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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Himmelfahrts Heiligabend.

Es giebt heutzutage nur noch wenig Häuser, in denen die berühmte deutsche Gastfreundschaft sich fortgeerbt hat. Wo man sie aber fast immer echt und unverfälscht noch finden wird, das ist in einem Forsthause. Auch wohl der reiche Bauer und der Pfarrer, besonders wenn heirathslustige Töchter dich für einen Freiersmann halten, nehmen dich bewirthend auf; aber jener wird bei seinem Braten dich stets fühlen lassen: das kommt von seinem Geld, das er zusammengeknausert hat – und der andere: das kommt von Gott, der die Welt geschaffen hat, damit die guten Pfründen darauf stehen. Bei einem Förster aber wirst du nicht merken, woher es kommt, sondern wie gern es gegeben wird. Unter den echten Jägersleuten, da ist noch ein Stück alter Ritterlichkeit zu Hause. Sorglos zehrt man, was man hat, und so lang die Wälder stehen, hat man immer noch genug. Gern ist man allein, denn in Gottes Natur ist man nicht einsam; noch lieber in Gesellschaft, denn für einander sind wir geschaffen. Der Mensch ist zur Arbeit da und der Wein, um die Sorgen ihm zu vertreiben, der Freude sein Herz zu erschließen und zu neuer Arbeit es zu kräftigen.

So wenigstens ging es bei Gerhards her. Das war ein Haus, wo Gesundheit und Frohsinn noch lebten, wo das Räthsel des Glücklichseins gelöst war, weil man nicht wußte, daß das ein Räthsel sei. Fern von der Welt der Ueberbildung, getreu seiner Natur und der ursprünglichen Einfalt der Sitte, wußte man gar nicht, daß es eine Tugend giebt, die Mäßigkeit heißt, oder ein Leben, das eine Last ist. Man war glücklich und blieb es, weil man nicht glücklicher sein wollte, weil man nicht das Mögliche über dem Unmöglichen zu vergessen brauchte, so war die Wirklichkeit so reich. Wochentags arbeitete man fröhlich und ruhte Sonntags noch fröhlicher. Zur Feierstunde und bei der Arbeit sang man noch alte Volkslieder von Liebe und Wein; am Valentinstage trieb man Liebesscherze, aß Pfannkuchen zu Fastnacht, färbte Eier zu Ostern, übte seinen Witz am ersten April und suchte, wenn das alte Jahr so abgelaufen war, am Sylvesterabend in gegossenem Blei das Schicksal des neuen zu lesen.

Der alte Förster selbst war nicht ein Mann, der blind ins Leben hineintappte und etwa durch Zufall dieses häusliche Glück erhascht hatte; er hatte sich in jungen Jahren mannichfach in der Welt umgesehen, allerlei Arbeit, Noth und Schicksal durchgekämpft, und hatte wohl recht, wenn er bei mancher satyrischen Bemerkung Werners über die große Welt, z. B. bei der Anekdote vom Prinzen Waldemar, der einen geheimen Orden stifte, indem er jeder eroberten Schönheit einen Smaragdring mit Brillanten schenke, sein: ich kenne das, hinzufügte. Aus allen seinen Lebenserfahrungen hatte der biedere Mann das tiefgefühlte Bedürfnis; nach einem festen, sichern Lebensschicksal mitgebracht, und er mußte doch Herz und Verstand, guten Willen und glücklichen Takt genug besessen haben, ein solches sich zu gründen.

Auch an Ansehen und Würde fehlte es einem Manne nicht, der das durchgesetzt hatte. Als man heute zum Abendtische gehen wollte, hatte die Försterin, die ihr Benehmen gegen den Fremden jetzt an dem Gaste wieder gut machen wollte, an die Spitze der Tafel für diesen des Försters von Korb geflochtenen Lehnstuhl gesetzt. Aber der setzte sich an seinen alten Platz und sagte bieder: Ei was da, keine Umstände! Unser Gast versteht mit mir umzugehen; – wir sind zwei echte alte Deutsche, die sich nichts übel nehmen. Hier sitz' ich an meiner warmen Stelle im Neste, wo ich alle die kleinen muntern Vögelchen um mich herumsehe. Sehen Sie, lieber Mann, so fuhr er zu Werner fort, indem er sich und ihm einen guten selbstgezogenen Landwein einschenkte, das ist so meine Lust – junge Gesellschaft. Andere reiche Leute, die werfen hundert Goldstücke fort für eine japanische Blume, für einen hinterindischen Mops; ich habe eine andere Liebhaberei, ich liebe mir die fröhlichen Menschengesichter. Und wenn du auch ein langes Gesicht dazu machst, Alte, dafür schenke ich ein, so lange ein Tropfen im Keller ist. Ja, ich sehe dir's an, dir giebt heute wieder jede Flasche, die ich ansteche, einen Stich durchs Herz und mit jeder Scheibe, die du vom Schinken schneidest, schneidet's Dir mitten durch die Seele.

Die Frau machte mit einem Blick auf den Fremden eine böse Miene und der Förster brach darüber in lautes Lachen aus. Ach, ist das ein Leid, fuhr er fort, die silberne Hochzeit sollen wir feiern und verstehen uns noch nicht. Ja, sollte man's glauben, was man jung nicht lernt, das lernt man doch nimmermehr. Kann ich's doch nicht dazu bringen, daß meine Alte Spaß versteht! Man will doch seine Freude am Leben haben und da brumme ich denn manchmal, so recht mit Herzenslust; natürlich ist's nicht so ernst gemeint, und wenn ich auch schon hunderttausendmal nachher losgelacht habe, die merkt es nicht, die hält es heute noch jedesmal für Ernst wie das erste Mal vor jenen fünfundzwanzig Jahren.

Ist das aber auch eine rechte Freude, andere ehrbare Leute ewig zu schrauben? appellirte die Försterin an Werner.

Der wird es auch verstehen! sprach der Alte dazwischen, das ist mein Mann. Von selbst kommen die Freuden im Leben nicht, die muß man sich suchen. Können wir uns nicht immer freuen über Gutes, das wir haben, so freuen wir uns über Schlechtes, das Andere an sich haben; nicht wahr, Alte, und du, Dorchen? Nicht wahr, die Freude kennt ihr Frauensleute alle? Seht ihr und nur können wir Männer uns nicht ewig daran freuen; daß wir einander hätscheln, ist uns oft gar nicht danach zu Muthe, da freuen wir uns daran, einander zu schrauben! O ja, es gibt schon immer noch Freude genug in der Welt, wer's nur zu finden weiß!

