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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Die Erbsünde.

Martha vernahm kein hartes Wort von ihrem Vater. Sie kam am anderen Morgen, ungerufen, früher als gewöhnlich von ihrer Kammer, um nicht den geringsten Anlaß zum Aergerniß zu geben. Sie erschrak, als sie den Vater, wie sie ihn gestern verlassen, nur halb bekleidet, im Schlafrock dasitzen sah. Er schien seitdem nicht zur Ruhe gegangen zu sein und noch mehr als sie selbst zu erschrecken. Schüchtern und ängstlich floh sein Blick vor ihr. Als sie durch ein Geschäft hinausgerufen, wieder in das Zimmer trat, hatte er sich davongeschlichen. Den ganzen Tag berührte er den Vorfall mit keinem Worte, so daß nicht einmal die Mutter davon erfuhr, und wich ihr sichtlich auf allen Wegen aus.

Martha war durch die Entdeckung aus allen ihren Himmeln herausgerissen. Sie mußte wieder fühlen und denken, wie sie es sonst gewohnt war, ihr eigenes Handeln beurtheilen, wie das Leben dieser Erde es verlangte. Als sie den Vater belog, setzte sie sich über die Sünde hinweg; nun er ihre Lüge entdeckt hatte, konnte sie sich der Schaam nicht erwehren. Was hätte sie darum geben mögen, wenn er jetzt hart, grausam gegen sie gewesen wäre; dann konnte sie ihm Trotz entgegensetzen, auf das Recht ihres höheren unverstandenen Gefühlslebens sich berufen. Jetzt aber, da er so mild, so versöhnend war, wo sie bedenken mußte, welche Ueberwindung es ihn, der kleine Vergehen mit solchem Zorne ahndete, kosten müsse, um dieses größte Vergehen, das seine Tochter begehen konnte, zu verzeihen – da empfand sie die ganze Schwere ihrer Schuld; nichts konnte sie schützen vor dem Schmerz, seine Liebe gekränkt zu haben.

Sie konnte sich den Vater nicht erklären. Sie suchte Auslegungen seines Betragens. Oft hätte sie denken mögen, die Begegnung der Nacht sei nur eine Traumgestalt, oder gar eine Geistererscheinung gewesen; dann wieder wollte sie sich einreden, er ahne nicht ihr Verhältniß zu dem Fremden, er hätte ihr Einsteigen in das Fenster für Nachtwandeln angesehen. Aber die Trauer, die sie auf seinen Zügen las, ließ sie das nicht glauben. Und doch – seit wann trauerte er, statt zu zürnen?

Sie kannte ihn nicht, wie ihn überhaupt niemand von Denen kannte, die ein Urtheil über ihn abzulegen wagten. Die Isolirung hatte ihm diese harte, rauhe Außenseite gegeben; welche Schicksale ihn zu dieser Isolirung getrieben und welches weiche, empfindsame Innere als innersten Kern dieser rauhen Schale sie verwahrte, das wußte niemand, das sollte Martha in einer erschütternden, ihre ganze Lebensrichtung umwendende Unterredung noch erfahren.

In Zittern und Bangen hatte sie diesen Tag verbracht, indem sie ihre Verrichtungen in der Wirthschaft mit peinlichster Sorgfalt, aber in sinnloser Angst nur mechanisch verrichtete. Noch immer, fürchtete sie, könne sein gerechter Unwille vulkanisch gegen sie losbrechen. Sie erbebte, wenn sie seinem Blick begegnete. Sie konnte nicht genug im Innern dafür danken, daß er ihr auswich. Es war, als schäme er sich selbst vor ihr, so mild, so ohne Zorn zu sein. Oft wieder schien er den Mund zu öffnen – aber er fand nicht das Wort. Er kämpfte wieder einen schweren Kampf, denn er sollte vertraut mit seinem Kinde reden.

