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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Erstes Bändchen.

 

Der erste Blick.

Auch der kecke Wanderer, der die grüne Waldesdecke, aus deren Schatten er eben zu diesem Anblick heraustrat, trällernd angelacht hatte; der so übermüthig einhergeschritten, als sei der Boden kaum werth, von seinen leichten Füßen betreten zu werden, der an keinem Vogel vorübergegangen war, den er nicht aufgescheucht hätte, und unermüdlich sein schlankes Windspiel in die Büsche, um Wild aufzuhetzen, gejagt hatte, auch er war von der Fernsicht in diese Gegend betroffen. Seine Füße waren angewurzelt, sein Auge gebannt in diesen Blick; seine freie Stirn wurde nachdenkend, wurde finster.

Hier müßte ich heiter dastehen, sagte er nach langem Sinnen vor sich hin. Die Hand aufs Herz, müßte ich zu diesem Bilde sagen: du bist hier heimisch; die Seele, die Ruhe, die Poesie, die aus dir sprechen, sie leben in diesem Herzen. Eins müßte ich sein mit dieser Natur, ihres Zaubers gewohnt, wie das Kind – der Mutter, wenn ich glücklich, wenn ich gesund wäre. Aber nun macht diese Natur mich nachdenkend, trauernd, weibisch sentimental. O, ich bin krank! Mein ganzes Innere ist verstimmt, verzerrt, verschroben –

Werner war nicht gewohnt, seinen Gedanken, am wenigsten solchen Gedanken, lange nachzuhängen. Der Nachmittag wurde eben kühler; ein leichter Wind vom Wasser her belebte zu neuer Wanderung. Er riß sich aus seiner Schwermuth auf und schritt am Waldesrande weiter. Er versuchte ein Liedchen, dann schlug er mit seinem Wanderstocke nach einem zwitschernden Zeisig; jetzt freute er sich, wie sein vierfüßiger, windesschneller Begleiter nach den Schmetterlingen haschte. Angeregt durch die frische Frühlingsluft hatte er eben mit der Gewaltsamkeit, die allen seinen Gemüthsbewegungen gerade jetzt eigen war, sich in die ausgelassene Stimmung versetzt, in der er alle Welt hätte necken mögen, um einen Scherz, eine Zerstreuung zu finden, als er bei der Biegung des Weges um eine Waldecke vor sich auf freiem, sonnigem Rasenplatze einem Anblicke begegnete, der mit der wunderbaren Fata Morgana, die ihn bisher gefesselt hatte, in seltsamem Contraste stand und ihm gerade deshalb eine so recht erwünschte Abwechslung bot.

Er sah endlich lebende, menschlich gestaltete Wesen und zwar in eben so sonderbarem als reizendem Aufzuge. Zahllose weiße Flaggen wehten, große Zelttücher waren ausgespannt; auch bunte Guirlanden glänzten im Sonnenscheine; weibliche Gestalten, zum Theil jugendlich, von seltener Schönheit, hüpften, gleichsam einen Shawltanz vollführend, mit den Flaggen wehend, die Zelttücher spannend, auf und nieder, zwar nicht im Nationalkostüm der Rheinnixen, von Flor und Wasserstaub, aber doch in einem Zustande der Toilette, den sie belauscht zu haben einem Fremden schwer verzeihen konnten.

Dabei war es ein Anblick nicht ohne Entsetzen, dessen Rührigkeit aber doch den humoristischen Werner ergötzte, wie Frau Förster Gerhard, mit ihrer großen Frühlingswäsche beschäftigt, sich hin- und hertummelte. Trotz ihrer Corpulenz war sie von der größten Lebhaftigkeit und, wenn sie erst warm geworden war, von unglaublicher Rührigkeit. Arbeit war für sie eine Lust und, eben weil sie ihrer körperlichen Constitution wegen bisweilen besorgt war, die schwerste Arbeit ihr die liebste. Ihrem Töchterlein wieder, das eben so viel Beweglichkeit des schlanken Körpers als des muntern Geistes besaß, war die Arbeit, weil sie ihr so leicht war, ebenso angenehm, und deshalb hatten beide die zwei Tage, die der Papa Förster auf einer Revierinspection zubrachte, dazu benutzt, ihrer Leidenschaft zur Arbeit und Reinlichkeit, dem Waschteufel, wie es der Alte nannte, Raum gegeben und die nächsten Nachbarinnen zu Gehülfen bei der Wäsche eingeladen.

