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Pfaff vom Kahlenberg

Anastasius Grün: Pfaff vom Kahlenberg - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitlePfaff vom Kahlenberg
authorAnastasius Grün
year1877
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titlePfaff vom Kahlenberg
created20040630
sendergerd.bouillon
firstpub1850
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Das erste Veilchen

              Durch Auen der Donau schritt und sann
Herr Nithart, Herzog Ottens Mann;
Ein süßer Dichter, der weit im Gau
Ausfliegen läßt die Liederschwärme,
Wie Lerchen, schimmernd vom Frühlingsthau,
Wie Bienlein, tragend Honig der Au,
Doch auch den Stachel, der Manchen härme;
Nur grünen Mai in wonnigem Reihen
Singt er allimmer und allerwärts,
Doch schmeichelt sein Lied in Seelen sich ein,
Denn ewig jung sind Lenz und Herz;
Nachsingt es zur Harfe Fräulein und Ritter,
Zur Sichel und Sense johlt es der Schnitter.
O Liedesgabe, ins ärmste Haus
Trägst du Feldblumen zum Fensterstrauß,
Du hängst in die öde Fürstenhall'
Das Bauer der schmetternden Nachtigall! –
Zeit war's des Märzen, des Täufers Tage,
Der Frühlings, des Heilands, Kommen kündet;
Noch ruht Erwarten über dem Hage,
Die Opfergluth wird erst entzündet,
Nur Spitzen keimen der wogenden Halme,
Nur Knospen lauschen der flammenden Blüthe,
Vorklänge nur zwitschern rauschender Psalme,
Vorahnung der Lust erwacht im Gemüthe,
Wie harrende Kinder nur mit Zagen
Zum Glanz des Weihnachtsbaums sich wagen.
Natur gleicht noch der Maid, die vom Kinde
Zur blühenden Jungfrau reifend gedeiht;
Das Herz pocht, schwankend, was es empfinde.
Der Blick glüht tiefer in Wonn' und Leid,
Die Brüstlein knospen, die Wangen erröthen,
Die Lippen schwellen, die Worte flöten;
Genuß steht fern in heiligem Bann,
Vorahnend nur Seligkeit dem Mann,
Dem ganz der Liebesmai einst glüht,
Wenn dieser Mund im Kuß aufblüht,
Ihn dieser Arme Ranken umschlingen,
Ihm diese Lippen Liebe singen,
Und Herz in Herz zusammensprüht!

In Nitharts Seele so gaukeln und schwanken
Die Liederkeime, junge Gedanken,
Feldblumen sind's, die er pflückte kaum,
Doch sucht er noch das verschlingende Band,
Die Küchlein der Vögel sind's, noch im Flaum,
Die er einst fliegen läßt durchs Land.

O süße Störung, lieblicher Fund,
Das erste Veilchen im grünen Grund.

Nithart aufs Knie sich niederließ,
Nahm flink vom Haupt den Federhut,
Und zu dem Veilchen sprach er dieß:
»O schönes Herrlein, willkommen gut!
Du lieblichster Bote des mächtigsten Herrn,
Ich kenne dein blaues Barett mit dem Stern,
Den grünen Stab, der stützend dich wiegt,
Den Wappenrock, der grün dich umschmiegt,
Grün tragen die irrenden Ritter gern!
Lenzherold, willkommen in diesem Land!
Das schöne Oestreich ist sein Name,
Hier herrschen zwei Brüder mit milder Hand;
Der Ein' ist Albrecht der Weise genannt.
Doch öfter heißt er Albrecht der Lahme,
Ans krumme Bein viel lieber glaubt
Die Welt, als ans gesunde Haupt;
Der Andre Otto, der frohe Geselle,
Verschönt den Fürstenhut mit der Schelle.
So hat er mir, dem Diener, entboten;
»Zieh hin und suche des Frühlings Boten!
Vom Lenz trag' ich zu Lehn mein Land,
Er selbst den Lehnbrief zierlich schrieb
Auf grünem Grund, der dem Auge lieb,
Vollmond hängt als Sigill am Rand,
Die Initialen sind Morgenröthen,
Die Lettern geschwungne Blumendolden,
Die Interpunctionen Sterne golden,
Das lies't sich so lieblich, als klängen Flöten;
Drin steht: »Wie ich die Wälder und Hecken,
Sollst du dein Volk zum Blühen wecken,
Die Nebel scheuchen, die Eise sprengen,
Die sein erwachend Herz noch engen,
Des Geistes Saaten reifen und hüten,
Mit Kränzen weckend neue Blüthen;
So grüne, glänze maiengleich
Das Frühlingseigen Oesterreich!«
Nicht ziemt sich's, zieht ein Kaiser die Straße,
Daß unbegrüßt sein Vasall ihn lasse;
Nun König Lenz mein Land durchwallt
Mit Hof und Kammer und Heeresbann,
Wer zeigt mir seines Zeltes Halt,
Daß schuld'gen Gruß ich bieten kann?
Wer lehrt mich, wie ich den Herren finde
Inmitten dem prächtigen Hofgesinde?
Hier, dort und überall erschien er,
Und mein' ich, er sei's, ist's doch nur sein Diener.
Drum was wir dem Herrn nicht bieten können,
Das wollen wir seinem Gesandten gönnen,
In Sammt und Purpur ihn empfangen,
Als käme der König selbst gegangen.
Truchseß und Schenk soll ihm kredenzen,
Ihm dienen Marschall und Kämmerlinge,
Die Ritter neigen vor ihm die Klinge,
In weißem Gewand ihn Jungfraun kränzen;
Mit Cimbeln und Harfen, mit Flöten und Geigen
Umschling', umkling' ihn wonniger Reigen!
Nun, schönes Herrlein, rastet aus,
Geduldet hier im Gesandtenhaus,
Von dessen Zinnen gar wohlgemuth
Im Banner die Landesfarben wehn.«
Das Veilchen bedeckt er mit seinem Hut,
Drauf weiß und roth die Federn stehn.
Dann eilt er fort auf flüchtigen Sohlen,
Den Fürsten und seinen Hof zu holen.

