder durchgesehen hatte, wurde mir durch einen Trabanten in einem sittiggrünen gefaltenen Rock, welcher Hans Thurnmeier begleitete, der einen seidenen Rock von gleicher Farbe überbrachte, angekündigt des morgenden Tages gegen acht Uhr vor dem Rath zu erscheinen. Als ich nun ganz bestürzt fragte wohin? und vor wem? sagte mir Thurnmeier, es sei vor dem Reformationsrath im Palmengarten: denn dieser Rock wäre das Zeichen. Wiewohl ich in Aengsten stand, daß es mir abermals hinderlich gehen würde, so hatte mir doch der Alte die Zeit über die Sache so gut vorgemalt, daß ich außer Zweifel und Sorgen stehen konnte.

Des Montags am Morgen früh hörte ich mit Posaunen, Flöten und Schalmeien blasen so lieblich wie nie zuvor; und als ich mich auf Anmahnen des Alten fertig machte, und wir zu unserer Wohnung ausgingen, wurden wir geheißen auf einen dazu bestellten zierlichen Wagen zu sitzen und wurden nebst Freymund (der nebst Thurnmeier ein zierliches Kleinod an sittiggrün seidenem Bande trug, das ich zuvor noch nicht wahrgenommen hatte) fortgeführt. Nach einer Viertelstunde kamen wir in einen überaus herrlichen Garten, mit den edelsten Palmen besetzt, an deren jeder ein Kleinod, Wappen, Name und Wort gemalt hingen, und in solcher Ordnung gepflanzt, daß die größten und höchsten einem königlichen Palast gegenüber standen. Bei diesem Palast stiegen wir ab und spazierten in den Vorhof hinein, bis wir nach einer Viertelstunde durch den gestrigen Diener, der dies Mal noch einen andern bei sich hatte, in den Palast gefordert wurden. Der Palast war von außen mit Heldenbildern und Wappen geziert, in die Runde aufgeführt, auf zehn großen viereckigen Säulen stehend, durch deren vier man auf künstlichen Stiegen hinauf kam. In der Mitte aber stand auch eine Säule, an der folgende zwei Lehrsprüche eingehauen standen, wie in zierlichen Tafeln:

I.

Wenn einer kommt vor diese Thür
Und bringet seine Klage für,
Geschmückt mit einem solchen Schein,
Als sollt' sie gar gewißlich sein:
So spricht man ihm nicht Recht in Eil',
Man hört zuvor den andern Theil,
Damit er auf gescheh'ne Klag'
Sein' Antwort wieder geben mag;
Denn es kann kommen, wie ihr wißt,
Daß der Beklagte frömmer ist,
Als der die Klag' erst auf den Plan
Mit großen Worten hat gethan.

II.

Wer ohn' Noth lügt, schwatzt, schimpft, flucht, schwört,
Unwahre Ding' gar hoch bewehrt,
Dem andern seine Wort' verkehrt
Und in ein fremd Gehege fährt,
Mit Unrecht fremdes Gut begehrt,
Mit Unbedacht das Sein' verzehrt,
Sein'm Nachbar ein Stück Brot verwehrt,
Einen unschuld'gen Mann bethört,
Wer mit Unzucht und Ungeberd'
An seinem eig'nen Feuerherd,
Sich mit vergess'nen Leuten nährt: –
Der ist fürwahr nicht ehrenwerth.

