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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Ein ehrliches Gespenst.

Es war das in den Tagen, wo der Pfarrer in seinem Weinberge um die Stöcke herum den Boden auflockern ließ. Martha war mit der Magd dazu den Tag über draußen, und Dorette, die sich im Pfarrhause einschmeicheln wollte und gern von der kräftigeren Kost daselbst genoß, half ihr, wie sonst, so auch dies Mal wieder. In des Försters Weinberg, der mit der einen Ecken den des Pfarrers berührte, wurde jetzt dieselbe Arbeit vorgenommen, und da Lenette hier beschäftigt war, so kamen in den Feierstunden die drei Mädchen an einem schattigen Platze des Tages mehr als einmal zusammen.

Martha war beiden Freundinnen in den letzten Tagen leidend erschienen; und sie war in der That geknickt durch den Gedanken: wenn man gut sein will, und das wollte sie, was es auch koste, dann dürfe man nicht auch Glück verlangen, nicht das überschwengliche, unaussprechliche Glück, dessen Ahnung und Sehnsucht, sie wußte nicht woher, sie überkommen war, dessen Besitz sie in diesen Tagen in schwindelndem Entzücken schon hoch zum Himmel hinan getragen hatte, – und ein anderes Glück, ein gemessenes Glück des alltäglichen Daseins kannte sie ja nicht!

Heute aber, als sie zur Arbeit kam, wie war sie da verändert! Ihr ganzes Wesen sprühend, glühend, und zugleich so schwebend, so weihevoll. Dore war ihrer Sache gleich gewiß, da mußte Etwas passirt sein, und was konnte passirt sein als etwas mit dem Fremden! Ein Gast, und solcher Gast im Hause, – sie kannte ihre Leute und wollte der Sache schon auf die Spur kommen.

Bist ja so munter wie ein Karäuschlein, so fing sie an. Ja, das macht die Einsegnung. Wenn man eingesegnet ist, dann fängt erst das Leben an. Da kann man einer Mannsperson doch gleich ganz anders ins Gesicht schauen. Hast du's seit deiner Einsegnung schon versucht? Nicht wahr, das ist doch ganz ein ander Ding?

Martha wies sie, was an ihr unerhört war, schnippisch ab. Dore fing es von einer andern Seite an. Es ist doch recht unrecht von dem Fremden, euch so lange auf dem Halse zu liegen, begann sie von Neuem. Er sieht, wie wenig ihr auf Gäste eingerichtet seid und ist schon heute den dritten Tag bei euch.

Martha erröthete ganz sanft, als sie die Lüge sagte: Wenn man krank ist! – Mehr sprach sie nicht von ihm, und daraus sah Dore, daß sie um so mehr an ihn dachte. Sie fing immer und immer wieder von ihm an, wie oft Martha auch auswich, bald gut, bald schlimm von ihm redend, bald im Scherz, bald im Ernste. Die drei Schweißperlen standen schon wieder auf ihrem Stumpfnäschen, mehr vom Schwatzen als vom Arbeiten; sie ließ nicht nach. Endlich hatte Martha sich verfangen; sie hatte zuerst bei seinem Lobe gesagt, sie kenne ja den Fremden nicht; dann beim Tadel sprach sie, schlecht sei er nicht, das wisse sie. Von diesem Widerspruch zwang Dore sie zu dem Geständnisse, daß zwischen ihr und dem Fremden etwas vorgefallen sei, und als Martha das als Geheimniß bewahren wollte, warnte sie sie mit aller eifernden Beredtsamkeit, die einem Wesen ihrer Art nur irgend zustehen kann, wenn sie auf das andere Geschlecht böse spricht, vor der Treulosigkeit der Männer. Sie haben alle den Teufel im Leibe und sind wie besessen dahinter her, uns arme unschuldige Dinger verliebt und unglücklich zu machen. Darum dürfe man nie einem trauen. Denn wenn es ihrer unter Hunderten auch Einen gäbe, bei dem man es wagen könnte, so wisse man doch nie, ob man eben einen solchen getroffen. Das könne man an allen seinen Manieren und Worten nicht erkennen. Ehe man darin klar sehe, müsse man sich zehnmal haben betrügen lassen; sie habe wohl einige Erfahrung darin und ihre Mutter habe sie gewitzigt, sie könne ihr wohl rathen, wenn sie ihr sich anvertraue.

Martha, wirklich ängstlich geworden, versprach zur Mittagszeit mit ihr und Lenette ein Concil zu halten. Als der Bube des Kuhhirten ihnen das Essen gebracht hatte, setzten sie sich mit Lenette hinter ein dichtes Spalier in den Schatten und Martha eröffnete, ihr Herz erleichternd, die Versammlung mit den Worten: Ach, ihr müßt mir rathen. Mir ist das Herz so froh und doch fürchte ich mich so entsetzlich – seht, das ist passirt! Damit zog sie einen zusammengefalteten Brief aus dem Mieder und sprach erröthend: Denkt euch meinen Schreck, das finde ich heute auf meinem Bette liegen. Er muß es doch ehrlich mit mir meinen!

Dorette griff hastig zu und las; sie las einen Brief von Werner. Es hieß: Martha thue ihm Unrecht, ihm zu mistrauen; wenn er bei ihr sein Glück nicht fände, wo solle er es noch suchen? Hand und Herz biete er ihr an; er sei reich genug an Gütern der Welt, ein Weib sein nennen zu können; ob auch reich genug an Herz, müsse sie entscheiden. Den nächsten Abend solle sie ihn wieder am Kreuz erwarten.

Er muß es doch ehrlich meinen, sagte Martha nochmals, er war in meinem Zimmer und – hat mich nicht geweckt. Nun war des Staunens der beiden Mädchen kein Ende. Lenette schaute sinnend vor sich hin und sagte: Wie schön das gesagt ist: ob reich genug an Herz! und dann sagte sie wieder: Was doch Alles in der Welt passirt! und dann fing sie an zu kichern, daß er Martha im Schlafe gesehen!