Werner wußte vortrefflich auf den humoristischen Ton des Alten einzugehen, aber er hatte größeres Verlangen, die jungen Mädchen in das Gespräch zu ziehen. Der alte Herr hatte ebenfalls seine Freude daran, sie mit mehr oder weniger zarten Scherzen zu necken. Man besprach Werners Ueberraschung von allen Seiten; Martha mußte zu mancher Schäkerei sich hergeben. Der Förster frug sie, ob der Herr ihr denn so weh gethan habe; sie habe ja geschrien, daß er eine Viertelstunde weit es gehört habe und herbeigeeilt sei, im Glauben, es gebe ein großes Unglück.

Martha wurde einmal auf das andere über und über roth. Sie konnte es nicht vertragen, daß man sie bemerkte, daß man von ihr sprach und ihr Wesen, das sie so schüchtern in sich zu verspinnen pflegte, vor die Augen Anderer hervorzog. Es war eine alte Angewohnheit von ihr, in solcher Verlegenheit dann unwillkürlich an ihrer Kleidung zu ziehen, so daß sie schon so manchen Spitzenkragen, so manches Gürtelband zerpflückt hatte. Auch Werner bemerkte dieses Zupfen, wie es die Freundinnen nannten, aber es machte ihm Spaß, Martha durch die Fortführung dieses Gesprächs in solcher anmuthigen Verlegenheit zu erhalten. Sie hatte jetzt vor den andern beiden Mädchen sein ganzes Interesse gewonnen und er beschäftigte sich fast ausschließlich mit ihr. War sie auch am wenigsten gesprächig, so war doch jene wie im magnetischen Zuge sich mittheilende Unterhaltung, die nicht des Wortes, nicht der Berührung, kaum des Blickes bedarf, sondern nur des Bewußtseins, mit einander beschäftigt zu sein, mit ihr am lebhaftesten und zartesten. So still sie war, so wenig sie sich äußerte, schien sie doch keinen Augenblick empfindungslos: ihr Blut war so erregbar, ihre Haut so zart, daß bei jeder Anrede und jedem Blicke man die Bewegung auf ihren Wangen bis zum Busen hinab verfolgen konnte. Ihr Antlitz war so, wie es selten der Fall ist, der unverhüllte Spiegel ihrer Seele; jeder Athemzug ihres warmen Gebens hauchte sichtbar darüber hin.

Werner war kein Wüstling, dazu war er zu humoristisch und zu leidenschaftslos; aber er hatte in der Welt, in der er aufgewachsen war, alle Schüchternheit so weit abgeschliffen, daß Martha's erröthende Verlegenheit ihn nicht von seiner Keckheit abschreckte, sondern vielmehr ihm als anreizende Ziererei erschien, die seine fortgesetzten und kühnern Neckereien herausforderte. Er war so weit gegangen, sie zu bitten, seinen Scherz ihm ja nicht übel zu nehmen; sie hätte dabei gar nicht Ursache gehabt, verlegen zu sein; er wolle Alles beichten, wie sie wünsche, vor der Gesellschaft oder allein, was er belauscht hatte, von der großen Zehe an, bis zur Ferse und weiter hinauf – –

Der Alte lachte, die Mutter suchte eine ernste Miene zu machen, was ihr nur bis auf die Mundwinkel gelang; Martha wurde blutroth. Lenette sprang auf, brach das Gespräch ab und sagte: Wir wollen etwas spielen!

Die junge Welt nebst der Mama setzte sich in einen Kreis. Das Ringlein mußte wandern, wie das Liedchen heißt, von dem Einen zu dem Andern. Ein unbefangenes, nichtssagendes Spiel und auch der Mann der großen Welt fand es allerliebst, vielleicht weil es denn doch nicht so ganz unbefangen und nichtssagend war, als es schien. Welches Versteckspiel zarter Aufmerksamkeiten fand hinter diesen Kindereien Gelegenheit; wie war die Schnur, an der der Ring im Kreise herumging, der Leitdraht so mancher magnetischer, elektrisirenden Beziehung! Alles erschien hier zufällig, nichts war es. Ob Werner sich hierhin oder dorthin setzte, in diesem oder jenem Händchen den Ring suchte, in diesem oder jenem ihn fand, jede Berührung, jede Wendung, jeder Blick hatte seinen Sinn; und der Förster, der von seinem Lehnstuhle, Glas und Flasche neben sich, vergnügt zuschaute, hatte seine Freude daran, diesen Sinn zu verfolgen und in Worte und Scherze zu übersetzen.

Mehrere Mal hinter einander war es vorgekommen, daß Martha den Ring bei Werner – weil er ihn nicht fortgab, bis sie bei ihm nachsuchte – und wieder er den Ring bei Martha gefunden hatte – weil er ihn nirgends anders suchte als bei ihr. Der Alte stichelte, sie schienen sich auf das Ringe-Wechseln einzuüben und meinte: Spielt nur, spielt nur! Aus dem Spiele ist schon manch gescheuter Ernst geworden!

Andreas, der auf seinen Fabrikinspector sich gewaltig viel zu Gute that und an den noblen Fremden anfangs wie an einen Gleichstehenden sich anschließen wollte, fühlte sich durch die allgemeine Bevorzugung desselben zurückgesetzt und that bei dem Spiele, als lasse er sich zu dergleichen nur aus Artigkeit herab. Als Gerhard aber diesen Scherz auf Martha gemacht hatte, wurde er über und über roth. Werner, der neugierig nach den Verhältnissen dieser Personen unter einander forschte, bemerkte es wohl. Er beobachtete auch Martha und es entging ihm nicht, daß sie für den Moment stiller wurde; aber dennoch schien sie innerlich vergnügt zu sein, denn dann und wann jauchzte sie leise auf, aber nur bei harmlosen Scherzen, die einer Andern, nicht ihr galten.