Freymund, Thurnmeier, Expertus Robertus und ich wurden hinauf gerufen. In der Mitte des Saales stand eine runde Säule und herum ein Schreibtisch; an den setzten sich Freymund und Thurnmeier, Expertus Robertus aber und ich standen um sie herum. In der Runde umher saß der Reformationsrath von zehn Helden auf drei Treppen hoch erhabenen Stühlen, zwischen je zwei Fenstern ein Held, von denen ich meines Wissens keinen vorher gesehen hatte: wie ich später erfahren habe, sind es der askanischen Völker Urahnherren gewesen. Thurnmeier wiederholte den Bescheid, der mir bereits vor acht Tagen abgelesen war und setzte hinzu, daß ich ein für allemal jetzt dem Reformationsrath mich und meine Gesichte, die der Hechel und des großen Striegels vonnöthen hätten, demüthig zu unterwerfen und ohne ausdrücklichen Befehl kein einziges Gesicht mehr zu schreiben hätte. Darauf gelobte ich an, und Expertus versprach meinethalben sein Bestes zu thun. Als aber Expertus fragte, was denn gegen mich Unverantwortliches bewiesen wäre, fing der eine von den Helden an, welche auch ihre Kleinodien an sittiggrünen Bändern trugen, erstlich: um insgemein von den heutigen Deutschen zu reden, wie groß derselben Undankbarkeit gegen die lieben Vorfahren, und wie der Vorwitz zur Neusucht in Sprache und Kleidung all unseres jetzigen Unheils einzige Ursache wären, und wie diesem Uebel zu wehren sie sich bisher abgemüht hätten. Darnach fragte er mich: wenn ich die Gesichte noch zu schreiben hätte, ob ich sie noch schreiben würde? Ich antwortete nein: es hat mich mehr als tausend Mal gereut, weil ich am Ende gefunden, daß auch diejenigen, welche mich dazu veranlaßt hatten, mir hernach scheele Augen zugeworfen haben, woraus ich habe spüren können, daß sie das eine oder andere ohne mein Wissen und Willen auf sich bezogen haben.

»Soviel ich weiß, sprach der Held, hast du nur zwei Theile geschrieben; nun ist aber das gemeine Gespräch gegangen, du werdest drei oder gar acht Theile schreiben: wenn du nun, wie ich spüre, anders gesinnt geworden bist, wer wird dann jetzt den dritten und folgenden Theil schreiben?«

Gnädiger Herr, sprach ich: es ist noch ein größerer Narr in Deutschland als ich, der wird die übrigen Theile schreiben und viel närrischer, als ich meine beiden Theile verfertigt habe. Wie ihm aber deswegen wird abgelohnt werden, das mag er abwarten: ich habe es gut gemeint, es ist mir doch schlecht gelohnt worden. Aber es gilt gleich, es heißt bei mir: wer einen redlichen Vorsatz hat, der kann sich etwas besser gedulden, wenn er deswegen etwas Ungleiches leiden muß. Denn wer keinen bösen Vorsatz hat, dem ist noch in gewissem Maße zu verzeihen. – Antwortete der Held: »Das lasse ich sein; das heißt aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, wenn man so in den Haufen hinein redet und zwischen Bösen und Guten keinen Unterschied macht, und es heißt wohl:

Wenn du das Bös' willst jagen aus,
So daß ein Aergres folget draus:
So acht' ich's für das Allerbest',
Daß man das Böse läßt im Nest.

Die sündlichen Eitelkeiten der Menschen müssen freilich gestraft und abgestraft werden: wenn aber die Manier, die du gebraucht hast, eben nicht die beste ist, so kannst du die Sache wohl ärger gemacht haben, wie ich denn selbst gehört, daß Beide, Jung und Alt sich über dich sehr beschweren.« Gnädiger Herr, sprach ich: die Jungen beschweren sich, weil sie getroffen sind, doch nicht alle. Es sind ehrliche ehrbare Gemüther, weiß ich, die meine Schriften lieben und loben. Die Alten beschweren sich auch nicht alle: es sei denn irgend einer, der andere verborgene Händel im Herzen sitzen habe, die er nicht sagen mag, daher ein Verständiger seine Gedanken unschwer errathen kann. »Uebersehen ist die beste Kunst zu regieren, versetzte der Held.

Wer bei den Leuten leben will,
Muß übersehen und schweigen still.«

Behüte Gott! sprach ich, daß man zu Lastern stillschweigen soll. Es soll ja ein jeder Christ, weß Standes er ist, sich gegen ein irrendes junges Gemüth wie ein Vater, wie eine Obrigkeit erzeigen, strafen, warnen, wehren und lehren, schlagen und verbinden, verwunden und heilen, in Summa, Christ sein, und es soll einer des andern Heil und Seligkeit befördern helfen.