Dore dagegen war über die Sache von vorn herein im Klaren; sie rief aus: Das Glück, das Glück! und meinte damit, wie sie erklärte, das, daß er es geschrieben habe. Daß du es geschrieben hast, das ist die Hauptsache. Alles andere ist dann egal. Sie wußte aber auch gleich, was nun noch geschehen müsse. Nun muß er dir noch schreiben, was er hat und was er dir verschreiben will, wenn du seine Frau bist. O ich verstehe mich darauf. Ich werde mich nicht anführen lassen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe. Und du sollst es auch wissen. Verstehst du, schriftlich! nur schriftlich! Was er dir sagt und verspricht, das ist alles Wind. Aber schriftlich, das ist die Hauptsache! Basta!

So sprach Dore immer noch fort, und wurde so lebhaft, daß sie fast heftig gegen Martha schien – jedenfalls mußte diese oder eine ähnliche Angelegenheit sie sehr interessiren. Es war etwas von Neid, was aus ihren zusammengekniffenen Lippen sprach, wenn sie sagte: Das Glück, das Glück! Die wird am Ende von uns allen, die wir zusammen Weiß nähen lernten, noch die Erste unter die Haube kommen und die glücklichste gewiß! Denn was muß der Mann haben! Wenn solch ein feiner kluger Mann sich ein armes Landmädchen holt, der muß reich sein, sehr reich, daß er nicht mehr braucht. Wer weiß, was hinter Dem noch Alles steckt! Das Glück! Das Glück!

Der Rath, den Martha endlich befolgen wollte, war der, den ihr Lenette gab. Obgleich diese nicht Dorettens Verschmitztheit, noch Martha's Prüderie in ihrem elterlichen Hause gelernt hatte, so sagte sie doch: Ich glaub's, daß er's ehrlich meint; aber gerade darum darfst du nicht heimlich mit ihm sein und nicht allein mit ihm zusammenkommen. Geh heut hin, wo er dich erwartet, und sag ihm, er soll bei deinem Vater um deine Hand antragen. Und dein Vater wird ja nichts dagegen haben. Solch ein Mann! Meinem Vater macht' ich damit die größte Freude. Aber er darf auch nicht länger bei euch im Hause bleiben. Das schickt sich nicht für Brautleute. Sag ihm, wenn er kann, soll er wieder zu uns kommen. Wir haben ihn alle lieb und das noch mehr, wenn er dein Verlobter ist.

Erst durch dieses Gespräch hatte Martha die Zuversicht gewonnen, daß ihr Glück Wirklichkeit, nicht bloßer Traum sei. Sie, für die die bloße Begegnung des fremden Mannes schon etwas so Außerordentliches, ein Ereigniß außerhalb aller ihrer Erwartung vom Leben war, sie konnte es noch immer nicht für möglich halten, als sie den wirklichen Brief schon hundert Mal gelesen hatte.

Auf seinem Nachmittagsspaziergange kam der Pfarrer, die Arbeit zu besichtigen. In seinem langen schwarzen Rocke, auf den Hornknopf des Stockes mit den Händen gestützt, sah er mürrisch darein, wie gewöhnlich, nicht zufrieden mit Dem, was Andere leisteten; er mußte glauben, er selbst allein könne Alles gut machen. Er nahm Martha heftig die Hacke aus der Hand, um ihr zu zeigen, wie sie es anzufangen habe, um tief in die Erde zu dringen und den Stock nicht zu verletzen. Mit seinen heftigen Bewegungen machte er zwei, drei Würfe in den Boden und mit dem dritten, siehe da, hatte er eine frische saftige Wurzel getroffen und durchgeschlagen. Martha rümpfte schnippisch ihr Naschen – das erste Mal, daß sie gegen den Vater solchen kleinen impertinenten Uebermuth sich erlaubte.

Als Martha des Abends heimkehrte, erwartete der Pfarrer sie heute wie gestern und vorgestern an der Thüre. Die peinliche Störung, die der ungebetene Gast ihnen bereitete, rechnete er ihr an. Er bot ihr keinen guten Abend, kein freundliches Wort. Mit befehlender Geberde verwies er sie nach oben und verbannte sie in ihre Kammer.

Daß er erhört war, merkte Werner, als mit eingebrochener Nacht der Schlüssel seiner Kammer, den der Pfarrer auch heute zugedreht hatte, von außen wieder aufgedreht wurde. Mit lächelndem Entzücken eilte er so auf geebnetem Wege zu dem Stelldichein. Mit Staunen aber mußte er bemerken, daß Martha nicht allein war, sondern Lenette ihre Ehrenwächterin. Der arme lahme Mann! empfing ihn Martha, unter einem Scherze ihre Scham verbergend, und reichte ihm mit erzwungener Unbefangenheit freundlich die Hand. Als er sie umarmen wollte, wehrte sie ihm, jetzt nicht die schüchtern, träumerisch in sich zurückgesunkene, sondern ganz ihrer mächtig, für sich selbst auftretend. Werner versuchte vergeblich, bald flehend, bald neckend, sie in seine Arme zu schließen und zu küssen. Nur auf ein Wort bin ich hier, warf sie ein; Sie müssen fort aus unserm Hause, wenn Sie mir gut sind, morgen früh schon fort.

So sicher sie auch that, so verlegen war sie doch innerlich. Sie wußte nicht, wie sie das Gespräch anknüpfen und Lenettens Rath ausführen sollte; und so fing sie, während ihr Herz von Zustimmung jauchzte, mit dem Abwehren an. Sie mußte sich sammeln, um weiter zu sprechen: Gehen Sie wieder zu Försters! Lenette ladet Sie ein.

Ist das Ihr letztes Wort? frug Werner unwillig. Und wie? was ist mit uns?

Sprechen Sie mit meinem Vater! antwortete sie, entriß ihm ihre Hand und mit einem Lachen war sie entflohen, als er ins Leere die Arme ausstreckte, die sie umfassen sollten.

Werner glaubte auch laut auflachen zu müssen. Er kam sich vor wie ein Gefoppter. Er fand es unendlich – unartig oder prosaisch, dieses: Sprechen Sie mit meinem Vater! Für diesen Preis wie ein Schulknabe in seine Kammer hinaufschleichen zu müssen, war ihm unerträglich. Er kam sich kindlich, ja kindisch vor mit seinem Verlangen nach romantischer Liebe.