Eben weil man bei diesem Spiele so vergnügt war, ging man rasch von einem zum andern. Werner behauptete, er sei in Allem ein Neuling, und dennoch war er es, der Allem durch seine Erfindungsgabe erst die rechte Würze zu geben wußte. Als man unter Anderem arrangirte, daß Einer einem Andern, mit dem Werfen eines Tuches, ein Wort zurief, damit er sogleich eine passende Zusammensetzung dazu finde oder ein Pfand gebe, da konnte er erst recht seinen Witz und seine Geistesgegenwart bekunden. Stets waren die Lösungen, die er antwortete, überraschend, und die Aufgabe, die er zurief, entweder schwierig oder von heiterm Resultate, so daß Lenette ihm zurief: Wir kennen diese Spiele schon so lange, daß sie uns oft zum Ueberdruß waren und nun müssen Sie als Neuling uns erst zeigen, was man daraus machen kann.

Werner, der aus natürlichem Triebe und gewohnter Neigung auf jede mögliche Weise bei der schönen Welt sich einzuschmeicheln strebte, versuchte es auch dadurch, daß er den Neckereien, mit denen die Mädchen, selbst Martha nicht ausgenommen, den possirlich gravitätischen Gutsschreiber verfolgten, die Krone aufsetzte. Andreas stellte sich, um seine Ungelenkigkeit zu verbergen, als wenn er das Spiel nur seiner halben Aufmerksamkeit würdig finde, während Werner so ganz darin aufzugehen schien. Er warf ihm also das Tuch zu mit dem Worte: Chor. Andreas sammelte sich und sagte wegwerfend: Chorknabe. Sobald Werner das Tuch wieder hatte, warf er es Andreas wieder zu mit demselben Worte und auch dieses Mal half er sich, wenn schon nach längerm Besinnen, mit: Chortreppe. Das dritte Mal wußte er schon keine Zusammensetzung mehr, mußte ein Pfand geben und nun wurde ihm von allen Seiten einmal auf das andere zugerufen: Chor, Chor! Er kommt jetzt ganz aus der Fassung, weiß keine Antwort mehr und muß Pfand auf Pfand geben, obgleich Dorette ihm zuruft: Nur praktisch! Ohne Leidenschaft, ohne Ueberstürzung! Schon ist er ganz ausgeplündert, Taschentuch, Handschuhe, Geld, Lorgnette, selbst Halstuch und Manschetten, bei jedem eine neue oder alte Stichelei anbringend, haben Lenette und Dorette ihm schon abgenommen und noch immer wissen sie ihn auf eine neue Zusammensetzung mit dem verhängnißvollen Worte zu jagen. Als das Wort nach der Schreibart »Chor« endlich abgehetzt ist, hat Andreas noch keine Ruhe; Werner bringt die Zusammensetzungen mit »Corps« auf, und auch nach diesen, als nicht nur der Vetter, sondern niemand mehr ein Wort darauf wußte, brachte Werner dem par force Abgehetzten unter allgemeinem Jubel noch die Todesstöße bei mit den Worten: Chorist, Choral und Koralle, für die Dore dem Besiegten als letzte Spolien die Vatermörder und gar die Hemdeknöpfchen abnahm.

Der Alte mischte sich nun auch in den Scherz und wollte, wie er sagte, das Andressel in Schutz nehmen vor dieser Art von schönem Geschlechte. Er neckte Dorchen und warnte sie dabei, als die Mädchen sich das Lachen nicht verbeißen konnten, mit der schadenfrohsten Miene; aber honett, Dorchen, immer honett! worauf sie wie Andreas ein Pfand nach dem andern geben mußte.

Die jugendliche Fröhlichkeit war im Begriffe, in Ausgelassenheit überzugehen. Die Hausfrau hatte dem Gaste zu Ehren, der durch das Lob ihrer Speisen mehr und mehr in ihrer Achtung stieg, den herben Landwein mit Zucker und Apfelsinen gewürzt und, durch die Süßigkeit verleitet, tranken auch die Mädchen ein Glas nach dem andern und kamen, ohne es selbst zu merken, in die ungebundenste Heiterkeit. Um sie mehr und mehr zum Trinken zu verleiten, brachte Werner einen Toast nach dem andern, auf den Papa, die Mama, die Schönen und den bekannten General Que-nous-aimons. Glückliches Haus, glückliches Land! rief Werner aus, wo man den Wein und das Leben aus den vollen, aus den unversiegbaren Quellen der Natur schöpft! Es lebe der Hausherr, der solche Getränke und solche Töchter zieht! so trank er dem Förster zu, der in halb gerührter Freude sein Glas leerte und den Mädchen trank er zu: Es leben die Schönen, die den Wein trinken, um ihn durch ihre Lust uns selbst zu würzen!

Dorchen gab ihm Bescheid, indem sie ihr ganzes Glas hinuntertrank; Lenette stieß freundlich nickend an; Martha kostete nur in stiller, wohlbehaglicher Freude an ihrem Glase. Fast alle hatten sie schon einen kleinen Spitz fort, als man an das Auslösen der Pfänder ging. Natürlich hatte eines der Mädchen die Pfänder im Schoose und versicherte einmal über das andere, es gehe ehrlich zu, aber eben so natürlich wurde dennoch, sobald eine Aufgabe gestellt war, das Pfand dessen herausgesucht, der in die größte Verlegenheit dadurch kam. Andreas wurde von neuem gequält und mußte unter Anderem sechs Fuder Steine fahren, d. h. sechs Mal mit der Stirne an der Stubenthüre hinaufpoltern. Aber dem Alten behagten diese Scherze nicht. Spaß muß sein, sagte er und gab auf: In den Brunnen fallen. Es war Lenettens Pfand. Sie stellte sich mitten in die Stube und frug: Wer hilft mir heraus? Natürlich war der menschenfreundliche Werner sogleich zur Rettung bereit und auf sein Befragen, wie er die Rettung zu veranstalten habe, sagte der Alte, er solle sie beim Kopfe fassen und sein Möglichstes thun, daß ihr das Wasser nicht in den Mund könne. Werner verstand jetzt seine ritterliche Aufgabe und verschloß ihr die Lippen durch ein paar herzhafte Küsse. Die Gesellschaft jubelte und Dorette rief: Thut euch nur keinen Schaden.

