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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Ein ländliches Fest.

                Zum Herzog Otto Nithart spricht:
»Im Dorf ist morgen Kirmeßtag,
Herr, lade die Bauern zum Gelag,
Zu edlem Wein und feinem Gericht,
Daß Enkel noch in späten Tagen
Von deiner Milde wissen zu sagen!«
Was heimlich er denkt, doch sagt er nicht:
Hab' ich sie nur beisammen morgen,
Ein Andrer wird für Rache sorgen!
Ein schönes Fräulein, wie Göttin Hebe,
Ein lieblich Feenkind war die Rebe,
Schlangwüchsigen Leib's zum Himmel ragend,
Feinrankige Arme in Anmut tragend,
Mit Tänzen, Geberden mancherlei,
So jugendlich keck, so göttlich frei.
Die Maid im Garten ein Bauer fand
Mit hartem Herzen, rauher Hand;
Er fesselt sie zum Marterpfahl,
Beschwert die Glieder mit Kett' und Band,
Ersinnt ihr Qualen ohne Zahl;
Die Aeuglein blendet sein scharfer Stahl,
Die schönen Arme schneidet er ab,
Verstümmelt und krümmt den wonnigen Leib,
Bis sie gebückt am Krückenstab
Hinschleicht ein höckerig altes Weib,
Dann senkt er lebend sie ins Grab.
Vergeltung doch hat sie dem Thoren,
Dem Peiniger ihres Leib's geschworen,
Unsühnbar sich in Rache zu laben,
Bei jedem Fest ein Opfer zu haben.
Und der gemordeten Rebe Geist
Erscheint beim Festmahl ihm und reißt
Zu Boden ihn mit mächtiger Faust,
Daß Wahnwitz sein Gehirn durchbraust;
Zum Thier soll er verwandelt sein,
Erst Täubchen, Tiger dann und Schwein;
Gefühlvoll erst, rauflustig dann,
Unflätig zuletzt ist der trunkne Mann.
Der Taubengeist wird lang nicht walten,
Wir wollen's mit dem Tiger halten.
Der Herzog ihm antwortend spricht:
»Ei seltsam, daß der Bauernfeind
Die Bauern will zum Fest vereint!
Dein Wunsch doch hat mir solch Gewicht,
Daß ich ihn nimmer kann versagen:
Laß Boten um die Gäste jagen!«
Was schlau er denkt, doch sagt er nicht;
Fürwahr, schon allzulang will dauern
Dieß Kriegen Nitharts mit den Bauern!
Ein altes Buch in schöner Mähre
Hat mich gelehrt, wie ich den Streit
In Frieden und Versöhnung kehre,
Und köstlich kommt gelegne Zeit!

Vor'm Dorf, wo sich die Linde spreitet
Und weit ihr grünes Laubdach breitet,
Ist schmuck ein langer Tisch gedeckt,
Schneeweißes Linnen drüber gestreckt;
Des Webers Kunst wob in den Flaum
Des Bacchus Fahrten, Noahs Traum,
Als hätten übermannt ihn Beide,
Verwirrend Bibel und Heidenthum.
In Körben prangt der Fluren Ruhm,
Der Früchte Glanz, der Blumen Geschmeide
Auf weißem Tisch zur Augenweide,
Wie Zaubergärten mitten im Schnee!
Unfern, daß ihn ihr Schatten umweh',
Liegt feist ein Eber hingestreckt.
In Tischesmitte zum Himmel reckt
Des Bäckers Werk sich, die Pastete,
Des Kahlenberges Felskoloß,
Auf dessen Gipfel das Herzogsschloß
Sammt Thurm und Fähnlein, das sich drehte;
Wie sachtreu! Wenn der Grundstoff nur
Nicht allzutreu der Felsnatur!
Am Fuß der Burg quillt aus Gestein
Ein Bächlein, Namens Osterwein,
Sein Fall ein muntres Mühlrad treibt,
Der Stein tanzt lustig und zerreibt
Des Ost's Gewürz zu duftigem Mehle.
Dem Brünnlein nah gelagert ruht,
Als ob er sich's zur Tränke wähle,
Ein Hirsch mit breiten Geweihessprossen;
Der Sehnsucht Bild, liegt hingegossen
Ein Riesenhecht, den Heimweh quäle,
Ins Naß zu tauchen seine Flossen.
Von Schüsseln und Krügen welch Geschwader!
Des Herzogs Diener sind die Schenken,
O unversiegliche Brunnenader!