In höchstem Unmuthe legte er sich, von der Muße, der Langenweile und vergeblichen Erwartung in die widerwärtigste Stimmung versetzt, unentkleidet auf sein Lager, und kaum als er in Schlummer gesunken war, weckte ihn ein Geräusch.

Der Mond stand hoch. Es mußte lange nach Mitternacht sein. Werner horchte auf; im Corridor hörte er rufen: Hans, Hans, um Himmels willen, es geht um, es geht um! Es war Martha's Stimme. Er hörte sie an Johannes Thüre pochen, wie es schien vergeblich. Plötzlich schreit sie auf: Hülfe, Hülfe! Seine Thüre ist noch geöffnet, er eilt hinaus, und nur zur Noth bekleidet, die aufgelösten Haare unter einem zierlichen Nachthäubchen verbergend, sinkt Martha halb besinnungslos in seine Arme; kaum vernehmlich stöhnt sie: Das Gespenst – O, that ich wieder unrecht? – Das Gespenst!

Werner konnte nicht unterlassen zu lächeln, trotz dem, daß bei der Erinnerung an den gestrigen Vorfall ihn ein kleiner Schauer überkam. Als er aber, sich umsehend, durchaus nichts Gespensterhaftes wohl aber in seinen Armen dieses duftend knospenhafte Pfarr-Röschen erblickte, das er mit möglichster Schonung, aber auch zu möglichster Sicherheit umfaßt hatte – sie barg vor Furcht und vor Scham ihr Antlitz an seiner Brust, er blickte mit beobachtender Behaglichkeit auf ihren weißen, schlanken Nacken bis zu den geheimnißvollen Schatten nieder, mit denen er in dem bescheidenen Nachthemde sich verbarg, und er schaute hinab bis zu dem nackten, allerliebsten Füßchen, das mit aller Mühe vergeblich feinen Blicken und dem kalten Estrichboden zu entfliehen suchte – da fand er diese Situation als einen äußerst liebenswürdigen Zufall, ja er dachte an eine Absicht, die er noch für liebenswürdiger hätte halten müssen; alle Scheu war verschwunden; diese Art von Gespenstererscheinung war so recht nach seinem Geschmacke; er war mit seinem Abenteuer, mit der Romantik dieses Hauses durchaus versöhnt und wollte zum Zeichen dessen eben den Versöhnungskuß auf Martha's Nacken drücken; – da durchzuckte auch ihn ein jäher Schreck, ein Ah! entfuhr seinem Munde, krampfhaft drückte er seinen Schützling fest an sich, aber ohne etwas von ihrer warmathmenden Fülle zu empfinden; eiskalt lief es ihm durch alle Glieder, er hatte im Lichte des Mondscheins vor sich auf dem Boden einen großen lebenden Schatten auftauchen sehen, und als er nach dem offenen Fenster blickte, sah er dort eine schwarze Gestalt, dieselbe Gestalt im Predigertalare, die ihn gestern Abend erschreckt, wieder die beiden Arme hoch emporstreckend.

Er glaubte wirklich an den Geist des Ahnen, der die Geliebte ihm von der Brust reißen wolle. In einem hochgetragenen Gefühle, gemischt von Liebe und Sorge, drückte er sie im vollen Bewußtsein seiner männlichen Kraft an den Busen. Bleibe bei mir, lispelte er ihr zu, ich schütze dich, fürchte dich nicht. Du Guter, Guter! antwortete sie bebend, jetzt nicht durch die Erscheinung von seiner Brust geschreckt, sondern wie ihr zum Trotze sich an ihn anklammernd, als sei das der einzige Halt, den sie in der Welt besitze.

Es war wirklich die Jungfrau, die an seinem Busen Schutz suchte und dieses Beben, dieses Lispeln: Guter, Guter! entzündetem ihm ein hehres heiliges Bewußtsein der höchsten Manneswürde, einen Muth, der ihm die Kraft gab, einer ganzen Welt gegenüber sie zu schützen, sie zu schützen gegen seine eigene Leidenschaftlichkeit! Und was war das für eine Gefahr gegen ein Gespenst, an dessen Echtheit er doch nicht so recht glaubte und erst gar nicht glaubte, als es sich zu regen und in das Zimmer, in dem es Niemand vermuthete, da beide sich im dunkeln Hintergrunde lautlos verhielten, hinabzusteigen begann.

Mit einem Schritte war das Mädchen hinter der noch immer weit geöffneten Stubenthür versteckt und entschlossen ging Werner auf die Figur zu, als ihn neuer Schreck traf. Der Talar schlug dem Einsteigenden zurück, und noch grausenhafter war die Gestalt, die sich unter demselben offenbarte. Zur Hälfte roth, zur Hälfte gelb, durch einen entsetzlichen Buckel vorn und hinten entstellt, lehnte die Figur sich an die Wand. Werner verlor dennoch den Muth nicht; noch immer nicht von ihr bemerkt, schritt er plötzlich auf die Gestalt los, packte sie bei ihrem Buckel, und als er Fleisch und Bein oder doch Tuch und Wolle erfaßte, schüttelte er sie nach Herzenslust.

Allbarmherzige Vorsehung! giebt's hier Gespenster? so stöhnte die Gestalt, und als Werner sie anschrie: Wer ist er, Kerl, in des Teufels Namen? da wurde aus dem Stöhnen ein kicherndes Lachen. Wetter, Sie, Herr Schwager in spe? Schon gut, nur ruhig – Sie werden doch Spaß verstehen, Sie Schalk, Ihnen sieht man's an …

Werner wußte noch nicht, woran er war; die eine Gefahr war vorbei, aber was war das für ein wunderbarer Bewohner dieses Hauses? Auf sein neues Fragen antwortete es endlich halb lachend, halb lallend: Ich bin's, Schwagerchen, ich, ich – Johannes, ha ha, Johannes, nicht der Täufer, der Säufer.

Sie sind es? Mein Gott, woher? In welchem Aufzuge? rief Werner aus.

