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Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil

Hans Michael Moscherosch: Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte - Zweiter Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Michael Moscherosch
titlePhilanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte ? Zweiter Teil
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorKarl Müller
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080612
projectid5414d90b
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Drittes Gesicht

Weiberlob

Des Montags früh – nachdem ich die Nacht über betrachtet, was für Unterschied wäre zwischen einem Manne, der Unglück ausgestanden, etwas versucht, gelitten und erfahren habe, und einem, der sein Lebtag mit Kinderwerk und Lappereien, die weder Gott noch Menschen nützen, zugebracht hätte – als ich eben in die Burg hinunter gehen wollte, rief mich Expertus Robertus eilends wieder zurück, um etwas Denkwürdiges in seinem Gemach zu sehen, dessen Fenster nach dem Abend zu gegen eine große Wiese an der Saar entlang, die Rittersmatte genannt, offen standen. Da sah man vortreffliches Frauenvolk in und vor der Burg hin und her gehen und laufen mit Jammern und Klagen; und als ich den Alten nach der Ursache fragte, sprach er zu mir: »Ich habe dir früher gezeigt, was die Liebe für wunderthörichte Wirkung in dem Menschen habe und wie oft mancher sonst tapfere Held um der Liebe willen liederlich sein Leben hat lassen müssen. Der Verlust aller anderen Dinge kann bei einem weisen Mann noch verschmerzt werden: aber so weise ist keiner, der nicht, wenn er eine Jungfrau liebte und ein anderer sich ihrer gelüsten ließe, alsbald der Weisheit vergäße und durch die äußersten Mittel, die ihm in den Sinn fallen können, seine Sache zu behaupten sich unterstehen würde.« – Es waren gestern Nachmittag, während wir mit dem Lälius verhandelten, etliche Helden, die sich mit ihren Liebsten im nächsten Wald und Gras erlustigen wollten, in Widerwillen und Streit gerathen nur allein darum, weil der eine Namens Graf Friedrich von Appermont, ein tapferer liebreicher Held, eine Jungfrau, des Grafen Wieprecht von Leiningen Tochter, die ein anderer kühner Held, Graf Heinrich von Hoye, an der Hand führte, angelacht hatte; deswegen hatte dieser dem andern alsbald den linken Handschuh hingeworfen und jener diesem hinwiederum den seinigen zum Zeichen des Kampfes, den sie durch dieses bei dem alten Adel übliche Zeichen einander angekündigt hatten. Kaiser Heinrich, dem sie beide aufwarteten und lange Zeit in viel trefflichen Scharmützeln und Schlachten wider die Ungarn, Slaven, Wenden, Böhmen und andere Völker mit hohem Ruhm gedient hatten, nachdem er der Sachen Beschaffenheit und die Ursache ihres brennenden Eifers und Ernstes erfahren hatte, willigte endlich, wiewohl ungern, in den Kampf ein. Es wird, sprach ich, ein Duell zu Pferde sein. »Ja, antwortete der Alte, wie es die Welschen nennen: auf deutsch aber ein Kampf (denn was von Vielen geschieht, das sind Treffen, Scharmützel und Schlachten. Ich möchte auch dem Worte Duell lieber seinen Ursprung aus dem Altdeutschen geben, da es vor Jahren ein Twiel genannt wurde: daher heißt die vortreffliche Festung im Oberland Hohentwiel bei den Lateinern noch altum oder summum duellium).«

Während wir noch am Fenster lagen, und die Schranken nach Turniersbrauch aufgerichtet wurden, füllten sich alle Gemächer in der Burg mit Volk, insonderheit der Burgthurm, wohin sich Kaiser Heinrich mit den übrigen Helden und Frauen begeben hatte, um dem Streit zuzusehen. Unter diesen waren auch König Ariovist und Wittekind, Herzog Herman von Niedersachsen und Hessen, sonst Arminius genannt, Markgraf Herman von Baden, Mathilde die Kaiserin, des Kaisers beide Söhne, Otto, der hernach Kaiser wurde, und Heinrich, auch des Kaisers Tochter Hedwig sammt ihrem Gemahl, Graf Eberhard von Eberstein und viele andere, die ich nicht erkennen konnte. Alsbald kam ein Held auf einem geharnischten großen Roß, er selbst ganz mit einem Harnisch bekleidet, einen großen Busch Federn auf dem Helm, kein ander Gewehr als ein mächtiges Schwert an der Seite. Er ritt sogleich an das eine Ende der Schranken, neigte sein Haupt gegen den Burgthurm zu und fing an mit heller lieblicher Stimme, daß man alle Worte wohl verstehen konnte, nach dem Burgthurm zu gewandt, darauf auch die liebe Jungfrau war, um deren willen der Kampf geschehen sollte, dieses Liedlein zu singen:

Wer Freuden haben will, der soll
Den grünen Wald anschauen wohl,
Wie wonniglich bekleiden
Der Maie sein Gesinde thät
Und wie's in lichten Kleidern steht.
Die Vöglein Trauer meiden.
Aus frohem Muth hört manchen Ton
Und wundersüße Weise
Von ihnen man und lauten Klang,
Den schönsten Nachtigallensang
Aus grünem Waldesreise.

Mit Ursach' muß ich sorgen wohl,
Von Freuden giebt mein Herze Zoll,
Weil mir fehlt deren Grüßen,
Die mir gefangen hält mein Herz.
Ach, sie läßt mich in Sorg' und Schmerz!
Gott schuf von Kopf zu Füßen
Sie so, daß nie mein Herze kann
Und all mein Sinn erdenken,
Wie sie noch schöner möchte sein,
Die minnigliche Herrin mein,
Die meine Freud' will kränken.

Ach, süße Minne, rathe fein,
Rath', daß du mögest selig sein,
Der süßen Herrin Sinne,
Daß sie mir Hilfe möge leihn
Und wenden wolle meine Pein,
Du minnigliche Minne.
Dieweil du mir bist Schloß und Band
Des Herzens und der Sinne,
So rathe mir, es muß nun sein:
Mein Trost, mein Heil bist du allein,
Du läßt mich glühen, Minne.

Muß ich nun scheiden so von ihr,
Daß ihre Huld gar fehlet mir,
O weh der leiden Reise.
Die du erfüllest meinen Leib,
Sei gnädig mir, glückselig Weib,
Dich nicht so hart erweise.
O sei ein wenig sanft im Sinn
Und sprich aus rothem Munde
Zu mir allein das kurze Wort,
Das mehret meiner Freuden Hort:
»Fahr' hin zu guter Stunde.« –

»Zu guter Stund' sei deine Fahrt,
Es sei dir Seel' und Leib bewahrt
Und Lob und Heil und Ehre.
Ach, kann dich halten mein Gebot,
Mein Droh'n, mein Fleh'n, das wisse Gott,
So will ich bitten sehre.
Da deine Fahrt unwendbar ist,
Bringst du durch deine Reise
Zwei Herzen, meins und deins, in Pein.
Drum muß ich immer traurig sein.
In Gottes Hut denn reise!«

Kaum hatte er dieses Lied zu Ende gebracht, da kam auch der Graf von Hoye in gleicher Manier in die Schranken geritten und stellte sich an das andere Ende. Nachdem dann der Grieswärtel die Wehr beiderseits besichtigt, der Persevant das Stilla ho! ausgerufen und der kaiserliche Herold einen Brief, darin die Turniergesetze geschrieben standen, gelesen und durch die Trompeter das Zeichen hatte geben lassen: ritten die beiden Helden freundlich gegen einander zu und gaben sich die rechte Hand. Darnach ritten sie wieder ein jeder an seine Stelle und neigten beide das Haupt gegen den Ort, wo der Kaiser mit den Helden und den Frauen stand; darauf ließen sie das Helmlein niederfallen und der Bläser, welcher stets auf dem Thurm war, gab auf Befehl des Kaisers das Zeichen mit dem Horn. Sogleich zückten die Helden ein jeder sein glänzendes breitspitziges Schwert und mit großem Eifer und Grimm aufeinander, daß es einem ein Grausen gab. Allhier zu beschreiben, wieviel Streiche und wie harte Streiche sie einander gegeben haben, daß da der halbe Helm, dort der halbe Harnisch, da dem Pferd ein Schenkel, dem Mann ein Arm davon geflogen, daß der eine zehn Schritt hinter sich und zehn vor sich gesprungen und neun Klafter tief mit seinem Schwert in die Erde geschlagen, wie der verlogene Amadis, die thörichte Schäferei und andere Narrenbücher schreiben – das würde sich nicht schicken: sie thaten beiderseits das Beste, was sie konnten, was zwei verliebten Herren und zwei grimmigen Löwen möglich war. Heute Ehre eingelegt oder nimmermehr! Es galt da nicht Leben fordern, sondern sich gewehrt, so lange eine Ader im Leibe sich regte:

Jungfrau allein mein, oder laß gar sein!

Wie diejenigen wissen und verstehen können, die in solchem Streit gewesen sind oder doch um rechtschaffener Liebe willen sich zu wagen noch das Herz haben.

Lang währte der Streit, und es hatte den Anschein, als ob die Pferde schwächer würden als die beiden Helden. – Was aber indessen die liebe Jungfrau für Gedanken gehabt hat, das laß ich niemand als die Jungfrau selbst urtheilen, denn ein Mann kann es nicht wissen oder verstehen: solche Geheimnisse sind den Männern noch verborgen. Das aber kann ich sagen: das Schnupftüchlein, welches sie in der Hand gehabt, mit rother Seide genäht, habe von den heißen Zähren die Farbe verloren und sei ganz weiß geworden; und ich kann es noch jetzt vorweisen. Auch erfuhr ich durch Expertus Robertus, daß die Jungfrau dem Herrn von Appermont mehr gewogen war als dem andern, dem aber ihre Eltern gegen der Jungfrau Willen das Wort geben wollten: darum hatte denn dieser Eifer den harten Streit bei den beiden Helden verursacht. Es ist deshalb die Heirath von allen Seiten, der Kinder wie der Eltern, vorher wohl zu bedenken. Nach langem Fechten und Schmeißen, daß oft das Feuer davon sprang, gab der Graf von Appermont seinem Gegentheil mit dem Schwert zum Helm hinein einen so ungeheuren Stoß, daß das Blut in großer Masse heraussprang, und er unter das Pferd sank. Der Graf von Appermont nicht faul sprang von seinem Roß und mit blutigem Schwert riß er dem von Hoye den Helm ab um ihm, wie ich meinte, vollends den Rest zu geben, wenn er sich geregt hätte; aber es war aus mit ihm, denn er hatte ihn durch ein Auge gestochen, daß er dalag mausetodt.

Der Herold und die Grieswärtel liefen hinzu und ließen ihn in die Burg tragen, wo er den dritten Tag hernach herrlich zur Erde bestattet wurde. Davon aber will ich hier weiter nichts melden, sondern allein von dem Grafen von Appermont, der wieder auf sein Roß saß und dasselbe in den Schranken herumtummelte wie ein Held, der über seinen Feind gesiegt, das Feld behalten und die Braut erworben hatte. Aus den Schranken wollte er sich nicht begeben, bis auf Befehl des Kaisers der Herold ihm zu folgen angesagt hatte. Darauf ritt er vor den Kaiser, welcher schon in den Garten herunter gegangen war, und sobald er ihn sah, sprang er vom Pferde und fiel vor ihm zu Füßen. Alsbald ließ der Kaiser die Grieswärtel fordern, um zu vernehmen, ob irgend ein Unfall vorgegangen wäre, und als sie dessen Bericht gethan hatten, hieß er den von Appermont zu sich kommen, bot ihm die Hand und gab ihm die Jungfrau, um deren willen er so redlich gefochten hatte, an die Seite. Nach drei Wochen haben sie das hochzeitliche Beilager in der Burg gehalten. Die Geschichte aber ließ der Kaiser nach seinem rühmlichsten deutschen Heldenbrauch neben dem Liede in das Gesellenbuch – an dessen Lectüre er sich, wenn er von der Vogeljagd kam, erlustigte – einschreiben zum ewigen Gedächtnis.

Nun gab es wunderliche Gespräche auf allen Seiten, wie bei dergleichen Händeln zu geschehen pflegt. Einer sprach für den Grafen von Appermont, der andere hatte gewollt, daß der von Hoye das Feld erhalten hätte. – Es sind viele verborgene Dinge in der Natur, wofür wir keine Ursachen finden können. Das ist ein großes, daß wir oftmals einem Menschen, den wir noch niemals gesehen, von dem wir auch niemals gehört haben, gleichwohl vor einem andern wohl wollen und wünschen, daß ihm vor jenem Glück und Heil zustünde, und wissen selbst nicht warum. Ich achte, daß im Geblüt und in der Natur eine verborgene Gleichheit sein müsse.

Auch gab es wunderliche Gespräche wegen der Jungfrauen; einer lobte die Jungfrauen, der andere schalt sie, um deren willen manch ehrlicher Kerl seine Haut so redlich zusetzte und dafür nach aller Arbeit doch oft schlecht belohnt würde. Es wäre aber dem weiblichen Geschlecht die Unbeständigkeit, wie dem Hunde das Jagen, der Katze das Mausen, der Geiß das Klettern, der Elster und der Bachstelze das Hüpfen angeboren.

Während des Gesprächs kam es gegen die elfte Stunde, wo jedermann an seinen Ort zum Essen durch den Bläser auf dem Thurm, nach löblichem Gebrauch durch den Ton einer Schalmei, vermahnt wurde. Ueber der Mahlzeit wurde das Gespräch erneuert. Einer machte dem Grafen von Hoye eine Grabschrift zu Ehren; der andere sang dem Grafen von Appermont ein Brautlied zu Gefallen; einer schalt auf die Jungfrau, weil sie von Gesicht bräunlich war; der andere lobte sie um eben dieser Ursache willen mit lieblichen Worten: die schwarzen Haare hätten allezeit mehr Kraft und Saft, mehr Redlichkeit, Rechtschaffenheit und standhaftes Zutrauen im Leibe als andere, die er gleichwohl nicht wollte verachtet haben; ja die schwarzbraunen Augen hätten viel mehr Nachdruck und an sich ziehende Tugend in sich, und daß ihnen, wenn sie ihre Gewalt spüren ließen, schwerlich zu widerstehen wäre – und viele andere Reden mehr.