Wenn der Alte fort war und insbesondere, wenn sie einmal Wäsche hatte, dann war die Försterin die unumschränkte Herrin. Und was für eine Herrin! Daß sie in bloßen Füßen einherging – für sie die höchste Lust, die sie in Gegenwart ihres auf »Propertet« haltenden Herren sich versagen mußte –, daß sie das Kleid ausgezogen und im rothgestreiften Unterrocke einherschritt, das schadete ihrem gebieterischen Wesen nicht im Geringsten. Wie männlich fest sie auftrat! Wie sie sich in die Brust warf! Wie herrisch sie um sich blickte! Wie befehlend sie hier und dorthin deutete! – in Allem einem Feldherrn gleichend, der sein Heer mustert. Und welchen Respekt hatten die Forstknechte und die Magd vor ihr! Augenblicklich wurden ihre Worte befolgt und, wo einer nicht rasch genug hören wollte, mußten wohl seine Ohren es fühlen. Aber das geschah bei ihr nicht in der Uebereilung, sondern mit wohlüberlegtem Vorbedacht, und that dann seine Wirkung. Wer aber seine Schuldigkeit that, den wußte sie auch zu belohnen. Wenn sie dem trägen Lorenz eine schwere Kiepe selbst auf die Schulter half und ihn warnte: thut er sich auch nicht Schaden? – dann ging's ihm wie Feuer durch Mark und Bein und er konnte für die Hausfrau arbeiten Tag und Nacht.

Jetzt sah die Frau Försterin aus wie ein Feldherr nach der Schlacht und zwar, wenn die Schlacht ein Sieg war. Sonne und Wind waren günstig gewesen; die Wäsche war fast gänzlich getrocknet; nur ein Stündchen noch brauchte ihr Ehegemahl fortzubleiben und er fand Alles im regelmäßigen Zustande zu Hause eingerichtet und ein großes nothwendiges Hausübel unmerklich überstanden.

So unerbittlich streng sie war, wenn Arbeit noththat, so gut mochte sie auch Erholung und Ergötzung leiden, wenn die Zeit dazu war. Zwar die große Wäsche war ihr sonst ein zu wichtiges Staatsgeschäft, aber bei so gutem Trocknenwetter wußte ihr munteres Töchterchen Lenette doch, daß sie über einen Scherz ein Auge zudrücken würde.

Einzelne Tücher, die im besten Winde gehangen hatten, wurden schon abgenommen. Die Tücher, damit sie nicht einlaufen und die Façon verlieren, mußten nach allen Seiten gleichmäßig gereckt werden. Lenette und ihre beiden helfenden Freundinnen gaben sich nun damit ab.

Der Fabrikinspector Andreas, der für den morgigen Festtag in das Pfarrhaus zum Gesuch gekommen war und sich hierher begeben hatte, um seine Muhme, die Pfarrerstochter, anzutreffen, mußte bei dieser Arbeit mithelfen. Nicht blos die alte Bekanntschaft mit ihm bewog die jungen Mädchen, trotz ihrer bloßen Arme und Füße und der aufgeschürzten Kleider, sich vor ihm sehen zu lassen, noch mehr bewog sie dazu der Mangel an Scheu und Achtung, den sie in jeder Beziehung gegen ihn an den Tag legten. Er war der unterhaltendste Gesellschafter, jovial und galant, und dabei eine der besten Partien weit und breit. Aber bei den Mädchen hatte er es dadurch verdorben, daß er als eine solche sich gerühmt hatte, indem er behauptete, er brauche nur die Hand auszustrecken und an jedem Finger habe er Eine, und daß er einmal gesagt haben solle, nicht das Mädchen, sondern das Geld sei ihm die Hauptsache: eine achtzehnjährige nehme er mit zehntausend Thalern, für jede fünf Jahre mehr verlange er fünftausend Thaler mehr, aber bei funfzig Jahren ginge er wieder zurück mit seiner Forderung und eine achtzigjährige sei ihm wieder eben so lieb, wie eine achtzehnjährige. Nur praktisch, ohne Leidenschaft! Das war die Redensart, mit der er dergleichen Lebensansichten motivirte.