Werner, um sein Pfand auszulösen, sollte declamiren. Er trug etwas von seinem Lieblingsdichter Heine vor, das sinnig pikante Gedicht von Donna Clara, der spanischen Alkaldentochter. Er wußte den zugleich weichen und spitzen Ton dieser Salonpoesie, die seinem eignen Charakter so nahe lag, gar leicht zu treffen. Mit allem Schmelz, dessen seine männlich volle Stimme fähig war, hob er den Zauber des Beisammenseins in der Myrthenlaube hervor und während man mit athemloser Stille lauschte, führte er mit beobachtender Behaglichkeit die Verse aus:

Mit den weichen Liebesnetzen
Hat er heimlich sie umflochten,
Kurze Worte, lange Küsse,
Und die Herzen überflossen.
Wie ein schmelzend süßes Brautlied
Singt die Nachtigall, die holde,
Wie zum Fackeltanze hüpfen
Feuerwürmchen auf dem Boden.
In der Laube wird es stiller
Und man hört nur wie verstohlen
Das Geflüster kluger Myrthen
Und der Blumen Athemholen –

Mit diesen Worten hatte er seine Stimme mehr und mehr sinken lassen und machte nun eine nicht ganz kurze Pause, um, mit halbversteckten, Lächeln, an dem hervorgebrachten Eindrucke auf den Gesichtern der Zuhörer sich weiden zu können. Die Frau Försterin, die nur geistliche Lieder kannte, dachte auch bei diesen Versen an das Gesangbuch und hörte mit gespannter Andacht zu. Der Alte spitzte die Ohren und lächelte pfiffig; er horchte aber still, denn er dachte, es müsse nun erst kommen. Andreas machte seine Amtsmiene, der man ansah, daß er nicht verstand, was das hieß; wie immer. Lenchen wurde roth, wie selten; und Dorchen verbiß sich ein Lächeln, was noch seltener war. Martha horchte träumerisch zu; sie nahm den poetischen Zauber mit vollem Herzen auf, ohne den schlüpfrigen Sinn zu verstehen. Als Werners Auge sie traf, wich sie ihm zum ersten Male nicht aus, sondern sah ihn nachdenklich an, das Fernere erwartend.

Werner, der bei aller seiner Erfahrung aus der großen Welt doch nur zweierlei Umgang mit dem schönen Geschlechte kannte, den der Salonetikette, nach der man sich nur mit Glacéhandschuhen berühren durfte, und den jener Genialität, für die es Schranken der Sitte nicht giebt, wußte nicht in dieser harmlosen Ungebundenheit sich zurecht zu finden. Den Ton irgend einer leeren Förmlichkeit brauchte er hier nicht einzuhalten, denn man gab sich ganz, wie man war., und war zusammen, um vergnügt zu sein. Wenn nun aber ein weiches Händchen ihm treuherzig auf die Schulter klopfte, oder wenn er einen bloßen sanften Arm erfassen durfte, so durchdrang ihn stets ein Gefühl, dessen er bei solcher Berührung in anderer Umgebung sich nicht zu wehren brauchte. Durch des Alten gesunde Derbheit und Dorettens grenzenlos ungenirte Vertraulichkeit bestärkt, glaubte er auch hier der leichten Frivolität, deren er nur zu gewohnt war, sich hingeben zu dürfen. Er stand mit Martha in der Fensternische und sprach mit ihr im Tone des Gedichtes über den Inhalt desselben. Glückliches Spanien das, scherzte er, mit seinen Myrthenlauben und den Alkaldentichtern darin! Bei uns im Norden soll noch das Land entdeckt werden, wo die Nachtigallen Brautlieder singen und die Feuerwürmchen den Fackeltanz dazu hüpfen. Oder ob hier am Rhein vielleicht die Weinlauben so klug sind wie jene Myrthen, von denen mein Dichter sagt: Man hört nur wie verstohlen das Geflüster kluger Myrthen! Haha, kluger Myrthen, so lachte er, wovon mögen sie klug geworden sein, diese Myrthen?

Jetzt erst erröthete Martha. Werner sprach weiter. Sie zupfte verzweifelt an ihrem Gürtelbande. Er weidete sich an ihrer Verlegenheit und hörte nicht auf, sie weiter hineinzureden. Da mit einem Male hörte man Schlüssel klappernd zur Erde fallen, Geldstück über den Boden rollen – Martha hatte ihr Schürzenband zerzupft und die ganze Gesellschaft brach in heiteres Lachen aus. Der Alte in seiner derben Manier zischelte seinem Gaste ins Ohr: wie gut sie's mit Ihnen meint, sie läßt schon die Schürze fallen! Werner lachte mit und stellte es sich jetzt zur Aufgabe, Martha's Schüchternheit zu überwinden.

Er sollte sein verpfändetes Cigarrenetui auslösen, indem er, wie es hieß, unter dem Leuchter küßte. Der Hausherr war wieder der Rathgeber, er hielt den Leuchter über den Kopf seiner Hausfrau und küßte sie – unter dem Leuchter. Als Werner nach freier Wahl das Experiment wiederholen sollte, schritt er mit dem Lichte auf Martha zu, die in stiller Zurückgezogenheit in einer Ecke saß. Sobald sie seine Absicht merkte, sprang sie, sichtbar innerlichst erschreckt, auf; Werner verfolgte sie; angstvoll und leicht wie ein gescheuchtes Reh floh sie durch die Stube – einen Stuhl wirft sie um, stößt Teller und Leuchter vom Tisch – und will zur Thüre hinaus. Schon ergreift sie die Klinke, da hält ein starker Arm sie zurück; der alte Förster, der in seinem Lehnstuhle an der Thüre saß, hat von seinem Platze aus mit seiner großmächtigen Faust ihre schlanke Taille umspannt und ruft ihr zu: Die Nummer muß erledigt werden! Es war ein malerischer Anblick, dieser faunartig lachende Alte, in seinen hohen Stiefeln, die Morgenmütze auf dem Kopfe, der diese flüchtige Grazie mit buntem Tändelschürzchen in seinen Armen auffängt, wahrend sie mit rührender, angstvoll flehender Geberde den verfolgenden Adonis schon an ihren Fersen sieht. Aber alle Widerspenstigkeit war für diesen nur Lockung, und schon hat er mit mehr als kühnem Griff von hinten ihre Taille erfaßt und zieht sie unter dem Jubel der Gesellschaft, mit der andern Hand das Licht in die Höhe haltend, mit so recht kecker, lüsterner Triumphsmiene an sich heran, als plötzlich mit einem hellerstickten Schrei der Widerstand aufhört; in seine Arme, schmeichelt er sich, die Grazie überwunden hinsinken zu sehen, und will sie eben mit impertinenter Zärtlichkeit an seine Lippen drücken – da tritt entschlossen und besorgt Lenette ihm dazwischen. Mein Gott., was thun Sie! ruft sie aus, entreißt ihm seine holde Beute und – blaß wie der Tod, in jäher Bewegung, als wolle sie einen entsetzlichen Schmerz unterdrücken, nach dem Herzen fassend, so sieht er Martha wie bewußtlos in die Arme der Freundin sinken.