Ein Spaß! antwortete er pfiffig. Sie Spaßvogel! Vom Maskenball aus der Stadt – war italienische Nacht im Apollo – bin aus dem Fenster gesprungen und spornstreichs hieher gerannt, um das verdammte Frauenzimmer los zu werden. Ich soll Papa sein, ha, ich, – Papa? Ich bin Quasimodo, Glöckner von Notredame! Ja, ja, nicht bloßer Spaß, auch Ernst dahinter! Zu solchem Krüppel, zu solchem Scheusal, das sich selbst anspeien möchte, wird der Mensch unter dem schwarzen Rocke. Ha, ha, oben der Pfaffe und innen der Glöckner von Notredame, der Glöckner von unsrer Dame, der neuen Zeit – dort die Kammer ist mein Glockenthurm! – Niemand sieht es, Niemand weiß es hier im Hause, aber ich bin es, der einsam dort des Gedankens große Sturmglocke in Bewegung setzt, bim, bam, bim, bam – zu neuer heiliger Bartholomäusnacht

Die Kirchen brennet alle ab,
Die Mönche verheeret,
Würget sie!
Mordet sie!
Schlaget sie!
Bim, bam, bim, bam.

So dröhnt es vom einsamen Denkerstübchen weit in die Welt hinein und ich, so wie jener Glöckner, wenn er seine heilige Glocke nicht mehr im Zaume halten kann, so lasse auch ich von meinen Gedanken mich in schwindelnder Höhe schaukeln, hin und her, hinausgeschleudert über die Schranken der irdischen Nichtigkeit, bis taumelnd in der Unendlichkeit mir die Sinne vergehen – dann –

Johannes hatte bis hieher in einem düster gepreßten Pathos gesprochen, in dem Schmerz und Begeisterung mit Wahnsinn sich zu mischen schienen; als er jetzt mit einer jähen Wendung der Stimme in einen niedrig frivolen Ton übersprang. Und dann, fuhr er fort, lasse ich los, lasse die Gedanken fahren und – patsch – da liege ich im Staube – Ah – es ist unendliche Wollust, aus der kalten Höhe des Gedankenäthers – patsch, patsch – niederzutaumeln in den Staub, o, und sich so nach Herzenslust zu sielen in dem weichen Staube – bis daß man seine Sinne wiedergefunden hat.

Johannes war einen Augenblick nachdenklich; er schien sich so trivialer Aeußerungen zu schämen, und, wie um sich zu entschuldigen, fuhr er in einem gebildeteren, geistreichern Tone fort: Wissen Sie, Mann, Himmel und Erde sind die Angeln, in denen des Menschen Wesen hängt; ich bin ausgehoben aus dem Himmel und aus der Erde; wie ein Stern, der aus seiner Bahn gekommen ist, irre ich durch alle Himmel einher und finde den Halt nicht wieder – kennen Sie den pikanten Ausspruch unsres geistreichsten Dichters? Ein Stern in einem Haufen Mist! – Im Staube wird der Stern erlöschen! – – Ah bah, schlechte Gesellschaft – der Koth; ach du mein lieber Gott, elende Gesellschaft, aber doch Gesellschaft – ha, ha, das spricht doch und springt, und lacht, und – das trinkt, ja und trinken, trinken, trinken, bis Kopf und Herz bricht! –

Wenn dieses gewaltsame Ueberspringen aus lachender Ausgelassenheit in finsteres Brüten ihm Grauen erregt hatte – jetzt fuhr Werner zusammen, als Johannes plötzlich wie im Krampfe vor seinem blassen Angesichte die Hände krallte, sich die dunklen Haare raufte und in lautes Wüthen der Tollheit ausbrach: Ach, und wie lange es dauert, eh solch ein Herz bricht! Gott im Himmel, wenn du bist, so habe ich mit dir zu rechten, daß du mir ein Herz gabst, das länger hält als der Kopf – mein Kopf ist heidi! der hat das Sprechen und das Denken verlernt; vor acht Tagen schrieb ich meine letzten Gedanken nieder – Dir großer Spinoza, hatte ich sie verdankt, dir sind sie geweiht – seitdem ist es mit meinem Denken aus – Luft, Luft! – wie soll ich denken? – Luft, Luft! – ich kann doch die Luft nur ausathmen, die ich einathme, und wo ist ein lebender Hauch für meinen Geist – – Luft, Luft, unter diesem schwarzen Rocke – ich ersticke – Luft, Luft!

Werner glaubte einen Tollhäusler vor sich zu sehen, aber ehe er um Hülfe rief, versuchte er, ob er durch Zureden den fürchterlichen Unglücklichen beruhigen könne. Aber bedenken Sie, wo Sie sind! Sie wecken die Leute im Hause. Was wird Ihr Vater sagen?

Mein Vater? – damit sammelte sich der Trunkene – Mein Vater? Wo bin ich, wo bin ich denn?

Zu Hause sind Sie – kennen Sie mich nicht mehr? In der Schlafkammer Ihres Gastes – ins falsche Fenster sind Sie gestiegen, so antwortete Werner.