Weibhold und ich schwiegen still und wollten uns, weil uns die Gesellschaft nicht alle bekannt war, mit unserm Urtheil nicht auslassen; zumal weil es unseres Erachtens ein rechter Uebelstand ist, wenn in löblicher Gesellschaft die Jüngeren den Alten im Reden wollen vorgehen und das Gespräch allein, oder doch allezeit das erste Wort, haben: während sie vielmehr in sanftmüthiger Bescheidenheit mit wenigen Worten sich sollten hören lassen, – es sei denn daß man sehr bekannt ist und von höheren Personen selbst ermahnt wird, sich fröhlich mit dem Gespräch zu erzeigen; alsdann kann man der Jugend auch ein wenig den Zaum lassen, doch alles ohne Aergernis und in allen Ehren. Weil wir nun trotz der Aufforderung der Gesellschaft nichts beisteuern wollten, so wurden wir durch einmüthiges Urtheil dazu verwiesen: daß ein jeder von uns zur Strafe für das Stillschweigen der braunen Jungfrauen und schwarzen Haare zu Ehren ein Lied aufschreiben, oder in Ermangelung dessen in acht Tagen nichts anderes als warm Wasser trinken sollte. Es ward also das Loos geworfen, wer zuerst anfangen sollte; dasselbe kam auf mich. Expertus Robertus lachte und sprach: »Nun, da Philander erst von den Welschen gekommen ist, so wird es ihm nicht zuwider sein, uns zu Gefallen und dieser Brünette zu Ehren ein welsches Lied herzusingen,« was ich ohne sauer zu sehen thun mußte; denn warm Wasser zu trinken war mir bei so warmen Tagen sehr zuwider. Weil ich nun aber, noch ist's nicht lange her, eine braun-liebe Jungfrau, eine brenn-liebende Jungfrau, M. meint Maria Barbara Paniel, seine zweite Frau. als ich sie zum erstenmal sah, ein welsches Lied (anfangend Phyllis) singen hörte (weswegen ich mich – da die Jugend in solchen Rasejahren viel Kinderpossen und Thorheiten begeht, was aber nicht schadet, wenn es nur nicht wider Gott geht, zumal da solche Dinge mit den Jahren auch ein Ende nehmen – zur Kurzweil und ihr zu Ehren Philander nannte, schließlich aber wirklich Phillisander wurde): darum habe ich mich um so lieber an der braunen Farbe recht erlaben, ihr leben, sie lieben und loben wollen. Darum denn, so unlustig als ich war, so lustig ward ich, als mir anbefohlen wurde die braune Farbe (meine allerliebste Gefährtin, die mich, solange ich lebe, nicht verlassen wird) zu rühmen, und es veränderten sich alle meine Sinne von weißer Traurigkeit in braun-lachende Freude, daß ich also anfing:

Ich sah an grünem Wiesenrand
Die braune Phyllis gehn.
Mein Herz war gleich in Lieb' entbrannt
Zu dieser Nymphe schön.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Auch sah ich dort von Angesicht
Sylvie mit rothem Haar,
Doch lieben konnt' ich diese nicht
Zu nichtig sie mir war.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Ich hatte beinah mich verliebt
In einer Blonden Aug';
Doch wer den Blonden Schönheit giebt,
Täuscht andre und sich auch.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Die Phyllis hat mir's angethan,
So keusch, so fromm und rein;
Seh' ich nur ihre Augen an,
Glaub' ich ein Gott zu sein.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Es lebe meiner Phyllis Braun,
Das nimmermehr vergeht,
Und daß die Lilien auf den Au'n
An Dauer übersteht.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Ein andres Mädchen mir verspricht
Mir gut und treu zu sein:
Doch ihre Schwüre acht' ich nicht,
Ich lieb' nur dich allein.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Brünette, du mein Trost und Stern,
Ich folge deiner Spur,
Ich bin der Deine nah und fern,
Ich lebe deiner nur.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Ein Blick auf dich, du schöne Maid,
Bringt Himmelsglück mir ein;
Geschlungen ist ein Band um Beid'
Du Herzenskön'gin mein.
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Hör' ich der sanften Stimme Ton,
Seh' ich ins Aug' hinein,
Ruf' ich: für keinen andern Lohn
Möcht' ich am Leben sein!
Mir können von den Schönen allen
Braune nur allein gefallen.

Dein duukles Aug', dein braun Gesicht,
Dein schwarzes Augenlid
Geb' ich für keine Schätze nicht,
Soweit mein Auge sieht.
Mir können von den Schönen allen
Brauns nur allein gefallen.

Weibhold und etliche andere, die der französischen Sprache kundig waren, lachten meiner von Herzen, daß ich die braune Farbe so eifrig gelobt hatte; und da ihm meine Gedanken und die Vortrefflichkeit unsrer Jungfrauen wohl bekannt war, so fing er nach kurzem Bedenken sein deutsches Lied zu Ehren der liebreichen Phyllis also an zu singen:

Nun habt ihr mein liebes Paar,
Was ihr je und je begehret:
Euer keiner sich's verhehlet,
Redlichkeit und schwarze Haar'
Sind geflochten in einander,
Keines ist gern ohn' das ander.

Braune Farb' und Freundlichkeit
Sind einander einverleibet,
Keines ohn' das andre bleibet
Braun ist voller Lieblichkeit.
Schwarze Kirschen, braune Kesten
Sind die schönsten und die besten.

David war von Angesicht
Bräunlich und von schwarzen Augen,
Augen, die das Herze saugen;
Esther, wenn ich recht bericht't,
Weil sie bräunlich war vor allen,
Dem Asverus hat gefallen.

Sieht man nicht der Musen Schaar,
Wie sie auf des Pindus Spitzen
In schwarz-krausen Haaren sitzen
Da ein Paar und dort ein Paar?
Die Wald-Götter und -Göttinnen
Nur der braunen Farb' gesinnen.

Venus selbst sammt ihrem Kind,
Wenn sie Wildpret wollten fangen.
Sind nach schwarzem Haar gegangen;
Cupido, wiewohl er blind,
Thut noch heut den Braunen stellen,
Schwarze vor den Weißen fällen.

Helena nicht unbekannt,
Wie ich neulich erst gelesen,
Von Gesicht ist braun gewesen.
Doch die schönst' in Griechenland;
Und mein' Liebste kann das Leben
Aus den schwarzen Augen geben.

Phöbus, der ja irret nicht,
Als er diese da gesehen
In lichtbraunen Haaren gehen
Schwärzelich von Angesicht,
Hat bei seiner Kron' geschworen,
Liebers wäre nie geboren.

Phyllis, ja dein' Aeugelein,
Wenn sie nicht beerschwarz gewesen.
Dein' Geberden, Blick und Wesen,
Dein' hart-runden Brüstelein
Hätten dir mein Herz nicht können
Ohn' die braune Farb' gewinnen.

Nun habt ihr mein liebes Paar,
Was ihr je und je begehret.
Euer keines ist verfähret:
Redlichkeit und schwarzes Haar
Sind geflochten in einander
Keines ist gern ohn' das ander.

Braune Farb' und Freundlichkeit
Sind einander einverleibet.
Keines ohn' das andre bleibet,
Braun ist voller Lieblichkeit.
Schwarze Kirschen, braune Kesten
Sind die schönsten und die besten.

»Dieses, sprach Freymund, gefällt mir weit besser als das welsche; aber ich kann nicht sehen, warum Weibhold den König David und andere heilige Personen zum Lobe seiner schwarzen Farbe hineinbringt.« »Das ist, antwortete der Alte, nicht so ungerade getroffen; alldieweil die heilige Schrift selbst von dem König David sagt, daß er bräunlich war, mit schönen Augen und von guter Gestalt, und weil auch der König Salomon, um seine geistliche Braut desto liebreicher darzustellen, spricht, sie sei schwarz, aber gar lieblich und die schönste unter den Weibern.«

Freymund sprach: »Es ist das Lob der schwarzen Farbe billig an den Philander und Weibhold gekommen, denn sie sind so schneeweiß anzusehen wie ein Ofenloch. Aber damit wir zu unserer Jungfrau kommen, so muß ich bekennen, daß sie, obschon braun von Gesicht und schwarz von Haaren und Augen, doch dabei eine so empfindliche greifliche Lieblichkeit hat, daß man sich nicht genug verwundern kann: und wiewohl die braune Farbe eine männliche Farbe ist (wie ja auch der Graf von Appermont ebenso gestaltet ist), so steht sie doch nicht weniger auch den Jungfrauen wohl an, wenn sie dabei ihre Sitten und Geberden zierlich zu zeigen wissen.« »Ihr Herren! sprach Weibhold: damit ihr seht, daß ich die liebste Jungfrau nicht vergebens wegen ihrer braunen Farbe gelobt habe, so schauet hier ihre Abbildung, welche ich nicht ohne besonders große Gunst eines vertrauten Freundes zur Hand bekommen habe.« Und er überreichte dem Freymund das Bildnis, um es in der Gesellschaft herum zu zeigen.

Es ist doch, sprach ich, ein wunderseltsam Ding mit der Tracht der Kleidungen: wiewohl man nur die alte Weise von den Alten loben hört, so will es mir doch gar nicht ein; sondern ich halte dafür, wenn diese Jungfrau nach der jetzigen Zeit und Weise gekleidet wäre, sie sollte ein viel besseres Ansehen und eine viel größere Lieblichkeit von sich geben; und daraus könnte man die Ursache nehmen zu sagen und zu glauben, daß, wer die Uralten in ihrer Tracht nachäffen wollte, viel thörichter wäre, als derjenige, welcher die allerneuste Mode anhätte.

»Philander kann es nicht gut lassen, sprach Expertus Robertus den à la mode noch zu loben, und weil er die jetzige neue Tracht noch so gut im Kopfe hat, so bin ich dafür, daß er von der löblichen Gesellschaft allhier dazu vermocht werde, die so liebe Jungfrau in Abwesenheit des Malers nur mit der Feder abzureißen.« Der Alte hatte es auch kaum gesagt, so rief die ganze Gesellschaft einmüthig ja, ja, und ich mußte, wiewohl ungern, da ich mir meiner Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit bewußt war, die liebe Jungfrau nach jetziger Manier, wie hierbei zu sehen ist, bekleiden. Darüber aber gab es soviel Meinungen, soviel unser waren. Einem hatte dieses, dem andern das gefallen, dem jenes, jenem dieses mißfallen, einer die alte, der andere die neue Manier gelobt und vorgezogen: – worüber ich mich aber mit jenem Maler trösten will, weil die Kleider beim Maler nicht soviel kosten als bei dem Kaufmann und Schneider.

Davon kamen wir nun wieder auf das erste Gespräch, da einer das weibliche Geschlecht wegen seiner Lieblichkeit lobte, der andere wegen seiner Heimlistigkeit tadelte. Hans Thurnmeier, dem es eben mit seinem Weibe auch sehr übel ergangen war, wollte behaupten und beweisen, daß allezeit unter zehn Weibern nur eine gute zu finden, und daß die Falschheit und Untreue derselben insgemein so groß sei, daß auch der allerfrömmsten nicht in allen Dingen sicherer Glaube oder Vertrauen zuzuschreiben wäre. Freymund fiel dem alsbald bei und sagte: »Ja, noch mehr: es sind, so lange die Welt bestanden hat, nicht mehr als nur drei gute Weiber überall zu finden gewesen.« O nein, sprach ich: welche sollen denn dies sein? – Er antwortete: »Die heilige Mutter Gottes, die ist über alle Menschen, die heiligste und glorreichste: an ihr und an allen Heiligen ist nichts zu tadeln noch zu schelten, das wäre eine Gottlosigkeit; sondern ich rede nur allein von Menschen und Weibern, wie sie mit, bei und um uns in der Welt und in ihrem Wesen wohnen.« Ja, sagte ich, das verstehe ich auch so, aber welche sind die drei guten Weiber? »Ihre Namen sind mir zwar unbekannt; aber doch weiß ich, daß die erste im Bad ersoffen, die andere aus der Welt gelaufen ist und die dritte man noch darin sucht.« »Das ist dann gewiß die meine,« sprach Frauendienst. »Ja, ja, versetzte Hans Thurnmeier: so muß ein jeder sagen, nur damit er die seine zum Freunde behalte und zufrieden stelle; denn eine jede will die beste sein, und wollen wir gute Suppe essen, so müssen wir ihnen gewonnen geben.« »Ihr dürft nicht so auf die armen Weiber schelten, sprach Weibhold; was gilt's, ich will darthun, daß mehr gute Weiber gewesen sind als böse.« »Das wird schlecht zu erweisen sein, meinte Freymund. Ich wollte den Kampf leicht gegen euch annehmen.« Weibhold und Frauendienst waren es zufrieden; der Beweis wurde vor Abend angesetzt, und wir ernannten einen Ort nahe hinter der Burg, um die Sache auszuführen.

Freymund und Hans Thurnmeier waren auf einer Seite, Weibhold und Frauendienst auf der andern. Expertus Robertus sollte an Stelle des Schiedsmannes und Richters sein. Ich meinestheils hätte es mit Hans Thurnmeier lieber gehalten als mit Weibhold; damit aber der Streit nicht ungleich würde, mußte ich innehalten, auch aus Furcht, daß es mein Weib irgendwie erfahren könnte: denn um ihretwillen, die auch eine von den drei guten ist, würde ich wohl noch ein mehreres thun. Multa enim patimar propter Elsam, sprach jener Pfaff, welcher Ecclesiam abgekürzt für Elsam, seine Köchin, gelesen hatte.

