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Pfarr-Röschen

Robert Giseke: Pfarr-Röschen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRobert Giseke
titlePfarr-Röschen
publisherVerlag von Franz Schlodtmann
year1851
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20171121
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Zum Frieden.

Der Arzt, der des Morgens endlich herbeigekommen war, fand Martha noch in demselben Zustande. Da er von ihrer durch den Vater verhinderten Liebe bereits gehört hatte, so war es leicht, die Vorfälle der letzten Tage ihm begreiflich zu machen. Er untersuchte den Bau ihres Brustkastens und nahm eine Auscultation vor. Auf seine Fragen konnte Martha nur mit dem Nicken des Kopfes antworten und sie lächelte mit schmerzlichem Blicke auf den Vater, als der Arzt die beste Hoffnung gab. Da ist das kleine Herz daran schuld, sagte der wohlgebildete junge Mann, dem es an dem feinsten Zartgefühl für eine solche Patientin nicht gebrach. Das kommt aus dem Gemüthe; wir müssen uns hübsch ruhig verhalten und vor jeder Aufregung, sei sie angenehm oder unangenehm, uns hüten. Das liebenswürdige Fräulein ist zu gut daran, es hat zu viel Herz, ein zu glückliches Temperament. Ja, ja, Sie lächeln, Sie wollen das nicht recht zugeben, das Herz will gerade unglücklich sein, Sie halten sich von Natur für melancholisch. Aber das muß ich wissen, dem ist nicht so. Hier ist echter jugendlicher Sanguinismus, der lebt zu rasch und sprudelt zu viel; das will der verständige Organismus nicht vertragen und zieht denn nach der Aufregung das Gemüth in Erschöpfung zurück und dann ist man melancholisch. Ist es nicht so? Nicht wahr, was solch ein Doctor aus dem Menschen Alles heraushören kann! Aber darum keine Furcht vor mir. Wenn ich weiß, woher das Uebel kommt, werde ich auch wissen, wie zu helfen ist. Der Puls ist jetzt ruhig; nur muß er so bleiben. Wir wollen uns recht behaglich und heiter verhalten. Die Sonne steht hoch genug, wir werden den Stuhl in die Fliederlaube tragen und ich werde Fräulein Lenette herschicken; die soll Gesellschaft leisten. Wenn's erst besser geht, soll meine Patientin ganz mit ihrer Freundin zusammen wohnen. In der Försterei ist gesundere Luft als hier zwischen den dicken steinernen Gewölben. Pflege wird dann wenig nöthig sein, nur Gesellschaft und Zerstreuung.

Anders sprach der Arzt, als er die Kranke verlassen hatte und in der Flur mit Wendelin und Johannes zusammenstand. Meine Herren, sagte er, hier balanciren Tod und Leben auf einer Nadelspitze. Zu helfen ist hier nicht, nur etwas Niederschlagendes kann ich verschreiben; aber ein einziger Hauch kann Alles verloren machen. Das ist der merkwürdige Fall eines gebrochenen Herzens im eigentlichsten Sinne des Wortes. Aus wechselnden Gemüthsstimmungen ist eine große Reizbarkeit des Herzens, aus der Reizbarkeit eine Erweiterung hervorgegangen, bis eine letzte gewaltsamste Erschütterung, als der Bau der Brust eine Ausdehnung nicht mehr zuließ, eine Sprengung der Herzenswände zur Folge gehabt hat. Hier ist meine Kunst zu Ende; die Seele ist es, die Heilung verlangt. Geht dieser Anfall vorüber, ohne tödtlich zu sein, dann ist es Ihre Sache, dem Gemüthsleben des Kindes eine neue Richtung zu geben. Ist es nicht möglich, die Einwilligung zu der verhängnißvollen Verbindung zu geben? Jedenfalls muß die Kranke sobald als möglich aus dem Hause, wo Alles sie an die traurigen Erlebnisse erinnert. Sie muß dann müßig arbeiten, an heiterer Lectüre, ruhiger Gesellschaft sich zerstreuen. Wo hoffe ich, werden Leib und Seele zu mäßiger Kraft sich noch einmal erholen. Nur jetzt einen jeden Affect vermeiden. Die geringste Erregung des Schrecks oder der Freude ist ihr Tod!

