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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Bauernkrieg.

Nithart ein Prediger.

                Herr Nithart sinnt auf Rache viel,
Mit List und Wahnwitz falscher Lehren
Will er der Bauern Hirn beschweren;
Das Bauernherz macht leicht sein Spiel.
Empfänglich wie das Ackerfeld
Ist's jeder Saat, die du bestellt.
Da wogt in schwerem Gold das Korn,
Der Lein in wellenblauer Flut,
Da flammt der Mohn wie dunkles Blut,
Da starrt der Karde fahler Dorn.
Das Saamenkorn, wenn nicht veraltet,
Schlägt Wurzel gern und schießt zur Aehre,
Kund war der Welt noch keine Lehre,
Drin nicht ein Rest von Keimkraft waltet;
Und wie, wenn milder Regen geflossen,
Erdschollen gierig die Saat verschlangen,
So reift der Herzen Grund zum Empfangen,
Wenn kühler Wein ihn lind begossen.

Ein Montagsmorgen war's, mich däucht,
Den Tag vorher gab's solchen Regen,
Die Bauern lagen an Hecken und Stegen
Wie Erdenschollen noch regenfeucht.
Horch, in der Donau ein Plätschern und Schlagen!
Ein Schwimmer rudert und springt ans Land,
Herr Nithart ist's, in dem Gewand,
Das Schwimmer trugen seit ält'sten Tagen.

So spricht er zu den Bauern am Strand:
»Das Paradies ist wiederkommen,
Und Krieg dem Feigenblatt entglommen!
Der Ritter kauft dem Knecht Livrein
Nach eigner Wahl Zwilch oder Seide;
Meint ihr zu arm des Herrgotts Schrein,
Daß, wollt' er's, er in Watt' euch kleide?
Bär wird in der Wildschur geboren,
Pfau springt aus dem Ei im Hofgeschmeide,
Der Hahn mit Helm, Goldwamms und Sporen,
Im weißen Chorhemd die fromme Taube;
Sprangt aus dem Mutterleib ihr Thoren
Mit Schuh und Mantel, Gugel und Schaube?
Drum laßt uns tragen Adams Kleider,
Bevor er die selt'ne Ernte hatt'
Vom Apfelbaum ein Feigenblatt,
Bevor er ward der erste Schneider.
Wir büßen nimmer an seiner Statt!
Sein Blättlein dennoch reckte die Zeit
Zum faltigen Mantel, zum farbigen Kleid,
Blattrippen sind die Gürtel, die Spangen,
Und Knospen die Schellen, so dran hangen;
Schier ward's zum Feigenhaine bald,
Als hätt'st du verschluckt den Apfelwald!
Da Brüder ihr der Sünden frei,
Werft ab der Sünde Liverei!
Ruft lauten Rufs: »»Wir Adamiten,
Wir kommen durchs Paradies geschritten!«« –
Schon fällt ein Rock hier, dort ein Kragen,
Nur Einer hat sich noch bedacht;
»Wohlfeil und leicht ist deine Tracht,
Nur etwas kühl in Wintertagen!«
»»O Närrchen, ist's nicht Sommer klar,
Nun ich der Unschuld Kleid verkündigt?
Wird's kälter einst, wie leicht ersündigt
Ist dir ein Wamms, ein Pelz sogar!««
Das Wort flog hin wie Herbststurms Wallen,
Der macht die Blätter alle fallen.

Nithart schleicht fort zur Brombeerhecke,
Nimmt dort sein Kleid aus dem Verstecke,
Entblößt nur läßt er seinen Rücken,
Der Beeren Saft darauf zu drücken,
Daß er geröthet scheint zu bluten!
Dann schneidet er vom Strauche Ruthen.
Die Flanken streichend mit linden Schlägen,
Tritt er der nächsten Schaar entgegen:

»Herbei zur großen Geißelfahrt,
Die kund im Himmelsbrief uns ward,
Geschrieben auf rothen Marmelstein,
Die Fackel hält ein Engel zart,
Ein Blitzstrahl ist der Kerzenschein!
Nicht Wasser, das Wolf und Eber sauft,
Das Blut, das eigne Blut nur tauft;
Liebt Gott der Herr das Wasser? Nein!
Drum wandelt' er's in Kana's Keller
Zu Rothwein einst, zu Muskateller.
Noch fester als in eurer Haut
Steckt ihr in Sünden, – die zerhaut!
Der Mensch ist eine Garbe des Herrn,
Drum, Freund, den Flegel tüchtig schwinge,
Daß aus der Aehrenhülse springe
Des Heiles Korn, der inn're Kern!
Schlag' selber dich, eh' Gott dich schlage,
Klag' selbst dich an, eh' dir's entnage
Die Folterbank am jüngsten Tage!
Das sünd'ge Glied beschäm' und ächte!
Die linke Hand du Dieb ausstrecke,
Du Mörder und Räuber deine Rechte,
Du Lügner deine Zunge recke,
Des Meineids Finger luftwärts steige,
Daß jeder Teufel sein Wappen zeige!
Ihr sollt von Haseln und von Weiden
Die grünen Zweige zu Ruthen schneiden,
Dann singt und schlagt den Takt mit Kraft;
»»Wir sind die Geißelbruderschaft,
Zu frommer Bußfahrt aufgerafft!««
Nehmt Kreuze roth auf Hut und Band,
Kirchfahnen nehmt und Kerzen zur Hand!« –
Die Predigt fand nicht Mißbehagen;
Der denkt: »Ich mag die Bußfahrt wagen!
Der volle Gurt, der mir verschwand,
Ob Jürg wohl streckt die linke Hand?«
Der denkt: »Wohlauf, nun wird mir's tagen,
Ob Nachbar Jobst mein Weibchen küßte?
Wie der die Lippen spitzen müßte!«
Nur Einer fragt, er liebt das Fragen:
»Was spracht ihr dort vom Muskateller?«
»»Den findet ihr im Herzogskeller;
Des Thrones Schutz reift erst die Lehren,
Drum zieht, den Herzog zu bekehren!««
Da ward es Allen klar geschwind,
Was sie für arge Sünder sind,
Da sprangen sie zu Birken und Weiden,
Die Zweige sich zu Ruthen zu schneiden.