Darauf fragte der andere Held: »Du deutscher Philander, wie kommst du aber zu diesen Gesichten? Was hat dich zu solchem Schreiben anfänglich verleitet? Was hat dir Ursach dazu gegeben? Seit wann gehst du damit um?« Gnädiger Herr, antwortete ich: ich weiß schier selbst nicht, wie lange ich damit umgehe; sobald ich in meiner Jugend aus der Schule und nach Hofe gekommen bin, habe ich daselbst soviel gesehen, soviel gelitten und erfahren, daß es ein tübingisches großes Buch nicht würde fassen können. Hernach in Diensten haben mich neben der allgemeinen Landseuche und andern Krankheiten, auch die grausamen Hungerjahre und die tägliche Gefahr der Feinde so entkräftet und abgemartelt, daß ich fast keinem Menschen mehr ähnlich gewesen bin: und wieder wäre ein viel größeres Buch vonnöthen, wenn ich alles aufschreiben wollte. – »Hättest du aber die gute Zeit, die du mit diesen Gesichten zugebracht, nicht besser gebrauchen und nützlicher verwenden können? Es ist ja keine so löbliche That, wenn du dasitzest zu spintisiren mit thörichten Einfällen, unterdessen andere das Fette von der Suppe wegnehmen.« Es ist mir gegangen wie allen Elenden, versetzte ich: wie ich dagesessen und gesehen habe, wie alles hergeht, wie Gewalt vor Recht, alles wider Sinn und Gedanken, über und wider einander gelaufen ist, da habe ich mich über der Menschen Unachtsamkeit verwundern müssen; denn die Leute in großen Städten wissen nicht den zehnten Theil, wie schlimm es in der Welt steht und zugeht. Da habe ich oft gedacht, wie dem und dem Uebel wohl abzuhelfen wäre, wenn man nur an Gott und die Gerechtigkeit denken wollte: und ich konnte mir die Sache so leicht einbilden, daß mich bedünkte, wenn ich Meister in der Welt wäre, es sollt' alles in Ordnung gehen, allein es müßte mir weder an Geld noch an redlichen Leuten mangeln, wiewohl dem Ersten auch noch abzuhelfen wäre. Ich sah die grausamsten Thaten von den kriegerischen Parteien verüben, so grausam, als die Teufel selbst immer thun können, so daß ich solcher Menschen Seligkeit nimmermehr hoffte; doch bei Gott ist zwar alles möglich. Ich sah hingegen einen andern vortrefflichen berühmten Parteigänger, einen festen und mannhaften, in solcher Ordnung gehen, daß dem Bauer nicht ein Huhn, nicht ein Stück Brot ohne Geld durfte abgefordert werden und alles mit so ernsthaften, doch guten Worten; wenn er aber an den Feind kam, hat er wie ein Löwe drein geschlagen. Da dachte ich: kann das ein Rittmeister, so könnte es auch ein Obrist, so könnte es auch ein General, wenn sie die Ehre Gottes, des Vaterlandes Nutzen und ihre eigene Seligkeit ihren vielen Sestern mit Dublonen und Dukaten vorziehen wollten. Gewiß ist es: ein Kerl, der so in unsichern Orten sitzt und der Welt Unart betrachtet, der sieht in solcher Betrübnis zehn Mal mehr, hat auch bessere Achtung darauf als die, welche in den feisten Küchen wohnen, und sinnt, wie die Welt in ein ander Modell zu gießen wäre. Nun, wenn es auch unmögliche und thörichte Vorschläge sind, so findet man doch einen Biedermann, der den Sachen nachdenkt und darüber seufzt. Und auf diese Weise bin ich zu den Gesichten gekommen; es ist leider Unordnung in allen Ständen, und es steht dort recht:

Kutten, Kappen, Kalk
Decken manchen
Klitter, Placken, Schalk,

auch bei denen, die am allerfrömmsten sein sollten.

