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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Ein Pilger.

              Die Sonntagssonne steht noch hoh;
Im Rebenzelt auf eichenen Bänken
Vor'm Schenkhaus sitzen die Bauern froh
Und trinken und sinnen, wie sie mit Ränken
Zur Rache den schlauen Nithart kränken.
Todtschlagen? ei, das wäre nicht fein,
Und sonst fällt ihnen nichts Andres ein.
Ein Pilgersmann vorüber wallt
Mit grauem Kittel und Muschelhut,
Von schwarzem Gurt den Leib umschnallt,
Dran steckt manch Ablaßzettel gut;
Von heil'gen Knochen starrt die Tasche,
Von Jordanswasser quillt die Flasche,
Am Busen Kreuz und Skapulier,
Am Stabe selbst ein Kreuz als Zier;
Der heil'ge Staub an seinem Fuß
Von Zion noch und Kompostell,
Er bebt entweiht, daß er so schnell
Gemeinem Staub sich mischen muß.

»Gelobt sei, der da war und ist!«
Der Pilger grüßt und schreitet weiter.
»Gelobt auch,« Engelmar ruft's heiter,
»Der Teufel, dessen bald du bist!
O bleibt von diesen Frommen weit,
Von dieser Zunft der Heiligkeit,
Heilkrämern, die da wägen, messen
Ihr Seufzen und ihr Augenzwinken,
Doch haben sie das Maß vergessen
Für Thränen, die im Aug' uns blinken!
Der Kaufherr sucht im Osten weit
Weihrauch, der nicht daheim gedeiht;
Weitum nach heiligen Orten rennt,
Wer in sich selbst kein Heilthum kennt.
Zur That, die Keiner für sich wagt,
Macht Gottes Namen unverzagt;
Der Kirchendieb blieb unertappt,
In Küsters Mantel schlau verkappt.
Drum hütet euch vor diesen Frommen;
Schließt gut die Thüren, so sie kommen.«
Dem Kleide nur und nicht dem Mann
Galt Engelmars zornvoller Bann,
Der noch zu mild, hätt' er entdeckt,
Daß Nithart in dem Kleide steckt.

Der Pilger schreitet rüstig aus
Gen Engelmars Gefild und Haus.
»Willst du dem Feind zu Leibe gehn,
Ins Feindeslager mußt du spähn!«