Vater und Sohn setzten in gemeinsamer Trauer und Sorgfalt die Pflege fort. Die Mutter, die in der vergangenen ereignißreichen Nacht, Martha suchend, bei Försters in Krankheit daniedergefallen war mit der Klage, sie könne nun nicht mehr leben, erholte sich bei der Nachricht vom Unglück ihrer Tochter. Sie erstand wieder von ihrem Lager, schleppte sich in die Pfarre und, als sie nur pflegen konnte, da wurde die gute Frau wieder ganz Leben und Wirken.

Den ganzen Tag über schien Martha's Zustand sich wenig zu ändern. Ihr Athem nur schien matter zu werden. Ein rührendes Lächeln stand in ihren Zügen.

 

Indeß hatte sich im Hochzeitsschlosse, das Martha verlassen hatte, eine Scene ganz anderer Art zugetragen, die für die Krisis dieses Zustandes noch den Ausschlag geben sollte.

Die Trauung war vollzogen. Nach der Trauung ritt man auf die Jagd und nach der Jagd kehrte man zu einem sehr heiteren Abendessen zurück, das auf dem Balcon des Schlosses unter dem gestirnten Himmel bis in die Nacht hinein dauerte. Endlich hatte Onkel Aurelian sich zurückgezogen und Werner war mit seiner jungen Frau in den Gemächern, die für ihr Alleinsein mit möglichster Pracht im Laufe des Tages eingerichtet waren.

Er lag zu ihren Füßen. Sie war hingebend, bezaubernd. All seine Bedenklichkeiten hatte er vergessen. Er küßte ihre Hände, ihren Fuß und wieder ihre Hände. Da traf sein Auge auf einen Schimmer, in dem er plötzlich den falschen Schein eines durch und durch lügnerischen Wesens zu durchschauen meinte. Diamanten blitzten ihm entgegen. Er suchte die Hand wieder, an der er sie bemerkt hatte, und erkannte einen Kranz von Brillanten, die einen dunklen Stein umfaßten. Sanft, aber gewaltsam streifte er den Ring von ihrem Finger. Sie erschrak heftig. Er ging an die mattleuchtende Ampel; aber er konnte nur die Form, nicht die Farbe des Steins erkennen. Er warf sich in einen Lehnstuhl, schlug die Fenstervorhänge zurück und starrte auf den Ring, bis der Morgen heraufkam. In den ersten Sonnenstrahlen erglänzte der dunkle Stein als ein Smaragd von Brillanten umgeben.

Werner warf den Ring auf den Marmortisch und schritt über die Teppiche aus dem Zimmer mit den Worten: Ich überlasse Ihnen das Vermächtniß des Prinzen Waldemar.

Er ging aus dem Schlosse in die Morgennebel hinaus. Im Walde warf er sich auf den Boden und kämpfte mit sich selbst einen schweren Kampf den ganzen Tag über. Mit der Abendsonne stand er vor dem Pfarrhause. Er schritt in die Flur, in das Zimmer, niemand war zu finden, bis er durch das Fenster die Familie im Garten erblickte. Er sah Martha leichenblaß im Lehnstuhl unter der Fliederhecke und stürzte hinzu; er sank zu ihren Füßen und frug: Bist du krank? Um Himmelswillen laß mich nicht schuld sein. Stoße mich nicht von dir, vergilt nicht Gleiches mit Gleichem! Entsetzlich habe ich gehandelt; entsetzlich war ich betrogen. Alles will ich gut machen, nur verzeihe, Martha, meine Martha!

Nun athmeten Wendelin und Johannes auf, denn die Rettung sahen sie erschienen; Lenette wollte den Ungestümen zurückweisen, um von Martha die Aufregung fern zu halten, aber diese wandte ihr Haupt ihm zu und lächelte mit traurigem, aber innigst liebevollem Blick ihm entgegen. Dann faßte sie nach ihrem Herzen, zog, mit Mühe sich bewegend, aus dem Mieder den verdorrten Myrthenkranz und reichte ihn dem Geliebten. Die Farbe des Lebens und der Freude hatte ihre Wangen angeglüht; ihre Brust wogte wieder freier athmend auf und nieder. Sie schien sich bezwingen und von der Aufregung zurückhalten zu wollen, hüllte ihren Busen behaglich in das weiße Halstuch, deutete auf den Zipfel, in dem Werners Namenszug stand, und wandte sich dann ab, in die Ecke des Stuhles sich lehnend; wieder zupfte sie an ihrem Kleide und war dann in sanften Schlaf versunken.