Heute hatte namentlich seine auffallend gewählte Kleidung allen Uebermuth der Mädchen herausgefordert. Gleich bei seiner Ankunft hatte Dorette, die Schulmeisterstochter, ihn gefragt, er trage wohl die Elle – sie meinte sein braunes Polkastöckchen – um zu zeigen, daß er höher als eine Elle sei. Lenette bedauerte, daß er zu spät gekommen; als er frug, wozu? erwiderte sie, um seine weißen Modesten, die vom Wege bestaubt waren, noch mitzuwaschen. Seine Muhme Martha hatte nur den Muth, über seinen aufrechtstehenden Hemdkragen als »Vatermord ohne Ueberlegung« das Näschen zu rümpfen. Dorette fing dann nochmals an und machte sich über seine Lorgnette lustig und bedauerte, daß er nun wohl zu stolz geworden sei, seit er dadurch gesehen habe. Als er es mit einer Galanterie verneinen wollte, verlangte sie, daß er zur Probe sich herablasse, beim Recken der Tücher zu helfen.

Der Herr Fabrikinspector hatte seine weißen Glacéhandschuhe, die als ein Luxus erschienen, wo die Elegants nur waschlederne trugen, nun ausgezogen und Lenette hielt ihm ein großes Laken vor. Bei seiner enggeschnürten Kleidung war ihm diese Arbeit gar unbequem; das Blut und der Aerger über die Neckereien schossen ihm in den Kopf. Schon beim zweiten Tuche, als Lenette mit aller Körperschwere sich ihm gegenüberstemmte, ließ er los und sie selbst rücklings in den Rasen fallen, und rief ihr neckend zu: Nur ohne Leidenschaft!

Sie erholte sich bald von ihrem Schreck, als sie gesehen hatte, daß das Tuch ihre Füße bedeckt hatte; aber sie wollte nichts mehr mit dem hinterlistigen Spaßvogel zu thun haben. Andreas rief sein blondes, blasses Cousinchen, aber deren Art war es gar nicht, sich in solche wilden Scherze einzulassen; sie liebte wohl auch Neckereien, aber nur, wenn sie ihnen zusah. Mit ihren übereinandergeschlagenen Armen sich gleichsam in sich selbst verhüllend, stand sie wie gewöhnlich da und schaute von fern behaglich lächelnd zu.

Fass an! rief die brünette Dore mit dem rothen Stumpfnäschen, auf dem fast immer zwei oder drei Schweißperlen erglänzten, dem Gutsschreiber zu. Andreas faßte das Tuch an, um es mit ihr wieder so zu machen, gab auch jetzt plötzlich wieder nach, aber die kleine Pfiffige war darauf gefaßt, blieb fest auf den Füßen und zerrte jetzt mit drei Schritten rückwärts den Widerpart so heftig und unerwartet, daß er jetzt, statt sie rücklings fallen zu lassen, selbst vorwärts auf die Knie stolperte und sie seinen Spott erwidern konnte: Nur ohne Leidenschaft! Keine Ueberstürzung!