Endlich war der Abend da und wie wohlthätig war für Martha dieses Dunkel, das sie seinem Blick verbarg! Welcher Stein war ihr erst vom Herzen genommen, als sie ihre Geschäfte beendet hatte und in ihre Kammer sich zurückziehen konnte! Ihr Gewissen, nicht blos ihre Muthlosigkeit, erlaubte ihr heute nicht, wieder zu entfliehen zum zärtlichen Stelldichein. Sie legte sich nieder; sie war so todesmüde und hätte einschlafen mögen für lange, lange Zeit. Aber sie konnte zu dieser schon ungewohnt frühen Stunde keine Ruhe finden. So heiß und rasch schoß ihr das Blut durch die Adern, so ruhelos und wildgeängstigt die Gedanken durch die Seele! Das Bild des drohenden Vaters wechselte mit dem des rufenden Geliebten; ihre harte Gewissenspein mischte sich mit dem Verlangen nach seinen süßen Küssen und doch, wenn er ihr jemals ein Halt, eine Stütze sein sollte, so mußte er es in dieser Stunde sein; wenn sie je der Mittheilung mit ihm bedürftig war, so war sie es in diesem Kampfe. Sie wollte aufspringen und fliehen zu ihm, wär' es auch auf dem gefährlichen Wege durch das Fenster und sollte sie nie nach Hause wiederkehren – aber dann mußte sie bedenken: heute von neuem sündigen, heute nach dieser unerhörten Güte des Vaters – o, wenn sie es heute konnte, dann war sie ein verworfenes Wesen, nicht werth, daß der Vater, daß ihr eigener Geliebter ihr eine Empfindung und Liebe schenkten. Was sie gegen den Vater, gegen diesen Vater verbrechen konnte, mußte sie dessen nicht gegen den Geliebten, nicht gegen eigene Kinder fähig werden können?

Sie wühlte ihr Antlitz in das Kopfkissen ein und weinte heiße, unversiegliche Thränen. Sie wünschte, ihr Schmerz könnte sich mit ihrem eigenen Leben aufzehren, und wollte die ganze Nacht hindurch weinen; aber dann stand wieder der Morgen vor ihrer Seele, der Morgen, wo sie sich aufraffte, wo sie wachen, schaffen, getrost sein mußte! Und das konnte sie nicht, das konnte sie nimmermehr vor dem Vater, auch wenn er ewig schwieg, nimmermehr mit diesem Schuldbewußtsein, mit dieser Sehnsucht nach dem Geliebten. Sie sah keinen Ausweg; sie richtete sich auf; sie rang die Hände, faltete sie zum Beten, rang sie wieder und schlug sie vor das Gesicht, mit dem Antlitz auf das Kissen, mit den Gedanken in die Unergründlichkeit ihres Schmerzes versinkend.

Während sie so weinte, trat ihr das Bild Werners wieder vor die Seele, wie er draußen auf dem Friedhof auf sie wartete – er mußte lange auf sie gewartet haben, sein Gesicht war unwillig, daß sie nicht kam, und er wollte sich abwenden, um fortzugehen, fort – auf immer? Bei diesem Gedanken fuhr sie auf – halb im Traume, halb in der Leidenschaft streckte sie wieder die Arme von sich und rief laut aus: Bleibe, bleibe!

Da wachte sie auf, von Schreck gelähmt – sie bekam eine Antwort: Still, still, was ist dir? – Sie sah eine Gestalt vor ihrem Bette sitzen. Sie erkannte ihren Vater. So leise war er in ihre Kammer getreten, leise, um die Mutter nicht zu wecken, die unter dieser Kammer schlief.

Sie sah ihn an. Sein Gesicht war so durchfurcht, so von Gram gebeugt, alle Härte daraus verbannt, daß er ihr im Dunkeln viel, viel älter erschien und sie fast zweifelte, ob er wirklich es sei.

Still, meine Tochter, sagte er, still! Und sie erkannte, daß der Vater es war. Sie sahen einander an; sie sprachen nicht. Zwei Seelen in vier Augen standen einander gegenüber, sie hatten zeitlebens beisammen gelebt, aber sie kannten sich nicht; so suchte Einer dem Andern auf den Grund der Gedanken zu schauen, denn Schicksalswendungen ihres Gebens waren es, was sie von einander jetzt erwarteten.

Nach einer langen, drückenden Pause begann der Vater: Weißt du, wie mein Vater starb?

Martha wollte antworten: am Blutsturz – er unterbrach sie: Du weißt es nicht. Er hatte so lange über der Schrift des Gottesläugners Spinoza studirt, bis sein Sinn verwirrt war und der Herr ihn durch ihn selber strafte – er ergriff das Rasirmesser und durchschnitt sich die Kehle.

Er schwieg; nach einer Pause fuhr er fort: Weißt du, wie meines Vaters Vater starb? – Er ließ ihr nicht Zeit zur Antwort, sondern sagte: Er war ein Alchymist, den Stein der Weisen wollte er entdecken – Zeit, Mühe und Geld verwendete er auf seine Untersuchungen, unter der Küche war sein Laboratorium; in Schulden gerathen, nahm er seinem vergeblichen Leben ein Ende. Er stürzte sich von jenem steinernen Kreuze in den Strom; die Leute glauben, der Teufel habe ihn von hinnen geholt.