Sie wachte den ganzen Abend nicht wieder auf, auch nicht, als sie mit dem Stuhle ins Haus getragen wurde. Alles suchte, ohne sich zu entkleiden, auf dem Sopha oder einem Stuhle einen Platz der Ruhe. Werner saß zu ihren Füßen, Lenette an ihrer Seite. Um Mitternacht weckte ihn diese, wie es schien, in Angst. Er sollte-der Kranken den Puls fühlen. Er faßte sanft ihre Hand, um sie nicht zu wecken; sie war kalt, ihren Puls konnte er nicht finden. Er wurde unruhig und weckte auch die Anderen. Puls und Herzschlag waren nicht zu fühlen. Der Körper wurde kälter und kälter und als der Arzt kam, erklärte er: Sie ging zum Frieden. Nur so konnte sie Ruhe finden. Bei solchen seltenen Menschen ist alles Glück wie alles Leid, das ganze Leben eine Krankheit, aber eine schöne, eine beneidenswerthe Krankheit. Man kann sagen: sie sterben an ihrem Charakter. Ihr eigner Charakter ist es, was sie leben, aber an ihrem Leben gehen sie zu Grunde.

Es giebt noch Herzen selbst in dieser Zeit, sagte Johannes; erkennt man sie auch nur daran, daß sie brechen!

 

Auf den Tod Martha's folgte nur noch ein letzter Schlag und dann klärte über der Familie des Pfarrhauses der Himmel sich auf. Dieser letzte Schlag traf den alten Pfarrer. Als er am Sonntage nach der Beerdigung seines Kindes wieder zu predigen anfing von der Erbsünde und dem Fluche der Weltlichkeit, verlor er bei den Worten der Schrift: Der Trieb des Menschenherzens ist böse von Jugend auf – plötzlich die Sprache. Ein Schlaganfall hatte seine Zunge gelähmt. Nach vierzehn Tagen war sein allgemeines Uebel geheilt; nur der Sprache wurde er nie wieder völlig mächtig und es blieb ihm unmöglich, je wieder die Kanzel zu besteigen. Eines Tages kam im Pfarrhaus ein Brief an, in dem der Minister des Cultus dem Pfarrer Wendelin den Abschied, den er begehrt hatte, gewährte, so sehr es ihn auch schmerze, einen so treuen, amtseifrigen Diener des Herrn aus der Kirche zu verlieren. Seitdem war mit seiner Sprache der Wille des Greises gebrochen. Er machte keine Autorität mehr über irgend Jemand geltend.

 

Johannes und Lenette, deren Hände bei der Pflege Marthas sich begegnet und von ihr kurz vor ihrem Tode in einander gelegt waren, lobten sich, für ihr Leben einander zu gehören. Die Schwester hatte ihn fühlen gelehrt, was die Braut ihm sein konnte. Aus der Begegnung jener verhängnißvollen Nacht war ein neuer Mensch hervorgegangen. Die Leidenschaftlichkeit seines Naturells, von allen unreinen Schlacken befreit, wandte er jetzt dem Streben nach einem einigen bestimmten Zwecke seines Lebens zu. Mit eisernem Fleiße und schöpferischer Begeisterung brachte er den Winter über seinen Büchern zu und, als sein Vater das Pfarrhaus räumen mußte, hatte er eine Anstellung als Repetent an einer nicht zu entfernt gelegenen Universität sich erworben. Die Bemühungen des Freiherrn von Bernthal, mit dem er in echt männliches Freundschaftsverhältniß getreten war, hatten ihm die Connexionen verschafft, die einmal nöthig sind, um das Verdienst zur Geltung zu bringen. Seine wissenschaftliche Befähigung hat ihm bereits einen nicht unbedeutenden Ruf erworben. Denn daß er das Wort nicht mit Leichtigkeit und Eleganz zu beherrschen vermag, thut ihm unter den deutschen Professoren wenig Abbruch; dagegen haben sein aus dem Innern heraustönendes Organ und jener mühsame, inhaltsschwere Vortrag, dem es an Glätte fehlte weil er stets für einen neuen Gedanken einen neuen Ausdruck zu erzeugen hat, ihm die Theilnahme, wenn nicht der oberflächlichen, aber der strebsamen und darum ausdauernden Studirenden erworben. Es steht ihm zuversichtlich eine erfolgreiche Wirksamkeit bevor, da er zu den wenigen Gelehrten gehört, die Charaktere sind, die nicht nur studirt, sondern auch gedacht und empfunden haben.

