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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Vergißmeinnicht!

Das war ein erster Kuß!

Ein Kuß – was hatte dieses Mädchen sich davon für eine Vorstellung gemacht! Welche Gottlosigkeit, welche Entweihung, welche Sünde hatte sie darunter sich gedacht! Und nun sie – war es in einem genäschigen Gelüste, in einer übermüthigen Laune? Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu gekommen war; aber nun sie das Unglaubliche gethan hatte, was war es nun weiter als eben – ein Kuß! Sie fühlte es, sie hätte vor Scham und Reue vergehen müssen, und doch – sie konnte so ruhig, so wohlig in ihrem Herzen sich fühlen, wie nur je. Ja, je mehr sie über sich nachdachte, um so mehr schwoll ihr Herz, wuchs ihr Bewußtsein, daß sie so glücklich heute war, wie sie es noch nie gewesen. Ihr ganzes Leben war in einer neuen Bedeutung ihr aufgegangen: wie eine Offenbarung war es erleuchtend über sie gekommen. Jenes unaussprechliche Sehnen, jenes geheimnißvolle Sinnen, in dem sie stundenlang an jenem Kreuze in die Natur schauend, dahingebrütet, das als ein dumpfes, ahnungsvoll drängendes Gefühl meist mit Bangen einen großen Theil ihres Wesens erfüllt hatte, das war jetzt wie durch den zündenden Blitzstrahl eines einzigen Gedankens zu freudigem, hellem Bewußtsein verklärt. Martha hatte noch nie über den ästhetischen Reiz der Natur reden hören, so tief sie ihn empfand; und so hatte das Wort jenes Fremden, sein Vergleich der Natur mit dem Menschenleben – nicht viel mehr als eine Salonphrase, die als solche in jedem Salon verhallt wäre, in ihr hatte das ein neues Dasein geweckt: ihr Sinnen war zu Gedanken, ihr Sehnen zu Worten entbunden. Eine neue Sphäre der Anschauungen ging ihr in ungeahnter Fülle und Klarheit auf, so hoch erhaben wie das Heiligthum der Religion, und so nah und vertraut wie das irdische Leben. Sie war so froh ihres Daseins und ihrer Unschuld so bewußt, daß sie ihre Eltern, denen sie es verdankte, hätte aus dem Schlafe wecken mögen, um sie zu umarmen und zu küssen.

Als sie mit solchen Empfindungen auf ihr jungfräuliches Lager sank, da kam ihr in den Sinn, wie der Fremde, der auch das Heiligthum der Natur kannte, es doch so anders verstand; sie hatte bei ihrem Verständniß ihr Glück erst erkannt und er– ein Unglück; sie fühlte beim Anblick des Stromes die Sehnsucht in die Weite, er die Sehnsucht nach Ruhe. Sonderbarer Mann, der über Natur, Leben, Herz und Welt sprach, wie sie noch nie sprechen gehört – wo kamst du her? Was hattest du erlebt? Was hatte dich ermüdet, daß du nach Ruhe verlangtest? Ruhe? Wo wolltest du sie finden? Hier am Rhein? Hier bei uns, bei mir?

Sie mußte über sich selbst lächeln. Ruhe bei ihr! Was konnte er von ihr wollen, was konnte sie ihm sein! Und dennoch stellte ihrer Phantasie sich unwillkürlich das Bild dar, sie lege die Hand sanft auf seine schöne Stirn und frage ihn: Was fehlt dir? Was kann ich dir thun? Und es war ihr dabei so heilig zu Muthe, wie bisher nur selten in der Kirche, wenn sie dachte, daß der Erlöser für sie und für alle Menschen gestorben sei und lebe. Sie faltete die Hände und betete, ihre Seele war hoch emporgetragen – es schwindelte ihr und sie sank in sanfte Träume zurück.

Sie erwachte mit ruhigem Herzen, getrost dem bedeutungsvollen Tage entgegensehend. Nachdem sie ihr Morgengebet verrichtet hatte, sah sie mit gefaltenen Händen zum Fenster hinaus nach der Gegend des Stromes und dachte: Nun ist er wohl schon weit dort hinab, wo auch der Rhein hinfließt. Und des Abends, wenn sie allein sein konnte, wollte sie auch wieder dort hinabschauen und an ihn denken.

Als sie nun ins Haus hinabging, welcher Feiertag erwartete sie da! Nichts durfte sie heute in der Wirthschaft anrühren; keine Stube auskehren, keinen Kaffee kochen – sie war die Ehrenperson des Hauses. Wie die Sonne so majestätisch emporstieg, wie der Himmel so feierlich herniedersah, schien da nicht die Natur ihr zu Ehren im Sonntagsgewande sich zu zeigen? Und als die Glocken ertönten, als die Mutter mit Thränen im Auge und der Vater im schwarzen Talar ihr entgegentraten, da mußte sie denken: O, du guter Gott, wie lieb mußt du alle Menschen haben, daß du mich unbedeutendes Kind solcher Ehre würdigst!

Sie gingen alle zusammen in die Kirche, der Vater voran; Mutter und Tochter folgten ihm. Hinter diesen Johannes, der sich mürrisch in seiner steifen weißen Halsbinde nicht zurecht finden konnte, und Andreas, der mit Kreide und großer Mühe die Feierlichkeit seiner Toilette hergestellt hatte.

Martha grüßte so freundlich und unbefangen um sich her; da sie die älteste der Confirmanden war, so stand ihr eine gewisse Herablassung wohl zu. Sie fühlte sich so recht behaglich in ihrer Würde, als sie in der Kirche dicht vor dem Altar als die Erste ihren Platz einnahm. Das neue weiße Kleid, reicher, faltiger, als ihre andern, der Rosa-Gürtel, die frischen Blumen an ihrem Busen – sonst durfte sie keine tragen – kurz jenes weit über der Eitelkeit stehende Bewußtsein, daß ihr Inneres mit dem Aeußern übereinstimme. Gleich rein, feierlich, jungfräulich, ja bräutlich, denn der Vater nannte sie ja eine Braut, die an den Altar tritt, dem Herrn verlobt zu werden – das Alles versetzte sie in eine so recht harmonische, ebenso himmlische, als irdische Heiterkeit. Aber plötzlich schreckte Eins sie daraus auf: es war nur ein Blick, der ihr begegnete, aber, wie es ihr schien, ein innig entgegenflammender, ein trotzig verlangender Blick, ein Blick des Mannes, gegen den sie gestern, im Glauben, ihn zum letzten Male zu sehen, sich die erste weibliche Freiheit gestattete, und der jetzt hier war, vielleicht herausgefordert durch diese Freiheit, vielleicht auf Rechte pochend, die er dadurch erlangt zu haben meinte.