Sprach der Held: »Es ist aber in der Welt nicht alles so grade und zu Bolzen zu drehen; man muß oft fünf lassen grade sein und durch die Finger sehen, insonderheit zu diesen Zeiten; und dann ist es auch nicht leicht über andere zu urtheilen, weil man die verborgenen Absichten und die mannigfaltigen Naturen der Menschen nicht kennt: es soll ein jeder sich vorher selbst bei der Nase greifen, ehe er andere rupft.« Ein frommer Mensch, sprach ich, läßt sich sagen, der kann Lehre, Strafe, Vermahnung tragen; ein böser aber schilt und flucht, wenn man nach seinen Thaten sucht, und nimmt, wie ein verrückter Mann, mir alles nur zum Aergsten an.

Darum bei den verkehrten Leuten,
Die nur nach Gunst und Geld thun streiten.
Hat Wahrheit, dieser edle Schatz,
Geringe Fördrung, Raum und Platz. –

Der dritte Held sprach: »Ich besorge nur, deutscher Mannhold, daß auch große Leute eins oder das andere mit der Zeit gegen dich ahnden werden, was dir gar übel bekommen könnte.« Gnädiger Herr, erwiderte ich: große und hohe Leute weiß ich, Gottlob! so zu ehren, daß sie mich in Gnaden lieben werden; es werden mich fromme Fürsten und Herren vielmehr loben, weil ich einen gottlosen Fürsten strafte, als daß ich ihm fuchsschwänzte, wie manche Suppenfresser thun. Wie wollte man Böse und Gute in gleichen Würden halten? Zudem wird ja jetzt ein allgemeiner Frieden und alles, was von der einen und der andern Seite mit Faust und Feder vorgegangen ist, kraft einer allgemeinen Amnestie aufgehoben sein, so daß mir keiner deswegen etwas thun darf, weniger als denen, welche gar gefährliche böse gottlose Scharteken ausgehen lassen. Denn das Unwesen, das durch den Krieg bei uns eingeschlichen, hat verursacht, daß ich im Schreiben auch desto kühner geworden und mit einem Fähnlein Federn zu Felde gezogen bin: ich bin also im Frieden, der mir auch für mein Theil zusteht, begriffen so gut wie ein andrer. – Antwortete der Held: »Wenn das ist, so magst du das Beste hoffen.« Ja, sprach ich: denn obwohl die Wahrheit wird vergraben und eine Weile muß unrecht haben, so kommt sie doch die Länge ans Licht und macht die Lügen ganz zu nicht. – Sprach der vierte Held: »Ich habe fürwahr Kerls von dir reden hören, welche nicht anders meinten, denn du müssest ein halber Narr sein, so keck und frevel habest du geschrieben und so wunderlich habest du die Gesichte bisweilen angefüllt; oft haben sie gesagt, du seiest ein Kerl, der seine Nase in allem Dreck wolle haben. Daher schreibt auch der weltberühmte Skaliger I.C. Skaliger (gest. 1558) einer der berühmtesten und gelehrtesten französischen Philologen. von Herrn Melanchthon: es seien die Deutschen meist der Art, wenn sie etwas schreiben, daß gemeiniglich etwas Possen und Zoten mit unterlaufen, wodurch sie denn vielmehr ein Gelächter bei dem gemeinen Mann erwecken, als daß sie bei weisen Menschen ein Lob erzielen: es ist das schier ein Beweis, daß du, Philander, ein Deutscher bist, weil du eben auf diese Manier geschrieben hast, wie Skaliger redet. Und ich wollte schwören, du meinst, was Wunder du verrichtet hast, daß du dich so künstlich vor aller Welt hören läßt. Warum hast du nicht auch den einen und den andern namhaft gemacht?« O nein, sagte ich, so thöricht bin ich, Gottlob! nicht, wiewohl ich gewiß manchen getroffen habe, den ich mein Lebtag nicht kennen oder sehen werde. Sonst bin ich der Klügsten keiner und glaube selbst, ich sei ein Narr gewesen, als ich zuerst an den Gesichten anfing zu schreiben. Aber gnädiger Herr, es ist also: Fürsten und große Herren kann man nicht besser betrügen zu ihrem Nutzen, als daß man ihnen die Narren lasse die Wahrheit sagen; dieselben können sie leiden und hören, sonst wollen und können sie von keinem Weisen die Wahrheit leiden. Ich erkenne meine Ungeschicklichkeit besser als tausend andere, und es werden sich gleichwohl noch Weise finden, die zu Zeiten etwas von Albernen lernen können. Meine Gedanken sind auch nicht dahin gegangen, daß ich große Fische wollte fangen, ich behelfe mich gern mit Grundeln und Kressen, ich frag' nicht viel nach großem Essen. In Summa: ich habe es gut gemeint, und die Bauern sprechen, es ist die lautere Wahrheit, was ich gesagt habe; und wenn man in ganz Deutschland umher fragen wolle, so werde ich ohne allen Zweifel gewonnen haben. Jener französische Obrist sagte vor wenigen Jahren: das größte Laster, das die Deutschen haben, ist, daß sie ein Ding, was man ihnen verspricht, wollen gehalten haben. Daher glaube ich, das größte Laster, das ich habe, ist, daß ich bisweilen zuviel Wahrheit rede; denn:

Das Schwarze heiß' ich schwarz,
das Weiße weiß ich nenne,
Damit ich jedermann sein Fehle frei bekenne;
Ich sage frei heraus, was ihm und dir gebricht,
Ich rede wie mein Sinn und bin kein Heuchler nicht. –

Der fünfte Held sprach also:

»Durch Büchsen wird manch Herz getroffen,
Durch Schifffahrt sind viel Leut' ersoffen,
Durch Bücher viel zur Höll' geloffen.

Mich dünkt, wenn du die Gesichts-Bücher hättest bleiben lassen, es wäre dir viel nützlicher gewesen: das Bücherschreiben ist ja nicht deines Amts und verhindert dich an andern Verrichtungen und an deiner eigenen Wohlfahrt.« Durch meine Bücher, sprach ich, wird ja keiner in die Hölle kommen, viele aber durch deren Betrachtung vor dem Untergang erhalten werden. So schreibe ich auch nicht Bücher eben zu der Zeit, wo ich andere Verrichtungen habe, sondern zu der Zeit, wo andere sich beim Wein und leichtfertigen Händeln aufhalten; da ist es ja besser gethan Kunst üben als Dunst lieben: dieses vergeht, jenes besteht. – Er antwortete: Aller Zank und Zwiespalt kommt durch das lose Bücher-schreiben, wovon man heutiges Tages, in dieser zum Schreiben Lust habenden Zeit, krank liegt: also daß alles, was unter dem Trunk, ans Reisen, ja im Schlaf von ungefähr in den Sinn kommt, nothwendig heraus muß, darum weil wir alle unsere Gedanken und Meinungen wollen für Wahrsagungen gehalten haben. Es hat viel mehr Art gehabt bei den Alten, welche nichts haben öffentlich ausgehen lassen, es wäre denn sehr wohl bedacht und mit des folgenden Tages Urtheil aufgeputzt und fast bis in das neunte Jahr zurückgehalten. Weil es sich denn so verhält, so habe du einen Abscheu vor diesem schändlichen Laster, damit du dir nicht zuviel einbildest und höher und gelehrter von dir haltest als du bist; sondern leide, daß dir deine Mängel, wo du gefehlt, mögen angezeigt, erwiesen und verbessert werden, auf daß du dich gewöhnest desto glücklicher dermaleinst die Ehre Gottes fortzupflanzen, der Kirchen und des Regiments Heil und Wohlfahrt zu befördern, dem Vaterland zu dienen und endlich deinen Eltern und Lehrern für treuherzige Unterrichtung billig zu danken. Es klagt darum der weise Salomo am Ende seines Predigers, daß des Bücher-schreibens kein Ende sein wolle. Zudem ist dir doch wohlbekannt, wie keck und eigenliebend die heutige Jugend ist und wie spitz im Schreiben, so daß mancher gelehrte Mann, um ungleiche Urtheile zu verhüten, sich des Schreibens muß enthalten: und du plumpst so zu ohne einige Furcht und Gedanken! Es ist ein Sprichwort, wiewohl sehr hart lautend:

Kunst hier, Kunst da, an jedem Ort,
Hast du kein Brot, wer hilft dir fort?