Da kommen Bauern des Weg's geschritten,
Den Lenz auch feiernd nach ihren Sitten.
Der Ein' erkennt Herrn Nitharts Hut,
Lüpft ihn und späht, was drunter ruht?
»Ein Veilchen nur! Wie unverdrossen
Herrn Nitharts Hirn in Kinderpossen!«
Da drängt sich durch die Schaar ein Bauer,
Der Engelmar aus Zeiselmauer,
Ungleichen Schrittes wallt er drein,
Ein Stelzfuß ist sein rechtes Bein,
Doch tritt er fest und trägt mit Stolz
Des hölzernen Schlachtfelds Narbe von Holz,
Gedenk des heißen Tags im Krug,
Draus man ihn wund, doch siegreich trug.
Sein derber Geist ist ein Gemenge
Von frischer Schalkheit und herber Strenge,
Gleichwie das Dunkel seiner Locken
Manch weiße Jenseitsblüthe färbt,
Und scharfe Furchen sich eingekerbt
In seiner Wangen feist Frohlocken.
Sein Haupt bedeckt ein Gugelhut,
Am Wanst ihm hängt ein Degen gut,
Noch trugen die Bauern Waff' und Wehren;
Sie lernten's von den gestachelten Aehren,
Sie lernten's von den Bienen klein,
Gewaffnet für süßen Reichthum sein.
Ihr armen Bienen, sie nahmen euch
Den Stachel mit dem Honig zugleich!
Er sprach: »Kein Kinderspiel um Flitter,
Es ist ein keck Besitzergreifen,
Denn ungehemmt will Fürst und Ritter
Und Pfaff durch unser Eigen schweifen!
Ein zartes Spitzlein nur hat der Keil,
Doch weh, ist das in den Stamm gedrungen!
Das Werk der Zerklüftung, halbgelungen,
Vollenden Hammer, Säg' und Beil.
Heut ist ein Veilchen nur die Beute,
Doch morgen ist's der Fisch im See,
Das Wild im Forst, des Lämmleins Schnee,
Der Dirne Kranz und Hof und Leute,
Der Hände Schaffen, des Herzens Glaube,
Ein Sterbekittel bleibt uns zum Modern!
Drum wehrt des Keiles Eindrang heute,
Daß euch die Zeit nicht Alles raube,
Daß nicht, wenn später heim wir's fodern,
Die Kronen wanken, die Burgen lodern!
Des Ritters ist der Waffensaal,
Des Fürsten der Pergamentenbund,
Des Pfaffen ist Brevier und Pokal,
Des freien Bauers der freie Grund!
Der Lenz, kein Traumspiel unsrem Geist,
Ist uns ein wahrer, heiliger Glaube,
Der reichen Lohn den Mühen verheißt
Und sich erfüllt in Korn und Traube,
Der im Entbehren, Dulden uns stärke
Durch stilles Hoffen und gute Werke.
Ein Priester, predigend seine Lehre,
Ist jede Blüthe, jede Aehre;
Dieß Veilchen, ich erkenn's am Barette,
Trägt eines Kirchenfürsten Ehre,
Denn Bischofsfarb' ist die violette.
Wir lösen's aus dem Kerkerverließ,
In dessen Nacht es Nithart stieß.
Wie auf dem Thurm das Kreuz, so prange
Es licht und frei auf hoher Stange,
Begrüßt vom flötenden Hirtenrohr,
Umkreist vom blühenden Dirnenchor,
Sackpfeif' und Schalmei, Hackbrett und Geigen
Umschling' es, umkling' es in wonnigem Reigen!«

Soll Hoffest sein der Lenzbeginn,
Sei er's am Bauers-, nicht Herzogshofe,
Die Märzensonn' ist keine Zofe,
Nein, wangenrothe Bäuerin,
Die fleißig die goldene Spindel dreht
Und Futter streut und Saaten sä't.