Sie hatte eben, wie bei der langsam getragenen Melodie des Kirchgesanges wohl so mancherlei Bilder Zeit gewinnen, aus den Buchstaben des Liederbuches herauszutreten – so hatte sie eben auch sich als Braut gesehen, als weltliche Braut, und da sie sich frug: die Braut wessen? konnte sie sich keine Antwort darauf geben, sie wußte niemand, niemand, als dessen Braut sie sich hätte denken können und mögen. Da trat denn wieder das Bild Werners vor ihren innern Sinn, wie sie segnend die Hand auf seine Stirn legte. Und in dem Momente, wo sie sich auf dieser Unaufmerksamkeit, auf diesem weltlichen Gedanken ertappte und ihre Einbildungskraft in ihre Schranken verweisen wollte, da trifft sie sein Blick und der Schreck über die Schlüsse, die an seine Erscheinung sich anreihend mit der Schnelligkeit der Gedankenfolge in ihr auftauchten.

Als sie dieser Erschütterung ihrer Andacht fliehen wollte, wohin konnte sie fliehen, als zu den Worten der Predigt, die der Vater eben begann über den Text aus dem Jesajas: Wehe Denen, die da ziehen die Sünde wie einen schwachen Faden; wie ein Wagenstrick ist dann das Laster! Er sprach von der Keuschheit, der Kindesliebe und dem Gehorsam, er sprach von dem Gelüste des Herzens, das sich zu erheben strebt gegen die Gebote des Herrn, von der Pflicht der Menschen, ganz der Welt abzusterben, ganz dem Herrn zu gehören. Und wie sie ihn nun mit den ehrwürdig finstern eingefallenen, geliebten Zügen, die magern knochigen Hände beschwerend gen Himmel erhoben, mitten unter den jugendlichen feiertäglichen Gestalten in dem abstechend schwarzen Talare erblickte, da mußte sie sich sagen: der Zorn über die Sünde, die aus seinen farblosen Augen sprühte, aus seiner mächtig erhobenen Stimme donnerte, hätte er nicht sie vor Allen treffen und niederschmettern müssen?

Gieb dem Teufel nur einen Finger und du gehörst ihm ganz mit Leib und Seele. So predigte er, und weiter: Das eben ist die verführerische Kunst des Bösen, daß sie mit schmeichlerisch Kleinem, mit scheinbar Unschuldigem beginnt, aber ohne Aufenthalt reißt sie dann zum Unerhörten fort. Du kannst nicht einmal fehlen, ohne nicht ewig zu fehlen, und mit dem ersten Sündenfalle fiel das ganze Menschengeschlecht. Mit einem Blicke fängt die Verirrung an, die die Jungfrau bis zum Auswurf der Gesellschaft führt; es war zuerst nur ein Heller zu viel verspielt, der den Leichtsinnigen zum Raubmorde getrieben. Darum nur diesen einen ersten Blick, diesen ersten Fehltritt vermieden und du wirst gerettet sein vor aller Verführung – Gott und der Tugend gehört dein ganzes Leben!

Helle Thränen strömten aus den überwacht leuchtenden Augen über das rosig zarte Angesicht; gewaltsam hob und senkte sich der Busen unter dem frischen Sträußchen von Veilchen und Thymian duftend. Sie weinte, aber wohl nicht aus Zerknirschung, nicht aus Reue über eine Schuld; sie weinte darüber, daß es eine Sünde sein mußte, wenn ein Herz seines Herzschlages, ein Auge seines Blickes in Gottes Schöpfung sich erfreute. Und doch mußte sie sich sagen: Wenn auch das keine Sünde war, aber die Sünde folgt daraus. In der Kirche steht das Bild des fremden Mannes vor dir, ihn selbst locktest du herbei und unwiderstehlich drängt mit seinen Blicken sich die Verführung dir auf. O, der Vater hatte recht: Nicht das Gethane war das Uebel, aber Das, was auf der Ferse folgte in ununterbrochener Kette. Sie warf ihr Herz nieder vor ihrem Gott und betete zu ihm, daß er sie befreie von diesen fremden Gedanken. Und wenn sie von neuem dann seinem bis ins Herz ihr dringenden Auge begegnete, dann weinte sie heftiger und heftiger, sowie es noch nie in ihrem Busen gestürmt und getobt hatte. Wenn sie sonst von jenem Kreuze in den Rhein hinab auf das Wallen ohne Unterlaß geblickt hatte, dann dachte sie wohl, so wie dort wallt es auch in deinem Herzen, und die Hand an die Brust legend, fühlte sie, wie das immer und immer wieder pochte und pochte, und sie lächelte dann neugierig und zugleich verwundert. Aber heute war ihr so angst und weh, als wenn ein Gewitter über ihr braue und der Strom gestaut werde von seinem Drohen. Des Vaters Worte trafen sie wie Blitze; der Orgelklang erschütternd wie Donnerdröhnen, der Gesang der Gemeinde wie ein entsetzliches Angstgeschrei – ihr war, als wenn das Blut stocke in ihrem Herzen und sie daran ersticken müsse. Das war ein Tag, das war ein Einsegnungstag!

Und doch war es ein Tag wie alle Tage, und vielleicht schöner als je ein Tag. So wahrhaft sonntägig glänzte der prächtig blaue Himmel über der Erde; so feierlich still strahlte die goldne Sonne in die Welt hinein und heiter lächelnd grüßte dazu von allen Seiten der junge Frühling im frischen grünen Gewande.

Wer konnte zweifeln an Gottes Güte an solchem Tage? Alle, die sie in der Kirche geweint hatten gar reichliche Thränen, sie trockneten die Augen wieder, um dieses Licht mit vollen Zügen einzusaugen. Das kindlich fromme Gemüth, das Sonntags in der Kirche bei dem Gedanken des Unendlichen erinnert wird an seine eigene Vergänglichkeit und daran, wie es sein eignes Sein so wenig versteht, nicht wissend, woher es kommt, noch wohin es soll – was hat es anders als Thränen diesen unbeantworteten Fragen gegenüber? Aber diese Thränen, sie sind glücklicherweise nur der Sonntagsschmuck, runde Perlen, die rasch und leicht hinwegrollen über die Wangen. Wenn dann auf dem Gange aus der Kirche die unveränderte Natur und die gewohnten Nachbarsgesichter grüßend entgegentreten und die alltägliche Arbeit die Sinne in Anspruch nimmt, dann ist die Seele wieder beruhigt, sicher und befriedigt in der Behaglichkeit irdischer Beschränktheit.