Martha war in einer Erziehung aufgewachsen, in der sie nicht nur so derben Scherzen, wie die des Försters, ganz fremd geblieben, sondern auch zu einer so empfindlichen Strenge der Denkweise angehalten war, daß jede, auch nur entfernte Erwähnung eines zarten Verhältnisses sie in Verlegenheit und gar das Ansinnen, sich küssen zu lassen, sie zur Verzweiflung bringen mußte. Ein altes Uebel, ein augenblicklicher Krampf des Herzens, der von der spätern Kindheit an sie öfters befallen hatte, wenn ihr schüchternes Wesen von heftiger Gemüthsbewegung erschüttert wurde, war auch heute seit langer Zeit wieder zum ersten Male eingetreten. Doch war die Afficirung nicht von Dauer. Wie erschreckt über die plötzliche Stille, die sie verursacht hatte, sammelte Martha sich schnell. Ach, wie bin ich auch! bittet sie Lenchen um Verzeihung und dringt auf Fortsetzung des Spiels. Aber die Försterin war verdrießlich über die zerschlagenen Teller, Werner nachdenklich über seinen Fehler und die Empfindlichkeit dieses Mädchens, Martha still vor Schaam und Ermattung, Lenette noch heimlich um sie besorgt – und so war für allgemeine Munterkeit keine Stimmung. Eine Pause in der Unterhaltung trat ein. Um die Störung auszufüllen, reichte Lenette Kuchen herum und füllte die Gläser von neuem. Man plauderte in einzelnen Gruppen, Werner mit dem Förster, der von Martha sprach. Er verglich sie mit dem Weine, der in der Blüthe steht: Da darf's nur ein wenig zu feucht, zu kalt, zu windig sein, und vorbei ist es. Werner wollte nicht glauben, daß sie erst morgen eingesegnet werden sollte. Der Förster erklärt es ihm: Das ist auch so eine Schrulle vom Pfarrer. Sie sollte nicht eher confirmirt werden, entweder weil er eine Seele nicht spät genug dafür reif finden kann, oder damit sie recht lange Kind sein soll. Ja, viel hat das arme Mädchen von seiner Jugend nicht genossen. Glauben Sie, daß sie seit Jahr und Tag kaum unter Menschen gekommen ist? Darum ist sie so eigen, so zimperlich. Aber wenn man mit guten Freunden guter Dinge beisammen ist, da sieht der Alte den Teufel darin.

Werner war neugierig auf die seltsame Persönlichkeit des Pfarrers geworden. Gerhard konnte kein klares Bild von ihm entwerfen. Er sieht stets so böse aus, erzählte er weiter, daß man sich wundert, wie der liebe Gott nicht schlechtes Wetter über ihm werden läßt, um durch das Gesicht sich nicht den Humor verderben zu lassen. Und wenn er in der Kirche betet, so möchte man glauben, er schnauzt den Herrgott an. Ich glaube, er ist ein Kauz, ein Mann, den man nehmen muß, wie er ist, weil er einmal in einer unglücklichen Haut steckt. Und dazu hat die liebe Gelehrsamkeit ihm wohl auch noch eine verkehrte Brille aufgesetzt, sodaß er hell sieht, was finster, und finster, was hell ist. Er ist einer von Denen, die da denken, mit dem Beten setzt man Alles durch, und wenn sie's nur darin nicht versehen, so wird's auf ihrem Acker vom bloßen Beten besser wachsen als auf dem des Nachbars, der statt zu beten gut gemistet hat.

Ja, fügte die Försterin hinzu, die an dem Gespräche Theil nahm, er ist, was man so nennt, ein –; aber hier fehlte ihr das Wort, sie sann darnach hin und her und brachte endlich heraus: ein arger Stock-Gelehrter, aber das, meinte sie, wäre doch nicht das richtige Wort, und Werner errieth endlich, daß sie meinte: ein Stoiker, was einst der nächste Pfarrer von ihm gesagt habe. Nun wußte sie noch ganz andere Dinge. Der Pfarrer solle ein böses Gewissen haben, worüber aber, das könne niemand sagen; ja er solle sogar mit dem leibhaftigen Gott-sei-bei-uns zu schaffen haben und man wolle diesen schon zur Geisterstunde im schwarzen Talar aus dem Rhein heraus über den Kirchhof in die Pfarre haben steigen gesehen. Sie nannte das zwar nur Geschwätz der Leute, aber es wurde ihr doch unheimlich dabei und, um von solchen Dingen fortzukommen, sagte sie: Dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls ist in dem Hause kein Glück; das sieht man Allen auf dem Gesichte an. Das arme Kind verkommt ganz, und der Sohn erst gar, wie Schade ist's um den – da ist er selbst!

So endete sie ihre Erzählung, in dem Augenblicke, wo die Thüre, unvorsichtig geöffnet, durch den Zugwind aus dem offenstehenden Fenster mit Gewalt zuschlug, so daß die Gardinen weithin in die Stube flatterten und mehrere Lichter erlöschten. Werner sah sich um und gewahrte eine fremde Gestalt, die durch ihr finsteres, schüchternes und zugleich seltsam bedeutendes Wesen seine Neugier erregte.

Willkommen, Herr Candidatus! Auch einmal unter Menschen? rief der Förster ihm freundlich entgegen.

Der Hereingetretene, der es vergessen hatte, seinen alten Hut abzunehmen, sah blöde im Zimmer umher, als könne er sich nicht orientiren, und ohne seine verbissene Miene zu ändern, wollte er den Gruß erwidern. Aber er fand das Wort nicht; er stotterte. Endlich kam heraus: Herr Oberprediger, statt Oberförster! Er merkte das falsche Wort, fand noch immer nicht das rechte, verstummte und verbeugte sich. Aber auch dabei passirte ihm ein Unfall: Lenette, die herangetreten war, ihn zu bewillkommnen, trat er auf den Fuß; als sie aufschrie, schrak er zurück und stieß einen Leuchter vom Tische. Als er sich bückte, ihn aufzuheben, war er eben im Begriff, das Tischtuch herabzureißen und die Reihe seiner Unfälle ins Unendliche fortzusetzen, wenn nicht Lenette dennoch dazwischen getreten wäre und nochmals nicht ohne Lächeln die Erwiderung ihres Grußes von ihm verlangt hätte.