Die Bauern führt der Fürst zu den Bänken:
»Laßt euch's behagen, liebe Gäste,
Und werdet froh am frohen Feste;
Nur Eins allein will ich bedingen;
Ihr sinnt dem Nithart Feindesränke,
Vom Feind nimmt man nicht an Geschenke,
Drum sollt ihr auch sein Lied nicht singen;
Doch beut die Hand ihm zum Versöhnen,
Schön soll sein Lied zum Mahl euch tönen.
Ich denk', ihr thut's! Ihr mögt ihn ehren,
Sein Lied könnt' ihr doch nicht entbehren.«
Die Bauern rufen: »Ei, beim Schlingen
Ist störend, ungesund das Singen;
Ein Nithartlied ist, traun, kein Braten,
Du gibst uns bessern, es zu entrathen!
Wohlauf ans Werk, zur Arbeit frisch!«
Ich geh' zur Jagd auf den edlen Hirschen, –
Ich will den feisten Keuler pirschen, –
Ich angle nach dem glatten Fisch, –
Ich zieh' in Krieg, sieghaft zu stürmen
Die hohe Feste mit Wall und Thürmen, –
Ich will den Bach ableiten und dämmen,
Er möcht uns sonst die Flur verschwemmen!

Nicht ferne steht ein kleiner Tisch,
Doch nur für Einen Mann gedeckt,
Mit weißem Linnen überstreckt
Und reich bestellt mit Wild und Fisch,
Nur fehlt, du siehst es ohne Noth,
Der edle Wein, das heil'ge Brot.

Den Nithart führt der Fürst zur Stelle;
»Dieß sei dein Platz, mein lieber Geselle,
Froh magst des frohen Fest's du sein,
Du siehst, Wein fehlt und Brod allein;
Du spinnst den Bauern Feindesränke,
Vom Feind nimmt man nicht an Geschenke,
Der Bauern Gab' ist Brod und Wein.
Reichst du die Hände zum Versöhnen,
Mag Brod und Wein das Mahl dir krönen.
Ich denk', du thust's! Du sollst sie ehren,
Nicht kannst du ihre Gab' entbehren.«

Doch lächelnd drauf der Nithart spricht:
»O Herr, ich denk', ich thu' es nicht!
Du selbst machst hier mich zum Eremiten,
Drum nehm' ich an Einsiedlersitten;
Die Eremiten sind nicht Prasser,
Nur Wurzeln, Kräuter sind ihr Tisch,
Ihr Trunk vom Quell das klare Wasser;
Wie sie, soll Quell und Wald mich nähren,
Ein edles Würzlein ist dieser Fisch,
Hirschziemer ist ein Kräutlein frisch,
So kann ich Brod und Wein entbehren.«

Ein Fürstenmahl und Bauernmägen,
Da gibt der Herrgott seinen Segen!
Das ist ein Schlürfen dort und Schlingen,
Mit Hirsch und Eber welch ein Ringen.
Sie schrecken nicht trotz Horn und Zahn,
Und Spießer und Sau sind abgethan,
Die Felsenburg im Sturm gefallen!
Der Thatkraft ungebrochnes Schweigen
Ruht anfangs auf den Bauern allen.
Die Weinflut doch beginnt zu steigen,
Allmählich hörbar rauscht ihr Wallen.
Erst schaukelt sie gelind und wiegt
Des Liedes Kahn, gefesselt am Strand;
Dann schüttelt sie und reißt das Band,
Daß er im Strom, entkettet, fliegt!
Anhebt ein Bauer und winkt den Chören:
»Wollt liebe Mähren gern ihr hören?«
Dazwischen rauscht des Andern Baß:
»Wirth, hast du nicht ein volles Faß?«
Ein Dritter stimmt ein Lied in Diskant:
»Der Mai ist wieder in dem Land!«
Der Herzog streng ein Tüchlein schwenkt:
»Das sind des Nithart Liederreigen!
Treu euren Wort gebiet' ich Schweigen.«
An seinem Tisch der Nithart denkt:
Die Taubenzeit ist's und ihr Girren,
Ich fühle Taubenflügel schwirren! –
Des Paktes reut es fast die Bauern,
Sie schweigen mit Unlust nur und Trauern.