Martha's Andacht war eine andere. Alles, was sie seit gestern empfunden, war für sie etwas noch nicht Gekanntes, auch ihr heutiger Schmerz war ein neuer, ein in ihrem Leben Epoche machender. Aber auch sie wurde gefaßter, als sie aus dem Tempel in das Haus trat. Schon der Segen des Vaters hatte ihr am Schlusse des Gottesdienstes das Bewußtsein gegeben, daß sie ja noch nicht der Verführung verfallen sei, und daß der Herr ihr die Kraft geben werde, auch fernerhin vor ihr sich zu retten. Zur Prüfung ihres starken Willens floh sie hastig über den Kirchhof, um Wernern nicht zu begegnen, und als sie in das festlich wohlgeordnete Wohnzimmer trat, welche Wohlthat war es da für sie, mit Dorette, die heute im Hause bei der Wirthschaft half, ein paar Worte zu wechseln und wieder menschlich zu reden! Sie glaubte von einem bösen Traume wieder zu erwachen, all diese Gewissenspein war nur ein Alpdrücken gewesen; sie war noch unschuldig und die Welt noch heiter, wie sie beide es bisher gewesen. Sie legte die Hand ans Herz und konnte lächeln, wie sie es klopfen fühlte.

Sie konnte mitlächeln, als die mokante Dorette, zum Fenster hinaus auf die Kirchgänger schielend, sagte: Wie possirlich doch die Burschen aussehen mit den langen neuen Röcken und den großen Hüten! Man sieht's ihnen an, daß sie noch nachwachsen sollen, ehe sie beide ausfüllen. Da lob' ich mir die Dirnen; da ist doch jede schon was Complettes. Aber die schmuckste von allen ist doch Jungfer Martha. Solch ein apartes Schönheitchen ist wohl lange nicht confirmirt worden. Ja, es hat doch auch was für sich, so spät confirmirt zu werden.

Martha frug, in der That beschämt und fast erschreckt, ob sie wirklich eine Schönheit sei, und als Dorette es ihr nochmals bestätigte, alle Leute weit und breit sprächen davon, da sagte sie besorgt: Ist es denn wahr, was der Vater sagt, daß es ein großes Unglück für ein Mädchen ist, wenn es schön ist?

Da wußte Dore nun mit wirklicher Entrüstung eine deutliche Antwort darauf. I du mein lieber Herrgott, rief sie aus, das sollte mir eine Mannsperson ins Gesicht sagen, und wenn's der Herr Pfarrer selber wäre! Das ist auch so eine Schrulle von ihm. Dein Vater mag in seiner Art ein sehr gescheudter Herr sein, aber was die Weibsleute betrifft, da könnte er von vorn zu studiren anfangen. Das ist ja eine Sünde gegen den Herrgott selbst! Wo giebt's denn für ein Mädchen noch eine größere Gnade, als eine Schönheit zu sein. Eine Schönheit, das ist eine Freude für alle Welt und für eine Schönheit kann man Alles haben auf der ganzen Welt, Rang und Ehre, Perlen, Geld und Seide.

Weißt du, antwortete Martha, aus alledem möcht' ich mir gar nichts machen.

Aber noch eins, erwiderte Dore, kann man davon haben: einen schönen gescheudten Mann und zeitlebens seine Freude und sein Glück mit ihm, wie zum Exempel, der fremde Herr Werner ist, mit seinem prächtigen Auge und dem prächtigen Gange und der vornehmen Sprache. Das wäre nicht das erste Mal in der Welt, daß so ein Herr in ein armes Mädchen sich verliebt hat. Unsereins, die muß nehmen, was sie bekommt; eine Pfarrerstochter aber, die kann sich schon einen aussuchen. Und was sagst du, möchtest dir aus so einem Manne auch gar nichts machen?

Ach, wo wäre denn das möglich! – sagte Martha, in ihrem Sinnen es abweisend, dann aber fuhr sie unwillig fort: Das ist recht garstig von dir, am heiligen Einsegnungstage Einem solche Dinge einzureden.

Was ein Mädchen für einen Mann bekommt, ist das nicht ein heilig Ding? Hängt davon nicht ihr Seelenheil ab? Und grad von heut an mußt du daran denken, daß du keine Zeit verlierst. Glaub' mir nur, so ein Mädchen wie du, kann nicht hoch genug denken. Ja, blos schön sein, das kann Unglück bringen; aber damit's Glück kommt, muß man dazu noch eins sein: gescheudt! Verstehst mich?

Auch dieses Gespräch, so fern es ihrem Sinne lag, trug doch dazu bei, ihr Herz zu erleichtern. Als sie Werner jetzt mit der Försterfamilie über den Kirchhof gehen sah – er trug einen Strauß im Knopfloch, bei dem sie dachte, dort möcht' ich meinen Strauß wohl sehen! – da war sie so ganz der Angst los, die sie in der Kirche befallen hatte. Sie mußte sich sagen: Schlimmes ist ja nicht geschehen, und wenn unerhörtes Glück geschehen sollte, ei, so wäre es ja auch kein Unglück, wenn es nur erst geschehen wäre! Und es überkam sie eine solche Zärtlichkeit, eine solche Liebe zur ganzen Welt, daß sie ihren Myrthenstock am Fenster, den die Mutter zu ihrem ersten Geburtstage gepflanzt hatte, um ihren Brautkranz zu ziehen, küssen mußte und hinausgrüßen zu den grünen Bäumen und dem blauen Himmel. Kennt ihr mich noch, so sagte sie um sich blickend, ihr seht mich ja heute zum ersten Male! Denn jetzt bin ich eine ganz andere, eine ganz neue Martha; ich bin jetzt geweiht von dem Gotte, der die Liebe ist. Heute ist er eingezogen in mein Herz; von nun an wohnen nur Frömmigkeit, Glück und Freude hier. Wir werden jetzt Alle ewig glücklich sein. Mit dieser Fülle der Empfindungen fiel sie den Eltern um den Hals, die nach Begrüßung der Nachbarn nun auch hereintraten; aber wie wurde sie jetzt aus allen ihren Himmeln gerissen!

Johannes hatte ihr zum Gruße – er grüßte sie sonst nie – nur die Hand gedrückt und gesagt: Guten Tag, Schwester. Andreas gefiel sich, mit vertraulichem Lächeln einen weitschweifigen auswendig gelernten Glückwunsch darzubringen. Als der Vater seinen Talar abgelegt hatte, die Hände sich reibend, wie er stets that, wenn er zornig war, fuhr er sie barsch an: Der Strauß? Wo ist der Strauß geblieben?