Wieder eine schwer drückende Pause. Der Vater fuhr fort: Weißt du, wie deines Vaters älterer Bruder starb? – Er war die Pracht eines Jünglings. Dir glich derselbe in seinem Gesicht und seinen Haaren, ernst und zart in seinem Wesen; nur besaß Hugo noch den Stempel der Hoheit, einen Stolz, der bis zum Hochmuth ausgeartet war – das Alles Eigenschaften, wodurch er das Herz der damaligen jungen Gräfin gewann. Sie beide liebten sich. Er aber verstand sie anders, als sie meinte. Sie verheirathete sich nach dem Willen ihrer Eltern und er – siechte an zehrender Krankheit binnen wenigen Monaten hin.

Wieder eine Pause. Martha wagte nicht aufzuathmen. Die beiden Augenpaare sahen durch die nächtliche Dämmerung einander immer geisterhafter an. Ein tiefes Seelenleben begann aus dem einen in das andere hinüberzuleuchten. Der Vater sprach: Und was war es, was sie Alle zu so schreckhaftem Ende trieb? Das böse Blut, das in seiner Pflichterfüllung nicht Ruhe finden wollte; der Hochmuth des ungestümen freien Geistes, der über den Stand hinaus drängte, in den Gott den Menschen stellt; der Dämon des Talentes, der geistigen Macht – derselbe Verführer, der Christum auf den Tempel führte und ihm sagte: Siehe, das Alles ist dein, wenn du mir gehörst! O, auch ich habe dieses böse Blut in meinen Adern gefühlt, das sich fortzuerben scheint von Geschlecht zu Geschlecht; auch ich habe dort oben gestanden und mir von dem Versucher die weite Aussicht zeigen lassen – es war, als ich von der hohen Schule zur Ferienzeit den Vater besuchte – weit entfernt, je einem Zwange des Lebens mich zu fügen, berauscht vom Taumelbecher der freien Wissenschaften, konnte ich mein Ziel nie weit genug mir stecken; angesteckt von den unklaren Dichtungen jener Zeit, konnte ich den Genuß zügelloser Seelenbuhlerinnen nicht hoch genug im Werthe schätzen. Verächtlich war mir das ganze alltägliche Leben, verächtlich alle Erfüllung bestimmter Pflichten, verhaßt die Sittlichkeit und Selbstbeschränkung und in wüster Unmäßigkeit hin und her geschleudert zwischen planloser Anstrengung und unerschöpflichem Genusse, nirgends Befriedigung, Ruhe, Freude findend – so sah ich kein Ende vor mir, als im Schwelgen unterzugehen, oder in Arbeit mich aufzuzehren. Der Gedanke des Selbstmordes begann mich zu locken – da trifft mich und meinen Vater das Schicksal meines Bruders. Mein Vater fand keinen Trost in seinen gottesläugnerischen Büchern – er folgte seinem Sohne. Ich suchte Trost für den Vater und für den Bruder und für mein eigenes zerrüttetes Dasein – ich suchte ihn in der Bibel, in der Kirche, in der Unterordnung an den Glauben, im Gehorsam gegen Gott, in der Entsagung der Welt und – ich fand ihn.

Mit gesenktem Tone sprach er weiter: Es war ein schwerer Kampf – außer sich kann der Mensch nicht Alles überwinden, in sich darf Nichts seinem Willen widerstehen. Ich siegte, nach einem Jahre hatte ich Alles nachgeholt in meinen Studien – ich wurde meines Vaters Nachfolger. Ich heirathete deine Mutter, weil sie nicht schön war, nicht gelehrt, nicht vergnügungssüchtig; an ihrer Sehnsucht nach der Heimath, aus der das Schicksal sie verschlug, sah ich, daß sie ein enges Haus zu schätzen wußte. Ich lebte seitdem nur dem Zwecke in den Kindern, die sie mir zeugte, den Keim der bösen Saat zu ersticken, sie zu retten vor der Strafe des Herrn, die sich fortpflanzt ins dritte und vierte Glied. Das Wort Gottes, die Stille des Hauses hatten es bei mir vermocht – sie sollten es auch bei euch. Deshalb drang ich unabweislich darauf, daß dein Bruder mir in der Gottesgelahrtheit folge; deshalb verschloß ich dir die Welt, deshalb sorgte ich dir für einen rechtschaffenen Gatten. Um den Sohn hatte ich manchen Zweifel – jetzt bin ich an ihm verzweifelt. Und du – was soll mein Herz sagen, wenn es auch an dir verzweifelt? Bei ihm fürchtete ich's, bei dir nicht. Bei ihm konnte ich mich auf den Schlag vorbereiten, bei dir nicht.