Die junge Welt nebst den Knechten und der Magd lachte über den vornehmen Herrn, der mit grünen Flecken an den Beinkleidern und verstörter Toilette wieder aufstand, so laut auf, daß die Frau Försterin jetzt zuschauen mußte; und aus Furcht, ihr Leinen könnte durch diese Prellereien leiden, wandte sie der Gruppe nicht mehr so freundlich den Rücken. Man sammelte sich schnell, um des Scherzes noch für den Abend aufzusparen, und versuchte mit Ernst an die Arbeit zu gehen. Aber es wollte nun nicht mehr gelingen. Schien es doch, als sei ein Kobold, ein neckischer Störenfried, unter die Gesellschaft gefahren. Andreas machte mit seinem Bemühen, den Aerger unter Gravität zu verbergen, eine zu komische Figur, als daß die Mädchen dem Reize zu necken hätten widerstehen können. Selbst die stille Martha konnte nicht unterlassen, als Andreas sich neben sie stellte, ihn mit einem langen Grashalme hinterlistig pfiffig von ihrem Platze aus, ohne die Arme aus ihrer Stellung zu rühren, im bloß geschorenen Nacken zu kitzeln. Aber kaum hatte er es gemerkt und machte er Miene, mit ihr in Neckereien sich einzulassen, so zog sie sich auch mit sichtbarer Scheu zurück. Sie entfernte sich, um an der Leine entlang zu untersuchen, ob die Tücher trocken waren, und nun mußte gerade sie es sein, die die Veranlassung zur größten Störung und zu allgemeinem Schreck geben sollte.

Sie betastete ein Stück nach dem andern, hing dieses höher, jenes niedriger, und ließ dabei mit so recht bewußtem Wohlbehagen die weichen Füße in dem weichen Frühlingsrasen hin- und hertreten. Da kam sie eben an ein großes, bis zur Erde reichendes Laken; damit es am Boden nicht befleckt werde, wollte sie es höher hängen; sie langte nach den Klammern, mit denen es an der Leine angeheftet war, aber ein weniges fehlte noch, um sie zu erreichen. Sie hob sich auf den Zehen, trat mehremal hin und her, um einen höhern Punkt des Rasens zu suchen, und fand endlich eine Stelle, von der sie die Klammern abnehmen konnte; aber kaum steht sie fest, so fährt ihr ein Schreck durch Mark und Bein: der Boden lebt unter ihren Sohlen und mit festen Krallen fühlt sie ihren Fuß erfaßt. Sie will fliehen, sie kann nicht los; hell schreit sie auf; Andreas, Lenette und die Andern eilen herbei. In Verzweiflung reißt Martha das Laken zur Erde nieder und – siehe da, jenseit desselben liegt im grünen Rasen sich streckend – kein Ungeheuer, keine Schlange, sondern der muntere junge Wanderer, der vom kühlen Schatten dieses Tuches aus die anmuthige Gesellschaft beobachtet hatte.