Martha wußte im ersten Augenblicke nicht» was er wollte; dann senkte sie ihre Blicke auf das Mieder und gewahrte erstaunt, daß ihr Strauß fehlte. Sie bezeugte ihre Ueberraschung. Der Vater hielt es für Verstellung. Er fuhr heftiger in sie; als sie dabei bleiben mußte, nicht zu wissen, wohin der Strauß gekommen sei, brach er los, er wisse Alles, er wisse, wer den Strauß von ihr bekommen habe, er wisse, mit wem sie gestern geliebäugelt habe. Andreas hatte sich an Martha und Werner gerächt, den Pfarrer nach der Kirche auf den Fremden aufmerksam gemacht, der Martha's verlorenen Strauß aufgehoben hatte, und ihm, wie aus Gutmüthigkeit und Stolz entdeckt, welche Artigkeit derselbe gestern seiner Muhme erwiesen habe.

Gegen den empörten Pfarrer war nun kein Wort der Entschuldigung, der Aufklärung vorzubringen. Kaum ist sie confirmirt, fuhr er fort, so fangen schon die Manieren der Frauensleute an. Aber woher kommt das, als von dem feinen Kleide, dem busigen Schnitte, den Blumen im Haare!

Die Mutter wollte sie entschuldigen: Sie soll keine Blumen tragen? Was ist denn dabei für eine Sünde? – Er fuhr sie an: die daraus werden kann! Habt ihr es so verstanden, was ich heute in der Kirche euch ans Herz gelegt habe? Die Blumen, die sind freilich keine Sünde, aber unter ihnen birgt sich die Schlange der Verführung, und aus den Blumen kommt nicht nur Honig, auch Gift und betäubender Duft, der böse Träume macht. Ich mag einmal die Blumen, den Firlefanz, den Putz nicht leiden! So rief er, immer heftiger werdend, aus und stieß im höchsten Zorne den Myrthenstock, der am offenen Fenster stand, hinaus, sodaß man draußen auf den Steinen das Gefäß zerschellen hörte.

Mutter und Tochter schrien laut auf. Es giebt einen Glauben, daß, wenn ein Myrthenstock mit solcher Bestimmung verdorre, das Mädchen, für das er gepflanzt ist, nie einen Brautkranz tragen werde.

Der Pfarrer ging nun, seine Aufregung in sich hineinmurmelnd, im Zimmer auf und ab. Er mochte fühlen, daß er zu weit gegangen; aber er wußte noch nicht, wie sich sammeln und einlenken. Andreas räusperte sich, um sein seidnes Taschentuch zu zeigen und nichts sagen zu dürfen. Johannes sah zum Fenster hinaus und hetzte mit einem: Kisch, kisch! den Hofhund draußen an, der gegen die Katze auf der Lauer lag. Der Pfarrer sah ihn wüthend an, aber er sagte nichts, er hätte sonst vor Andern diesen Hohn auf sich bezogen.

Die Frau sah mit ihren gramverzehrten Mienen gen Himmel. Martha hielt sich an einem Stuhle; sie glaubte innerlich zusammenzubrechen. Schon aus ihrer Kindheit her hatte sich der Glaube oder Aberglaube bei ihr eingenistet, der ihre Freude mit Wermuth trübte, ihrem Schmerze die Härte eines unerbittlichen Geschickes gab, daß jedesmal, wenn ihr Herz sich hob in freier ungezügelter Lust, dann ein Schlag es treffen müsse, der es in sich selbst zur Trauer zurückschmettere. So hatte sie, in sich gebückt dahingelebt, ängstlich es vermieden, dem Drange ihres seltsam erregbaren Herzens sich hinzugeben; aber heute endlich hatte sie nicht widerstehen können, fortgerissen von der Feier des Tages, der Entfaltung ihrer eignen Schönheit, der Erwartung des Lebens, das ihr entgegenlachte und von dem Reize, den die Verehrung des ersten und eines solchen Anbeters ihr gewähren mußte – von alle Dem fortgerissen, hatte sie heute endlich einmal gewagt, in vollster Lebenslust aufzujubeln und wieder hatte auch schon das kalte, grause Schicksal über ihr warmes Herz gegriffen. Sie durfte also wirklich niemals glücklich werden. Es war ein Schicksal, mochte es von Gott, von der Vorsehung, vom Zufall kommen, sie mußte sich ihm beugen. Sie weinte nicht, sie klagte nicht; nur die Hände ließ sie ermattet sinken und wünschte, sie könnte das weiße Feierkleid mit dem Rosa-Gürtel ablegen. Im dunkeln Wochenkleide hätte sie es wohl ertragen können, aber wozu so festlich aussehen, wenn man es innerlich nicht sein darf. Ach, für Feierkleider und Feierstimmung ist die Welt nicht da!

Und bei alledem wußte sie nicht, welche Bestimmung noch über ihrem Haupte schwebte, sie wußte nicht, weshalb sie gerade diese Feierkleider erhalten und anlegen gedurft – sie wäre sich sonst wie ein Lamm vorgekommen, das man schmückt, um es zu opfern am Altare. Ihren Einsegnungstag hatte der Vater zu ihrem Verlobungstage festgesetzt – er hatte sie als Braut dem Vetter Andreas bestimmt. Deshalb hatte er seine Tochter so lange als Kind behandelt, so lange ihre Confirmation aufgeschoben, um sie keinen Augenblick der Selbständigkeit als Mädchen zu überlassen, sondern sobald sie als Jungfrau vor der Welt auftreten mußte, ihr Lebensschicksal zu bestimmen und sie einem Herrn sie anheimzugeben. Der praktische Andreas hatte es längst auf das schöne Mädchen und die paar Tausend Thaler des Pfarrers, die er ihr allein vermachen wollte, abgesehen und sich des Alten Vertrauen in hohem Grade erworben. In ihm sah er das Bild des ehrbaren, tugendhaften Mannes und öfter als oft genug hatte er seinem Sohne dieses Beispiel vorgehalten und gesagt: Dieser hier ist nicht auf der hohen Schule gewesen, hat nicht alle Jahre achtzig Thaler baar bekommen, sondern auf seinem Dorfe hat er gelernt, was er lernen konnte, und wie beschämt er dich nun! Er, sein eigner Mann, der auf sein Amt sein Haus sich gründen kann, und du, der du dich weigerst, oder nicht fähig bist, deine Bestimmung zu erfüllen, gleichst du nicht den Krüppeln und Blödsinnigen, die die Gemeinde ernähren muß? Johannes antwortete zwar oft: Schon wurde in Gold und Silber gefaßt, was der Bauer als einen Kiesel fortwarf; aber – er glaubte wohl selbst nicht mehr recht daran und konnte nichts, als einen unbesiegbaren Groll gegen den Vetter in sich verbergen.