Zu Hause? sprach Johannes jetzt ängstlich leise – mein Gott und so! Und ich habe wohl Lärm gemacht! Wer hat denn mein Fenster zugeschlagen, daß ich nicht hineinkonnte? Wenn man so mich findet! – o, zu Hause! und morgen wieder ein Tag, wo ich aufwachen soll und schweigen und, wenn ich spreche, lügen – und wenn ich nicht lüge, dulden – – Und morgen, was habe ich denn morgen zu thun? Ja morgen, den Brief auf die Post – macht einen halben Gulden Porto und ich habe keinen Heller! Und morgen – was war doch noch – was war mir denn heute passirt, warum fürchtete ich mich vor morgen? – Ach ja, verdammter Schulmeister, ich heirathe sie nicht! Wer sagt mir denn, daß sie mir treu war! Saubere Bande! Soll ich im Kothe stecken bleiben – gefangen in Pechstiefeln, ein Affe eurer Tollheit? – Ja die Frauenzimmer – hören Sie, Herr, die Frauenzimmer – wenn Sie das noch nicht wissen, da ist kein Spaß zu machen! Was meine Schwester betrifft, – sie ist ein ehrliches Kind – aber macht, was ihr wollt, meinetwegen, ich bin kein Spielverderber – küßt Euch! Die Fliege, der Sperling thut's, warum nicht der Mensch?! Küßt Euch und küßt Euch, brecht ihr's Herz immerhin, so hat sie doch einen Spaß davon – thut Ihr's nicht, so ist schon gesorgt, daß es geschieht; der Alte wird's thun, der kann die Herzen nicht leiden; der bricht – knicks – knacks – alle Herzen übers Knie. – Aber Herr, wenn Ihr sie liebt, dann rettet sie vor dem, macht sie frei, frei – O, wer frei sein könnte! Vor sechs Jahren, da trat ich vor den Alten: Vater, laß mich frei, ich kann deinen Glauben nicht glauben, laß mich frei, frei in die Welt hinein! Er that es nicht, er drohte mir mit seinem Fluche; ich sollte glauben! Ich war ein frommer Narr; ich gehorchte, ich blieb und – Das bin ich geworden! – Bringt mich in mein Bett, Herr, – ich kann nicht stehen, ich bin ein unglücklicher Mensch – ich bin schwer, schwer betrunken. Ach, es liegt eine Poesie in dem Saufen! Wenn man nur ganz consequent saufen könnte – ich denke mir, Herr, dort jenseits der Betrunkenheit, da muß ein ganz neues Dasein liegen, eine Feenwelt, zu der wir uns hindurchtrinken müssen! Wenn man nur den Muth hätte, nicht für den Augenblick, sondern ganz von der Vergessenheit sich verschlingen zu lassen, und giebt's dann auch kein anderes Ufer mehr, so hört der unruhige Traum, das Alpdrücken hier doch auf, und man schläft wenigstens fester ein. – O, ich bin sehr müde – viel getrunken, viel geküßt und doch keinen Spaß davon! Ich will zu Bett!

Werner führte den Trunkenbold in seine Kammer, ließ ihn unausgekleidet auf sein Lager sinken und eilte dann hinaus, um Martha noch anzutreffen, ehe sie in ihre Kammer entflohen wäre. An ihrer Thüre schloß er sie in seine Arme; sie erschrak, aber sie sträubte sich nicht. Er zog jetzt ihr leinenes Nachtkleid über ihre Schulter hinauf. Lange ruhte sie an seiner Brust; sie sprach kein Wort. Auch er sprach nicht; durch den Zwischenfall war er erschüttert. Der Mond schien auf sie nieder; Martha hatte ihr Haupt in seinem Busen geborgen; er sah und fühlte jeden ihrer vollen Athemzüge und dachte, er könne ein halbes Leben so hinbringen, diese Liebe in seinem Arm zu halten und auf- und niederathmen zu sehen.

Und so liebst du mich? frug er. Aber es war ihm eine so innerlichste Befriedigung, die letzte Ausfüllung ihres ganzen Werthes, daß sie nicht antwortete, nur tiefer ihr Haupt an seine Brust barg und, wie er zu fühlen glaubte, ganz leise sein seidenes Halstuch küßte.

Das war ein Geständniß der Jungfrau! Diese Liebe, die nicht sprach, nur liebte, das war es, was ihm so neu war, ihn so unendlich entzückte. Es war ihm klar, wie er sie vorher nicht verstanden hatte; bei allen Gewinnsten an Frauengunst im bisherigen Spiel seiner Neigungen hatte er eins eingebüßt: den Einblick in ein reines Herz, die ahnungsvolle Erkenntniß schüchterner Liebe.

Was Alles stieg jetzt in seinen Gedanken ihm auf, vom Werthe des Weibes, von der Zartheit der Liebe, eine ganze Nacht der Liebeständelei hätte er mit anmuthig poetischem Geschwätz erfüllen können; aber er sprach nicht; er war so selig, so selig sein zu können ohne das Wort – das Wort, hinter dem die Lüge sich birgt. Nur eins sagte er zu Martha, was sie nicht verstand: Du sprichst nicht Poesie, denn du bist Poesie, Martha, meine Martha!

Da sehen ein Paar Augen zu ihm hinauf – Sterne, die aus dem Dunkel seines eigenen Busens ihm aufzugehen schienen; sie wandte sie zu ihm, um den Mund zu sehen, der so süß ihren Namen ausgerufen. Und dann schlang sie ihre Arme, wie magnetisch von seinem Blick angezogen, um seinen Hals, richtete sich auf den Zehen hoch empor und stützte, ohne ihn zu küssen, ihr Antlitz an das seine, als wolle sie in seinem Blick vergehen. Und wie er sie nun küßte, welch Beben zittert da in ihrem Busen. Hoch ging ihr Athem, Freude und Schmerz, Jubel und Angst drängten sich in dessen Beben hinein – jetzt verstand er dieses zwischen Lachen und Seufzen des Wortes nicht mächtige Athmen.

Er faßte ihren Kopf, ließ ihn vom Mondschein beleuchten – prägte sich ihn tief, tief ein, den Anblick reichsten Lebens, reichster Liebe.

Doch noch ein Wort sprach Martha: Nun können wir wohl nie mehr unglücklich sein! nie, nie mehr! – Damit küßte sie ihn noch einmal, sagte ihm unter seinen Küssen: Morgen geh zu Försters, bleib dort, wirb um mich bei meinem Vater – und nochmals in lautem Jauchzen aufseufzend, war sie in ihrer Kammer entschwunden.

Und mit diesem Jubel war Martha in erster Frühe, nachdem sie ihr warmes Blut mit dem Morgentrunk frischer Milch gekühlt hatte, wieder hinaus auf den Weinberg gegangen. Sie wollte Niemandem begegnen mit dieser Fülle der Empfindungen, vor dem sie hätte die Augen niederschlagen müssen, der das Glück ihres Herzens hätte stören können. Erst zum Abend, wenn Werner aus dem Hause war, wenn seine Werbung ihre Freude gerechtfertigt hatte, wollte sie jubelnd in das freuderfüllte Haus zurückkehren. Zwar bangte ihr bisweilen leise, wie der Vater die Werbung aufnehmen werde; aber ihre Verlobung mit Andreas war ja unterbrochen und unvollzogen geblieben, und einem solchen Manne, wie sie keinen zweiten kannte, sie zu schenken, mußte doch der Vater mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, wenn er ihr Glück wollte, und daß er es wollte, daran konnte sie nicht zweifeln. Sie fühlte nicht mehr sich selbst gefesselt und ihre Sehnsucht in die Ferne gehend, ihr Leben sah sie in ungehemmter Strömung des Glückes zu erwünschtem Ziele dahingleiten. Der klare blaue Himmel, die frisch grünen Felder, alles Heitere und Helle lachte ihr so vertraut entgegen. Den ganzen Tag über sang und lächelte sie bei rüstiger, unermüdlicher Arbeit.