Noch eine Umwandlung war in ihm vorgegangen, die er recht auffallend an der Veränderung merkte, die in entgegengesetzter Weise an dem Freiherrn geschehen war, als dieser ihn nach fast zwei Jahren in der neuen Heimath besuchte. Werner, früher ein prononcirter Aristokrat, war in den Staatsdienst getreten und mit dem öffentlichen politischen Leben in nahe Berührung gekommen. Sein nicht nur im Namen beruhender Adel machte ihm jede Lüge verhaßt und der ritterliche Sinn, den er sich auch als Beamter bewahrt hatte, trieb ihn in Opposition gegen Alles, was ihm Wahrheit und Recht zu verletzen schien. Johannes dagegen fühlte sich, in seiner neuen Lebensstellung, weniger dazu berufen, der Welt befreiend, aufklärend und auflösend entgegenzutreten; es erfüllte ihn vielmehr der Drang, die sittlichen Elemente des menschlichen Lebens in ihrer bindenden und beschränkenden Macht aufzusuchen und darzustellen. Aber auch bei dieser Verschiedenheit der Sinnesrichtung fanden die beiden Freunde, je länger sie ihre Ideen austauschten, daß ein gemeinsames Ziel sie vereinige und sie schieden von einander mit gegenseitig gesteigerter Achtung und der Hoffnung, auf ihren Lebenswegen in diesem einigen Ziele sich noch zu begegnen.

Der alte Pfarrer hatte keine Freude an der neuen Richtung des Sohnes, denn so wenig als die frühere verstand er die jetzige. Der Glaube an das Fatum schien ihn auch nicht mehr zu beschäftigen, er mochte mit dem Ende seines Kindes es erfüllt sehen. Er war, ein geknickter schwacher Greis, mit seiner Gattin in das Forsthaus gezogen und brachte seine Tage damit hin, Blumen zu pflegen, von denen er die schönsten auf Marthas Grab pflanzte. Dabei war er mürrisch und finster, wie früher, und nahm an der Geselligkeit des Hauses keinen Antheil; aber es war kein Geburtstag in der Familie, wo er nicht einen Strauß oder einen Blumentopf bescheerte. Der junge Arzt, der sich mit dem größten Antheil der Familie annahm, behauptete, den Alten von seinem düstern Charakter heilen zu können, und verordnete ihm Karlsbader Brunnen, aber er griff damit doch nicht durch. Kümmerte den Pfarrer das Schicksal der Familie nicht mehr, so stellten sich die Sorgen ein über seine Blumen. Wenn er gesäet hatte, konnte er die Nächte schlaflos in Angst zubringen, ob es auch aufgehen werde; und wenn es aufging, quälte ihn die Furcht, statt Rittersporn könnten Nesseln wachsen.