Deshalb nun war Andreas zum heutigen Festtage in dieser neuen Garderobe, dieser musterhaften Toilette erschienen. Aber er mußte vor Tische, während des Tisches und nach Tische, bis zum Kaffee selbst, vergeblich auf die Vollziehung der Feierlichkeit warten. Der Pfarrer hatte es ihm früher schon angedeutet, daß der heutige Tag dazu bestimmt, aber nun es dazu kommen sollte, da war er in der festgewurzelten Regelmäßigkeit seines Familienlebens so befangen, daß er in einen so außerordentlichen Act sich nicht finden konnte; er stand allen Gliedern seines Hauses, wie sie wieder untereinander, in einer solch schroffen, kalten Abgeschlossenheit gegenüber, daß er nicht wußte, wo er zu einer Ceremonie der Festlichkeit und Beglückung das herzliche Wesen hernehmen sollte. Schon vor der Kirche war er deshalb verlegen gewesen; jetzt aber, wo er in seiner strengen Heftigkeit sich hatte fortreißen lassen, wo er seine Tochter so fremd, so leidend, so empfindungslos, bei aller Sanftmuth einen gewissen Trotz doch nicht verbergend, seinen Blicken ausweichen sah, jetzt war es ihm unmöglich, seine väterliche Sorgfalt ihr kund zu thun. Er konnte nicht als zärtlicher Vater auftreten; noch nie hatte er es gefühlt und es schmerzte tief sein Herz. Für heute aber vermochte er nicht mehr es zu ändern und versank in finstern Unmuth.

Beim Mittagstische saßen diese Menschen mit aller Würde, aber ohne ein einziges Wort der Unterhaltung. Beim Aufstehen dankte man dem Herrn – wofür? Man hatte sich eben nur satt gegessen.

Nach Tische saß man im Kreise zusammen, mit eben der Würde und eben der Schweigsamkeit. Andreas, der Einzige, der es sonst verstand, sich niedlich zu machen, den Frauen sittsame Scherze zu erzählen, den Pfarrer auf die Geschichte der Reformation zu bringen, schwieg heute aus Bosheit; da er in seiner Erwartung sich getäuscht sah, hatte er seine Schadenfreude an der allgemeinen gedrückten Stimmung. So früh als nach der Hausordnung möglich brachte die Pfarrerin den Kaffee, und da endlich wurde man von der Nothwendigkeit dieses traulichen Beisammenseins erlöst. Lenette kam, Martha und Andreas zum Spaziergange an das Wasser abzuholen. Auf des Letztern Verwendung gab der Vater, der sanft sein wollte, seine Einwilligung. Dann lud er den Neffen ein, mit mehr befehlendem als ersuchendem Tone, den nächsten Sonntag wieder sein Gast zu sein, und nahm von ihm Abschied, da er vom Spaziergange aus sich gleich auf den Weg nach seinem sechs Stunden entlegenen Gute begeben konnte.

Bei der Gesellschaft, die am Ende des Kirchhofes die Beiden erwartete, war wiederum Werner. Er hatte dem Förster sein schönes Windspiel, das unter Kennern ein Häuflein Gold werth war, zum Geschenke gemacht, und dieser, erfreut, einen so angenehmen Gesellschafter zu haben, der ihn vor dem Verbauren in der Einsamkeit schütze, hatte ihn gebeten, so lange zu bleiben, als es ihm gefalle. Die Amtsgeschäfte, von denen Werner gesprochen, mußten ihm doch weniger wichtig sein, als dieser Aufenthalt angenehm; er blieb.

Andreas, der Martha nicht aus den Augen ließ, meinte, die Lection heute habe genützt. Sie sah mit keinem Blicke Werner an, drehte ihm meist den Rücken und behandelte ihn mit unverkennbarer Misachtung. Aber die beiden Geschlechter sind einmal geschaffen, einander auszuforschen, und auch ohne ein Wort, ohne einen Blick des Einverständnisses zu wechseln, hatten sie beide geahnt, was in des Andern Innerem vorging.

Auch Werner war seit gestern verändert. Ernste und poesievolle Gedanken waren ihn überkommen. Er gehörte zu den Naturen, die mehr als andere durch Trieb und Fähigkeit auf die Kenntniß des andern Geschlechtes und die Mittheilung mit ihm hingewiesen sind. Er hatte in der »großen Welt« einen großen Theil seines Daseins, der vielleicht der beste desselben bleiben sollte, verwendet, die Reize des weiblichen Wesens zu genießen und zu ergründen, und nun mußte er hier, auf das Dorf gekommen, sich sagen, daß dessen höchster, reinster, wahrster Zauber ihm bisher fremd geblieben. Er hatte, ebenso wie er die Natur verachtet, so auch die jungen Mädchen für insipide, ennuyant, der Beachtung nicht werth gehalten. Er hatte in der Mädchenhaftigkeit, diesem zurückhaltenden und doch ahnen lassenden, in sich ruhenden und doch sehnsuchtsvollen Wesen nichts Anderes sehen wollen, als die durch Erziehung und Instinct angelegte Maske, die Mangel an Esprit und das oft wohl sehr wohlbegründete Verlangen, versorgt zu sein, bedecken solle. Nur das Weib als selbständiges Weib, als Charakter, als entgegentretende Individualität war ihm interessant gewesen, und diesem Interesse hatte er die schönsten Huldigungen seines jungen Herzens geopfert, bis er, betrogen und verrathen, im Unmuth mit all jenen Kreisen und Verhältnissen gebrochen hatte. Auf dieser Flucht begegnet ihm Martha, und als er nun ihr doppeltes Wesen, diese Schüchternheit und diese Unbefangenheit, dieses Leiden und diese Hast verstanden hatte, da schaute er hier den seltenen Schatz vereinigter weiblicher Reize, jene Mädchenhaftigkeit, die ein reiches, individuelles Leben barg, eine Knospe, die zur Blume aufbrechen wollte; und er ahnte in der unscheinbaren Hülle die wundervolle blaue Blume der Romantik, das Duften eines unbewußt unvergänglichen Naturlebens, das Dahinträumen einer Lebenskraft, die zum Genie eines weiblichen Herzens erweckt werden wollte.

Andreas wich nicht von Martha's Seite und verließ sie nicht eher, als bis er unter irgend einem Vorwande mit ihr ins Pfarrhaus zurückgekehrt war.