Um drei Uhr waren wir an dem bestimmten Ort beisammen. Hans Thurnmeier, der seine Sache mit Ernst und Eifer trieb und erst vorigen Tags einen Streit mit seinem Weibe gehabt hatte, die ihm den Wein alle Tage auf ein halbes Maß, er aber auf drei halbe Maß, taxiren wollte, nahm das Wort und hob an von der Untreue und Unbeständigkeit der Weiber zu reden: wie leicht sie sich zwar verliebten, wie bald sie aber wieder der Liebe vergäßen; wie so gar wenig zu finden seien, die nicht je zuweilen eine fremde Lust ankäme, denen nicht des Monats einmal ein blitzschneller Gedanke einkäme, wie sie so wenig der Beispiele der Alten achteten noch deren Tugenden, sondern nur an dasjenige glaubten, was sie sehen und greifen können, was ihnen vor der Thür, im Gesicht und in den Gedanken umgeht. Und um ein Beispiel dafür zu erzählen, sprach er:

Es war zu Ephesus ein Weib von untadeligem, ehrbarem Leben und Wandel, wegen ihrer Zucht bei aller Welt hochberühmt. Als diese ihren verstorbenen Ehemann zur Erde bestattete, hatte sie sich nicht an dem genügen lassen, was andere zur Pracht und zum Schein für genug und hoch halten, sondern sich gar zu ihm in das Grab legen und begraben lassen wollen; deshalb ließen ihr ihre Verwandten ein besonderes Häuschen bei dem Grabe bauen, worin sie Tag und Nacht mit Trauern und Klagen bei ihrem lieben Herren nach ihrem Begehren zubringen könnte. Weder die Eltern noch die Verwandten konnten ihr dies aus dem Sinn reden; aber sie verschwor sich ihr Lebtag nicht mehr zu heirathen, sondern an dem Grabe Hungers zu sterben. Zuletzt hat die Obrigkeit des Ortes sogar versucht, die betrübte Frau zu überreden, da sie schon fünf Tage, ohne zu essen, an dem Grabe gesessen hatte. Aber vergebens und umsonst. Demnach beschloß man, ihr zur Bezeugung solcher Treue nach ihrem Tode eine unsterbliche Ehrensäule aufzurichten. Bei der guten Frau saß ihre Magd, welche nicht weniger im Weinen thun wollte als die Frau selbst, und zuweilen auch die Ampel schürte, vielleicht um die Thränen zu sehen und sie desto besser zu zählen.

Es war in der ganzen Stadt kein anderes Gespräch, im ganzen Lande keine andere Rede als von dieser Frauen Treue: ihre Liebe und Beständigkeit wurde über alles geliebt und gelobt. – Währenddessen wurden zwei Diebe zum Strang verurtheilt, und es wurde vom Landvogt befohlen, sie beide an einem unfern von dem Todtenhäuschen aufgerichteten Schnappgalgen aufzuhängen, was auch geschah. Am ersten Abend, als der Hüter, welcher bestellt war zu wachen, daß die beiden Diebe nicht abgenommen oder begraben würden, des Lichtes in dem Häuschen gewahr wurde und das Klagen der frommen Frau hörte – es ist ja eine gemeine Thorheit bei uns Menschen, daß wir gern alles wissen wollen – ging er in das Todtenhaus hinein, und als er das fromme Weibsbild sah, erschrak er Anfangs; doch wie er den Leichnam betrachtete und das klägliche Geschrei des Weibes hörte und sah, wie sie sich das Gesicht mit den Nägeln elendiglich zugerichtet und entstellt hatte, da dachte er bald, daß der traurige Fall ihres lieben Ehemannes auch ihr das Leben kosten würde. Um nun das gute Weib etwas zu erquicken, ging er und brachte sein Nachtessen in das Todtenhäuschen mit der Bitte, daß sie ihrem großen Schmerz Linderung verschaffen und ihr Herz in Geduld darein ergeben möge, was doch nicht mehr zu helfen wäre: denn das sei ja der Weg aller Welt, und nichts gewisseres sei nach all unsrem Elend zu hoffen als der Tod – und was man dergleichen mehr den Leidenden zum Trost vorsagt. Das arme Weib hingegen stellte sich nach der Weiber Weise noch ungehaltener, als sie den unverhofften Trost eines fremden Kerls hörte: sie schlug sich an die Brust, riß sich die Haare aus und legte sie zum Pfande der unsterblichen Liebe und Treue auf den todten Körper hin. Aber der Hüter fuhr fort und that sein Bestes mit Trösten. Endlich brachte er die Magd durch gute freundliche Worte so weit, daß sie ein wenig Speise und ein Schlückchen Wein zur Labung zu sich nahm. Als dies geschehen war, setzte er noch einmal an die Frau. Ach, sprach er, was soll euch alles dies nur frommen? Wenn ihr euch so abhungert und selbst in das Grab bringt, ihr würdet an eurem eigenen Leib eine Mörderin werden, und was wäre dem Todten damit gedient und geholfen?

Die Todten gar nicht achten das,
Was ihnen man will geben;
Wollt ihr den Menschen helfen was,
So thut es, weil sie leben.

Meint ihr, mit Weinen einen Todten wieder aufzuerwecken? Sein Ziel ist ihm gesetzt gewesen, mit Heulen und Weinen war das nicht zu hintertreiben noch zu widerrufen; und ihr solltet an dem Todten selbst ein Beispiel nehmen, da ihr seht, daß er bei all eurem Klagen nicht ein Haar bewegt. Es ist ja nichts großes, was ich von euch begehre: ein bißchen Brot zu essen, auf daß ihr das Leben fristen mögt. – Das Weib, dem in fünf Tagen der Magen schon einen heftigen Verweis ihrer Thorheit gegeben hatte, ließ sich endlich bereden, sah ihre Magd an und folgte ihr nach, ein wenig zu essen und einen Trunk Wein zu sich zu nehmen; und das hat ihr denn so wohl geschmeckt, und sie hat sich darauf so wohl befunden, daß sie ferner anhielt. So hatte der gute Wächter die Frau überredet und ihr auch in andern Dingen freundlich zugesprochen. Er war ein junger, frischer, wohlbeschwatzter und wackrer Kerl, wie es ihr däuchte; insonderheit lobte ihn die Magd, daß er ein Ausbund von einem feinen jungen Menschen wäre. Darum sprach sie der Frau auch zu: O Frau, sagte sie, was däucht euch nun? Wollt ihr immerdar hier sitzen und weinen? Wenn's nach mir ginge, ich wollte mich bald bedacht haben, ich würde ihn sogleich nehmen, wenn er mich wollt', und dann wollt' ich's wohl bald wieder einbringen, was ich so lange da gesessen. O, ein wie viel besseres Leben ist's, mit lebendigen Leuten umzugehen als bei Todten zu sitzen, zu heulen und zu klagen! Ich bin des Dings schon müde: mir nicht, der Katze! Der wär' ein Narr, wer länger da blieb, wenn ich nicht grade ein bißchen anders dächte; ich bin des Trauerns so satt, als hätt' ich's mit Löffeln gegessen. Ich glaube nicht, daß ich's Lachen so lange halten könnt', wenn mich jemand so angriff'; aber mir armen Närrin wird's wohl so gut nicht werden: es wär' doch immer schad', wenn ihr diese Gelegenheit versäumtet. Ei geht, rückt ihm ein wenig nahe, euch thut's auch so noth; er stellt sich doch so keck, er kann gewiß vortrefflich pätscheln.

Der Magd schöne Worte brachten es so weit, daß die Frau, welche vorhin vor Trauern kein Wort mehr reden konnte, jetzt anhob und den seinen Kerl mit der Hand zu sich zog.

Als aber die Freunde eines der beiden gehängten Diebe merkten, daß die Wacht des Nachts bei dem Galgen schlecht gehalten wurde, ließen sie den Körper heimlich vom Galgen abnehmen und begraben. Wie nun der gute Gesell des andern Tags sah, daß er schlecht gehütet habe, und daß ihm darauf der Hals stand, erzählte er sein Leid der frommen Frau und bat sie um Hülfe und Rath in den großen Aengsten, oder er müßte diese Stunde davon gehen und sie nimmermehr sehen, oder er wollte sich selbst erwürgen, sie sollte ihm nur Platz machen, daß er könnte neben ihren todten Mann gelegt werden. Das Weib, ein recht barmherziges Weib, das bisher vor Schelmerei nicht hatte reden wollen, sprach jetzt: O weh, nein; wie sollte ich zwei Leichen nebeneinander stehen sehen? Es ist mir mit der einen viel zu viel, will geschweigen ... Nein, wenn je einer zugesetzt und verloren sein muß, so ist es mir doch lieber, der Todte gehe fort als der lebendige. Sie ließ deswegen den todten Körper, ihren lieben Mann, herausziehen und anstatt des abgenommenen Diebes an den Galgen hängen, damit sie den Lebendigen erlösen und erhalten könne.«

Mir däucht, sprach ich, ich habe diese Geschichte früher bei den sieben weisen Meistern Das Buch von den sieben weisen Meistern ist eine Sammlung von novellenartigen Erzählungen aus dem 15. Jahrhundert. auch gelesen. »Ja, sprach Freymund, etwas davon, aber doch nicht so schön, wie sie Petronius Petronius (gest. 66 n. Chr.) Freund und Vertrauter des Nero, Verfasser eines Sittenromans Satyrikon. in trefflichem Latein geschrieben hat.« »Petronius, sprach Weibhold, ist mir etwas verdächtig und auch sonst ein unflätiger Tropf im Aufschneiden, ein Erzhofmann und verliebter Gesell gewesen, wenn er auch zierliche Worte gebraucht; und es ist gewiß, daß die Weiber ihn nimmermehr für Mannes genug achten werden, daß er gegen sie zeugen könne. Zudem bringt er auch keine bestimmten und geschichtlich bekannten Personen bei, sondern nur erdichtete Bilder und Dinge. Man hole seine Beweise aus wahrhaften Historien, dann kann man um so besser fußen: meinestheils will ich allen ehrliebenden Jungfrauen und Frauen zu Gefallen diese einzige, doch wahrhaftige Geschichte erzählen:

Sanctia, Tochter des Königs Garsias Sanctius IV. zu Navarra, eine Schwester des Sanctius Major, Königs zu Navarra, war mit Garsias, Graf zu Kastilien, dem Sohne des Ferdinand Gundisalvus, verlobt; derselbe aber ließ ihn in harter Gefangenschaft halten. Da hat sie mit Zurücksetzung ihrer angebornen weiblichen Schwachheit und ihrer Hoheit sich als eine Heldin erwiesen, ihn aus dem Gefängnis errettet und sich unter höchster Gefahr ihres Lebens ihm antrauen lassen. Vier Jahre später, als ihr Herr und Ehegemahl von dem Könige zu Léon mit List gefangen und in Ketten geschmiedet worden war, hat sie sich als Pilger verkleidet und sich gestellt, als ob sie nach Compostella wallfahrten wolle, hat ihren Weg durch Léon genommen, und als ihr vergönnt worden den Gefangenen zu sehen und eine Weile bei ihm zu bleiben, hat sie ihn aus den Banden gerettet, indem sie ihm ihre Kleider anlegte und an seiner Statt im Gefängnis blieb. Damit hat sie eine Probe gegeben für alle ehrliebende Frauen und Jungfrauen, daß die weibliche Treue und Beständigkeit über alles gehe. – Dies ist eine wahrhaftige Geschichte, hat wenig Worte, aber sie sind wahr und haben Gewicht: Wahrheit bedarf nicht viel Herausstreichens, sie lobt sich selbst.«

Darauf sagte Freymund: »Das ist kein Zweifel, daß weibliche Beständigkeit und Treue über alles gehe – versteht sich, wo sie ist. Aber ich frage, wo ist sie? Wo die drei guten Weiber sind, da ist sie auch, nämlich in Niemandes Garten. Was ist der Weiber Thun und Lassen anders, als wie sie den Mann durch unaufhörliches Greinen und Grummen den ganzen Tag nur beunruhigen, indem der Mann ihnen nimmer zur Genüge und zum Gefallen etwas recht thun kann: sie hingegen mit Müßiggehen und Faulenzen, mit unordentlichem, schlumpichtem Wesen dem Manne seine saure Arbeit zu nichte machen. So habe ich vor Jahren einst diesen redlichen deutschen Dorfreim gelesen:

Ein Roß und ein Mann
Müssen immer Fornen dran.
Aber ein Weib und ein' Kuh
Wollen immer Iy zu.«

(Das sind Worte, welche die Ackerleute im Brauch haben: Fornen dran ist Hott fornen, auf die rechte Hand; Iy zu ist här, auf die linke Hand).

»Ja, sprach Weibhold; aber mir däucht, weil ihr anstatt einer Geschichte nur Reime beibringt, ihr werdet wider die Weiber nichts gründlicheres finden können.« »Damit es nun nicht den Anschein hat, als hätten wir die Sache verloren, sprach Hans Thurnmeier, so ist dies mein Exempel:

Alphons, König der Longobarden, war in seiner Jugend ein überaus schöner, freundlicher, liebreicher, frischer Herr, so daß er für ein Wunder gehalten wurde unter den Menschen. Unter vielen andern seiner Hofjunker hatte er einen über die Maßen lieb, Namens Faustus Latinus aus Rom. Als der König eines Tages mit ihm zu sprechen kam von schönen Leuten und der König wohl wußte, auch selbst öffentlich sagte, daß ihm keiner gliche, sprach Faustus: Nicht also; ich habe zu Hause einen Bruder, Iocondus genannt, derselbe ist, wenn auch Ew. Maj. nicht vorzuziehen, so doch nicht geringer zu achten. Der König verwunderte sich darüber und lag den Faustus heftig an, seinen Bruder nach Hofe zu bringen. Faustus sagte zwar, daß sein Bruder wegen seines ruhigen Wesens des Hoflebens und Reisens nicht gewohnt wäre, zudem hätte er ein vortreffliches liebes Weib zu Haus, das ihn nicht würde ziehen lassen; jedoch wolle er seiner Majestät zu Diensten eine solche Bitte nicht abschlagen. Faust reiste also hin und brachte durch seine Wohlredenheit bei dem Jocondus und seinem Weibe so viel zu Wege, daß sie nach langem Bedenken beide in die Reise einwilligten. Jocondus ließ sich daher herrlich kleiden, weil er wußte, daß er zu einem vortrefflichen Könige und nach Hofe reisen müßte: woselbst ein schönes Kleid, wenn es auch ein Esel anhätte, bei Fürsten und Herren willkommener ist, als ein Gelehrter in einem schwarzen Kleid, weil Gunst, Liebe, Beförderung und alles, was man zu Hofe an Glück zu hoffen hat, eher durch ein zierliches Kleid als durch Redlichkeit kann erhalten werden.