Lächle und singe, armes Kind, so lange der Tag scheint. Es zieht dir heute noch ein dunkler, kalter, gewitterschwangerer Abend herauf, der eine ganze Lebenssaat frisch aufgekeimter Hoffnungen dir auf Eins niederschlagen soll.

Das war heute wieder ein Tag im Wendelin'schen Hause! ein Tag, wie er hier so oft schon erlebt und immer wiedergekehrt war, ein Tag des Herzbrechens ohne Bruch, des Hin- und Wiederzerrens ohne Trennung! – heute ein Tag, furchtbarer denn jemals, und doch erleichternder als jeder andere, denn es schien zur einzigen Erlösung, zum endlichen Bruche, zur endlichen Trennung zu kommen.

Der Zwiespalt dieser Familie beruhte in seinem Ursprunge nicht auf einer Verderbtheit ihrer Mitglieder, noch auf einem Hasse unter ihnen, – jeder mußte vom Andern sagen: es hat keines ein böses Herz, keines ist schlecht von uns. Der Zwiespalt beruhte auf einem tiefen, innersten Gegensatze, auf den verschiedenen Richtungen des einen edlen Lebenszuges nach dem Guten, nach der wahren Tugend und dem wahren Glücke. Dieses gemeinsamen Triebes sich mehr oder weniger bewußt, hielten sie wieder und immer wieder eine Einigung, eine Versöhnung, ein Anschließen auf ihren Lebensbahnen möglich. Trotz aller plötzlichen Ausbrüche der Spaltungen glaubte ein Jeder, wenn die Stille des regelmäßigen Lebens wieder eingetreten war, eine Ausgleichung sei erreicht oder im Entstehen, aber sowie dann nur ein leiser Anstoß kam, fiel Alles wieder in die alten, den einzelnen Charakteren innerlichst eingewurzelten Differenzen aus einander.

Einen solchen Anstoß gab es auch heute wieder.

Werner hatte nach dem Besuche des Arztes sich für geheilt erklärt und das Pfarrhaus verlassen. Beim Abschiede hatte er verlauten lassen, daß er ein wohlhabender Mann sei und sich in der Umgegend ein Gut zu kaufen gedenke.

Dann wollen Sie ihr Amt aufgeben? frug der Pfarrer. Werner bejahte es: wenn die Wünsche meines Herzens in Erfüllung gehen, und ahnte nicht, wie er damit das wenige, was er von des Pfarrers Achtung vielleicht besaß, völlig verlor; denn nichts war diesem widerwärtiger als ein selbständiges Leben, keinem Zwange und keiner Autorität, weder der Kirche noch des Staates unterworfen; er machte darin keinen Unterschied zwischen der Unabhängigkeit des reichen Besitzers oder des mühsam sich ernährenden Gelehrten und der des vogelfreien Vagabunden.

Nach diesem war es, nicht lange vor Tische, als Johannes von seiner Kammer heruntergestiegen kam und freundlicher, als es der Vater gewohnt war, aus seinem hinter den Augenbrauen finster aufblickenden Wesen grüßte: Guten Morgen, lieber Vater.

Wendelin hatte lange von ihm das Wort: lieber Vater, nicht gehört. Er sah ihn von oben bis unten an, gab den Gruß kurz zurück und sagte halb vor sich hin: es giebt gewiß wieder etwas zu erbitten, einen neuen Rock, oder Schulden zu bezahlen, oder sonst dergleichen.

Johannes blieb trotzig verlegen stehen, strich den alten Hut mit der Hand und konnte nun nicht zu Worte kommen.

Wo soll's denn jetzt schon hin? frug der Vater. Eben aus dem Bett gekommen und schon wieder aus dem Hause! Ewige Unregelmäßigkeiten! Jetzt sollte man studiren, seit sechs Stunden schon studiren, statt die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht zu machen.

Zur Post, lieber Vater! antwortete der Sohn, so demüthig als bei seinem tückischen Wesen ihm möglich war.

Aber jedes Wort gab heute wieder einmal bei dem Alten einen Anstoß. Auch solch ein neuer Luxus, ließ er sich aus; alle Wochen Briefe bekommen und absenden. Man könnte Kirchen und Spitäler bauen für das Geld. Das setzt ihm nur immer mehr Unzufriedenheit in den Kopf. Mann des Jahrhunderts! wird ihm da von solchen Schöngeistern ohne Halt und Grundsätze, wie dieser Vergnügungsreisende, geschrieben: Unglückliches Genie, das der Welt entfremdet wird! Und das Alles bringt ihm wieder übermüthige Gedanken in den Kopf; sein Hochmuth gefällt sich in allerhand Plänen, und dabei vergißt er, auf Amt und Pflicht sich vorzubereiten. Wann wird man denn wieder einmal auf die Kanzel steigen? Ist bald zwei Jahr her, daß man nicht gepredigt hat. Von selbst lernt man's freilich nicht. Aber Uebung macht den Meister.

Lieber Vater, sprach Johannes, ich habe mich auf ein Amt vorbereitet; ich werde ein Amt mir erwerben, wenn auch ein anderes, als es dein Beruf ist. Nur geringe Hülfe schenke mir noch und ich kann hoffen, meinen Beruf mit einem Amte gefunden zu haben. Hier ist eine Schrift vollendet, die ich als Preisbewerbung zur Akademie sende; das Thema war so glücklich gewählt, ein Stoff, der seit Jahren mich beschäftigt – ich muß den Preis gewinnen. Und dann habe ich Geld, Ruhm, an einer Berufung zu einem Amte, zu einem Lehrstuhl wird es mir nicht fehlen, nur – lieber Vater, deshalb komme ich her, gieb mir den halben Gulden, das Porto zu bezahlen.