Seine Peinlichkeit aber wäre kaum nöthig gewesen. Martha hielt sich aus eignem Willen von dem Fremden fern. Am andern Tage gegen Abend hatte Lenette sie wieder zum Spaziergange eingeladen, aber obgleich sie Gelegenheit hatte, aus dem Hause zu gehen, ging sie doch nicht. Sie fühlte sich krank und glaubte, sie müsse sterben, wenn sie noch einmal aus solcher Freude in solches Leid zurückgeschleudert werde. Sie nahm sich vor, nie wieder glücklich zu sein. Aber ihr wurde nicht besser dadurch; ihr Leiden kam aus dem Herzen und am Herzen hängen beide, Leib und Seele. Je länger sie litt, um so schwerer litt sie. Die Mutter versuchte ihren Sinn zu erheitern durch die Hindeutung darauf, daß der Vater durch Verlobung mit dem prächtigen Andreas ihr Lebensglück begründen wolle. Welcher Riß ging da plötzlich durch ihr einiges Dasein hindurch! Sie war festgewurzelt, wenn nicht in der Liebe zu den Eltern – sie fühlte jetzt, daß das nicht wahre Liebe sei – aber in dem Gehorsam, in der Achtung und Dankbarkeit zu ihnen, und doch riß sie von dort heraus jede Faser ihres Herzens, die das Recht ihrer Freiheit mit dem Bewußtsein ihres Empfindens in sich trug. In entsetzlicher Qual zog es sie hierhin und dahin; wenn sie leben, wahrhaft leben wollte, konnte sie es nur mit diesem Bruche ihres Wesens; so wollte sie denn nicht leben, sie wollte Allem entsagen, nur dumpf dahinbrüten, ohne Liebe, ohne Haß, nur da sein – das konnte der Vater ihr doch nicht verwehren; einen ungeliebten Mann zu lieben, konnte er sie doch nicht zwingen. Und wenn sie in nonnenhafter Abgeschiedenheit das Leben dahinbrachte, war das nicht die treuste Erfüllung seiner eigenen Grundsätze?

So suchte sie ganz der Freude abzusterben und nur eine tiefe Wehmuth war es noch, was dann und wann von Lebensempfindung wie ein erlöschendes Flämmchen matt in ihr aufloderte. Dann nahm sie den Myrthenstock, dem beim Sturz aus dem Fenster der Stamm mittendurch geknickt war, und wand sich einen Kranz aus seinen Zweigen und küßte diesen – ohne Thränen. Als sie zur Ruhe ging, setzte sie ihn auf das Haupt und dachte sich so als Leiche im Sarge liegend.

Sie hatte wieder den Kranz in Händen und fühlte sich so müde, daß sie meinte, nur eine ewige Ruhe könne sie erquicken, als Lenette am Sonnabend Nachmittag zu ihr in die Kammer trat und sie himmelhoch bat, sie möchte mitkommen auf den Buchforst; sie machten einen Spaziergang mit der Mutter und mit ihrem Gaste – der wäre ein so vortrefflicher lieber Mann, wie sie noch nie einen kennen gelernt. Er wolle morgen ganz bestimmt fort aus der Försterei und nur noch einmal Martha sehen, um zu wissen, ob sie ihm auch nicht böse sei. Er hat versprochen, so schloß sie, er wolle heute einmal so munter sein, wie die Vögel im Walde, wenn sie auf die Wanderung gehen, und wir alle sollen es mit ihm sein.

Da konnte Martha nicht widerstehen. Sie fühlte, wie es in ihrem Herzen aufjubelte – es war ihr, als sei dadrin die Seele solch eines Vögelchens gefangen, das sich die Flügel an seinem Kerker zerschlägt, wenn es die Schwestern in die ferne Heimath davon ziehen sieht. Mit derselben Heftigkeit, mit der der Schmerz in ihr gewüthet hatte, zog das Verlangen nach Freude wieder hindurch. Weil sie es für das Leben nicht konnte, sollte sie darum für diese Stunde nicht noch glücklich sein? Sie wollte noch einmal, noch das letzte Mal schrankenlos heiter sein und dann entsagen Allem für immer. Sie ging mit.

Höher in die Berge hinauf führte der Pfad, dorthin, wo die Sonne nicht mehr mächtig genug wirkt, um Wein zu ziehen, wo herrliche Forsten die Thäler mit duftigen Schatten erfüllen und auf den Höhen sich lichten zu unbegrenzten Fernsichten. Einen solchen Ort wählte man nach einem mühelosen Gange zum Lagerplatze. Werner hatte die Gesellschaft für eine Räuberbande erklärt. Ein freies Leben führen wir, sang er mit den nöthigen Varianten, und schlug ein Zelt auf, indem er die großen Umschlagetücher der Mädchen gegen die Abendsonne an die niedrigen Aeste einer alten großen Eiche hing. Aus ihren Pompadours holten Lenette und ihre Mutter Brot und kalten Wildbraten; auch zwei Flaschen Wein erschienen und nun begann das echte Räuberleben. Werner nannte sich den Hauptmann und die Mädchen geraubte Jungfrauen, die er aber als ein echter Romanräuber durch seine Galanterie für sich und sein Nomadenleben gewinnen wolle. Er brach Zweige vom Baume und bog sie zu Kränzen, die er den Mädchen mit phantastischem Geschmack auf die Scheitel setzte. Lenette, da sie selbst als Räubermutter mit dem Tranchiren des Bratens durch ein großes Jagdmesser beschäftigt sei, verlangte von Martha, sie solle jetzt den Hauptmann bekränzen. Sie weigerte sich, von ihrer drückenden Trauer noch nicht befreit; aber als Helene sagte: Heute gilt Alles! da erwiderte sie: Aber auch nur für heute! sprang plötzlich hastig auf und suchte lange nach dem schönsten Zweige; immer war ihr keiner schön genug, endlich raffte sie eine Epheuranke, eine immergrüne, wie Lenette bemerkte, auf und wand sie Werner über seine schöne Stirn. Er küßte ihr dafür, trotz ihres Sträubens, nicht ohne Zärtlichkeit die Hand. Da bemerkte er, daß sie sich einen Splitter in den Finger gerissen. Mit den Zähnen zog er ihn heraus, sog dann mit den Lippen die Wunde aus und küßte entzückt nochmals die Hand, so sanft wie ein Lilienblatt.