Er dachte eben darüber nach, welcher von den drei Grazien er wohl den Vorzug schenken würde. Martha hatte keine ins Auge fallende Schönheit, ihre Reize wirkten nicht von ferne und nicht auf den ersten Blick; Werner hatte sie wenig bemerkt und sie war ihm kränklich erschienen; er aber gehörte nicht zu Denen, die alles Leidende interessant finden. Mehr Reiz für ihn hatte das kleine üppige brünette Dorchen, mit ihren brennenden Augen und ihrer drolligen Ausgelassenheit– nicht gerade schön, dachte er, aber Race! Doch konnte dieser bedingte Reiz nicht Stand halten im Vergleich mit der Erscheinung Lenettens: hier waren Schönheit und Leben; das waren eine Gestalt, ein Antlitz, ein Benehmen, von deren Reizen ein Jeder nach dem ersten Anblick getroffen sein mußte, weil bei alledem so viel Koketterie nicht fehlte, als nöthig war, diese Naturgaben geltend zu machen. Hätte der unbemerkte Lauscher den Apfel des Paris zu vertheilen gehabt, Lenette hätte ihn in diesem Augenblicke erhalten, weil sie ihm die Vorzüge der beiden Andern zu vereinigen schien, ohne ihre Mängel zu theilen. So war er ganz in ihrem Anschauen versunken, als er vor dem Vorhange, der ihn wie einen Vogelsteller verbarg, plötzlich ein Paar allerliebste, alabasterweiße Füßchen erscheinen sah. Ein Mann von seinem Geschmack verstand sich auf schöne Formen und er mußte sich sagen, daß dieses der vollendetste Fuß war, den er je gesehen; so graziös in seinem Umfange, so harmonisch in seinen Verhältnissen, bei jedem Schritte biegsam in allen Gelenken, geschmeidig wie eine Hand. Und was den Reiz erst ganz erhöhte, er sah es dem Teint dieses Fußes an, daß er nicht gewohnt war, so ohne Verhüllung aufzutreten, daß er in diesem idyllischen Naturzustande sich hatte überraschen lassen: Alles in Allem, das mußte der Fuß einer bevorzugten Natur sein. Werner konnte es nicht wagen, sich von seinem Platze zu erheben und die glückliche Besitzerin mit der Entdeckung zu erschrecken, von welcher Position aus er sie betrachtet hatte. Aus Schicklichkeitsgefühl blieb er liegen. Aber er mußte verlegen werden, als diese Füßchen nicht nur immer wieder vor ihm hin- und hertraten, alle Stellungen einnahmen, ihre graziöse Gewandtheit zu beweisen, sondern als auch das weiße Unterröckchen über ihnen, während sie selbst auf den Zehen gestreckt balancirten, sich so weit in die Höhe schob, daß er die Bewunderung des reizenden Incarnats und der graziösen Plastik dieser Glieder bis zu den zarten, leichtgeäderten Knöcheln erstrecken konnte und mußte. Aber je mehr er Ursache hatte, überrascht und verlegen zu sein, um so mehr hatte er auch Ursache, sich mäuschenstill zu verhalten; denn um so mehr mußte er ein Wesen, von dessen zartem Naturell er eine hohe Probe erhalten hatte, durch sein Aufspringen zu erschrecken fürchten. So war Werners Zartgefühl nur der Nothwendigkeit gewichen; sein Gewissen war rein und als das eine Füßchen auf seiner Hand, die jedenfalls auch nur aus Zufall und Unvorsichtigkeit unter dem Tuche hervorragte, Fuß gefaßt hatte, da war die Sünde wohl nicht so groß, wenn er nun nicht widerstehen konnte, die Fußfalle zuzuklappen, um sich zu überzeugen, ob Taille, Büste und Kopf das halten würden, was das Füßchen zu versprechen schien.

Und wahrlich Martha's feingeschnitzte Figur, das knospenhaft knappe Mieder, die flüchtig graziöse Stellung und mit seinen ängstlichen Mienen der seltsam schöne Kopf machten jetzt einen überraschenden Eindruck auf ihn. Er konnte sich rühmen, daß er, wie andere Wahrsager aus der Hand, so aus dem Fuße richtig prophezeit hatte: es war in der That ein seltenes, eigenthümliches Wesen, das ihm hier entgegentrat, und ihre ganze Erscheinung zeigte die Reize, die er dort im Kleinen bewundert, im Großen entfaltet. Von dem Teint sah er, daß er vom Knöchel aus bis über Hals und Antlitz reichte. Dieselbe Zartheit und dieselbe Geschmeidigkeit entwickelte jetzt die ganze Gestalt, als sie, von seiner Hand noch immer gefesselt, sich hin und her wand, um ihm zu entfliehen, den Fuß zu bedecken. Werner aber, der mit seinem interessant artigen Lächeln unter dem herabgerissenen Laken sonderbar genug hervorblickte, fand diesen Scherz so anmuthig, daß er ihn dahin fortsetzen wollte, gleichsam um Verzeihung bittend für den Schreck, das vielsagende Füßchen mit einem Kusse zu bedecken. Die muntern, bei seinem Anblick sich rasch vom ersten Schreck zum Lachen erholenden Gesichter der hinzugeeilten Freundinnen schienen ihm zu versprechen, daß man Scherz verstehen werde, und er glaubte schon so recht in seinem Elemente pikanter Galanterie sich zu bewegen, als plötzlich der erschreckende Anblick eines furchtbaren Ehrenwächters ihn in seinem Uebermuthe störte.