Jetzt auf dem Stelzfuß mit Gewicht
Erhebt sich Engelmar und spricht:
»Ein Mahl, zu dem kein Lied erscholl,
Ein Baum ist's ohne Zweig und Blatt,
Ein Thurm, der keine Glocke hat,
Ein Strom, der nimmer rauschen soll!
Doch meint so karg ihr die Natur,
Daß sie ihr Lied nur Einem vertraute?
In unsrer Brust auch liegt die Laute,
Sie klingt gewiß, berührt sie nur!
Kein fremdes Lied braucht ihr zu singen,
Laßt froh und frei das eigne klingen!
Was mit dem Aug' ich rings nur finde,
Ist's Lied und Stoff zum Liede nicht?
Wißt nur zu lesen! Ein Gedicht,
O singt es, ragt vor euch die Linde.«
Ein Bienenschwarm nach Liederseim
Umflattert jetzt den Baum ihr Sinnen;
Sie sammeln flink. Horch, sie beginnen
Und Jeder singt laut einen Reim;

»O Linde grün mit mächtigem Schaft,
Du bist die Burg der Bauerschaft!«

»Es weht von den Zinnen die grüne Fahn';
Das grüne Feld ist uns unterthan.«

»Du wurzelst tief, du wipfelst hoh,
Auf freiem Grund gedeihn wir so.«

»Der Thurmuhr Glockenspiele klingen;
Die Vöglein Tageszeiten singen!«

»Dein Laubdach wölbt die hohe Halle,
Da saßen Ahn' und Väter alle.«

»Da tauschen die Jungen Ring und Kuß,
Die Alten den Ehepakt zum Schluß.«

»Da rathen, die zu rathen haben,
Da trauern, die einen Lieben begraben.«

»O Linde, du bist uns zumal
Kapelle, Fest- und Trauersaal.«

»Dein Blühn ist fahl, dein Duft ist stark,
Schlicht unser Kleid, gesund das Mark.«

»Ein Lindenblatt ist gleich dem andern,
Gleichförmig unsre Tage wandern.«

»Als Bild in jedes Blättleins Raum
Gezeichnet ist der große Baum.«

»So meines Lebens still Geflecht,
Treu spiegelt's ab das ganze Geschlecht.«

»Die Blätter fallen; neue treiben,
Wir sinken, das Geschlecht wird bleiben!«

»So, Blatt, bist du die Chronik fahl,
Du, Baum, Archiv und Ahnensaal!«

»Da flüstern Sagen, hängen Schilder,
Da schaun auf uns die Ahnenbilder.«

»Dein Geisterrauschen uns begleitet
Und mahnt, wie das Verhängniß schreitet.«

»O Linde grün mit mächtigem Schaft,
Du bist die Burg der Bauerschaft.«

»Ein alter Reim, du karges Hirn!
Du haspelst neu den alten Zwirn.«

»Die Linde wird uns Waffenkammer,
Wahrt manche Keule, manchen Hammer.«

»Ist auch ein Hospital sogar,
Trägt tausend Beine dem Engelmar.«

»Dir ruft sie mahnend: Kauf' geschwind
Ein Wieglein für dein ledig Kind!«

»Ein Hochgericht auch ist die Linde,
O daß ich dich dran hängend finde.«

»Turnieresfürstin sei sie ernannt.
Nun ich dich schmettre in den Sand.«

Denkt Nithart: »Nun will mir's gefallen,
Ich spüre schon die Tigerkrallen.
O Geist, bald wird dein Opfer fallen!«

Des Liedes Bolzen sind verschossen!
Ein schwerer Geschütz mit ernstem Spiel
Sind Krug und Topf, und Köpfe das Ziel,
Der Tisch ist taumelnd umgestoßen,
Die Bauern wild aufeinander springen;
Der Engelmar schwingt im Gedränge
Den Fuß der Bank statt Eisenklingen,
Als ob sein eignes Bein er schwänge;
Tischlinnen muß Besiegte binden
Und Wunden als Verband umwinden.
Kampf und Geschrei nach Schlachtenart,
Zerstörung, Fluchen, wilder Schrecken! –
Des Herzogs Dienern ward's erspart,
Mit Müh' die Tafel abzudecken.
Der Nithart sang; »Du rächst mich, Lied!
Wie wenig ich die Kämpfer schied!«

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