Gleichwohl sage ich dir, indem du über den Büchern sitzt, läßt du dir manche Gelegenheit, dein Vermögen zu verbessern, unter der Hand entkommen. Drum wenn's an mir wäre, so wollte ich dergleichen Schreiben bleiben lassen, bis einer käme und mir Geld darauf gäbe.« Und ich hoffe, sprach ich, Gott werde einmal einen schicken, der meiner besser gedenke: alsdann will ich schreiben, wie man es haben will und wie es recht sein wird; aber auf kupfern Geld kommt keine goldene Seelenmesse. Und ist's auch mit mir so, wie ich aus der frühesten Jugend weiß, worin sich die Jugend am allerleichtesten übersieht, so möchte ich alle solche sündlichen Eitelkeiten gern helfen abschaffen, wenn es möglich wäre.

Hat meine Feder schon geschrieben
Von Untreu und falschem Sinn,
Ich doch gut von Herzen bin,
Bin ausrecht und treu geblieben:
Falsch ist, der aus dem Gedicht
Mich und mein arm Schreiben richt't. –

Der sechste Held sprach also: »Ich weiß mich wohl zu besinnen, daß etwa bei den Griechen und Lateinern dergleichen Strafschriften sind im Ansehen gewesen. Aber in unserm Deutschland ist es gar ein seltsames Essen: man leidet's in der Kirche nicht gern, will geschweigen auf dem Spielplatz, daß man einem seine Fehler so schimpflich vorstellt und oft gewiß nicht ohne gute Klicken, Klicken ist soviel wie Klaps, Schall und Schlag. was keiner gern auf sich läßt.« Das ist genug bekannt, versetzte ich; daß aber mancher, der im Scherz gestraft wird, eher zurecht kommt, als der, den man mit allzugroßer Härte, hartschläqig gemacht hat, das ist auch nicht zu läugnen. – Der siebente Held sprach: »Es ist ein gemeines Sprichwort unter uns:

Eine Glock' am Klang,
Einen Vogel am Gesang,
Einen Mann am Gang,
Einen Thoren an den Worten,
Kennt man an allen Orten.

Wer viel Worte macht, alles genau auffaßt, auf alles Achtung giebt, alles beredet, alles ändern und bessern will: der hat nur soviel damit ausgerichtet, daß er selbst darüber Schaden gelitten und vielen ein Spott geworden ist. Hingegen wer bei gemeiner Weise geblieben ist und andere ungetadelt gelassen hat, der ist je und allerwegen vor jenem fortgekommen.

Wer bei der Welt fortkommen will,
Der schweig' nur immer heimlich still,
Wart' seines Dings, sei schlecht und recht
Und ja nicht alle Wort' verfecht';
Die Spötter thu er stracks verlachen
Und meng' sich nicht in alle Sachen,
Die seinem Amt, Ehr', Gut und Leben
Nicht sonderlich zu schaffen geben,
Und lösche ja an keinem End',
Da wo ihm nicht sein Kleid anbrennt.
Wer das kann thun, der kommt wohl fort
Zu Hof und sonst an jedem Ort,
Und wird in Wahrheit mancher Pein
Und Unlust überhoben sein.« –

Ich gestehe es gern, sagte ich: es wird eben kein Deutscher recht witzig, er habe denn zuvor eine Narrheit begangen; ein ander Mal werde ich es schon bleiben lassen.