Die Pfarrerin konnte ihn darüber trösten, denn sie fühlte sich selbst so glücklich und fing an, noch einmal aufzuleben. Ihr Heimweh, ihre zehrende Unglückseligkeit hatten aufgehört, seit sie im Forsthause ihrer einzigen Leidenschaft mit dem Gevatter Förster und der Gevatterin ungestört nachhängen konnte, dem Plaudern. Und was für Stoff zu gewichtigem Erzählen und Besprechen gab es, als die Braut ihre Ausstattung besorgte und als die junge Frau Doctorin in die Stadt zog, und erst gar als sie von dort schrieb, sie könne ihre Zahnschmerzen nicht los werden, und ordentlich klagte, als solle das eine unglückliche Ehe werden. Aber mit diesen Klagen und Verstimmungen hatte es seinen eigenen Grund und als der Frühling wieder herankam, war auch dieses Wölkchen vor dem Sonnenblicke heitersten Glückes geschwunden: die Frau Pfarrerin konnte mit dem Großpapa Förster zu den Kindern reisen, um ein kleines Mädchen über die Taufe zu halten. Als man nach dem Namen des Kindes sich frug, da war kein Streit, wie sonst wohl unter der Gevatterschaft; es war nur eine Stimme, es mußte Martha heißen.

So lebt der Name jenes unglücklichen Glückskindes in der Familie fort und auch seine Persönlichkeit fällt nicht der Vergessenheit anheim. Der kleinen Martha leuchtet die selige Martha im Himmel als ein Schutzengel und ein heiliges Beispiel voran, und wohl nie ist die Familie festlich versammelt, ohne daß sie in ihrem Glücke der Hingeschiedenen gedächte. Jedes weiß dann Züge ihrer Liebenswürdigkeit vorzubringen und wie oft sie auch schon erzählt sind, stets werden sie mit derselben Liebe gehört und stets noch werden neue angeführt, die bei dieser oder jener Gelegenheit in der Erinnerung auftauchen. Wenn aber der Freiherr von Bernthal, der, fast zum Sonderling geworden, nur in Arbeiten des Amtes und der Wissenschaft lebt und keine Erholung kennt, als alljährlich eine Reise an den Rhein zu machen, wenn er bei solchem Besuche dann vor Lenetten sein Herz ausgeschüttet hat, was weiß sie dann Neues und Entzückendes zu erzählen, was er ihr von seinem vertrauten Umgange mit der Freundin entdeckt hat! Und diese in der Familie lebenden Erinnerungen sind Das, was der Verfasser dieser Geschichte hier zusammengestellt hat. Möge das Büchlein Denen, die seine Heldin kannten, ein Denkmal der Liebe sein, und Denen, die sie wohl kennen möchten, ein Vorbild zu der Erbauung, wie sie aus einer solchen Leidenschaft ein edles Gemüth wohl schöpfen kann.

 

Zum Schlusse endlich möge eine Stelle aus einem Briefe, von Johannes an den Freiherrn Werner gerichtet, hier Platz finden, welche zeigt, wie Segen der Versöhnung über Marthas Grabe sproßte.

Es ist wahr, so hieß es darin, was ich einst von Ihnen hörte: die Welt strahlt uns stets das Spiegelbild unsrer selbst zurück; wie wir sind, so erscheint uns das Leben. Daraus folgere ich: wie wir wollen, daß das Leben uns erscheine, so müssen wir uns bemühen, selbst zu werden. An mir selbst habe ich es ja wunderbar erfahren, wie aus der Welt, die in Verwesung auseinanderzufallen scheint, die Seele durch eigne innere Kraft eine neue lebenskräftige Schöpfung sich erstehen lassen kann – freilich nicht im Rausche der Leidenschaft, noch durch die Schnellkraft eines genialen Einfalls, aber durch die mühsam ausdauernde Arbeit, die ein lang verwildertes Feld für neue Saaten umzuroden vermag. Wer nur den Muth nicht verliert, dem wird der Drang göttlicher Schöpfungsfülle, die sich im ethischen wie im planetarischen Leben unversiegbar kundgiebt, unwillkürlich zu Hülfe kommen. Das Leben, auch in der Geisteswelt, erzeugt sich ewig neu, wo nur Raum und Freiheit seines Wachsthums ihm gewährt sind. Und wenn zu Zeiten alles Leben eisig zu erstarren, aller Organismus ertödtet auseinander zu bröckeln droht, es werden wieder Zeiten kommen, wo das Sonnenlicht der Liebe das alte Leben und mit dem alten neues reicheres erweckt. Kam doch noch kein Winter auf die Erde, den nicht der Frühling überwunden hätte!

 

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