Er aber schien das für Spott zu nehmen. Die finstern Falten von den Schläfen zur Nasenwurzel traten grollender hervor. Er wandte ihr den Rücken und sagte zur Försterin mit gereiztem Tone: Die Schwester soll nach Hause kommen.

Darüber entstand großer Jammer. Lenette bat ihn noch zu bleiben, zu Hause bei ihm schlafe man ja doch schon, um neun Uhr ginge da Alles zu Bette, nun könne er noch länger ausbleiben. Die Försterin, der Förster gaben gute Worte dazu; er schlug es kurz und unfreundlich ab. Da trat Dore von hinten an ihn heran, kniff ihn ins Ohr und sagte: Hänschen, ich bin ja auch hier. Hast mich noch nicht gesehen? Bleib', Strick, wir gehen nachher zusammen, lieber Junge. Jetzt wollte Johannes bleiben; er wartete nur, daß ihn Jemand nochmals dazu nöthige. Aber es schien jetzt Niemand mehr den Muth zu haben; unschlüssig, verlegen stand er da. Endlich wagte Lenette noch ein Wort an ihn: er solle hübsch manierlich sein und bleiben, gegen junge Mädchen schicke sich das, wenn er es noch nicht wisse; sonst würde man von ihm sagen, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Da willigte er ein. Die Gesellschaft blieb beisammen.

Man wollte nun noch recht lustig sein; aber man merkte bald, daß trotz des guten Willens dazu. der Stoff dafür fehlte. Man fing dies und jenes an, man war mit nichts mehr befriedigt. Da versprach Andreas eine Unterhaltung. Er, der schüchtern und gedrückt war, so lange er das Uebergewicht des Fremden empfand, that sich jetzt hervor, als er über den neu Angekommenen seine Ueberlegenheit beweisen zu können glaubte. Er ging eine Weile hinaus in die Küche und kam mit einer Tasse Mehl zurück. Er forderte Johannes auf, mit ihm der Gesellschaft etwas zum Besten zu geben. Dieser, der seit dem Anblick Dorchens sich zur Geselligkeit zu zwingen schien, willigte ein und beide setzten sich einander gegenüber mitten in die Stube auf zwei Stühle. Andreas ersuchte den Gegenmann, den Finger in das Mehl zu tauchen und ihm dieselben Striche damit in das Gesicht zu malen, die er selbst dem Johannes in das seinige vorzeichnen werde. Johannes ging darauf ein und gleich beim ersten halben Schnurrbart brach die Gesellschaft in schallendes Gelächter los. Johannes wußte zwar nicht, was daran so außerordentlich Lächerliches sei, aber er war damit zufrieden, wenn man lachte, schielte dann und wann zu Doren hinüber, bekümmerte sich nicht darum, wenn Lenette ausrief: Aber nein, das ist zu arg! – sondern copirte getreulich auf des Vetters Antlitz die Landkartenstriche, die er auf dem eigenen fühlte. Als der Fabrikinspector ihm nun Schnurr-, Kinn- und Backenbart gemalt, ihm Nase, Stirn und Wangen angestrichen hatte und kaum noch ein Plätzchen für weitere Tätowirung vorfand, bat er Johannes aufzustehen. Alles schien vor Lachen zu bersten. Er selbst mußte jetzt über des Andern weißes Müllerantlitz lachen. Da führt Andreas ihn vor den Spiegel und – ein Schreck fährt ihm durch die Glieder; ein alter Groll flammt in entsetzlichem Jähzorn auf, er packt Andreas mit sinnloser Gewalt bei der Gurgel, schüttelt ihn und schlägt ihn ins Antlitz, daß Blut sich mit dem weißen Mehle mischte: denn statt dem Ebenbilde seines weißgemalten Gegners hat er ein schwarzes Mohrenantlitz im Spiegel gesehen. Andreas hatte den äußern Boden der Tasse mit Ruß geschwärzt und während Johannes seinen Finger oben in Mehl, hatte er den seinen unten in Schwärze getaucht.

Aber der eitle, neidische Uebermuth des praktischen Fabrikinspectors war schwer bestraft. Als Werner, dazwischen springend, die Beiden trennte, da war seine Toilette so verwüstet, die Vatermörder geknickt, Vorhemde und Angesicht so von Blut und Mehl entstellt, daß ihm nichts Anderes übrig blieb, als mit verbissenem Ingrimm ohne Abschied, vom Spott und Mißfallen der gestörten Gesellschaft begleitet, sich still zu entfernen.

Eben so schnell, als er von seinem Jähzorn fortgerissen war, wußte Johannes seiner mächtig zu werden. Als er aber seine Besinnung wiedergewonnen und eingesehen hatte, wie er sich benommen, da fehlte es ihm am Tacte, wieder einzulenken. Eiligst ergriff er seinen Hut und stumm rannte er davon.

Martha wollte auch aufbrechen, da auch Dore plötzlich verschwunden war; aber die Wirthin behielt sie zurück, bis sie sich abgekühlt hatte. Man rückte jetzt behaglich zusammen, trank noch ein letztes Glas und sprach nach den mancherlei Begegnissen des Tages ein ruhiges, bedächtiges Wort.