Er tritt zur Hausflur ein; da blinken
Festtäglich blank die Sichel, die Haue,
Die Sense, blutdürstig nach Morgenthaue,
Der Rechen mit kronverwandten Zinken,
Die schönen Waffen, die geweihten,
Die für das Brod, das heilige, streiten;
Zu Kampflust weckt der Rittersaal,
Zu Frieden stimmt dieß Arsenal.
Er tritt zur Kammer, rings im Kreise
Von blankem Zinn an Sims und Stellen
Die Schüsseln und Teller gereiht, die hellen,
Wie jener Waffen ersiegte Preise;
Bei jedem Mahl die Schüssel reich
Ist ein im Kampf ersiegter Schild,
Und jedes Kännlein Weines gilt
Dem Helm, gefüllt mit Golde, gleich.
Hier machte Kriegeshandwerk mild;
Es theilt des Hauses Ueberfluß
Mit jener Lerche fromm der Wirth,
Die frei um Tisch und Dielen schwirrt
Und dankt mit ihrem Morgengruß;
Doch ist's vielleicht zerknirschter Sinn,
Der reuig die Saatenkönigin,
Die er beraubt, entschäd'gen muß? –
Vom Ecksims zwischen zweien Wänden
Blickt die Madonna traurigmild,
Die schwarze Maria heißt solch Bild,
Laßt seinen Goldgrund euch nicht blenden!
Er malt den Brand ägypt'scher Sonne,
Der Kind und Mutter sengte braun
Auf wilder Flucht nach fremden Gau'n;
Das ist des Bauers echte Madonne!
Das Kind an der Brust, du braune Maid,
Du kennst, wie er, der Sonne Glüh'n,
Der Nächte Kummer, des Tages Müh'n
In schlechtem braunen Lodenkleid,
Und deine Hände braun und rauh,
Sie kennen, wie er, die Arbeit genau
Für deine Lieben, für dein Kind!
Du aber, Himmelskönigin,
Geschirmt vom damastnen Baldachin,
Mit Wangen, die Milch und Rosen sind,
Mit dem lächelnden, wangenrothen Kind,
Mit Haaren, gedreht aus Sonnengold,
Mit Fingern, aus Elfenbein gerollt,
In Stoffen, die den Kaufherrn loben,
Die Tyr gefärbt, Damask gewoben,
Des Reichthums Tochter, bleib' in Palästen,
Hüt' ihren Hort vor schlimmen Gästen,
Schirm' ihre Kinder vor dem Gleiten!
Gewohnt, auf Marmorgetäfel zu schreiten,
Hast du die Scholle nie betreten;
Der Bauer kann zu dir nicht beten.
Sein eignes Sein nur hat verklärt
Der Mensch im Göttlichen, das er ehrt.
Nur wenn dir einst am Herzen liegt
Anstatt des Kinds das Siebenschwert,
Des Schmerzes Göttlichkeit bekehrt
Dann Alle dir, die Alle besiegt!
Dem dunkeln Bilde brennt zu Füßen
Ein Lämpchen mit bescheidnem Glanz,
Des Kleides Saum scheint's fromm zu küssen;
Am Arm der Ampel lässig hängt
Von Holzkorallen ein Rosenkranz,
Als hätte der Eigner, zeitgedrängt,
Ihn eilig dem Lämpchen umgehängt,
Statt seiner ihn abzubeten ganz;
Das Lichtlein scheint sich betend zu regen,
Sein Flackern ein stilles Lippenbewegen.
Doch hinter'm Bildesrahmen leis
Guckt vor ein dürres Birkenreis,
Die hohe Schule der Wissenschaft,
Geborgen im Schutz der Glaubenskraft;
Wenn sich die Reiser zum Bündel mehren,
Wird's Inbegriff der besten Lehren;
Der Lehrer war's in diesem Kreise,
Der Prediger guter Christenweise,
Hier aber wird nicht mehr erzogen,
Und Spinngeweb hat's überflogen.
Doch der Beschauer ward alsbald
Von süßer Wehmuth ganz bezwungen,
Ihm säuseln die Jugenderinnerungen,
Ein frischer, grüner Birkenwald.
Am Tisch dort rinnt in gleichem Maß
Der dünne Sand im Stundenglas,
Ein Brünnlein, in dieß Haus geleitet,
Vom Zeitenstrom, der draußen schreitet;
Indeß die Flut dort brausend floh,
Ist hier ein Plätschern nur alltäglich,
Doch hier auch spiegelt's ebenso
Das Menschenherz bald froh, bald kläglich.
Herrn Nithart aber überkam
Friedfertig Sinnen wundersam.

Vom andern Stubenende schaut
Der grüne Kachelofen prächtig,
Wie eine Burg auf Felsen mächtig,
Auf breitem Fundament gebaut;
Von seiner Decke der Fliegenwedel
Grüßt wie ein Banner ins Thal herein,
Am Sims der rothen Aepfel Reihen
Wie von den Zinnen Feindesschädel.
Da sitzt Hausmütterlein am Rocken
Und dreht das Rad und spinnt und spinnt.
Zwei Töchter schmeidigen gelind
Zum Tanz Haarflechten sich und Locken;
Blühweiß ein Schleier drüber wallt
Wie Blüthenschnee der Weißdornhecken,
Die Silbernadel gibt ihm Halt,
Dem Goldring sich die Finger strecken.
Hausmutter spinnt, rauh ist die Hand,
Und grober Zwilch des Leib' s Gewand;
Der alte Dorn wird dürr und hart,
Auf daß die Knospen blühen zart.
Die lebensmüde, zitternde Hand
Webt noch dem Kind ein schmückend Band.
Die Gottesmutter dort im Bild,
Die ird'sche Mutter hier am Rocken!
In Nitharts Brust ein Friede quillt,
Wie durch die Weihnacht ferne Glocken.
Auf Haß zu sinnen ist's kein Ort,
Wo angesiedelt sich ein Lieben;
Froh, daß er unbemerkt geblieben,
Und süßbeklommen schleicht er fort.

Der Vollmond steht am Himmel hoch,
Vor'm Schenkhaus sitzen die Bauern noch
Und trinken und sinnen, wie sie mit Ränken
Zur Rache den schlauen Nithart kränken.
Todtschlagen? Ei, das wäre nicht fein!
Und sonst fällt ihnen nichts Andres ein.

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