Sie wollte, weniger um sich zu vertheidigen, als um ihn zu trösten, entgegnen: noch sei sie nicht verloren, und ob sie denn bei der Liebe zu Werner verloren gehen müsse – als der Vater das Wort wieder nahm: Daß du gefallen bist, das fürchte ich nicht. Du hast nur geschwankt, bist nur ausgeglitten. O Kind, armes Kind, du kennst die Welt nicht, du kennst die Leute der Welt nicht! Nicht blos den Charakter jenes Mannes, nicht einmal seinen Namen, seinen Stand kennst du ja! Wer ist er denn, dieser fremde Mann? Werner nennt er sich, nennt sich einen Staatsbeamten! Darin lügt er, lügt doppelt. Ein Staatsbeamter hat nicht Zeit, wochenlang hier herumzulaufen, und ein Herr Werner trägt kein Taschentuch mit einem Adelswappen. Siehst du, mein Kind, so findest du Lüge und Trug, wo du mit der Welt zusammenkommst. Oder weißt du mehr? Weißt du, wer er wirklich ist?

Sie konnte nicht Ja antworten. Bei des Vaters Entdeckung von dem Zeichen des Tuches war sie leise aufgefahren, gespannt hatte sie zugehört, jetzt fiel sie auf das Kissen zurück und mit starrem Blick in das Dunkel schauend, schüttelte sie auf des Vaters Frage nachdenklich trauernd das Haupt.

Denke an meinen Bruder Hugo. O, er glich dir so ganz, rasch von seinem Herzen fortgerissen, zum Guten, aber auch zum Bösen – seine Seele spricht aus deinen Zügen, sein Schicksal sei dir Warnung! So sprach der Vater noch zu ihr tiefseufzend, saß dann noch lange in sich versunken, in gebeugter Haltung, bei ihr. Als er aufstand, bückte er sich zu ihr nieder – da auch das schwache Mondlicht verschwunden war – um zu sehen, ob sie schlief; ihre weitgeöffneten Augen blickten ihn starr an. Schlaf wohl, sagte er mild und ging leise, wie er gekommen, die Treppe hinab.

Als Martha am andern Morgen dem Vater die Hand küßte, sagte er ihr freundlich: Guten Morgen! – Das hatte er noch nie gethan, so lange sie sich erinnerte. Sie und Johannes mußten, so wie sie früh seiner ansichtig wurden, auf ihn zustürzen und ihm demüthig die Hand küssen, ohne daß er Antwort gab.

Was ihr gestern im Dunkel erschienen, fand sie jetzt bei Tage bestätigt, er sah blässer, gebeugter, seit zwei Tagen um Jahre gealtert aus. Die Härte war aus seinen Zügen geschwunden, statt dessen wohnte eine tiefe Schwermuth darin. Sein ganzes Benehmen war nicht wieder zu erkennen; gegen die Mutter, gegen Martha, gegen die Magd war er so sanft! Martha, der alle Glieder vor Mattigkeit und Bangigkeit zitterten, ließ ein Wasserglas fallen, er machte keine unfreundliche Geberde; die Ziege war krank geworden, er machte der Magd keine Vorwürfe. Ja er bedauerte sogar die Mutter, daß sie so leidend sei; wenn es besser mit ihr ginge, versprach er ihr, sollte sie in ihre Heimath an die See reisen und Martha sollte sie begleiten. Die Freude, sagte er zur Frau, sollst du doch noch vom Leben haben.

Martha sah ihn bei diesen Worten groß an. War das der Vater? Sie erschrak darüber; sie hatte einmal von der klugen Frau Försterin gehört: Wenn jemand seiner Natur so ganz untreu werde, so gehe es mit ihm gewißlich bald zu Ende. Daran mußte sie jetzt denken. Die Thränen traten ihr in die Augen. Sie ging auf ihre Kammer, um sich auszuweinen. Der Vater ließ sie nicht rufen, obgleich sie in der Wirthschaft zu thun hatte.