Fort mit dem Veilchen zog die Menge,
Ein Bauer blieb am Ort allein;
Weh, daß kein Menschenkreis so klein,
In den der Frevler sich nicht dränge,
Wie Diebslist in das Jahrmarktfest,
Ins Lustturnier des Unfalls Tücke!
Er hob den Hut und ließ zurücke,
Was sich nicht singen und sagen läßt.

Nithart kehrt wieder mit dem Hofe,
Mit Ritter und Geiger, Knapp' und Zofe,
Sie reihen sich um den Hut im Kreis;
Der Herzog übermurmelt leis
Den Spruch, den Nithart ihm ersann,
Der Wonne froh, daß bald sein Laut
Im Fürstenmund das Volk erbaut.
»O du,« Fürst Otto jetzt begann,
Doch spricht er nicht der Rede Rest,
Denn Nithart hebt den Hut und schaut,
Was sich nicht singen und sagen läßt.

Es schnellt ihn auf wie Stahleskraft,
Er reckt sich hoch wie Speeresschaft,
Sein Degen klirrt, als lechzt' er Fehde,
Echo des Schwerts ist seine Rede:
»Gemeinheit, ekle Spinnenbrut,
Den goldnen Opferkelch umwebend,
Du Straßenstaub, mit Juwelenmuth
Als Saum an Purpurschleppen klebend,
Mehlthau, der alles Blühen schreckt,
Rostmal, das blankste Panzer fleckt!«

Indeß so seine Worte klirren,
Vernimmt er fern ein liebliches Schwirren,
Die Veilchenstang', er sieht sie gut,
Trägt Engelmar mit dem Gugelhut,
Sackpfeif' und Schalmei, Hackbrett und Geigen
Umschlingen, umklingen den Bauernreigen.

»Dir, Dieb und Schänder, und euch, ihr Thoren,
Sei feurige Rache zugeschworen!
Nennt, wenn ihr Nithart den Sänger meint,
Jetzt Nithart nur den Bauernfeind.
Rächt, Tributäre der Natur,
Die Schmach, die Einer aus euch erfuhr,
Mordbrenner werde, gütige Sonne,
Seng' ihre Saat, schlürf' ihre Bronne,
Dann praßle nieder, Sündfluthregen,
Was übrig blieb, noch wegzufegen;
Sperlinge, verdoppelt die Sperlingsart,
Verschlingt, was Scheuer und Tenne spart!
Weil Blüthen sie lieben, blüh' im Korn
Der Fuchsschwanz ihnen, Distel und Dorn;
Heuschrecken, seid die Falter der Au,
Ihr Hagelschloßen, seid Morgenthau!
Ja, Engelmar, weil zum Entzücken
Du liebst das schöne Veilchenblau,
Will eine ganze Veilchenau
Ich pflanzen auf deinen breiten Rücken!«

Herr Nithart springt auf die Bauernschaar,
Zur Wehre greift der Engelmar,
Es schweigt die Schalmei, es stocken die Geigen,
Ein Kranz, der riß, zerstäubt der Reigen,
Der Taktschlag nur noch munter saust!
Das ist ein Gedräng', ein irr Gewühle!
O Nithart mit dem weichen Gefühle,
Was führst du so derbe, harte Faust!

Herr Nithart ist als Sieger gekehrt,
Das Veilchen stolz auf langer Stangen,
Vom Herzog wird's in Purpur empfangen,
Die Ritter neigen zum Grund ihr Schwert,
Von Cimbeln und Harfen, von Flöten und Geigen
Umschlingt es, umklingt es ein wonniger Reigen.

Ein Hoffest ward der Lenzbeginn
Am Herzogs-, nicht am Bauershofe,
Märzsonn' ist keine Bäuerin,
Sie ward zur anmutreichen Zofe,
Die glänzend in goldnem Kleide geht
Und spielend den Flammenspiegel dreht.

Der Kampf, der um ein Blümlein heute
Unblut'ge Wunden, Beulen geschlagen,
Er schlägt um reichere, größ're Beute
Einst Wunden, die nicht zu heilen wagen;
Sie werden heim die Beute fodern,
Dann wanken Kronen, Burgen lodern!
Das Lied doch greift nicht vor den Zeiten,
Es darf noch durch die Blumen schreiten.

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