Der achte Held sprach:

»Merk doch. Philander, dieses auch:
Daß du nicht wider Handwerksbrauch
Aus Dünkel etwas von dir gäb'st
Und aller Welt so widerstrebst.
Als daß sie all' in einer Zunft
Nur sehen sollt' auf dein' Vernunft
Und all' Gewohnheit allermaßen,
Die lang' gestanden, fallen lassen;
Und daß du deine Waar' wollst rühmen,
Die andre aber ganz wegschieben,
Und dein Gesicht nach eigner Tück'
Erheben als ein Meisterstück.
Ein solcher Frevel wird doch dir
Nicht Nutzen bringen, glaube mir,
Und giebt bei Menschen, ja bei Gott
Nichts mehr als Feindschaft, Haß und Spott;
Ja wer dergleichen Ungebühr
Gar unverschämt darf nehmen für,
Der ist entweder ein Phantast
Oder ein lächerlicher Gast.
Drum laß, Philander, laß die Welt,
Wie sie ist, sein; sonst kostet's Geld,
Wenn mit dem Reden und dem Schreiben
Nicht willst bei alter Ordnung bleiben.

Ich wollte dir hundert Thaler geben, wenn du diese Gesichte nicht geschrieben hättest: denn ich hätte gemeint, du hättest solche Jugendpossen nun vergessen und abgelegt und dächtest an etwas Beständigeres; denn solche Schriften stehen denen besser an, die noch mit Possen umgehen. Man hält dich eben an manchem Ort für einen Spötter, und keiner wird dir trauen, viel weniger dich gern um sich haben.« – Ich muß bekennen, daß ich mich über diesen Helden verwunderte, weil er so weise geredet hatte; auch die Uebrigen hernach waren es und daneben in allen Sprachen sehr erfahren, was an großen Helden ein nicht geringes Lob ist. Darum antwortete ich: Und ich wollte ein Tausend Thaler geben, daß ich zwei Tausend hätte; aber wie soll ich nun thun? Ein jedes Alter hat seine Fehler: ein junger Narr, ein alter Geck. – Nachdem nun diese Besorgnis vorüber ist, werde ich es fürderhin bleiben lassen und künftig selbst auf andere und nützlichere Sachen sehen. Ich wurde müde zu reden und wußte fast nichts mehr zu antworten; auch dünkte mich, die Uhr wäre mir in den Magen gelaufen, und es wäre Zeit aufzuziehen. –

Der neunte Held sprach auf Latein Folgendes: »Philander, da soviele über dich und deine Sachen klagen, so wundere ich mich, daß du von neuem über andere Gesichte nachsinnst und nicht aufhören willst, die Menschen zu verfolgen und zu reizen. Ein frommer alter deutscher Lehrer sagt: laß die Menschen gehen, wie sie gehen, weil sie eben doch gehen, wie sie wollen.« – Der zehnte Held redete folgendermaßen: »Ihr Herren Richter! Wie ich aus Philanders Antworten ersehe, so hat er nicht aus Ueberlegung, sondern aus Zufall gefehlt. Auch die Dichter früherer Zeiten haben die Freiheit gehabt ungestraft zu schreiben. Die Deutschen sind heutiges Tages reich an Thorheiten, daß es jeden redlichen Mann schmerzen muß, der dies Unglück sieht. Nur die Neider und Schlechten werden ihn anklagen. Zudem hat Philander stets am Ende seiner Gesichte seine Entschuldigungen vorgebracht, so daß man ihn nicht mit Fug verurtheilen kann. Die besten Männer streben stets danach die menschlichen Dinge zu bessern in der sichern Erwartung auf Undank, Ungunst und Verleumdung: und das hast du, Philander, auch schon erfahren.«