Auch die Frau Försterin war auf Martha's Hülferuf herbeigeeilt; kaum übersah sie das Vorgefallene, so gestalteten sich ihre bisher triumphirenden Züge zu jenem Schreckensausdruck, den besonders der schläfrige Lorenz sehr gut kannte: so sah es jedesmal bei ihr aus, wenn ein Gewitter heraufzog, das einschlagen sollte. So streng sie bei vernachlässigter Arbeit sein konnte, nirgends war sie strenger, als wo sie den Punkt der Sittlichkeit verletzt glaubte, und sie hatte über das Benehmen der Männer gegen junge Mädchen so spröde Ansichten, daß ihr schon des Andreas Besuch bei der Wäsche eine Anmaßung erschien; dieses Gebahren eines Fremden aber gegen die ihrem Schutze anvertraute Pastorstochter war ein frevelhaftes Verbrechen. Sie war dabei aufgeklärt genug, auf die elegante Kleidung, die aristokratisch kecke Miene des fremden Waldfrevlers auch nicht im Geringsten Rücksicht zu nehmen. Die Arme in die Seiten stemmend, schaute sie anfangs drein, als müsse sie durch ihren bloßen Blick die Ordnung herstellen; als Werner sie aber eben so übermüthig freundlich anlächelte wie die Uebrigen, fuhr sie mit einem: Herr, in des Gottseibeiuns Namen, ist das eine Art! – dazwischen, faßte Martha beim Arme und rief die Knechte zum ritterlichen Schutze gefährdeter Mädchenhaftigkeit herbei.

Werner war wirklich in einer höchst peinlichen Situation, denn bei dieser entrüsteten Sittlichkeit war kein demüthiges: Pardon! keine galant scherzhafte Abbitte, keine Unterhandlung möglich; er sah sich eben allen Gefahren eines ertappten Wilddiebes ausgesetzt und sann, als ein Mann, der nicht flieht, über das äußerste Mittel der Befreiung nach, als wie ein Rettung verheißendes Jagdhorn aus dem nahen Gebüsche ein unbändiges männliches Gelächter erschallte. Halt ein, Alte, halt ein! es ist ein ehrlicher Kerl, ein lieber Junge! so rief eine tiefe, gemüthlich schnurrende Stimme von dort herüber, und die Försterin fuhr, vom Gewissen erschreckt, zusammen, denn der alte Förster, den sie erst des Abends erwartet hatte und der jetzt schon lange vergeblich am verschlossenen Hause gepocht haben mochte, trat mit ergötzter, schadenfroher Miene aus dem Versteck hervor, von wo er Marthas Ueberraschung mit innigstem Vergnügen angeschaut hatte.

Spaß muß sein! sagte er, indem er zum Erstaunen Aller dem Fremden vertraut die Hand drückte, mit dem er am Nachmittage schon mehrere Stunden auf der Wanderung zusammen geweilt hatte. Werner, der den Unterschied der Stände so fein zu beachten wußte, daß er ihn in seinem Benehmen nie hervortreten ließ, hatte durch seine Unterhaltung über die deutschen Wälder, die er von seinen Reisen und aus dem Aufsatz einer vortrefflichen Zeitschrift kannte, schon das Vertrauen und jetzt durch den Schabernack an den Frauensleuten noch das Wohlgefallen des alten Herrn in so hohem Grade gewonnen, daß er nicht genug seine Freude über das Wiederfinden des angenehmen Gesellschafters äußern konnte.