Durch Martha's Wangen glühte von innen ein leiser Purpur hindurch, sowie weiße Rosen von der Sonne geröthet. Da erhob Werner plötzlich seine Stimme aus vollster Brust und sang mit einem Klange so mächtig, wie ihn die Anderen bei ihm, wie er sie selbst noch nicht gehört:

Was mich kräftigt und beseelt,
Scheuet nicht der Menschen Stärke.
Was in der Gefahr mich stählt,
Liebe ist's – –

Ein wonniges Beben ging durch Martha's ganzes Wesen und schaute aus ihren feucht verklärten Augen. Träumerisch gedankenvoll saß sie da, indem vom dunkeln Laube das reiche Purpurroth der Abendsonne auf sie niederthaute – auf die blaue Blume der Romantik. Werner war berauscht von der Luft, der Gegend, dem Weine, von Martha's Schönheit. Er legte sich ihr zu Füßen, hing an ihren Blicken, entriß ihr den aus einer Münze geprägten Becher, der im Kreise herum ging, um den Rand zu küssen, den sie berührt, um den Tropfen zu schlürfen, der von ihren Lippen zurückgeperlt war. Dann sang er wieder hochaufjubelnde Melodien: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust und lauter Liederklang! und wie sie weiter den Reichthum des deutschen Volksgemüthes enthüllen.

Er konnte nicht ahnen, welches Geheimniß abgewendeter Trauer und hingebender Liebe dabei in Marthas Blicken ruhte. Beneidend, verlangend, bewundernd sah sie den Mann an, der eine solche Fülle glücklich heiterer poetischer Lebensempfindung im Busen trug. Mit fast ersticktem Athem staunte sie ihn an, erschreckt und doch voll Liebe, als er sprach: O du deutsches Leben in den deutschen Liedern, wo bist du hin? Wo findet man euch noch, Biederkeit, Freimuth, Herzlichkeit? Wo ist sie geblieben, die edle Wildheit der Jagdlust, die Kühnheit des Abenteurens, die Hoheit süßer Minne? Unser ganzes Leben ist eine Hetzjagd, aber nicht, wo wir jagen, sondern wo wir gejagt werden. Den Teufel meinen wir aus der Welt zu hetzen und Er ist es, der uns vor sich her treibt. Und der Grund von alle Dem: die große gemeine Masse hat in unverständigem Neide dem bevorzugten Theile der Nation, dem Adel des wahren Werthes, seine Vorrechte, den Schmuck seines würdigen Daseins herabgerissen und, weil es ihn selbst nicht zu tragen verstand, in den Koth geworfen. Nun laufen wir alle gleich einher, aber alle gleich gemein, und auch die Gemeinen haben den Abglanz früherer Hoheit verloren. Kennen Sie die Geschichte von dem armen Schmul, der Tag für Tag von Morgens früh bis Abends spät Straß auf und Straß ab lief, um sein bischen Brot zu erschachern, und wenn er spät todtmüde heimkehrte und sich an den Ofen lehnte, um zu ruhen, dann rief seine Alte: Schmul, speculir'! Schmul, speculir'! – Schmul rieb sich die Augen und speculirte. Das ist doch wahrhaftig jetzt die Geschichte der ganzen Welt: Schmul, speculir'! Wenn du nichts hast, speculir', daß du nicht hungerst; wenn du was hast, speculir, daß du's behältst! Glück, Ruhm, Ehre, Liebe, nichts gewinnst du durch edeln Charakter, durch eine große That, durch herrlichen Enthusiasmus; bei Allem heißt es: speculire! Ja auch die Liebe! Giebt es denn die Liebe noch, die aus den Minneliedern des Volkes uns anhaucht wie der Traum eines verlornen Paradieses? Was ist die Liebe Anderes als das Schild für die Versorgungsanstalt der halben Welt? Wo wird noch uneigennützig, wo noch der Werth einer Persönlichkeit geliebt? Wo noch geliebt mit jener göttlichen Leidenschaft, die nur nach dem Rechte in ihr selber fragt, wo noch mit jenem unerschütterlichen Bewußtsein der Treue, das der einzige Rettungsanker in dem allgemeinen Schiffbruch der Zeit sein könnte? Auch hier, willst du Liebe gewinnen, heißt es: speculire; und willst du sie bewahren, speculire Tag und Nacht. Pah, so wünscht' ich doch, ich wäre ein echter »Jude«, der sich aufs Speculiren versteht, oder – ein Bandit, der sich raubt, was man nicht giebt, so zum Exempel –

Damit ergriff er Martha's Hand und seine kecken lauernden Mienen zeigten, daß er irgend einen Ueberfall beabsichtige. Sie setzte ihm einen halb komischen, halb übermüthigen Blick entgegen; sie sprang auf und floh, er verfolgte sie. Sie eilte den Abhang hinab dem Grunde zu, der dort unten schon in nebligen Schatten lag, während oben der Rand noch von goldgelben Sonnenstrahlen prangte.

Diese Lehne des Berges war mit jungem Anwachs bepflanzt – wie verschieden dufteten hier die Tannen, dann die Buchen, unten die Weidensträucher. Schnell wie ein Pfeil schoß Martha den Fußsteg hinab, gewandt wie ein Wiesel schlängelte sie sich durch die Windungen hin; da hatte sie den Weg im Gebüsch verloren. Dicht hinter sich hörte sie schon den Verfolger; sie zauderte nicht, sie drang in das Dickicht hinein. Mühsam, aber unaufgehalten, die dunklen Schatten nicht scheuend, die vor ihr schon grollten, drängte sie sich eiligst hindurch – da hatte sie etwas an den Haaren erfaßt und hielt sie fest. Entsetzt schrie sie auf, unheimlich wurde ihr plötzlich – an einem dürren Aste war ihr voller Scheitel hängen geblieben. Mit heftigem Schmerze riß sie daran; sie konnte nicht los. Werner hatte sie erreicht; in angstvoller Hast jauchzte sie auf. Er befreite sie von dem Aste, da löste ihr Scheitel sich auf und die reichen blonden Haare quollen wie ein goldener Strom über ihr Antlitz und ihren Hals. Mit einem Tone, der frei war von jenem leichten Anfluge, der es sonst stets ungewiß bei ihm ließ, wie weit er ernsthaft spreche, mit einem Tone jetzt des innigsten Entzückens sprach er: Herrlich, herrlich sind Sie so! O, diese Loreley-Haare! und, mit der vollen Hand die Flechten erfassend, küßte er sie wiederholt, da sie ihr Antlitz davor zurück bog. Aber immer noch sträubte sich das Mädchen; da hörten sie Lenetten ihnen nachkommen und sie riß sich los von ihm. Wieder, als wäre sie dessen gewohnt, wie ein junges Reh, schlüpfte sie durch die widerspenstigen Gebüsche hindurch. Er konnte kaum ihr folgen. Endlich waren sie auf einem kleinen Felssturz angelangt; ein Baum, der mit seinen Wurzeln darauf stand, trennte die Beiden von einander. Werner sprang hinab und er stand im weichsten Rasen auf dem Grunde des Kessels. Martha hatte gezögert, so tief hinabzuspringen; endlich entschloß sie sich und er fing sie mit seinen Armen auf. Er drückte sie an seine Brust, sie wehrte es nicht. Hoch flog ihr Busen, halb scheu, halb trunken war ihr Blick; hastig griff sie in ihr Haar und löste auch den andern Scheitel auf. Er bedeckte ihr Antlitz mit heftigen Küssen, sie ließ es geschehen. Da hörten sie Lenetten rufen: Wo seid ihr? Werner sah ein helles Vergißmeinnicht zu seinen Füßen; er pflückte es und steckte es an Martha's Busen. Da riß sie es los, warf es von sich, warf sich mit heftiger Bewegung einen Moment um seinen Hals und schluchzte: Auf Nimmerwiedersehn! und – bat Lenette, die herangekommen, ihre Haare zu ordnen, die von den Sträuchern zerzaust seien.