Ich weiß wohl, gnädiger Herr, sprach ich, daß ich niemals im Sinne gehabt habe einen rechtschaffenen Juristen anzugreifen, sondern allein die Betrüger; keinen rechtschaffenen Arzt, sondern die Kälberdoctoren, die einen Kranken mit einem Blick ermorden; keinen rechtschaffenen Apotheker, sondern die Betrüger; keinen frommen Schneider, sondern nur diejenigen, die zuweit um sich greifen; keinen frommen Weinschenken, sondern nur diejenigen, welche Wasser unter den Wein mengen, habe ich gemeint und verstanden: und Gott möge mich davor behüten, daß ich einen Ehrenmann sollte getadelt haben! Wahr ist's, daß ich viele Dinge hätte förmlicher, zierlicher, gebührlicher, verantwortlicher, unvergreiflicher, bescheidener, annehmlicher und verständlicher hätte können vorbringen, theils ganz auslassen, wodurch ich hätte viel Ungunst, Mißtrauen, Eifer, Sauersehen und bei etlichen Verhinderung meiner Person selbst verhüten können. Zudem scheint es, ist auch wohl so, daß ich dem einen Theil zuviel, dem andern zuwenig gethan, bei vielen auch das Ansehen gewonnen habe, als hätte ich zum Theil aus Vorwitz, aus Rachgier, aus Unverstand, aus Thorheit, aus Frevel zusammengeschrieben, obwohl ich in meinem Herzen das eine oder andere Ding nicht so verstanden haben möchte, wie es ausgenommen wird. Es sei dem aber, wie ihm wolle, ich will mich doch der Erkenntnis, wie sie auch immer ausfallen mag, gern unterwerfen, wenn man nur zuvor in etliche unparteiische Orte in Deutschland schicken wird, um zu vernehmen, was daselbst im allgemeinen von Philanders Gesichten gehalten wird. –

Darauf wurden Expertus Robertus und ich aufgefordert abzutreten; wir mußten die Stiegen wieder hinunter und allda bei drei Viertel Stunden verharren, ehe wir von Freymund wieder hinauf berufen wurden. Da redete der Helden keiner mehr ein Wort; allein Thurnmeier las Folgendes aus dem Reformationsbuch:

»Es hat ein hochlöblichster Reformationsrath erkannt und den Philander von der unnöthigen Klage des Mutius Jungfisch und Don Unfalo nachmals losgesprochen, und daß er weiter zu antworten nicht schuldig sei. Auch sollen ungemüßigte Kläger neben Abstattung aller Unkosten und bei Vermeidung fernerer Ungnade sich vor unserem Rath dergleichen Parteilichkeiten fernerhin enthalten, – wohlverstanden, daß von heute in Zeit eines Monats, solange sich Philander in dem Burgbann noch wird zu gedulden haben, von andern deutschen vornehmen Orten fernere Kundschaft und Bericht soll eingeholt werden, nachdem sodann das Endurtheil unverzüglich ergehen wird, wie Recht ist.«

Darauf fuhren wir vier wiederum nach der Burg zu; ich aber, als ein verstockter Kerl, wußte schier nicht, was ich anfangen sollte, weil ich vermeinte, es könnte mir dies Mal nicht fehlen, ich würde einen endlichen und guten Bescheid haben. Expertus Robertus merkte es wohl, wollte es aber nicht sagen. Doch ehe wir zu Tisch gingen, sagte er zu mir im Vorübergehen:

Wenn's auch nicht nach deinem Willen geht,
Die Sach' dennoch nicht übel steht;

und zog mich beiseits an ein Fenster und sprach: »es wären bereits vier reisige Knechte ernannt, welche in vier vornehme Orte Deutschlands reisen und deren Meinung und Urtheil über deine Gesichte einholen sollen; ich hoffe nun Gutes, wenn du nicht heimliche Feinde an selbigen Orten sitzen hast.« Ich mußte mich also zur Ruhe geben; aber die Zeit wurde mir sehr langweilig, bis der Monat vorbei war. In acht Tagen nacheinander kamen die vier reisigen Knechte mit großen Packeten Schreiben, welche verschlossen dem Herrn Thurnmeier eingehändigt wurden. Dritten Tags danach wurde der Reformationsrath angesagt, auch Robertus war dabei, der mir befahl mich in der Burg zu halten: es wäre um die Packete zu öffnen, wobei mir nicht gebühre zu sein, gleichwohl würde ich die Abschriften zum ehesten erhalten können.

Es waren aber dieselben nacheinander, wie folgt, welche mir vor meinem Abschied aus der Burg durch Thurnmeier, und zwar auf Befehl des Reformationsraths, zugestellt wurden.

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