Die Försterin mußte froh sein, daß sie über ihre ewigen Waschgelüste und die Barfüßigkeit keine, wenn auch nur halb ernsthaft gemeinte Strafpredigt anhören mußte. Sie schwieg und zog sich still mit den kichernden jungen Mädchen zurück, um im Versteck hinter einem andern großen Tuche ihr Kostüm zu ordnen. Trotz ihrer Verlegenheit machte den kleinen Schelmen der verwegene Scherz des fremden Herrn doch eine mehr oder weniger unverkennbare Freude, denn sie waren sich dessen bewußt, daß sie auch in ihren Unterröcken, mit den bloßen Armen und Füßen, einen gar nicht üblen Anblick gewährten, und als sie erst hörten, daß nach Papas Einladung der kecke Vogelfänger die Nacht in der Försterei logiren werde, da pochten alle drei Herzen gleichmäßig von unbezähmbarer Lust und Neugier. Denn wie innerlichst verschieden auch diese Naturen waren, in der Jugend gehen die Lebensrichtungen noch nicht so weit aus einander, daß es nicht auch für diese drei Mädchen Begegnisse gegeben hätte, die sie alle gleich erregt hätten. So war Martha zwar in sich gekehrt und fast von leidender Stimmung, während Lenettens Wesen war, aller Welt heiter und offen entgegenzutreten; aber sie vermochten doch immer noch ihre Rollen zu wechseln. Martha konnte einen ganzen Tag fröhlich sein über ein neues Kleid, ein schönes Band, Lenette eben so lange niedergeschlagen erscheinen, wenn ihr ein Vögelchen starb, wenn eine Bekannte Trauerkleider trug.

Und doch schien heute Martha's auflebender Frohsinn, der auf ihren erröthenden Wangen sich malte, von keiner Dauer zu sein. Als die Wäsche abgenommen, in die Körbe und den Knechten auf den Radrer gepackt war und die Gesellschaft den Heimweg antrat, da sah man Martha ihr Betrübtsein deutlich genug an, während die beiden Freundinnen mit kaum zu unterdrückender Erwartung sich auf einen vergnügten Abend und den schönen Gast freuten. Als man an den Kreuzweg gekommen war, reichte Martha Lenetten die Hand und sagte schüchtern Adieu! Man wollte sie nicht gehen lassen, sie sollte den Abend bei Försters zubringen, aber sie antwortete mit wehmüthigem Tone, dem man anhörte, daß sie fast das Weinen unterdrücken mußte: Ach, wo darf ich das den Tag vor meiner Einsegnung! – Man drang in sie, es half nichts; sie bestand darauf, zu gehen, nahm von Allen Abschied und dachte eben daran, wie sie den Fremden grüßen sollte, da sah man im Gebüsche über den Weg gehen einen hohen hagern Mann, in feierlicher Haltung, mit langem Rocke, dessen Schöße bei jedem Schritte hinten weit hinaus schleuderten. An der stolzen, steifen Haltung des Rückens sah Werner es dem Manne an, daß er der Pfarrer oder der Schulmeister eines Dorfes sein mochte, nur sah er für den Ersten zu wenig feist, für den Letzten zu wenig hungrig aus und doch antwortete der Förster auf seine Frage: Es ist der Prediger, das rothe Kirchlein dort ist seine Pfarre – ein eigner Sonderling! Passen Sie auf, wenn er uns sieht, so läuft er davon! – Damit grüßte er zum Pfarrer hinüber, der erst jetzt auf Martha's Ruf der Gesellschaft ansichtig wurde. Der Pfarrer grüßte kalt wieder und wollte scheu über den Weg hinweg ins Dickicht; aber Martha, die ihn jetzt erreicht hatte, hielt ihn zurück, schlang sich um ihn und küßte ihn aufs Zärtlichste. Sie sah dabei so reizend hingebend aus, daß Werner, der bei jeder schönen Stellung stets Absicht argwohnte – in diesem Falle übrigens mit Unrecht –, darin Koketterie zu sehen meinte.

Der Pfarrer veränderte bei ihrer Liebkosung seine eisige Strenge nicht. Der Fabrikinspector Andreas hatte sich ihm indes, unterthänigst genähert. Ihn grüßte er freundlicher. Sie wechselten ein paar Worte, verabschiedeten sich dann und während der Pfarrer hinter den nächsten Bäumen verschwand, kam Martha mit dem Vetter zurück, der Gesellschaft freudig entgegenhüpfend. Du darfst? frug Lenette überrascht. Martha fiel ihr jubelnd um den Hals und sagte: Ich darf heute Abend bei euch bleiben.

*

 

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