Sie wallen fort. Nithart verschwand,
Doch kehrt er bald im Mönchsgewand,
Die Kutte braun zu Fersen ihm wallt,
Ein hänfner Strick den Leib umschnallt,
Aus der Kapuz', aufs Haupt geduckt,
Sein Aeugleinpaar gar listig guckt,
Ein Wäglein rasselt hinterher
Von braunen Lodenkutten schwer,
Die Zügel lenkt vom Sitz ein dreister
Bartscherer, des Gespannes Meister.
Jetzt halten sie auf grünem Plan;
Von Bauern liegt dort eine Schaar,
Mit Sonntagskleidern angethan,
In ihrer Mitten Engelmar,
Im Zauberbann der Johannisminne,
In tiefem Schlaf, bar aller Sinne.
Nithart löst ihre Kleider ganz
Und steckt sie flink in Klostertracht,
Dann birgt er ihre Waffen sacht,
Gibt Strick dafür und Rosenkranz.
»Nun, Bischof, nun beginnt die Weihe!«
Die Stirnen all zu Glatzen mäht
Nitharts Geselle nach der Reihe,
Bis an den Schläfen ein Kranz nur steht.
Dann legt sich Nithart zu den Pfaffen:
Ob sie sich bald dem Schlaf entraffen?

Der Erst' erwacht der Engelmar,
Halbwach sieht er den braunen Talar
Greift rasch ans Haupt, ihm schnellt's die Hand,
Als steh' die Glatz in hellem Brand:
»Weh' mir, ich bin ein Pfaff geworden,
Muß Buße thun in strengem Orden!«
Ein Andrer sprach: »Amt muß ich singen!
Die Leitkuh hört' im Traum ich läuten;
Den Glockenruf kann ich nun deuten
Und frommes Melken, Wedelschwingen!«
Den Dritten freut der kahle Scheitel:
»Zu Trotz der Käthe welch ein Schwang,
Fährt sie nach meinem Schopf im Zank!«
Ein Vierter lallt: »O all ist eitel!
Mir träumt', ich sang Schelmlieder frei,
Doch waren's Mönchsgelübde drei!«
Ein Fünfter sprach: »Arm will ich sein
An Müh' und Arbeit', Sorg' und Pein!«
Ein Sechster rief; »Gehorsam sein
Gelob' ich dem schönen Glockenschalle,
Dem Ruf in Refektoriums Halle.«
Ein Andrer: »Keusch bleib ich im Chor,
Bei Prim' und Non' in Takt und Maß;
Doch Prim der Nonne wäre baß!«
Nithart droht mit dem Finger empor,
Doch tröstet er mit mildem Laute;
»Etsi non caste, tamen caute!«
»Der Nithart hier!« ein Andrer schreit,
»Wie kommt der Schelm ins heil'ge Kleid?«
Er spricht; »Wie ihr, bereu' ich Sünden,
Wie ihr, muß ich das Wort verkünden.
Die schwerste Buß' ist mir geworden;
Der Abt zu sein in eurem Orden!
Jetzt zieht, den Herzog zu bekehren,
Des Hofes Sonne reif' uns die Aehren!
Voraus zum Fürsten geh' ich schnelle,
Zu flehn um Kloster und Kapelle.«
Nithart tritt in den Fürstensaal,
Verneigend sich im Mönchsgewand,
Und führt an des Balkones Rand
Den Fürsten und die Dienerzahl.
»Ich bin ein würd'ger Abt geworden,
Gestiftet hab' ich neuen Orden;
Der Bauern Trotz hab' ich geschmeidigt,
Selbst strafen sich, die mich beleidigt.«

Hei, auf der Brücke vor dem Thor
Welch irr Geschrei, welch bunt Gedränge!
Die Mönche stimmen an den Chor,
Ein wirres Ton- und Wortgemenge,
Diskant und Baß, nun Kyrie,
Nun Libera nos domine,
Dabei manch Klang vom Krug und Pflug!
Es lenkt der Engelmar den Zug
Als Prior, doch mit Hott und He!
Drein prasselt wie ein Sommerregen
Der Fall und Schall von Geißelschlägen,
Das singt und schlägt den Takt mit Kraft:
»Wir sind die Geißelbruderschaft,
Zur großen Betfahrt aufgerafft!«
Mönchchor und Geißlerschaar sich mengt.
Auf sie die dritte Rotte drängt
Im Unschuldskleid nach Edens Schnitte,
– Der Frauen Aug' senkt sich mit Sitte, –
Laut schallt ihr Sang; »Wir Adamiten,
Wir kommen durchs Paradies geschritten!«
Das tost und drängt und kreischt, o Gräuel,
Ein unentwirrbar wilder Knäuel!

Bang seufzt der Fürst: »Was wird nun draus?«
Nithart ruft vom Balkon wie aus Wolken:
»Die Kühe sind noch ungemolken!«
Da löst entwirrend sich der Strauß.
»Herr, Bauern werden wieder draus.«

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