Und am andern Morgen kam Martha aus der Kirche mit gestärktem Herzen und dem Muthe, ihr Entsagen durchzuführen. Aber was war da mit dem Vater? Er streichelte ihren Scheitel. Er nannte sie sein gutes, sein gehorsames Kind. Er war gar nicht wieder zu erkennen, als er sagte: Ich habe dich lieb, ich habe stets an dich gedacht und will für dich sorgen. Gar Thränen traten ihm in die Augen und er sprach weiter, wie wenn er auf der Kanzel stünde: Und dir, mein Herr, habe ich es zu verdanken, daß du mich glücklich meine Tochter dahin führen ließest, und was ich heute beschließe, damit wirst du meinem Werke die Krone aufsetzen. Von nun ab ist ihr Lebensschiff im sichern Hafen angelangt. Ja, meine Tochter, heute ist der Tag, wo das Gebäude deines Glückes gegründet wird; hier dieser Ehrenmann wird es aufrichten. Im Namen des Vaters im Himmel verlobe ich dich deinem Vetter. Reicht euch die Hände! Empfangt meinen Segen!

Martha wußte nicht, wie ihr geschah. Was wurde begonnen mit ihr? Sie blickte um sich, ob denn Niemand, nicht die Mutter, nicht der Bruder ein Wort, eine Frage dazwischen werfe. Alles blieb lautlos. Der Athem wollte in dieser feierlichen Stille ihr ersticken. Sie hatte nur Gott, an den sie denken, auf den sie rechnen konnte. Aber er that nichts; es trat kein Wunder, keine Störung ein. Der Vater sprach einen Segen. Martha hörte kein Wort. Er legte ihre Hände in einander. Da, wie des Andreas kalte Hand sie so fest ergriff, da ging ein unbezwinglicher Schauer ihr durch Leib und Seele. Sie empfand wieder den Stich im Herzen. Unwillkürlich riß sie sich los, mit der Hand darnach zu fassen. Im Gefühle nahender Ohnmacht schweift ihr Blick umher, da sieht sie ein fürchterliches Bild; noch weiß sie selbst nicht, ist's Wirklichkeit oder Phantom, aber mit einem hellen Schrei ruft sie, den gesammten Schmerz ihres gebrochenen Daseins zusammenpressend, verzweifelt aus: Ein Unglück, ein Unglück!

Und es war kein Phantom. Durch das Fenster hatte sie gesehen, wie über den Kirchhof ein blutbefleckter, leichenblasser Mann getragen wurde, und der Mann war Werner. Der Todtengräber und sein Knecht brachten ihn in das Pfarrhaus getragen; sie hatten ihn bei dem weißen Kreuze vom Felsen gleiten gesehen und vom Abhange für todt aufgehoben.

Der Pfarrer erkannte den Fremden, der seiner Tochter Strauß getragen hatte. Aber bei solcher Gefahr kannte er keine Rücksicht. Hülfe, rasche Hülfe mußte hier werden. Johannes und Andreas sandte er in rascher Umsicht nach dem Arzte aus, der Todtengräber sollte den Bader holen, die Mutter frisches Wasser besorgen, er selbst ging nach seiner Hausapotheke. Martha war allein mit dem todten Manne. Er war in den Lehnstuhl gelegt; der blutige Kopf todtenbleich, der Strauß von ihrem Einsegnungstage verwelkt an der Brust, bethaut mit seinem Blute. Martha's Schmerz war vergessen, sie wußte nicht mehr, was mit ihr geschehen war, sie gehörte nicht mehr sich selbst. Der Verlust dieses Mannes zeigte ihr, was sein Dasein ihr gewesen. Eine Leidenschaft, eine Alles vergessende, Alles überwindende Leidenschaft riß sie fort zu ihm; sie sank zu seinen Füßen, sie küßte ihn, sie nannte ihn »du«, sie rief ihn bei seinem Namen – da schlug er die Augen auf. Nicht todt? jubelte sie auf. Nein, nicht todt, er lebt, er lebt für dich! So sprach er, plötzlich stark sich aufrichtend, mit sicherm Arme sie an sich drückend. Fürchte nichts, sprach er weiter und lachte, so daß sie Grausen überlief. Es steht nicht schlimm mit mir, es ist kein Unglück, es ist Absicht, Verstellung; ich selbst stürzte mich vom Felsen hinab, um hieher zu kommen –

Martha sprang auf, bleicher Schreck in ihren Mienen. Sie wollte fliehen. Er hielt sie bei der Hand, so zart, so stark; er küßte ihren Arm, so süß, so schmeichlerisch. Um deinetwillen, sprach er, bin ich hier. Verrathe mich nicht. Um deinetwillen! Alles kann ich für dich thun –

Nimmermehr, nimmermehr! Ein Frevel! Ich soll lügen? so rief Martha angstvoll aus und riß sich los von ihm. Da trat der Vater ein. Wie geht's? frug er; Ist er erwacht? Ich hörte reden; was spricht er, wie ist ihm?

Ich weiß nicht, Vater, sagte Martha zitternd. Nein – nein – er ist nicht' erwacht – er ist wohl todt.

Die Lüge war heraus. Sie war mit dem Manne, der sich betrügerisch in ihr Haus geschlichen, im Einverständniß.

Gott im Himmel! schrie sie auf.

Der Vater sah sie groß an.

Sie sammelte sich. Ich glaube, ich kann nicht Blut sehen! lispelte sie und die Hände vor das Gesicht schlagend, stürzte sie hinauf nach ihrem Zimmer, um allein mit ihrem Kampfe zu sein.

*

 

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