Akademie? Lehrstuhl? Also noch immer oben hinaus? Noch der alte Hochmuth, die alten Phantasien? Hat er mir nicht versprochen, für sein geistliches Amt das Vergessene nachzuholen? Hat er nicht täglich gesagt, er habe die Postille vor sich und Lehrbücher der kirchlichen Eloquenz, die seine Zunge lösen sollen? Und nun die Preisaufgabe! Heißt das ehrlich sein? Heißt das Wort halten?

Ich mußte die Arbeit vollenden.

Mußte? Dann mußtest du nicht lügen! Eins von beiden.

Nein beides, sagte Johannes sich zurückhaltend, aber nicht ohne hämischen Ton: Ich mußte die Arbeit vollenden, dazu zwang mich meine Bestimmung, und ich mußte lügen, dazu zwang mich des Vaters Bestimmung. Und so war's auch wohl am Besten; ich konnte ungestört arbeiten und dir hatte ich den Aerger erspart.

Herrlich, herrlich! An diesen Früchten erkenne ich den Boden deiner Studien. O, du bist tief eingedrungen in den Geist der Zeit. Wahrlich, mein Lehrer könntest du sein, von dieser Philosophie weiß ich kein Wort.

Nur dieses eine Mal noch Verzeihung, lieber Vater. Die Arbeit wird meine Ehre retten, sie wird zeigen, weß Geistes Kind ich bin, daß ich meine Pflicht gethan am Weinberge der Geistesarbeit, in der Werkstatt der Weltgeschichte. Nur, lieber Vater – die Bewerbung muß unfrankirt geschehen. Nur einen halben Gulden schenke mir und dem Geiste Spinoza's –

Spinoza's? rief der Vater aus.

Ja; Spinoza's, antwortete der Sohn lächelnd über des Vaters orthodoxen Schreck. Ueber Spinoza ist die Arbeit.

Spinoza? so fuhr der Pfarrer, der sich schon zur Sanftmuth und Einwilligung zu neigen schien, plötzlich einmal über das andere in einem Zorne auf, der jenem Wuthausbruche seines Sohnes in der letzten Nacht nicht unähnlich war, auch in so fern, als auch hierin ein innerster Seelenschmerz gemischt war, der es verrieth, daß der Pfarrer von einer tiefer liegenden Ideenverbindung dazu veranlaßt sein mußte.

Wegwerfend antwortete Johannes: Spinoza, den größten Philosophen der neuen Zeit.

Der Alte fuhr in seinem Tone fort: Sohn, Sohn, welcher Wahnsinn hat dich ergriffen? Soll ich rettungslos dich dem Verhängniß verfallen sehen? Ueber Spinoza, den Heiden, den Juden, verflucht selbst von Juden, Spinoza, den Atheisten, den Gottesläugner!

Halt ein, das ist nicht wahr, rief Johannes mit feuriger Erregung aus. Die wechselnde Welt leugnet Spinoza, nicht Gott. Wie willst du ihm das vorwerfen? Hast du ein Buch von ihm gelesen?

Behüte Gott mich, in ein gottloses Buch zu sehen! Der echte Glaube hat ihn von jeher verdammt. Zeit meines Lebens habe ich mich fern gehalten von allem Gifte des Geistes –

Und ist solch ein Urtheil, bevor du ihn gelesen hast, nicht ein Vorurtheil?

Vorurtheil? Sohn, Sohn, sagte der Pfarrer in fast weichem Schmerze, laß uns doch darüber nicht streiten. Vorurtheil oder nicht, darum handelt es sich ja nicht. O, wenn du wüßtest, ich urtheile nach einer Thatsache, nach einer Erfahrung, die alles Urtheil und Vorurtheil aufwiegt. Spinoza, glaub' mir's, beim Heile deiner Seele, das ist Gift, Verführung zum Unglauben, zum Hochmuth, zur Sünde, zum Selbstmorde.

Zum Selbstmorde! Vater, Vater, du treibst mich zum Selbstmorde! Der Unglaube wird mich nicht verderben, verdirb du mich nicht durch den Aberglauben. Ja, bei meiner Seele Heil, Vater, bring mich doch nicht zum Aeußersten. Mußt du denn mit Gewalt Allem die schlimmste Seite abzwingen? Es ist ja Alles gut, die schönste Hoffnung winkt mir, mein Lebensschiff sah ich einlaufen in den Hafen seiner glücklichsten Bestimmung – nur schenke mir den einen, den letzten halben Gulden!

Niemals, niemals! Das Heft her! schrie der Pfarrer.

Niemals, niemals! Das ist mein Eigenthum, antwortete Johannes jetzt, seinen Hohn nicht mehr bezwingend.

Sind alle Ermahnungen fruchtlos?

Sind alle Gründe vergeblich?

Sohn, du bist sinnlos!

Vater, du bist sinnlos – so fielen harte Worte und härtere Worte. Die dämonische Gewalt des Temperamentes, die sich in diesen verschlossenen Charakteren angesammelt hatte, war in beiden zu ungezügeltem Ausbruch entfesselt. Wie zwei Wesen, die kämpfen um Sein und Nichtsein, so standen Vater und Sohn einander gegenüber.

Das Heft, das Heft! Ich verlange es als dein Vater, forderte der Alte.

Ich behalte es als mein eigner Mann, antwortete der Sohn.

Nun denn, kreischte der Alte, matt geworden, wie wahnsinnig auf: nun denn, entziehst du dich den Bitten des Vaters, so lerne seiner Gewalt gehorchen! Das letzte Mittel bleibt mir noch – vor Gott habe ich dein Leben zu verantworten!