Werner mußte es jetzt glauben, daß Martha ohne Koketterie, in Wahrheit bis zur Schüchternheit sittsam sei; still und leidend schaute sie vor sich hin, bewies ihm eine vom Groll nicht freie Mißachtung. Er aber besaß gegen das schöne Geschlecht, wohl aus Dank für die mancherlei lieben Erinnerungen, die er ihm schuldete, ein zu feines Zartgefühl und zugleich zu viel persönliche Eitelkeit, als daß er es über das Herz hätte bringen können, von dem schönen Mädchen unversöhnt zu scheiden. Was ihm mit Keckheit fehlgeschlagen war, sollte ihm durch Gemüthlichkeit gelingen. Die Hausfrau war in der Wirthschaft, der Alte zu schläfrig, die Mädchen zu bescheiden, um zu reden; so behielt Werner allein das Wort. Er sprach vom Rhein. Man war so vertraut mit einander geworden, daß man ganz vergessen hatte, wie man vor wenig Stunden sich zum ersten Mal gesehen hatte. Werner rief das zurück; er trat aus der Vertraulichkeit für einen Augenblick wieder hinaus in seinen weitern Gesichtskreis, indem er als Fremder zu den Fremden sprach, die er in kurzer Zeit lieb gewonnen hatte. Er sprach von den Empfindungen, die der Anblick des Stromthales, von dem Eindrucke, den die heutige Gesellschaft auf ihn gemacht habe. Wie ich so binnen vierundzwanzig Stunden, so sagte er, aus dem Treiben der Residenz, aus diesem bodenlosen Strome, in dem man keinen Augenblick der Rast und Freude athmen kann, um nur sich oben zu erhalten; wie ich so von dort kommend, heute aus der Oeffnung des Waldes hervortrat und mit einem Male den herrlichen Fluß tief unten zu meinen Füßen dahingleiten sah, ich selbst auf festem Grund und Boden ruhend, hinabblickend über dieses ewige Wallen, in dem der Himmel sich spiegelte – da lachte mich aus diesem Zauberspiegel ein Geist des Friedens, eine Seele des Naturlebens an, über die ich mich fragen mußte, ob sie im Leben nicht wieder zu finden sein sollten. Und nun, so ging er aus einem an Sentimentalität streifenden Tone in anmuthige Galanterie über, nun ich hier bei Ihnen, meine schönen Freundinnen, geweilt habe, nun ist es mir, als habe ich diesen heitern Frieden, diese poetische Ruhe gefunden; ja ich möchte geradezu sagen, Sie seien die Geister, die Feen dieser Gegend, die Nixen des Stromes, die das Walten dieser glücklichen Natur ins Menschenleben übertragen.

Martha wurde aufmerksam und ernster. Lenette sah darin Spott und wies ihn von sich, indem sie sagte: Wenn wir Nixen sind, so sind wir gewiß keine verliebten Nixen, die Leute zu sich verlocken, sondern wenn wir einen verliebt sehen, necken wir ihn höchstens.

Das habe ich Ihren Schelmenaugen von Anfang an zugetraut, erwiderte er. Sie und Ihre Freundinnen theilen sich in die Reize, die man den Rheinnixen beilegt; Fräulein Martha nimmt die zarteren, Sie die neckischen für sich in Anspruch. Welche bezaubernder sind, ich möchte es nicht an mir erfahren! In allem Ernste aber, wie wollen Sie es abläugnen, daß der Rheinstrom Ihr Aller Leben verherrlicht? Ist es nicht der Geist des Weines gewesen, der uns zur Heiterkeit angeregt, in den ersten Stunden unserer Bekanntschaft zu solcher Traulichkeit vereinigt hat? Und der Geist des Weines, das Feuer, das aus der Traube gekeltert wird, kommt das nicht von der Nahrung, die aus dem Flusse in den Bergen aufsteigt? Kommt das nicht von der Luft, dem Thau und Regen, die von ihm empordampfen, sich auf Blüthe und Beere niederzusenken?

Ja, wenn man es so nehmen will! lenkte Lenchen immer noch ungläubig ein, da könnte man Manches beweisen.

Nun, fuhr Werner fort, dann braucht man es wohl überhaupt nicht zu beweisen, daß man hier glücklicher, heiterer, reicher lebt, als im erstarrenden Norden, im verzehrenden Süden, an nebligen Küsten, in dürrem Sande. Ich möchte glauben, hier kann es kein Elend, kein Unglück geben; und wenn es welches gibt, so ist dabei das Leben in dieser Natur, unter solchen Menschen, wie ich sie heute kennen lernte, noch immer weniger unglücklich als in mancher andern Lage das Glück.

Er hatte das Alles in feinster Berechnung, mit scharfer Beobachtung Martha's gesagt. Sie sah zur Erde nieder, dann mit einem raschen, scheuen Blicke zu ihm hinauf, wurde nachdenklich und seufzte unwillkürlich leise auf; selbst erschrak sie darüber, sammelte sich rasch und, da Werner eben endete, so sagte sie, als wisse sie, daß er von ihr eine Antwort erwarte, mit großem, ruhig klarem Blicke zu ihm: Anders mag man hier leben, aber – glücklich? Sie kennen ja nicht den Rhein und – kennen nicht uns!

Wollten die ersten Worte fast schmerzlich erscheinen, in den letzten erhob sie sich zu dem Mädchenstolz, der dem zudringlichen Fremdlinge den Blick in sein Inneres mit einer leisen Verächtlichkeit zu verbieten schien. Werner erinnerte sich nicht, jemals diesen Stolz so ohne alle Affectirtheit gesehen zu haben. Er wollte mit einem Scherze antworten, aber Martha, von einer innern Unruhe getrieben, erhob sich und wollte nun mit Entschiedenheit auf den Weg. Sie nahm Abschied mit einer Zärtlichkeit, die nicht nur die Gewöhnung der jungen Mädchen war, sondern der tiefgefühlteste Dank für den heitern Abend. Wernern grüßte sie zuletzt und mit einem Male mit einer schnippischen Miene, wie er sie ihrem übrigen Wesen nach ihr nicht zugetraut hätte. Aber noch wurde Martha den Fremden, der so mancherlei Empfindungen in wenigen Stunden in ihr erregt hatte, nicht los. Der Förster, auch in seinem schlaftrunkenen Zustande noch schäkernd, fand es durchaus nothwendig, daß Martha sich von ihm nach Hause führen lasse. Sie suchte dem zu entgehen und floh zum Hause hinaus, aber Werner, vom Förster gedrängt, eilte ihr nach in die laue, sternenhelle Nacht hinaus.