Sein Weib indessen that Tag und Nacht nichts weiter als heulen und weinen, jammern und klagen, als ob sie vor Leid vergehen wollte; oft drückte sie ihren Jocondus zur Nacht, als ob sie in ihn schlüpfen wollte; des Tages aber sagte sie, daß ihr ohne seine Gegenwart zu leben unmöglich wäre, wenn sie an den Abschied dächte, so wolle ihr schon das Herz entsinken: Ach, was soll ich dann anfangen! – Ach mein herzlieber Schatz, sprach Jocondus, weinet doch nicht so sehr (bei welchen Worten ihm das Herz zugleich überging, daß er sich des Weinens ebenso wenig enthalten konnte als sein Weib), in zwei Monaten will ich, will's Gott, wieder bei euch sein, und wenn mir der König schon sein ganzes Königreich geben wollte, er würde mich doch nicht länger aufhalten können. – Ach Gott, antwortete sie, ich weiß, wie ihr Männer es macht, wenn ihr von den Weibern kommt: wie bald sind ihrer bei euch vergessen. Auch ist das Ziel so lang gesetzt, daß ich wohl weiß, ihr werdet mich nimmermehr lebendig finden, sondern ich werde zur Bezeugung meiner Liebe und Treue das Leben enden, ehe ihr wiederkommt. – Sie gab ihm ein goldenes Kettchen von ihrem Hals mit der Bitte, es ihretwegen an seinem Hals zu tragen und ihrer desto besser dabei in der Fremde zu gedenken; das hat ihr Jocondus die Nacht vor seiner Abreise, wo sie that, als ob sie in seinen Armen den Geist wollte aufgeben, mit Betheuern hoch versprochen. Als es Tag wurde, saß Jocondus mit seinem Bruder zu Pferde und ritt fort; das liebe Weib, welche die ganze Nacht nicht eine Stunde geschlafen hatte, ließ er im Bett in großer Traurigkeit liegen.

Als die Beiden noch nicht eine Stunde Wegs geritten waren, fiel dem Jocondus ein, daß er das Kettchen, das ihm sein frommes Weib zum Gedächtnis gegeben, unter dem Kissen hatte liegen lassen. Darum dachte er, wenn sein Weib erwachte und das Kettchen fände, würde sie in um so größere Traurigkeit gerathen, weil er ihrer schon so nahe vergessen hätte. Er bat deshalb seinen Bruder, in der nächsten Herberge auf ihn zu warten, und sagte ihm die Ursache, weshalb er wieder zurückreiten müßte, ohne jedoch dadurch an der Reise verhindert zu werden. Wie er nun mit verhängtem Zügel und mit beiden Schenkeln sich dazugehalten hat, ist leicht zu denken: meinestheils hätte ich zugehauen, und hätte ich das Pferd sollen darüber zu Boden reiten; so wird er's, denke ich, wohl auch gemacht haben. Eben als der Tag anbrach, kam Jocondus wieder nach Hause und ging stillschweigend die Kammer hinauf; und als er hörte, daß sein Weib noch schlafe, that er gemächlich den Vorhang ein wenig beiseits, um das Kettchen unvermerkt unter dem Kissen hervorzuziehen. Aber – o des unglücklichen Vorhanges! Denn sobald er diesen zurückgezogen hatte, sah er einen jungen Kerl seinem lieben getreuen Weib – ja freilich ist es eine große Drei, denn ihrer war eins mehr als zwei – an der Seite und in den Armen liegen. Er erkannte ihn alsbald: es war eines Bauern Sohn, den er von Jugend auf als Stalljungen an seinem Hofe hatte erziehen lassen. Was Jocondus für Gedanken gehabt, weiß ich nicht. Ich selbst möchte vor Zorn aufspringen, indem ich nur dies von ihm schreibe. Aber mich wundert, daß er nicht von Sinnen gekommen ist und sie alle Beide erwürgt hat – was er gewiß gethan hätte, wenn er von der unglaublichen Liebe, die er gegen sein Weib trug, nicht so ganz eingenommen und besessen gewesen wäre. Deshalb ging er mit einer langen Nase fein still wiederum die Stiege hinab und auf sein Pferd. Daß er damals des Pferdes geschont, glaube ich nicht: vielmehr, daß er oft die Zähne wird zusammengebissen und in seinem Sinn auf den leichtfertigen Schelm wird geschlagen und gestoßen haben, und das arme Pferd hat nicht darüber lachen dürfen.

Um die Mittagszeit kam er wieder zu seinem Bruder. Jocondus war traurig und betrübt, konnte weder essen noch trinken, weder schlafen noch ruhen, und wie ihn Faustus trösten wollte in der Meinung, daß ihm die Traurigkeit von dem Abschied käme, war es vergebens und umsonst. Jocondus wurde so ungestaltet, dürr und häßlich, daß sich Faustus fürchten mußte ihn vor den König zu bringen. Daher sandte er ein Schreiben voraus und entschuldigte sich höflich, daß Jocondus durch einen Zustand in Abfall gerathen und elender Gestalt geworden wäre. Dessenungeachtet wollte der König, daß er kommen sollte, er wollte ihm auch die besten Aerzte zugeben und ihm alle Freude und Kurzweil verschaffen mit Singen und Springen, Tanzen und Jubiliren, wodurch er verhoffte, daß Jocondus wieder zurecht kommen würde. Aber der Schuh drückte ihn zu Hause so hart, daß der König nicht wußte, wo ihm zu helfen wäre.

Traurig sein und doch singen
Ist eine sehr große Pein;
Es läßt sich schwerlich zwingen
Weinen und lustig sein.

Sein Gemach, das ihm der König nicht weit von dem seinen hatte zurüsten lassen, war seine beste Arzenei, wo er sich oft einschloß und, die Untreu seines Weibes betrachtend, sich selbst feind wurde. Besonders aber erging er sich in einem langen Saal, seinem Gemach gegenüber manche Stunde, wenn er seinem Leid nachdenken wollte; dort fand er auch Mittel sich in seinem großen Kreuz zu trösten.

Zu Ende dieses Saales in einer Ecke, wo das Getäfel nicht ganz aneinander gefügt, wo es aber ganz finster war, sah er von ungefähr ein wenig Licht hervor schimmern. Er verwunderte sich darüber und ging hinzu um zu sehen, was es sein möchte. Da sah er denn durch diesen Ritz in der Königin Gemach, worin sonst niemand als eine einzige ihrer Jungfrauen kommen durfte. Doch diesmal sah er, daß ein häßlicher Schelm, ein Zwerg, mit der Königin scherzte und dergestalt hauste, dessen sich der König wohl würde bedacht haben. Jocondus, dem es anfangs wie ein Traum vorkam, ermunterte sich und erkannte die Person und daß es wahrhaftig so war. Mein Gott! sprach er bei sich; das muß ja eine rechte Wölfin, eine rechte Zatz sein, die eine so unerhörte und wüste Lust bekommt, daß sie einen Ekel und ein Scheusal der Natur, einen Zwerg, einem so tapfern schönen König und Herren vorzieht. Und er fand dabei bei sich, daß seinem Weibe gleichwohl noch eher zu verzeihen wäre, die doch bei einem mannhaften jungen Kerl geschlafen hätte. Den andern Tag sah aber Jocondus dasselbe Spiel noch einmal, den dritten und vierten Tag wiederum. Nichts verdroß den Jocondus mehr an der Königin, als daß sie sich gegen den buckligen Dieb beklagte, er hätte sie gewiß nicht recht lieb. Eines Tages, als die Königin sehr traurig war, sich kläglich stellte und den Zwerg zum zweiten Mal durch die vertraute Jungfrau rufen ließ, derselbe aber nicht kommen wollte, und die Königin nun zum dritten Mal nach ihm schickte: da hörte Jocondus eben wieder an dem Thürritz, als die Jungfrau zu der Königin sprach: Ach, gnädigste Frau, ich habe dem Tropf schon dreimal gerufen, er sitzt und spielt, es ist ihm mehr daran gelegen, daß er einen Heller gewinne, als daß er zu Ew. Maj. komme. Jocondus dachte: Hoho! geschieht das einem König, dann Geduld! was sollt' ich dann machen? Muß der König Glocken tragen, dann kann ich auch eine Schelle tragen. Er tröstete sich also mit eines andern Unglück, so daß er anfing, von Tag zu Tag an Schönheit und Lieblichkeit zuzunehmen zu aller Verwunderung, auch des Königs selbst.

Gern hätte der König die Ursache seiner Gesundheit wissen mögen, und Jocondus hätte sie ihm noch lieber selbst gesagt. Damit aber der König es weder an der Königin nach an dem Zwerge rächen sollte, so versprach Jocondus ihm es zu erzählen, wenn er sich verpflichten würde, es wäre von wem oder wider wen es sei, auch wider Ihre Majestät selbst, daß er es verschweigen und es nicht rächen wollte. Das mußte ihm der König, so er anders der Sachen Gewißheit erfahren wollte, bei seinem höchsten Eid geloben und versprechen. Nimmermehr jedoch hätte er sich gedacht, daß es um dergleichen Händel zu thun gewesen wäre.

Zuerst nun entdeckte ihm Jocondus die Ursache seines Unglücks, daß er bei seinem Weibe, der er alles gute zugetraut, den Bauernbengel gefunden hätte. Die Ursache seiner Gesundheit aber wäre diese, daß er gesehen, es ginge andern und größeren Leuten ebenso, und daß er es nicht allein wäre, der an dem Karren ziehen müsse. Mit diesen Worten führte er den König an den Ort. Als der König die Dinge da sah und nicht wußte, wie er sich verhalten sollte, gern mit dem Kopf durch die Wand gerannt und Mord gerufen hätte, sagte Jocondus dagegen: Halt, Herr König! was ihr versprochen habt, das müßt ihr halten. – O welch Herzbrechen! Was nun? sprach er zu Jocondus, da ich dir habe versprechen müssen, daß ich's nicht strafen will. – Laßt uns, versetzte Jocondus, die ungetreuen, undankbaren Vetteln aus dem Sinn schlagen und probiren, ob die andern Weibsbilder auch so sind, oder ob nur die unsrigen zwei so geartet sind. Wir sind beide jung und stark, haben daneben noch andere Gaben weit vor einem Knecht und Zwerg voraus, besitzen auch Mittel genug: laßt uns davonziehen und die Welt durchforschen, ob anderswo auch dergleichen geschieht oder nicht.

Der König war des Raths zufrieden und ohne weiteres Vermerken saß er und Jocondus sammt zweien vom Adel auf ihre Pferde und davon, durch Italien, Frankreich, Flandern, England. Sie waren willkommen allenthalben; wo ihre Schönheit und ihre freundlichen Geberden nicht konnten ankommen, da machte das Geld Platz an allen Orte:

Wer Geld hat ist ein lieber Mann,
Wär' er mit einem Dreck angethan.

Von vielen bekamen sie mehr Geld, als sie begehrten; von vielen wurden sie ungesucht gebeten, und baten an andern Orten hinwiederum andere. So fanden sie denn in zwei Jahren, daß es an keinem andern Orte besser herginge, als bei ihnen zu Hause selbst.

Sie wurden aber endlich des Handels müde und entschlossen sich, eine Kammermagd anzunehmen und mit sich zu führen; es wäre ja besser, wenn sie nun einmal Gesellen neben sich leiden müßten, daß es einer von ihnen als irgend ein fremder Unbekannter wäre. Endlich bekamen sie eines Wirthes Tochter zu Valencia in Spanien, ein schönes wackres Mägdlein von achtzehn Jahren. Der Vater, welcher mit vielen Kindern beladen war, war es gegen Empfang eines Stück Geldes wohl zufrieden (wie solcher verteufelter Eltern an diesen Orten mehr sind). Sie zogen durch Spanien und gedachten darnach die Königreiche in Afrika zu beschauen. Das erste Nachtlager, welches sie von Valencia aus hatten, war zu Zettina, wo sie des andern Tags in der Stadt herumgingen sie zu besichtigen, und das Mägdlein zu Hause ließen. Es war aber darin ein junger Knabe, der vor Jahren bei des Mädchens Vater gedient hatte; derselbe, von dem sie von Kind auf geliebt wurde, bekam Gelegenheit mit ihr zu sprechen und zu erforschen, wie sie dahin gerathen und wo sie mit diesen Herren hinaus wolle. Flammetta, so war ihr Name, erzählte haarklein alles. Ist das nicht ein Unglück, sprach der Knabe, Namens Greco: während ich hoffte, daß ich dich zum Weibe bekommen würde, muß ich nun sehen, daß dich andere davon führen; wenn ich dich aber doch einmal lassen muß, so erbarme dich wenigstens einmal über mich. – Das ist unmöglich, sprach sie, weil ich alle Nacht zwischen meinen Herren im Bett liegen muß. – Ach, so du willst, sagte Greco, ist's nicht unmöglich: denn eine Jungfrau, die verliebt ist, kann aus unmöglichen Dingen gar wohl mögliche machen; darum bitte ich dich, laß mich nicht vor Leid und Liebe sterben, ehe du von hinnen ziehst. – Ebenso gern als du, sprach sie, wenn es nur sein könnte. Doch ich will mich bedenken; thue du nur so und so, dann wird dir geholfen: wie sie es ihm denn sagte. Greco, dem wohl zu Muthe war, schlich Nachts, als er meinte, daß die beiden Herren schlafen würden, heimlich zur Kammerthür hinein, welche das Mägdlein zuzuriegeln mit Fleiß vergessen hatte; und still, still, daß die Mäuse nicht erschräken, kroch er auf Händen und Füßen zum Bett, und als er der Flammetta zu den Füßen kam, steckte er den Kopf unter die Decke und kroch allgemach hinauf, und der Dieb blieb da liegen bis fast eine Stunde vor Tagesanbruch. Jocondus, der wohl merkte, daß über Nacht mit der Flammetta etwas vorgehe, meinte, es würde der König gewesen sein; hingegen dachte der König, es wäre Jocondus gewesen. Indessen machte sich Greco gegen Tag wieder zurück, wie ein Krebs, hinunter und davon, was hast du, was kannst du auf Händen und Füßen. Des Morgens, als Flammetta aufgestanden war um das Gemach zu fegen, und der König den Jocondus neckte wegen des Vorfalls in verwichener Nacht, Jocondus hinwider den König vexirte, so daß schließlich keiner wußte, wie oder wer es gewesen sein sollte, weil es keiner wollte gewesen sein: da riefen sie die Flammetta und befahlen ihr die lautere Wahrheit zu sagen, wer von ihnen beiden sich des Nachts so frisch gehalten hätte. Diese aber warf sich vor Furcht ihnen zu Füßen, bat um Gnade und erzählte, wie alles zugegangen wäre. – Ob sich der König und Jocondus einander ansehend genug verwundert haben, weil sie beide auf einmal so häßlich betrogen waren, das kann ich schwerlich glauben. Vielmehr glaube ich, daß sich solcher List heutiges Tages eine unzählige Menge noch nicht genug verwundern können. Aber sie fingen endlich an zu lachen, daß das Bett krachte. – Wie sollte es denn einem allein möglich sein ein Weib zu hüten, wenn zwei nicht eins hüten können? sagte Jocondus. Wenn ein Weib im Sinn hat den Mann zu betrügen, so ist es, sehe ich wohl, unmöglich, das zu wehren: was wird da das Sorgen und Eifern helfen. Es ist umsonst und vergebens; es ist eine Thorheit, den Flöhen das Hüpfen verwehren zu wollen, wenn sie in einem Korbe sind.