In der nächsten Nacht dachte sie nicht daran, wieder einen Ausflug zu unternehmen.

Bewußtlos lebte sie dahin. Sie empfand nicht die Gegenwart und dachte nicht an die Zukunft; sie lebte nur trauernd in sich. Und doch drückte sie das entsetzliche, peinliche Gefühl. Wie es war, konnte es nicht bleiben, etwas mußte geschehen; sie wußte nicht was, sie konnte es nicht thun. Sie hätte oft aufschrien mögen vor Angst, so mitten inne zu schweben zwischen Liebesglück und Entsagen. Noch konnte ihr Schicksal nicht entschieden sein; noch mußte sie mit Werner und dieser mit dem Vater in Klarheit kommen.

Wie ein Bote der Erlösung erschien ihr Dorette. Sie zog sie heimlich auf ihr Zimmer hinauf.

Dorettens erstes Wort war die Erzählung einer ungeheuren Entdeckung; es war die, daß Martha's Freier ein Freiherr sei. Ein alter, sehr vornehmer Herr mit zwei Bedienten, der sich Freiherr Bernthal nannte, habe bei ihren Eltern nach einem andern jungen Freiherrn Werner von Bernthal nachgefragt; man habe ihm keine Auskunft geben können. Nach seiner Beschreibung der Person habe man endlich auf den Fremden bei Försters gerathen. Man habe ihn aufgesucht und den Rechten in ihm gefunden. So viel sei aus den Gesprächen der Beiden klau: Der junge Freiherr habe seine Braut verlassen und der alte wolle ihn zu ihr zurückholen. Werner aber wolle nicht; er wolle Martha durchaus sprechen – und hier fiel es Doretten ein, daß sie eigentlich herkomme, um Martha einen Brief von Herrn Freiherrn von Bernthal zu überbringen.

Martha wies ruhig und entschieden den Brief zurück: sie kenne keinen Freiherrn Bernthal. Um ihren Werner habe sie schon zwei Nächte geweint, weil er nicht Werner, sondern ein Freiherr sei; wenn der Freiherr sie aber liebe, wie es der Werner gethan, so solle er zu ihrem Vater kommen und ihm sagen frank und frei, wer er wäre, und ihren Vater um ihre Hand bitten. Sie selbst wolle nichts von ihm wissen, außer durch ihren Vater; sie wisse nicht, ob sie nicht wieder das Unwahre höre und glaube.

Dorette ging und kam noch denselben Tag mit der Antwort: er sei der Freiherr Werner von Bernthal, habe Dörfer und Schlösser und wolle sie mitnehmen als seine Gattin auf das schönste. Aber sie solle ihm frei folgen, wie sie da sei, ohne Ausstattung. ohne Vaters Einwilligung. Den Vater könne er nicht wiederum um ihre Hand angehen; seine Ehre erlaube es nicht nach der Beleidigung, die er ihm schon einmal verzeihen mußte. Auch müsse er glauben, wenn der Vater jetzt einwillige, so gelte das nicht seiner Person, sondern seinem Freiherrntitel, und so wolle er Martha's Liebe nur aus ihrer Hand – –

Und wenn mein Herz bräche, antwortete Martha, ich bin dem Vater nicht wieder untreu. Er liebt mich, dessen bin ich gewiß; von allen andern Leuten, so lieb mir's ist, kann ich's doch nur dann glauben, wenn mein Vater dessen auch gewiß ist und mein Glück darin sieht. Wenn er mir etwas gut ist, so soll er meinen Vater bitten und mein Vater wird nicht hart sein und wird wissen, was mir frommt.

Am Tage darauf erhielt Martha einen Brief:

Mademoiselle!

Von meinem Neffen, dem Freiherrn Werner von Bernthal, ist mir der Auftrag, Ihnen hiermit anzuzeigen, daß er heute früh das Försterhaus und die hiesige Gegend verläßt, da er das Begehren, seine Ehre nochmals dem Betragen eines Mannes ohne Weltbildung auszusetzen, selbst Ihnen nicht erfüllen kann. Indem ich nicht unterlassen kann, Ihnen zu sagen, daß Sie nicht nur durch Ihr zweideutiges Benehmen meinen leichtsinnigen, liebenswürdigen Neffen in die unglücklichste Stimmung, sondern auch seinen greisen Onkel in die peinlichste Sorge um ihn versetzt haben, zeichne ich ergebenst

Aurelian, Freiherr von Bernthal.

*

 

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