Aber kaum war er über den Hof in den Wald getreten, so verlor er ihr helles Kleid, das ihm von fern entgegengeschimmert hatte, aus den Augen. Unbekannt mit dem Wege, mußte er verzweifeln, sie zu erreichen, als sein Windspiel, das mit ihm aus der Hausthür sich gedrängt hatte, lustig von fern her auf ihn zurückgesprungen kam und ihm zu versprechen schien, ihn auf ihre Spur zu bringen. Er folgte dem ausgelassenen Thiere auf einem schmalen Fußpfad durch nächtlich duftende Sträucher und plötzlich faßte es ihn hastig sanft bei der Hand. Es war Martha, die aus Furcht vor dem Hunde, der sie umkreist und am Kleide gezerrt hatte, nicht weiter zu gehen gewagt hatte. Nun ich Sie einmal nicht los werden kann, so sagte sie noch athemlos von ihrer Flucht, so kommen Sie nur mit mir. Sie hielt seine Hand jetzt so vertraut, daß er fast glaubte, ihre bisherige Schüchternheit sei nur vor den Augen Anderer angenommen, und wie sie so mit hörbar heftigen Athemzügen vor ihm fast wild dahineilte, mußte er auf den Gedanken kommen, seine Nähe und die Einsamkeit der Nacht hätten jetzt die Schranken gehoben, hinter denen sich bisher ihr Temperament verborgen. Er konnte seinen vermuthenden Gedanken kein Ziel mehr setzen; ihr ganzes Betragen glaubte er nicht anders erklären zu können, denn als verschmitzte Berechnung; sie war ihm noch immer ein poetisches Wesen, noch immer interessant, aber interessant als die vollendetste Kokette. Sie zog ihn noch immer hastig mit sich; die thauig kühlen Zweige, die sie gestreift, schlugen ihm dann ins Angesicht; die Nachtigall sang, sie schien das Brautlied zu singen; Marthas Hand wurde heiß und feucht, ihr Athem gewaltsamer–; er hielt ihr Wesen für weniger als zweideutig und glaubte als Weltmann hinter ihrem feinen Tacte nicht zurückbleiben zu dürfen. Er zögerte, weiter zu folgen, er blieb stehen und suchte sie zurückzuhalten, um ihre Hand zu küssen, sie an sich zu ziehen – da fragt sie ihn, was ihre Absicht, ihr ganzes Betragen erklärte, mit beziehungsvollem Tone: Wollen Sie den Rhein sehen?

Betroffen über seinen Irrthum, über seinen Mangel an Menschenkenntniß, folgte Werner. Noch wenige Schritte und sie waren im Freien; dann noch ein kurzer Fußpfad und sie standen an einer alten Mauer. Martha öffnete eine schwere Pforte: sie befanden sich in einem blumenreichen, duftenden Garten, in dem Winters und Sommers gegraben und gesäet wird – sie standen zwischen dem rothen Kirchlein und dem Rheinstrom auf dem Gottesacker. Sie führte ihn weiter zwischen den erhöhten Beeten mit den melancholischen Kreuzen durch den dumpfen Geruch der sogenannten Todtenblumen und den ambrosischen des spanischen Flieders hindurch, bis sie still stand vor einem großen Kreuze von weißem Stein, das fragend und verlangend seine todten hellschimmernden Arme in die Nacht zu strecken schien. Hier blieb sie stehen, deutete hinab: da ist er! – und Werner stand an einem Abhange, in dessen Grunde er gleichmäßig dumpf den Rhein rauschen und plätschern und brausen hörte. Er blickte hinab und sah die dunkle Wassermasse, deren unaufhörliches Wogen er an dem flimmernden Widerschein der wenigen größten Sterne erkannte, und dann blickte er nach diesen da hinauf, wo sie am unbewölkten Himmelsfirmament als Denkmale des unzweifelhaften, unerschütterlich Ewigen standen, nach dem alles Menschendasein sich stets vergeblich sehnt.

Nach diesem über und diesem unter ihnen schauten die Beiden eine lange andachtsvolle Pause. Werner wäre jetzt seit langer Zeit wieder zum ersten Male einer von allem Irdischen abgezogenen, in vollster Befriedigung aufgehenden, wahrhaft religiösen Stimmung theilhaftig geworden, wenn nicht das Bewußtsein, wie so eben im Gedanken an dieses Mädchen seine Phantasie sich verirrt, sich versündigt hatte, in seinem Innern ein Gefühl der Unwürdigkeit hätte aufkommen lassen. Die Gedanken an andere Verirrungen und Versündigungen stiegen dabei in ihm auf; es überkam ihn ein Moment der Gährung aller reinen und unreinen, erhabenen und niedrigen Elemente eines Mannesherzens, von dessen Möglichkeit er noch vor wenig Augenblicken keine Ahnung hatte.

Als die seltsame Führerin endlich das Schweigen unterbrach: Da – da – das ist der Rhein! Da ist nicht Stille, das ist wie in einem Herzen, das wallt und hämmert und pocht – ohne Ruhe und Rast! – da mußte er überrascht das tiefe Auffassen seiner leicht hingeworfenen Worte, die gedankenvolle Beziehung erkennen, mit der sie ihn hieher geführt hatte. Die Gemüthsbewegungen, die seit der letzten verhaßten Wendung seines Lebensschicksals ihn aus seiner herrischen Sicherheit herausgerissen hatten, aber, weil ihnen der sittliche Gehalt fehlte, nur mit peinvollem Unwillen ihn erfüllen konnten, sie waren jetzt, geweiht von einer Sehnsucht nach dem Edleren, fähig, zu erhabenem Seelenschmerze sich zu verklären. In dieser tiefen Wehmuth wollte er eben sentimental gegen sie werden und seine grenzenlose Achtung anbetend ihr kundthun, da brach sie plötzlich aus eignem Sinnen erwachend, ab: Wie spät es ist! Ich muß ins Haus! So spät bin ich noch nie nach Hause gekommen – und heute gerade!

Wie sie nun einmal so von den alltäglichen Dingen sprach, wußte er nichts Anderes, als ihr zu sagen: Morgen in erster Frühe muß ich fort von dieser Gegend; ein Amt, die Aussichten für mein Leben rufen mich in Geschäfte. Aber ich werde wiederkommen, noch diesen Sommer. Darf ich Sie besuchen, Sie und Ihre Eltern besuchen?

Nimmer! sagte sie betrübten Tones. Ach, wir haben nie Besuch zu Hause! Wir werden uns wohl niemals wiedersehen. Sie werden mich auch bald vergessen und ich werde denken: Sie sind der Strom, der läßt sich nicht halten, der muß einmal immer fort, fort, weit fort. Und ich, seufzte sie leise, ich bleibe immer hier und sehe ihm nach. Adieu, Adieu, Herr Werner; und damit Sie mich nicht für eigenwillig halten, so hatte sie mit neckischem Tone gesagt – in dem Augenblicke fühlte er einen leisen Kuß auf seine Lippen gehaucht und über die Gräber sah er sie mit ihrem hellen Kleide entschlüpfen und im dunkeln Schatten der Kirchenpfeiler verschwinden.

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