Gewiß ist es: für Frauenlist
Auf Erden nichts verborgen ist;
Und wird ein solcher gleich gehalten
Einem Narr'n, der Flöhe wollt' behalten
In einem Korb und konnt' doch nicht,
Macht sich nur Müh und Arbeit mit.
Darum ein Mann, der eifern will,
Hat nichts als Angst und Sorgen viel.

Und ich glaube, sagte der König, daß die Weiber fast alle über einen Leisten sind geschlagen worden. Meinestheils, sprach der König weiter, soll diese die letzte sein, die ich probiren will und will mich hinfort mit der meinigen gedulden. – Sie beriefen darauf die Flammetta und gaben sie ihrem Greco sammt einer Aussteuer; sie selbst aber zogen wieder heim, ein jeder zu der seinigen: wo sie gleichwohl nicht ohne Sorgen und Nachdenken noch leben. –

Ist das nicht ein herrliches Stückchen von der Unbeständigkeit und Untreue des weiblichen Geschlechts?« »Und wer wollte es besser schildern?« sagte Freymund. »Ja, antwortete Frauendienst: wenn es Livius oder seinesgleichen einer schriebe, so wollte ich es wohl glauben; aber Ariosto Ariost ein berühmter italienischer Dichter, geb. 1474, gest. 1538. ist nicht der Mann, der seine Schriften wird in solchen Ruf bringen, daß sie der Wahrheit ähnlich sehen. Ich will euch ein kurzes, aber wahrhaftiges Beispiel erzählen, und zwar aus demjenigen fürstlichen Hause, dem ich bis zu meinem Verderben und Untergang treu gewesen bin:

Amalie, Tochter Philipps, Kurfürsten und Pfalzgrafen bei Rhein, Gemahlin Herzogs Georg I. zu Pommern, hat sich in ihrem ganzen Leben, insonderheit während ihres Ehestandes, gegen Gott so fromm und heilig, gegen ihren Herren so klug und gehorsam, gegen Fremde so züchtig und ernsthaft, gegen Arme so wohlthätig und sanftmüthig verhalten, daß man zu ihrer Zeit, wenn man ein frommes Weib beschreiben wollte, sie zum Beispiel anzog; und wer ihre Tugenden der Länge nach schildern wollte, der würde des Buches kein Ende finden können.«

»Wenn es nöthig ist, sprach Hans Thurnmeier, so will ich auch ein Beispiel aus den bekannten deutschen Geschichten beibringen: Ist nicht des Fürsten Johann I. von Anhalt, Grafen zu Ascanien Gemahlin, Graf Heinrichs von Henneberg Schwester, ein solch böses, zänkisches, mürrisches, unleidliches, unfreundliches, ungehorsames, unartiges, ungehobeltes, wüstes, meisterloses, freches, wildes, neidisches, grunzendes, schnarchendes Weib gewesen, daß ihr geduldiger Herr sich aus freien Stücken in das bittere Elend hat begeben und eher bei den wilden unbändigen Thieren hat wohnen wollen, als bei einem so giftigen Basilisken? Jesus Sirach ist weise genug in seinem Urtheil über sie gewesen; ich meine, er hat die bösen Weiber artig beschrieben.«

»Das ist wohl wahr, sprach Weibhold; aber er hat die guten Weiber auch herrlich gelobt.« »Wo sind aber die guten? fragte Freymund, und antwortete: Nirgend.« »Wo sind aber die bösen? Allenthalben, sagte Thurnmeier: und einen jeden unter uns dünkt, er habe die ärgste.« »Mir däucht, meinte Weibhold, daß eure Beweise meist aus den Poeten hergenommen sind, daher ist ihnen umsoweniger Glauben beizumessen: denn sie loben und schelten ein Ding, wie sie wollen, machen es häßlich oder schön, wie sie wollen, und es würde der Graf von Appermont, wenn er unser Gespräch vernehmen sollte, den Herren dafür schlechten Dank sagen.« Ja, sprach ich, nicht nur er, sondern auch Rudolph, der Freiherr von Rothenburg, Rudolph von Rothenburg, ein Minnesinger aus der Schweiz, der um 1250 sang. der bei Kaiser Philipp am Hofe gewesen ist, und der von seiner Liebsten also gesungen:

Von dem Haupt bis auf die Füße
Hat geschmücket meine Süße
Mit den Farben roth und weiß
Die Natur mit großem Fleiß,
Und ihr Mund und ihre Wangen
Wecken immerfort Verlangen.

»Wer liebt, sprach Freymund, der schreibt noch närrischere Sachen als die Poeten. Mir ist dadurch nicht also; und wer möchte ein weiblich Bild recht lieben können, da er doch immerzu fürchten muß, er könne es noch so gut machen, sie werde ihm einmal Hörner aufsetzen. Es sind die Hörner-Verse genugsam bekannt, und wer sich wollte dünken, daß er ungehörnt wäre, der wird sich häßlich betrogen finden, denn:

Wer ein Weib hat und nicht weiß,
Daß sie ihm tritt aus dem Gleis:
Solchem guten frommen Knecht
Ist bereits ein Hörn gerecht.

Wer sich heimlich schier besorgt,
Daß sein Weib bei andern borgt:
Solchem wohlbesorgten Mann
Ein Paar Hörner stehn wohl an.

Wer es weiß und eifert nicht.
Daß sein Weib die Treue bricht:
Solcher gute fromme Tropf
Hat drei Hörner auf dem Kopf.

Wer sie noch behält dazu.
Daß sie andern Dienste thu':
Solcher hat zu seiner Zier
Allbereits der Hörner vier.

Welcher aber sich verspricht.
Daß er dieser Hörner nicht
Eines habe: solcher hat
Fünf an aller viere Statt.«

»Die Hörner, sprach Weibhold, sind so eine böse Tracht nicht, als man in Deutschland dafür hält: es wäre den Welschen übel gesagt, wenn sie deren mangeln sollten; es würde manchen den Kopf sogar kosten, wenn er ohne Hörner sein sollte; und es däucht mir sehr unbillig zu sein, daß dieses Wort den Mannsleuten soll zur Schmach geredet werden.« Dieser Meinung bin ich zwar auch, sprach Hans Thurnmeier: in andern Sachen aber nicht. Denn es ist ja den Bürgern zu Venedig die größte Ehre, daß sie Hörner getragen haben. Und wenn die Hörner nicht etwas lob- und denkwürdiges bedeuteten, unsere Vorfahren würden sie nicht zu ihren Wappen genommen haben, noch würden die Herzoge von Venedig ihre herzoglichen Kleinodien oder Hüte in Form eines Hornes getragen haben, wenn sie die Würde und Hoheit dieser Gestalt nicht wüßten. Es würden die Frauen zu Venedig nimmer ihren Aufsatz in Gestalt zweier Hörner wählen, wenn es nicht eine besondere Zierde wäre. Die Herren zu Venedig würden nimmermehr dem heiligen Dionysius in Frankreich für ein Einhorn 100000 Kronen angeboten haben, wenn sie die große Kraft des Hornes nicht kennten. Die Alten wußten ihre vermeintlichen Götter mit nichts höher zu verehren, als wenn sie ihnen Hörner aufsetzten: wie noch heut zu Tage der Deumus in Calcutta gestaltet und verehrt wird. Die Aegypter, die man für die ältesten weisen Leute hält, haben ihren Abgott Apis in Gestalt eines gehörnten Ochsen angebetet; alle andern vornehmsten Götter, wie Faune, Satyrn und Pan, der Gott der Fluren, waren gehörnt. Mercurius, der Götter Herold, erschien nimmer mit seinem Scepter und Flügeln, ohne die Hörner zugleich weit vorgucken zu lassen. Der Heiden größter vermeintlicher Gott, Jupiter, damit er der Europa desto besser gefallen und von ihr geliebt werden möchte, verwandelte sich in einen Ochsen um der lieben Hörner willen. Die meisten amerikanischen Götter, Viracoccha und Fitzliputzli wurden mit Geißhörnern geziert bei ihren Festen. Juno, wenn sie prangen wollte, trug ein Geißfell mit Hörnern auf dem Kopf. Bacchus, der alte Zechbruder, ist von Sokrates und Nikander mit dem Zunamen der gehörnte benannt worden; Ovid nennt ihn auch den gehörnten Bacchus in einer Elegie. Es scheint auch, daß die Natur selbst, welche die Mutter aller Dinge ist, den Menschen, sobald er in die männlichen Jahre kommt, mit einem Knebelbart ziere, der nach Art zweier Hörner wächst, um dem Manne in solchen Jahren eine desto bessere Gestalt zu geben, auf daß, wenn er sich anschaut, er sich erinnere, wer er sei, alldieweil, wer untüchtig ist einen Kuebelbart zu haben, derselbe auch untüchtig sei Hörner zu tragen. Der Altar, auf dem die Heiden opferten, wurde mit einem Horn geziert, wie der Altar der Proserpina. Wenn die Weiber zu Rom dem Bacchus opfern wollten, durften sie nicht vor dem Altar erscheinen, ohne daß sie zwei Hörner trugen als höchste Zierde und Wohlanstand bei dergleichen Opfern. Die Perser, um zu zeigen, wie hoch sie ihre Götter hielten, haben deren Ochsen Barette und vergoldete Hörner gewidmet. Ist es außerdem nicht wahr, daß die drei vornehmsten himmlischen Sonnenzeichen Hörner tragen, wie der Widder, der den Anfang des Frühlings macht? Der Krebs, welcher die Erde mit allerlei lieblichen Blumen an Farbe und Geruch, als Violen und Rosen ziert, und der Steinbock, der Vorbote des harten Winters? Unter den Thieren wird alles, was Hörner trägt, vor andern werth und hoch geachtet. Sertorius hatte ein gehörntes Wild, das man als Wahrsagegeist hoch und heilig hielt. Cäsar hatte auch ein solch gehörntes Wild, das er wie eine Göttin halten und ehren und ihm ein goldenes Halsband anlegen ließ mit dieser Inschrift:

Berühre mich nicht, denn ich bin des Cäsar.

Der laurenholde Poet Petrarca konnte, wenn er seine Liebste Laura der Ehre gemäß schildern wollte, nicht bessere Worte finden und ersinnen, als wenn er dieselbe mit einem weißen Wild vergleicht:

Meine Liebste Laura auserkor'n
Gleicht einem Wild mit vergüldetem Hörn.

Und ich glaube, daß um eben solcher Ursache willen die Könige, Fürsten und Herren sich die Jagd auf Hirsche vorbehalten, weil der Hirsch wegen der Vortrefflichkeit seiner Hörner von geringen Leuten nicht solle verfolgt werden. Auch halten hohe Personen vielmehr von den Hörnern als ich und meinesgleichen: Muß nicht in Frankreich derjenige Jägermeister, der einen Hirsch antrifft, an welchem Ende des Königreiches es auch sei, denselben unverletzt gen Paris zu treiben, damit er in die königliche Wildbahn gebracht und vom Könige allein gejagt werde? Es ist um dieser Lust willen, deren Bedeutung kein Mensch ergründen noch ausdenken mag.

Die Alten haben durch eigene Erfahrung gelernt, daß in den Hörnern oftmals große Wundersachen vorbedeutet werden: wie zu sehen ist an dem weißen Stierkalb mit purpurfarbenen Hörnern, welches zu derselben Zeit wie Clodius Albinus geboren ist. Das deutete ihm die Kaiserwürde voraus: wie er denn auch hernach, als er zu vollen Jahren kam, Kaiser wurde. Darum ließ er, um dieser Geschichte ewig dabei zu gedenken, ein königliches Geschenk von Hörnern in dem Apollo-Tempel verehren. Ovid erzählt ein Aehnliches von einem römischen Soldaten, dem, als er zu reden aufgetreten war, plötzlich zwei schöne herrliche Hörner auf der Stirn wuchsen; und als die Wahrsager darüber befragt wurden, gaben sie zur Antwort, daß zu einer Zeit ein gemeiner Soldat das ganze römische Reich regieren werde. Valerius Maximus sagt seinen Namen, er habe Gemitius Cippus geheißen. Lysimachus habe die Vortrefflichkeit und den Wohlanstand der Hörner auch geachtet: denn er wollte nicht leiden, daß man sein Bildnis auf goldene Münzen prägte anders als mit zwei Hörnern auf dem Haupte. Der vortreffliche Fürst von Salerno hat keine andere Ueberschrift an dem Thor seines Palastes leiden wollen, als diese Reime, welche unter einem Paar großer Hörner geschrieben stehen:

Ich trag' die Hörner, daß man's sieht:
Ein andrer trägt und glaubt es nicht.

Was des durchlauchtigsten Hauses Holstein hieroglyphisches Horn für Nachdenken der künftigen Welt eröffnen werde, das hat der hochgelehrte dänische Medicus geschildert. Die Aegypter in ihren Sinnbildern haben das cornu Copiae für ein Symbol der Gnade und Freigebigkeit gehalten: daher hat Augustus auf seine Münzen das cornu Copiae prägen lassen mit dieser Ueberschrift: Freigebigkeit des Augustus. Wem die Ehre zu Theil wird, daß er ein Hörnerträger ist, dem will gewiß auch das Glück wohl: daher haben die Achäer das Glück und das cornu Copiae zusammen gemalt, und der Kaiser Trajan hat auf seinen Münzen ein cornu Copiae prägen lassen mit dieser Umschrift ›Glück des Kaisers‹. Wer Hörner trägt, der liebt auch den Frieden; daher sagt Pier in seinen Hieroglyphen, das cornu Copiae sei das Symbol der Eintracht: das lehre das Beispiel der berühmten Römerin Martia Otacilla Severa Augusta, Gemahlin des römischen Kaisers Philippus (243-249). welche zwei cornu Copiae um eine Schale habe stechen lassen mit dieser Umschrift ›Eintracht in dem kaiserlichen Hause‹, zur Bezeugung der Einträchtigkeit unter ihren Söhnen und Freunden. Auch Kaiser Antoninus ließ um derselben Ursache willen ein cornu Copiae nebst einer Fackel, welche die Waffen mit ihrem Feuer verbrannte, sammt dieser Umschrift setzen ›Ewiger Friede des Augustus‹.