Damit war der Pfarrer aus dem Zimmer geschritten. Johannes blieb allein zurück. Der Rausch der vorigen Nacht war noch nicht ganz von ihm gewichen und hatte mit dazu beigetragen, seine Hitze zu vermehren. Aber er bereute seine Heftigkeit auch jetzt nicht, als er sich sammelte. Es war heute der letzte Termin, die Preisbewegung auf die Post zu geben, wenn sie zu rechter Zeit noch eintreffen sollte. Zu einem halben Gulden hätte er wohl kommen können, und wenn er seinen Rock verkaufen mußte; aber aus Trotz gegen den Vater entschloß er sich, den Brief unfrankirt abzusenden, auf die Gefahr hin, ihn unerbrochen wieder in seine Hände zu bekommen und so seine schönsten, seine letzten Hoffnungen vernichtet zu sehen. Es hatte dieser Entschluß für ihn etwas Befriedigendes: jetzt meinte er seinem Vater nichts mehr zu schulden; machte er dennoch durch die Arbeit sein Glück, so brauchte er es ihm nicht zu danken und scheiterte seine Hoffnung, so war sein Vater die Ursache davon und der Haß, den er mit einem Male so brennend in seinem zerstörten Herzen empfand, war ein gerechter.

Noch taumelnd, in fürchterlich wüstem, herzzernagendem Gefühle ging er zum Zimmer hinaus. Er wollte zur Post: er fand die Thür verschlossen. Er ging in seine Kammer hinauf; kaum hatte er die Schwelle übertreten und die Thüre an sich gezogen, so .wurde von Außen der Schlüssel umgedreht. Hinterlistig hatte der Alte in einem Verstecke ihn erwartet und dann, sobald er vorbeigegangen, in seinem Zimmer eingeschlossen.'

Dann that Wendelin etwas Unerhörtes. Er that es, weil das ganze Streben seines Lebens auf dem Spiele stand. Er ging in das nahe Städtchen und kam wieder mit dem Richter und dem Polizeidiener. Sie sollten seinem Sohne die gefährlichen verbotenen Schriften confisciren. Er machte sich über die richterliche Befugniß dabei eine falsche Vorstellung, aber der Beamte konnte auf das dringende Verlangen eines solchen Ehrenmannes wenigstens die Untersuchung vorzunehmen nicht unterlassen. Als man, die Treppe hinaufgestiegen, die verschlossene Thüre öffnete, war Johannes verschwunden. Das Fenster stand offen. Der Strick am Giebel verrieth, welchen Weg er genommen. Die Beamten durchsuchten die Kammer. In dem großen Bücherkasten obenauf fanden sie mit Staunen und mit Entsetzen den Priestertalar neben der Maske des krüppelhaften Glöckners von Notre-Dame. Der Polizeidiener erinnerte sich, beide Kleidungsstücke gestern auf dem liederlichen Balle gesehen zu haben; er hatte sie, als Teufelsanzug unter dem Priesterrocke, für einen Hohn auf Religion und Geistlichkeit angesehen. Man untersuchte weiter und fand eine Anzahl Exemplare einer verbotenen, kürzlich mit Vorrede herausgegebenen alten Schrift: de tribus impostioribus, deren Zweck es ist, Moses, Christus und Mohamed, auf eine Stufe gehörend, als Betrüger darzustellen. Nach dem Herausgeber und dem Verfasser der nicht weniger gotteslästernden Vorrede war schon lange vergebliche Nachforschung gewesen. Nach genauerem Suchen fand man ein von Johannes Hand geschriebenes und mit mannichfachen Ausbesserungen versehenes Manuskript dieses Buches, woraus für den Sohn des Pfarrers ein schwerer Verdacht hervorging, der Herausgeber der Schrift und Verfasser der Vorrede zu sein. Der junge Richter, der, um vorwärts zu kommen, durch möglichste Strenge strebte, seiner Regierung sich wichtig zu machen, erklärte die Verhaftung des Verdächtigten für unerläßlich. Als Johannes von der Post zurückkehrte, nahmen ihn die beiden an der Thüre des Hauses fest und führten ihn ab in die Untersuchungshaft.

Die Mutter fiel in Ohnmacht. Sie erholte sich von dem Schreck wieder zur Besinnung, aber nicht vom Gram zur Gesundheit. In heftigem Fieber wurde sie in ihr Bett getragen. Der Pfarrer behielt sein Bewußtsein und seine Gesundheit, aber ein Schmerz malte sich in seinem Antlitz, entsetzlicher als das Leid seiner Frau. Todtbleich war seine Farbe, tief eingefallen und umzogen seine erloschenen Augen; seine Züge waren unbeweglich erstarrt; und nur dann und wann von einer krampfhaften Bewegung durchzuckt, in der die Verzweiflung durch seine Ruhe hindurchzubrechen schien, sprach er vor sich hin: Oedipus? Oedipus?

In dieser Stimmung erhielt er, vom Forsthause zugeschickt, den Brief, in dem Werner um seine Tochter warb. Er las ihn. Sein Inhalt schien ihn nicht zu berühren. Wieder zusammengefaltet schob er ihn in die Tasche.

Sobald Martha vom Felde heim kam, rief der Vater sie ins Zimmer. Er schloß beide Thüren, zog den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn, zeigte ihr dicht vor das Antlitz die Unterschrift: Werner, und frug sie: Weißt du von dem Briefe? mit einem Ausdruck der Mienen, der ihr plötzlich die erschreckende Gewißheit gab, daß dieser Vater nichts von dem fühlen könne, was in ihrem Herzen lebte, was das Glück und die Nothwendigkeit ihres Daseins geworden war.

Neulich bei Werner's verstelltem Unglücksfalle hatte sie das erste Mal den Vater belogen, im Schreck, in der Uebereilung. Heute sagte sie mit kalter, ruhiger Ueberlegung, selbst zu unbefangenster, verwunderter Unschuld sich verstellend: Nein, lieber Vater! Was soll ich davon wissen?

Er drang in sie heftiger und heftiger; um so entschlossener, um so vollkommener war ihre Verstellung.

Dem düstern Tage im Hause folgte eine düstere Nacht draußen am Himmel. Der Wind ging stark und trocken, und ließ den Wanderer die Staubwolken, die er nicht sah, im Gesicht und in den Augen fühlen; in der Ferne an mehr als einer Himmelsgegend häufiges Wetterleuchten, die wogende Stromfläche, die man heftiger brausen hörte, zu erhellen.

Trotz des Stürmens huschte Martha's Kleid an der Kirche vorüber, dem Kreuze zu. Werner fing sie in seinen Armen auf.

Mein Vater wird mich dir nicht geben, sagte sie ihm; aber ich liebe dich, dich einzig und allein auf der ganzen Welt!

*

 

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