Das cornu Copiae bedeutet auch Freude und Lust. Des Faustinus Münzen waren mit einem cornu Copiae geprägt und dem Worte ›Fröhlichkeit‹. Bei den Soldaten ist die Cornette Standarte. dasjenige Zeichen, welches die Helden bei Freude und Muth erhält, nach dem sie alle sehen, und wenn dies verloren, dann ist Herz und Muth, die ganze Compagnie, das ganze Regiment, das Feld verloren. Bei den Spielleuten (corncines) ist ein Cornet das lieblichste Instrument, das man hört. Bei den Weibern ist eine Cornette Morgenhaube. die schönste Tracht, die einen Mann bethört. Pauper tunc cornua sumit, er wird muthig, er kriegt ein Herz. Solvunt tibi cornua ventrem (Juvenal) heißt: das Herz fällt ihm in die Hosen, wenn er hört zu Pferde! blasen, er möchte vor Angst in die Hosen machen.

Das Horn wird auch für ein Zeichen der Rache gehalten; das Sprichwort sagt: foenum habet in cornu, longe fuge, aus dem Wege! er trägt Heu am Horn, er ist gezeichnet, er wird dich stoßen. Dieses Sprichwort kommt daher: Cicinus, ein Römer, ein bissiger Kerl, ein Lästerer, der keines Menschen verschonte, denn allein des Marcus Crassus, gefragt, warum er diesen so scheute? gab zur Antwort: darum weil er Heu am Horn trägt und stößt. Denn die Römer hatten im Brauch, wenn sie einen stößigen bösen Ochsen auf die Straße gehen ließen, daß sie ihm ein Bündel Heu an ein Hörn banden, um damit anzuzeigen, daß man sich vorsehen und hüten sollte. – O du armer Actäon, Actäon, ein Enkel des Kadmus, soll der Sage nach auf der Jagd die Diana beim Bade erlauscht haben, wofür er von ihr in einen Hirsch verwandelt und hernach von seinen eigenen Hunden zerfleischt wurde. wie ist es dir ergangen, da dir die Diana aus Rache, weil du sie nackend gesehen, hat ein Paar Hörner wachsen lassen! Das macht dein Fürwitz, den hast du theuer bezahlen müssen; bist dazu von den Hunden gefressen worden bis auf die Hörner, welche übrig geblieben sind, wie an manchem Ort mit Verwunderung zu sehen ist. Heut geht es ganz anders: denn mancher bekommt Hörner darum, weil er die Diana nicht will nackend sehen. Zu Nîmes in Languedoc wird des großen unüberwindlichen Roland Horn als ein vortrefflicher Schatz aufbewahrt.

Alle die, welche die Post reiten, führen ein Horn an der Seite zum Zeichen ihrer Freiheit: ich verstehe Freiheit zu reiten und zu reden, denn, Lieber, was darf ein Postillion nicht reden? Die Schäfer und Hirten bedienen sich des Horns, ihre Heerde beisammen zu halten und die Wölfe zu erschrecken und zu verjagen, als Zeichen der Furcht und des Gehorsams. Die Pilger von St. Michael und St. Nicolaus bringen ein Horn zum Zeichen der glücklichen Verrichtung mit nach Haus. Die Jäger bedienen sich des Horns, um ihre die Spur verlierenden Hunde wieder herbei zu rufen und in Gewahrsam zu bringen. An vielen Orten bedient man sich eines Horns anstatt der Glocke, um die Bürger zusammen zu rufen; und das ist wohl bedacht: denn wer wollte allemal Geld hergeben eine Glocke zu kaufen, weil die Glockendiebe ihnen so gehässig werden, daß sie keine mehr auf dem Lande leiden wollen. An andern Orten braucht man das Horn, um des Nachts die Stunden anzuzeigen, und was die Uhr nicht recht macht, das muß das Horn verbessern; Vulcanum in cornu gerit (Plautus): trägt zur Nacht ein Licht in der Laterne.

Eine vornehme Stadt in Italien trägt noch ihren Namen vom Horn, die Stadt Cornetta. Ein kleines Ehrenhorn war eine besondere Zierde, welches von den Hauptleuten ihren Soldaten verehrt wurde, wenn sie sich wohl verhalten hatten. Vor Zeiten, als die Weiber Meister waren, trug man krumme Hörner an den Schuhen, vorn mit Knöpfen geziert, Krummhörner, woran uns das liebliche Küchenliedchen noch erinnert:

Spitze Schuh und Knöpflein dran,
Die Frau ist Meister und nicht der Mann.

Man hat solch löblichen Brauch, der Weiber Meisterschaft zu fördern, abgethan; aber wir sind häßlich betrogen worden: wir haben die Hörner von den Füßen weggeschafft, und tragen sie zum Theil auf dem Kopf, und sind leider doch nicht alle Meister. Eine böse, sorgsame, gefährliche à la mode-Tracht ist die, daß unsere neusüchtigen Deutschen, ich weiß nicht wem zu Gefallen, Stiefel und Schuhe tragen dreiviertel Elle lang: was in keiner andern Absicht geschieht, als daß sie Hoffnung haben, die Hörner würden ihnen dahinaus wachsen. O wie manche Stirn würde sich dessen zu erfreuen haben! Die nordischen Völker hielten die Hörner von wilden Ochsen so hoch, daß nur die Vornehmsten aus denselben trinken durften. Betrachtet man nicht einige Hörner als Wunderdinge? Es giebt Hasenhörner an einem Ort, die man vormals nicht um viel Geld hingegeben hätte. Die redlichen deutschen Fürsten und Herren haben als beste Zierde ihrer Paläste hier und da Hörner hängen, die sie auf der Jagd gefangen, und damit nach Belieben prangen: alle Wände sind damit ausstaffirt, und es ist ein herrlicher Vortheil vor den Welschen, die sich schämen ein Horn an ihren Häusern zu haben – aber unter dem Hute müssen sie oft zwei verbergen. Einige Leute in den Vorstädten, insonderheit die Metzger, setzen Hörner auf die Firste ihrer Häuser, damit diejenigen, welche Hörner auf dem First ihres Hauptes tragen und dieser ansichtig werden, sich dadurch trösten und des Elends menschlicher Baufälligkeit erinnern mögen. Die Könige in Ostindien tranken nur aus Geschirr, welches in Gestalt eines Hornes geformt war. Die Griechen, welche nach der Zerstörung Trojas hereinkamen, wurden von ihren Freunden mit dem besten Wein aus Schalen, die als Hörner geformt waren, bewillkommnet. Sind corneola, cornus, cornuta Kornelkirsche. nicht herrliche, vortreffliche Gewächse, die zur Erhaltung der Gesundheit dienen? Besieht man allerhand Thiere, so sind die gehörnten allezeit den andern weit vorzuziehen. Das Hirschhorn ist als Gegengift die beste Arzenei. Elendshorn, wiewohl es an den Füßen sitzt, wie der sonst überaus berühmte Lügner Plinius schreibt, ist gut für die fallende Sucht: was wir gern glauben wollen. Ein Pferd, das kein gutes Horn hat, wird geringer geachtet als ein Esel. Der Name ›Hornträger‹ ist umsoviel höher zu achten, weil hohe Personen zu allen Zeiten ihn getragen und sich dabei noch glückselig gepriesen haben: so der vortreffliche Italiener Cornazzano; der berühmte Arzt Cornarius, den Mathiolus so hoch hält; der herrliche Poet Cornificius sammt seiner gelehrten Schwester Cornificia; der stattliche Philosoph Cornutus, des Persius Lehrer, den Nero allein wegen eines so vortrefflichen Namens in die Verbannung schickte; die weit bekannte Cornelia, des Sempronius Grachus Hausfrau und Schwester des Africanus; der mannhafte Hauptmann Ascanio della Corna zu unsern Zeiten; die edlen Cornuti zu Treviso; die tapfern Florentiner de la Cornia; die Weltbezwinger Cornelius Scipio; der deutschbeliebte Cornelius Tacitus; die Gebornen von dem hohen Hause der Cornari zu Venedig; der Cornelius Crassus, Cornelius Afina, Cornelius Centimalus, Cornelius Merula, Cornelius Balbus, Cornelius Nepos, Cornelius Gallus, Cornelius Severus; die Herren von Horneck und Hornburg in Deutschland; die Helden und Grafen von Horn in Schweden; die Cornades von Murcia hält man für ebenso berühmt wie die Ladrones Verduges und Gousmanes von Castilien; die schöne Stadt Cornwallis in Niederwallis; die Corneaten, die berühmten Völker in England. Hat nicht der schreckliche Held, der hürnene Siegfried große Sprünge und hohe Streiche gethan? Wer thut's ihm nach? Ferner: viele Flüsse, welche von dem Horn ihren Namen tragen: der Po, vom Poeten der gehörnte Eridanus genannt. Die Segelstange an den Schiffen wird von einem ein Horn oder gehörnt genannt. Es ist also der Name eines Hornträgers, Hornnarren nicht eine so schlechte Ehre, und es braucht sich keiner dessen zu schämen.«

»Kurzum, sprach Weibhold: es ist ein Narr, der die Flöhe hüten will, daß sie nicht aus dem Korbe springen. Ein ehrlich Weib ist sich selbst Hüterin; wenn sie der Mann erst hüten muß, so geht es wie in Italien, wo ›nur die keusch ist, welche niemand begehrt‹(Martial).« Freymund sagte: »O, es sind noch Schelme auf der Welt, ebenso listig wie Jupiter, der sich in einen goldenen Regen verwandelte und sich so unvermerkt zwischen die Ziegeln des Daches in den Schooß der Danae hinein tröpfelte. Aber eines verdrießt mich: daß mein Gesell Hans Thurnmeier schier an mir will zum Mameluken werden und mir die Hörner so sehr loben will, da er doch den Weibern, die sie verursachen, so gar nicht hold ist.« »Alle Welt, sprach Hans Thurnmeier, thut dem Horn Ehre an: muß nicht der Hirt hinter dem Horn stehen, wie der Diener hinter seinem Herrn, wenn er will drein blasen? Es geschieht der Ehre halber. Denn billig soll das Horn vorn anstehen; wer ist, der gesehen hat, daß einem ein Horn auf dem Rücken wachse? Nein, auf der Stirn, damit man weiß, was für ein Gast allda zur Herberg liege. So ist auch das gemeiniglich wahr: wer Hörner hat, der hat und muß haben 1) ein schönes Weib, 2) viele Freunde, 3) viel Geld, denn:

Un homme qui a belle femme
Tout le monde est son cousin.
Wo die schönsten Weiber leben,
Da will jeder Lecker schweben.

Und die Welschen sagen:

Gauch ist wohl ein wüster Name,
Doch drei schöne Ding' beisammen:
Hübsch Weib, Freund und Geld vollauf
Macht, daß man nicht schilt darauf.

Darum ist es ein mißlich Ding: weiben, und es kostet mehr Bedenkens, als wenn man ein Paar Ochsen kauft; denn:

Mancher hat ein Weib,
Es ist sein' Seel', es ist sein Leib,
Es ist sein Bös, es ist sein Gut,
Es ist sein' Lust, es ist sein' Ruth',
Es ist sein Teufel, es ist sein Gott,
Es ist sein Spott, es ist sein Abgott:
Drum ein jeder wohl soll bedenken,
Wenn er sich an ein Weib will henken.«

»Was sollen uns die Poeten schreiben? sagte Frauendienst; sie können nichts weiter als die armen Weiber schelten und schmähen. Mich wundert, daß ihr dem Gespräch nicht einmal ein Ende macht, und Expertus Robertus das Urtheil fällen laßt, denn ich meine, daß ihr die Sache mit euren Hörnern werdet verdorben, wo nicht gar verloren haben.« »Und mich wundert, sprach Freymund, daß noch etliche Männer so einfältige Tölpel sind, daß sie ihrer Weiber Bosheit weder merken noch fühlen; es sollte billig heißen: seid Männer, thut was einem Manne ansteht! Laßt euch das Scepter nicht ans der Hand reißen, habt Sorge auf eure Kinder und aus euch selbst! Denn gewiß ist's, daß man Weiber findet, so verwegen und so frevelhaft, daß sie die guten Männer zu Vätern machen, obschon sie keine Kinder haben. Denn wiewohl die Männer oft so viele Wochen, so viele Monate auf der Reise, auf der Frankfurter Messe sind oder in Holland herum ziehen, oft so viele Monate krank und unfähig gewesen oder zu den Kalten und Barschen gehören und ihre Weiber nicht berühren, so fehlt es doch nicht, daß sie alle dreiviertel Jahr ihre Kinder haben, die sie Väter nennen, und welche die guten Väter aus christlicher Liebe, oder weil sie das Weib etwa einmal des Jahres angelacht hat, auferziehen wie die Kapaunen, welche, wenn man ihnen den Bauch mit Nesseln reibt und ihnen einen Rausch beibringt, die Küchlein besser auferziehen als die Hühner selbst. Warum lassen es sich denn die Väter einen solchen Ernst sein, den Kindern Geld und Gut zu erscharren, daß sie oft selbst ihre Seligkeit dabei zusetzen? Am Ende aber erfahren sie oftmals, daß der Ladendiener, der Ladenknecht da sein Bestes gethan, und in Abwesenheit des Herren daheim geblieben ist und das ›Quittirt‹ ins Conto geschrieben hat; wenn er aber wieder nach Hause kommt, dann trägt ihm die Mutter das liebe Kind entgegen, der gute Hornvater nimmt es in die Arme, sagt der Frau fleißig Dank und muß Tag und Nacht das Geschrei und den Gestank des Kindes haben, daß er bersten möchte; aber alles überwindet er als ein milder Mann mit goldener Geduld. Der Gestank ist ja nothwendig da, auch wenn die Kinder von einem andern wären: aber er hat doch das Geschrei und den Geruch davon, den ein anderer nicht hat. Ja, er muß der Frau und der Wärterin so entgegen kommen, daß er sie nicht mit einem Tritt, nicht mit einem Blick erzürne. Auch wenn schon einem solchen Menschen das Gewissen so weit aufwacht, daß er sieht und fühlt, das Kind sei nicht ihm, sondern einem andern Flegel ähnlich, so darf er doch nichts dagegen sagen, sondern muß der Mutter heilig Glauben schenken, wenn sie sagt: Ach ja wohl, man braucht nicht zu fragen, wem das Kind gleich sei, man sehe nur den Vater an: es sieht ihm in allem gleich, es wird ein Haar bekommen wie der Vater, es hat eine Stirn wie der Vater, es hat eine Nase wie der Vater, es hat einen Mund wie der Vater, es hat Augen wie der Vater, es lächelt wie der Vater, es schmunzelt, es weint wie der Vater; guck Hänsel, da ist der Vater! sieh Lipschen, wo ist der Deite? Hör' Vater, was unser Kind sagt? – O über die übermenschliche Geduld vieler Männer! O über die große Bosheit vieler Weiber!

Bei einem bösen Weib ist fürwahr große Noth;
Davor behüt' uns alle, o lieber Herre Gott!«

»Wenn ich es noch zu thun hätte, ich würde mich nimmermehr verheirathen, sprach Hans Thurnmeier. Aber was spreche ich von mir selbst, der ich doch eine nicht geringere Thorheit begangen habe; es ist wahrhaftig also:

Ich möcht' gern wissen, wie der hieß,
Der sich ein Weib nicht narren ließ,

oder vielmehr, der es allemal merken könnte, wenn ihn sein Weib narrt. Doch wenn ich andern zu rathen hätte, ich wollte um meiner Thorheit willen keinem ledigen Menschen rathen, sich in so gefährliche Bande zu begeben, sondern wollte leben wie unsere Domherren; es sind doch Bäslein genug auf der Welt zu finden.« »Und ich, antwortete Werbhold:

Ich halt's gar nicht mit den Pfaffen,
Die des Eh'stands Feinde sein
Und denselben von sich schaffen,
Bleiben doch nicht allzeit rein.
Dieses ist das beste Leben,
Männer nehmen, Weiber geben.

Seltsam ist's, ich muß bekennen,
Daß sie frei ein Sakrament,
Selbst den Eh'stand dürfen nennen,
Der doch fleischlich wird genennt:
Drum sie ihn auch von sich schaffen
Als die recht ehelosen Pfaffen.

Gott hat Mann und Weib geschaffen
Und den Ehstand eingesetzt,
Als der Keuschheit Wehr und Waffen;
Christus hat ihn würdig g'schätzt.
Daß er selbst zur Hochzeit kommen,
Als man dort ein Weib genommen.

Henoch führt' ein göttlich Leben,
Dennoch hat er Weiber g'habt,
Gott hat ihm auch Kinder geben;
Moses war sehr hoch begabt.
Hat doch auch ein Weib genommen,
Sind auch beid' in Himmel kommen.

Pfaffen sagen, was sie wollen.
Uns ficht ihr Decret nicht an,
Mögen sich in Kloster trollen,
Unsre Kirch' ist bester dran:
Denn darin geistlichen Orden
Weiber nicht verboten worden.

Und was soll man lang' verbieten,
Weil darinnen Menschen sein,
Denen Fleisch und Blut zu hüten
Von Natur ist harte Pein;
Nonnen lassen sich einschleifen,
Andre Mittel wir ergreifen:

Ein von Gott befohlen Mittel,
Das da recht ist, sein und gut,
Da sonst unterm Pfaffenkittel
Oft steckt ein unkeuscher Muth:
Denn man an ihr Keuschheitschwören
Sich nicht allzeit hat zu kehren.

Und so geht es auf der Erden:
Daß so wenig als ein Hahn
Wird und kann ein Doctor werden,
Gleich so wenig man auch kann
Gott's Geschöpf, des Weibs, entbehren.
Wie wir aus der Uebung lehren.

Und der alte redliche deutsche Held, wer er auch sein mag, sagt herrlich und gut:

Keinen Orden preise ich
So sehr als die Eh' alleine,
Mir viel Gut's daraus geschieht.
Barfüßer-, Prediger-, Kreuzerorden sind dagegen blind,
Graue, weiße, schwarze Mönche viel,
Hornbrüder und Märtyrer,
Wie ich euch belehren will,
Schottenbrüder und die mit den Schwertern sind dagegen wie der Wind;
Domherren, Nonnen und Laienpfaffen
Sind all' durch die Eh' gezeuget.
Wem die Ehe steht zu Sinn,
Der hat hier und dort Gewinn:
Der widerred't und folget nicht, der lüget.

Und die alte adlige Frau Winsbeckin schreibt an ihren Sohn also:

Sohn, willst du zieren deinen Leib,
Daß er dir nimmermehr sei gram,
So nimm und ehr' ein gutes Weib,
Ihr' Tugend stets die Sorgen nahm.
Sie sind der Wonne starker Stamm,
Davon wir alle sind gebor'n;
Wer das erkennet nicht an ihn'n,
Der muß der Thoren einer sein und hätt' er Salomonis Sinn.

Sie sind der Wonn' ein brennend Licht,
An Hoheit und an Würdigkeit,
Der Welt an Ehren Zuversicht,
Kein weiser Mann dem widerstreit't.
Ihr Name trägt der Ehren Kron',
Sie ziert der Tugend schönster Lohn;
Lobt Gottes Gnade für und für,
Daß er sich Engel droben schuf, daß er sie gab für Engel hier.

Sohn, mußt Arzenei du nehmen ein,
Ich will dich lehren einen Trank;
Willst du der Lehre folgen fein,
Dann wirst du selten tugendkrank;
Dein Leben sei kurz oder lang:
Leg' in dein Herz ein reines Weib mit steter Liebe sonder Wank;
Ist es in Angst und Noth verzaget
Und sorgenschwer, ihr weiblich Güte es verjaget.

Sohn, ich sage dir es sonder Wahn,
Des Mannes Herz ist ungesund.
Der sich nicht immer läutern kann
Mit Weibes Lieb' zu aller Stund.
Es war ein tugendlicher Fund,
Da guter Weiber ward gedacht; hat jemand schwerer Sorgen Bund
Und ihm der Muth gar traurig steht,
Der streiche weiblich Güte drauf, alsdann im Nu die Noth vergeht.

»Wie ist es aber damit, sprach Gutrund, daß etliche gefunden werden, die da meinen, wenn sie ein wenig bei Mitteln und Diensten sind, sie müßten edelgeborne Jungfrauen heirathen und alle andern verachten; oder aber wenn edelgeborne Jungfrauen zu Heirathen ersucht werden, sie mit aller Gewalt nichts davon hören und alle die, welche außer dem Adel geboren sind (ohne zu beachten, in welchen Stand dieselben sonst gekommen sein mögen), verlachen wollen?« »Das sind, antwortete der Alte, zwei große Thorheiten: die eine derjenigen, die da meinen, sie müßten keine anderen als edle Jungfrauen heirathen ohne zu bedenken, was für Ungelegenheiten ihnen oftmals daraus erwachsen können, die andere ist die Thorheit etlicher edlen Jungfrauen wegen ihrer großen lächerlichen Einbildungen, indem sie dafür halten, daß kein Mensch außer dem Adel auch Fleisch und Blut habe. Ist es nicht ein Elend, wenn man so oft sieht manche adlige Jungfrau da sitzen, entweder weil sie nicht viel Mittel hat oder nicht sehr schön ist, oder weil der Geschwister viele sind, so daß kein adliger Mann ihrer achtet, und so ihre lieben Tage in Trauern und Klagen, in Seufzen und Verlangen beschließen muß, während sie doch Verlangen tragen und sich erfreuen sollte, wenn ein ehrlicher, rechtschaffener Kerl käme und sie von der Noth erlöste, wenn er auch nicht vom Adel geboren wäre, sonst aber Ehre und Mittel genug hätte, sie ihrem Stande gemäß zu erziehen: weil sie ja alsdann unter des Mannes Verwandtschaft gleichsam wie eine Königin den andern würde vorgezogen und verehrt werden und so zu sagen vorangeht und die Thür aufthut, hingegen wenn sie unter ihresgleichen ist, muß dahinten gehen und die Thür schließen. Darum hat Cäsar recht gesagt, daß er viel lieber wollte Schulze und der erste in einem Dorfe sein, als Bürgermeister in Rom und einen andern an der Seite gehen haben. Es sollten sich deshalb solche adlige Familien nicht so ungern dazu verstehen, weil sie auf diese Weise der vielen Geschwister und der Kosten überhoben werden, Verzugstöchter aus ihnen machen und so die Erb- und Stammgüter zu besserem Emporkommen ihres Hauses und Geschlechts erhalten können; zudem wird für die Weiber in solchen Fällen von dem Stamm und Namen nichts gewonnen, sondern es wird diesen vielmehr förderlich sein und wohl zu Statten kommen.« – Um die lautere Wahrheit zu sagen: Weibhold, Frauendienst und ich (die wir gern gute Suppen essen und die Weiber, wenn sie es hören, trefflich loben) waren des Gesprächs von den Weibern so müde, daß wir sicherlich eingeschlafen wären, wenn uns nicht etwas anderes vorgekommen wäre. Denn während wir da saßen, die Augen rieben, gähnten, den Kopf kratzten, hinter uns sahen nach jemand, der das Gespräch aufhöbe und gern gehabt hätten, daß Expertus Robertus den Endspruch gäbe: da kamen etliche Kerls auf uns zugegangen mit zottigen Filzkappen, schwarz im Gesicht und dürr von Gestalt; ihre Kleider waren von Taffet, woraus man die Beutel in den Windmühlen macht, sie trugen lange Lodderhosen bis auf die Knöchel, und ein jeder hatte einen langen spitzigen Haken auf der Achsel, als ob es junge Höllenbrände wären; sie fluchten und schworen so gotteslästerlich, so grausam greulich, daß einem Fuhrmann, der umgeworfen hat, davor angst geworden wäre. Es war unnöthig sie an die Folter zu spannen um zu erfahren, wer sie wären, denn aus ihrem Fluchen konnte man sie leicht erkennen. »Wir sind Schiffsleute unserer Kunst, sprachen sie (denn solche Leute werden, wie auch die Schneider und Weinschänken unter die Künstler gerechnet, weil sie die Leute so künstlich betrügen können): wir bringen alle Tage, was den löblichen Rheinstädten und Binnenbewohnern von nöthen ist, in unsern Schiffen in voller Menge, wir ernähren sie, wir erhalten sie, wir versehen sie mit Früchten und Wein auf und ab, mit Salz und Schmalz, mit Butter und Futter, mit Heu und Holz, mit Käse und Kohlen, mit Würze und Kuchenspeise, und wenn wir nicht wären, es würde bald in allen Städten an Stockfischen mangeln, und jedermann würde witzig werden. Aber es steht zu fürchten, daß wir bald werden unsere Ruder und Riemen beiseits legen und etwas anderes anfangen müssen, wenn man uns nicht zu Hilfe kommt und allerhand eingerissene Unordnung abschafft insonderheit zur Frühlings- und Sommerszeit: dieweil der Rhein durch die große Hitze sonst gewiß austrocknen und wir auf den Sand stoßen und hocken bleiben müßten. Alle Abend, wenn ihr seht eine Sonne untergehen, dann seht ihr hingegen viele tausend schöner Sterne und Sonnen wiederum aufgehen: soll das nicht ein groß Wunder geben? Alle Jungfrauen am Rheinstrom, insonderheit die von den Poeten geliebt werden, sind eitel Sterne, eitel Sonnen, welche mit ihren allwärmenden Strahlen schimmern und scheinen mehr als die rechte Sonne, die den ganzen Erdboden bescheint. Was sollen wir unter so viel Sonnen machen? Wird nicht der ganze Rhein vertrocknen müssen? Werden wir in solcher Hitze nicht alle verderben und verschmachten müssen? Sind wir nicht schon schwarz und verbrannt genug? Sonder Zweifel werden wir schwärzer werden als die Mohren in Guinea und am Cap Verde; was wird zuletzt aus dem armen Rhein werden? Ovid lehrt uns, daß, als die einzige Sonne einstmals herabfiel, viele Flüsse von dieser Hitze ausdörrten und ihr Wasser verloren: wie sollte denn ein Wasser so vielen Sonnen und deren heißen Strahlen widerstehen können? Am Ende werdet ihr sehen, daß man im Rhein wird trocknen Fußes gehen können, und daß wir eine andere Hantirung werden vornehmen müssen.« Wir verwunderten uns des herzhaften Schiffers und Bootknechts und zweifelten, ob er nicht irgend einer der genannten Poeten selbst wäre, weil er ihre Possen so gut und auf so poetische Weise wußte herzusagen. Expertus Robertus sagte ihnen aber, daß sie sich dieses Falles nicht zu fürchten hätten: daß die Augen einer poetischen Jungfrau ebensowenig Sonnen seien als ihre schwarzen Haare goldene Fäden, und ihre Brüste sowenig Alabaster als ihre Lippen Korallen, und daß die Liebste eines Poeten sei wie eines Bettlers Mantel mit allerlei alten, unnützen Stücken zusammengeflickt, deren Herrlichkeit in bloßer Einbildung des Poeten bestehe, der sie besinge und beschreibe wie er will, zuweilen mit Augen wie zwei Karfunkel, zuweilen wie zwei Rubinen, zwei Morgensterne, die vielleicht einem Paar kugliger Ochsenaugen ähnlich sind. Wenn also die Poeten nicht hohes Vertrauen zu ihrem Hirn hätten, so ist zu befürchten, daß es dermaleinst zu Wasser oder gar zu Dreck werde.«

Wir gingen ein wenig abwegs und hörten ein anderes Geschrei; und als wir hinaus vor die Thür kamen, war es ein Mann und ein Weib, die einander rauften: das Weib hatte ein großes Bund Schlüssel in der einen Hand, in der andern eine Hand voll Haare, die sie gewiß dem Manne ausgerauft hatte; ihr Schleier war heruntergerissen und lag auf der Erde. Der Mann hatte keinen Ueberschlag an, keinen Hut auf, einen starken Prügel in der rechten Hand, in der linken auch einen Busch Haare, im Gesicht war er zerkratzt, als ob er mit den Katzen gegessen hätte. Als wir aber erforschen wollten, was die Ursache wäre, da rief der Mann: »Gehst du, du Schandhur', willst du mich noch im Wirthshaus suchen, du Ehebrecherin, du Erzhexe?« Das Weib hingegen: »O du Dieb und du Schelm, der Teufel wird dich eher holen, ehe du ein Hexenstück von mir wirst beweisen können; du Prasser bringst mich und die Kinder an den Bettelstab; wenn du nicht alle Tage im Wirthshaus sitzt, du würdest fürchten, der Teufel holte dich.« Er: »Das wäre deines Dings, wenn ich zu Haus säße und darbte, gelt du Schandvettel!

Wenn ich blieb' allzeit zu Haus
Und tränk' wenig wie 'ne Laus
Und kräht so oft wie ein Hahn:
So war' ich dir ein lieber Mann.«

Sie: »Und ich, gelt du Schandvogel!

Wenn ich nur stets im Hause bleib',
So bin ich dir ein liebes Weib,
Da unterdessen du mit Muth
Versäufst mir all mein Hab und Gut.«

Er: »Das geht dich nichts an, du Vettel; warte du deine Kunkel ab.«

Sie: »Das geht mich an, du Schinder; warte du deine Werkstatt ab.«

Er: »Ein Weib hat sich nicht zu bekümmern, was der Mann macht.«

Sie: »Ein Mann hat sich nicht zu bekümmern, was das Weib thut.«

Er: »Das Weib soll ihrem Mann nicht stutzig widersprechen.
Sondern mit Freundlichkeit tragen des Mannes Gebrechen;
Wenn der Mann zornig ist, so soll sie Fleiß ankehren,
Damit sie seinem Zorn durch gute Wort' kann wehren.«

Sie: »Ein Ehemann soll sich nicht als ein Bock erzeigen.
Noch von seinem frommen Weib zu andern sich hinneigen;
Er soll kein Löwe sein, noch stets im Hause brüllen,
Noch sich in vollem Saus die Gurgel allzeit füllen.«

Er: »Will ein Weib, daß der Mann an ihr Gefallen trag',
So gebe sie auf Wort', damit der Mann nicht schlag':
Denn wenn Lausknickel will maulen und bellen nach
Und allzeit Meister sein, so verlieret sie die Sach'.«

Sie: »Ein Mann soll nicht allzeit brummen daheim zu Haus
Und sehen wie ein' Pfann' voll schwarzer Teufel aus;
Und was er in dem Haus zu ändern nicht vermag,
Daß er es mit Geduld und Freundlichkeit vertrag'.«

Er: »Ein Weib soll schweigen still und nicht die Zähne blecken.
Noch auch vor Trutz und Nutz die Zung' zur Gosch' ausstrecken,
Sie soll nicht meisterlos dem Mann im Haus geh'n pochen;
Ein solches wüstes Thier kann oft kein' Suppe kochen.«

Sie: »Hingegen soll der Mann nicht Erbsen in Hafen zählen,
Kein Birnenbrater sein, kein Obst zum Essen schälen;
Er soll nicht seine Nas' in allem Dreck umkehren,
Er soll auch seinem Weib kein' ehrlich Freud' verwehren.«

Er: »Schweigst du nicht, du ausgemachte Hur'!«

Sie: »Nimm du dich selbst bei der Nase, du Hurenvogel.«

Er: »So gehört sich's, wenn eine Schandhur' andern Männern nachläuft.«

Sie: »Du lügst wie ein Schelm und Dieb, du Galgenvogel.«

Er: »Puff! da hast du's, sollst du mich heißen lügen?«

Sie: »Ei so schlag', daß dir die Hände erlahmen, daß du verkrüppelst und verlahmst, du Mörder. Mein Lebtag! wie hat der Dieb harte Hände; es ist nicht möglich, er hat Eisen und Stahl darin. Du Dieb, du Räuber, du Hurenvogel, du Verräther, du Hexenmeister, du Frauenmörder, hu, du, du . . .«

Er: »Hu du Lausknickel, ich will dir die Zunge bannen, oder ich muß keine Fäuste mehr haben; hast du noch nicht Stöße genug?«

Sie: »Hei, so will ich mich wehren und sollt' es mich das Leben kosten, du Erzdieb, du Prasser, du Hurensohn, du Landläufer, ich reiße dir den Bart aus.«

Er: »Hei reiße, daß dich der Hagel erschlage, du Teufelsroß.«

Sie: »Warum läßt du mich nicht ungeschlagen, du unsinniger Schelm?«

Er: »Du unsinnige Hexe, du – –, was soll ich mehr sagen?«

Sie: »Du Höllenbrand, du Unthier, du Esel, du Sau, du Ochs, du Capaun, du Hurenhengst.«

Er: »Hei, daß dich Gott schände, du Teufelsmaul, du Hexenlarve.«

Sie: »Daß dich der Teufel zerreiße, daß du verbrannt wärest.«

Er: »Daß dich die Pestilenz erwürge.«

Sie: »Daß dich die Läuse fressen, daß dich die Franzosen ersticken.«

Er: »Da nimm du die Pillen ein, du Hurenmaul.«

Sie: »Hei schlage, daß du verlahmst; noch einmal, du meineidiger Schelm.«

Er: »Du ausgemachte Hure, wann schweigst du einmal still?«

Sie: »Hei, daß du verlahmt wärest.«

Er: »Ich will dich zu Tode schlagen und sollte ich darüber gehängt werden.«

Sie: »O mordio, mordio, helft, kommt mir zu Hilfe, er schlägt mich zu Tode! Ach weh, ach weh, au weh, au weh!

        Ach wie ist mir mein Leib fast um und um zerschmissen.
    Der Rücken blau und schwarz, das Haar halb ausgerissen,
        Schon' doch mein, lieber Mann!«

Er: »Meinst du denn, daß du mich nach deinem Trutz und Willen
    In allem meinem Thun und Wesen wollest drillen.
        Du ungezäumtes Thier!«

Sie: »Ich will es nimmer thun, laß mich nur Gnad' erreichen,
    Und wenn mein Weinen dich je gar nicht kann erweichen,
        So sieh die Kinder an!«

Er: »Ich will dein loses Maul und Tücke übermannen
    Und eigen Meister sein; es sei denn dich zu bannen,
        Kein' Prügel mehr allhier.«

Sie: »Daß alle Prügel verbrannt wären in der Hölle!«

Er: »Willst du nun schweigen, du Schnatterente.«

Sie: »Willst du nun aufhören zu schlagen, du Henker.«

Er: »Du Lausknickel, du Schlange, du Elster.«

Sie: »Du Wolf, du Nabenvogel, du Bär, du Löwe; au weh, ist denn niemand, der Frieden machen will.«

Er: »Ich nicht, so lange ich Fäuste habe.«

Sie: »Ich nicht, so lange ich Nägel habe; o seht, wie mich der Dieb hat zugerichtet.«

Er: »O seht, wie mich die Hexe zerkratzt hat, du Katze.«

Sie: »Du Hund, du Wolf.«

Er: »Du Katzenkopf, du Zatzenkopf.«

Sie: »Du Hundskopf, du Eselskopf.«

Er: »Du Saukopf, du Hexenkopf.«

Sie: »Du Bärenkopf, du Hasenkopf, du Krautkopf.« –

»Mein Gott, des elenden Lebens, der betrübten Heirath, welche diese Beiden gemacht haben, sprach Expertus Robertus: wie sieht der Mann aus, als ob er unsinnig wäre; das Weib, als ob sie besessen wäre! O Elend über Elend! sollten wilde Thiere so leben, das wäre zu arg.« Er: »Soll ich's dem Herrn erzählen! Als ich heut früh nach Hause kam, da war kein Weib daheim, es war nichts zu kochen da, es war kein Feuer da, alles lag im Hause, in der Stube übereinander, Stühle und Bänke, Tischtuch, Schüssel, Löffel eins da, das andere dort herum.« Sie: »Du lügst, du Dieb; wenn du im Wirthshaus, im Hurenhaus herum ziehst und in acht Tagen einmal heim kommst, so meinst du, jedermann sei so gesinnt wie du.« Er: »Schweig, du Klappermaul! Ich glaube nicht, daß der Teufel ein solch Maul hat.« Sie: »Ich glaube nicht, daß der Teufel solche Hände hat.« Er: »Du giftige Schlange.« Sie: »Du unsinniger Löwe.« Er: »So soll man dich lausen, du Lausknickel.« Sie: »So soll man dir den Esel waschen.« Er: »So muß man das faule Fleisch salzen.« Sie: »So muß man dir den Grind kratzen.« Er: »Seht ihr, Herr, was für ein Weib ich habe, ob sie mir ein Wort schuldig bleibt, ja wohl?« Sie: »Seht ihr, Herr, was für einen Mann ich habe, ob er mir ein Wort zu gut hätte, ja wohl?« Expertus Robertus: »Ein rechtschaffener Mann soll sich nicht mit Worten einlassen gegen sein Weib; es steht einem Manne übel an mit Worten zu fechten.« Sie: »Gelt du Esel! hörst du's, unflätiger Tropf?« Expertus Robertus: »Es soll ein ehrliches Weib gegen ihren Mann das Maul halten und nicht das letzte Wort haben wollen.« Er: »Hörst du's, du Klapperbüchse, was man dir sagt?« Sie: »Was ist das für ein Narr, er giebt doch keinem Theil recht.« Expertus Robertus: »O ihr elenden Menschen, wie macht ihr euch das Leben selbst so blutsauer und könnt es beide besser haben! Ihr unseligen Leute, wer wollte sich gern in eure Händel mischen.« Sie: »Was schwatzt er da?« Er: »Ich weiß nicht, ob er ein Narr ist oder nicht.« Expertus Robertus: »Sagt mir doch, wie lange ist's, daß ihr einander geehelicht habt?« Er: »Es däucht mir hundert Jahre zu sein.« Sie: »Ist dir die Zeit so lang, mir ist sie kurz.« Er: »O wollte Gott, es wäre nie geschehen.« Expertus Robertus: »Und geschehen solche Händel oft unter euch, oder ist es nur diesmal geschehen?« Er: »Oft? Fast alle Tage.« Expertus Robertus: »Werdet ihr aber zuweilen wieder einig mit einander, oder seht ihr einander stets an wie Hund und Katze?« Er: »Ja, wir sind bisweilen einig, aber es währt nicht lange, Gott erbarm's!« Expertus Robertus: »Wenn ihr aber einig seid, bekennet ihr euer Unrecht eins dem andern, oder will ein jedes auf seinen fünf Augen bleiben und recht haben? Wißt ihr auch wohl, warum ihr oft so streitet?« Er: »Ei, was sollte es sein, mein Weib nimmt oft Ursach vom Zaun herunter.« Expertus Robertus: »Wie so aber?« Sie: »Was hast du viel mit diesem alten Narren zu pappeln; geh' fort, laß uns zum Essen gehen.« Er: »Geh' fort; es wäre besser gewesen, wir hätten eher aufgehört und wären gegangen.« Sie: »Es sei also, weil's nicht anders sein kann.« Expertus Robertus: »Ich will euch beiden ein gutes Mittel geben, wenn ihr dies alle Tage einmal gebraucht, so wird solch Zank und Schlagen bei euch ein Ende nehmen.« Damit gab er dem Manne folgende vier Gesetze und ließ sie beide ihres Weges fürder gehen.

1.

Drei Ding' sind hübsch und fein:
Wenn Brüder einig sein
Und halten sich zusammen,
Weil sie sind von einem Stammen;
Das gefällt Gott und den Leuten,
Wer will's ihnen übel deuten.

2.

Wenn Nachbarn friedensvoll
Sich auch betragen wohl,
Weil sie zusammen bauen,
All Gut's einander trauen:
Das thut Gott wohl gefallen
Und frommen Christen allen.

3.

Wenn der Mann und das Weib,
Weil sie beid' sind ein Leib,
Sich wohl begehn im Leiden,
Nicht von einander scheiden:
Das thut Gott wohl gefallen
Und frommen Christen allen.

4.

Denn da will selber Gott,
Wie er verheißen hat,
Den reichen Segen geben
Und dort das ew'ge Leben:
Drum sich ein jedes übe
Der Einigkeit und Liebe.« –

Behüte Gott, sprachen wir zusammen, was ist das: schmeißen, kratzen, beißen, fluchen, donnern, hageln, und wiederum einander gute Worte geben, sich lieben und lachen – und nicht wissen warum? O des mühseligen Lebens, das solche Leute haben müssen! Mir ists ein Jammer zu sehen und zu hören, wie muß dann ihnen selbst sein, die solches leiden? Freymund sprach:

»Das Weib ein' Hur', der Mann ein Dieb,
Das laßt mir sein eine liebe Lieb!« – – –

Es wollte uns aber die Nacht auf den Buckel kommen; deshalb bat Weibhold den Expertus Robertus, daß er das Urtheil fällen möchte, wer von uns beiden recht hätte. Der Alte sprach mit wenig Worten: Wir hätten beide recht, wenn wir's recht verstünden: denn es wären ebenso viel böse Männer wie böse Weiber, ebenso viel gute Weiber wie gute Männer, und was etliche Weiber mit Unfreundlichkeit, Unhäuslichkeit und Ungehorsam sündigen, das sündigen hingegen etliche Männer mit Holzblöckerei und Tyrannei. Deshalb hat sich keines vor dem andern zu rühmen, sondern ein jegliches hat dahin zu sehen, wie es das andere mit Sanftmuth und Freundlichkeit gewinne, und wie sie beide mit ihren Kindern mögen fromm und selig werden.

Wenn Mann und Weib einträchtig leben.
Einander wissen nachzugeben,
Sich freundlich folgen, lehren, lieben
Und ihre Pflicht von Herzen üben:
Da geht die Nahrung früh und spat
An allen Orten wohl von Statt,
Und nehmen in der guten Ruh'
An Ehr', Gut und Gesundheit zu.
Wenn aber sie in ihrem Haus
Stets miteinander halten Strauß
Und viel mit Schlagen, Übel Heißen
Wie Hund und Katze sich zerbeißen:
Da geht zu Grunde Tag und Nacht
Was sie zusammen haben g'bracht,
Vergessen oft das sechst' Gebot
Und setzen sich der Welt zum Spott. –
            Barthol. Ringwald.

Dieweil aber Eingangs der Turniere und Ritterspiele sammt ihres löblichen Herkommens gedacht wurde, wovon niemand unter uns bessere Kenntnis hatte als Hans Thurnmeier, so bat ich ihn, daß er mir etwas Bericht davon geben möchte, weil meines Erachtens heutiges Tages viele vom Adel sein möchten, die das gar nicht wissen. Wozu sich Hans willig erbot. Da es aber diesmal zu spät war, so hat er dies bis auf den morgenden Tag zu versparen gebeten.

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